Das Feuer in ihnen - Elina Wörmann - E-Book

Das Feuer in ihnen E-Book

Elina Wörmann

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Beschreibung

Vom Tode gezeichnet, durchs Schicksal vereint, Von Hass zerfressen, wie äußerlich scheint. In Wahrheit geschunden durch endloses Leid, Zwei Menschen verbunden für die Ewigkeit. Von außen verschieden, im Herzen so gleich, Gemeinsam gefangen im Gedankenreich. Trotz tiefster Abscheu einander treu, Zwei junge Seelen, ihrer Leben noch neu. Vor Glut und Asche, sieben Jahre gehegt, Sich das Band des Lebens über den Frieden legt. Genötigt vom Bösen - Wahnsinn und Macht, Das Feuer in ihnen zum Leben erwacht.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Feuer in ihnen
Band 3
Elina Wörmann
Impressum © 2025 Elina Wörmann
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen via Mail ([email protected]) oder unter:Elina Wörmannc/o WirFinden.EsNaß und Hellie GbRKirchgasse 1965817 EppsteinLektorat:Lektorat Lynxwww.lektorat-lynx.deUmschlaggestaltung:inspirited books Grafikdesignwww.inspiritedbooks.atIllustrationen:Anne vom HofeInstagram: @anne.v.hofe
Content Notes
Darstellung von physischer und psychischer Gewalt,
selbstverletzendes Verhalten,
Freiheitsberaubung,
Panikattacken
Kapitel 1
Die erste Nacht im Zelt hatte Samuel sich erholsamer vorgestellt. Mit frischer Waldluft in den Lungen und dem gleichmäßigen Plätschern des nahe gelegenen Baches gab es keinen Grund davon auszugehen, den schlechtesten Schlaf seines Lebens zu bekommen. Doch als er aufwachte, fühlte sein Körper sich wie von einem Traktor überfahren, und sein Kopf schien in einem Schraubstock zu stecken. Ausnahmslos alles tat ihm weh. Und es war dunkel.
Hatte er wirklich nur so kurz geschlafen?
Der Finsternis nach zu urteilen, waren vielleicht vier Stunden vergangen. Höchstens fünf. Eine Zeitspanne, die sich mit dem vertrug, was er hörte: nichts. Das Rauschen der Baumkronen hoch über ihm, das Zwitschern der Vögel, das Rascheln von kleinen Tieren im Laub – nichts davon drang in seine Ohren. Dort lag nur das Geräusch seines Herzschlages, das mindestens genauso nervig war wie das stetige Vibrieren des Waldbodens. Wie sollte er auf diese Weise…
Er schreckte hoch.
Waldboden vibrierte nicht. Und sein Schlafsack sollte auch nicht wie kaltes, dreckiges Holz unter ihm liegen.
Schlagartig war Samuel hellwach. Er versuchte, sich aufzurichten, doch vergebens. Seine Hände weigerten sich, jeglichen Befehl auszuführen. Nur wenige Zentimeter ließen sie sich bewegen, dann wurden sie jedes Mal gestoppt. Von was genau, konnte er nicht sagen, denn ganz egal wie oft er blinzelte und versuchte zu sehen, um ihn herum blieb es finster. Jedoch hatte diese Art der Dunkelheit rein gar nichts mit der Tageszeit zu tun, sondern einzig und allein mit dem Ding, das ihm jemand über den Kopf gezogen hatte.
Bei dieser Erkenntnis schoss sein Puls endgültig in die Höhe. Mühsam quälte er sich auf die Knie und untersuchte den Boden, soweit es ihm möglich war. Er fühlte Eisen. Eine Kette. Handschellen, die in einer Art Öse im Boden befestigt waren und ihn an Ort und Stelle hielten. Und ganz egal, wie sehr er nach einem Verschluss suchte, er konnte nicht herausfinden, wie sich die Handschellen davon lösen ließen.
Schließlich beugte er seinen Oberkörper vor und tastete seinen Kopf ab. Haare, Stirn, Augen – sein halbes Gesicht war von einer dicken Lederhaube bedeckt, die im Bereich seiner Ohren zusätzlich gepolstert zu sein schien und ihn taub machte. Einzig und allein sein Mund lag frei und erlaubte ihm, zu atmen.
Sein Versuch, die Haube abzuziehen, scheiterte. Zwei Ketten wanderten rechts und links seinen Hals hinab und mündeten in einer Art metallenem Halsband, das an seiner Haut zu kleben schien und ihm das Schlucken erschwerte.
Samuel fluchte. Wenn seine Hände nur ein kleines bisschen mehr Spielraum hätten, dann könnte er vielleicht den Mechanismus verstehen, mit dem die Ketten an dem Halsband befestigt waren. So hingegen waren seine Finger sich bei den dürftigen Befreiungsversuchen jedes Mal selbst im Weg. Frustriert gab er auf, legte sich in eine halbwegs angenehme Position und zwang sich, einmal tief durchzuatmen.
Abwarten.
Ruhe bewahren.
Die Panik hatte seine Anima auf den Plan gerufen und das anhaltende Kribbeln in seinem Nacken, das sich anfühlte wie Hunderte von Ameisen, machte ihn wahnsinnig. Er musste runterkommen, damit es verschwand. Etwas anderes konnte er ohnehin nicht tun. Ihm blieb lediglich, sich vor Augen zu führen, was er sicher sagen konnte.
Fest stand, dass er sich in einem Auto befand. Dafür sprachen das stetige Vibrieren und das ein oder andere Schaukeln, wenn der Wagen durch ein Schlagloch oder um eine Kurve fuhr. Zudem lag er nicht in einem Kofferraum. Seiner Beinfreiheit nach zu urteilen, musste es sich bei dem Fahrzeug eher um einen Transporter handeln.
Ob jemand ihn beobachtete?
Er konnte es nicht sagen. Niemand hatte ihn davon abgehalten, den Aufbau um seinen Kopf genauer unter die Lupe zu nehmen, aber das hatte nichts zu bedeuten. Vielleicht hatte er sich schlichtweg zu dämlich angestellt.
Deswegen verwarf Samuel den Gedanken, um Hilfe zu schreien. Wer wusste schon, ob seinen Entführern sein Leben wichtig war. Im schlimmsten Fall würde man ihn knebeln und dadurch ersticken.
Die Zeit verging quälend langsam. Samuel konnte nicht einschätzen, wie lange sie unterwegs waren. Er hatte in der Zwischenzeit ein paar Mal seine Position gewechselt, und so kniete er wieder auf dem harten Untergrund, als das Vibrieren endlich erstarb. Ein sanftes Schaukeln ging durch den Wagen, dann war alles ruhig.
Samuel hob den Kopf, als könnte er dadurch mehr von seiner Umgebung wahrnehmen. In Wahrheit war es ihm jedoch taub und blind unmöglich zu sagen, was da draußen vor sich ging.
Wie viele Personen waren es?
Was planten sie?
Redeten sie überhaupt miteinander oder hatten sie im Voraus alles bis ins kleinste Detail besprochen?
So viel Aufwand für jemanden wie ihn. Dabei hatte er nichts zu bieten. Seine Eltern waren wohlhabend, ja, aber das machte ihn lange nicht zum Sohn eines Königspaars.
Ob es Leute aus der Schule waren?
Er hatte keine Feinde, Elias dafür umso mehr. Vielleicht wollten sie ihm eins auswischen; ihm ein wenig Angst einjagen. Nur erschien Samuel der Aufwand für einen einfachen Jugendstreich bedeutend zu groß.
Ganz abgesehen davon wusste kaum jemand, wo er die kommenden Tage verbringen wollte. Wildcampen mit einem Kumpel. Allein. Abseits jeglicher Zivilisation. Es war nicht legal, doch das hatte ihnen nichts ausgemacht. Genauso wie es Samuel nichts ausgemacht hatte, ohne seinen Freund zu fahren, der aus heiterem Himmel abgesagt hatte. Jetzt hingegen wünschte er sich, er wäre zu Hause geblieben. Niemals hätten seine Eltern ihm erlaubt, den Ausflug alleine anzutreten.
Samuel zuckte zusammen, als etwas Warmes seine Hände berührte. Jemand löste die Ketten aus der Öse und zog ihn auf die Füße.
Er ließ es über sich ergehen. Vorerst. Solange er nicht einschätzen konnte, mit wie vielen Gegnern er es zu tun hatte, ergab ein Kampf keinen Sinn. Erst recht nicht auf diesem engen Raum und ohne etwas sehen zu können.
Entsprechend brav ließ er sich vorwärtsführen. In vorgebeugter Haltung, weil eine Hand des Entführers auf seinen Hinterkopf drückte, als würde er Sorge dafür tragen, dass Samuel sich nicht den Kopf anstieß.
Lächerlich, dachte er. Wenn sie sich so sehr um sein Wohlergehen kümmerten, könnten sie ihm gleich die Fesseln abnehmen und sich mit ihm in irgendein Café setzen.
Er blieb stehen, als eine zweite Hand gegen seinen Brustkorb drückte. Sie verschwand genauso schnell, wie sie gekommen war, gemeinsam mit der anderen. Wieder ging ein Schaukeln durch den Wagen und jetzt, da Samuel stand, kam es ihm vor, als würde er allein dadurch das Gleichgewicht verlieren.
Blind zu sein war beängstigend.
Obwohl er sich denken konnte, was um ihn herum geschah und was der nächste Schritt wäre, rührte er sich keinen Millimeter. Auch dann nicht, als man ihm zwei Mal gegen die Wade tippte. Dabei verstand er genau, was von ihm verlangt wurde: Er sollte aussteigen.
Sie hatten die Rechnung allerdings ohne ihn gemacht. Er würde einen Teufel tun, auch nur einen Fuß nach draußen zu setzen, solange er nicht wusste, wie tief es nach unten ging. Zwanzig Zentimeter? Dreißig? Sicher, er könnte sich vorsichtig vorwärtstasten, doch ganz so leicht musste er es den Leuten nicht machen.
Samuel ahnte, dass sein Verhalten Konsequenzen mit sich bringen würde. Trotzdem erschrak er, als jemand ihn packte und gewaltsam von der Ladefläche zerrte; immerhin darauf bedacht, ihn nicht auf den eiskalten, von Laub und Dreck bedeckten Betonboden fallen zu lassen. Der Untergrund lag unangenehm unter seinen nackten Füßen, und er war froh, als dieser sich nach einigen Metern, in denen er unsanft durch die Gegend geschoben wurde, änderte. Er wurde sauberer und wärmer, genau wie die Luft. Spätestens jetzt mussten sie sich in einem Haus befinden.
Sie bogen zweimal ab, ohne dass Temperatur oder Boden sich weiter änderten, dann tippte ihm abermals jemand gegen die Wade. Samuel seufzte in sich hinein, ehe er gehorchte. Er wagte einen vorsichtigen Schritt nach vorne, fand Halt und zog den zweiten Fuß nach.
Dieser ging ins Leere.
Sein Herz setzte einen Schlag aus.
Vor seinem inneren Auge sah er sich schon die Treppe hinunterstürzen, als sich der Griff des Entführers an seinem Arm festigte und sich eine zweite Hand um seinen Brustkorb legte. Samuel schüttelte sie ab, kaum dass er seinen Halt wiedergefunden hatte. Obwohl er dieses Mal vielleicht dankbar sein sollte, nervte ihn, dass der Fremde auf ihn achtete. Noch mehr nervte ihn, dass sie auf einer Treppe standen, denn damit hatte er seine erste Chance zur Gegenwehr verpasst. Ihm blieb keine andere Wahl, als Schritt für Schritt in die Tiefe zu steigen. Langsam. Eine Stufe nach der anderen. Die Treppe machte einen Bogen und Samuel sehnte sich danach, seine Hände benutzen zu können. Ein Geländer wäre ihm wesentlich lieber als der klammernde Griff seines Entführers.
Noch besser wäre nur, etwas sehen zu können. Statt ihm die Haube überzuziehen, hätte der Kerl sich auch einfach einer Sturmmaske bedienen können. Die wäre wahrscheinlich sogar günstiger gewesen als diese überdimensionierte Mütze.
Samuel war erleichtert, als ein erneuter Untergrundwechsel ihm das Ende der Treppe ankündigte. Zwar war es nicht sein Plan gewesen, sich in irgendein Kellerloch stecken zu lassen, aber hier stand er. In Schlafsachen und mit schmerzenden Gliedern in einer Eiseskälte.
Er sah ein, dass er endlich handeln musste. Er konnte sich nicht sicher sein, wie lange er noch über beinahe uneingeschränkte Bewegungsfreiheit verfügte, und wenn der Fremde ihn erst irgendwo festkettete, war es vorbei.
Samuel schloss die Augen, als würde es irgendetwas ändern, und bereitete sich mental auf seinen Plan vor, während der Kerl ihn tiefer in den Keller führte.
In seinem Kopf klang es ganz simpel: sich umdrehen, den Fremden ausschalten, die Treppe hinaufsprinten und einen Ausgang finden. Wenn sie sich in einem normalen Wohnhaus befanden, standen die Chancen gut, dass die Treppe in einen Flur führte. Dort eine Haustür zu finden, wäre ein Kinderspiel.
Und dann?
In einer Siedlung oder der Stadt hatte er automatisch gewonnen. Nichts würde ihn davon abhalten können, sich die Seele aus dem Leib zu schreien, bis jemand auf ihn aufmerksam werden würde.
Und woanders?
Nun, woanders hätte er es wenigstens versucht.
Mit diesem Gedanken und der stillen Hoffnung, dass er es nur mit einer Person aufnehmen musste, fuhr er herum. Seine Hände schnellten nach oben, dorthin, wo er den Kopf seines Entführers vermutete.
Sie trafen auf Stoff. Der Kerl war größer, als Samuel angenommen hatte, doch er ließ sich davon nicht beirren. In Windeseile korrigierte er sein Ziel, traf endlich auf Haut und dann flutete er die Gedanken des Fremden mit seinen Erinnerungen.
Vorfreude breitete sich in seinem Brustkorb aus.
Er hatte gewonnen.
Das Gehirn seines Entführers würde die vielen Informationen nicht so schnell verarbeiten können und abschalten – so der Plan. Die Verbindung würde abbrechen und Samuel verraten, wann er die Flucht ergreifen konnte.
Vor Aufregung schlug sein Herz schneller.
Gleich.
Gleich war es so weit.
Nur noch einen Moment musste er sich auf die Bilder konzentrieren, die ihm und dem Fremden durch den Kopf schossen. Dann wäre er frei.
Seine Vorfreude wurde von Verwirrung abgelöst, als die Verbindung tatsächlich abbrach und ein bekanntes, elektrisierendes Gefühl auf seine Haut schlug: die Präsenz einer Anima.
Sein Zögern wurde sein Verhängnis.
Ehe Samuel sich versah, legte sich eine Hand in seinen Nacken. Sein Körper wurde zurückgerissen, und er landete mit der Schulter voran auf dem Boden.
Ein stechender Schmerz zog sich durch seinen Arm.
Orientierungslos blieb er liegen.
Sie waren zu zweit. Mindestens. Jemand hob ihn auf, zerrte ihn einige Meter voran und stieß ihn erneut zu Boden. Die Präsenz verschwand.
Samuel ließ den Kopf sinken. Wartete.
Nichts geschah.
Dennoch hatte seine Anima damit begonnen, aufgebracht über seine gesamte Haut herzufallen. Sie wollte raus. Ihn verteidigen. Allerdings würde sie das genauso wenig können wie er selbst.
Dieses Mal hatte er verloren, aber davon würde er sich nicht unterkriegen lassen. Selbst wenn er nicht gezögert hätte, wäre er nicht weit gekommen. Blind eine Treppe zu finden, war zwar machbar, aber er wäre langsam gewesen. Die zweite Person hätte ihn mühelos eingeholt.
Deswegen entschied Samuel, sich nicht zu ärgern. Er hatte sich ohnehin ganz andere Probleme eingebrockt, denn nun wussten diese Leute, dass er eine Fähigkeit besaß.
Verstanden sie überhaupt, was gerade passiert war?
Zumindest der Velatos musste mehr wissen, so stark wie seine Präsenz gewesen war. Aber wie offen ging er mit seinem Geheimnis um?
Samuel seufzte frustriert.
Wer auch immer diese Leute waren, mindestens einer von ihnen wusste jetzt über seine stärkste Waffe Bescheid. Und dieser würde fast schon nicht mehr drum herumkommen, seinen Komplizen davon zu erzählen.
Benommen rappelte Yukon sich auf. Alles drehte sich, aber er zwang sich dazu, den Schwindel zu ignorieren. Zu sehr ärgerte er sich über seinen Fehler. Er war unvorsichtig gewesen, dabei hatte sein Vater ihm jeden Tag eingetrichtert, dass er bei diesem Velatos besonders aufmerksam sein musste. Samuel war ihm jedoch viel zu sympathisch gewesen, um sich auf die Warnung konzentrieren zu können.
Die gesamte Fahrt über war Yukon bei ihm gewesen. Er hatte beobachtet, wie Samuel wach geworden war. Er hatte gesehen, wie er die Handschellen und die Haube untersuchte.
Es hatte ihm gefallen, dass der Junge nicht zu denjenigen Velati gehörte, die sich in eine gekünstelte Panik hineinsteigerten. Die Velati, die offen zeigten, dass sie nicht über menschliche Emotionen verfügten, waren ihm am liebsten.
Sie waren authentisch.
Spielten kein Theater.
Sie lebten in einer Ehrlichkeit, die Yukon zu schätzen wusste und die ihm seine Arbeit angenehmer gestaltete.
»Was ist passiert?«
Ehe Yukon festen Halt unter seinen Füßen fand, stand sein Vater vor ihm. Keine Hilfe. Nicht einmal die Frage danach, ob es ihm gut ging. Da war nichts als der tadelnde Blick, mit dem Alexander auf ihn herabsah.
»Erinnerungen oder so«, antwortete Yukon heiser. Er hatte seine Stimme noch nicht wiedergefunden. Genauso wie er noch nicht verarbeitet hatte, was geschehen war. In einem Moment hatte er Samuel durch den Keller geführt und im nächsten wurden seine Gedanken von so vielen Bildern geflutet, dass sie eher einer Ansammlung von Farben, Formen und Tönen glichen.
»Enttäuschend.« Alexander wandte sich ab.
Yukon nickte nur.
Objektiv betrachtet hatte Samuels Fähigkeit einen denkbar schlechten Nutzen, aber darüber war er gerade überaus dankbar. Allein der Gedanke daran, was hätte passieren können, wenn ihm dasselbe mit dem anderen geschehen wäre, bescherte ihm eine Gänsehaut.
»Wir kümmern uns morgen um das Problem«, fuhr sein Vater mit dem Gespräch fort, während er auf die Treppe zumarschierte. »Sieh zu, dass du um neun bereit bist. Ich werde bis dahin mit Martens sprechen. Ein solcher Fehler darf ihm nicht noch einmal passieren.«
Wieder brachte Yukon nur ein Nicken zustande. Paul Martens war einer ihrer Informanten, und bei der Stimmlage, die Alexander an den Tag legte, tat Yukon der Kerl fast leid. Die Lebensgeschichte eines Velati aufzudecken war kein einfacher Job.
Seinen Typ bestimmen? Fast unmöglich.
Allerdings war diese Information die Wichtigste von allen.
»War wenigstens etwas Brauchbares dabei?«, rief Alexander ihm über die Schulter zu, als Yukon gerade den Flur erreichte.
»Mir ist nichts aufgefallen, aber ich werde darüber nachdenken«, erwiderte er, obgleich er nicht glaubte, aus dem Wirrwarr in seinem Kopf irgendetwas Nützliches zu ziehen. Samuel Mohre gehörte ohnehin zu den wenigen Auserwählten, die sie bis ins letzte Detail studiert hatten.
»Dann bis morgen.« Alexander verschwand in seinem Schlafzimmer. Yukon tat es ihm gleich. Er war hundemüde. Normalerweise war neun Uhr war eine Zeit, über die er sich gefreut hätte, aber heute?
Sein Blick glitt zu den grünlich leuchtenden Ziffern seines Weckers.
Heute bedeutete neun Uhr sechs Stunden Schlaf, wenn er auf der Stelle umfiel.
Er ließ sich auf sein Bett fallen, zog sich die Decke bis über die Schultern und schloss die Augen. Vorher entledigte er sich nur seiner Schuhe; seine Klamotten ließ er an. Ob er sie jetzt wechselte oder am Morgen, machte keinen Unterschied, und ihm fehlte die Energie, um länger auf den Füßen zu bleiben.
Allerdings dachte sein Gehirn, wie erwartet, nicht ans Einschlafen. Je länger er dalag, eingehüllt in angenehme Stille, desto mehr drängten sich Samuels Erinnerungen zurück in sein Bewusstsein. Belanglose Bruchstücke von Szenen aus einem Alltag, der Yukon nicht weniger interessieren könnte.
Bis ihm ein klitzekleines Detail auffiel.
Ein Widerspruch zwischen dem, was er sah, und dem, was er geglaubt hatte zu wissen. Und je länger er darüber nachdachte, desto mehr wandelte sich dieses Detail in eine Frage, die sein Weltbild erschütterte:
Warum fühlte dieser Kerl?
Kapitel 2
Stunden vergingen, in denen nichts geschah. Zu Beginn seiner Einsamkeit hatte Samuel sich die Zeit genommen, jeden Winkel seines kleinen Gefängnisses abzutasten, war aber nur zu drei Erkenntnissen gekommen.
Die erste war, dass er allein zu sein schien. Zumindest war er bei seiner Erkundungstour über niemanden gestolpert. Ein Aufpasser könnte ihm zwar aus dem Weg gegangen sein, doch Samuel genoss den Gedanken, beim Pinkeln nicht beobachtet zu werden.
Der Besitz einer Toilette war seine zweite Erkenntnis gewesen. Er hatte noch nie eine solche Erleichterung empfunden wie in dem Moment, in dem er die Keramikvorrichtung an der Wand identifizierte. Daneben hatte er zudem ein funktionsfähiges Waschbecken gefunden und schnell festgestellt, dass das Wasser daraus trinkbar war. Zwei Anzeichen dafür, dass seine Entführer keine kompletten Unmenschen waren. Ein Gedanke, der ihm etwas Hoffnung schenkte.
Sein letzter Fund war ein Bett gewesen. Dieses hatte seine Laune allerdings umgehend zerschlagen, denn die Matratze wirkte so durchgelegen, dass Samuel gar nicht wissen wollte, wie sie aussah. Erst hatte er die dünne Decke als Bezug nehmen wollen, um nicht auf dem womöglich gammelnden Stoff liegen zu müssen, aber die Kälte in dem Raum hatte ihm schnell einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Schlussendlich hatte er also die restliche Zeit unter der Decke auf dem Bett verbracht und gewartet. Anfangs hatten seine Gedanken ihm gute Beschäftigung geboten, aber irgendwann hatte die Langeweile endgültig gesiegt. Sie hatte ihm sogar seine Angst geraubt und ihn dazu verleitet, sich vorerst mit seiner Situation zu arrangieren. Auch, weil er zu dem Entschluss gekommen war, dass seine Entführer ihm längst etwas angetan hätten, wenn dies ihr Plan wäre. Demnach blieb eine Lösegeldforderung seine logischste Überlegung.
Das Gute daran war, dass er sich damit sicher sein konnte, bald wieder frei zu sein. Seine Eltern würden jede Summe für ihn zahlen, völlig egal, wie viele Nullen am Ende hingen. Sie liebten ihn. Wenn nötig, würden sie die ganze Welt in Bewegung setzen, um ihn wohlbehalten zurückzubekommen. Es war also nur eine Frage der Zeit.
Dennoch seufzte er zum gefühlt hundertsten Mal, seit er hier unten zurückgelassen worden war. Trotz seiner Hoffnung wünschte er sich, dass zumindest irgendetwas passierte. Er langweilte sich zu Tode, und das Leitungswasser leistete ihm angesichts seines knurrenden Magens einen denkbar schlechten Job.
Er bereute seinen Wunsch, als sich etwas um seine Kehle legte. Finger eines Menschen, die nicht zögerten, ihm die Luft abzuschnüren.
Ein erstickter Laut entfuhr ihm. Instinktiv griff er nach den Händen. Bereit, seine Fähigkeit ein weiteres Mal zu seiner Verteidigung einzusetzen, als er Gummi spürte, wo Haut sein müsste.
Handschuhe.
Der Kerl hatte sich wirklich Handschuhe angezogen.
In seiner aufkommenden Verzweiflung bohrte Samuel seine Fingernägel tiefer in das weiche Material.
Vergebens.
Wer immer ihn angriff, ließ nicht locker und allmählich spürte Samuel, wie ihm der Sauerstoff ausging.
Adrenalin schoss ihm durch den Körper. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen, während er auf die Arme des Mannes einschlug – was mit Handschellen denkbar schlecht funktionierte.
Sein Körper zuckte, wandte sich unter dem eisernen Griff des Fremden. Schiere Panik überkam ihn und er konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen schossen. In einem letzten Versuch riss er seine Arme nach oben.
Er musste Haut treffen. Hals, Gesicht, irgendetwas – aber er traf nur eine stoffbedeckte Schulter.
Ihm wurde schwindelig. Seine Arme sackten kraftlos herunter. Lange würde er nicht mehr durchhalten. Er brauchte Sauerstoff. Dringend. Wenn er sich nicht von den Fingern befreite … die plötzlich ganz von selbst ihren Platz verließen.
Keuchend rollte Samuel sich auf die Seite. Er rang nach Luft, die sich wie tausend winzige Messerstiche in seine Lungen bohrte und ihn zum Husten zwang.
Eine Pause gönnte man ihm trotzdem nicht. Ohne Umschweife zerrte sein Entführer ihn auf die Beine und zog ihn durch den Raum. Samuel ließ es über sich ergehen. Stolpernd und schwer atmend. Er hatte Mühe, mit dem Fremden mitzuhalten, und war entsprechend froh, als er irgendwo abgestellt wurde. Rauer Boden lag unter seinen Füßen. Hier gab es keine Fliesen und die Luft war ein gutes Stück wärmer. Unter anderen Umständen hätte Samuel sich über diese Veränderung freuen können, wohingegen er jetzt nichts anderes empfand als Angst. Seine Sorglosigkeit hatte sich binnen eines Wimpernschlages in Luft aufgelöst.
Dass sein Begleiter sich an seinem Kopf zu schaffen machte, änderte daran wenig. Erst, als gleißendes Licht in seine Augen fiel, verstand er, dass derjenige ihm die Haube abnahm. Unter der plötzlichen Helligkeit kniff Samuel die Lider zusammen. Der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel stieg ihm in die Nase und benebelte einen Moment lang seine Wahrnehmung.
Er zog den Kopf ein, als könnte er dadurch den Reizen entfliehen. Eine Geste, die seinen Entführer komplett kaltzulassen schien, denn dieser schob ihn bloß tiefer in den Raum hinein. Eiskaltes Metall legte sich unter seine Füße, dann dröhnte eine Männerstimme in seinen Ohren: »Vierundsechzig.«
Nach den Stunden des Taubseins erschien sie ihm viel zu laut. Gleichzeitig war es für Samuel wie ein Segen, endlich wieder hören zu können.
»Größe?«, meldete sich eine zweite, ältere Stimme aus der anderen Ecke des Raumes.
Der Mann an Samuels schob ihn von der Waage und stellte ihn mit dem Rücken gegen ein Zentimetermaß, das direkt daneben an der Wand befestigt war.
»Einssechsundsechzig«, antwortete er auf die Frage.
»Achtundsechzig«, korrigierte Samuel ihn mit fester Stimme. Seine Größe war ihm heilig. Erst Anfang dieses Jahres hatte sein Körper sich dazu entschieden, ihn in die langersehnte Wachstumsphase zu schicken. Darum würde er sich nicht mit falschen Maßen zufriedengeben, ganz gleich, wie absurd es in dieser Situation sein mochte.
»Was nun?«, meldete sich der zweite Mann zu Wort. Er saß mit ungeduldiger Miene hinter einem schlichten Schreibtisch. Seine Finger ruhten auf der Tastatur eines Laptops.
»Achtundsechzig«, bestätigte der erste. Er war groß, überragte Samuel um beinahe einen ganzen Kopf und sah dem anderen wie aus dem Gesicht geschnitten aus. Samuel brauchte keine zweite Meinung, um zu wissen, dass er es mit Vater und Sohn zu tun hatte.
Während der Ältere die Maße in seinen Laptop tippte, machte der Jüngere sich daran, Samuel zu einer metallenen Liege zu führen, die in der Mitte des Raumes stand. Vier Lederriemen befanden sich daran. Zwei am Fußende, zwei an den Seiten – zwei für seine Beine, zwei für seine Arme. Ein Anblick, bei dem Samuel froh darüber war, sich endlich an die Helligkeit gewöhnt zu haben.
Vergiss es, schoss es ihm durch den Kopf. Er rammte seine Füße in den Boden und seinen Ellenbogen in die Magengrube seines Aufpassers. Dann fuhr er herum, sprintete zur Tür und riss sie auf.
Sie war nicht abgeschlossen.
Er stolperte auf den Flur. Ein kurzer Blick reichte, um die Treppe auszumachen, über die er hergekommen war. Wie von selbst schlug sein Körper die richtige Richtung ein.
Sein Herz machte einen Freudensprung. Gleich war er frei – nur noch die Treppe hoch. Solange er seinen winzigen Vorsprung beibehielt, würde er es schaffen.
Doch genauso schnell wie seine Hoffnung erwacht war, erstarb sie. Etwas fiel ihm in den Rücken und brachte ihn zu Fall. Der Länge nach schlug er auf den steinharten Boden, und das unerwartete Gewicht presste ihm die Luft aus den Lungen.
Es war das eines jungen Mannes, der sich schneller wieder gesammelt hatte, als Samuel lieb war.
»Heute nicht«, knurrte er ihm von hinten ins Ohr.
Geschlagen ließ Samuel die Stirn gegen den Beton sinken. Nur einen kurzen Moment, denn im nächsten wurde er von dem Mann am Nacken gepackt und zurück auf die Füße gezogen. Sein Blick fiel auf das schneeweiße Hemd des Vaters, der sich keinen Meter von ihnen entfernt aufgebaut hatte. Er hatte einen Ärmel hochgekrempelt und holte gerade mit der linken Hand aus.
Samuel rutschte das Herz in die Hose.
Er kannte Schläge durch die unzähligen Prügeleien, die Elias ihnen eingebrockt hatte, dennoch war er nie davon ausgegangen, dass ein Erwachsener je die Hand gegen ihn erheben könnte.
Instinktiv kniff er die Augen zusammen. Er erwartete nicht viel Zeit zum Nachdenken, aber es war genug, um zu realisieren wie misslich seine Lage war. Und unter dieser Erkenntnis biss er gerade rechtzeitig die Zähne zusammen, ehe das Klatschen von Haut auf Haut ertönte.
Die Schmerzen blieben aus.
Lediglich der Griff in seinem Nacken festigte sich. So sehr, dass Samuel kurz den Puls seines Aufpassers über seinem eigenen spürte.
»Wie oft habe ich dir jetzt gesagt, dass du bei dem hier besser aufpassen musst?«, brüllte Alexander seinem Sohn entgegen.
Dieser wischte sich einen Faden aus Blut und Speichel aus dem Gesicht. »Kommt nicht wieder vor.«
»Das rate ich dir.« Alexander packte Samuel am Arm und schleifte ihn zurück in den Raum, aus dem er soeben geflohen war.
Dieses Mal leistete Samuel keine Gegenwehr.
Es würde nichts bringen, solange einer der beiden sich hinter ihm befand. Ganz abgesehen davon, hatte er keine Lust darauf, der Nächste zu sein, der Schläge kassierte.
»Es ist eine Enttäuschung, dass du nach dem Vorfall gestern nichts gelernt hast«, schimpfte der Mann weiter, während er Samuel gewaltsam auf die stählerne Liege drückte und sich daran machte, seinen linken Arm in die Schlinge zu zwingen. »Dich zwei Mal von einem Velatos überwältigen zu lassen ist eine Peinlichkeit, die ich nicht länger dulde.«
Samuel horchte auf. Sie wussten, was er war?
Er ließ seinen Blick über den Riemen wandern, der sich unangenehm eng um seinen Unterarm spannte, betrachtete die kahlen Wände und schlussendlich den Mann, der sich gerade an seinem Fußgelenk zu schaffen machte. Auf einmal kam ihm der Gedanke nach einer Lösegeldforderung außerordentlich lächerlich vor.
Mit der wiederaufsteigenden Furcht kehrte auch sein Kampfgeist zurück. Er zögerte nicht länger, riss das Knie zurück und trat nach Alexanders Gesicht.
Leider zeigte sich dieser wenig beeindruckt von dem Versuch. Mit einer gekonnten Bewegung packte er den Fuß aus der Luft und donnerte ihn mit einer Kraft auf die Liege, die Samuel ihm nicht zugetraut hätte. Ein Zischen entfuhr ihm unter dem stechenden Schmerz, der sich von seiner Ferse bis in die Kniekehle zog.
»Hast du verstanden?« Der Mann schloss den Riemen und wandte sich dann seinem Sohn zu, der immer noch neben der Tür stand.
»Ja.«
»Dann kümmere dich um den Rest. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
Mit diesen Worten verschwand Alexander irgendwo in den hinteren Teil des Raumes, wo Samuel ihn nicht sehen konnte.
Dafür kam sein Sohn umso näher. Mit ein paar wenigen Handgriffen entfernte er die Handschellen und fixierte auch Samuels rechten Arm.
Wütend stemmte sich der Junge in die Fesseln. »Was bin ich? Euer Versuchskaninchen?«, maulte er, obwohl er wusste, dass seine Wut keine Wirkung hatte. In seiner derzeitigen Position stellte er für niemanden auch nur im Ansatz eine Gefahr dar. Deswegen war er nicht überrascht, als keiner der beiden Männer sich verpflichtet fühlte, ihm zu antworten.
Schnaubend ließ Samuel den Kopf sinken. Sie mochten ihn ignorieren, aber das hielt ihn nicht davon ab, dem Jüngeren der beiden giftige Blicke zuzuwerfen. Wenn sie unbedingt an Velati herumschnippeln wollten, warum fing der alte Sack dann nicht bei seinem Sohn an?
Verdammte Vatergefühle.
Samuel runzelte unter dem Gedanken die Stirn. Wer sein eigenes Kind schlug, machte sich womöglich nicht viel aus dessen Wohlergehen. Ahnte der Mann also nichts von der zweiten Seele, die in seinem Jungen schlummerte? Das würde erklären, warum dieser sie verborgen hielt.
Er schmunzelte, wandte den Blick von seinem Entführer ab und richtete ihn stattdessen auf die Neonröhre über sich. Ihm gefiel die Wendung, die das Ganze nahm. Seine Fähigkeit mochte ihm keine Hilfe mehr sein, aber mit dieser Information brauchte er sie vorerst auch nicht mehr.
Jedoch brachte Samuel es noch nicht über sich, den Velatos direkt zu verpfeifen. Sein schlechtes Gewissen plagte ihn bereits, wenn er darüber nachdachte. Evolutionsbedingt waren Velati einander übermäßig empathisch, somit war ein Verrat, der mit dem Tod des jeweils anderen enden konnte, kaum übers Herz zu bringen. Was in Samuel die Frage aufwarf, warum sein Gegenüber sich nicht genauso schuldig fühlte. Er musste sich für seine Taten verabscheuen. Demnach könnte dieser Kerl seine Freikarte nach draußen werden, wenn er sich nur ansatzweise geschickt anstellte.
Ein weiterer Punkt, der dafürsprach, ihn noch nicht an seinen Vater zu verraten. Jedoch würde er seinen Plan davon abhängig machen müssen, was die beiden mit ihm vorhatten. Mit ein paar Organen weniger könnte es kompliziert werden, diesen Ort zu verlassen.
»Mund auf.« Der fremde Velatos war wieder an ihn herangetreten.
»Sonst was?«, gab Samuel patzig zurück. Nicht seine intelligenteste Reaktion, aber er musste herausfinden, wie weit die beiden gehen würden.
Der Kerl antwortete ihm nicht. Stattdessen presste er Daumen und Zeigefinger gegen Samuels Wangen, bis der Druck so schmerzhaft wurde, dass er tatsächlich den Mund öffnete. Kurz überlegte er, dem Fremden in die Finger zu beißen, doch da hatte dieser schon eine seltsam aussehende Zange zwischen seine Kiefer geschoben, die seinen Mund unangenehm weit offen hielt.
Was folgte, war eine schier endlos lange Untersuchung. Seine Entführer inspizierten seine Zähne, prüften seine Reflexe, begutachteten seine Ohren und Augen, …
Es wurde alles getestet, was man von Arztbesuchen kannte. Mit dem Unterschied, dass diese Männer sich offenbar nicht auf eine Fachrichtung festgelegt hatten und seine Mitarbeit nicht gefordert war. Niemand wollte auch nur die geringste Kleinigkeit von ihm wissen. Wahrscheinlich, weil sie wussten, dass Samuel jegliche Kooperation verweigert hätte.
Allgemein wurden in der gesamten Zeit kaum Worte gewechselt. Es war offensichtlich, dass die beiden diese Behandlung nicht zum ersten Mal durchführten, und der Gedanke daran, dass sie genau wussten, was sie taten, beunruhigte Samuel. Wenn sie wirklich vom Fach waren, hatten sie wahrscheinlich allerlei Möglichkeiten, Stoffe zu beschaffen, mit denen er lieber nicht in Berührung kommen wollte.
Das war einer der Gründe, weshalb er irgendwann aufgab, ihnen ihre Arbeit so nervig wie irgend möglich zu gestalten. Vollkommen ruhig ließ er die Tests über sich ergehen, bis sich etwas Kaltes auf seine Armbeuge legte. Neugierig wandte er den Kopf, doch alles, was er sah, war seine feuchte Haut und Alexander, der sich gründlich die Hände desinfizierte.
Samuel verzog unter dem beißenden Geruch das Gesicht, bis ihm noch etwas anderes in die Nase stieg. Wein, wenn seine Sinne ihn nicht täuschten. Der Mann hatte getrunken. Jetzt, da er nah an seiner Seite stand, konnte Samuel seinen Atem riechen.
Er war im Begriff, einen bissigen Kommentar abzugeben, als er den dünnen Schlauch bemerkte, den sein Entführer von einem Rollwagen nahm. An dessen Ende hing eine Nadel, die für Samuels Geschmack eindeutig zu groß war.
Seine Augen weiteten sich. »Was wird das?«
Der Mann beachtete ihn nicht. Natürlich nicht. Stattdessen begann er, mit Zeige- und Mittelfinger Samuels Armbeuge abzutasten, ehe er die Kanüle anlegte.
Eilig wandte Samuel den Blick ab.
Übelkeit stieg in ihm auf.
»Sieh an«, die Stimme des Velatos drang ihm in die Ohren. »Der Junge hat Angst vor Nadeln.«
Vor Frust und Scham schloss Samuel die Augen. Dass seine Entführer es bemerkten, gefiel ihm nicht, aber es gab eben Dinge, die selbst er nicht verbergen konnte.
Sein Arm zuckte, als ein kurzes Stechen das Eindringen der Nadel ankündigte.
»Sie sind Arzt«, brachte Samuel hervor, um sich von dem anhaltenden Druck des Metalls in seiner Vene abzulenken. »Sie experimentieren an Menschen.«
»Du bist kein Mensch.«
Samuel schnalzte mit der Zunge. Dieser Typ konnte ihn die ganze Zeit ignorieren, aber das musste er klarstellen.
»Menschlicher als Sie auf jeden Fall«, gab er zurück, doch ihm wurde längst keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Er verdrehte die Augen und wagte einen kurzen Blick auf seinen Arm, wobei ihm der Anblick des Blutes, das quälend langsam durch den Schlauch floss, den Rest gab. Trotzdem, er hatte es sehen müssen. Zu wissen, dass sie ihm nichts zuführten, beruhigte seine Nerven und seine Anima.
»Mach das hier fertig«, sagte der Arzt an seinen Sohn gerichtet, während er zur Tür ging. In der Hand hielt er einen kleinen, mit Blut gefüllten Zylinder.
»Mache ich.«
Die Tür fiel ins Schloss, bevor der Satz die Lippen des Velatos vollständig verlassen hatte. Augenblicklich wurde er ein paar Zentimeter kleiner. Mit hängenden Schultern und einem sichtlich entspannteren Gesichtsausdruck, umrundete er die Liege und machte sich an dem kleinen Rollwagen zu schaffen.
In der Zwischenzeit wagte Samuel einen zweiten Blick auf seinen Arm. Der Schlauch steckte noch, aber eine kleine Klemme verhinderte, dass sein Blut weiterfließen konnte.
»Hände auf.« Plötzlich stand der Velatos wieder an seiner Seite.
Nur widerwillig kam Samuel der Anweisung nach und legte seine Hände flach auf die kalte Liege. Mit dem Ding im Arm war sein Wunsch nach Gegenwehr endgültig im Keim erstickt worden.
Hilflos sah er dabei zu, wie der Kerl etwas zur Hand nahm, das er noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Eine abenteuerliche Vorrichtung, die aussah, als wäre sie eigens für einen ganz bestimmten Zweck von seinen Entführern entworfen worden: Er setzte auf jeden von Samuels Fingern eine kleine Metallkappe. An jeder davon befanden sich zwei dünne Ketten, die sich über seinen Handrücken schlängelten und schließlich in einem Armreif zusammenliefen. Offenbar, damit die Kappen nicht herunterrutschten.
Mit einem Klick rastete das Schloss des Armreifs ein. Dann wiederholte der Mann die Prozedur bei der anderen Hand.
Samuel ließ den Kopf zurück auf die Liege sinken. Das wars – seine Fähigkeit außer Gefecht gesetzt mit ein paar Fingerhüten. Wäre die Situation nicht so ernst, hätte er darüber lachen können. Stattdessen wünschte er sich nun, eine Fähigkeit zu besitzen, die nicht von seinen Berührungen abhängig war. Wobei …
Er wandte den Blick zum Schreibtisch, wo der Velatos die Lederhaube abgelegt hatte.
Wenn er eine Fähigkeit hätte, für die er seine Nervenbahnen nicht brauchte, dann würde er dieses Ding wohl immer noch tragen.
»Mir ist langweilig«, sagte er, als der Velatos mit dem Treffen seiner Sicherheitsmaßnahmen fertig war.
Wie lange er wohl schon hier lag?
Eine Stunde? Zwei? Einzuschätzen, wie viel Zeit hier unten verging, war schier unmöglich.
»Halt die Klappe.« Der Mann machte sich an Samuels Arm zu schaffen. Dieser hatte in der Zwischenzeit die Lider geschlossen. Sein Hirn fühlte sich an wie Matsche.
Lag es am Schlafmangel? Am fehlenden Frühstück? An seinem abfallenden Adrenalinpegel? Wahrscheinlich war es die Kombination aus allem zusammen.
»Knebel mich doch, wenn es–« Ein Zischen entfuhr ihm, als der Velatos die Nadel aus seinem Arm riss. Er war viel zu grob. Und langsam. Samuel spürte, wie ihm das Blut den Arm herunterlief, bevor sein Entführer die Wunde verband.
»Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst.«
Ein schwaches Lächeln huschte über Samuels Lippen. »Deine Drohungen machen mir keine Angst. Ich weiß, dass ich dir überlegen bin.«
»Und du hast eine gestörte Selbstwahrnehmung.«
»Für jemanden, der nicht reden will, quatschst du ganz schön viel.«
Der Velatos schnaubte. Anschließend hörte Samuel das vertraute Geräusch einer Flasche, die geöffnet wurde. Dazu legte der Mann eine Hand unter seinen Kopf, um diesen etwas anzuheben und Samuel in Trinkposition zu bringen.
»Schluck«, kam der Befehl beinahe zeitgleich mit dem Plastik an Samuels Lippen.
Einen Moment überlegte er, dem Typen das Getränk ins Gesicht zu spucken, aber sein Durst war zu groß und das kühle Wasser, das ihm langsam eingeflößt wurde, viel zu verlockend.
Er atmete tief aus, als der Mann ihm die Flasche vom Mund nahm und seinen Kopf ablegte.
Mehr.
Er wollte mehr.
Doch er würde garantiert nicht darum betteln. Konnte er auch nicht, denn der Velatos verließ ohne ein weiteres Wort den Raum, was Samuel vermuten ließ, dass die Untersuchungen vorerst beendet waren.
Zitternd atmete er durch und rief sich ins Gedächtnis, was er sich schon in der Zelle ununterbrochen gesagt hatte: Es könnte schlimmer sein.
Die Behandlungen waren unangenehm, aber erträglich. Außerdem wirkten seine Entführer noch immer nicht, als wollten sie ihn zeitnah umbringen. Er hatte Wasser, eine funktionierende Toilette und ein Bett. Zudem Gesellschaft, mochte diese noch so distanziert sein. Die Liste der halbwegs positiven Dinge war somit länger als die der negativen. Es gab keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Insbesondere, weil er immer noch einen Plan hatte.
Kapitel 3
Der erste Tag war für gewöhnlich der langweiligste. Zumindest empfand Yukon es nicht sonderlich spannend, seinem Vater bei den Untersuchungen zu assistieren.
Heute jedoch stellte es sich anders dar.
Er hatte sich damit beschäftigt, ihren Besucher genauestens zu beobachten und war nicht enttäuscht worden. Samuel verhielt sich noch am ehesten wie jemand, der keine Emotionen besaß. Seine verhältnismäßig ruhige Art und die Befreiungsversuche sprachen für all das, was sein Vater ihn immer gelehrt hatte: Velati fühlten nichts, außer dem Drang am Leben zu bleiben. Ein Selbsterhaltungstrieb, wie er in jedem Tier zu finden ist.
Nur hatte Samuel offen gezeigt, dass er Angst vor Nadeln hatte. Seine Reaktion war eindeutig gewesen. Unter anderen Umständen wäre Yukon davon ausgegangen, dass sein Verhalten nichts als Show wäre, aber dafür war ihm das, was er in Samuels Erinnerungen empfunden hatte, viel zu gut im Gedächtnis geblieben.
Die Erinnerungen hatten ihn die ganze Nacht wachgehalten. Er musste wissen, wie viel von dem, was er gespürt hatte, noch in dem Jungen steckte, denn Emotionen waren für ihn das Einzige, was einen Menschen von einem Velati unterschied.
Velati sahen menschlich aus. Sie sprachen und verhielten sich genau gleich. Ja, sie besaßen Fähigkeiten, aber darauf legte Yukon keinen Wert. Denn Fähigkeiten allein waren nicht gefährlich. Es waren die Besitzer, die sie zu einer Waffe missbrauchten – und kein Besitzer war skrupelloser als einer, der nichts empfand.
Ganz abgesehen davon wussten so viele Velati nicht über ihre Kräfte Bescheid, dass dieses Detail lediglich einen Tropfen auf dem heißen Stein darstellte. Deswegen hatte Yukon sich an den Gefühlen aufgehangen. Sein Vater hatte ihm immer und immer wieder gepredigt, dass Velati hervorragende Schauspieler waren, weil sie andernfalls nicht in der Gesellschaft zurechtkämen. Und Yukon hatte es geglaubt. Jedes Mal, wenn einer ihrer Gäste in Panik verfiel, ihn beleidigte oder sich einschleimen wollte, hatte Yukon sich vor Augen geführt, dass all diese Versuche nur Theater waren.
Allein diese Denkweise hatte ihn davor beschützt, in seinem schlechten Gewissen zu ertrinken. »Ich bin nicht wie sie«, hatte er sich eingeredet.
Zwar mochte er eine Anima besitzen, aber er lehnte sie aktiv ab. Er brauchte sich nicht mit ihnen identifizieren. Er brauchte sich nicht schlecht fühlen. Velati waren eine Gefahr für die Gesellschaft und er tat das einzig Richtige, indem er half, sie zu erforschen und zu bekämpfen.
Entsprechend gemischt waren seine Gefühle, als er mit einem Pappteller die Treppe in den Keller hinuntermarschierte. Er hatte Samuel nur kurz allein gelassen, um ihm Essen zu holen, und trotzdem wirkte der Junge übertrieben erleichtert, als Yukon in den Raum zurückkam.
Die zweite Emotion, die er heute bei ihm beobachten konnte. Die zweite Emotion, bei der er sich nicht sicher war, ob sich mehr dahinter verbarg.
»Nicht gerade verantwortungsvoll, mich hier alleine zu lassen«, murrte Samuel, als er den Kopf wieder auf die Liege sinken ließ.
Yukon stellte den Teller auf seinem Bauch ab und befreite die Arme von den Fesseln. »Wieso? Angst, dass dir die Lampe auf den Kopf fällt?«
Samuel schnaubte. »Eher, dass ich ohnmächtig werde und an meiner Kotze ersticke.«
»Das ist kaum möglich. Jetzt iss.«
»Wäre mir lieber, wenn du mich erst auf die Toilette lässt.«
»Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen.«
Samuel richtete seinen Oberkörper auf, wobei er sichtlich unbeholfen darauf achtete, das Essen nicht auf den Boden zu werfen. »Dann bist du gleich in der Position, meine Pisse aufzuwischen, wenn du mich nicht gehen lässt.«
Genervt stieß Yukon die Luft aus. Er hatte keine Lust, dem Jungen seinen Befehlston durchgehen zu lassen. Gleichzeitig hatte er noch weniger Lust, den Raum zu putzen. Insbesondere, weil die Belüftung hier unten nur mäßig funktionierte und er den Gestank somit noch die kommenden Tage ertragen müsste.
Also gab er nach. Er befreite Samuels Füße von den Riemen und führte den Jungen zurück in seine Zelle.
»Du hast zwei Minuten«, sagte er, während er die Tür ins Schloss fallen ließ. Dann zog er den Ärmel seines Pullis zurück, warf einen Blick auf die Armbanduhr und holte schließlich den Teller.
Sein Magen knurrte. Heute Morgen war er länger im Bett geblieben und hatte dafür sein Frühstück ausfallen lassen. Wäre sein Vater vorhin nicht zufällig in der Küche gewesen, hätte er erst sich selbst etwas zu Essen gemacht, doch in seiner Anwesenheit war das unmöglich gewesen.
Wie angekündigt öffnete er nach exakt zwei Minuten die Zellentür. Samuel war noch dabei, sich die Hände zu waschen, und so begrüßte ihn das Rauschen von Wasser und das leise Klimpern der Ketten, die die Fingerhüte an Ort und Stelle hielten.
Auf den ersten Blick schien das Konstrukt unnötig aufwendig. Handschuhe hätten einen ebenso guten Dienst getan, nur wären sie leichter zu beschädigen und auf Dauer schlechter für die Haut. Eine Weile hatten sie deswegen Kettenhandschuhe als Alternative ausprobiert, aber diese rentierten sich aufgrund von Größenunterschieden nicht. Also waren sie schlussendlich bei den Fingerhüten gelandet und dabei geblieben.
»Hier.« Yukon hielt Samuel den Teller entgegen.
Ohne auf das Angebot einzugehen, stellte Samuel das Wasser ab und wischte sich die Hände an seiner Hoste trocken. »Wären Seife und Handtücher wirklich zu viel verlangt?«
»Mit Seife kannst du dich vergiften.«
Und mit Handtüchern ersticken.
Er wusste, wovon er sprach. Früher hatten sie sich mehr Mühe damit gegeben, ihre Gäste zu versorgen. Allerdings hatten sie mit jedem kaputten Teller, jeder Vergiftung, jeder gescheiterten Erdrosselung – kurz gesagt, mit jedem Suizidversuch – dafür sorgen müssen, die Möglichkeiten der Selbstverletzungen auf ein Minimum zu reduzieren. Dass Samuel eine Decke besaß und sich überhaupt frei bewegen konnte, lag einzig und allein daran, dass Alexander viel von ihm hielt.
»Scheinst dich auszukennen.« Endlich nahm Samuel den Teller entgegen und verkrümelte sich auf das Bett.
»Man lernt mit der Zeit.«
»Dann bin ich nicht der Erste hier?«
»Nein.«
»Was ist aus den anderen geworden?«
»Die meisten sind tot.«
Yukon lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. Eigentlich unterhielt er sich nicht so ausführlich mit ihren Besuchern, aber Samuel wollte er kennenlernen. Außerdem hatten sie nicht vor, ihn jemals wieder gehen zu lassen, also machte es keinen Unterschied machte, wie viel er erfuhr.
»Tot?«, wiederholte Samuel unter einem erstickten Lachen. Er war damit beschäftigt, eine der Brötchenhälften aufzuheben, was ihm angesichts der Metallkappen denkbar schlecht gelang.
Yukon interessierte sich nicht dafür. Er achtete nur auf das Lachen und erinnerte sich daran, gelesen zu haben, dass es ein Zeichen von Nervosität war.
»Keine Sorge. Wenn alles gut läuft, wirst du ihnen nicht folgen.«
»Und wenn nicht alles gut läuft?« Samuel hatte den Kampf gegen das Brötchen gewonnen, machte aber keine Anstalten, es zu essen.
»Darüber kannst du dir Gedanken machen, wenn es so weit ist. Jetzt iss. Ich habe nicht ewig Zeit.«
Eine Lüge. Jetzt, da sie Samuel hergebracht hatten und sich ihre ganze Arbeit vorerst um ihn drehte, hatte Yukon alle Zeit der Welt. Zwischendurch musste er sich höchstens mit einigen Informanten treffen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben, aber das war kein Aufwand. Vielmehr empfand er diese Treffen als eine angenehme Abwechslung vom Alltag. Es war eine Möglichkeit, mal das Haus zu verlassen, denn sonst hatte er dafür nicht viele Gründe.
»Wie heißt du?«, fragte Samuel plötzlich. Er hatte tatsächlich angefangen zu essen, und in der Zwischenzeit hatte Yukon damit begonnen, die Stille zwischen ihnen zu genießen.
»Yukon«, antwortete er trotzdem. Wenn er schon ihre Gesichter kannte, machte der Name auch keinen Unterschied mehr.
Samuel runzelte über die schnelle Antwort die Stirn. »Klingt wie aus ’nem schlechten Anime.«
Yukon schnaubte. Er mochte den Namen. Seine Mutter hatte ihn ausgesucht und er war das Einzige, was ihm von ihr geblieben war. Außerdem gefiel ihm die Bedeutung dahinter.
»Der Yukon ist ein Fluss. Er entspringt in Kanada und gehört zu den längsten Amerikas. Aber es wundert mich nicht, dass du das nicht weißt.«
»Ach ja? Hast du mich studiert oder wie kommst du zu der Erkenntnis?«
»So in etwa.«
»Wusste nicht, dass ich so interessant bin.«
Yukon schüttelte gelangweilt den Kopf. »Bist du nicht. Deine Eltern haben Geld, aber davon abgesehen ist dein Leben durchschnittlich. Gewicht, Freunde, Noten, … Du hättest Potenzial, aber dein Bruder zieht dich runter. Ohne ihn wärst du–«
»Halt die Klappe.«
Überrascht hob Yukon eine Augenbraue. Seine Worte waren nicht böse gemeint. Nur eine Feststellung. Er beneidete den Jungen für sein Leben. Nicht nur ihn, auch jeden anderen, der ihm über den Weg lief. Ihnen stand es frei zu gehen, wohin sie wollten. Sie hatten soziale Kontakte. Hobbys. Freunde. Richtige Familien.
Ein Leben, wie er es sich nur wünschen konnte.
Dabei war er schon einmal so kurz davor gewesen, zumindest etwas Ähnliches zu bekommen. Mit einer Mutter, Geschwistern, …
Sein Magen krampfte sich zusammen, als er realisierte, dass er Samuel all das nehmen würde. Sollte der Junge wirklich in der Lage sein, den Wert dahinter zu erkennen? Wenn ja, dann hatten dies auch seine Vorgänger gekonnt. Dann hatte Yukon dazu beigetragen, dutzende Menschenleben zu zerstören. Bei dem Gedanken daran wurde ihm speiübel.
Die Brötchen waren trocken. Reste vom Vortag, die lieblos mit Käse und Wurst belegt worden waren. Ohne Butter. Trotzdem hatte Samuel sie verschlungen, als wären sie das Beste, was er jemals zwischen die Zähne bekommen hatte.
Nun schaute er missmutig auf die letzte Hälfte. Für ihn hatte das Gespräch gerade erst angefangen und er wollte nicht, dass es so schnell endete. Er wollte antworten. Und um diese zu bekommen, hatte er sich langsam an die vielen Fragen herantasten wollen, die ihm auf der Zunge lagen, doch jetzt musste er seinen Plan wohl oder übel über den Haufen werfen. Wenn er aufgegessen hatte, würde der Velatos ihn sicher allein lassen, und wer wusste schon, wann sie sich das nächste Mal miteinander unterhalten konnten.
Samuel biss in die letzte Brötchenhälfte. »Warum bin ich hier?«, fragte er. »Warum ich?«
»Warum ich?«, äffte Yukon ihn zu seiner Überraschung nach. »Weil du dumm genug warst, alleine einen Ausflug zu machen, ohne jemandem zu sagen, wo es hingeht.«
»Du hast gesagt, dass ihr mich beobachtet habt.«
»Ja und? Du bist nicht der Mittelpunkt der Welt. Es hätte auch andere gegeben, die geeignet gewesen wären. Jetzt werd endlich fertig.«
Samuel zog unter den scharfen Worten, die der Mann ihm entgegenwarf, den Kopf ein. Gut gelaunt war er von Anfang an nicht gewesen, aber derart angepisst auch nicht.
Was hatte seine Laune so verschlechtert?
Der plötzliche Stimmungswechsel verunsicherte ihn. Er entschloss sich dennoch, diesem Gefühl keine Macht zu geben. Zu verlieren hatte er ohnehin nichts mehr. Also legte er die letzten drei Bissen zur Seite und blickte Yukon geradewegs in die dunklen Augen. »Du hast mir nicht gesagt, warum ich hier bin.«
Yukons Miene verfinsterte sich. Gleichzeitig wurden die Falten auf seiner Stirn tiefer und verrieten Samuel, dass er nachdachte.
»Wegen dem, was in dir steckt«, sagte er schließlich.
»Wie meinst du das?«, verlangte Samuel zu wissen. Vor seinem inneren Auge erschien wieder das Bild von den entnommenen Organen.
Statt einer Antwort gab Yukon ihm ein überlegenes Grinsen. »Darüber darfst du dir in den nächsten Stunden gerne Gedanken machen. Sieh es als Beschäftigung. Die wirst du brauchen.«
»Soll ich dir jetzt dankbar sein, oder was?«
»Deine Dankbarkeit ist mir egal. Jetzt iss. Sonst halbier ich deine Portion nächstes Mal.«
Geschlagen tat Samuel, was Yukon verlangte. Dieser schenkte ihm im Anschluss die Möglichkeit, sich die Zähne zu putzen, ehe er ihn endgültig allein ließ.
Sie sprachen nicht weiter miteinander. Samuel hatte nichts mehr zu sagen. Seine Gedanken kreisten um den Hinweis, den Yukon ihm gegeben hatte. Auch dann noch, als er wieder auf der Matratze lag, die deutlich besser aussah als in seiner Vorstellung.
Zahnhygiene und ein sauberes Bett.
Er war nicht gezwungen, in seinem oder fremden Dreck zu leben, demnach achteten seine Entführer wirklich auf sein Wohlergehen. Weitestgehend zumindest. Außerdem würde er nicht verhungern. Die Liste, die dafürsprach, dass er nicht sterben würde, verlängerte sich mit jeder vergehenden Stunde.
»Aber was wollen sie dann?«, murmelte er der Decke entgegen. »Was steckt in mir?«
Auf jeden Fall kein Talent, das ihnen etwas brachte. Andernfalls hätte Yukon ihm wohl kaum vor Augen geführt, wie überaus durchschnittlich sein Leben war.
Hatte er überhaupt ein Talent?
Bei den Bundesjugendspielen war er mal Klassenbester im Weitsprung gewesen, doch das war Jahre her und sicher nichts, was irgendjemanden interessierte.
Er rollte sich auf die Seite und kratzte sich nachdenklich am Nacken, wo seine Anima noch immer fröhlich vor sich hin kribbelte.
»Wenigstens in der Zeit, in der niemand da ist, könntest du dich zurückziehen«, murmelte Samuel an seine zweite Seele gerichtet.
Wie erwartet, hörte sie nicht auf ihn.
Blake hatte einst zu ihm gesagt, wenn er sich nur genug mit ihr auseinandersetzte, würde er irgendwann mit ihr kommunizieren können. Dann wäre es leichter, die ständigen Diskussionen hinter sich zu bringen, die bisher nur einseitig und im Stillen stattfanden. Aber wie lange würde das noch dauern? Er arbeitete seit über einem Jahr daran, unwissend, ob seine Methoden etwas brachten.
Samuel seufzte in sich hinein. »Dank dir bin ich wirklich kein Mensch.«
Die Worte von Alexander hatten ihn schwer getroffen. Er mochte es, eine Anima zu haben. Gleichzeitig fragte er sich, ob er ohne diese zweite Seele überhaupt hier wäre. Würden Yukon und sein Vater an Menschen experimentieren? Er glaubte es nicht, so bissig wie die Bemerkung des Arztes gewesen war.
Wegen dem, was in dir steckt. Yukons Worte schoben sich wie von selbst zurück in sein Gehirn.
Mit einem Mal saß Samuel senkrecht. Sein Ausdruck war so klar, über seinem Kopf hätte genauso gut eine Glühbirne schweben können. »Sie wollen nicht mich, sie wollen dich!«
Kapitel 4
Bis die Zellentür sich wieder öffnete, dauerte es eine halbe Ewigkeit. In der Zwischenzeit hatte nur einmal jemand nach ihm gesehen – Yukons Vater, der ihm eine zweite Ration zu essen gebracht hatte. Im Gegensatz zu seinem Sohn hatte er sich nicht zu einem Gespräch breitschlagen lassen, und Samuel war genauso unwissend wie zuvor.
Seitdem hatte sich selbst die Verzweiflung von ihm verabschiedet. Stattdessen war er in seiner Einsamkeit gefühlt vier Mal vor Langeweile gestorben und jedes Mal wieder zum Leben erwacht.
Es gab nichts zu tun.
---ENDE DER LESEPROBE---