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Claus Schenk Graf von Stauffenberg, geboren 1907, wurde 1943 zur Schlüsselfigur im deutschen Widerstand gegen Hitler. Dabei war der Berufssoldat, der auf seinem Karriereweg glänzende Beurteilungen erhielt, erst spät zur inneren Umkehr gelangt; dann aber handelte er mit großer Entschlossenheit. In der Doppelfunktion als Attentäter und als Kopf des Umsturzversuches wollte er Deutschland vom Unrechtsregime befreien - und scheiterte tragisch am 20. Juli 1944. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2018
Harald Steffahn
Claus Schenk Graf von Stauffenberg, geboren 1907, wurde 1943 zur Schlüsselfigur im deutschen Widerstand gegen Hitler. Dabei war der Berufssoldat, der auf seinem Karriereweg glänzende Beurteilungen erhielt, erst spät zur inneren Umkehr gelangt; dann aber handelte er mit großer Entschlossenheit. In der Doppelfunktion als Attentäter und als Kopf des Umsturzversuches wollte er Deutschland vom Unrechtsregime befreien – und scheiterte tragisch am 20. Juli 1944.
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rowohlts monographien
begründet von Kurt Kusenberg
herausgegeben von Uwe Naumann
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2018
Copyright © 1994 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
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Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier
Umschlaggestaltung any.way, Hamburg
Umschlagfoto picture-alliance/dpa-Bildarchiv (Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 1934)
Satz CPI books GmbH, Leck, Germany
ISBN 978-3-644-40205-8
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Unter den zahllosen Fotografien vom Redner Hitler gibt es eine, die äußerlich durch nichts von anderen unterschieden und dennoch voller Dramatik ist. Während er an diesem 8. November 1939 ruhig und gesammelt am Podium des Münchner Bürgerbräu-Saales steht und spricht, tickt in einer Säule hinter ihm das Uhrwerk einer Sprengladung.
Alljährlich verbringt der Putschist von 1923 am Ausgangspunkt seines Umsturzversuches, und zur nämlichen Zeit, einige Stunden mit den «Alten Kämpfern» in Bierdunst und Nostalgie. Dann gedenken sie gemeinsam seiner rauschhaften Redeerfolge, der Saalschlachten mit den «Roten» und des mühsamen Aufstiegs zur Macht – und wie sich dann alles so glanzvoll wendete … Vor sechzehn Jahren hatte der jetzige Festredner eine feierliche Versammlung in diesem Raum mit einem Pistolenschuss in die Decke gesprengt; das Signal zum Staatsstreich. Heute wird es lauter werden.
Der geliebte und gehasste Massenbeweger wurde mit den ausgefeilten Methoden deutscher Gründlichkeit normalerweise gut geschützt. In diesem vertrauten Kreis allerdings waren die Sicherheitsvorkehrungen gering. «In der Versammlung schützen mich meine Alten Kämpfer.»[1] Mit diesem Argument hatte der alljährlich Gefeierte auf alle Vorsorge von Seiten der örtlichen Polizei und SS verzichtet. Sie hätten den berühmten Versammlungsort vor dem Auftritt des Führers vermutlich gründlicher überprüft. Die Veteranen des Marsches zur Feldherrnhalle begnügten sich mit flüchtigem Augenschein. Ein Attentäter, der den ritualhaften Ablauf des 8. November in Erfahrung zu bringen wusste, konnte sich darauf einstellen.
Der schwäbische Kunsttischler Georg Elser, Jahrgang 1903, einstiges Mitglied des Roten Frontkämpferbundes, aber ohne Auftraggeber ganz auf sich gestellt, besaß Umsicht, zielstrebige Geduld und handwerkliche Akkuratesse. Er machte Ernst mit seiner Überzeugung, dass das Münchner Abkommen vom September 1938 nur eine Station auf Hitlers Weg zum Kriege sei und der Diktator deshalb beseitigt werden müsse. Lange experimentierte er in seiner Werkstatt mit Uhrengehäusen und Sprengstoffzündern, bis er dann in dreißig bis fünfunddreißig Nächten von August bis November 1939 die dem Podium nächststehende Säule aushöhlte. Die im unteren Bereich umlaufende Holzverkleidung tarnte das geheime Werk. Den Zünder stellte er auf 21.20 Uhr ein. Zu diesem Zeitpunkt musste Hitler, der üblicherweise mindestens anderthalb Stunden sprach, mitten in seiner Rede sein.
Aber das Wetter durchkreuzte die Kalkulation. Die Vorhersage am 8. November ließ befürchten, dass Hitlers Flugzeug am nächsten Vormittag nicht nach Berlin werde starten können. Dort sollte aber der schon mehrfach verschobene Beginn des Westfeldzuges festgelegt werden. Daher setzte sich eine Ordonnanz mit der Reichsbahn in Verbindung, um Hitlers Salonwagen an den fahrplanmäßigen Zug um 21.31 Uhr anhängen zu lassen. Hitler legte seine Rede auf kürzere Dauer an, auf eine knappe Stunde, beginnend um zehn nach acht.
Während der Redner die Engländer beschimpft wegen des ihnen angelasteten Krieges und mit erhobener Stimme versichert, dass Deutschland eine Armee aufgebaut habe, wie es eine bessere auf der Welt nicht gebe, wird Elser beim Versuch, in die Schweiz zu gelangen, von deutschen Zollbeamten festgenommen. Unterdessen schiebt der Adjutant Schaub seinem Führer immer dringlichere Mahnungen zu, die Rede zu beenden. Es ist wie ein untergründiger Wettlauf zweier Uhren: der Elser-Uhr und der Bahnhofsuhr. Die zweite gewinnt. Hitler beendet die Ansprache unter Ovationen, die zwei Hymnen – Deutschlandlied und Horst-Wessel-Lied – werden stehend angehört, Hände werden geschüttelt, erneut Arme gereckt – dann hat Schaub die Hauptperson des Abends endlich an der Saaltür: um 21.12 Uhr.
Acht Minuten später – noch ist die Autokolonne auf dem Weg zum Bahnhof – zerreißt eine Explosion die Feierstimmung. Der Anschlag zerstört den Saal. Acht Tote und dreiundsechzig Verletzte liegen zwischen den Trümmern. Bei der Ankunft in Nürnberg erfährt Hitler erste Einzelheiten. «Jetzt bin ich völlig ruhig!», ruft er aus. «Daß ich den Bürgerbräukeller früher als sonst verlassen habe, ist eine Bestätigung, daß die Vorsehung mich mein Ziel erreichen lassen will.»[2]
An der Ostfront war die Katastrophe von Stalingrad vorüber. Die Bemühungen der Gegner Hitlers, ihn auf seinem Wege des Unheils und Verbrechens aufzuhalten, wurden umso aussichtsreicher, je mehr Deutschland in die militärische Defensive geriet. Den Diktator zu stürzen, dieser Wille entsprang nicht erst der Einsicht in den unausweichlichen Zusammenbruch; er war sogar älter als der Krieg selbst. Nur sind Zeiten der Triumphe kein günstiges Klima für Putsch oder Attentat, eher der Nährboden für Verratslegenden. So hatte die Fronde gelähmt abwarten müssen, bis die Kriegserfolge umschlugen in Dauerabwehr und Rückzug.
Koordinator des militärischen Widerstandes war Henning von Tresckow, 1. Generalstabsoffizier («Ia») der Heeresgruppe Mitte. Auf einem Spaziergang mit einem Vertrauten sagte er einmal, plötzlich innehaltend: «Ist es nicht ungeheuerlich, daß sich hier zwei Obersten im Generalstab der deutschen Armee darüber unterhalten, wie sie am besten das Staatsoberhaupt umbringen können? Und doch ist es die einzige Lösung, um das Reich und das deutsche Volk vor der größten Katastrophe in ihrer Geschichte zu retten.»[3] Tresckow ersann Anfang 1943 den Plan, Hitler hierher ins Heeresgruppen-Hauptquartier westlich von Smolensk einzuladen und ihn dadurch Umständen auszusetzen, die für einen Attentäter kalkulierbarer waren als im Führerhauptquartier. Den maßgeblichen Befehlshaber, Feldmarschall von Kluge, konnte er für die Einladung gewinnen, und Hitler sagte zu.
Kluge wusste von Tresckows unbeirrbarer Gegnerschaft, die er duldete; doch Anschläge innerhalb seines Befehlsbereiches lehnte er ab. So entfiel die sonst realisierbare Möglichkeit, den Obersten Befehlshaber durch die schon länger bereitgestellte Kavalleriebrigade des Freiherrn von Boeselager, eines hochdekorierten Haudegens und Mitverschworenen, festnehmen zu lassen.
Tresckow hatte sich daher auf eine andere Gewalttat vorbereitet: auf ein Bombenattentat im Flugzeug. Zusammen mit seinem Ordonnanzoffizier Fabian von Schlabrendorff, der unter Glücksumständen überlebte und von diesen Vorgängen 1946 als Erster berichtete, hantierte er lange mit englischen Zündern, die ohne verräterisches Zischen arbeiteten, und war schließlich mit den Versuchsergebnissen zufrieden.
13. März 1943: Nach den üblichen Besuchsankündigungen und Widerrufen, diesem in der Truppe allgemein bekannten und ernstlich kaum wirksamen Sicherungsritual, erscheint Hitler mit mächtigem Gefolge einschließlich Leibarzt und Koch; dieser muss gesonderte Gerichte zubereiten, jener sie vor seinem Patienten kosten. Während der Mittagstafel im größeren Kreis, nach den Besprechungen zwischen Hitler, Kluge, den Armeeführern und Stabschefs der Heeresgruppe, fragt Tresckow den Oberst Brandt aus dem Begleitkommando des Besuchers, ob er ein Päckchen mit zwei Flaschen Cognac für Oberst Stieff im Oberkommando des Heeres mitnehmen könne. Brandt sagt zu und empfängt die als Getränk getarnte Bombe mit eingestelltem Zünder unmittelbar vor dem Abflug aus den Händen Schlabrendorffs. Kurzer Abschied, die Focke-Wulf Condor startet, kurz danach die zweite Maschine mit dem restlichen «Hofstaat».
Die beiden Attentäter haben den Mechanismus so eingestellt, daß die Sprengladung nach dreißig Minuten detonieren müsste. In fiebernder Spannung erwarten sie die Absturzmeldung. Nach zwei Stunden, lange über den berechneten Zeitpunkt hinaus, trifft die Nachricht ein, dass der Führer in seinem ostpreußischen Hauptquartier bei Rastenburg gelandet sei. «Wir befanden uns in einer großen Erregung.»[4] Der Leser von Schlabrendorffs Schilderungen kann es nachempfinden. Denn Stieff, wenngleich Hitler-Gegner, gehörte noch nicht zum Verschwörerkreis. Unter welchen Umständen würde er ahnungslos das falsch deklarierte «Geschenk» öffnen? Sein unvorgesehener Tod hätte zugleich die Verschwörung aufgedeckt. Tresckow bat Brandt telefonisch, die Sendung nicht auszuhändigen, eine Verwechslung sei unterlaufen. Schlabrendorff reiste, nachdem der Anruf das Verhängnis gerade noch hatte aufhalten können, nach Ostpreußen, überbrachte wirklichen Cognac, nahm den unechten mit und stellte beim Öffnen im Zugabteil fest, daß die Zündung versagt hatte, wohl aufgrund explosionshemmender Temperaturen in der Luft.
Eine neue Gelegenheit ergab sich schon acht Tage später. Hitler wollte anlässlich des Heldengedenktages am 21. März wieder im Berliner Zeughaus sowjetisches Beutegut besichtigen, diesmal zusammengestellt von der Heeresgruppe Mitte. Deren Abwehroffizier Oberst Freiherr von Gersdorff sollte beim Rundgang die Erläuterungen geben. Tresckow fasste diese Personenwahl als Wink des Schicksals auf [5], weihte seinen Generalstabskollegen in die Verschwörung ein und gewann ihn zum Mitmachen, mehr noch: Gersdorff fand sich zum persönlichen Opfer bereit. Er wollte einen Sprengstoffzünder mit kürzestmöglicher Laufzeit – zehn Minuten – in seiner Seitentasche auslösen, um sich zum erwarteten Explosionszeitpunkt in nächster Nähe des zu Tötenden aufzuhalten.
Am Morgen des 21. März 1943, einem Sonntag, übergibt Schlabrendorff dem Attentäter im Berliner Hotel Eden den Sprengstoff. Es sind die nicht explodierten englischen Haftminen des Typs «Clam» vom Fehlversuch der vorigen Woche. Tatsächlich findet der Vorführungsbeauftragte Gelegenheit, kurz nach 13 Uhr die Säureampulle des neuen Zünders in seiner linken Manteltasche zu zerdrücken. Wieder hängt Deutschlands Schicksal an einer Zündschnur. Tresckow bei Smolensk hört mit der Uhr in der Hand die Rundfunkreportage über die Feierlichkeit und weiß noch vor Ablauf der zehn Minuten, daß auch dieser Anschlag missglückt ist. Denn Hitler, als beflügelte ihn eine Ahnung, hat die Ausstellung im Geschwindschritt durchmessen, überall nur flüchtig hingeschaut und das Gebäude rasch wieder verlassen. Das aufregende Nachspiel für den Offizier bestand darin, den Sprengkörper in einem Toilettenraum kurz vor der Explosion zu entschärfen.[6]
Monate vergingen, bis abermals eine Gelegenheit winkte, den Diktator zu beseitigen: beim Vorführen neuer Uniformen im Rastenburger Hauptquartier. Wieder fand sich ein Offizier zum Selbstopfer bereit, diesmal der Hauptmann Axel von dem Bussche, Bataillonskommandeur im Nordabschnitt der Ostfront. «Ich wußte, daß Hitler vernichtet werden müsse, als ich in einer kleinen ukrainischen Stadt [1942] die Exekution von tausendsechshundert Juden erlebte.»[7] Mit Oberst Stieff, dem Chef der Organisationsabteilung im Oberkommando des Heeres, besprach er Einzelheiten, weil jener jetzt zu den Verschwörern gehörte. Mit ihm war er einig, «daß man nur mit vollem Einsatz seiner selbst handeln darf und muß»[8]. Indes, als Bussche im November 1943 mit bereitliegendem Sprengstoff auf die Uniformen wartete, verbrannten sie bei einem Luftangriff in Berlin.
Ehe Ersatz da war, stand der verhinderte Attentäter wieder an der Front. Zu einem schließlich neu anberaumten Vorführtermin gab der Divisionskommandeur ihn nicht frei; seine Offiziere seien keine Mannequins. Wenig später wurde der Hauptmann verwundet und verlor ein Bein. Eine Koalition der Zufälle hatte den obersten Kriegsherrn ein weiteres Mal beschützt. Gelang also gar nichts?
Im Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke ging man sogar ohne Kenntnis dieser Einzelheiten so weit, «in Hitler eine dämonische Gewalt am Werk» zu sehen, «die nicht einfach aus dem Weg geräumt werden konnte. Um Hitler zu vernichten, so sagten sie sich, müssen ganz andere Kräfte in Aktion treten.» So Marion Yorck von Wartenburg im Rückblick.[9] Bei solcher schon metaphysischen Betrachtungsweise drängten sich manchem Goethes Worte aus «Dichtung und Wahrheit» auf, Worte, die jetzt einen merkwürdigen Gegenwartsbezug gewannen. Nicht zufällig zitiert Schlabrendorff sie in seinem Gedenkbuch «Offiziere gegen Hitler»[10]:
«Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten, selten durch Herzensgüte sich empfehlend; aber eine ungeheure Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente, und wer kann sagen, wie weit sich eine solche Wirkung erstrecken mag? Alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts gegen sie; vergebens, daß der hellere Teil der Menschen sie als Betrogene oder als Betrüger verdächtig machen will, die Masse wird von ihnen angezogen. Selten oder nie finden sich Gleichzeitige ihresgleichen, und sie sind durch nichts zu überwinden als durch das Universum selbst, mit dem sie den Kampf begonnen; und aus solchen Bemerkungen mag wohl jener sonderbare, aber ungeheure Spruch entstanden sein: Nemo contra deus nisi deus ipse.»
Wer damals miterlebt hat, wie ein Prototyp des «dämonischen Menschen», ein Massenliebling und vergötterter Volksführer, wie zum Hohn auf alle misslungenen Versuche, ihn umzubringen, am Ende von eigener Hand gestorben ist, wer Zeitzeuge all dessen war, dem konnten diese Zeilen schon zitierenswert erscheinen.
Tresckow trug schwer an dem immer erneuten Mißlingen, das ja auch jedes Mal die ganze verzweigte Gruppe gefährdete. Doch schon vor dem letzterwähnten Fehlschlag war an einen wichtigen Platz im Befehlsstab des Heimatheeres ein Offizier gerückt, auf den sich große Hoffnungen richteten. Oberstleutnant Claus Schenk Graf von Stauffenberg, fünfunddreißig Jahre alt, hatte sich der Verschwörung angeschlossen. Der ursprüngliche Sympathisant und Gefolgsmann Hitlers war über Zweifel und Ernüchterung zum entschlossenen Gegner geworden. Von nun an setzte er seine ganze Willenskraft ein, um dem erkannten Unglück Deutschlands zu wehren. Auch er hatte nun, nach Tresckows späteren Abschiedsworten, «das Nessushemd angezogen», das herakleische Todesgewand. Wer aber «in unseren Kreis getreten ist», dürfe über seinen Tod nicht klagen. «Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.»[11]
Der Schwabe Schiller kannte die Despotie in seinem heimatlichen Württemberg, der Schwabe Stauffenberg kannte sie nicht. Über der Rütli-Szene liegt der Schatten des Herzogs Karl Eugen: «Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht …» Der letzte Landesherr, König Wilhelm II., namensgleich mit dem deutschen Kaiser, hätte dagegen für das Thema des «Tell» nichts hergegeben, jedenfalls nichts Negatives. So beliebt war er unter seinem Schwabenvolk, dass sogar eine sozialdemokratische Zeitung 1916 schrieb: Wenn Württemberg morgen Republik würde und wenn es nach den Bürgern ginge, dann hätte niemand verdientere Aussicht, an die Spitze des neuen Staates zu rücken, als Wilhelm selbst.
Die Aura des Landesvaters, das «Betriebsklima» im Lande strahlte aus bis in den Familienkreis der Stauffenbergs, denn beide Eltern der drei Brüder Berthold, Alexander und Claus standen im Dienst des Hofes: der Vater Alfred als Oberhofmarschall, die Mutter Caroline als Freundin und Gesellschafterin der Königin.
Bis 1918 lebte die Familie Stauffenberg in befriedigenden, vielleicht beglückenden Lebensumständen. Konnten die nachfolgenden dagegen bestehen? Die Weimarer Republik hätte den Anhängern und Bediensteten des Hauses Württemberg wohl sogar unter weniger drückenden Anfängen und bei gedeihlicherem Fortgang kaum Ersatz für den Verlust bieten können. Stattdessen litt das redliche demokratische Staatsbemühen unter allen erdenklichen Widrigkeiten. Bei den Stauffenbergs durfte die Republik daher nicht auf Unterstützung zählen.
Grafen übrigens waren sie nicht in Württemberg geworden, sondern im Nachbarkönigreich Bayern. Aber schauen wir noch etwas weiter zurück. Die Ahnenreihe des schwäbischen Geschlechts mit bayerischer und fränkischer Verzweigung ist seit 1317 urkundlich nachweisbar.[12] 1698 verlieh Kaiser Leopold I. das freiherrliche Privileg an mehrere Angehörige jener Erblinie, welcher Claus Stauffenberg entstammt. Diese Linie wurde nach dem Ende des alten Reiches, 1806, in der Freiherrenklasse des Königreiches Bayern immatrikuliert. 1874 erhob König Ludwig II. den Freiherrn Franz Schenk von Stauffenberg in den erblichen Grafenstand. Dessen Enkel Alfred, als Besitzer des Gutes Lautlingen am Südrand der Schwäbischen Alb nahe Ebingen, trat 1880 in ein württembergisches Ulanenregiment ein und brachte es bis zum Major, wobei aber seit der Jahrhundertwende der militärische Dienst zurücktrat zugunsten des zivilen bei Hofe: als Kammerherr und Stallmeister. Diesen Berufsweg krönte das Oberhofmarschallamt, das er während der letzten zehn Jahre der Monarchie innehatte. Noch einmal ebenso lange verwaltete Graf Alfred als Präsident der Rentkammer das königliche Vermögen.
Seine Frau Caroline entstammte der alten baltischen Familie Uxkull-Gyllenband, schwedische Freiherren seit Ende des Dreißigjährigen Krieges, deutsche Reichsgrafen seit 1790. Zu den Vorfahren der Gräfin Caroline gehörte der preußische Militärreformer Gneisenau; sie war eine Ururenkelin. Als enge Vertraute der württembergischen Königin musste sie deren Freizeitvergnügen, das Reiten, teilen; ihr Reitlehrer war der Stallmeister. Ihn, den fünfzehn Jahre Älteren, heiratete sie 1904. Im folgenden Jahr gebar sie die Zwillingssöhne Berthold und Alexander, im November 1907 die Zwillinge Claus und Konrad, von denen der zweite schon am nächsten Tag starb. Geburtsort war Jettingen, ein anderer Familiensitz, zwischen Ulm und Augsburg, im bayerischen Schwaben. Gemäß Stauffenberg’scher Familientradition wurden die Kinder katholisch erzogen, obwohl die Mutter evangelisch war, das Königshaus ebenso.
Der höfische Umgang und Berufsalltag, die Beherrschung des Repräsentativen und Zeremoniellen wetteiferten beim Vater mit einer ebenso ausgeprägten unkonventionellen, bisweilen saloppen Art und mit seinen praktischen Fertigkeiten. Er konnte Leitungen verlegen, Möbel aufbessern, Tapeten anbringen, Obstbäume veredeln. Solche Talente gingen der Mutter völlig ab. Den Alltagsdingen begegnete sie mit reizender Naivität, durchschaute kaum die Geheimnisse der Küche, erzog mit Güte, flüchtete aus ihren Hofpflichten zu Goethe und Shakespeare und liebte die Kunst. Alle Söhne lernten ein Instrument: Berthold spielte Violine, Alexander Klavier und Claus Violoncello. Das Künstlerische schlug am stärksten durch bei Alexander, der Gedichte schrieb, und lässt auf mütterliches Erbe schließen. Die später so auffällige Gabe des Organisatorischen beim jüngsten Bruder deutet eher auf den Vater; er muss ja Geschick darin bewiesen haben, einen umfangreichen Hofstaat zu leiten.
Sie haben Beobachtern einen einnehmenden und hoffnungsvollen Anblick geboten, die Stauffenberg-Söhne. Rilke, der mit der Mutter Briefe wechselte, sprach bei Ansicht einer Fotografie (abgebildet auf S. 19 dieses Bandes) von den «drei schönen und schon im jetzigen Ausdruck so vielfach künftigen Knaben»[13].
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges eilten eine Reihe Familienmitglieder der engeren und weiteren Verwandtschaft zu den Fahnen ihres Monarchen und bestätigten damit das übliche Bild einer Schicht, die ihre Standesvorteile mit Waffendienst vergalt. «Die Ehre war gewissermaßen die Komplementärgröße zu den Privilegien. Umsonst gibt es eben nichts, in keinem System.»[14] Die Verlustanteile der adligen Offiziere waren daher unverhältnismäßig hoch. Enthusiastisch wie die meisten Jungen, die den Krieg als großes Abenteuer verklärten, wurde Claus von Tränen überschwemmt, weil seine Brüder sich ausgerechnet hatten, dass sie schon in zehn Jahren hinausziehen dürften, während er weiter zu Hause bleiben müsste.[15]
Im Jahr zuvor war Claus in eine Stuttgarter Privatschule für Elementarunterricht aufgenommen worden und wechselte von dort im Herbst 1916 auf das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, das seine Brüder seit 1913 besuchten. Die letzten Kriegsjahre und die frühen der Weimarer Republik trugen Unruhe ins Schulleben. Erst diente das Gebäude kriegsgefangenen französischen Offizieren als Unterkunft, sodass der Unterricht woanders stattfinden musste; dann brachen revolutionäre Wirren auch über die Landeshauptstadt des bisher so friedlichen Musterländles herein. Nachdem noch dazu die Wohnung im Alten Schloss hatte geräumt werden müssen (die neue Dienstwohnung in der Jägerstraße 18 nahe dem Hauptbahnhof befand sich noch im Umbau), wich Gräfin Caroline mit den Kindern aufs Land aus. In den folgenden Monaten wurden die Jungen von einer Abiturientin unterrichtet, die zwischen Schulabschluss und Studienbeginn von der Direktorin des Gymnasiums eigens nach Lautlingen geschickt worden war: Elisabeth Dipper. Sie liefert mancherlei Einblicke in das Familienleben und die Lernatmosphäre.
Den Grafen Alfred fand sie, ungeachtet seiner Höflichkeit gegen sie, herrschsüchtig, cholerisch und rücksichtslos. Wenn Alexander vermeintlich grundlose Ausbrüche sich zu Herzen nahm, behielt der elfjährige Claus seinen Gleichmut: Da hab ich eine ganz andere Theorie – austoben lassen.[16]
Die Jungen fand sie wohlerzogen, bei viel Freiheit. «Zu bestimmten Zeiten dürfen sie alles tun, sich balgen und schreien und toben, wie ich’s noch selten gehört habe; sie sind nämlich alle drei Kraftmenschen, man muß nur erst ihre Stimmen hören, sie können fabelhaft schreien. Aber daß sie beim Essen nicht tadellos ruhig und gerade sitzen oder sonst einmal nicht sofort folgen, das gibt’s einfach nicht. Der einzige, der manchmal geschwind eine Ohrfeige fängt, ist Berthold.»[17]
Von den beiden Vierzehnjährigen berichtete sie beeindruckt nach Hause: dass sie schon viele Bücher gelesen haben, die sie, die Lehrerin, jetzt selbst lesen wolle; man habe sich über Oswald Spenglers «Untergang des Abendlandes» und über die Lebenserinnerungen von Carl Schurz unterhalten. Berthold sei kein angenehmer Schüler, aber nur, weil er so gescheit sei, bohrende Fragen stelle und unerbittlich jede Wissensunsicherheit spüre, weshalb sie, Elisabeth, lieber keine Überlegenheit herauskehre.
Seine geistige Frühreife erwies sich auch an einem Beispiel, das vom Gymnasium überliefert ist. Als der katholische Religionslehrer vor der gemischt-konfessionellen Klasse zum Unwillen vieler Schüler Luther verunglimpfte, habe Berthold, der seine Gefühle ohnehin nicht öffentlich preisgab, dem Lehrer nach der Stunde eröffnet, sein Unterricht werde boykottiert werden, wenn er weiterhin so unritterlich den Religionsgegner bekämpfe.[18]
Während Alexander am Klavier komponierte und Claus unentwegt Pläne zeichnete, wie das «Schloss» umzubauen sei – ein im 19. Jahrhundert errichtetes stattliches Landhaus mit einer Gartenmauer ringsum, vier Ecktürme davor –, war es zugleich selbstverständlich, dass die Söhne des Gutsherrn von Lautlingen bei der Landarbeit mithalfen, sobald sie zupacken konnten. Claus war stolz, als er das Mähen am Hang gelernt hatte.
Es kennzeichnete die Guts- und Grundherrschaften in Deutschland, vornehmlich bei alteingesessenen Familien, dass der adlige Nachwuchs mit allem vertraut wurde, was Grund und Boden erforderten. Er «erwarb» seinen Besitz mit eigener Hände Arbeit, um dadurch sachverständig und verantwortungsfähig zu werden. Den Geburtsabstand zu den Abhängigen sollten die jeweils Nachwachsenden nicht tatenlos als Geschenk annehmen. So «kannten sich Oben und Unten ziemlich genau in jeder Generation», bemerkt Marion Gräfin Dönhoff aus ihren eigenen Erfahrungen in Ostpreußen, «was eine merkwürdige Mischung von institutioneller Distanz und persönlicher Vertrautheit ergab»[19]. Das Treueverhältnis, das im altdeutschen Feudalleben stets auf Gegenseitigkeit beruhte, festigte sich dadurch immer von neuem. So verwundert auch nicht, daß die Lautlinger sogar im verhetzten Klima der späten Hitlerzeit der verfemten Familie anhänglich blieben.
Bis dahin bedurfte es aber mancher Wendungen im Lebensweg des jüngsten Stauffenberg, der fast über die gesamte Gymnasialzeit hin Architekt werden wollte. Die Neigung ist in Versen des gerade Sechzehnjährigen vom November 1923 aufbewahrt:
Oft ist es mir als müsst ich pläne zeichnen
Von hohen unermesslichen palästen
Mit rotem marmor weissen treppenhäusern
Und märchenlangen lichtbesäten gängen.[20]
Vom Anfang des Jahres ist ein Schulaufsatz erhalten – derselbe Gegenstand in Prosa: Ich will einmal bauen, Baumeister werden. Ich finde es schön und es zieht mich an, das Zusammenord(n)en von an sich ganz abstrakten Raumgebilden in eine schöne, in der Anordnung vernünftige und sinnreiche, selbstverständliche gebundene Form, das Übereinstimmen von Grundriß und Aufriß, von Innenausstattung und Äußerem, das Abwägen der Verhältnisse zueinander, die angepaßte Linienführung, alles individuell und doch sich in allgemeingültige Werte einfügend …[21]
Dieser erstaunlich reife Tonfall des damals Fünfzehnjährigen gewinnt geradezu pathetischen Ausdruck, wenn er in jenem Schulaufsatz unter dem vorgegebenen Thema «Was willst du werden?» mit jugendlichem Patriotismus schreibt: Für alle, die das Vaterland und das neue Reich erkannt haben, gibt es nur den Einen hehren Beruf, den uns die großen Griechen und Römer durch die Tat vorgelebt haben, und den uns die Ritter in höchster Form dargetan haben: Des Vaterlandes und des Kampfes fürs Vaterland würdig zu werden und dann sich dem erhabenen Kampf für das Volk zu opfern; ein Wirklichkeits- und Kampfbewußtes Leben führen. Dieser Beruf muß dann ausgeführt werden mit dem tatsächlichen vereint, muß diesem als Leitgedanke vorangehen. Seine Freude am Bauen, Stein auf Stein zu setzen, so erläutert er dann, sei ganz untergeordnet unter das Erlebnis vom Deutschtum, so daß jeder Bau gewissermaßen einen Tempel, der dem deutschen Volk und Vaterland geweiht ist, darstellt.[22]
