Die Asche in ihm
Band 2
Elina Wörmann
Impressum © 2025 Elina Wörmann
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Content Notes
Trauma (durch psychische und physische Gewalt),
Selbstverletzung und selbstverletzendes Verhalten,
Angststörungen und Panikattacken,
Tötung von Menschen
Drei Monate zuvor
Yukon ließ sich in den Fahrersitz des schwarzen Golf GTI sinken, während er beobachtete, wie Samuel das Café betrat. Er würde es hinbekommen, da war Yukon sich sicher. Trotzdem war er ähnlich nervös wie sein Freund. Immerhin würden die ganzen Lügen auch auf ihn kein gutes Licht werfen. Insbesondere Blake und Luna wären maßlos enttäuscht und über Lian wollte er gar nicht erst nachdenken. Sein bisheriges Leben glitt ihm aus den Fingern und er konnte nichts dagegen tun. Einzig und allein, weil er Samuel seine Entscheidung nicht absprechen konnte. Oder wollte. Oder beides.
Er wartete zwei Minuten, bevor er das Handschuhfach öffnete und ein Taschenbuch herauszog. Es war zu spät, um sich darüber zu ärgern und zu früh, um sich ernsthafte Sorgen über die Zukunft zu machen. Also würde er lesen, bis Samuel zu ihm zurückkehrte. Ein Hobby, dem er schon lange nicht mehr nachgegangen war. Doch noch bevor er die erste Seite von Samuels Buch öffnen konnte, sah er, wie Lian aus dem Café stürmte. Dicht gefolgt von Aska, die sichtlich Probleme hatte, mit ihrem Bruder Schritt zu halten.
Yukon sah den Geschwistern nach. Dahin war sein Vorsatz, seine Leidenschaft von damals wieder aufleben zu lassen. Stattdessen öffnete er die Tür des Wagens und stieg aus – entgegen seinem Versprechen, auf Samuel zu warten.
Bevor er den Geschwistern folgte, trat er jedoch an die Scheibe des Cafés heran und vergewisserte sich, dass die anderen Samuels Auftritt besser weggesteckt hatten. Erst als er seinen Freund neben Elias an einem der Tische sitzen sah, wandte Yukon sich endgültig ab.
Lian und Aska gingen geradewegs in die Innenstadt. Yukon konnte ihr Gespräch auf die Distanz nicht hören, allerdings sehr gut beobachten, wie Aska versuchte, auf ihren Bruder einzureden. Dieser hingegen blockte jeden ihrer Versuche ab.
Ein wenig konnte Yukon ihn verstehen. Wenn er jemals geliebt und diese Liebe auf solche Weise verloren hätte, dann würde er wahrscheinlich ähnlich reagieren. Es ärgerte ihn lediglich, dass Lian sein Gefühlschaos an Aska ausließ, die nichts mit der ganzen Sache zu tun hatte.Umso wichtiger war es für ihn, die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich zu klären. Auch damit Lian nicht die Zeit hatte, sich auf seine Gefühle zu versteifen.
»Lian!«, rief Yukon den Geschwistern hinterher, als diese ein Parkhaus erreichten. »Bitte warte kurz.«
Eigentlich hatte er erst am Auto mit ihnen sprechen wollen, aber die Angst, sie könnten ihm vor der Nase wegfahren, war zu groß. Und bis nach Hause konnte er ihnen nicht folgen, solange er nicht wusste, wie lange Samuel in dem Café bleiben würde.
»Warum sollte ich?«, fuhr Lian ihn an, als er sich zu ihm umdrehte.
Wie angewurzelt blieb Yukon stehen. Er hatte nicht damit gerechnet, sofort die geballte Wut des Blonden abzubekommen, und auch einige Passanten schienen überrascht von der Lautstärke ihres Gesprächs, denn sie drehten sich neugierig zu ihnen um. Augenblicklich wünschte Yukon sich, er wäre doch erst näher an die Geschwister herangekommen.
»Lass es mich erklären«, sagte er, trotz seines aufkommenden Schamgefühls. Aufmerksamkeit dieser Art war nicht sein Ding.
»Es gibt nichts zu erklären!«, blaffte Lian zu seinem Leidwesen zurück. »Ihr habt mich belogen, alle beide! Dabei hätte ich gerade von euch Besseres erwartet.«
Yukon ließ die Schultern sinken.
Dann wusste Lian bereits, dass er mit drinsteckte. Er hatte gehofft, dass der Blonde diese Verbindung noch nicht gezogen hatte, aber vielleicht war es zu offensichtlich gewesen. Spätestens jetzt, weil er ihnen gefolgt war und nicht Samuel.
»Denkst du nicht, dass wir eine vernünftige Erklärung gibt?« Yukon hatte den Abstand zwischen ihnen um ein paar Schritte verringert und konnte endlich in normaler Lautstärke sprechen.
Lian schüttelte voller Verachtung den Kopf. »Verschwinde einfach.« Er wandte sich ab. Dabei entgingen Yukon nicht die Tränen, die in seinen braunen Augen schimmerten.
Er schaute zu Aska, die schweigend an der Seite ihres Bruders stand und ihm nun einen entschuldigenden Blick zuwarf.
»Schon okay«, flüsterte Yukon. Zwar glaubte er nicht, dass Aska seine Worte hören konnte. Aber das brauchte sie auch nicht. Es war nicht ihre Schuld, dass Lian sich derart abweisend verhielt, sondern allein seine.
Zwei Tage lang wartete Yukon darauf, dass irgendetwas passiert. Samuel war längst abgereist und hatte nichts mehr von sich hören lassen, außer dass er gut angekommen war. Normalerweise würde Yukon sich nichts dabei denken, aber dieses Mal zerfraßen seine Gefühle ihn. Zum einen, weil die Schuld ihn keine Sekunde in Ruhe ließ und zum anderen, weil die Einsamkeit kein Ende nehmen wollte.
In den vergangenen Jahren war Yukon nie mehr als ein paar Tage allein gewesen. Immer hatte er gewusst, dass er bald wieder jemanden an seiner Seite haben würde, doch dieses Mal war es anders. Samuel kam nicht zurück und ohne ihn war die Wohnung, in der sie gemeinsam gelebt hatten, leer.
Blake und Luna, die sich einen Tag nach dem Treffen im Café selbst auf eine Runde Pizza einluden, änderten daran wenig. Ihnen gegenüber fühlte Yukon sich am schlechtesten, obwohl zumindest Luna ihm mehr Verständnis entgegenbrachte, als er verdiente.
Sie und Blake waren die einzigen Personen, die von seiner und Samuels finsteren Vergangenheit wussten, und in der ganzen Zeit, in der Samuel Kilian gewesen war, hatte Yukon gewünscht, sie einweihen zu können. Es hatte geschmerzt, sie trauern zu sehen, während er haargenau gewusst hatte, wo Samuel in dem Moment gewesen und wie es ihm ergangen war. Genauso hatte es weh getan, Samuel über das Leben seiner Freunde auf dem Laufenden zu halten, während sie absolut nichts über seines wissen durften.
Es war ein Zwiespalt, den er nicht ertragen hatte und immer noch nicht ertrug. Umso erleichterter war er, als am Morgen des dritten Tages das Telefon klingelte.
»Du kannst vorbeikommen«, hatte Lian gesagt und nach diesem Satz direkt wieder aufgelegt.
Yukon, der eigentlich auf dem Weg zur Arbeit gewesen war, hatte keine zweite Einladung benötigt. Er hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und war zu Lian gefahren. So kam es, dass er nun vor der Tür des Mehrfamilienhauses stand und die Klingel betätigte.
Es dauerte einen Moment, bis das Surren des Öffners ertönte. Nervös umschlossen seine Finger die braune Brötchentüte, dann betrat er das Haus. Auf dem Weg hierher hatte er sich dazu entschieden, Frühstück mitzubringen. Als kleine Geste der Entschuldigung, auch wenn ein paar Brötchen niemals ausreichen würden, um wiedergutzumachen, was er angerichtet hatte.
»Komm rein«, sagte Lian kühl, kaum dass Yukon die letzten Stufen der Treppe hinter sich gebracht hatte.
Er schloss die Tür und folgte dem Blonden ins Wohnzimmer. Er hätte gerne mehr Zeit gehabt, die Wohnung seines ehemaligen Bruders anzuschauen, doch es war ihm nicht gegönnt. Stattdessen entdeckte er Aska, die im Wohnzimmer in einem alten Sessel kauerte und ihm schüchtern entgegenlächelte. »Hallo«, begrüßte sie ihn.
»Hey«, antwortete Yukon. Viel mehr sagen konnte er nicht. Lian hatte sich auf das Sofa fallen lassen und sah erwartungsvoll zu ihm auf. »Los. Rede.«
Yukon schluckte. Er legte die Tüte auf den Tresen und setzte sich auf einen der beiden Barhocker. Unwissend, wo er seine Geschichte beginnen sollte, obwohl er sich mehr als genug Gedanken darüber gemacht hatte.
»Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen«, setzte er an und bemerkte anhand von Lians hochgezogener Augenbraue, dass er nicht die besten Worte für den Einstieg gewählt hatte. Kurz dachte er darüber nach, die Schuld von sich zu schieben und Lian zu erklären, dass er ja nicht gewusst hatte, dass Samuel und er zusammen gewesen waren. Um dies zu tun, müsste er allerdings ein gewaltiges Arschloch sein. Und feige obendrein. Ganz zu schweigen davon, dass damit niemandem geholfen wäre.
»Samuel war krank, wie du weißt«, startete er also von vorne. »Wir kennen uns schon länger. Damals habe ich oft versucht, ihn zu einer Therapie zu überreden, aber er wollte nicht. Die Dinge, vor denen er Angst hatte, waren für ihn zu real.«
»Danke, aber das weiß ich«, unterbrach Lian ihn.
Beinahe war Yukon froh darüber.
Lügen. Seine Worte waren alles Lügen.
Er hasste es, aber er konnte nicht anders. Er hatte sich mit Blake, Luna und Samuel darauf geeinigt, Lian nicht einzuweihen und deswegen konnte er nicht die Wahrheit sagen.
Er räusperte sich. »Worauf ich hinauswill, ist, dass die Sache mit dem Suizid meine Idee war. Ich habe Samuel eingeredet, dass ihn niemand finden kann, wenn alle denken, er wäre tot. Eingeschlossen die Leute, vor denen er Angst hatte. Ich weiß, dass es eine dumme Idee war, aber nachdem ich ihm davon erzählt habe, konnte ich ihn nicht mehr davon abbringen. Die Alternative wäre gewesen, dass er sich wirklich umbringt. Also was hätte ich tun sollen?«
»Und du hast dir keine Gedanken darüber gemacht, was das für sein Umfeld bedeuten könnte?«
Yukon zuckte ein wenig hilflos mit den Schultern. »Ich habe wahrscheinlich eine andere Einstellung zum Tod als ihr.« Die erste richtige Wahrheit an diesem Morgen. »Natürlich ist es grausam, aber irgendwann wären alle darüber hinweg gewesen. Es war nicht geplant, dass ihr einander wiederseht.«
Lian schnaubte verächtlich.
»Ich habe ihm nur helfen wollen.«
»Hat es wenigstens funktioniert?«
»Ja. Ich hatte ihn an einem Ort untergebracht, an dem er professionelle Hilfe bekommen konnte. Es geht ihm besser. Darum wollte er zurückkommen. Er hat eingesehen, dass er einen Fehler gemacht hat.«
»Das ist schön für ihn.« Lian stand auf. »Ich verzeihe dir, weil ich weiß, wie verkorkst du aufgewachsen bist. Aber von ihm will ich kein Wort mehr hören.«
Yukon fuhr sich über seine vernarbten Arme. Lians Worte bereiteten ihm Gänsehaut. Davon abgesehen war es nicht fair, dass er seine Entschuldigung annahm, aber Samuels nicht einmal anhörte. Aska schien das genauso zu sehen, denn sie öffnete kurz den Mund, um etwas zu sagen, besann sich dann jedoch eines Besseren. Wie Yukon, der seinen Gedanken gerne ausgesprochen hätte. Sie beide waren nicht bereit, noch mehr von Lians Zorn auf sich zu ziehen.
Zwei Stunden später klopfte Yukon an Askas Zimmertür. Sie hatten gefrühstückt, sich währenddessen überraschend normal unterhalten und irgendwann war das Mädchen gegangen, um weiter für ihre bevorstehenden Abschlussprüfungen zu lernen. Yukon hatte sie eigentlich in Ruhe lassen wollen, aber sich von ihr zu verabschieden, war die perfekte Möglichkeit, um kurz über etwas anderes zu sprechen. Etwas, das definitiv nicht für Lians Ohren bestimmt war.
»Hast du Zeit?«, fragte Yukon, als er das Zimmer betreten und die Tür hinter sich geschlossen hatte.
»Klar.« Voller Neugier drehte Aska sich zu ihm um. Offenbar war alles spannender, als die Übungsaufgaben auf ihrem Schreibtisch.
Yukon vergewisserte sich, dass die Tür auch wirklich zu war, bevor er seine Aufmerksamkeit Aska widmete.
»Ich war vorhin nicht ganz ehrlich mit euch«, gestand er. Froh, wenigstens einer Person endlich die Wahrheit sagen zu können.
Irritiert zog Aska die Augenbrauen zusammen.
»Du weißt, was deiner Freundin passiert ist, oder?«
»Sie wurde entführt.«
»Nein, ich meine den Grund dafür.«
Ganz langsam schüttelte Aska den Kopf. »Ich glaube, ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.«
Yukon seufzte. Er machte ein paar Schritte durch den Raum und ließ sich auf ihr Bett sinken. »Ihre Anima. Du weißt davon, oder?«
»Anima?« Ein nervöses Lächeln zierte Askas Lippen. Sie schauspielerte miserabel, trotzdem hätte Yukon vor Stolz platzen können, weil sie wenigstens versuchte, ihr Wissen vor ihm zu verbergen.
»Mir musst du nichts vormachen. Ich weiß, dass du eine hast.«
Aska nahm die Hand von ihrem Schreibtisch und legte sie zu der anderen in ihren Schoß.
»Was hat Keira mit Samuel zu tun?«, fragte sie und Yukon war erleichtert darüber, dass sie nicht versuchte, ihre gefälschte Unwissenheit weiter aufrechtzuerhalten.
»Samuels Ängste kamen nicht von ungefähr. Er hat Ähnliches erlebt wie deine Freundin.«
Askas Augen weiteten sich. »Du meinst, er wurde auch entführt?«
Yukon nickte. »Von denselben Leuten. In Samuel hat schon immer viel Potenzial gesteckt. Im Gegensatz zu Keira wollten die Entführer ihn nicht gehen lassen. Er ist abgehauen und sie sind bis heute hinter ihm her.«
Je weiter Yukon sprach, desto größer wurden Askas Augen. »Aber …«, stammelte sie, nur um gleich darauf ihre Gedanken neu zu ordnen.
»Wenn wir mehr Zeit haben, erkläre ich es dir gerne genauer«, unterbrach Yukon, bevor sie weitersprechen konnte. »Ich wollte nur darauf hinaus, dass du lernen musst, mit deinen Kräften umzugehen. Besonders jetzt, seit deine Freundin bei ihnen war.«
»Aber wie soll ich das schaffen?«
»Ich kenne einen Ort. Wir brauchen allerdings Lians Zustimmung.«
»Und wie willst du die bekommen?« Aska sprang auf. »Wir können ihm nichts davon erzählen!«
»Was hättest du ihm denn gesagt, wenn er etwas über deine Besuche bei Lin herausgefunden hätte?«
Kapitel 1
Ein gleichmäßiges Surren ertönte, als der Schieber des Reißverschlusses über die Zähne glitt. Einmal um den ganzen Koffer herum, bis dieser endgültig geschlossen war. Aska stieß ein tiefes Seufzen aus und hievte das Gepäckstück von ihrem Bett.
»Bist du bereit?«, hörte sie im selben Augenblick Yukon hinter sich fragen. Bis gerade eben hatte er sich im Flur mit Lian unterhalten, und als das Gespräch verstummt war, hatte Aska geahnt, dass er zu ihr kommen würde.
»Ja«, antwortete sie und wandte sich mitsamt dem Koffer in seine Richtung.
»Warte, lass mich den nehmen.« Yukon kam auf sie zu und nahm ihr, ohne große Umschweife, das Gepäck aus den Händen, in dem sich ihr halber Kleiderschrank befand. Außerdem Badartikel und ein paar Süßigkeiten, von denen Yukon nichts wusste. Er hielt nicht viel von Knabbereien und um einer Diskussion zu entgegen, hatte Lian sie Aska heimlich mit dazugelegt.
Während Yukon die Sachen in den Flur brachte, sah Aska sich noch einmal in ihrem Zimmer um. Es war kein Abschied für immer, fühlte sich jedoch wie einer an. Dabei würde sie lediglich die Sommermonate in einer psychiatrischen Einrichtung verbringen, um dort an dem Trauma zu arbeiten, das der Brand zurückgelassen hatte.
Zumindest war das die offizielle Version. Die Version, die sie Lian aufgetischt hatten, der mit angezogenen Schuhen im Flur stand und ihr ein wenig traurig entgegenlächelte, als sie aus ihrem Zimmer kam. Aska beeilte sich, ebenfalls in ihre Schuhe zu schlüpfen, ehe sie gemeinsam mit ihm und Yukon die Wohnung verließ.
»Es wird seltsam sein, wenn du weg bist«, sagte Lian leise, während sie die Treppen hinuntergingen. Seine Worte hallten zwischen ihren Schritten an den kahlen Wänden wider.
»Für mich auch«, antwortete Aska.
Fast eineinhalb Jahre hatte sie nicht einen Tag ohne ihren Bruder verbracht. Sie hatte nicht gemerkt, wie sehr sie sich in der Zeit an ihn gebunden hatte, aber jetzt, da ihr Abschied kurz bevorstand, vermisste sie ihn bereits. Und in dieses Vermissen mischten sich leise Gewissensbisse.
Beide Gefühle wurden verdrängt, als sie nach draußen traten. Eine Wand aus Hitze versperrte ihnen den Weg und für einen ganz kurzen Moment war Aska beinahe glücklich darüber, die Stadt für eine Weile verlassen zu können. Schon seit Tagen brannte die Sonne vom Himmel und genauso lange schien die Luft frei von jeglichem Wind zu sein.
»Ich werde dich jeden Abend anrufen«, sagte Aska, als sie das Auto fast erreicht hatten. Dabei drehte sie sich zu ihrem Bruder um und breitete die Arme aus.
Lachend ging Lian auf die Umarmung ein. »Kannst du gerne machen. Aber denk dran, du bist dort in erster Linie, um dich auf dich selbst zu konzentrieren. Die paar Wochen komme ich schon zurecht.«
»Ich weiß.« Aska schlang ihre Arme noch ein wenig enger um ihren Bruder. »Wir sehen uns im August.«
»Habt ihr es dann?«, meldete sich Yukon vom Wagen aus zu Wort. Er hatte in der Zwischenzeit den Koffer verstaut und stand nun neben der Fahrertür. Mit den Fingern klopfte er ungeduldig auf dem Dach herum. Obwohl sie streng genommen viel zu früh dran waren.
Aska atmete einmal tief durch, bevor sie sich aus der Umarmung löste. Dabei bemerkte sie das schelmische Grinsen in seinem Gesicht.
»Wenn er dich zu sehr nervt, sag Bescheid. Ich kriege ihn schon gekündigt«, flüsterte er und Aska stieg in sein Grinsen mit ein.
Nur wenige Sekunden später fand sie sich auf dem Beifahrersitz des schwarzen Golf GTI wieder. Sie winkte Lian durch die Scheibe zu, während Yukon den Motor startete und sie losfuhren.
Dann erst lehnte Aska sich in ihrem Sitz zurück und betrachtete ihren Fahrer. Die letzten drei Monate hatte Yukon Unmengen an Zeit mit ihnen verbracht und in eben dieser Zeit war er ihr tatsächlich ans Herz gewachsen. Nie hatte er ihr unangenehm gewesen oder hatte genervt, auch wenn sie mit Lian Späße darüber machte.
Im Gegenteil, er hatte ihr beim Lernen geholfen, was Aska sehr wertschätzte, und außerdem neigte er zu einer besonderen Aufmerksamkeit, die er auch jetzt wieder zeigte. »Was ist los?«, fragte er,
»Es gefällt mir nicht, ihn anzulügen«, antwortete Aska. Sie hatte gelernt, dass es keinen Sinn ergab, Yukon etwas vorzuspielen. Obgleich sie dieses Gespräch gerne vermieden hätte.
»Mir auch nicht. Es wird leichter, wenn du dir einredest, dass es zu seinem Besten ist.«
»Ich weiß, dass es zu seinem Besten ist.« Sie streckte den Arm aus und regelte die Klimaanlage ein wenig herunter. Die eisige Luft, die ihr ins Gesicht pustete, war erst angenehm gewesen, nun allerdings etwas zu viel des Guten. »Manchmal frage ich mich trotzdem, wie es wäre, ihn einfach einzuweihen.«
»Denkst du denn, er würde es verkraften?«
Aska schüttelte den Kopf. So sehr sie ihren Bruder auch mochte, musste sie zugeben, dass er nach allem, was geschehen war, wohl der Letzte wäre, der mit der geballten Wahrheit zurechtkäme.
»Hier.« Yukon fummelte sein Handy aus der Tasche seiner Jeans und reichte es ihr. »Schreib Samuel bitte, dass wir auf dem Weg sind.«
Schlagartig änderte sich Askas Stimmung. Die trüben Gedanken waren vergessen, kaum hatte Yukon Samuels Namen in den Mund genommen. Sie würde ihn wiedersehen. Zum ersten Mal, seit er sich ihnen im Café gezeigt hatte. Damit hatte ihre kleine Reise tatsächlich etwas Gutes an sich.
Doch noch während sie die Nachricht tippte, hielt sie plötzlich inne. »Er ist nicht sauer auf mich, oder?«
»Wieso sollte er sauer auf dich sein?«
»Weil Lian und ich einfach gegangen sind.«
Aska hatte das Café damals nicht verlassen wollen. Sie war mit der Situation so überfordert gewesen, dass ihr Gehirn komplett ausgesetzt hatte. Es hatte gedauert, bis sie erkannte, wer da bei ihnen am Tisch stand.
Bei Lian war das anders gewesen.
Er war aufgestanden, noch bevor Aska sich wieder hatte sammeln können und in ihrer Überforderung war sie ihm einfach gefolgt. Auf dem Weg durch die Stadt hatte sie versucht, ihn zum Umdrehen zu überreden, aber vergebens. Lian hatte sich quergestellt und sie hatte ihn in dieser Situation nicht allein lassen wollen. Dennoch hätte sie Samuels Erklärung gerne mitangehört. Yukon hatte ihr die Geschichte zwar später im Detail erklärt, aber das war nicht dasselbe gewesen.
»Mach dir keinen Kopf«, sagte Yukon an ihrer Seite. Sie hatten in der Zwischenzeit die Autobahn erreicht. »Samuel hat mir selbst gesagt, dass er sich darauf freut, dich zu sehen. Und er möchte dir gerne helfen.«
Nervös wegen seiner Worte, rutschte Aska auf ihrem Sitz herum. Hilfe von Elias zu bekommen, war etwas, woran sie sich gewöhnt hatte. Von Samuel hingegen, der so viel Schreckliches erlebt hatte und noch dazu perfekt mit seiner Anima zurechtkam, war ein ganz anderes Level. Obwohl Aska viel mit Elias geübt hatte, bekam sie ihre Fähigkeit kaum in den Griff. Mittlerweile gelang es ihr zwar zuverlässiger, ihre Kräfte zu unterdrücken, aber zwischendurch glitten ihr nach wie vor ungewollte Bilder durch die Finger. Hinzu kam, dass sie es noch kein einziges Mal geschafft hatte, explizit nach einer Erinnerung zu suchen.
Für Elias war beides kein Problem. Sie kannte inzwischen seine ganze Lebensgeschichte und war heilfroh, mit ihm über alles Gesehene reden zu können.
Bei Samuel wäre das anders. Sie wollte nicht sehen, was er damals erlebt hatte und noch weniger wollte sie sich anschließend mit ihm über diese Dinge unterhalten. Außerdem hatte sie die irrationale Befürchtung, er wäre genervt von ihr, wenn sie länger keine großen Fortschritte machte.
Über diese und ähnliche Dinge dachte Aska eine ganze Weile nach. Bis sie sich schließlich ablenkte, indem sie Yukon über ihren bevorstehenden Aufenthalt bei William ausfragte. Dieser beantwortete ihre Fragen bis ins kleinste Detail.
Bisher hatten sie nie darüber sprechen können, da Lian immer in der Nähe gewesen war. Umso mehr beruhigten diese Erklärungen sie jetzt, als sie eine gute Stunde später an dem Tor ankamen, das das Bexley-Anwesen vom Rest der Welt trennte. Eine riesige Mauer erstreckte sich von der Straße aus in beide Richtungen und dahinter schien nichts anderes zu liegen als ein von Menschenhand angelegter Mischwald. Ein paar Minuten fuhren sie unter dem dichten Blätterdach hindurch, bis der Wald sich lichtete und ihre Sicht auf das enorme Herrenhaus freigab, welches sich unmittelbar vor ihnen in den Himmel erhob.
Beim Anblick des Gebäudes blieb Aska vor Staunen der Mund offenstehen. Giftgrünes Efeu kletterte die rot gemauerte Fassade des zweistöckigen Herrenhauses hinauf, welches mit den vielen Fenstern und dem großzügig angelegten Beet, das sich über die gesamte Länge der Front erstreckte, ein unbeschreibliches Bild bot.
»Es war früher ein Hotel«, erklärte Yukon, der ihren Wagen im Schritttempo an einer kleinen Menschenmenge vorbeimanövrierte, die sich vor dem Eingang des Hauses zusammengefunden hatte. »William hat es vor rund fünfzig Jahren gekauft und einen Ort geschaffen, der nur für Velati gedacht ist. Es wird dir hier gefallen.«
Er brauchte seine Worte nicht zu wiederholen, damit Aska ihm glaubte. Vielleicht lag es daran, dass sie solche Besitztümer nur aus dem Fernsehen kannte, aber für sie hing eindeutig etwas Magisches in der Luft. Dabei hatte sie bisher kaum etwas von dem gigantischen Anwesen zu Gesicht bekommen.
»Wohin fahren wir?«, fragte sie, als sie aus ihrem Staunen wieder herausgekommen war. Sie hatte damit gerechnet, dass Yukon neben den anderen Autos vor dem Gebäude parken würde, doch stattdessen war er daran vorbeigefahren und steuerte auf den Eingang einer Tiefgarage zu.
»Wir gehen schon rein.«
»Dürfen wir das denn?«
Ein amüsiertes Grinsen huschte über Yukons Gesicht. »Das ist der Vorteil, wenn man mit einem Mitarbeiter anreist. Wir nehmen Wege, die anderen verwehrt bleiben.«
Er fuhr an ein paar wenigen Parkplätzen vorbei und brachte den Wagen schließlich in einer freien Lücke zum Stehen. Dann stieg er aus.
Aska tat es ihm gleich.
Die Tiefgarage war kleiner, als sie bei dem Anblick des Herrenhauses erwartet hatte. Gerade mal vierzehn Parkplätze befanden sich hier, sechs davon waren belegt.
»Dieser Bereich ist für Mitarbeiter oder Dauergäste«, erklärte Yukon, während sie auf den Fahrstuhl zusteuerten. »Für Saisonbesucher wie dich ist vorgesehen, dass sie entweder von jemandem hergebracht werden oder mit dem Zug anreisen. Vom Bahnhof würden sie dann mit einem Shuttle abgeholt werden.«
»Wie umständlich.«
Mit einem leisen Signalton öffneten sich die Türen des Fahrstuhls und sie stiegen ein. Yukon betätigte die Taste, die sie ins erste Obergeschoss bringen würde.
»Vielleicht«, erwiderte er. »Tatsächlich habe ich mir das Konzept ausgedacht. Das Anwesen soll eurer Sicherheit dienen und wenn jeder einfach mit dem Auto herkommt, kann diese leichter gestört werden.«
Aska war gerade im Begriff, Yukon zu fragen, wie genau er seine Aussage meinte, als sich die Fahrstuhltüren ein zweites Mal öffneten. Der Anblick, der sich ihnen bot, raubte ihr erneut den Atem und ließ sie verdrängen, über was sie gesprochen hatten.
Vor ihnen lag ein langer, dunkelgrün gestrichener Flur mit karminrotem Teppichboden. Holzleisten und goldene Akzente zierten die Wände und die Decke, und dazwischen reihten sich etliche Türen. Diese wurden lediglich auf der linken Seite von einer Treppe unterbrochen, die sich aus dem Erdgeschoss in zwei weiten Bögen zu ihnen hinaufschlängelte.
»Auf dieser Etage befinden sich eure Zimmer.« Yukon hatte sich in Bewegung gesetzt und führte sie vorbei an Gemälden in goldbraunen Rahmen und elektrischen Kerzenhaltern. »Alles Weitere wird euch später gezeigt. Bis dahin ist für dich nur dieser Raum wichtig.«
Er blieb vor einer der vielen Türen stehen und drückte die geschwungene Klinke herunter. Goldene Ziffern verrieten Aska die Zimmernummer einhundertsieben.
Das Schlafzimmer hinter dieser Nummer war überraschend normal. Auf beiden Seiten vom Fenster, das sich gegenüber der Tür befand, stand ein Bett mit Nachttisch. An den Fußenden der Betten war je ein schlichter Schreibtisch platziert und hinter der Tür, unmittelbar neben einem der Tische, hatte ein geräumiger Kleiderschrank seinen Platz gefunden. Die Möbel waren allesamt aus dunklem Eichenholz, das farblich perfekt zu dem Laminatboden passte. Die Wände hingegen waren in einem schlichten Weiß gehalten. Der Gemütlichkeit dienten nur die Gardinen und ein roter runder Teppich, der zwischen den beiden Betten lag.
Ansonsten gab es nichts. Außer man wollte die Lampen auf den Schreib- und Nachttischen mitzählen, die alle vier vom selben Modell waren. Ebenso wie der Leuchter unter der Decke. Aska realisierte, dass ihre Mitbewohnerin und sie dafür Sorge tragen müssten, den Raum so wohnlich wie möglich zu gestalten. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, freute sie sich sogar darauf.
»Ist es in Ordnung?«, fragte Yukon, der mitsamt dem Koffer in der Tür stehen geblieben war.
»Ja«, antwortete Aska. Begeisterung wankte in ihrer Stimme. Das Zimmer erinnerte sie – mit Ausnahme der Kostspieligkeit – an die Unterkünfte auf Klassenfahrten. Deswegen hatte sie sich soeben vorgenommen, den Aufenthalt hier eher als eine Art Urlaub zu betrachten.
»Das freut mich.« Yukon schob den Koffer weiter in das Zimmer hinein. »Ist es okay, wenn ich dich zum Auspacken alleine lasse? Ich wollte noch etwas mit Samuel besprechen.«
»Kann ich mitkommen?« Voller Vorfreude sah Aska zu Yukon auf, doch ihre gute Laune erstarb im selben Augenblick, weil er als Antwort den Kopf schüttelte.
»Es geht um etwas Privates. Aber ihr werdet heute Abend noch viel Zeit zusammen haben, versprochen.«
Kapitel 2
Yukon beeilte sich, in den zweiten Stock zu kommen. Er musste mit Samuel reden, bevor ihnen die Willkommensveranstaltung dazwischengeriet und diese fing in weniger als einer halben Stunde an. Trotzdem nagte das schlechte Gewissen an ihm, weil er Aska einfach an diesem fremden Ort allein gelassen hatte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er sich bei seiner ersten Ankunft hier gefühlt hatte und war sich sicher, dass Aska von dem Anblick des Herrenhauses mindestens genauso überwältigt sein musste, wie er damals.
Blake parkte das Auto unmittelbar neben der Treppe, die zu einer gewaltigen Holzflügeltür führte.
Yukon schluckte.
Die ganze Fahrt hatte er vor Nervosität kein einziges Wort herausgebracht und jetzt, wo er unmittelbar vor dem Gebäude stand, wurden seine Knie tatsächlich weich. Obwohl sein Vater über eine Menge Geld verfügte, war er bescheiden aufgewachsen. Herrenhäuser standen nicht auf der Liste der Orte, die er regelmäßig besuchte, und er fühlte sich nicht in dem Recht, das Gebäude zu betreten, dessen Bewohner er so viele Jahre verabscheut hatte.
»Kommst du?« Blake hatte die ersten Stufen hinter sich gebracht. Er kannte diesen Ort und schien vollkommen unbeeindruckt von der Aufmachung, die sich ihnen bot.
Zögernd setzte Yukon sich in Bewegung. Er sah dabei zu, wie Blake eine der Türen öffnete und hindurchtrat, und kam nicht darum herum, ihm zu folgen.
Der Eingangsbereich war genauso eindrucksvoll, wie Yukon ihn sich vorgestellt hatte. Karminroter Teppich zierte einen Großteil des gigantischen Foyers. Vom Eingang bis hin zu zwei aufeinander zulaufenden Treppen, in dessen Mitte sich eine weitere Flügeltür befand.
Yukon zählte fünf Räume, die von hier aus tiefer in das Haus führten, konnte sich aber nicht vorstellen, was sich in diesen verbergen mochte. Er wusste nur, dass hinter ihren Türen Velati sein mussten, und er ertappte sich dabei, wie er nach ihnen Ausschau hielt. Auf der Suche nach dem interessantesten Exemplar für seinen Vater. Genauso, wie er es immer getan hatte, wenn er unterwegs gewesen war. Mit dem einzigen Unterschied, dass es ihm heute Übelkeit bereitete. Und genau deswegen war er hier.
»Blake.« Ein Herr in maßgeschneidertem Anzug und mit grauem Haar erschien neben einer der Treppen. Er musste aus dem Raum links gekommen sein, ohne dass Yukon es bemerkt hatte.
»Hallo William«, begrüßte Blake den Mann. »Ich habe dir jemanden mitgebracht.«
William Bexley nickte. Sein Blick fixierte Yukon, der am liebsten auf der Stelle im Boden versunken wäre. William kannte seine Vergangenheit und Yukon hatte sich nie zuvor so sehr für diese geschämt. Umso überraschter war er, als ein sanftes Lächeln auf dem Gesicht des Mannes erschien. »Fühl dich willkommen, Yukon.«
Yukon verdrängte diese Erinnerungen, als er die dritte Tür zu seiner Linken ansteuerte. Sein Schlafzimmer, das er am Tag seiner ersten Ankunft zugewiesen bekommen hatte. Im zweiten Obergeschoss, dem Mitarbeitertrakt, weil William ihm nicht genug getraut hatte, um ihn in der Nähe der anderen Gäste unterzubringen. Heute teilte er sich den Raum mit Samuel, und obwohl dieser zu Hause war, stieß Yukon ohne anzuklopfen die Tür auf.
Samuel saß an seinem Schreibtisch. Er trug eine Brille auf der Nase und in den Händen hielt er einen Zettel, von dem weitere Exemplare auf der Tischplatte verstreut lagen.
»Achtzehn Jahre bei deinem Vater und er hat dir nie beigebracht, dass man klopft, bevor man einen Raum betritt?«, begrüßte er ihn, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
Perplex blieb Yukon im Türrahmen stehen. Samuels harschen Worte trafen ihn völlig unvorbereitet.
»Ich freue mich auch, dich wiederzusehen.«
»Hättest mich ja besuchen können.« Samuel ließ den Zettel fallen und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Ein Seufzen entfuhr ihm. »Tut mir leid. Ich stehe etwas unter Strom.«
»Schon okay.« Ganz langsam, als hätte er Angst, sonst einen weiteren Spruch einstecken zu müssen, schloss Yukon die Tür hinter sich.
»Es gefällt mir nicht, dass du Aska hergebracht hast.« Endlich legte Samuel die Brille beiseite und drehte sich zu ihm um. »Jetzt weiß dein Vater definitiv, was sie ist.«
»Das wusste er schon vorher.«
»Und wenn nicht?«
»Deine kleine Freundin war bei ihm. Du glaubst nicht ernsthaft, dass sie die mentale Stärke besitzt, um ihm solche Sachen zu verschweigen.«
Samuel schnaubte. »Laut Elias hat sie nichts erzählt.«
»Klar.« Yukon durchquerte den Raum und ließ sich der Länge nach auf sein Bett fallen. »Und selbst wenn. Mein Vater wird nicht gleich Verdacht schöpfen, nur weil ich mit Aska in den Urlaub fahre.«
Anstatt zu antworten, wandte Samuel ihm wieder den Rücken zu und begann, die Papiere zu sortieren und zurück in einen Ordner zu heften. Selbst aus der Distanz erkannte Yukon, dass es sich bei den Zetteln um die Fragebögen handelte, die jeder Neuankömmling hatte ausfüllen müssen. Ebenso Aska, die sich damit schwerer getan hatte, als sie müsste. Die Bögen dienten lediglich als Möglichkeit für William, vorab herauszufinden, auf welchem Stand sich die Bewerber bezüglich ihrer Anima befanden. Sie wurden all denjenigen zugeschickt, bei denen sich in einem vorherigen persönlichen Gespräch herausgestellt hatte, dass sie tatsächlich Velati waren.
Normale Menschen waren von Anfang an von der Platzvergabe ausgeschlossen, durften aber, weil das Bexley-Anwesen sich als psychiatrische Einrichtung tarnte, am Bewerbungsprozess teilnehmen. Zusammen mit der Absage erhielten sie dann eine Empfehlung für andere Kliniken, bei denen William zusätzlich ein gutes Wort einlegte, sodass sie bessere Chancen hatten, frühzeitig einen Platz zu bekommen.
Es war Yukon kein Rätsel, warum Samuel sich so intensiv mit den Fragebögen befasste. Er war von William für die kommenden Wochen als Lehrer für die Neulinge auserwählt worden, weil er sich mit seinem Wissen und der Nähe zu seiner Anima am besten dafür eignete.
»Bist du jetzt sauer?«, fragte er, als Samuel ihn weiterhin mit Schweigen strafte.
»Nein.«
»Sicher?«
»Ja.«
»Sehr gut. Ich wollte noch etwas mit dir bereden.« Yukon richtete sich auf seiner Matratze auf. »Ich habe Aska noch nichts von meiner Vergangenheit erzählt. Darum wollte ich dich bitten, vorerst nicht mit ihr darüber zu sprechen.«
»Okay.« Völlig unbeirrt von diesen Neuigkeiten stand Samuel auf und ging in das angrenzende Badezimmer. Die Tür ließ er offen.
»Du bist sauer«, rief Yukon ihm hinterher. Von seiner Position aus konnte er Samuel unmöglich sehen, aber er hörte, wie sein Mitbewohner den Wasserhahn aufdrehte und sich die Hände und das Gesicht wusch, ehe er mit seinen Kontaktlinsen zurück ins Zimmer kam.
»Ich bin der Letzte, der dir deswegen etwas vorwerfen würde«, stellte er klar. »Trotzdem musst du es ihr früher oder später sagen. Die ganze Heimlichtuerei führt am Ende nur zu Problemen. Und darauf habe ich keine Lust mehr.«
Kurze Zeit später fanden Samuel und Yukon sich im Erdgeschoss wieder. Genauer gesagt in der großen Bibliothek, die rechts vom Haupteingang lag. Denn sie war mehr als nur ein Ort, an dem die Velati nach Herzenslust in allen möglichen Büchern versinken konnten. Sie war der Ort, an dem der Unterricht stattfand.
Im vorderen Bereich des Raumes befand sich eine Tafel, ein Pult und dem gegenüber fünf Sitzreihen, die wie in einem Hörsaal stufenförmig nach oben wuchsen. Die Reihen wurden in der Mitte durch eine Treppe gespalten, sodass man mehr Möglichkeiten hatte, einen Platz zu finden. Gut die Hälfte war bereits von den Neuankömmlingen besetzt.
»Willkommen«, begrüßte William die Gäste. Er stand mit dem Rücken zum Pult. Samuel stand mit drei weiteren Velati ein Stück weit hinter ihm zu seiner Linken, während Yukon mit einigen anderen Angestellten zu seiner Rechten positioniert war. Im Laufe der Willkommensrede würde William sie alle vorstellen, doch Samuel schenkte seinen Worten überhaupt keine Aufmerksamkeit. Das Einzige, was er beachtete, waren die Personen auf den Bänken. Übermorgen, wenn das Wochenende vorbei war, wäre es seine Aufgabe, an Williams Platz zu stehen und jedem von ihnen sein Wissen zu vermitteln.
Und obwohl er sich darauf freute, war er nervös. Dabei brauchte er gerade das nicht sein. Das Anwesen war sein zweites Zuhause. Ein Ort, an dem er sich nicht verstecken musste, weshalb er keine einzige Sekunde darüber nachdachte, seine enorme Präsenz zu verbergen. Ein jeder hier durfte wissen, was er war. Sie durften wissen, wie viel Erfahrung er mit seiner Anima hatte – sie sollten es sogar.
Die vielen schwachen Präsenzen, die in einer einzigen Energiemasse auf seiner Haut kribbelten, verrieten ihm, wie unwissend die vielen Neulinge waren, die heute angekommen waren. Deswegen war es ihm wichtig, zu zeigen, dass sie bei ihm in guten Händen sein würden.
Nicht nur bei ihm, die drei Velati an seiner Seite waren wie er. In gewisser Weise teilten sie sein Schicksal, dementsprechend verfügten sie über ähnliches Wissen. Sollte Samuel aus irgendwelchen Gründen mit seinen Methoden nicht mehr weiterwissen, konnte er auf sie zählen.
Trotzdem konnte Samuel nicht die Art von Vorfreude verspüren, die man vielleicht erwartete. Das Anwesen war sein zweites Zuhause, ja, aber es war auch sein Gefängnis. Eine Erinnerung daran, dass sein Leben außerhalb dieser Mauern anders wäre, wenn er überhaupt eines hätte.
Der Einzige, der ihn bisher von dieser Last hatte befreien können, war Kilian gewesen. Aber von ihm war nicht mehr übrig als ein paar Erinnerungen. Selbst die Unbeschwertheit, die Samuel durch ihn erleben durfte, war fort.
Er warf einen kurzen Blick zu Yukon. Ihn traf keine Schuld. Er hatte sich sein Grab geschaufelt, lange bevor sie einander kennengelernt hatten. Trotzdem wünschte Samuel sich, er hätte irgendwann in den vergangenen Jahren wenigstens eine einzige richtige Chance gehabt, seinen Fehler rückgängig zu machen. Umso mehr beunruhigte es Samuel, Aska zwischen den Neuankömmlingen zu sehen. Sie schien William keine große Beachtung zu schenken. Ihre Augen hingen an ihm, und als Samuel sie ansah, lächelte sie.
Er erwiderte es.
Ein perfektes, sorgenfreies Lächeln, obwohl ihn ihr Anblick schmerzte. Er hatte Angst, Alexander könnte wissen, was sie ist. Das Gespräch mit Yukon hatte ihn dahingehend wenig beruhigt und hinzu kam, dass er gerne früher für sie da gewesen wäre.
Immerhin konnte er Letzteres endlich wiedergutmachen. Obgleich er noch eine Weile warten musste, denn auf Williams ellenlange Rede folgte eine kurze Führung über das Anwesen und Aska war nicht in der Gruppe gelandet, die er leitete. Und selbst wenn, hätten sie kaum die Zeit, währenddessen private Gespräche zu führen. Also mussten sie sich noch ein wenig länger gedulden, ehe sie einander richtig begrüßen konnten.
Kapitel 3
Die Führung war auf eine Stunde ausgelegt. Von der Bibliothek ging es durch einen Seiteneingang nach draußen, wo zwischen Gebäuderückseite und Wald eine Laufbahn und verschiedene Sportplätze angelegt worden waren, die ihnen zur freien Nutzung zur Verfügung standen. Inklusive der zugehörigen Gegenstände wie Fußbälle oder Tennisschläger, die in einem geräumigen Schuppen untergebracht waren.
Ihnen wurde erklärt, dass sie alle Sachen rund um die Uhr nutzen und jeden Raum jederzeit betreten konnten, solange nichts und niemand zu Schaden kam. Das niemand bezog sich dabei insbesondere auf das hauseigene Schwimmbad, das sie durch den Hintereingang betraten. Es bestand aus Umkleidekabinen, Duschen und einem fünfundzwanzig Meter Becken, das nicht nur mit Startblöcken, sondern auch einem Einmeterbrett ausgestattet war.
Mit dem Schwimmbad war die Tour durch das Erdgeschoss abgeschlossen. Williams Büro, das sich gegenüber der Bibliothek befand, blieb für die Besichtigung tabu und die Mensa, die wiederum neben dem Schwimmbad im hinteren Teil des Foyers lag, würden sie zum Ende der Führung noch einmal betreten. Also führte der Velatos, der sich ihnen als Max vorgestellt hatte, Aska und ihre Gruppe hinauf in das erste Obergeschoss.
An dieser Stelle der Führung wurde jedem von ihnen ein Zimmer zugeteilt, dessen Nummer sie sich merken sollten und das sie nach dem Abendessen einrichten durften. Vorher ging es jedoch in den zweiten Stock.
Auch hier blieben die meisten Räume verschlossen, da es sich um die Schlafzimmer der Mitarbeiter handelte. Allerdings wurde ihnen ein kurzer Blick in das Krankenzimmer und die Therapieräume gewährt, die sich ebenfalls hier oben befanden.
Die Therapieräume stellten dabei einen der wichtigsten Punkte der Führung dar. Ihnen allen wurde jede Woche eine feste Sitzung angeboten, um sowohl alte Erlebnisse zu verarbeiten als auch mit dem neu erworbenen Wissen zurechtzukommen. Zusätzlich stand es ihnen frei, sich auch außerhalb dieser Stunden jederzeit an die therapeutischen Hilfskräfte zu werden.
Während der gesamten Führung klärte Max sie über alle erdenklichen Regeln auf.
»Ein Shuttle fährt dreimal die Woche in die nächste Stadt«, sagte er gerade, als sie die Treppen wieder hinunterstapften. »Die Abfahrtszeiten findet ihr im Foyer am schwarzen Brett. Dort ist übrigens auch ein Telefon für dringende Anrufe. Telefonieren dürfte zwar auch über eure Handys möglich sein, aber das Netz hier ist … sagen wir bescheiden. Internet habt ihr übrigens keines. In den kommenden Wochen sollt ihr euch vollends auf euch selbst und einander konzentrieren, um die besten Fortschritte zu erzielen. Dazu fragen?«
Sie waren wieder im Erdgeschoss angekommen und Max ging ein paar Schritte rückwärts, um die Gruppe besser ansehen zu können. Dann fuhr er fort: »Dieses Wochenende haben wir noch ein kleines Programm für euch vorbereitet, damit ihr euch besser kennenlernen könnt. Danach liegt die Tagesgestaltung in eurer Verantwortung. Frühstück gibt es von acht bis zehn, Abendessen von siebzehn bis neunzehn Uhr. Mittags steht euch die Küche offen.
Übrigens empfehle ich euch, die ersten zwei Wochen an allen Theoriekursen teilzunehmen. Wie alles andere sind diese nicht verpflichtend, aber immerhin seid ihr dafür hergekommen. Sie beginnen jeden Tag um zehn und werden von Samuel geleitet – selbstverständlich stehen wir vier euch aber jederzeit zur Verfügung.«
Aska seufzte in sich hinein. Ihr Schädel brummte dank der vielen Informationen und sie hatte Mühe, sich die zahlreichen Inhalte der letzten Stunde zu merken. Dementsprechend froh war sie, als sie endlich in die Mensa entlassen wurden und die Führung endete.
Im Vergleich zum Rest des Hauses war die Mensa überraschend normal. Die Tische waren zu drei langen Reihen zusammengeschoben, an denen sich bereits Velati aus einer anderen Gruppe tummelten, und es roch herrlich nach heißem Essen.
Aska folgte dem Duft zur Essensausgabe, die zu ihrem Überraschen ein offenes Buffet war. Es gab zwei Sorten Gemüse als Beilage, man konnte zwischen Gratin und Kartoffelspalten wählen und wer kein Schnitzel mochte, hatte die Möglichkeit, auf eine vegetarische Alternative zurückzugreifen. Hinzu kamen drei Soßen und ebenso viel Auswahl an Nachtisch. Aska erinnerte sich daran, dass sie in dem Fragebogen auch über ihre Ernährung Auskunft geben mussten, hätte aber nicht damit gerechnet, dass ein solcher Aufwand betrieben wurde, um sie alle sattzubekommen.
Sie entschied sich dazu, ihren Teller nicht allzu voll zu packen und gesellte sich schließlich zu Yukon, der am Ende von einem der langen Tische saß.
»Alles gut?« Er schaute von seinem halbleeren Teller auf, als Aska ihr Tablett ihm gegenüber stellte und sich setzte.
»Mir brummt der Schädel.«
Yukon lachte. »Das meiste, was euch erzählt wurde, brauchst du dir jetzt nicht merken. Das bekommst du mit der Zeit noch rein.«
»Wenigstens etwas.« Bedächtig, obwohl ihr Hunger sie quälte, schnitt Aska ihr Schnitzel in kleine Stücke, ehe sie zu essen begann. »Gibt es hier jeden Tag so ein Buffet?«
»Im Sommer und im Winter, wenn hier was los ist, ja. Dazwischen würde sich der Aufwand nicht lohnen.«
»Dann hat Samuel das alles nicht gehabt?«
»Nein.«
Aska ließ den Blick auf ihr Essen sinken. Seit der Willkommensrede hatte sie geahnt, dass Samuel nur mit den anderen drei Velati hier gewesen war, und auf einmal tat er ihr deswegen leid. Das Anwesen war so unfassbar groß, dass sie sich gut vorstellen konnte, wie einsam man sich fühlen konnte.
Sie schaute auf, als es lauter wurde. Die letzte Gruppe kam zu ihnen in die Mensa. Samuel hatte sie geleitet und ging nun geradewegs auf das Buffet zu.
»Wenn man vom Teufel spricht.« Yukon spießte eine Kartoffel mit der Gabel auf und steckte sie sich in den Mund.
Aska antwortete nicht. Stattdessen schlug ihr Herz vor Aufregung augenblicklich schneller. Ihre letzte richtige Begegnung war lange her und nach allem, was Samuel widerfahren war, musste er sich sehr verändert haben. Obwohl er äußerlich fast genauso aussah wie damals, als sie ihn kennengelernt hatte.
»Aska!« Noch während ihre Gedanken um Samuel kreisten, ließ dieser sein Tablett neben Yukons auf den Tisch fallen. Ein herzliches Lächeln zierte seine Lippen und seine Augen strahlten vor Freude. »Komm her, lass dich drücken!«
Sofort stand Aska auf. All ihre Sorgen waren wie weggeblasen. Samuels gute Laune war ansteckend, sodass sie gar nicht anders konnte, als auf sein Angebot einzugehen und sich von ihm in eine enge Umarmung ziehen zu lassen.
»Es tut mir leid, dass ich nicht schon früher für dich da sein konnte«, murmelte Samuel in ihr Ohr.
Überrascht von der Entschuldigung trat Aska einen Schritt zurück, soweit Samuels Klammergriff es erlaubte. »Schon okay.«
»Nicht wirklich.« Er löste sich von ihr und für den Bruchteil einer Sekunde sah sie einen Anflug von Trauer über sein ehrliches Lächeln huschen. »Es ist schön, dass du jetzt da bist. Es wird dir hier gefallen. Wir haben einiges für euch geplant.«
»Echt?« Aska setzte sich wieder auf ihren Platz, während Samuel den Tisch umrundete und sich ebenfalls auf seinen Stuhl fallen ließ.
»Jep. Es ist nichts Besonderes, aber genug, um euch die kommenden Wochen beschäftigt zu halten. Meditation, Sport, Spielereien mit euren Fähigkeiten …«
»Und das machst alles du?«, klinkte Yukon sich in ihr Gespräch mit ein. Er hatte in der Zwischenzeit aufgegessen, wohingegen Samuel gerade erst damit anfing, sich mit seinen voll beladenen Tellern auseinanderzusetzen. Tellern, weil er sich direkt zwei genommen hatte. Auf einem schwammen zwei Schnitzel in einer Paprikasoße, auf dem anderen türmten sich Kartoffeln und Gemüse.
»Nein, mit den anderen. Aber keine Sorge«, er wandte sich wieder Aska zu, »ihr werdet trotzdem genug Möglichkeiten bekommen, euch auszuruhen. In erster Linie geht es immer noch darum, dass ihr euch mit euch selbst beschäftigt.«
»Um unsere Fähigkeiten zu kontrollieren?«
»Fast. Um eure Anima besser kennenzulernen. Ohne das Eine wird das Andere nicht funktionieren.«
Während Samuel und Aska sich miteinander unterhielten, stand Yukon auf, um sich Nachschlag zu holen. Er hatte Hunger. Heute besonders. Der Tag war anstrengend gewesen, obwohl er nicht sonderlich viel machen musste. Seine einzige Aufgabe hatte daraus bestanden, die Gepäckstücke der Neuankömmlinge auf die jeweiligen Zimmer zu bringen, was nicht viel Arbeit gewesen war. Diesen Sommer waren nicht alle der zwanzig Räume belegt und mit einem Rollwagen waren diese schnell bedient.
Trotzdem, irgendetwas zehrte an seinen Kräften. Er konnte nur nicht genau sagen, was es war.
Das Bexley-Anwesen schloss er aus. Er mochte diesen Ort. In erster Linie, weil er hier gelernt hatte, die Angewohnheiten abzulegen, die sein Vater ihm anerzogen hatte. Aber auch, weil er seine Ruhe hatte.
Ja, er war während der Sommermonate ein offizieller Angestellter mit befristetem Arbeitsvertrag, jedoch bedeutete das noch lange nicht, dass er viel zu tun hatte. Eher war es wie Urlaub. Er konnte nach Herzenslust lesen und schwimmen und, wenn ihm mal danach sein sollte, im Wald joggen.
Samuel sah das anders. Das Anwesen war das ganze Jahr über für Velati geöffnet und eine Handvoll gingen regelmäßig ein und aus. Manche, weil sie ein ähnliches Schicksal erlitten wie er, und andere, weil sie schlichtweg zu viel Zeit im Leben hatten. Samuel war also nie allein, aber er hasste diesen Ort, weil es buchstäblich nichts zu tun gab.
Vielleicht war es das, was Yukon die Energie raubte. Sein schlechtes Gewissen, weil er Samuel kein einziges Mal besucht hatte. Oder es waren die Sorgen bezüglich seines Vaters, die ihn quälten.
»Nur bei der Schnitzeljagd werde ich nicht dabei sein«, sagte Samuel gerade, als Yukon an seinen Platz zurückkehrte.
»Wieso nicht?« Aska klang ehrlich betrübt.
»Elias und ich wollen zu Keira.«
Yukon horchte auf. »Zu Keira?«
»Ja.« Samuel nickte. »Wir wollen schauen, wie es ihr geht. Sie hat sich bei keinem von uns gemeldet, seit …«
»Aha.« Yukon runzelte die Stirn. »Und wie planst du, an sie ranzukommen? Ich dachte, sie lebt in einer Hochsicherheitseinrichtung?« Seine Stimme triefte vor Spott.
Dass Keira aus dem Krankenhaus entlassen worden war, war nichts Neues. Das Mädchen hatte – zu Yukons Missfallen – die Anzeige gegen Alexander fallengelassen. Der Stress, der sich dadurch von ihr gelöst hatte, hatte ausgereicht, um ihren Zustand soweit zu verbessern, dass sie nach Hause entlassen werden konnte. In ihr gewohntes Umfeld, in dem sie sich vollends erholen sollte.
Yukon wusste, dass ihre Eltern sie seitdem wie ein seltenes Juwel behüteten. Aska war nach der Schule oder einem Treffen mit Elias oft niedergeschlagen nach Hause gekommen, weil Keiras Eltern niemanden zu Keira ließen. Und Keira nicht nach draußen.
»Ich habe meine Möglichkeiten«, antwortete Samuel gelassen.
Yukon hob anerkennend seine rechte Augenbraue. »Samuel Mohre, du überraschst mich. Was ist aus deiner Vorstellung von Moral und Ehre geworden?«
Genervt verdrehte Samuel die Augen. »Es wäre eher moralisch verwerflich, sie noch länger mit alldem allein zu lassen, oder Aska?«
Aska nickte, trotz des Schmerzes in ihren Augen und der Verwirrung in ihrem Gesicht. »Warum bist du dagegen?«, fragte sie an Yukon gewandt.
»Bin ich nicht. Es wundert mich nur.«
»Wieso?« Samuel legte sein Besteck zur Seite. Er hatte es geschafft, seine Teller in Rekordzeit zu leeren.
»Ich frage mich nur, wieso jetzt?« Wieso jetzt, da er nicht mehr in der Stadt war, um Samuel zu beschützen?
Dieser hob nur die Schultern. »Elias hat mich weich gekocht. Er sagte, er holt mich morgen ab und dann fahren wir zu ihr. Dagegen kann ich kaum etwas unternehmen, oder?«
Yukon nickte nachdenklich. Ihm fielen einige Dinge ein, die Samuel dagegen hätte unternehmen können, aber er bekam nicht die Gelegenheit, den Satz auszusprechen, denn Aska kam ihm zuvor: »Elias kommt hierher?«
»Wusstest du das nicht?« Samuel wandte sich wieder ihr zu. Von Yukons Gedanken schien er nichts mitzubekommen.
»Nein.« Aska schob ihren leeren Teller von sich und griff nach dem Glas Orangensaft.
»Dann hat er dir nichts erzählt?«
Niedergeschlagen schüttelte Aska den Kopf, ehe sie an ihrem Saft nippte. »Wir hatten Streit. Aber nichts Wichtiges. Das klären wir schon.«
Sie zwang sich zu einem Lächeln, von dem Yukon sofort wusste, dass es nicht echt war. Mit einem Schlag fühlte er sich ausgeschlossen. Von Samuel, weil er ihm nichts von seinem Plan erzählt hatte und von Aska, weil sie ihm nichts von dem Streit gesagt hatte.
Unverständnis breitete sich in ihm aus und er fragte sich unweigerlich, ob er irgendetwas getan hatte, dass sie ihm misstrauten. Ein bescheuerter Gedanke, der Yukon den ganzen Abend nicht mehr losließ.
Kapitel 4
Samuel zog sich ein frisches Shirt über den Kopf, als es an der Tür klopfte. Es war Sonntagmittag. Sie hatten nach dem Frühstück eine Schnitzeljagd durch die Wälder des Anwesens organisiert, damit die Neuankömmlinge sich allesamt besser kennenlernen konnten. Enden würde diese an einer Grillhütte an einem kleinen angelegten See, an dem sie heute Abend alle zusammen den Start ihres gemeinsamen Aufenthaltes feiern würden. Doch bis es so weit war, würde er zu Keira fahren.
»Herein!«, rief er, nachdem er das Shirt zurechtgezupft hatte. Bei Yukon wäre es ihm egal gewesen, wenn er ihn halb nackt sähe, aber Yukon klopfte nicht.
»Hast du ein paar Minuten?« Aska steckte schüchtern den Kopf herein.
»Klar.« Samuel brauchte keinen Blick auf die Uhr, um ihr zu antworten. Für sie hatte er immer Zeit. Insbesondere, wenn es nur ein paar Minuten sein sollten. Das war er ihr schuldig.
Aska trat einen Schritt ins Zimmer und schloss die Tür hinter. Ihr Blick wanderte durch den Raum, als müsste sie sich vergewissern, dass sie tatsächlich allein waren.
»Yukon ist nicht da.« Samuel sammelte seine Wäsche vom Bett und warf sie in den Korb.
»Okay.« Sie räusperte sich. »Ich wollte nur fragen, ob du für mich mit Elias sprechen kannst. Er ist wirklich ziemlich sauer und antwortet nicht auf meine Entschuldigungen …«
»Kann ich machen. Verrätst du mir, noch warum ihr gestritten habt? Dann kann ich mir vorher noch Argumente überlegen, warum er der Idiot in der Geschichte ist.« Mit einem schelmischen Grinsen fischte Samuel das benutzt Duschtuch von seinem Stuhl und brachte es zurück in das angrenzende Badezimmer.
Ohne auf seine Bemerkung einzugehen, durchquerte Aska den Raum und ließ sich auf eines der beiden Betten sinken. »Ich habe ihm erst Donnerstag erzählt, dass ich mit Yukon herfahre. Er wusste nicht mal, dass wir Kontakt zueinander haben.«
»Das Thema also.« Samuel lehnte sich in den Türrahmen und sah zu Aska herüber, die niedergeschlagen auf der Matratze kauerte.
»Wieso hast du es ihm nicht erzählt?«, fragte er, wobei er sich die Antwort denken konnte.
»Ich hatte Angst … Elias hasst ihn. Ich wollte nicht, dass er wieder versucht, an ihn heranzukommen.«
Samuel seufzte.
Dass Elias Yukon immer noch verabscheute, war für ihn leider nichts Neues. Er hatte gehofft, dass der Hass seines Bruders verfliegen würde, wenn er zurück in sein Leben trat, aber das war nicht geschehen. Stattdessen schien es fast schlimmer geworden zu sein. Insbesondere nachdem Samuel Elias schweren Herzens erklären musste, was es mit dem Tagebuch auf sich hatte.
»Ich rede mit ihm«, sagte er. »Elias ist eigentlich nicht nachtragend. Wahrscheinlich hat er sich längst wieder eingekriegt und weiß nur nicht, was er sagen soll.«
»Ich hoffe es.« Aska schenkte ihm ein mattes Lächeln. »Sag Yukon bitte nichts davon, ja? Ich möchte nicht, dass er sich zu viele Gedanken macht.«
»Versprochen.«
Keine fünf Minuten später ließ Samuel sich auf den Beifahrersitz von Elias’ Auto fallen. »Danke fürs Abholen.«
»Kein Problem.« Elias setzte den Wagen in Bewegung, bevor Samuel die Tür richtig schließen konnte. Ein Zeichen seiner Ungeduld, die Samuel ihm angesichts ihres Zieles nicht verübeln konnte.
Elias hatte Samuel schon ein paar Mal abgeholt. An den Wochenenden, wenn Samuel zu seinen Eltern nach Hause fuhr und keiner von Williams Angestellten Zeit hatte, ihn zum Bahnhof zu bringen. Eine Hilfe, auf die er angewiesen war, weil er in seinem Leben bisher nicht die Möglichkeit gehabt hatte, einen Führerschein zu machen.
Gewissensbisse hatte er deswegen öfter. Es war nicht seine Absicht, irgendjemandem Unannehmlichkeiten zu bereiten, aber er konnte nichts daran ändern. Seine Eltern waren heilfroh gewesen, ihn wiederzuhaben, und er hatte ihnen versprochen, sie regelmäßig zu besuchen. Was er gerne tat. Zum einen, weil er sie während seiner Zeit als Kilian schrecklich vermisst hatte und zum anderen, weil ihn das Leben bei William mittlerweile zu Tode langweilte.
»Du hast dich mit Aska gestritten«, nahm Samuel nach wenigen Metern Fahrt das Gespräch auf.
»War klar, dass du auf ihrer Seite stehst.«
»Wer sagt, dass ich auf irgendeiner Seite stehe?« Er wandte seinen Blick in Richtung seines Bruders, dessen Augen fest auf die Straße gerichtet waren.
»Tu nicht so. Wir wissen beide, wie sehr du an Yukon klebst. Also unterstützt du auch Askas Entscheidung, mich wegen ihm anzulügen.«
Mit einem tiefen Seufzen ließ Samuel seinen Kopf gegen die Lehne fallen. »Also denkst du, ihre Sorgen waren unberechtigt? Du hättest ihr keine ellenlangen Vorträge darüber gehalten, wie falsch es ist, dass sie sich mit ihm trifft?«
»Darum geht es doch gar nicht.«
»Worum dann?«
Elias öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, entschied sich dann jedoch dagegen. Stattdessen atmete er einmal tief durch und presste die Kiefer aufeinander.
»Ist es wirklich verwerflich, dass ich ihn nicht leiden kann, nach allem, was er dir angetan hat?«
Samuel verdrehte die Augen. Er bereute es, seinen Bruder das Tagebuch lesen gelassen zu haben. Er hatte es nur getan, um ihm eine Erklärung für sein Handeln zu geben. Dass sich daraus ein derartiger Hass entwickelte, hatte er nicht gewollt.
Wenn er das Buch einfach versteckt oder vernichtet hätte, dann hätte Elias nie erfahren, dass Yukon mit der ganzen Geschichte zu tun hatte. Dann hätte Samuel niemandem erklären müssen, was genau Yukon damals getan hatte und niemand würde etwas gegen ihre eigenartige Freundschaft sagen. Nun war es dafür zu spät.
Wenn es wenigstens nur Elias wäre, der ihm diese Freundschaft vorwarf. Aber er merkte es auch bei seinen Eltern. Selbst wenn sie nie etwas in diese Richtung sagten, spürte er es aufgrund ihres Verhaltens. Anhand dessen, wie sie ihn anschauten, wenn er mal über Yukon sprach. Dabei hatte er ihnen nicht im Detail verraten, was dieser ihm angetan hatte. Andernfalls hätten sie ihm womöglich bis zu seinem Lebensende Hausarrest erteilt und persönlich dafür gesorgt, dass er nie wieder einen Fuß auf Williams Anwesen setzte. Allein, weil Yukon dort sein könnte.
»Was er mir angetan hat, liegt weit in der Vergangenheit«, antwortete Samuel. »Er hat sich verändert. Darum hat er eine Chance verdient.«
Elias schnaubte, was Samuel zu einem Seufzen animierte. »Wenn du meinem Urteilsvermögen nicht traust, dann trau wenigstens Lians.«
»Lian kennt nicht die ganze Geschichte.«
»Nein.« Samuel neigte den Kopf zum Fenster. Seine Stimmung war schlagartig abgerutscht. »Die kennt er nicht.«
Wie viel sich ändern würde, wenn Lian alles wüsste. Entweder würde er es verstehen und ihm endlich verzeihen oder er würde sich endgültig von ihm fernhalten. So, wie er es jetzt tat, nur dass sie sich wenigstens ausgesprochen hatten. Samuel redete sich ein, dass beide Fälle für ihn in Ordnung wären. Würde ersteres eintreten, würde das eine gewaltige Last von seinen Schultern nehmen. Würde hingegen zweiteres eintreten, könnte er vielleicht eines Tages abschließen. Dann könnte er sagen, dass er alles versucht hatte, um die längst vergangene Beziehung zu retten. Aber so, wie es jetzt war, fühlte es sich eher so an, als hinge er in einer Schwebe, aus der er sich seit zwei Jahren nicht befreien konnte.
»Sorry, das war taktlos«, murmelte Elias nach einigen Sekunden. »Er zeigt es nicht, aber ich bin mir sicher, er hängt noch genauso an dir, wie du an ihm. Vielleicht solltet ihr–«
---ENDE DER LESEPROBE---