Die Glut in ihr - Elina Wörmann - E-Book

Die Glut in ihr E-Book

Elina Wörmann

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Beschreibung

Aska, die mehr sieht, als sie dürfte. Yukon, der mehr weiß, als er sollte. Elias, der mehr fühlt als ertragbar ist. Drei junge Erwachsene im Kampf gegen ihre Erinnerungen. Drei Leben mit dem Ziel, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Und die Anima, die sich dagegen stellt. Denn als Elias auf Yukon trifft und Aska eine unglaubliche Beobachtung macht, beginnt sich das Rad des Schicksals zu drehen. Schnell wird ihnen klar, dass ihre Begegnung nicht zufällig ist. Ein fragiles Band führt sie zusammen und eröffnet ein Geheimnis, das sich nicht länger verstecken möchte.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Glut in ihr
Band 1
Elina Wörmann
Impressum © 2025 Elina Wörmann
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftragder Autorin, zu erreichen via Mail ([email protected]) oder unter:Elina Wörmannc/o WirFinden.EsNaß und Hellie GbRKirchgasse 1965817 EppsteinLektorat:Lektorat Lynxwww.lektorat-lynx.deUmschlaggestaltung:inspirited books Grafikdesignwww.inspiritedbooks.atIllustrationen:Anne vom HofeInstagram: @anne.v.hofe
Content Notes
explizite Suizidszenen,
Andeutungen von sexuellem Missbrauch,
Tod und Verlust,
Trauer und Trauerbewältigung
Prolog
Es war dunkel.
Samuel konnte unmöglich sagen, wie lange er schon am Fenster stand und hinausschaute. Als er angefangen hatte, war der Himmel noch blau gewesen und die Sonne hatte gerade erst die Wipfel der Bäume erreicht, die sich auf den Spitzen der Bergen emporhoben.
Nun war dort nichts mehr.
Nicht einmal ein einziger Stern, der ihm verriet, wo sich die Grenze zwischen dem Himmel und den Bergen befand. Also ließ er seinen Blick langsam durch die Schwärze wandern, bis ihm die ersten Lichter der Stadt entgegenfunkelten. Das Rattern einer Straßenbahn drang zu ihm hinauf, gemeinsam mit den Motorengeräuschen einiger Autos und dem sanften Rascheln der Büsche und Bäume, durch die irgendwo unter ihm die warme Sommerluft fegte.
Eben diese Luft atmete Samuel tief ein.
Vielleicht hätte er nicht den ganzen Abend hier stehen und die Eindrücke seiner Heimatstadt in sich aufnehmen sollen. Stattdessen hätte er lieber etwas mit seinem Bruder unternehmen können. Sie hätten Pizza bestellt, einen Film angeschaut und anschließend über ihr bisheriges Leben philosophiert. Alternativ hätte er auch seine Eltern besuchen können, obwohl ihr letztes Treffen noch keine Woche her war.
Doch für all das war es jetzt zu spät.
Samuel wandte sich von seiner Aussicht ab, schloss das Fenster und schaute sich zum wiederholten Mal in dem Raum um, den er sein Eigen nennen durfte. Kissen und Decke lagen nahezu faltenfrei auf seinem Bett, die Regale waren frei von Staub und die Bücher darin standen in geraden Reihen nebeneinander. Dazwischen befanden sich die wenigen Fotos von ihm, mit seiner Familie und seinen Freunden, die ihm allesamt fröhlich entgegenlächelten.
Auch die Klamotten, die immer auf dem Boden und dem Schreibtischstuhl gelegen hatten, waren verschwunden. Er hatte sie gewaschen, zusammengelegt und in den Schrank geräumt, der nun geschlossen war. Das Putzen und Aufräumen hatte ihn eine Menge Zeit gekostet …
Auf dem Weg zur Zimmertür machte er einen kurzen Abstecher an seinem Schreibtisch vorbei. Mit der Hand strich er über das in Kunstleder gebundene Buch, das er auf das nackte Holz gelegt hatte. Kühl und rau lag es unter seinen Fingern. Ein, zwei Sekunden lang, bis er schließlich nickte. Er legte sein Handy auf den Einband des Buches – genau mittig – und wandte sich endgültig ab.
Beinahe geräuschlos bewegte er sich durch den Flur, vorbei an den wenigen Türen. Nicht ein winziges Licht leuchtete ihm den Weg, aber das war in Ordnung. Er war Hunderte Male durch den schmalen Gang gegangen. Entsprechend leicht fiel es ihm, die Wohnungstür zu finden, sie zu öffnen und hindurchzugehen. Ein Mal sah er noch zurück in die in Wohnung, ehe er die Tür schloss. Seine Schritte hallten durch den Hausflur, während er die Treppe hinunterschlenderte. Immer tiefer und tiefer.
Als er das Haus verließ, begrüßte ihn die Luft wie einen alten Freund. Sie umarmte ihn, spielte mit seinen lang gewordenen Haaren und verleitete ihn dazu, die Kapuze seines Pullis hochzuschlagen, bevor er der Hauptstraße folgte. Diese führte ihn vorbei an den dunklen Geschäften, bog ab in eine nahe gelegene Wohnsiedlung und brachte ihn schließlich zum Park. Zwischen den Bäumen hindurch hörte er die seichten Wellen des Flusses, und fast war es, als würden sie seinen Namen flüstern.
Seine Schritte beschleunigten sich.
Zwei junge Frauen kamen ihm auf halber Strecke entgegen. Sie tuschelten miteinander, als sie ihn entdeckten, drängten sich auf die gegenüberliegende Wegesseite und beeilten sich, an Samuel vorbeizukommen.
Lustig, dachte er, wo er doch normalerweise derjenige war, der den Menschen aus dem Weg ging.
Normalerweise, aber nicht heute.
Bis auf die beiden Frauen war der Park leer. Niemand störte ihn auf seinem Weg zu der alten Fußgängerbrücke. Als er sie erreichte, knarzte das Holz erwartungsvoll unter ihm und das fließende Gewässer schlug ungeduldig gegen die Pfeiler. Irgendwo in der Ferne ertönten Sirenen.
Samuel schlug die Kapuze zurück und legte die Hände auf das Geländer. Eine einsame Laterne beleuchtete ihn von hinten, ließ seine braunen Haare schimmern und setzte einen Schatten in sein Gesicht.
Er senkte den Blick. Auf dem pechschwarzen Wasser spiegelte sich seine Silhouette. Samuel schenkte ihr ein trauriges Lächeln, doch sie erwiderte es nicht. Stattdessen tanzte sie weiter. Wartete.
Seine Finger legten sich fester um das Holz. Er zog sich hoch. Seine Füße fanden Halt auf dem breiten Balken, dann stand er aufrecht. Das Wasser unter ihm schien schneller zu fließen und der Wind zerrte an seiner Kleidung, als würde die Natur nur darauf warten, dass er sich ihr endlich hingab.
Und er wollte es.
Mehr als alles andere.
Die letzten Jahre waren eine Höllentour gewesen, aus der er keinen Ausweg mehr sah. Warum also drängten sich ausgerechnet jetzt die Gesichter seiner Liebsten in den Vordergrund?
»Ich wollte es ihnen sagen«, flüsterte Samuel an sein schlechtes Gewissen gewandt. »Sie hätten es nicht verstanden.«
Er wusste, dass diese Worte nicht der Wahrheit entsprachen. Mindestens sein Bruder hätte ihn verstanden und so wie Samuel ihn kannte, hätte er alles Erdenkliche dafür getan, ihm zu helfen.
Nur war es genau das, was Samuel nicht wollte.
Dasselbe galt seinem Freund. Auch er hätte es verstanden, wäre Samuel in den vergangenen Jahren ein klein wenig offener mit ihm gewesen. Ein klein wenig ehrlicher.
Jetzt war es zu spät, ihn über alles aufzuklären. Dafür war es einfach zu viel geworden.
Während er so auf dem Geländer stand und über seine Familie und seine Freunde nachdachte, legte sich ein wohliges Kribbeln in seinen Nacken.
»Tu es«, flüsterte es. »Dir rennt die Zeit davon.«
Ein schwaches Schmunzeln zuckte in Samuels Mundwinkel und verdrängte die letzten Zweifel. »Du lässt mich auch nie alleine, hm?«
Als Antwort wurde das Kribbeln stärker.
Stück für Stück breitete es sich auf seiner Haut aus. Wie eine Umarmung, die er nur allzu gerne willkommen hieß.
Seine Füße wippten nach vorne.
Er schluckte, als er auf seinen Zehenspitzen stand und der Wind die restliche Arbeit erledigte, bevor Samuel ein weiteres Mal zögern konnte.
Bevor er die Schritte zu seiner Rechten hören konnte.
Ein Keuchen entfuhr ihm, als das eisige Wasser seine Haut berührte. Dann umgab ihn völlige Dunkelheit. Sie umhüllte ihn, riss ihn mit sich und schleuderte ihn umher wie in einem Karussell.
Er schloss die Augen, gab sich der Strömung hin und ließ den Schatten zurück, der schwer atmend über dem Geländer lehnte. Die Hand so weit in die Tiefe gestreckt, dass er drohte, selbst in die Fluten zu stürzen.
Kapitel 1
Das stetige Klopfen eines Hammers klang laut in Elias’ Ohren. Mit einem Brummen rollte er sich auf die andere Seite und vergrub seinen Kopf unter dem Kissen.
Es half nichts.
Das Hämmern drang durch den gefütterten Stoff zu ihm hindurch und zwang ihn endgültig zurück in die Gegenwart. Langsam streckte er seine Hand unter der Decke hervor und tastete auf dem Nachttisch herum, bis er sein Handy fand. Er zog es zu sich und drückte die Taste an der Seite.
Helles Licht blendete ihn. Ein paar Mal blinzelte er, ehe er mit zusammengekniffenen Lidern auf die schneeweißen Ziffern schaute.
Fast halb zehn.
Für viele Menschen eine angenehme Uhrzeit, um aufzustehen. Ein Großteil würde sogar sagen, dass sie jetzt ausgeschlafen hätten. Nur standen diese Leute nicht bis tief in die Nacht hinter dem Tresen einer Bar, wie Elias es tat.
Mühselig kämpfte er sich aus den Laken.
Das Klopfen hatte aufgehört.
Vor etwa einer Woche waren über ihm neue Nachbarn eingezogen, die immer noch damit beschäftigt waren, Regale an den Wänden anzubringen und Bilder aufzuhängen. Kleine Arbeiten, die Elias jeden Tag ein Stück von seinen Nerven raubten.
Doch bald wäre es vorbei.
Ein paar Tage noch, dann würde er woanders leben. Nach wie vor in derselben Stadt, aber in einer kleineren und vor allem günstigeren Wohnung.
Elias war nicht der Einzige, den die stetig steigenden Mietpreise aus seiner Wohnung vertrieben. Im Laufe der letzten Jahre hatten sich viele der Namen auf den Klingelschildern geändert. Darunter waren mehrere Singles und junge Paare gewesen, wobei Letztere wahrscheinlich auch ausgezogen waren, weil die Dreizimmerwohnungen nicht genügend Platz für ihre Familienplanung boten.
Für Elias hingegen waren die vielen Räume mehr, als er allein nutzen konnte. Was für ihn nur einen weiteren Grund darstellte, um endlich das Weite zu suchen.
Das Umzugschaos hatte sein Schlafzimmer noch nicht erreicht. Der alte Teppich war frei von Kisten, sein Kleiderschrank gefüllt. Lediglich der Schreibtisch sah aus, als hätte ein Tornado darauf getanzt. Ordner, Papiere und Kugelschreiber – alles lag wild durcheinander. Darunter mischten sich einige Gläser, ein Teller und leere Getränkedosen. Eine war heruntergefallen und lag nun neben seinem überfüllten Papierkorb.
Bei dem Anblick drang ein tiefes Seufzen aus Elias’ Kehle. Müde wuschelte er sich mit beiden Händen durch die Haare. Zeit aufzustehen und sich der Unordnung zu stellen.
Im Flur wurde er begrüßt von gähnender Leere und zusammengefalteten Umzugskartons. Um den Teppich und die Kommode hatte er sich vor einigen Tagen gekümmert, weshalb es hier nichts mehr gab, außer den Jackenhaken an der Wand. An einen von diesen hängte er seinen Rucksack, über den er fast gestolpert wäre. Am Vorabend Abend war er erst spät von der Uni gekommen, weswegen er ihn achtlos auf den Boden geworfen und sich direkt auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte.
Elias zog eine leere Wasserflasche aus dem Rucksack und nahm sie mit in die Küche, wo er sie in einen Korb schmiss. Währenddessen ließ er seinen Blick durch die Küche schweifen. Pizzaschachteln stapelten sich auf der Arbeitsfläche, in der Spüle lag eine Handvoll Besteck und Krümel tummelten sich auf dem Boden.
Ansonsten war es ordentlich.
Die Schranktüren standen offen, aber an die musste er sowieso noch einmal ran. Er hatte längst angefangen, sein Geschirr in Kartons zu verstauen, die den gesamten Küchentisch einnahmen.
Später, dachte er und griff nach dem Taschenkalender, der auf der Arbeitsfläche lag. Die Jahreszahlen schimmerten golden auf dem roten Untergrund, als die Sonne sie traf.
Elias beachtete es nicht. Er schlug die Seiten auf und blätterte durch die Seiten, bis er das heutige Datum fand. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen, während er auf den Termin für den Nachmittag schaute.
Unterricht Keira.
Darauf freute er sich schon die ganze Woche.
Er warf den Kalender zurück an seinen Platz und ging ins Bad. Vor seiner Verabredung erwartete er noch zwei Besucher. Einer, der ihm das Sofa abnehmen würde, was für seine neue Wohnung viel zu groß war und einer, der eventuell Interesse an dem Esstisch hätte. Bevor der Erste eintraf, wollte Elias sich wenigstens etwas frisch machen.
Als es klingelte, hatte er es geschafft zu duschen und zu frühstücken. Sein Körper steckte in sauberer Kleidung und er fühlte sich wieder mehr wie der Mensch, der er war. Mit guter Laune betätigte er den Türöffner, dann wartete er. Seine Wohnung lag im vierten Stock, weshalb es dauerte, bis sein Besucher ihn erreichte. Schritt für Schritt stapfte die Person die Stufen hinauf, dann erschien ein weißblonder Kopf. Den Haaren folgten ein Gesicht, ein schlanker Körper und schließlich die Füße.
Elias erstarrte, als der Mann ihm gänzlich gegenüberstand. Er trug Arbeitskleidung und an seiner Wange klebte ein wenig Motoröl.
»Morgen«, grüßte Lian ihn. Auf seinen Lippen lag ein verlegenes Lächeln.
»Was willst du hier?«, fragte Elias. Unfreundlicher, als er es beabsichtigt hatte.
Er ertappte sich dabei, die Finger enger um die Klinke zu schließen und den Fuß hinter die Tür zu stellen, als hätte er Angst, sein Gegenüber würde sich einfach in die Wohnung drängen.
»Ich habe gerade Pause«, antwortete Lian. »Und da du auf meine letzten Nachrichten nicht geantwortet hast, dachte ich, ich schaue mal kurz vorbei.«
Mit der freien Hand fuhr Elias sich durch das feuchte Haar. An die Nachrichten erinnerte er sich genau. Fragen danach, wie es ihm ging, und ob er Hilfe beim Umzug benötigte.
»Das wäre nicht nötig gewesen. Ich komme zurecht, es ist nur alles ein wenig stressig.«
Tatsächlich hing er meilenweit hinter seinem Zeitplan. Durch den Umzug fand er kaum die Möglichkeit, sich um die Uni zu kümmern und durch die Klausuren kam er wiederum mit dem Umzug nur schleppend voran. Mittendrin die Schichten in der Bar …
Es war ein Teufelskreis.
Dabei blieben ihm gerademal zwei Wochen, um die Wohnung zu räumen. Hilfe war etwas, das er dringend brauchte.
»Das bezweifle ich auch gar nicht« Lians Lächeln war verschwunden und seine Stimme verriet, dass er zu dem Thema gerne mehr gesagt hätte.
Er tat es nicht.
»Na dann. Ich sollte wieder rein gehen. Gleich kommt jemand für das Sofa und bis dahin wollte ich noch etwas aufräumen.«
Lian nickte. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Aber du kommst morgen zur Feier?«
Wieder fuhr Elias sich durch die Haare. Sein Blick wanderte zur Treppe, als würde dort jemand zu ihnen hinaufkommen. Doch da war niemand. »Ja, klar.«
»Gut. Bis morgen.« Lian wandte sich zum Gehen.
»Ich melde mich, wenn es bei mir etwas ruhiger wird«, rief Elias ihm nach, ehe er die Tür schloss. Mit weichen Knien lehnte er sich dagegen und atmete einmal tief durch. Dabei betrachtete er die Tür zu seiner Linken. Eine kleine Macke zog sich durch das helle Holz.
Das Zimmer dahinter hatte er als erstes leer geräumt und seitdem nicht betreten. Sein Vater hatte ihm dabei geholfen, die Möbel zum Sperrmüll zu bringen und alles andere – die Fotos, Bücher, Dokumente und Kleidung – lag gut verstaut unter der Kellertreppe im Haus seiner Eltern.
Dort würde es bleiben.
Mindestens für ein paar Jahre, bis sie es übers Herz brachten, sich von den Sachen seines kleinen Bruders zu trennen.
Es war nun über eineinhalb Jahre her, seit sein Bruder sich vor seinen Augen von der Brücke gestürzt hatte. Aber obwohl er immer noch jeden Tag daran dachte, merkte er, dass die Wunden allmählich heilten. Die Albträume suchten ihn immer seltener heim und die Erinnerungen schafften es nicht mehr, ihn aus dem Alltag zu reißen. Wenn er endlich aus dieser Wohnung rauskäme, würde es besser werden. Jedenfalls hoffte er das, denn dann wäre er vielleicht wieder in der Lage, mehr als zwei Sätze mit Lian zu sprechen.
Fast drei Jahre war dieser Mann mit Samuel in einer Beziehung gewesen. Fast drei Jahre hatten er, Samuel und Elias zusammen verbracht. Und nun sah Elias jedes Mal, wenn Lian ihm gegenüberstand, die Silhouette seines toten Bruders an dessen Seite. Und jedes Mal zerriss es sein Herz.
Aska hatte die Arme auf dem Tisch verschränkt und den Kopf darauf abgelegt. Immer wieder unterdrückte sie ein Gähnen, während sie durch die großen Fenster nach draußen blickte. Dabei gab es hinter den verdreckten Scheiben nichts zu sehen, außer dem strahlend blauen Himmel und den weißen Wolken, die sich gegenseitig über den hellen Untergrund jagten. Ein hypnotischer Anblick, der Aska dazu verleitete, sich immer tiefer in ihrer Gedankenwelt zu verlieren. Wären da nicht die Vögel, die in unregelmäßigen Abständen durch ihre Sicht flatterten. Mal waren es kleine Amselschwärme, dann wieder eine verirrte Taube. Jedes Mal, wenn sie auftauchten, rissen sie Aska ein Stück aus ihren Tagträumen und hielten sie somit vom Einschlafen ab. Leider war Schlaf genau das, was sie gerade bräuchte. Sich hinlegen, die Gedanken ins Nichts schweifen lassen, ein paar Stunden Ruhe …
»Aska?«
Sie zuckte zusammen, als sie ihren Namen hörte und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Stimmengewirr durchbrach die bisherige Stille und paarte sich mit dem Rascheln von Jacken und dem Geräusch der Stühle, die über den Boden schabten. Ihr Lehrer musste den Unterricht früher beendet haben, zumindest hatte sie keine Glocke gehört.
»Aska«, wiederholte die Stimme zu ihrer Rechten. Ein wenig lauter, dieses Mal.
Müde rollte sie ihren Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und schaute geradewegs in die grünen Augen ihrer besten Freundin. Im Licht der kalten Frühlingssonne leuchteten sie wie Glühwürmchen in einer warmen Sommernacht.
Keira hatte den Kopf ebenfalls auf den Tisch gelegt und grinste ihr entgegen. »Guten Morgen.«
Grummelnd richtete Aska sich auf und streckte die Arme von sich. »Morgen.«
Im gefühlten Halbschlaf griff sie nach ihrer Wasserflasche. Die Kohlensäure prickelte auf ihrer Zunge und sorgte dafür, dass sie mehr und mehr Schlucke zu sich nahm, obwohl sie überhaupt keinen Durst hatte. Lediglich die Hoffnung, auf diese Weise dieses beklemmende Gefühl in ihrem Brustkorb loszuwerden, das sie seit gut einem Jahr begleitete. Die meiste Zeit war es kaum wahrnehmbar, aber heute lastete es derb auf ihrer Lunge. Genauso wie die letzten Tage.
Phantomschmerzen, hatten die Ärzte gesagt.
Der Rauch habe keine bleibenden Schäden hinterlassen, somit sei ihre Lunge komplett in Ordnung. Eine ernüchternde Diagnose, mit der Aska sich weitestgehend abgefunden hatte.
»Du hast letzte Nacht wieder nicht geschlafen, oder?«, fragte Keira, die ihre Schulsachen zusammensammelte.
Aska schüttelte müde den Kopf. Dann steckte sie ihre Flasche zurück in das dafür vorgesehen Fach an ihrem Rucksack und fing ebenfalls an, ihre Sachen vom Tisch zu räumen.
»Ich mache mir Sorgen um dich.« Keira stand auf und schulterte ihre Tasche. »Du solltest das wirklich abklären lassen.«
»Es sind nur Albträume.« Nun fädelte auch Aska ihre Arme durch die Riemen ihres Rucksacks. Als Letzte verließen sie den Raum. »Die gehen wieder weg.«
»Habe ich dir mal von Lin erzählt?«, fragte Keira, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.
»Deine Therapeutin?«
»Ja.« Keira nickte eifrig. »Vielleicht solltest du auch zu ihr gehen. Sie kann dir sicher helfen.«
»Es sind Albträume«, wiederholte Aska eindringlich. »Eine Therapeutin hat besseres zu tun, als sich damit rumzuschlagen. Ganz abgesehen davon–«
»Aska.« Keira blieb stehen, packte sie am Arm und drehte sie zu sich herum, um ihr dann verschwörerisch die Hände auf die Schultern zu legen. »Bitte. Denk wenigstens drüber nach.«
Geschlagen stieß Aska die Luft aus. »Ist gut.«
Wenig überzeugt ließ Keira von ihr ab. Allerdings nur, um in ihrer Jackentasche zu kramen, aus der sie ein Kärtchen hervorzog.
»Hier.« Sie reichte es Aska.
»Eine Visitenkarte?« Misstrauisch betrachtete Aska die dunkelblauen Buchstaben auf dem beigen Hintergrund.
Lin Fournier – Psychotherapeutin.
Darunter standen, wesentlich kleiner, eine Adresse und eine Telefonnummer.
»Nur falls du sie brauchst.« Mit einem schelmischen Grinsen wandte Keira sich zum Gehen. Aska tat es ihr gleich. Die Karte verstaute sie in der Bauchtasche ihres Hoodies.
Eigentlich wusste sie, dass ihre Freundin recht hatte. Die Albträume kamen nicht von ungefähr, und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, musste sie zugeben, dass sich im Krankenhaus wenig um ihr psychisches Wohlergehen gekümmert worden war. Obwohl ihre Erinnerungen daran längst verschwommen waren, trug sie die Gefühle aus der Nacht des Brandes noch immer tief in ihrem Herzen. Die Angst, der scharfe Rauch in ihrer Lunge und das Brennen in ihren Augen. Und obwohl seitdem ein Jahr vergangen war, hatte sie Probleme damit, sich Flammen zu nähern. Kerzen machten sie nervös, Lagerfeuer panisch. Selbst der Gedanke an das bevorstehende Osterfeuer bereitete ihr Unbehagen, dabei lag es einen ganzen Monat in der Zukunft.
»Jetzt mach nicht so ein Gesicht.« Keira stieß ihr sanft den Ellenbogen in die Seite. »Keiner sagt, dass du dich bis morgen entscheiden musst.«
»Ich weiß.«
Zu zweit traten sie durch die verglaste Flügeltür ins Freie. Trotz der Sonne war die Luft kalt und es roch nach Schnee. Das Rauschen der teilweise noch kahlen Baumkronen, die sich massenhaft hinter dem Schulgebäude erstreckten, drang mit dem Wind zu ihnen hinüber und in den vier hochgewachsenen Eichen, die auf dem Schulhof gepflanzt worden waren, zwitscherten einige Amseln fröhlich um die Wette.
Fröstelnd zog Aska die Schultern nach oben. »Langsam könnte es echt wieder wärmer werden«, bemerkte sie, während sie unter den blattlosen Ästen der Eichen hindurchgingen.
Wie zur Bestätigung rieb Keira ihre Hände. »Absolut. Ich freue mich auf den Frühling.«
»Ich mich auch. Besonders auf die Ferien.«
»Oh ja.« Mit dem Kopf im Nacken betrachtete Keira die nackten Zweige über ihnen. »Danach sind schon die Abschlussprüfungen. Wie schnell die Zeit vergeht …«
Aska lächelte. Es stimmte, das Jahr war wirklich unheimlich schnell an ihnen vorbeigezogen.
Sie wollte gerade etwas antworten, da riss Keira einen Arm in die Höhe winkte. Neugierig folgte Aska dem Blick ihrer Freundin, bis sie bei einem jungen Mann hängen blieb, der mit dem Rücken an der kahlen Mauer lehnte, die das gesamte Schulgelände umschloss. Mit Ausnahme des metallenen Tores, das direkt neben dem Mann in den Steinen klaffte. Elias hatte seine Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben und die Schultern so weit hochgezogen, dass seine schwarze Jacke seine Ohren berührte.
»Hattest du nicht gestern erst Unterricht?« Irritiert wandte Aska sich wieder ihrer Freundin zu.
Keira strahlte wie immer, wenn sie Elias sah. »Er hatte gestern keine Zeit, darum haben wir es auf heute verschoben.«
Aska nickte verstehend.
Elias brachte Keira seit geraumer Zeit Gitarre spielen bei, weshalb sie oft miterlebt hatte, wie er ihre Freundin von der Schule abholte. Trotzdem hatte Aska bisher kein Wort mit dem Mann gewechselt. Er kam ihr seltsam vor, wie er jedes Mal mit demselben angepissten Gesichtsausdruck neben dem Torbogen lehnte und sich für nichts und niemanden zu interessieren schien. Außerdem wurde jedes Mal, wenn sie den Mann sah, das Brennen in ihrem Brustkorb schlimmer, und wenn sie sich ihm näherte, zog sich ein unangenehmes Prickeln über ihren Körper. Als wolle er ihr mitteilen, dass dieser Kerl nichts Gutes verhieß.
»Wir sehen uns Montag.« Keira war wieder stehengeblieben und zwang Aska in eine kurze Umarmung, womit sie ihr einen Moment ihre Bedenken raubte.
»Ja, bis Montag«, murmelte sie, bevor Keira sich mit einem breiten Grinsen von ihr abwandte und auf Elias zu hüpfte.
Aska nahm sich Zeit, ihr dabei zuzusehen, wie sie ihre Arme um den Hals des Mannes warf und wie er ihre Umarmung mit einem kurzen Kuss auf das kastanienbraune Haar erwiderte. Dann wandte sie sich zum Gehen. Völlig egal, was sie von Elias dachte, er behandelte Keira gut. Zumindest, wenn sie den Erzählungen ihrer Freundin Glauben schenken wollte – und das tat sie. Darum würde sie den Teufel tun, Keira von ihren schlechten Gefühlen gegenüber Elias zu erzählen.
Sie verließ das Schulgelände durch das Tor und folgte dann der Mauer nach links. Weit musste sie nicht laufen. Bis zur Bahnstation waren es keine zweihundert Meter, doch diese kurze Streckte reichte ihr, um sich wieder dem Gedankenkarussell hinzugeben. Ihre Finger strichen über die glatten Kanten der Visitenkarte.
Keira hatte recht, sie brauchte Hilfe. Die Nacht des Brandes hatte ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Es hatte nur wenige Stunden gebraucht, bis das Feuer von ihrem Zuhause nichts als Schutt und Asche übrig gelassen hatte.
Wie sie es damals geschafft hatte, das Gebäude zu verlassen, wusste sie nicht mehr. In der einen Sekunde hatte sie verzweifelt in ihrem Zimmer gestanden, die Hitze der Flammen auf ihrer Haut, und in der nächsten war sie im Krankenhaus aufgewacht.
Von Erzählungen wusste sie, dass die Feuerwehr sie bewusstlos im Schnee gefunden hatte, wenige Meter von dem brennenden Gemäuer entfernt. Auf dieselbe Weise musste sie erfahren, dass bei dem Brand sieben Menschen ums Leben gekommen waren. Darunter auch ihre Mutter.
Bei dem Gedanken daran schossen ihr Tränen in die Augen. Eilig wischte sie sie mit dem Ärmel beiseite. Sie wollte jetzt nicht weinen. Nicht hier, in der Öffentlichkeit, vor den ganzen Menschen.
Noch weniger wollte sie jetzt darüber nachdenken.
Viel wichtiger war die Frage, wie sie es schaffen sollte, sich die Hilfe zu holen, die sie brauchte. Sie gab es nur ungern zu, aber es wäre ihr unangenehm, sich in Therapie zu begeben. Der Gedanke daran, mit einer Fremden über ihre Probleme zu sprechen, gefiel ihr nicht.
Sie fürchtete sich davor, zu viel zu verraten.
Hatte Angst davor, was ans Licht kommen könnte.
Mit dieser Angst und den Händen tief in den Taschen vergraben, stieg sie in die Bahn.
Kapitel 2
Trotz der Jacke lag die Mauer kalt in Elias’ Rücken. Er war früh dran. Nachdem er die Couch losgeworden war und dem Chaos in der Küche ein Ende gesetzt hatte, war er direkt hergekommen. Nun stand er sich seit gut zwanzig Minuten die Beine in den Bauch und fragte sich, warum er nicht länger im Auto geblieben war.
Vorhin hatte er kurz darüber nachgedacht, zurück zum Parkplatz zu gehen, aber dann war eine kleine Gruppe Schüler vorbeigekommen, was ihm verraten hatte, dass es bis zum Unterrichtsende nicht mehr lange dauerte. Darum war er geblieben.
Zitternd schlug er den Kragen seiner Jacke hoch und betrachtete das Schulgebäude. Ein wenig belustigte es ihn, hier zu sein. Bis vor wenigen Jahren war er selbst Schüler an dieser Schule gewesen und hatte einen denkbar schlechten Eindruck bei dem gesamten Lehrpersonal hinterlassen. Fehlzeiten und Raufereien hatten bei ihm auf der Tagesordnung gestanden. Ein paar Mal war er deswegen suspendiert worden. Und trotzdem kamen, wann immer er am Tor stand und wartete, Lehrer auf ihn zu und verwickelten ihn in kurze Gespräche.
Einigen von ihnen kaufte er sogar ab, dass sie sich für sein Leben interessierten. Bei anderen glaubte er, dass sie es aus Höflichkeit taten. Beides war ihm recht.
Die Hände in seinen Taschen waren zwischenzeitlich zu Eisklumpen gefroren, als er endlich Keira unter den Eichen entdeckte. An ihrer Seite eine Person mit weißblonden Haaren.
Bei dem Anblick der Farbe sackte Elias das Herz in die Hose. Er dachte an Lian. An ihr Gespräch. Daran, dass er ihn morgen wiedersehen würde und ihm dann nicht mal aus dem Weg gehen konnte.
Doch an Keiras Seite war nicht Lian, sondern Aska. Lians Schwester. Ein Mädchen, das er durch Keiras Erzählungen besser kannte, als er ihr oder Lian gegenüber zugeben würde.
Die beiden Freundinnen unterhielten sich über etwas, das er auf die Distanz unmöglich verstehen konnte, und schlenderten dabei so gemütlich vor sich hin, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Ungeduldig trat Elias von einem Fuß auf den anderen, dann streckte er seine steifen Finger in die Höhe, um die beiden auf sich aufmerksam zu machen.
Es funktionierte.
Keiras hob die Hand zu einem fröhlichen Winken und auf ihrem geröteten Gesicht erschien ein breites Grinsen. Ihre Schritte beschleunigten sich.
Elias wartete geduldig, bis die beiden Mädchen sich voneinander verabschiedet hatten. Obgleich er froh war, als Keira schließlich endgültig auf ihn zukam. Wie jedes Mal stellte sie sich auf Zehenspitzen und warf ihre Arme um seinen Hals. Er erwiderte ihre Zuneigung behutsamer, indem er einen Arm um ihre Hüfte legte und ihr einen kurzen Kuss auf das weiche Haar gab. Für den Moment inhalierte er den süßen Duft ihres Shampoos.
»Ich habe es getan!«, flüsterte sie ihm aufgeregt ins Ohr, bevor er nur ein einziges Wort rausbringen konnte.
Sein Blick huschte rüber zu Aska, die sich gerade abgewandt hatte. »Du hast es ihr gesagt?«
»Nicht direkt.« Keira löste ihre Umarmung und sah ihrer Freundin hinterher. »Aber ich habe es endlich geschafft, ihr Lins Nummer zu geben.«
Elias schenkte Keira ein mildes Lächeln. »Na, immerhin etwas.«
»Ich weiß, du magst Lin nicht.« Keira hakte sich bei ihm unter und gemeinsam verließen sie das Schulgelände. »Aber ich schaffe es einfach nicht, selbst mit ihr darüber zu sprechen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Gelegenheiten ich hatte. Nie bekomme ich ein Wort raus. Dabei dachte ich damals, es würde leichter werden, wenn wir uns erst besser kennen.«
»Bei mir hast du es doch auch hinbekommen.«
»Das kannst du nicht vergleichen.«
»Nein.« Elias kramte in seiner Hosentasche und zog seinen Schlüsselbund hervor. »Wahrscheinlich nicht.«
Mit diesen Worten betätigte er den Knopf am Autoschlüssel. Wenige Meter von ihnen entfernt leuchteten die Blinker seines Autos zwei Mal auf. Elias öffnete Keira die Beifahrertür und wartete, bis Keira ihre Tasche zwischen ihren Füßen verstaut hatte, umrundete dann erst den Wagen und nahm hinter dem Lenkrad Platz.
Während sie zu Keira nach Hause fuhren, erzählte sie ihm wie jedes Mal von ihrer Woche. Sie lachte viel und ihre Hände gestikulierten währenddessen wild durch die Luft, und obwohl Elias die meisten Details nur wenig interessierten, unterbrach er sie nicht. Ihre Erzählungen waren derart lebhaft, dass er ihnen den ganzen Tag zuhören könnte. Womöglich war sie die einzige Person auf diesem Planeten, die in jedem Tag etwas Besonderes entdeckte, mochte er von außen betrachtet noch so eintönig wirken. Eine Eigenschaft, die Elias bewunderte. Für ihn war jeder neue Tag genauso grau wie der vorherige.
»Alles in Ordnung?« Keira hatte ihren Redefluss beendet und schaute ein wenig besorgt zu ihm herüber.
»Ja, wieso?«
»Du bist stiller als sonst.«
Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ihm war es gar nicht aufgefallen, sie hingegen bemerkte solche Kleinigkeiten sofort. »Ich bin nur etwas müde. Meine Nachbarn sind mir heute Morgen wieder auf die Nerven gegangen.«
»Bald bist du sie ja los.«
»Zum Glück.« Elias setzte den Blinker und bog auf eine viel befahrene Straße ab, die sie direkt durch die Innenstadt führte. Nur um wenige Meter weiter hinter einer Straßenbahn festzustecken, die gerade erst ihre Haltestelle erreicht hatte. Die Türen der Bahn öffneten sich mit einem schrillen Piepton, der bis zu ihnen ins Auto drang.
»Und Lian war heute bei mir«, ergänzte er, während er mit den Fingern auf dem Lenkrad herum klopfte.
»Lian?« Keira klang überrascht. »Was wollte er?«
»Mir Hilfe anbieten, für den Umzug.«
»Hast du angenommen?«
Elias schüttelte den Kopf. »Wir sehen uns morgen wieder. Freunde von mir feiern ihre Verlobung und er ist auch eingeladen. Keine Ahnung. Vielleicht rede ich dann mal mit ihm. Eigentlich will ich den Kontakt ja.«
»Das klingt nach einer guten Idee.« Keira lehnte sich tiefer in ihren Sitz zurück und rollte den Kopf zur Seite, um die vorbeigehenden Menschen zu betrachten.
Die Straßenbahn setzte sich wieder in Bewegung, sie ebenfalls.
»Ich müsste auch mal wieder raus«, seufzte das Mädchen. »Meine Eltern stressen mich jetzt schon wegen der Abschlussprüfungen. Ich bin nur noch am Lernen.«
»Dann komm morgen doch mit.« Elias warf einen kurzen Blick zu ihr rüber. »Blake und Luna haben bestimmt nichts dagegen. Sie sind eh der Meinung, dass ich mich zu sehr einigele. Wenn sie sehen, dass ich noch Freunde habe, freut sie das bestimmt.«
Keira kicherte kurz, wurde aber schnell wieder ernst. »Ich frage mal meine Eltern. Wenn Lian kommt, kommt Aska dann auch?«
»Ich denke mal ja.«
»Dann werden sie bestimmt nichts dagegen haben.« Sie streckte sich und richtete dann die Tasche zu ihren Füßen, um mehr Beinfreiheit zu haben.
Den Rest der kurzen Fahrt sprach keiner von ihnen ein Wort. Keira malte sich mit leuchtenden Augen die Party aus – die erste, auf die sie gehen würde, wenn man Geburtstagsfeiern außer Acht ließ.
Elias hingegen dachte über Keiras Eltern nach. Es war noch kein Jahr vergangen, seit er ihnen zum ersten Mal begegnet war. Damals hatte er in einigen Läden der Stadt Zettel ausgehangen, mit denen er für Gitarrenunterricht geworben hatte. Was kein Job war, den er ernsthaft machen wollte, aber das mangelnde Geld hatte ihn dazu gezwungen.
Keira war eine der Ersten gewesen, die sich auf dieses Gesuch gemeldet hatte. Am Telefon war sie zurückhaltend gewesen und auch einige Tage darauf, als er für ein erstes Kennenlernen bei ihr zu Hause aufgetaucht war. Unter den strengen Blicken ihrer Eltern war es ihr nicht möglich gewesen, richtig aufzublühen.
Was verständlich war, denn das Gespräch glich mehr einem Verhör, in dem Elias regelrecht mit Fragen gelöchert wurde. Sie hatten alles wissen wollen: Wo er das Spielen gelernt hatte, wie lange er es schon tat und was ihn nun dazu brachte, jungen Mädchen Unterricht geben zu wollen. Seinen halben Lebenslauf hatte er vor ihnen auspacken müssen und bis heute waren die beiden ihm gegenüber misstrauisch.
Das Gespräch wäre für Elias Grund genug gewesen, um sich nicht länger mit der Familie zu beschäftigen. Doch dann hatte Keira ihn einen Tag später erneut angerufen. Sie hatte sich für ihre Eltern entschuldigt, ihn gebeten, sie trotzdem zu unterrichten und dabei so verzweifelt geklungen, dass Elias nicht nein sagen konnte.
Während er ihr dann bei ihrem zweiten Treffen die ersten Griffe beibrachte, erzählte sie ihm, dass sie in ihrer Freizeit Songs schrieb und gerne die Möglichkeit hätte, dazu ein Instrument spielen zu können.
Es dauerte nicht lange, bis er feststellen durfte, wie begabt Keira auf diesem Gebiet war. Ihr Traum, ihr Hobby eines Tages zum Beruf zu machen, erschien ihm realistisch, stünde sie nicht unter dem permanenten Einfluss ihrer Eltern, die in ihr alles andere als eine Künstlerin sahen.
»Du musst mir bei etwas helfen«, sagte Keira, als Elias den Wagen gerade in die Auffahrt zu ihrem Elternhaus rollen ließ.
»Wobei?«
Vergessen waren seine trüben Gedanken. Von denen hatte er in letzter Zeit mehr als genug gehabt.
»Ich habe letzte Nacht meinen Song umgeschrieben, aber jetzt will die Melodie nicht mehr so, wie ich es will.«
Gemeinsam stiegen sie aus dem Auto.
»Das sollten wir hinbekommen.«
Elias holte sein Instrument aus dem Kofferraum und folgte Keira anschließend den Weg am Haus entlang zur Tür. Ihr Zuhause eindeutig zu groß für eine dreiköpfige Familie und – wenn man Elias fragte – abartig modern. Die schneeweiße Fassade war erst letzten Sommer frisch gestrichen worden und reflektierte das Sonnenlicht so sehr, dass es blendete. Auch die anthrazitfarbenen Fensterrahmen glänzten unter dem beinahe frischen Lack und in dem gepflegten Vorgarten zeichneten sich deutlich die Spuren einer Harke ab. Obwohl die Büsche und Sträucher noch matt und trostlos aus der kahlen Erde ragten, auf der kaum ein Blatt lag.
Je länger Elias auf dieses perfekt gepflegte Beet starrte, desto mehr war ihm zum Kotzen.
Bevor Keira ihnen die Tür aufschließen konnte, wurde diese geöffnet. Ein hochgewachsener Mann mit grau melierten, ordentlich nach hinten gekämmten Haaren und eingefallenen Wangen musterte sie, als hätte er sie auf frischer Tat bei etwas Verbotenem ertappt. Wie jedes Mal, wenn Elias ihn sah, trug er eine maßgeschneiderte Hose und dazu ironischerweise ein weißes Polohemd, wie man es in jedem zweiten Laden finden konnte.
Keiras Eltern waren beide verbeamtet und verdienten entsprechend gut, bildeten sich allerdings eine Menge auf diesen Status ein. Das, obwohl sie keine weltbewegenden Berufe ausübten oder hohe Positionen bekleideten.
»Willkommen zurück«, grüßte der Mann seine Tochter mit einem leichten Nicken. Dann fiel sein prüfender Blick auf Elias. »Hallo.«
Dieser setzte sein breitestes Grinsen auf. »Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Herr Miller«, erwiderte er übertrieben höflich, während er sich an ihm vorbei drängte.
Keira stand längst auf der Wendeltreppe, bereit, in ihr Zimmer zu fliehen. »Ist Mama noch nicht zu Hause?«
»Nein, sie arbeitet noch. Macht heute nicht zu lange. Du weißt, wir wollen nachher weg.«
Das Mädchen nickte, ehe sie die letzten Stufen hinaufeilte. Elias folgte ihr mit etwas Abstand.
»Charmant wie eh und je«, witzelte er hinter der verschlossenen Zimmertür, wobei er seinen Blick durch den Raum gleiten ließ.
Es war viel zu groß für die wenigen Möbel, die Keira besaß. Unter dem Fenster stand ein gigantischer Schreibtisch, dessen eine Hälfte ausschließlich für Schulsachen draufging. Die andere Seite war für einen alten Computer reserviert. Links davon befand sich ein Bett, dessen Matratze so groß war, dass Keira problemlos quer drauf schlafen könnte. Zugegeben, sie war nicht die Größte. Wenn Elias wollte, bräuchte er nur den Kopf ein wenig nach oben strecken, dann könnte er sein Kinn auf ihrem Kopf ablegen.
»Du hast ja keine Ahnung«, entgegnete sie, wobei sie ihre Gitarre aus dem wandhohen Kleiderschrank kramte.
Elias hatte unterdessen die zwei Katzen gefunden, die es sich auf dem Kopfkissen gemütlich gemacht hatten. Eine der beiden zeigte ihre spitzen Zähne in einem herzhaften Gähnen, dann vergrub sie ihre Nase wieder unter ihrer Schwanzspitze.
Während Keira ihr Instrument aus dem Koffer befreite, trat Elias näher an die Tiere heran und fing an, einem der beiden die Ohren zu kraulen. Es dauerte nicht lange, bis ein wohliges Schnurren aus der kleinen Kehle drang. Elias lächelte zufrieden.
»Wohin musst du später?«, fragte er, während er sich von den Ohren durch das flauschige Fell zum Nacken vorarbeitete.
Ein leises Seufzen ertönte hinter ihm. Keira lehnte die Gitarre gegen den Schreibtisch und ließ sich dann zu den Katzen aufs Bett fallen. »Meine Eltern sind heute Abend bei Freunden eingeladen. Ich soll mitkommen. Die haben kleine Kinder und irgendjemand soll die beschäftigen.«
Elias konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen. »Ich dachte, du magst Kinder.«
»Nicht die beiden. Die sind anstrengend.«
»Verstehe.«
Erst jetzt stellte Elias seine Gitarre ab. Normalerweise störte es ihn nicht, sie mit sich herumzuschleppen. Die Nähe des Instruments beruhigte ihn. Gab ihm das Gefühl, sein Leben zumindest ansatzweise unter Kontrolle zu haben. Doch mit Jacke wurde ihm in dem Zimmer allmählich zu warm.
»Ich muss es positiv sehen.« Keira rollte sich auf den Rücken. »Meine Eltern wissen, dass ich nicht mitfahren will. Darum stehen die Chancen höher, dass sie mich mit zur Party lassen.«
»Gut, dass du mich erinnerst. Ich sollte Bescheid sagen, dass du vielleicht mitkommst.« Elias kramte sein Handy aus der Hosentasche und schrieb seinen Freunden.
»Das wäre gut.« Keira hatte sich wieder aufgerichtet und stellte sich zu ihm an den Schreibtisch. Mit einem gezielten Griff fischte sie einen Zettel aus dem Chaos hervor und reichte ihn Elias.
»Ist das der Song?«
»Jep.« Keira grinste stolz. Mittlerweile war sie es gewohnt, ihm ihre Werke zu zeigen. Nicht wie am Anfang, als sie jedes Mal errötet war.
Elias’ Blick flog über die ordentlichen Zeilen. Es war ein trauriges Lied, das erkannte er bereits an den ersten Worten. Eine Geschichte über eine längst vergangene, gescheiterte Liebe.
Er stockte, als er den vorletzten Vers las.
Die blauen Buchstaben brannten sich förmlich in sein Gehirn. Tanzten vor seinen Augen.
Verspotteten ihn.
And still you smile, stand dort. Vier Worte, die ihn an das Lächeln erinnerten, das Samuel auf den Lippen trug, bevor er sich in die Fluten gestürzt hatte.
Elias sprintete den langen Parkweg entlang. Der Kies knirschte unter seinen Sohlen und das Rascheln der Baumkronen mischte sich mit dem unheilvollen Rauschen des Flusses.
Sein Herz raste. Auf seiner Zunge lag der metallene Geschmack von Blut. Jeder Muskel seines Körpers flehte ihn an, stehen zu bleiben, aber er dachte nicht daran. Im Gegenteil. Durch die Büsche hindurch konnte er die alte Fußgängerbrücke sehen und im gelben Licht einer Laterne entdeckte er die Umrisse eines jungen Mannes, der auf dem Geländer stand.
»Samuel!«, schrie er gegen den Wind, doch seine Worte wurden verschluckt von den Geräuschen der Natur und seiner eigenen Erschöpfung.
Sein Bruder hörte ihn nicht.
Dafür konnte Elias sehen, wie sein Mund sich bewegte und sich zu einem Lächeln weitete.
Er senkte den Blick und zog das Tempo an.
Schneller. Er musste schneller sein.
Wenn er nur mehr Zeit hätte.
Ein paar Sekunden.
Schlitternd gelangte er in die scharfe Kurve, die zur Brücke führte; geriet ins Wanken.
Er riss sich zusammen.
Auf keinen Fall durfte er jetzt fallen.
Seine Füße hinterließen dumpfe Schläge auf dem Holz, aber da lehnte sich der Körper seines Bruders bereits nach vorne. Wenige Herzschläge, bevor Elias das Geländer erreichte. Seine rechte Hand griff in die Tiefe, wo Samuels Körper gerade in den Wellen versank.
»Nicht gut?« Keiras verunsicherte Stimme riss ihn zurück in die Gegenwart.
»Doch.« Er räusperte sich, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden. »Es ist sehr gut.«
Keiras Wangen erröteten bei seinem Kompliment. An sein Lob hatte sie sich noch nicht gewöhnt.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, reichte er ihr den Zettel zurück. Er brachte es nicht übers Herz, ihr zu verraten, welche Erinnerung das Lied in ihm hervorrief. Zwar wusste sie von seinem Verlust, allerdings hatte er ihr nie Genaueres erzählt. Selbst wenn, hätte sie nicht wissen können, was diese vier kleinen Worte in ihm anrichteten, und den Stolz auf ihr Werk wollte er ihr auf keinen Fall nehmen.
Deswegen bewegte er sich wie in Trance auf das Bett zu, ließ sich auf die weiche Matratze sinken und begann erneut, die schlafenden Katzen zu streicheln. Solange, bis sich sein Herz einigermaßen beruhigte.
Kapitel 3
Aska stand im Badezimmer und kämmte ihre Haare, als jemand ungeduldig gegen die Tür klopfte.
»Einen Moment!«, rief sie nach draußen, legte eilig die Bürste weg und fuhr sich ein letztes Mal mit den Fingern durch die Strähnen. Die Spitzen waren noch feucht, aber daran konnte sie jetzt nichts mehr ändern. Also schnappte sie sich den Pulli, den sie über die Heizung gehängt hatte, und schlüpfte hinein. Nachdem sie ihn zurechtgezupft hatte, nahm sie das Handy vom Ladekabel, steckte es in die Tasche ihrer Jeans und verließ das Bad.
Ihr Bruder wartete im Flur auf sie. Er trug längst seine Schuhe und in den Händen hielt er seine Jacke.
»Hast du alles?«, fragte er.
»Noch nicht«, antwortete Aska, während sie auch ihre Schuhe anzog. »Kannst du kurz mein Ticket holen? Das liegt auf meinem Schreibtisch.«
»Das brauchst du nicht. Wir fahren mit dem Auto, sonst kommen wir zu spät.« Mit diesen Worten öffnete Lian die Wohnungstür.
Sie waren tatsächlich spät dran. Letzte Nacht hatte Aska wieder kein Auge zu machen können, weshalb sie sich am Nachmittag noch einmal hingelegt hatte. Dabei hatte sie unterschätzt, wie lange sie brauchte, um sich fertigzumachen, und nun zeigte die Uhr Viertel vor sechs, als sie endlich nach draußen traten. Die Sonne ging langsam unter und die klirrende Kälte fraß sich sowohl durch ihren Pulli als auch durch das darunterliegende Shirt. Fröstelnd vergrub Aska die Hände in den Ärmeln. Froh darüber, dass sie nicht bis zur Bahnstation laufen mussten.
Lians Auto stand direkt vor dem Mehrfamilienhaus am Straßenrand. Ein silberner Peugeot 306, den er vor ein paar Jahren günstig gekauft und wieder auf Vordermann gebracht hatte.
»Du hättest eine Jacke mitnehmen sollen«, bemerkte ihr Bruder, als sie in den Wagen stiegen.
»Wieso?« Aska schenkte ihm ein schelmisches Grinsen. »Die Feier findet doch im Haus statt.«
Lian quittierte ihre Antwort mit einem tiefen Seufzen, dann startete er den Motor und sie fuhren los.
Aska drehte das Radio ein klein wenig lauter und lehnte sich dann in ihrem Sitz zurück. Sie freute sich auf die Party. Darauf, Blake und Luna wiederzusehen. Lian hatte das Paar auf Elias’ Geburtstag kennengelernt, nur wenige Monate, nachdem er in die Stadt gezogen war. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden und so hatte sich im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft zwischen ihnen entwickelt.
Damals war Aska jedoch noch nicht dabei gewesen. In dieser Zeit hatte sie gute hundert Kilometer entfernt bei ihrer Mutter gelebt und nur wenig von dem Leben ihres Bruders mitbekommen. Bis zum Brand. Lian hatte sie aufgenommen, ohne mit der Wimper zu zucken. Er hatte seine damalige kleine Wohnung gekündigt und für sie beide ein neues Zuhause gesucht, noch bevor sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Er hatte sie an einer neuen Schule angemeldet, ihr neue Kleidung besorgt und neue Dokumente beantragt. All das, während er die Beerdigung organisieren musste. Während er selbst Zeit zum Trauern benötigt hätte …
Nur dank ihm waren ihre Leben wieder weitestgehend normal. Sie hatten keine existenziellen Sorgen, einen geregelten Alltag und einander. Etwas, wofür Aska ihm mehr als dankbar war.
Blake und Luna hatten dazu einen großen Teil beigetragen. Zum einen, weil sie Aska in der kleinen Gruppe willkommen geheißen hatten, wie eine alte Freundin, und zum anderen, weil sie Lian mit voller Kraft unterstützt hatten.
Leider war dies auch die Zeit gewesen, in der Aska das Paar am meisten gesehen hatte. Irgendwann, als sie sich in ihrem neuen Leben zurechtgefunden hatten und wieder einem vernünftigen Tagesrhythmus nachgegangen waren, waren die Treffen seltener geworden. Was für Aska einen Grund mehr darstellte, der bevorstehenden Party entgegenzufiebern.
Aska entdeckte das Haus, in dem das Paar lebte, schon von weitem. Ein zweistöckiges Einfamilienhaus aus rotbraunem Backstein, das Lunas Mutter geerbt und ihrer Tochter überlassen hatte.
Lian fuhr daran vorbei und parkte den Wagen am Straßenrand. Gemeinsam stiegen sie aus, dann folgten sie dem Bürgersteig und der kurzen Einfahrt bis zur Haustür.
Es war Lian, der die Klingel betätigte. Ein lautes Surren drang zu ihnen nach draußen und nur wenige Augenblicke darauf ertönte eine Stimme aus dem Inneren des Hauses.
Luna, eine aufgeweckte Frau Mitte zwanzig, öffnete ihnen die Tür. Ihre blauen Augen strahlten, als sie die Geschwister anblickte und auf ihren dunkelrot gefärbten Lippen lag ein breites Lächeln.
»Hey!«, grüßte sie fröhlich, wobei sie ihre Arme ausbreitete und Lian in eine enge Umarmung zog.
»Hallo Luna.« Lian erwiderte die stürmische Begrüßung. »Und Glückwunsch zur Verlobung.«
»Danke!« Luna quietschte wie ein junger Teenager. Offensichtlich konnte sie ihr Glück immer noch nicht fassen.
Sie und Blake hatten sich im Kindergarten kennengelernt und waren viele, viele Jahre zusammen. Trotzdem hatte es nie Anzeichen auf eine baldige Verlobung gegeben.
Blake hatte immer geäußert, dass er nicht der Typ fürs Heiraten war. Er bräuchte keine Hochzeit, um sich seinen Gefühlen und seiner Partnerin sicher zu sein. Luna empfand dies zwar genauso, hatte aber schon oft gesagt, wie sehr ihr die Symbolik dahinter gefiele.
»Von mir auch alles Gute«, sagte Aska, nachdem Luna und Lian sich aus ihrer Umarmung gelöst hatten.
Als Antwort wuschelte Luna ihr einmal kurz durchs Haar. Sie wusste, dass Aska Umarmungen nicht mochte und Aska respektierte Luna sehr dafür, dass sie auf ihre Bedürfnisse achtete. Dabei war die Frau mindestens genauso kontaktfreudig wie Keira.
»Richtig schön, dass ihr beiden Zeit hattet«, sagte Luna, als sie ihre Hand wieder zurückzog. »Wir haben uns viel zu lange nicht mehr gesehen. Aber kommt erst mal rein.«
Sie trat einen Schritt zur Seite und ließ die Geschwister ins Haus. Lian hängte seine Jacke an die Garderobe, dann folgten sie Luna ins Wohnzimmer.
Das Wohnzimmer war ein rechteckiger Raum, der durch die offen angrenzende Küche geräumiger wirkte, als er ohnehin war. Die südliche Wand bestand aus vier gigantischen Glasscheiben, von denen eine als Schiebetür fungierte. Ging man durch sie hindurch, befand man sich direkt auf der gepflasterten Terrasse, auf der sich bereits einige Leute zusammengefunden hatten. Mit Bierflaschen oder gefüllten Bechern in der Hand standen sie um den angeheizten Grill herum und unterhielten sich angeregt. Ihre Gespräche drangen gemeinsam mit dem beißenden Geruch der glühenden Holzkohle nach drinnen.
Im Inneren des Hauses waren hingegen kaum Leute. Auf dem teuren Ecksofa hinter der Tür saß eine Gruppe aus vier Personen, von denen einer seinen Oberkörper über den kniehohen Tisch gebeugt hatte und irgendeine Geschichte erzählte, die Aska nicht verstehen konnte. Wohingegen seine Zuhörer gebannt an seinen Lippen hingen. Zwischendurch fragten sie Kleinigkeiten oder nickten gespannt.
Eine zweite Gruppe stand auf der gegenüberliegenden Seite am langen Esstisch. Dieser stand mit den normalerweise umstehenden Stühlen an die Wand geschoben. Auf der Platte befanden sich ein Stapel mit Papptellern, Gläser, in denen Besteck steckte und Schüsseln mit verschiedensten Salaten.
»Überraschung!«
Aska fuhr zusammen, als sich eine Hand von hinten auf ihre Schulter legte.
»Keira?«, rief sie überrascht aus, als sie die dazugehörige Stimme erkannte.
Ihre Freundin grinste. »Wie sie leibt und lebt.«
»Aber was machst du hier?«
»Elias hat mich eingeladen.« Keira deutete auf den Mann, der gerade hinter ihr aus der offen angrenzenden Küche kam. In seiner rechten Hand balancierte er einige Würstchenpackungen, während er in der linken eine Grillzange hielt.
»Und als Dank könntest du mir ruhig tragen helfen.« Er hielt Keira die Verpackungen unter die Nase und sie nahm ihm grinsend den halben Stapel ab.
»Ist Lian da?«, erkundigte Elias sich unterdessen bei Aska.
»Ja«, antwortete sie eilig. »Er steht draußen bei den anderen.«
Elias’ Blick wanderte durch die Fensterfront, wo Lian sich tatsächlich zu einer kleinen Gruppe gesellt hatte. »Das ist gut.« Er klapperte gedankenverloren mit der Zange. »Ich wollte mit ihm noch über etwas sprechen. Wenn ihr mich entschuldigt, das Zeug ist arschkalt.«
»Stell dich nicht so an«, stichelte Keira, bevor sie sich wieder Aska zuwandte. »Kommst du mit raus?«
Aska nickte, obwohl sie sich unwohl dabei fühlte, in Elias’ Gegenwart zu bleiben. Ihre Haut hatte wieder zu kribbeln begonnen und der Schmerz in ihrem Brustkorb war zurückgekehrt. Dabei hatte dieser sich nach ihrem Mittagschlaf gerade erst gebessert. Er hatte sich zu einem kaum merklichen Brennen zurückgezogen und ihr für wenige Stunden erlaubt, freier zu atmen, was ihre Laune deutlich gehoben hatte. Dass er jetzt zurückkehrte, war ernüchternd. Besonders, weil Elias ihr ausnahmsweise keinen Grund gab, misstrauisch zu sein. Im Vergleich zu den Malen, die sie ihn vor der Schule gesehen hatte, schien er hier unbeschwert. Seine Augen hatten einen lebhaften Glanz, die dunklen Ringe darunter waren beinahe verschwunden und ebenso hatte sich seine Körperhaltung irgendwie verändert. Wenn ihre Instinkte ihr nichts anderes sagen würden, würde sie tatsächlich davon ausgehen, dass Elias ein ganz normaler Mensch war.
Die Feier fand ausschließlich in der unteren Etage des Hauses statt. Luna hatte in einer kurzen Rede das Buffet für eröffnet erklärt und allen Anwesenden einen angenehmen Abend gewünscht. Währenddessen hatte Blake schweigend an ihrer Seite gestanden und zu jedem ihrer Sätze feierlich genickt. Er hatte schon immer den ruhigeren Part in der Beziehung übernommen und war seiner Rolle auch an diesem Abend treu geblieben.
Nach der Rede hatte es nicht lange gedauert, bis ein Teil der Gäste die Mitte des Wohnzimmers als Tanzfläche beansprucht hatte. Alle anderen standen entweder an den Wänden, wo sie versuchten, sich über die laute Musik hinweg zu unterhalten, oder draußen, wo mindestens die Hälfte von ihnen eine Kippe in der Hand hielt. Weißer Rauch und Atemluft tanzten im Licht der Fackeln, dessen Stangen am Rande der Terrasse in der Erde steckten.
Aska lehnte neben der Sofagarnitur an der Wand und betrachtete das Treiben. Eigentlich hatte sie einen Platz neben Keira gehabt, doch diesen hatte sie eingebüßt, als sie sich etwas Neues zu trinken geholt hatte. Dadurch hatte sie zusätzlich den Überblick über das Kartenspiel verloren, das ihre Freundin mit einigen Fremden spielte, und auch von dem nebenherlaufenden Gespräch bekam sie über die Lautstärke nichts mehr mit. Jemand musste allerdings etwas Lustiges gesagt haben, denn alle um den Tisch herum lachten. Einer der Spielenden schmiss daraufhin seine Handkarten offen auf die Glasplatte.
Aska lächelte zufrieden, hob den Plastikbecher an ihre Lippen und nahm einen großen Zug von ihrem süßen Getränk. Kohlensäure sprudelte auf und kitzelte ihre Nasenspitze.
Sie wollte sich gerade wieder dem Spiel zuwenden, als sie Elias in der Menge entdeckte. Er war offensichtlich am Grill abgelöst worden. Sein Gesicht glühte rot von der Hitze und er wischte sich mit dem Ärmel über die schweißbedeckte Stirn. Sein Blick wanderte suchend durch die Menge. Für einen Moment verweilte er bei Lian, ehe er sich wieder abwandte und sich stattdessen durch die tanzende Masse in Richtung Küche bewegte.
Lian stand am anderen Ende des Raumes und unterhielt sich mit einem Aska unbekannten Mann. Sie lachten viel und Aska entgingen nicht die kleinen Berührungen, welche die beiden im Laufe ihres Gespräches untereinander austauschten.
Bei dem Bild breitete sich eine wohlige Wärme in ihr aus. Es war lange her, dass sie ihn so unbeschwert lachen gesehen hatte. Von Gesprächen mit anderen Menschen ganz zu schwiegen. Seit dem Suizid von Samuel hatte er sich zurückgezogen, auf der Arbeit viele Überstunden gemacht und einige seiner Freundschaften schleifen lassen. Dann, nach dem Tod ihrer Mutter, hatte er sich erst um Aska kümmern müssen, bevor er sich wieder seinem eigenen Leben widmen konnte. Ihn nun hier so offen zu erleben, zeigte ihr, dass seine Seele endlich bereit war, mit dem Vergangenen abzuschließen.
Das Bild wurde gestört, als auf einmal ein Schrei durch die Menge brach. Einige Leute wichen mit erschrockenen Gesichtern von der Tanzfläche zurück. Nach und nach verstummten die Gespräche. Das Spiel am Tisch wurde abgebrochen. Irgendjemand schaltete die Musik aus.
Durch die plötzliche Stille wurden auch die Leute draußen aufmerksam. Neugierig reckten sie ihre Hälse, um durch die Scheiben den Grund für den Stimmungswechsel herauszufinden.
Ein dumpfer Schlag ertönte aus der Mitte des Raumes. Aufgebrachte Rufe hallten durch die aufgeheizte Luft. Zwei Männer, die Aska noch nie zuvor gesehen hatte, drängten sich durch die Menge. Über die Schultern der Gäste hinweg konnte sie erkennen, wie die beiden einen wutentbrannten Elias von jemandem wegzerrten, der sich taumelnd vom Laminat aufrappelte. Helles Blut lief aus einer offenen Wunde neben seiner Schläfe.
Wie gelähmt starrte Aska auf das Geschehen. Sie sah dabei zu, wie Elias sich zornig aus dem festen Griff der Männer befreite. Einer von ihnen landete dabei unsanft vor den Füßen der Schaulustigen, die sich daraufhin weiter in Richtung der Wände drängten.
Mit einem lauten Brüllen stürzte Elias sich wieder auf seinen Gegner. Dieser versuchte mit einer ungeschickten Bewegung auszuweichen, doch zu langsam. Zwei gezielte Schläge trafen ihn in Magen und Seite. Hustend sackte er in sich zusammen – zu seinem Glück. Ein dritter Schlag ging nur haarscharf über seinem Kopf hinweg ins Leere.
Dafür traf ihn der darauffolgende Tritt absolut unerwartet an der Schulter. Der Fremde stolperte; stürzte mit dem Rücken voran durch die Glaswand. Schreie der zurückweichenden Draußenstehenden mischten sich mit dem Splittern der Scheibe.
Elias ließ sich davon nicht beirren. Seine Schultern hoben und senkten sich unter schweren Atemzügen. Er war drauf und dran, seinem am Boden liegenden Gegner durch die kaputte Scheibe zu folgen.
»Wag es nicht!«, donnerten plötzlich Blakes eiserne Worte durch die Nacht.
Für den Augenblick erstarrte Elias, was Blake genügend Zeit verschaffte, sich zwischen seinen Kumpel und dessen Ziel zu schieben. Seine sonst so freundlichen Augen glänzten vor Wut. Die Hände hatte er zu festen Fäusten geballt, wodurch die Knöchel weiß hervortraten.
Fast genauso weiß wie das gleißende Licht über seinem dunklen Haar.
In ihren Ohren vernahm Aska nur noch ihren eigenen Puls. Die Formen und Farben der gesprengten Party vermischten sich zu einer einzigen verschwommenen Masse. Lediglich die beiden Lichter blieben rein und klar vor ihren Augen. Eines über Blake, das andere über Elias. Wie kreisförmige Sterne schwebte sie in der stickigen Nachtluft. Selbst über die Distanz spürte Aska deutlich die enorme Wärme, die von den Lichtern ausging.
Nie zuvor hatte sich etwas dermaßen Warmes so gut auf ihrer Haut angefühlt. Nie zuvor war etwas derart Simples ihr so schön vorgekommen.
Automatisch machte sie einen kleinen Schritt in die Richtung der Lichter. Ihr innigster Wunsch war es, dieses unbeschreibliche Leuchten hier und jetzt zu berühren. Sie wollte es spüren. Wie weich es wäre. Wie heiß es sich in ihren Fingern anfühlen würde.
In ihrer Trance bemerkte Aska nicht, dass sich das vertraute Brennen in ihrer Lunge immer weiter ausbreitete. Schleichend langsam bahnte es sich seinen Weg durch ihren Körper, wurde stärker und raubte ihr die Luft zum Atmen. Schwindel bahnte sich an und winzig kleine Punkte begannen vor ihrem inneren Auge zu tanzen.
Es war eine ruckhafte Bewegung, die sie zurück in die Realität holte. Sie schnappte nach Luft. Der Schwindel versiegte, die Punkte verschwanden und zurück blieben lediglich die Schmerzen in ihrem Brustkorb.
Elias hatte sich umgedreht und eilte aus dem Raum. Einige Personen wichen vor ihm zurück. Getuschel breitete sich im Wohnzimmer aus.
»Warte!«, ertönte zeitgleich Keiras Stimme neben Aska. Noch immer etwas benommen sah sie zu ihrer Freundin. Diese drängte sich durch die Menschenmenge und es dauerte einen kurzen Moment, bis Aska verstand, dass Keira Elias folgen wollte.
Augenblicklich setzten sich auch ihre Füße in Bewegung. Egal, wie eng die beiden miteinander waren, sie konnte nicht zulassen, dass Keira jetzt zu ihm ging.
»Aska!« Ihr Name hallte durch den Raum. Ein paar Gesichter schauten sich zu ihr um. Mit einem Fuß im Flur blieb sie stehen. Die Wut in Blakes Augen war verschwunden, genauso wie das Licht über ihm. Geblieben war nur seine angespannte Körperhaltung.
»Lass sie ruhig«, rief er ihr über die Gäste hinweg zu. »Kannst du mir hier helfen?«
Aska warf einen kurzen Blick zur Haustür. Diese stand offen und von Keira war keine Spur mehr zu sehen.
---ENDE DER LESEPROBE---