Codex Alera 1 - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Der neue Superstar des High-Fantasy!

Alle Einwohner Aleras können Magie wirken und die mächtigen Geister der sechs Elemente zu Hilfe rufen – nur der junge Tavi nicht. Doch als Intrigen und Bügerkrieg das Reich zerreißen und die bösartigen, nichtmenschlichen Marat die Grenzen von Alera überschreiten, ruhen alle Hoffnungen auf Tavis Schultern. Denn nur wenn der junge Mann nicht seinen Mut und seine Entschlossenheit verliert, haben seine Familie und alle, die Tavi liebt, eine Chance zu überleben …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:885


Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Prolog
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
 
Danksagung
Copyright
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Book One of the Codex Alera. Furies of Calderon« bei Ace Books, the Berkley Publishing Group, Penguin Group (USA) Inc., New York.
Für meinen Sohn, Held in Ausbildung -und zum Andenken an meinen Vater, Held im Leben
Prolog
Der Lauf der Geschichte wird keineswegs von Schlachten, Belagerungen oder dem Sturz von Herrschern bestimmt, sondern durch die Handlungen einzelner Personen. Die stärkste Stadt und die größte Armee sind im Grunde eine Ansammlung von Einzelnen. Ihre Entscheidungen, ihre Vorlieben, ihre Dummheit und ihre Träume gestalten die Zukunft. Wenn man aus der Geschichte etwas lernen kann, dann die eine Lektion: dass allzu oft die Existenz von Armeen, Städten und ganzen Reichen von den Handlungen einer einzigen Person abhängt. In Zeiten der Ungewissheit kann diese Person mit einer Entscheidung – sei sie nun gut oder schlecht, richtig oder falsch, groß oder klein – unwissentlich den Lauf der Welt beeinflussen.
Aber die Geschichte macht es uns nicht leicht. Denn man weiß nie, wer diese Person ist, wo sie sich aufhält und welche Entscheidung sie wohl treffen wird.
Ein Umstand, der mich beinahe dazu veranlasst, an das Schicksal zu glauben.
Aus den Schriften von Gaius PrimusErster Fürst von Alera
»Bitte, Tavi«, schmeichelte das Mädchen. Draußen herrschte Dunkelheit, es war die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. »Tust du mir diesen einen kleinen Gefallen?«
»Ich weiß nicht«, antwortete der Junge. Sie standen vor der Küche des Wehrhofes. »Heute habe ich so viel zu erledigen.«
Sie schmiegte sich an ihn, und der Junge spürte ihren schlanken weichen Körper an seinem. Sie duftete nach Blumen, drückte ihm die Lippen sanft auf die Wangen und flüsterte ihm dann ins Ohr: »Ich wäre dir so dankbar.«
»Also«, meinte der Junge. »Äh... ich bin mir nicht sicher, ob...«
Wieder küsste sie ihn auf die Wangen und flüsterte: »Bitte.«
Sein Herz klopfte, und seine Knie wurden weich. »Na gut, ich mache es.«
1
Amara saß auf dem schwankenden Rücken eines riesigen alten Gargantenbullen und ging ihren Plan noch einmal im Geiste durch. Die Morgensonne schien ihr ins Gesicht, vertrieb die Kälte aus der dunstigen Luft und wärmte ihre dunklen Wollröcke. Hinter ihr quietschten und ächzten die Achsen des Karrens unter dem Gewicht der Ladung. Der Sklavenring, den sie trug, scheuerte ihr die Haut auf; bei der nächsten Mission würde sie daran denken, ihn einige Tage vorher anzulegen, um sich daran zu gewöhnen.
Vorausgesetzt, sie überlebte diese hier.
Die Angst kroch ihr über den Rücken, und Amara zog die Schultern zusammen. Sie holte tief Luft und stieß sie wieder aus, schloss die Augen für einen Moment, verdrängte alle Gedanken und konzentrierte sich auf das, was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen konnte: Sonnenlicht auf dem Gesicht, das Wanken des stinkenden Garganten mit seinen langen Schritten, das Ächzen der Karrenachsen.
»Nervös?«, fragte der Mann, der neben dem Garganten ging. In seinen Händen baumelte ein Stachelstock, den er allerdings im Laufe der ganzen Reise noch nicht ein einziges Mal benutzt hatte. Er führte das Tier nur mit den Riemen, obwohl er dem alten Bullen kaum bis zu den braunbehaarten Oberschenkeln reichte. Der Mann trug die einfache Kleidung eines fahrenden Händlers: braune enge Hose, robuste Sandalen und eine gesteppte Jacke über dem Hemd – dunkelgrün auf naturfarben. Den langen Umhang, schmutziggrün mit Stickereien, hatte er auf die Seite geschoben, während die Sonne höher stieg.
»Nein«, log Amara. Sie öffnete die Augen wieder und starrte nach vorn.
Fidelias lachte. »Du lügst. So schlecht ist der Plan allerdings gar nicht. Er könnte funktionieren.«
Amara warf ihrem Lehrer einen skeptischen Blick zu. »Aber du hättest noch einen Vorschlag?«
»Bei deiner Abschlussübung?«, fragte Fidelias. »Bei den Krähen, nein. Das würde mir nicht im Traum einfallen, Akadem. Damit würde ich ja deine Leistung herabsetzen.«
Amara fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Trotzdem meinst du, ich hätte vielleicht etwas übersehen?«
Fidelias warf ihr einen unschuldigen Blick zu. »Mir stellen sich da lediglich ein paar Fragen.«
»Fragen?«, sagte Amara. »Wir sind gleich da.«
»Ich kann sie auch für mich behalten, bis wir angekommen sind, falls dir das lieber ist.«
»Wenn du nicht mein Patriserus wärest, ich glaube, ich könnte dich nicht leiden«, seufzte Amara.
»Nett, wie du das sagst«, erwiderte Fidelias. »Du hast schon viel erreicht, seit du an der Akademie angefangen hast. Erinnerst du dich noch, wie schockiert du warst, als dir dämmerte, dass die Kursoren nicht nur Sendschreiben überbringen?«
»Musst du immer noch auf dieser Geschichte herumreiten? Du weißt, ich mag das nicht.«
»Nein«, meinte Fidelias und grinste. »Eben deshalb reite ich so gerne darauf herum, weil du es nicht magst.«
Sie warf ihm einen spitzbübischen Blick zu. »Deshalb schickt dich der Kursor Legatus immer fort auf Missionen, glaube ich.«
»Das liegt an meinem einnehmenden Wesen«, stimmte Fidelias zu. »Also gut. Meine erste Sorge -«
»Frage«, berichtigte Amara.
»Frage«, räumte er ein, »betrifft unsere Tarnung.«
»Was stellt sich da für eine Frage? Armeen brauchen Eisen. Du bist ein Erzschmuggler, ich bin deine Sklavin. Als du gehört hast, dass du hier draußen etwas verkaufen könntest, bist du hergekommen, um ein wenig Geld zu machen.«
»Ach«, meinte Fidelias, »und was erzähle ich ihnen, wenn sie nach der Herkunft des Erzes fragen? Man findet so was ja schließlich nicht einfach am Straßenrand, oder?«
»Du bist ein Kursor Callidus. Dir fällt da doch bestimmt was Schönes ein.«
Fidelias lachte. »Immerhin hast du schon gelernt, Aufgaben zu delegieren. Wir nähern uns also dieser abtrünnigen Legion mit unserem wertvollen Erz.« Er deutete mit dem Kopf auf den quietschenden Karren. »Wie hindern wir sie daran, uns unsere Ladung einfach abzunehmen?«
»Du bist der Erste einer ganzen Gruppe von Schmugglern und vertrittst in dieser Angelegenheit mehrere Händler. Man wartet, bis du mit Ergebnissen zurückkommst, und wenn es sich lohnt, sind die anderen bereit, ihre Vorräte ebenfalls zu verkaufen.«
»Genau das verstehe ich nicht«, sagte Fidelias mit unschuldiger Miene. »Wenn es sich tatsächlich um eine abtrünnige Legion handelt, die, wie die Gerüchte behaupten, unter dem Befehl eines Hohen Fürsten steht und bereits Vorbereitungen trifft, den Ersten Fürsten zu stürzen... werden sie nicht um jeden Preis verhindern wollen, dass man von ihrer Existenz erfährt? Gleichgültig, ob im Guten oder im Schlechten?«
»Ja«, stimmte Amara zu. Sie blickte ihn an. »Was hervorragend zu unseren Plänen passt. Verstehst du? Wenn du nicht von deinem kleinen Ausflug zurückkehrst, wird man überall in Alera von der Existenz dieses Lagers erfahren.«
»Unausweichlich, denn man weiß ja sowieso schon darüber Bescheid. Eine ganze Legion kann man kaum lange geheim halten.«
»Das ist jedenfalls die beste Geschichte, die mir einfällt«, sagte Amara. »Oder hast du einen besseren Vorschlag?«
»Wir schleichen uns mit Hilfe unserer Elementarkräfte ins Lager, sammeln Beweise und verschwinden so schnell, als wären die Krähen hinter uns her.«
»Oh«, meinte Amara. »Daran habe ich auch schon gedacht. Allerdings finde ich es zu einfallslos und vorhersehbar.«
»Der Vorteil liegt in der Einfachheit«, hielt Fidelias dagegen. »Wir teilen der Krone alles mit, was wir herausgefunden haben, geben ihnen die schlagkräftigen Beweise und überlassen es dem Ersten Fürsten, einen umfassenden Feldzug gegen die Abtrünnigen zu führen.«
»Ja, einfacher ist es schon. Aber sobald derjenige, der dieses Lager leitet, erfährt, dass er von Kursoren beobachtet wurde, wird er es einfach auflösen und die Unternehmung an anderer Stelle fortsetzen. Die Krone wird einfach nur Geld und Mühe und Leben verschwenden müssen, um die Legion wieder aufzuspüren. Und wer auch immer es ist, der sein Geld ausgibt, um eine eigene Armee aufzustellen, könnte einfach verschwinden.«
Fidelias blickte zu ihr hoch und pfiff leise. »Du willst dich also einschleichen, ohne entlarvt zu werden, die Krone informieren, und dann?«
»Dann kann man einige Kohorten Ritter Aeris herführen und die Legion an Ort und Stelle zerschlagen«, meinte Amara. »Die Gefangenen werden verhört, um die Hintermänner aufzudecken, und damit wäre die Sache erledigt.«
»Ganz schön ehrgeizig«, erwiderte Fidelias. »Äußerst ehrgeizig. Und gefährlich dazu. Wenn sie uns erwischen, sind wir so gut wie tot. Man sollte davon ausgehen, dass sie ebenfalls Ritter haben – und nach dem einen oder anderen Kursor Ausschau halten.«
»Eben deshalb lassen wir uns nicht erwischen«, sagte Amara. »Wir spielen den armen, gierigen Schmuggler und seine Sklavin und feilschen, so gut wir können, um möglichst viel Geld aus ihnen herauszuholen. Danach ziehen wir wieder ab.«
»Und behalten das Geld.« Fidelias runzelte die Stirn. »Im Prinzip gefällt mir eine Mission, bei der ich etwas dazuverdienen kann. Aber, Amara, bei dieser hier könnte eine Menge schiefgehen.«
»Wir sind die Gesandten des Ersten Fürsten, oder nicht? Seine Augen und Ohren?«
»Du brauchst den Codex für mich nicht zu zitieren«, brummte Fidelias verärgert. »Ich war schon Kursor, noch bevor deine Mutter und dein Vater ihre ersten Elementare gerufen hatten. Bilde dir nur nicht ein, der Erste Fürst habe deshalb einen Narren an dir gefressen, weil du besser Bescheid weißt als ich.«
»Aber das Risiko wäre es wert, findest du nicht?«
»Ich finde, du kennst noch nicht die ganze Geschichte«, entgegnete Fidelias und wirkte plötzlich sehr alt. »Überlass die Sache mir, Amara. Ich gehe ins Lager. Du bleibst hier, und ich hole dich auf dem Rückweg wieder ab. Wozu sollen wir beide unser Leben riskieren?«
»Nein«, sagte sie. »Erstens ist dies meine Mission. Zweitens darfst du dich nicht ablenken lassen, während du deine Rolle spielst. Ich kann inzwischen alles genau beobachten – von hier oben sogar besonders gut.« Sie tätschelte den breiten Rücken des Garganten, und der Bulle schnaubte zur Antwort und wirbelte eine Staubwolke auf. »Außerdem kann ich uns den Rücken freihalten. Wenn ich den Eindruck habe, sie kommen uns auf die Schliche, verschwinden wir einfach.«
Fidelias murmelte: »Ich dachte, wir würden uns als Reisende tarnen. Uns dem Lager nähern und uns im Schutz der Dunkelheit hineinschleichen.«
»Und so zwangsläufig Verdacht erregen, wenn wir bemerkt werden?«
Er seufzte. »Also gut«, meinte er. »Wir machen es so, wie du sagst. Aber du treibst ein Spiel mit den Krähen.«
Amara wurde erneut flau im Magen, und sie legte die Hand auf den Bauch und versuchte, die Angst mit reiner Willenskraft zu verscheuchen. Was ihr jedoch nicht gelang. »Nein«, erwiderte sie. »Ich treibe ein Spiel mit uns beiden.«
Der Gargant schien zwar gemächlich dahinzustapfen, doch jeder seiner Schritte war so lang wie mehrere eines Menschen. Das große Tier mit seinen klauenartigen Füßen war ein regelrechter Meilenfresser, und unterwegs riss es Büsche aus, fraß Blätter von den Bäumen und sorgte dafür, dass seine Speckschicht noch dicker wurde. Wenn es nach dem buckeligen Garganten gegangen wäre, so würde er durch das dichte Unterholz ziehen und fressen, aber Fidelias führte ihn mit sicherer, ruhiger Hand, lenkte ihn die Straße entlang und lief in raschem Schritt nebenher.
Ungefähr eine Meile weiter waren sie dem rebellischen Lager dann so nah, dass sie mit Wachposten rechnen mussten. Sie rief sich ihre Rolle ins Gedächtnis – eine gelangweilte Sklavin, die nach tagelanger Reise müde und schläfrig war -, aber mehr konnte sie nicht tun, um ihre Nervosität im Zaum zu halten und die Verspannungen in ihrem Nacken zu lindern. Und falls es sich bei der Legion nur um ein Gerücht handelte und sich ihre so sorgfältig geplante Erkundungsmission als teure Zeitverschwendung herausstellte? Würde der Erste Fürst sie dann mit Verachtung strafen? Und die anderen Kursoren? Es wäre ein armseliger Einstieg, wenn sie, die frisch von der Akademie kam, sofort einen solch kapitalen Bock schoss.
Die Beklemmung nahm zu, legte sich wie Eisenbänder über Schultern und Rücken, und die Anspannung und die grelle Sonne verursachten ihr heftige Kopfschmerzen. Waren sie an der falschen Stelle abgebogen? Die alte Straße, der sie folgten, wirkte zu ausgefahren für einen verlassenen Waldweg, trotzdem hatte sie sich vielleicht geirrt. Hätten sie nicht inzwischen längst den Rauch der Lagerfeuer sehen oder Lärm hören müssen, wenn sie tatsächlich so nahe waren, wie sie vermutete?
Amara wollte sich gerade zu Fidelias hinabbeugen und ihn um Rat bitten, als keine zehn Schritte vor ihnen, wie aus dem Nichts, aus dem Schatten eines Baumes ein Mann in dunkler Tunika erschien, mit dunkler Hose und glänzender Rüstung, Brustpanzer und Helm. Er stand ohne Vorwarnung mitten auf der Straße, ohne dass eine Bewegung erkennbar gewesen wäre – ganz sicher mit Hilfe von Elementaren, und ganz gewiss verfügte er über ordentliche Holzkräfte. Der Mann war riesig, fast sieben Fuß groß, und trug eine schwere Klinge an der Hüfte. Er hob eine Hand, die in einem Handschuh steckte, und sagte gelangweilt und abweisend: »Halt!«
Fidelias schnalzte dem Gargantenbullen zu und brachte das Tier nach einigen Schritten zum Stehen. Der Wagen quietschte und ächzte unter dem Gewicht des Erzes.
»Guten Morgen, Herr«, rief Fidelias mit nervöser Stimme und versuchte, unterwürfig und fröhlich zugleich zu wirken. Der Kursor nahm den Hut vom Kopf und umklammerte ihn mit zitternden Händen. »Wie geht es dir an diesem wunderbaren Herbstmorgen?«
»Du hast den falschen Weg erwischt«, sagte der dunkle Riese. Er sprach schwerfällig, fast verschlafen, legte jedoch die Hand auf den Griff seiner Waffe. »In dieser Gegend hat man nicht viel für Reisende übrig. Kehr um.«
»Ja, Herr. Gewiss, Herr«, antwortete Fidelias. »Ich bin nur ein einfacher Händler, der hofft, für seine Ware einen Markt zu finden. Mir steht der Sinn nicht nach Ärger, guter Herr, das lohnt sich nicht für dieses hervorragende, wenn auch mir zur Unzeit in die Hände gefallene« – Fidelias verdrehte die Augen gen Himmel und zog einen Fuß durch den Staub auf dem Weg – »Eisen.« Er bedachte den Riesen mit einem verschlagenen Lächeln. »Aber wie du wünschst, guter Herr. Ich werde wenden.«
Der dunkle Mann trat vor. »Augenblick, Händler.«
Fidelias sah ihn an. »Herr?«, fragte er. »Hast du vielleicht Interesse an einem Geschäft?«
Der dunkle Mann zuckte mit den Schultern. Er stand ein, zwei Schritte vor Fidelias und fragte: »Wie viel Erz?«
»Fast eine Tonne, guter Herr. Wie du siehst, ist mein armer Gargant vollkommen erschöpft von der Last.«
Der Mann grunzte, beäugte das Tier und schaute dann hinauf zu Amara. »Wer ist das?«
»Meine Sklavin, guter Herr«, antwortete Fidelias. In kriecherisch schmeichelndem Ton fügte er hinzu: »Sie steht zum Verkauf, wenn sie dir gefällt, Herr. Kann hart arbeiten, gut weben und kochen – und einem Mann unvergessliche Nächte bereiten. Zwei Löwen sind gewiss nicht zu viel verlangt für sie.«
Sein Gegenüber schnaubte. »Deine harte Arbeiterin sitzt auf dem Gargant, während du gehen musst, Händler. Es wäre klüger, du würdest allein reisen.« Er rümpfte die Nase. »Außerdem ist sie flach wie ein Junge. Nimm dein Tier und folge mir.«
»Willst du kaufen, Herr?«
Der Soldat warf ihm einen Blick zu. »Das war keine Bitte, Händler. Folge mir.«
Fidelias starrte den Soldaten an und schluckte beinahe hörbar. »Gut, gut, Herr. Wir sind nur zwei oder drei Schritte hinter dir. Komm schon, alter Junge.« Er nahm die Zügel des Garganten in die zitternden Finger und scheuchte das Tier voran.
Der Soldat grunzte, ging los und stieß einen schrillen Pfiff aus, woraufhin ein Dutzend Männer, die mit Bögen bewaffnet waren, aus dem Schatten und dem Gebüsch zu beiden Seiten der Straße erschienen, genauso wie er selbst wenige Augenblicke zuvor.
»Bleib mit den Männern hier, bis ich zurückkehre«, sagte der Mann. »Halt jeden an, der vorbeikommt.«
»Ja, Herr«, antwortete einer der Männer. Amara betrachtete ihn genauer. Alle trugen die gleiche Kleidung: schwarze Tunika und schwarze enge Hose, darüber einen Wappenrock in Dunkelgrün und Dunkelbraun. Der Sprecher hatte sich zusätzlich noch eine schwarze Schärpe um den Bauch gebunden – was auch für den ersten Soldaten galt. Die beiden waren die Einzigen mit Schärpe, wie Amara registrierte. Ritter? Möglicherweise. Einer von ihnen verfügte über starke Holzkräfte, wenn er so viele Männer verbergen konnte.
Bei den Krähen, dachte sie. Wenn diese aufrührerische Legion nun ein volles Kontingent Ritter hat? Mit so vielen Männern und so vielen mächtigen Elementarwirkern sind sie eine Bedrohung für jede Stadt in Alera.
Das bedeutete natürlich, dass die Legion über mächtige Hintermänner verfügte. Ein Elementarwirker, der stark genug war, um Ritter zu werden, konnte für seine Dienste beinahe jeden Preis verlangen. Ein verärgerter Kaufmann, der seinen Fürsten oder seinen Hohen Fürsten dazu überreden wollte, die Steuern zu senken, würde sie nicht so einfach kaufen können. Nur der Adel war in der Lage, die Kosten für Ritter aufzubringen, vor allem, wenn es sich um ein ganzes Kontingent handelte.
Amara lief es kalt über den Rücken. Falls tatsächlich einer der Hohen Fürsten gegen den Ersten Fürsten aufbegehren wollte, lagen schlimme Zeiten vor ihnen.
Sie sah zu Fidelias hinunter, und er blickte besorgt zu ihr hinauf. Von seinen Augen glaubte sie die gleichen Gedanken und Ängste ablesen zu können. Sie wollte mit Fidelias reden, ihn fragen, was er von dieser Angelegenheit hielt, doch im Moment musste sie weiter ihre Rolle spielen. Also biss sie die Zähne zusammen, grub die Finger in die Polsterung des Gargantensattels und versuchte, ruhig zu bleiben, während der Soldat sie zum Lager führte.
Sie hielt die Augen offen. Der Gargant stapfte um eine Wegbiegung und über einen kleinen Hügel in ein dahinterliegendes Tal. Unter ihnen breitete sich das Lager aus.
Gütige Elementare, dachte sie. Es sieht aus wie eine Stadt.
Amara schaute sich alles genau an. Das Lager entsprach dem Legionsstandard: eine Befestigung aus Gräben und Schanzpfählen bildete ein riesiges Viereck, welche das Soldatenlager und die Vorratsspeicher umfasste. Die weißen Zelte standen in ordentlichen, präzisen Reihen; es waren zu viele, um sie auf die Schnelle zählen zu können. Zwei Tore, die einander gegenüberlagen, gewährten Zutritt zum Lager. Die Zelte und Unterkünfte der Marketender und Huren breiteten sich in wildem Durcheinander um das Lager herum aus wie Fliegen, die ein schlafendes Tier umschwärmen.
Überall waren Menschen.
Auf einem Manövergelände neben dem Lager wurden ganze Kohorten im Formationskampf gedrillt und von brüllenden Zenturionen oder Männern mit schwarzen Schärpen, die auf Pferden saßen, befehligt. An anderen Stellen schossen Bogenschützen auf durchlöcherte Zielscheiben, während Elementarmeister andere Rekruten im Umgang mit ihren Kampftalenten schulten. Sogar Frauen befanden sich im Lager – sie wuschen Kleidung an einem nahe gelegenen Bach, flickten Uniformen, kümmerten sich um die Feuer oder saßen einfach da und genossen die Morgensonne. Amara sah zwei Frauen, die schwarze Schärpen trugen und hoch zu Pferde in Richtung Drillplatz ritten. Hunde liefen in der Umgebung des Lagers herum und begannen heiser zu bellen, als sie den Garganten auf dem Hügel entdeckten. Auf einer Seite des Lagers, nicht weit vom Bach entfernt, gab es einen kleinen Markt, auf dem Männer und Frauen ihre Waren auf einfachen Ständen oder Decken feilboten.
»Ihr kommt zwischen Frühstück und Mittag«, sagte der Soldat. »Sonst hätte ich euch etwas zu essen angeboten.«
»Vielleicht können wir später gemeinsam mit dir Mittag essen«, meinte Fidelias.
»Vielleicht.« Der Soldat blieb stehen, schaute zu Amara hoch und musterte sie mit hartem Blick. »Hol sie runter. Ich schicke ein oder zwei Burschen heraus, die sich um euer Tier kümmern können.«
»Nein«, entgegnete Fidelias. »Ich nehme mein Eigentum mit.«
Der Soldat grunzte. »Im Lager gibt es Pferde, und die drehen uns durch, wenn sie dieses Biest wittern. Es bleibt hier.«
»Dann bleibe ich auch hier«, beharrte Fidelias.
»Nein.«
»Aber meine Sklavin«, sagte er. »Sie kann bei dem Tier bleiben und es beruhigen. Es hat Angst vor Fremden.«
Der Soldat beäugte ihn misstrauisch. »Was hast du eigentlich vor, alter Mann?«
»Was ich vorhabe? Ich passe nur auf meine Waren auf, so wie jeder Händler, Herr.«
»Du befindest dich in unserem Lager. Was du möchtest, zählt nicht mehr, verstehst du?« Der Soldat sprach nicht besonders nachdrücklich, legte jedoch eine Hand auf sein Schwert.
Fidelias richtete sich schockiert und wütend auf. »Das wirst du nicht wagen.«
Der Soldat lächelte unnachgiebig.
Fidelias fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Dann warf er Amara einen Blick zu. Sie meinte eine Art Warnung zu bemerken, aber er sagte nur: »Komm runter, Mädchen.«
Amara rutschte vom Rücken des Tieres und hielt sich dabei an den Lederriemen des Zaumzeugs fest. Fidelias schnalzte mit der Zunge und zog an den Riemen, woraufhin sich der Gargant träge auf dem Boden niederließ. Das Tier knurrte dabei so zufrieden, dass die Erde unter den Füßen zitterte, reckte den Hals zur Seite, schloss die Augen halb, schnappte sich ein Maul voll Gras und begann, genüsslich zu kauen.
»Folge mir«, befahl der Soldat. »Du auch, Sklavin. Wenn sich einer von euch mehr als drei Schritte von mir entfernt, töte ich euch beide. Verstanden?«
»Verstanden«, sagte Fidelias.
»Verstanden, Herr«, wiederholte Amara und senkte den Blick. Sie gingen dem Soldaten hinterher und überquerten den Bach an einer seichten Furt. Das kalte Wasser strömte schnell über Amaras Füße dahin. Sie zitterte und bekam eine Gänsehaut auf Armen und Beinen, hielt jedoch Schritt mit Fidelias und dem Soldaten.
Ihr Mentor ließ sich zu ihr zurückfallen und flüsterte: »Hast du gesehen, wie viele Zelte es sind?«
Sie nickte. »Ja.«
»Gut gepflegt und ordentlich. Hier haben wir es nicht mit einer Bande unzufriedener Wehrhöfer zu tun. Das ist eine Berufsarmee.«
Amara flüsterte: »Dahinter steckt jede Menge Geld. Reicht das nicht für den Ersten Fürsten, um die Sache vor den Rat zu bringen?«
»Eine Anklage ohne Angeklagten?« Fidelias verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Nein. Wir brauchen etwas, das einen der Hintermänner belastet. Muss nicht unbedingt aus Eisen sein, aber wenigstens vorzeigbar.«
»Kennst du unsere Eskorte?«
Fidelias warf ihr einen Blick zu. »Warum? Du etwa?«
Amara schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht sicher. Irgendwie kommt er mir bekannt vor.«
Ihr Gefährte nickte. »Er wird das Schwert genannt.«
Amara riss unwillkürlich die Augen auf. »Aldrick ex Gladius? Ernsthaft?«
»Ich habe ihn in der Hauptstadt gesehen. Bei seinem Kampf gegen Araris Valerian.«
Amara betrachtete den Mann vor ihnen und war klug genug, weiterhin leise zu sprechen. »Er soll der größte Schwertkämpfer unserer Zeit sein.«
»Ja«, stimmte Fidelias zu. »Das ist er.« Dann schlug er ihr an den Kopf und sagte so laut, dass Aldrick es hören konnte: »Halt dein faules Maul. Du bekommst etwas zu essen, wann es mir passt, und keine Sekunde früher. Genug jetzt.«
Schweigend gingen sie weiter. Aldrick führte sie durch das Tor und den Hauptweg entlang, der das Lager in zwei Hälften teilte. Er bog nach links ab, dorthin, wo in einem aleranischen Legionslager das Zelt des Kommandanten liegen musste. Und tatsächlich befand sich dort ein großes Zelt, vor dem zwei Legionares Wache hielten, die glänzende Brustpanzer trugen und mit Speeren und Schwert bewaffnet waren. Aldrick nickte einem von ihnen zu und trat ein. Einen Augenblick später spähte er wieder heraus und sagte zu Fidelias: »Du, Händler. Komm herein. Der Kommandant möchte mit dir sprechen.«
Fidelias setzte sich in Bewegung, und Amara wollte ihm folgen. Doch Aldrick legte Fidelias die Hand auf die Brust und fügte hinzu: »Nur du. Die Sklavin nicht.«
Fidelias blinzelte. »Erwartest du von mir, dass ich sie hier draußen lasse, guter Herr? Das wäre vielleicht gefährlich.« Er warf Amara einen Blick zu, dessen Bedeutung ihr nicht entging. Eine Warnung. »Man kann doch ein so hübsches junges Mädchen nicht in einem Lager voller Soldaten allein lassen.«
Aldrick entgegnete: »Das hättest du dir überlegen sollen, ehe du hergekommen bist. Es wird sie schon niemand umbringen. Rein mit dir.«
Fidelias sah Amara erneut an und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Dann betrat er das Zelt. Aldrick bedachte Amara mit einem kühlen Blick, ging ebenfalls in das Zelt und kehrte kurz darauf zum Eingang zurück, wobei er ein Mädchen hinter sich her zerrte. Die Kleine war zierlich bis zur Magerkeit, die Kleidung hing an ihrem Körper wie an einer Vogelscheuche. Ihr Ring war auf die engste Stufe eingestellt und lag dennoch locker um ihren Hals. Das braune Haar wirkte trocken und spröde wie Heu, ihre Röcke waren staubig, auch wenn die Füße einigermaßen sauber aussahen. Aldrick stieß das Mädchen grob nach draußen und sagte: »Geschäfte.« Damit zog er die Zeltklappe hinter sich zu.
Mit einem leisen Schrei ging das Mädchen mitsamt einem geflochtenen Korb in einem Wirrwarr aus Röcken und Kraushaar zu Boden.
Amara kniete sich neben sie und fragte: »Alles in Ordnung?«
»Aber klar doch«, fauchte das Mädchen. Sie erhob sich wackelig auf die Beine und trat mit dem Fuß ein Staubwölkchen in Richtung Zelt. »Mistkerl«, murmelte sie. »Ich rackere mich ab, um seine Sachen sauber zu halten, und er schubst mich herum wie einen Sack Mehl.« In ihren Augen funkelte Trotz, als sie sich Amara zuwandte. »Ich heiße Odiana.«
»Amara«, stellte sich Amara vor und spürte, wie sich unwillkürlich ihre Mundwinkel nach oben zogen. Sie sah sich um und dachte kurz nach. Es war wichtig, dass sie sich im Lager umschaute, damit sie irgendwelche Beweise fand, die sie mitnehmen konnte. »Odiana, ob ich hier wohl irgendwo etwas zu trinken bekommen kann? Wir sind schon stundenlang unterwegs, und ich bin völlig ausgedörrt.«
Das Mädchen warf das Kraushaar über die Schulter und schnitt eine Grimasse in Richtung des Kommandantenzeltes. »Was möchtest du denn? Es gibt billiges Bier, das schmeckt aber wie Wasser. Außerdem könntest du Wasser haben. Und wenn dir beides nicht zusagt, dann hätte ich noch Wasser anzubieten.«
»Ich glaube, ich nehme das Wasser«, meinte Amara.
»Du hast einen trockenen Humor«, stellte Odiana fest. Sie hängte sich den Tragebügel des Korbes über den Arm. »Hier entlang.« Damit drehte sie sich um und machte sich mit energischen Schritten auf zum gegenüberliegenden Tor. Amara eilte hinter ihr her und schaute sich dabei aufmerksam um. Ein Trupp Soldaten kam ihnen im Laufschritt entgegen, und die beiden Mädchen mussten zwischen zwei Zelte ausweichen.
Odiana schnaubte. »Soldaten. Die Krähen sollen sie alle holen, ich bin sie so leid.«
»Bist du schon lange hier?«, erkundigte sich Amara.
»Ich bin kurz nach Neujahr gekommen«, antwortete Odiana. »Doch den Gerüchten nach brechen wir bald auf.«
Amaras Herz klopfte. »Wohin?«
Odiana sah sie amüsiert an. »Du hast noch nie bei Soldaten gelebt, wie? Ist doch gleichgültig, wohin. Das hier« – sie umfasste das Lager mit weiter Geste – »ändert sich nie. Ist immer das Gleiche, ob nun unten am Ozean oder oben auf der Mauer. Und die Männer ändern sich auch nicht. Der Himmel ändert sich nicht, und die Erde verändert sich so langsam, dass es einem kaum auffällt. So ist das.«
»Trotzdem. Du kommst an einen anderen Ort und siehst andere Dinge.«
»Nur neue Flecken auf den Uniformen«, meinte Odiana. Die Soldaten waren vorbeigelaufen, und die Mädchen traten wieder auf den Weg. »Wie ich gehört habe, ziehen wir nach Norden und ein wenig nach Osten.«
»In Richtung Aquitania?«
Odiana zuckte mit den Schultern. »Liegt das dort?« Sie gingen weiter und näherten sich dem Bach. Odiana öffnete den Deckel des Korbes und kramte im Inneren. »Hier«, sagte sie, »halt mal.« Sie warf Amara zwei schmutzige Teller in den Arm. »Wenn wir schon hier sind, können wir auch gleich abwaschen. Bei den Krähen, Soldaten sind ein so schmutziges Volk. Wenigstens halten die Legionares ihre Zelte sauber.« Sie fischte einen Knochen aus dem Korb und warf ihn einem herumstrolchenden Hund zu. Darauf folgte ein Apfelrest, an dem sie noch einmal knabberte, ehe sie die Nase rümpfte und ihn in den Bach warf. Als Nächstes holte sie ein Stück Papier heraus, das sie kaum ansah, ehe sie es achtlos fallen ließ.
Amara stellte den Fuß auf das Papier, bevor der Wind es davonwehen konnte, bückte sich und hob es auf.
»Was denn?«, fragte Odiana. »Was machst du da?«
Amara hielt das Papier vor sich. »Also, äh... Ist doch keine gute Idee, es wegzuwerfen, wenn du saubermachen willst.«
»Außerhalb des Lagers kümmert es keinen«, meinte Odiana. Sie legte den Kopf schief und beobachtete Amara, die das Papier auffaltete und die Schrift betrachtete. »Kannst du etwa lesen?«, fragte die Sklavin.
»Ein bisschen«, antwortete Amara abgelenkt. Sie las die Nachricht, und ihre Hände begannen zu zittern.
Legionskommandant der Zweiten Legion,
hiermit erhältst Du Befehl, das Lager abzubrechen und zum Treffpunkt zu marschieren. Du solltest spätestens am zehnten Vollmond des Jahres eintreffen, damit Vorbereitungen für den Winter getroffen werden können. Bis zum Aufbruch wird der Drill der Männer fortgesetzt, und Du schickst die Männer in der gewohnten Weise los.
Da stand noch mehr, aber Amara überflog es kaum und schaute stattdessen nach, wer unterschrieben hatte.
Atticus Quentin, Hoher Fürst von Attica.
Amara stockte der Atem. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bewahrheitet: Aufstand. Rebellion. Krieg.
»Was steht denn drin?«, wollte Odiana wissen. Sie drückte Amara einen weiteren Teller in die Hand. »Hier, wasch die mal im Bach.«
»Es steht drin...« Amara ging zum Ufer, bückte sich und legte die Teller ins Wasser. »Ach, ich kann es gar nicht richtig lesen.« Sie knüllte das Papier zusammen und schob es in einen ihrer Schuhe, während sie über die Bedeutung des Schreibens nachdachte.
»Weißt du«, meinte Odiana plötzlich freundlich und eigenartig fröhlich, »ich glaube, du lügst. Sklaven, die lesen können, trifft man nicht oft. Wer stellt schon Fragen darüber, wohin die Truppen ziehen? Und wer kennt sich gut genug mit Politik aus, um die Bedeutung eines so kleinen Befehls zu verstehen? Das würde man doch am ehesten von einem... ach, ich weiß nicht.« Sie verstummte und hätte beinahe geschnaubt. »Von einem Kursor erwarten.«
Amara erstarrte. Als sie sich umwandte, traf sie Odianas Fuß am Kinn. Heißer Schmerz schoss durch ihren Körper. Dieses magere Mädchen verfügte über viel mehr Kraft, als man ihr zugetraut hätte, und durch den Tritt wurde Amara in den Bach geworfen.
Sie erhob sich, schüttelte sich das Wasser aus Gesicht und Augen und holte tief Luft, um ihren Elementar zu rufen – aber als sie einatmete, strömte ihr Wasser in Mund und Nase, und sie begann zu röcheln. Schlagartig überfiel sie Panik, und sie griff sich ins Gesicht, das über der Nase von einer dünnen Schicht Wasser überzogen war. Sie wollte es mit den Fingern wegwischen, doch es floss nicht nach unten, und sie konnte es nicht entfernen. Hustend kämpfte sie dagegen an, doch das Wasser drang weiter ein und bedeckte sie wie Öl. Sie konnte nicht mehr atmen. Amara schwindelte, die Welt verschwamm vor ihren Augen und wurde dunkel.
Der Brief, sie musste den Brief zum Ersten Fürsten bringen. Er war ein wichtiges Beweisstück.
Sie schaffte es ans Ufer, ehe das Wasser in ihre Lungen eindrang und sie zusammenbrach. Sie wälzte sich auf der trockenen Erde und starrte auf Odianas nackte, saubere Füße.
Amara schaute das dünne Sklavenmädchen an, das mit einem milden Lächeln auf sie herabsah. »Keine Sorge, Kleine«, sagte das Mädchen. Und damit begann die Verwandlung. Die eingefallenen Wangen wurden runder, die schlaksigen Glieder nahmen Form an. Wunderschöne Hüften und Brüste füllten plötzlich verführerisch die Kleidung aus. Das Haar wurde ein wenig länger und dunkler und begann zu glänzen, und das Mädchen schüttelte es lachend, ehe es sich neben Amara kniete.
Odiana strich ihr durch das nasse Haar. »Keine Sorge«, wiederholte sie. »Wir bringen dich nicht um, denn wir brauchen dich.« Dann holte sie eine schwarze Schärpe aus dem Korb und band sie sich um die Taille. »Aber ihr Kursori seid manchmal ziemlich gerissen, da dürfen wir kein Risiko eingehen. Schlaf einfach, Amara. So ist es viel leichter. Und dann nehme ich das Wasser zurück, damit du wieder atmen kannst.«
Amara rang nach Atem, bekam jedoch keine Luft. Die Dunkelheit vor ihren Augen vertiefte sich, helle Punkte blitzten auf. Sie umklammerte Odiana, doch ihre Finger hatten keine Kraft.
Einen Moment sah sie noch diese wunderschöne Wasserwirkerin, die sich bückte und ihr einen sanften Kuss auf die Stirn drückte. »Schlafe«, flüsterte Odiana. »Schlafe.«
Und dann versank Amara vollständig in der Dunkelheit.
2
Als Amara erwachte, war sie bis zu den Ellbogen im Boden eingegraben, und lockere Erde häufte sich über Armen und Haar. Ihr Gesicht fühlte sich aufgequollen und schwer an, und nach einer Weile dämmerte ihr, dass ihr ganzer Kopf mit Schlamm verschmiert war.
Sie kämpfte gegen den bohrenden Kopfschmerz an. Ganz schnell musste sie wieder zu Sinnen kommen, damit sie die Einzelteile ihrer Erinnerung zu einem Bild zusammensetzen konnte, und plötzlich fiel ihr mit schwindelerregender Klarheit ein, wo sie sich befand und was ihr zugestoßen war.
Ihr Herz begann zu heftig zu klopfen, und die Angst rief in den vergrabenen Gliedern ein Gefühl der Kälte hervor.
Sie schlug die Augen auf, wobei ein paar Staubkörner hineingerieten, deshalb blinzelte sie hektisch. Tränen schwemmten die Erde fort. Kurz darauf konnte sie wieder sehen.
Über ihr spannte sich ein Zelt, vermutlich das des Kommandanten. Durch eine Lücke zwischen den Klappen des Eingangs fiel ein wenig Licht herein und verbreitete einen trüben Schein im Inneren, der die Schatten kaum erhellte.
»Bist du wach?«, krächzte jemand hinter ihr. Sie drehte den Kopf und schaute hinüber. Aus den Augenwinkeln konnte sie Fidelias zwar nicht richtig erkennen, aber er war da und hing in einer Art Eisenkäfig, dessen Stangen ihm mit Riemen an die Schultern und die ausgestreckten Arme gebunden waren. Seine Füße baumelten gute zehn Zoll über dem Boden. Im Gesicht hatte er einen Bluterguss, seine Lippe war aufgeplatzt und mit getrocknetem Blut verkrustet.
»Geht es dir gut?«, flüsterte Amara.
»Sehr gut, wenn man davon absieht, dass ich verprügelt und gefangen genommen wurde und demnächst gefoltert und verhört werden soll. Du bist diejenige, die sich Sorgen machen sollte.«
Amara schluckte. »Wieso ich?«
»Ich denke, du solltest davon ausgehen, dass du deine Prüfung nicht bestanden hast.«
Amara musste den Umständen zum Trotz grinsen. »Wir sollten fliehen.«
Fidelias versuchte zu lächeln. Dabei platzte seine Lippe wieder auf, und frisches Blut trat hervor. »Nun, damit könntest du vielleicht einiges wieder wettmachen, allerdings fürchte ich, dass es dir nicht gelingen wird. Diese Leute wissen, was sie tun.«
Amara wollte sich bewegen, doch die Erde hielt sie fest. Es gelang ihr lediglich, die Arme so weit zu befreien, dass sie diese leicht hin und her bewegen konnte, auch wenn sie weiterhin dick mit Erde überzogen waren. »Cirrus«, flüsterte sie und schickte ihre Gedanken zu ihrem Elementar aus. »Cirrus. Komm und zieh mich heraus.«
Nichts geschah.
Sie unternahm einen zweiten Versuch. Und einen dritten. Ihr Windelementar reagierte nicht.
»Erde«, sagte sie schließlich und schloss die Augen. »Erde zur Abwehr gegen Luft. Cirrus kann mich nicht hören.«
»Ja«, bestätigte Fidelias. »Und Etan und Vamma können mich nicht hören.« Er streckte die Zehen in Richtung Boden, konnte ihn aber nicht erreichen. Dann stieß er mit dem Fuß gegen die Eisenstangen des Käfigs.
»Das heißt, wir sollten uns schleunigst etwas einfallen lassen.«
Fidelias schloss die Augen und seufzte. »Wir haben verloren, Amara. Wir sind schachmatt gesetzt.«
Die Worte trafen Amara wie ein Schlag ins Gesicht. Kalt. Hart. Schlicht. Sie schluckte und spürte, wie ihr Tränen in die Augen steigen wollten, die sie aber mit Hilfe ihrer Wut unterdrückte. Nein. Sie war eine Kursorin. Auch wenn sie sterben musste, sie würde den Feinden der Krone nicht die Genugtuung bereiten, sie weinen zu sehen. Einen Moment lang dachte sie an ihre Heimat, an ihre kleine Unterkunft in der Hauptstadt, an ihre Familie, die gar nicht so weit entfernt in Parcia am Meer lebte. Da musste sie erneut mit den Tränen kämpfen.
Also nahm sie ihre Erinnerungen und verschloss sie eine nach der anderen an einem stillen, dunklen Ort in ihrem Kopf. Alles verstaute sie dort. Ihre Hoffnungen für die Zukunft. Die Freunde, die sie in der Akademie gefunden hatte. Anschließend machte sie den imaginären Deckel zu und schlug die Augen wieder auf. Keine Tränen mehr.
»Was wollen die von uns?«, fragte sie Fidelias.
Ihr Lehrer schüttelte den Kopf. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Besonders klug verhalten sie sich nicht gerade. Trotz ihrer Vorkehrungen könnte etwas schiefgehen, und ein Kursor kann ihnen leicht entwischen, solange er noch lebt.«
Die Klappen des Zelteingangs öffneten sich, und Odiana stürmte mit rauschenden Röcken durch den Staub, der in den Sonnenstrahlen flimmerte. »Nun gut«, sagte sie, »dagegen lässt sich bestimmt etwas machen.«
Aldrick trat hinter ihr ein, und seine hünenhafte Gestalt schloss für einen Moment das Licht vollständig aus. Zwei Legionares folgten ihm. Aldrick zeigte auf den Käfig, die beiden Soldaten gingen hin, schoben die Griffe ihrer Speere durch Ringe im unteren Bereich, hoben das Ding an und trugen es hinaus.
Fidelias warf Aldrick einen harten Blick zu und wandte sich dann an Amara. »Stolz hilft dir jetzt nicht weiter, Mädchen«, warnte er sie, während die Wachen ihn an ihr vorbeischleppten. »Solange du lebst, hast du noch nicht verloren.«
Damit war er verschwunden.
»Wo bringen sie ihn hin?«, wollte Amara wissen. Sie blickte von Odiana zu Aldrick und bemühte sich, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen.
Aldrick zog sein Schwert. »Den alten Mann brauchen wir nicht.« Damit verließ er das Zelt.
Es dauerte nicht lange, da hörte Amara ein Geräusch, als würde ein Messer in eine Melone gestoßen. Fidelias stieß einen langen, atemlosen Schrei aus, der klang, als habe ihr Lehrer ihn unterdrücken wollen und es nicht geschafft. Dann folgte ein klingender Schlag: Etwas Schweres war gegen die Gitterstäbe des Käfigs gefallen.
»Vergraben«, befahl Aldrick und betrat das Zelt wieder, das Schwert in der Hand.
An der Klinge glänzte Blut.
Amara konnte den Blick nicht von der Waffe wenden, an der das Blut ihres Mentors klebte. Trotzdem wollte es einfach nicht zusammenpassen. Irgendwie konnte sie nicht an Fidelias’ Tod glauben. Ihr Plan hätte sie beide beschützen sollen. Sie hätten ins Lager eindringen und sicher wieder daraus verschwinden sollen. Dieses Ende hatte niemand vorausgesehen. An der Akademie war so etwas nie vorgekommen.
Sie versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken und Fidelias an dem dunklen Ort in ihrem Kopf unterzubringen, wo sie alle anderen Dinge eingesperrt hatte, die ihr wichtig waren. Plötzlich befreiten sich diese jedoch und überfluteten sie, und damit ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Amara fühlte sich nicht mehr schlau, nicht mehr gefährlich, nicht mehr gut ausgebildet. Ihr war kalt. Sie fühlte sich schmutzig. Müde. Und sehr, sehr allein.
Odiana seufzte auf und trat zu Amara. Sie kniete sich mit einem weißen Tuch neben sie und tupfte ihr die Tränen aus dem Gesicht. Ihr Finger waren sanft und weich. »Du bekommst saubere Stellen, Mädchen«, sagte die Frau freundlich.
Dann lächelte sie und drückte Amara mit der freien Hand frische Erde auf die Augen.
Amara schrie auf und streckte die Hand aus, um sich gegen die Wasserhexe zu wehren, hatte aber keine Chance. Sie wischte sich die brennenden Augen mit den schmutzigen Händen, doch das half wenig. Ihre Angst und ihre Traurigkeit verwandelten sich in ungezügelten Zorn, und jetzt schrie sie. Zusammenhanglos brüllte sie alle Verwünschungen, die ihr einfielen, und schluchzte in die Erde, woraufhin sich ihre Tränen zu Schlamm verwandelten und in den Augen brannten. Sie versuchte, mit den Armen um sich zu schlagen, was allerdings angesichts der Erde, in deren Griff sie sich befand, sinnlos war.
Und als Antwort auf ihre Reaktion folgte nur Schweigen.
Amaras Wut verpuffte, und mit ihr schwand alle Kraft, die ihr geblieben war. Die Kursorin wurde von Schluchzern geschüttelt, die sie unterdrücken und nicht zeigen wollte. Es gelang ihr nicht. Die Scham brannte ihr im Gesicht, und sie zitterte vor Kälte und blankem Entsetzen.
Heftig blinzelte sie und konnte langsam wieder sehen – Odiana stand über ihr, nur eine Armeslänge entfernt, lächelte und betrachtete sie aus dunklen, funkelnden Augen. Mit einem ihrer zierlichen nackten Füße warf sie Amara abermals Erde in die Augen. Amara drehte den Kopf hin und her, wich aus und bedachte die Frau mit einem bösen Blick. Odiana zischte und wollte noch mehr Erde auf sie werfen, doch Aldrick hielt sie mit dröhnender Stimme davon ab.
»Liebste, das genügt.«
Die Wasserwirkerin ließ enttäuscht von Amara ab und zog sich hinter Aldricks Hocker zurück, wo sie dem Soldaten die Hände auf die Schultern legte und ihn sanft liebkoste, ohne dabei den Blick von Amara abzuwenden. Der Krieger saß da, das Schwert in der Hand. Er wischte es mit einem Tuch ab, das er anschließend auf den Boden fallen ließ. Es war mit Blut besudelt.
»Ich will es dir leicht machen«, sagte Aldrick. »Ich stelle dir ein paar Fragen. Beantwortete sie wahrheitsgemäß, und ich lasse dich am Leben. Belüge mich oder verweigere mir die Antwort, und du endest wie der alte Mann.« Er richtete den Blick ohne jede Gefühlsregung auf Amara. »Hast du das verstanden?«
Amara schluckte. Und nickte einmal.
»Gut. Du warst erst kürzlich im Palast. Der Erste Fürst war so von deinen Leistungen während der Brände im letzten Winter beeindruckt, dass er dich persönlich eingeladen hat. Du wurdest in seine privaten Gemächer geführt und hast dich mit ihm unterhalten. Stimmt das?«
Erneut nickte sie.
»Wie viele Wachen stehen vor seinen Privatgemächern?«
Amara seufzte schwer. »Ich kann es dir nicht sagen, das weißt du.«
Odianas Finger packten Aldricks Schultern fester. »Sie lügt, Liebster. Sie will es dir nicht sagen.«
Amara fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und spuckte Schlamm und Dreck auf den Boden. Es gab nur einen Grund, warum sich jemand nach der Anzahl der Wachen im Inneren des Palastes erkundigen sollte: Wenn dieser Jemand etwas gegen den Ersten Fürsten unternehmen wollte. Ihn tot sehen wollte.
Sie schluckte und neigte den Kopf. Wichtig war jetzt allein, sie hinzuhalten. Zeit zu schinden. Damit Amara eine Fluchtmöglichkeit finden konnte oder, falls ihr das nicht gelang, ihrem Leben selbst ein Ende setzte, ehe sie ihr Wissen preisgab.
Dieser Gedanke raubte ihr den Mut. Würde sie das schaffen? War sie stark genug? Bisher hatte sie das immer von sich geglaubt. Bisher war sie aber auch noch nie in Gefangenschaft geraten. Außerdem hatte sie gerade mit angehört, wie Fidelias getötet wurde.
Stolz hilft dir jetzt nicht weiter, Mädchen. Fidelias’ letzte Worte kamen ihr in den Sinn, und sie spürte, wie ihre Entschlossenheit weiter schwand. Hatte er ihr damit sagen wollen, sie solle mit dem Feind zusammenarbeiten? Hatte er gedacht, das Schicksal des Ersten Fürsten sei längst besiegelt?
Und, fragte sie sich, sollte sie es tun? Sollte sie sich mit dem Feind einlassen? Aufgeben? Sollte sie alles vergessen, was man ihr beigebracht hatte, woran sie glaubte, nur um ihr Leben zu retten? List und Täuschung würden ihr ebenfalls nicht weiterhelfen – nicht bei Odiana. Die verfluchte Wasserhexe konnte spüren, ob Amara ehrlich war oder nicht.
Alles war verloren. Sie hatte Fidelias in den Tod geführt. Hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt und verloren. Und sogar ihr eigenes Leben. Sie konnte sich nur selbst retten, indem sie mit dem Feind zusammenarbeitete. Vielleicht.
Wieder stieg Wut in ihr auf. Wie konnte sie so etwas nur denken? Und wie hatte es überhaupt geschehen können, dass ihr Mentor sterben musste? Warum hatte er es nicht kommen sehen und sie gewarnt -
Abrupt hob Amara den Kopf und blinzelte mehrmals. Ihre Wut löste sich in Wohlgefallen auf. Warum eigentlich hatte Fidelias sie nicht gewarnt? Die Falle war doch zu offensichtlich gewesen. Man hatte ihn und sie so einfach gefangen genommen. Was bedeutete -
Was bedeutete: Aldrick und Odiana mussten gewusst haben, dass Fidelias und Amara kamen. Und wenn man das logisch weiterdachte...
Sie richtete den Blick auf die beiden anderen im Zelt und reckte das Kinn ein wenig in die Höhe. »Ich werde euch nichts verraten«, sagte sie ruhig. »Kein Sterbenswörtchen.«
»Dann ist dir der Tod sicher«, meinte Aldrick und stand auf.
»Ich werde sterben«, stimmte Amara zu. »Du und deine Wasserhexe, ihr könnt euch zu den Krähen scheren.« Sie holte Luft und hob die Stimme, scharf wie die Schneide eines Dolches. »Und du auch, Fidelias.«
Einen Moment lang durfte sie die Befriedigung genießen, die ihr das überraschte Flackern in Aldricks Augen und Odianas kurzes Atemstocken bescherten. Dann richtete sie den Blick zum Eingang und ließ ihr Gesicht zu einer kalten Maske erstarren.
Fidelias erschien zwischen den Zeltklappen. Den ›Bluterguss‹ hatte er sich jedoch abgewaschen, und er hielt sich ein weißes Tuch an die blutende Lippe. »Habe ich euch nicht gesagt, sie würde die Sache durchschauen?«, murmelte er.
»Habe ich jetzt die Prüfung doch bestanden, Patriserus?«, fragte Amara.
»Mit Auszeichnung.« Fidelias starrte sie an und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Sag uns jetzt, was du über den Palast weißt, Amara. Das Ganze könnte ziemlich unangenehm für dich werden, aber am Ende wirst du uns doch alles verraten. Du bist schachmatt. Mach es dir nicht schwerer als notwendig.«
»Verräter«, sagte Amara, und das Wort ging ihr leicht über die Lippen.
Fidelias zuckte zusammen, und sein Grinsen verschwand.
Odiana sah in dem plötzlichen Schweigen zwischen den beiden hin und her und bot dann fröhlich an: »Soll ich die Brenneisen holen?«
Fidelias wandte sich ihr zu. »Ich denke, wir haben uns schon ungeschickt genug benommen.« Er sah Aldrick an. »Lass mich kurz allein mit ihr reden. Vielleicht kann ich sie zur Vernunft bringen.«
Aldrick zuckte mit den Schultern. »Na gut«, sagte er. »Kommst du, Liebste?«
Odiana trat um Aldricks Hocker und fixierte Fidelias. »Hast du vielleicht die Absicht, ihr irgendwie zu helfen, oder willst du verhindern, dass wir erfahren, was wir wissen wollen?«
Fidelias’ Mundwinkel zuckten, und er wandte sich der Wasserhexe zu. »Ja, das will ich. Nein, das will ich nicht. Der Himmel ist grün. Ich bin siebzehn Jahre alt. Mein richtiger Name lautet Gundred.« Die Frau riss die Augen auf, und Fidelias legte den Kopf schief. »Du kannst nicht sagen, wann ich lüge, nicht wahr, ›Liebste‹? Unterschätz mich nicht. Noch bevor du überhaupt geboren wurdest, habe ich schon Beschwörer getäuscht, die deutlich mächtiger waren als du.« Er richtete den Blick wieder auf Aldrick. »Es liegt schließlich auch in meinem Interesse, sie zum Reden zu bringen. Ich hänge in der Sache mit drin.«
Der Schwertkämpfer lächelte und zeigte die weißen Zähne. »Du willst mir gar nicht erst dein Ehrenwort anbieten?«
Der Kursor verzog spöttisch den Mund. »Würde das etwas ändern?«
»Ich hätte dich getötet, wenn du es versucht hättest«, meinte Aldrick. »Eine Viertelstunde, nicht länger.« Er erhob sich, nahm Odiana sanft am Arm und führte sie aus dem Zelt. Die Wasserhexe warf Fidelias und Amara noch einen giftigen Blick zu.
»Warum?«, fragte Amara. »Patriserus, warum tust du ihm das an?«
Er starrte sie ausdruckslos an. »Vierzig Jahre lang habe ich als Kursor gedient. Ich habe keine Frau. Keine Familie. Kein Zuhause. Ich habe mein Leben dem Schutz und der Verteidigung der Krone gewidmet. Habe Botschaften befördert und die Geheimnisse des Feindes aufgedeckt.« Er schüttelte den Kopf. »Und ich habe dabei zusehen müssen, wie die Krone dahinsiecht. Seit fünfzehn Jahren liegt das Haus Gaius im Sterben. Alle wissen es. Meine Bemühungen haben nur das unausweichliche Ende weiter hinausgeschoben.«
»Er ist ein guter Erster Fürst. Er ist gerecht. So gerecht, wie man es sich nur wünschen kann.«
»Hier geht es nicht um richtig oder falsch, Mädchen. Hier geht es um die Wirklichkeit. Und in dieser Wirklichkeit hat sich Gaius mit seiner Gerechtigkeit eine Menge mächtiger Feinde geschaffen. Die Hohen Fürsten im Süden ärgern sich über die Steuern, die er ihnen auferlegt hat, um die Schildmauer und die Schildlegion zu unterhalten.«
»Das war schon immer so«, unterbrach Amara ihn. »Es ändert nichts daran, dass die Steuern notwendig sind. Die Schildmauer schützt auch die Menschen im Süden. Sollten die Eismenschen aus dem Norden einfallen, würde der Süden mit allen anderen untergehen.«
»Sie sehen das aber anders«, erwiderte Fidelias. »Und sie sind bereit, etwas dagegen zu unternehmen. Das Haus Gaius ist schwach. Er hat keinen Erben. Selbst einen Nachfolger hat er noch nicht bestimmt. Deshalb schlagen sie zu.«
»Attica! Wer sonst?«, platzte es aus Amara heraus.
»Du brauchst es nicht zu wissen.« Fidelias ging neben ihr in die Hocke. »Amara, überleg doch mal. Seit der Princeps getötet wurde, ist die Sache im Gange. Das Haus Gaius starb mit Septimus. Die königliche Linie hat sich nie durch übermäßige Fruchtbarkeit ausgezeichnet, und den Tod des einzigen Kindes betrachten viele als eindeutiges Zeichen. Seine Zeit ist abgelaufen.«
»Deshalb ist es noch lange nicht richtig.«
Fidelias fauchte: »Schlag dir endlich diese Ideen aus dem Kopf, Kind.« Er spuckte aus, das Gesicht verzerrt vor Wut. »Ich habe so viel Blut im Namen der Krone vergossen. So viele Menschen getötet. Ist das etwa richtig? Ist es gerechtfertigt zu töten, wenn es im Dienst des Ersten Fürsten geschieht? Ich habe gemordet und Schlimmeres getan, alles im Namen der Krone. Gaius wird fallen. Das ist längst nicht mehr aufzuhalten.«
»Und nun gestehst du dir selbst die Rolle des... des was zu, Fidelias? Der Schleiche, die herbeiläuft und den verwundeten Hirsch vergiftet? Der Krähe, die sich auf die Augen des hilflosen Mannes stürzt, obwohl er sein Leben noch nicht ausgehaucht hat?«
Er bedachte sie mit einem leeren Blick und lächelte, doch war dieses Lächeln weder erheitert noch vergnügt. »Der Jugend fällt es leicht, selbstgerecht zu sein. Ich hätte der Krone weiterhin dienen können. Aber wie viele wären dann noch gestorben? Wie viele würden leiden? Und nichts hätte sich geändert, nur der Zeitpunkt. Kinder wie du würden an meine Stelle treten und müssten die gleichen Entscheidungen treffen wie ich.«
Amara schnaubte verächtlich. »Wie kann ich dir nur für deine Fürsorglichkeit danken?«
Fidelias blitzte sie an. »Mach es dir nicht unnötig schwer, Amara. Sag uns, was wir wissen wollen.«
»Scher dich zu den Krähen.«
Ohne jedes Zeichen von Zorn erwiderte Fidelias: »Ich habe schon Männer und Frauen gebrochen, die stärker waren als du. Glaub nicht, ich würde dich schonen, weil du meine Schülerin bist.« Er ging jetzt auf die Knie nieder und blickte ihr in die Augen. »Amara, ich bin immer noch derselbe. Wir haben so viel gemeinsam erlebt. Bitte.« Er griff nach ihrer schmutzigen Hand, und sie wehrte sich nicht gegen die Berührung. »Denk nach. Du könntest dich uns anschließen. Zusammen könnten wir Alera wieder Wohlstand und Frieden bringen.«
Sie wich seinem Blick nicht aus und antwortete sehr leise. »Das tue ich längst, Patriserus. Ich dachte bislang, du auch.«
Seine Augen wurden hart, eisig, abweisend, und er stand auf. Amara bewegte sich so gut es ihr möglich war nach vorn und umklammerte seinen Stiefel. »Fidelias«, flehte sie. »Bitte. Noch ist es nicht zu spät. Wir können beide fliehen, der Krone Bericht erstatten und diese Bedrohung beenden. Du musst dich nicht abwenden. Nicht von Gaius. Und...« Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. »Und nicht von mir.«
Quälendes Schweigen folgte.
»Die Würfel sind gefallen«, meinte Fidelias schließlich. »Tut mir leid, dass ich dich nicht zur Vernunft bringen konnte.« Er drehte sich um, riss seinen Fuß los und ging aus dem Zelt.
Amara starrte ihm kurz hinterher und schaute dann auf ihre Hand, in der sie das kleine Messer hielt, welches Fidelias stets in seinem Stiefel versteckte, das Messer, von dem er glaubte, sie wisse nichts davon. Sobald die Zeltklappe sich geschlossen hatte, griff sie die Erde an, die sie festhielt. Draußen hörte sie Stimmen, zu leise, um sie zu verstehen, und sie begann hektisch zu graben.
Die Erde flog in alle Richtungen. Amara brach sie mit dem Messer auf und schob sie verzweifelt zur Seite, wobei sie sich bemühte, keinen Lärm zu verursachen – und trotzdem wurde ihr Atem mit jedem Zug lauter.
Schließlich konnte sie ihren Körper genug bewegen, um sich hin und her zu schieben. Sie streckte einen Arm aus, stieß das Messer mit aller Kraft in den Boden und setzte es wie einen Haken ein, an dem sie sich nach vorn hievte. Ein Hochgefühl breitete sich in ihr aus, als sie sich endlich aus der sie fesselnden Erde herauswinden konnte.
»Aldrick«, rief die Wasserhexe vor dem Zelt. »Das Mädchen!«
Amara kam unbeholfen auf die Beine und blickte sich gehetzt um. Sie stürmte durch das Zelt zu einem Tisch, auf dem ein Schwert lag, ein leichter Gladius, kaum länger als ihr Unterarm. Noch immer war sie ganz steif von der Fesselung, doch mit der Waffe in der Hand fuhr sie herum, und zwar in genau dem Augenblick, als eine riesige Gestalt den Zelteingang ausfüllte. Sie warf sich auf den Schemen und spannte die Muskeln an, um dem Eindringling – Aldrick – die Klinge mit Wucht ins Herz zu stoßen.
Stahl blitzte auf. Ihr Schwert traf auf ein anderes und wurde zur Seite gefegt. Sie spürte, wie die Spitze ihrer Waffe in Fleisch eindrang, aber leider nicht tief genug. Ihr Ziel hatte sie verfehlt.
Amara wich aus, trotzdem erwischte Aldrick sie mit seinem Schwert am Oberarm. Ein heißer Schmerz breitete sich um die Wunde aus. Sie rollte sich unter den Tisch und kam dahinter wieder auf die Beine.
Der große Mann ging auf sie zu und blieb auf der anderen Seite des Tisches stehen. »Gar nicht so übel«, meinte er. »Du hast mich überrascht. Das ist seit Araris Valerian niemandem mehr gelungen.« Er lächelte wölfisch und zeigte die Zähne. »Aber du bist nicht Araris Valerian.«
Amara konnte seiner Klinge nicht mit den Augen folgen, so schnell bewegte sie sich. Ein kurzes Sirren, dann brach der Tisch in zwei Teile auseinander. Der Schwertkämpfer trat durch die Trümmer auf sie zu.
Sie warf den Gladius auf den Soldaten und sah, wie er sein Schwert hob, um zu parieren. Jetzt nur noch mit dem kleinen Messer bewaffnet, eilte sie zum hinteren Teil des Zeltes und schnitt ein Loch in den Stoff. Während sie hindurchschlüpfte, hörte sie sich selbst wimmern, und ihre Angst trieb sie zum Laufen.
Als sie einen Blick über die Schulter wagte, sah sie, wie Aldrick die hintere Wand des Zeltes mit dem Schwert zerfetzte und ihr folgte. »Wachen!«, brüllte der Schwertkämpfer. »Schließt die Tore!«
Vor Amara schwang das Tor, auf das sie zurannte, langsam zu, und sie bog vom Hauptweg ab zwischen zwei Reihen weißer Zelte, raffte die Röcke hoch und fluchte, weil sie sich nicht als Junge verkleidet hatte; dann hätte sie nun wenigstens eine Hose getragen. Aldrick rannte ihr hinterher, doch sie hatte ihn bereits ein Stück abgehängt, wie ein Reh einer großen Schleiche davonläuft, und sie schenkte ihm ein wildes Grinsen.
Die getrocknete Erde fiel von ihr ab, während sie zum nächstgelegenen Stück der Befestigung lief, und sie betete, dass es ihr jetzt endlich gelingen würde, Cirrus zu rufen. Eine steile Stiege führte auf eine der Verteidigungsplattformen, und mit drei schnellen Schritten war sie oben, wobei sie die Stufen kaum mit den Händen berührte.
Ein Legionares drehte sich zu ihr um und sah sie erschrocken an. Ohne sich lange aufzuhalten, spannte Amara ihre Handkante und verpasste dem Mann einen Schlag gegen die Kehle. Er taumelte rückwärts und röchelte, dann war sie an ihm vorbei und blickte von der Palisade.
Es ging zehn Fuß in die Tiefe, und dann waren da noch einmal sieben bis acht Fuß wegen des Grabens dahinter. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie sich beim Aufprall schwer verletzen.
»Schieß!«, rief jemand hinter ihr, und ein Pfeil zischte an ihr vorüber. Amara warf sich zur Seite, packte die Oberkante der Palisade mit einer Hand, schwang sich hinüber und fiel ins Leere.
»Cirrus!«, rief sie – und spürte, wie sich um sie herum Wind regte. Endlich. Ihr Elementar drückte sich gegen sie, drehte ihren Körper in die richtige Haltung und fasste sie dann von unten, so dass sie in einer Wolke aus Wind und Staub landete und nicht auf dem harten Boden des Grabens.
Sie rannte weiter, schaute sich nicht um, sondern sprintete in großen Sätzen davon. Amara schlug die nordöstliche Richtung ein, fort von den Drillplätzen und dem Bach, fort von dem Garganten und dem großen Karren. Die Bäume waren für die Palisade des Lagers abgeholzt worden, und so musste sie fast zweihundert Schritte lang immer wieder über Baumstümpfe springen. Um sie herum bohrten sich Pfeile in den Boden, einer blieb in den Falten ihrer Röcke hängen, und beinahe wäre sie gestolpert. Sie lief und lief, und der Wind wehte ihr in den Rücken. Cirrus war unsichtbar, aber er half ihr.
Als Amara den Schutz der Bäume erreichte, blieb sie stehen, schnappte nach Luft und schaute sich um.
Das Tor des Lagers wurde geöffnet, und zwei Dutzend Männer auf Pferden ritten heraus. Ihre langen Speere glänzten in der Sonne, als die Kolonne in Amaras Richtung schwenkte. Aldrick ritt an der Spitze, und neben ihm wirkten die anderen Reiter fast kleinwüchsig.
Sie rannte weiter, so schnell sie konnte, immer zwischen den Bäumen hindurch. Die Zweige seufzten und ächzten, ihr Laub raschelte, die bedrohlichen Schatten befanden sich unaufhörlich in Bewegung. Die Elementare dieses Waldes waren ihr nicht freundlich gesinnt – was durchaus Sinn ergab, wo sich doch zumindest eine Person mit starken Holzkräften in der Nähe aufhielt. Hier konnte sie sich nicht verstecken, denn diese Bäume würden sie verraten.
»Cirrus«, rief Amara keuchend. »Hoch!«
Der Wind sammelte sich unter ihr und hob sie vom Boden in die Höhe. Doch die Äste über ihr verschränkten sich wie Menschenhände und griffen ineinander, bis sie ein festes Flechtwerk bildeten. Amara stieß einen Schrei aus, krachte gegen diese lebendige Decke und taumelte wieder zurück zum Boden. Cirrus federte den Sturz ab und wisperte ihr eine Entschuldigung ins Ohr.
Amara schaute sich um, doch überall reckten die Bäume ihre Äste, und im Wald nahm die Dunkelheit zu, da das Blätterdach immer dichter wurde. Von hinten hörte Amara Hufschlag.
Sie raffte sich vom Boden auf, wobei sich der Schnitt am Arm schmerzhaft bemerkbar machte. Doch sie lief weiter, immer weiter, denn die Reiter kamen unaufhaltsam näher.
Wie lange sie gelaufen war, wusste sie später nicht mehr. Sie erinnerte sich nur noch an die bedrohlichen Schatten der Bäume und das Brennen ihrer Lungen und Glieder, das selbst Cirrus nicht lindern konnte. Vom Schrecken blieb schließlich schlichte Aufregung, und diese verwandelte sich mit zunehmender Erschöpfung in eine eigenartige Sorglosigkeit.
Sie rannte, bis sie sich irgendwann umdrehte und einem berittenen Legionare in die Augen blickte, der keine zehn Schritte entfernt war. Der Mann schrie auf und warf seinen Speer nach ihr. Amara wich der Waffe aus und stürzte auf ein unvermittelt auftauchendes Loch zu, durch das die Sonne in den Wald hereinflutete. Vor ihr senkte sich der Boden etwa drei, vier Schritte weit ab, ehe er abrupt über einer Felswand endete. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie nicht sehen, wie tief es hinunterging.
Der Legionare zog, begleitet von einem Sirren, das Schwert und rief seinem Pferd etwas zu. Das Tier reagierte, als wäre es mit dem Mann verwachsen, und preschte auf Amara zu.
Die zögerte nicht und warf sich in den Abgrund.
Sie breitete die Arme aus und schrie: »Cirrus! Hoch!« Unter ihr sammelte sich der Wind, als ihr Elementar gehorchte, und sie verspürte ein Hochgefühl. Auf pfeifenden Böen schoss sie hinauf in den herbstlichen Himmel, hinter ihr an der Felskante wurde Staub aufgewirbelt und dem unglücklichen Legionare ins Gesicht geschleudert. Verwirrt bäumte sich sein Pferd auf und schlug mit den Hufen in die Luft.
Sie flog davon, immer höher und weiter vom Lager fort, und hielt erst nach einer Weile inne, um sich umzublicken. Die Felswand, von der sie gesprungen war, wirkte von hier, aus einer Entfernung von mehreren Meilen, wie ein Spielzeug. »Cirrus«, murmelte sie und legte die Hände vor sich. Der Elementar brachte einen Teil von sich an die verlangte Stelle, und dort begann es zu flimmern wie Luft über einem heißen Stein.
Amara formte diese Luft zu einer Linse und beugte das Licht, bis die Felswand vor ihr so vergrößert lag, als befände sie sich nur hundert Schritte entfernt. Sie sah die Verfolger an der Kante des Abgrunds. Aldrick stieg ab. Der Legionare, der sie entdeckt hatte, beschrieb ihre Flucht, und Aldrick suchte den Himmel ab. Amara stockte der Atem, als sein Blick auf ihr haften blieb. Der Schwertkämpfer wandte sich dem Mann neben ihm zu, dem Ritter mit den Holzkräften, den sie bei ihrem Eintreffen im Lager gesehen hatte, und der Mann berührte einen der Bäume.
Amara schluckte und richtete ihre Hände auf das Legionslager.
Ein halbes Dutzend Gestalten stieg über den Baumwipfeln auf, die in den heftigen Winden wogten wie Büsche im Kräutergarten einer Wehrhöferin. Sie schwenkten in ihre Richtung ab und hielten auf Amara zu. Die Sonne glänzte auf Stahl – Rüstungen und Waffen.
»Ritter Aeris«, murmelte Amara. Sie ließ die Hände sinken. Normalerweise hätte sie keinen Zweifel daran gehabt, dass sie ihnen entkommen würde. Doch jetzt war sie verwundet und körperlich wie seelisch erschöpft und keineswegs so zuversichtlich.
Sie drehte sich um und bat Cirrus, sie in nordöstliche Richtung zu tragen. Dabei betete sie, die Sonne möge untergehen, ehe der Feind sie eingeholt hatte.