Codex Alera 3 - Jim Butcher - E-Book

Codex Alera 3 E-Book

Jim Butcher

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Beschreibung

Der unaufhaltsame Aufstieg des jungen Tavi in einer Fantasywelt, die man nie vergessen wird

Tavi, der junge Spion in Diensten des Ersten Fürsten, schleicht sich in die Armee von Kalare ein, denn ein Bürgerkrieg scheint unausweichlich, und der Fürst von Kalare ist der mächtigste Gegenspieler des rechtmäßigen Herrschers von Alera. Durch Mut und viel Glück steigt Tavi schnell auf, bis er eine ganze Legion befehligt. Da landet eine gewaltige Streitmacht der wolfsähnlichen Canim an der Küste Aleras – und nur Tavi und jene Soldaten, die er eigentlich ausspähen soll, können sie jetzt noch aufhalten …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 885




Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Copyright
Die Menschen planen.Das Schicksal lacht.
Prolog
Aus den Schriften von Gaius Quartus,Erster Fürst von Alera.
Tavi faltete die Hände und starrte auf das Ludus-Brett. In elf Reihen wechselten sich schwarze und weiße Quadrate ab, auf denen Bleifiguren, ebenfalls schwarz oder weiß bemalt, in geschlossenen Linien standen. Ein zweites Brett von fünf mal fünf Vierecken schwebte an einem Metallstab in der Mitte über dem ersten und war nur von einigen wenigen Figuren besetzt. Die Geschlagenen standen auf dem Tisch neben dem Spielbrett.
Das Spiel war längst in vollem Gange, und bald würden unausweichlich Tausch und Opferung der Figuren beginnen, was dann ins Endspiel überleitete. So war das Wesen des Ludus. Tavis dunkle Legionen hatten schwerere Verluste hinnehmen müssen als die weißen des Gegners, aber immerhin hatte er sich dadurch in eine bessere Stellung gebracht. Solange er die Kontrolle über das Spiel behielt - und vorausgesetzt, sein Gegner hatte keine hinterhältige Falle aufgebaut, die Tavi entgangen war -, standen seine Aussichten auf den Sieg gut.
Er nahm einen seiner Fürsten und schob ihn über das obere Brett, das den Luftraum über dem eigentlichen Schlachtfeld verkörperte, um so die belagerten Positionen des weißen Feindes zusätzlich unter Druck zu setzen.
Sein Gegner gab einen tiefen, entspannten Laut von sich, der stark an das Knurren eines großen und verschlafenen Raubtiers erinnerte. Tavi wusste, dieser Laut bedeutete ungefähr so viel wie das amüsierte Lachen eines Menschen - doch er vergaß keine Sekunde lang, dass sein Gegner nicht der menschlichen Gattung angehörte.
Der Cane war ein riesiges Wesen, mehr als neun Fuß groß, wenn er sich aufrichtete. Sein dichtes, dunkles Fell überzog den gesamten Körper, bis auf die Pfotenhände und die Stellen, an denen sich Narben auf der Haut unter dem Pelz befanden. Der Kopf ähnelte dem eines gigantischen Wolfes, war nur ein wenig gedrungener, und die Schnauze endete in einer breiten schwarzen Nase. Aus dem Kiefer ragten scharfe weiße Zähne hervor. Spitze Ohren standen aufrecht und neigten sich leicht nach vorn, dem Ludus-Brett zu. Der Cane wedelte beim Nachdenken unablässig mit dem Schwanz und kniff die rotgoldenen Augen zusammen. Er verströmte einen einzigartigen Geruch, moschusartig, muffig und düster, und noch immer roch man Spuren von Metall und Rost, obwohl seine Waffen und die Rüstung bereits vor zwei Jahren weggesperrt worden waren.
Varg hockte auf seinen Hinterläufen, auf der anderen Seite des Bretts, Tavi gegenüber. Stühle verschmähte er. Trotzdem befanden sich die Augen des Cane einen Fuß höher als die des jungen Mannes. Sie saßen zusammen in einem einfach ausgestatteten Zimmer des Grauen Turms, dem Gefängnis von Alera Imperia, in das niemand eindringen und aus dem niemand entfliehen konnte.
Tavi gestattete sich ein schwaches Lächeln. In das fast niemand eindringen und aus dem fast niemand entfliehen konnte.
Wie immer erfüllte Tavi der Gedanke an die Ereignisse beim Winterend-Fest vor zwei Jahren mit Stolz, Demut und Traurigkeit. Selbst jetzt noch suchten ihn manchmal Träume mit brüllenden Ungeheuern und Strömen von Blut im Schlaf heim.
Er verscheuchte diese schmerzlichen Erinnerungen. »Was ist so lustig?«, fragte er den Cane.
»Du«, erwiderte Varg, ohne vom Ludus-Brett aufzublicken. Er sprach schleppend und mit tiefer Stimme, als würde er die Worte zuerst im Mund durchkauen. »Angriffslustig.«
»So gewinnt man schließlich«, sagte Tavi.
Varg streckte die schwere Pfotenhand aus und schob einen weißen Hohen Fürsten mit langer, scharfer Kralle vor. Der Zug war als Antwort auf Tavis letzten oben auf dem Himmelsbrett gedacht. »Zum Sieg gehört mehr als nur Wildheit.«
Tavi schob einen Legionare vor; bald konnte er mit dem großen Angriff beginnen. »Inwiefern?«
»Weil der Sieg mit Disziplin geschmiedet wird. Wildes Anstürmen ist sinnlos, solange es nicht an der richtigen Stelle erfolgt …« Varg fegte mit einer Wehrhöferfigur über das Himmelsbrett und schlug den Legionare. Dann lehnte er sich zurück und faltete die Pfotenhände. »… und zum richtigen Zeitpunkt.«
Tavi betrachtete das Spielbrett stirnrunzelnd. Er hatte den Zug des Cane durchaus in Betracht gezogen, jedoch als zu unorthodox und unklug abgetan und sich deshalb keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Aber durch die subtilen Manöver des Spiels war die Balance der Macht auf dem Ludus-Brett plötzlich ins Wanken geraten.
Tavi überlegte, welche Möglichkeiten sich ihm boten, und verwarf die ersten beiden, die ihm in den Sinn kamen, als vergebliche Liebesmüh. Und auch das nächste Dutzend erschien ihm nicht gerade erstrebenswert. Innerhalb von zwanzig Zügen würde der Cane mit seiner zahlenmäßigen Überlegenheit die Herrschaft über das Spielbrett an sich reißen, und dann konnte er Tavis Ersten Fürsten nach Belieben hetzen und schließlich schlagen.
»Bei den Krähen«, murmelte der Junge.
Varg zog die schwarzen Lippen zurück und entblößte weiße Zähne, seine Art, das aleranische Lächeln nachzuahmen. Allerdings würde wohl kein Aleraner dabei dermaßen gefräßig aussehen.
Tavi schüttelte den Kopf und suchte weiter nach einem Ausweg. »Jetzt spiele ich schon seit fast zwei Jahren Ludus mit dir, Herr. Ich dachte, ich würde all deine Taktiken kennen.«
»Du kennst einige«, stimmte Varg zu. »Und du lernst schnell.«
»Da bin ich nicht so sicher«, erwiderte Tavi trocken. »Was soll ich denn eigentlich lernen?«
»Meine Gedanken zu erkennen«, sagte Varg.
»Warum?«
»Du musst deinen Feind kennen. Und dich selbst. Nur dann kannst du zum Sieg gelangen.«
Tavi legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts.
Der Cane zeigte mehr von seinen Zähnen. »Ist das denn so schwer zu verstehen? Wir befinden uns im Krieg, Aleraner«, sagte er ohne jeden Groll. Er zeigte mit der Pfotenhand auf das Ludus-Brett. »Im Augenblick geht es in diesem Krieg höflich zu. Aber es handelt sich keineswegs um ein schlichtes Spiel. Wir messen unsere Kräfte. Und wir studieren einander.«
Tavi betrachtete den Cane und runzelte die Stirn. »Damit wir wissen, wie wir uns gegenseitig umbringen, wenn der Tag der Entscheidung gekommen ist«, sagte er.
Varg schwieg, seine Form der Zustimmung.
Tavi mochte Varg eigentlich. Der frühere Botschafter bestach durch seine fortwährende Ehrlichkeit, zumindest Tavi gegenüber, und der Cane lebte nach einem fremden, doch strengen Ehrenkodex. Seit ihrer ersten Begegnung hatte Varg den jungen Menschen mit Respekt behandelt, wenn auch stets ein wenig von oben herab. Bei ihren Spielen hatte Tavi gedacht, zwischen ihnen würde sich, da sie sich immer besser kennen lernten, am Ende eine Art Freundschaft entwickeln.
Da war Varg wohl anderer Meinung.
Der Gedanke ernüchterte Tavi zunächst nur; dann jagte er ihm einen regelrechten Schrecken ein. Der Cane war eben, was er war. Ein Raubtier. Wenn es sich mit seiner Ehre vertrug und seinen Zielen diente, Tavi die Kehle aufzureißen, würde er nicht eine Sekunde zögern - doch solange der Krieg nicht offen ausgebrochen war, verschanzte er sich hinter Höflichkeit und Nachsicht.
»Ich habe schon begabte Spieler gesehen, die sich in ihren ersten Jahren schlechter geschlagen haben«, knurrte Varg. »Eines Tages wirst du Ludus vielleicht beherrschen.«
Vorausgesetzt, Varg und die Canim rissen ihn nicht zuvor in Stücke. Tavi verspürte plötzlich den Drang, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Wie lange spielst du schon?«
Varg erhob sich und begann rastlos herumzuwandern wie ein Raubtier im Käfig. »Sechshundert Jahre, nach der Zeitrechnung deines Rudels. Einhundert nach unserer Rechnung.«
Tavi fiel die Kinnlade herunter. »Das wusste ich nicht …«
Varg lachte grollend.
Tavi klappte den Mund mit Hilfe einer Hand wieder zu und suchte nach einer passenden Erwiderung. Sein Blick schweifte zurück zum Ludus-Brett und suchte die Stelle, wo Varg ihn überrumpelt hatte. »Hm. Wie ist es dir gelungen, diesen Hinterhalt aufzubauen?«
»Disziplin«, antwortete Varg. »Du hast deine Figuren in unregelmäßigen Gruppen aufgebaut. Hast sie ausschwärmen lassen. Dadurch haben sie nicht so viele Möglichkeiten, einander zu decken, als wenn sie auf benachbarten Feldern stehen.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich das verstehe.«
Varg rückte die Figuren zurecht und stellte eine frühere Stellung wieder her, und Tavi sah, was der Cane meinte. Seine Figuren standen in ordentlichen Reihen nebeneinander. Das wirkte auf Tavi ungeschickt und gedrängt, doch ihre verschiedenen Fähigkeiten ergänzten sich, und das machte die Schwierigkeiten der Stellung wett. Seine eigenen Figuren hingegen standen weit auseinander, weil er bei jedem Zug versucht hatte, sich einen ganz bestimmten Vorteil zu verschaffen, um die Vorherrschaft auf dem ganzen Brett zu erlangen.
Varg brachte den Tisch wieder in die Spielstellung und betonte jedes seiner Worte mit einer Schwanzbewegung. »Das ist das gleiche Prinzip, mit dem eure Legionen sich unseren Kampfgruppen entgegenstellen. Ihre Disziplin macht die Nachteile durch die körperliche Unterlegenheit wieder wett. Keine noch so große Wut kann sich gegen Disziplin behaupten. Unklug eingesetzt, schadet Aggression eher einem selbst als dem Feind, Welpe.«
Tavi betrachtete stirnrunzelnd das Brett und grummelte vor sich hin.
»Gibst du auf?«, fragte Varg.
»Das Spiel ist noch nicht vorbei«, antwortete Tavi. Er sah zwar keinen Weg, wie er sich gegen Vargs Stellung behaupten könnte, aber wenn er weiterkämpfte, würde er vielleicht doch noch eine Gelegenheit bekommen. Oder möglicherweise machte Varg einen Fehler, den Tavi ausnutzen konnte. Er schob einen Ritter in Richtung von Vargs Wehrhöfer, schlug diesen, und damit begann der große Figurentausch.
Nach dem nächsten Dutzend Züge sah Tavi keine Möglichkeit mehr, den Cane zu besiegen. Seine Niederlage schien unvermeidlich, und grinsend hob er die Hand, weil er seinen Ersten Fürsten zum Zeichen der Kapitulation umwerfen wollte.
Jemand pochte an die Tür der Zelle - die eigentlich, dachte Tavi, eher einer schlicht eingerichteten Wohnung als einem Gefängnisverlies glich, mit ihrem großen Bett, dem Wohnbereich und einer Leseecke. Eine Wache öffnete ein Fensterchen in der Tür. »Entschuldige, junger Mann. Aus der Zitadelle ist ein Bote eingetroffen, der dich in Angelegenheiten der Krone sprechen möchte.«
»Ha«, sagte Tavi und schenkte Varg ein Lächeln, ehe er die Hand zurückzog. »Die Pflicht ruft. Nun ja, dann müssen wir uns wohl mit einem Remis trennen.«
Varg gab ein belustigtes Knurren von sich und erhob sich, während Tavi vor ihn trat. Der Cane legte den Kopf leicht zu einer Seite. Tavi vollführte die gleiche Geste, wenn auch ein wenig tiefer. »Bis nächste Woche also. Entschuldige mich bitte, Herr.«
»Für die Pflicht braucht man sich nicht zu entschuldigen, Welpe«, sagte Varg. Er ließ die Zähne aufblitzen, als er die Wache anlächelte. Der Mann zuckte zwar nicht gerade zusammen, aber Tavi hatte das Gefühl, er musste sich schon sehr beherrschen.
Tavi zog sich zu der verriegelten Tür zurück, ohne Varg auch nur für einen Moment den Rücken zuzukehren. Er schlüpfte hinaus, nachdem die Wache die Tür aufgeschlossen hatte, und dann folgte er dem Mann zwei Treppen nach unten in ein kleines Schreibzimmer. Es war ein schlichter Raum mit Bücherborden an den Wänden, einem einfachen Tisch und ein paar Stühlen aus poliertem dunklem Holz, dazu einem Pult und einem weiteren Tisch zum Schreiben. Auf dem Tisch stand ein weißer Porzellankrug, an dem Wassertropfen hinunterliefen.
Auf einem der Stühle saß ein kleiner, stämmiger und offensichtlich kurzsichtiger Mann. Er trug die rot und blau gesäumte Tunika eines höheren Würdenträgers der Zitadelle. Die Wache nickte dem Mann zu, zog sich in den Gang zurück und schloss die Tür hinter sich.
Tavi betrachtete den Boten stirnrunzelnd. Er kam ihm vage bekannt vor. Das Gesicht sagte ihm nichts, aber bei den vielen Menschen in der Zitadelle von Alera Imperia hatte das nichts zu bedeuten.
Der Bote neigte den Kopf ein wenig und schwieg.
Dann grinste Tavi und verneigte sich förmlich. »Majestät.«
Der Bote lachte schallend und zufrieden. Und währenddessen verschwamm seine Gestalt, veränderte sich und verwandelte sich in einen größeren Mann, bis Gaius Sextus, Erster Fürst von Alera und mächtigster Elementarwirker des Reiches, vor Tavi saß. Sein Haar war dicht, ordentlich geschnitten und silberweiß, und diese Farbe sowie ein paar Fältchen um die Augen waren die einzigen Hinweise darauf, dass dieser Mann vielleicht älter als vierzig Jahre sein könnte. Seine Haltung drückte etwas Distanziertes, Wölfisches aus, Vertrauen in die eigene Macht, Klugheit und Erfahrung. Beiläufig stellte Tavi fest, dass der Erste Fürst auch seine Kleidung bei der Verwandlung geändert haben musste, da er um gute sechs Zoll an Größe gewonnen hatte.
»Wie bist du darauf gekommen?«, murmelte Gaius.
Tavi legte die Stirn in Falten. »Wegen der Augen, Erster Fürst«, sagte er schließlich.
»Ich habe sie verändert«, konterte Gaius.
»Die Farbe und die Form, ja«, erklärte Tavi. »Aber es waren … deine Augen. Ich bin nicht sicher, woran ich das erkannt habe.«
»Instinkt, nehme ich an«, meinte Gaius. »Obwohl mir das gar nicht recht ist. Wenn du ein angeborenes Talent dieser Art hättest, könnten wir das herausfinden und deine Fähigkeit den anderen Kursoren beibringen. Das wäre doch ausgesprochen wertvoll für uns.«
»Ich werde mich damit befassen, Erster Fürst«, sagte Tavi.
»Sehr gut«, antwortete Gaius. »Ich wollte mit dir sprechen. Ich habe deine Auswertung der Berichte gelesen, die du dir angesehen hast.«
Tavi blinzelte. »Erster Fürst? Ich dachte, die wären allein für Hauptmann Miles bestimmt. Es überrascht mich, dass sie bei dir gelandet sind.«
»Für gewöhnlich wären sie das auch nicht. Wenn ich versuchen würde, alles zu lesen, was in der Zitadelle verfasst wird, wäre ich binnen eines Tages unter einem Papierberg erstickt«, erwiderte Gaius. »Aber Miles hat deine Erörterung beeindruckt, und deshalb hat er sie an mich weitergeleitet.«
Tavi holte tief Luft. »Oh.«
»Du führst sehr überzeugend aus, dass der richtige Moment gekommen sei, um gegen die ehrgeizigeren Hohen Fürsten vorzugehen.«
»Erster Fürst«, protestierte Tavi. »Das entspricht nicht alles notwendigerweise meiner eigenen Meinung. Miles hat mich aufgefordert, dieses Schriftstück als Gegenrede zu seinen bevorzugten Strategien zu verfassen. Ich habe es nur geschrieben, um ihm bei der Suche nach Schwachstellen in seinen eigenen Plänen zu helfen.«
»Das ist mir wohl bewusst«, gab Gaius zurück. »Allerdings schränkt das die Aussagekraft deiner Schlussfolgerungen nicht ein.« Er runzelte die Stirn und richtete den Blick auf die einfachen Bücherborde. »Ich glaube, du hast recht. Es ist an der Zeit, die Hohen Fürsten zur Abwechslung mal nach meiner Pfeife tanzen zu lassen.«
Tavi runzelte ebenfalls die Stirn. »Aber … Erster Fürst, das könnte in einer Katastrophe enden.«
Gaius schüttelte den Kopf. »Früher oder später wird es auf die eine oder andere Weise sowieso zur Katastrophe kommen. Kalare oder Aquitania werden sich gegen mich erheben. Am besten handele ich jetzt, solange ich die Dinge selbst in der Hand habe, anstatt abzuwarten, bis sie ihre Vorbereitungen getroffen haben.«
»Allerdings, Erster Fürst«, wandte Tavi ein, »könnte das auch schiefgehen.«
Gaius schüttelte den Kopf und lächelte. »Wird es schon nicht.«
»Wie kommst du darauf?«
Der Erste Fürst zwinkerte. »Instinkt.«
Tavi lachte unwillkürlich. »Ja, Erster Fürst.« Er richtete sich auf. »Welche Befehle hast du für mich?«
»Wir müssen uns immer noch um deine militärische Ausbildung kümmern«, meinte der Erste Fürst, »aber bei den Legionen, die ich dafür bevorzugen würde, werden erst im nächsten Jahr wieder Rekruten aufgenommen.« Gaius warf ihm eine lederne Briefmappe zu, die er aus seiner Tunika gezogen hatte. »Bis dahin musst du dir irgendwie die Zeit vertreiben. Also unternimmst du erst einmal eine Reise.«
Tavi betrachtete skeptisch die Briefmappe. »Wohin?«
»Ins Tal«, antwortete Gaius. »Genauer gesagt zu den Ruinen von Appia, wo du dich von Maestro Magnus unterrichten lässt.«
Tavi blinzelte und starrte Gaius an. »Wie bitte?«
»Du hast dein zweites Jahr als Akadem beendet, und allein die großen Elementare wissen, was du anstellen würdest, nur um dich zu beschäftigen, wenn man dich hier deinen Neigungen nachgehen lassen würde. Ich habe deine Arbeit über die romanischen Handwerkskünste gelesen. Und Magnus ebenfalls. Er braucht einen Gehilfen bei seinen Forschungen«, erläuterte Gaius. »Da habe ich dich vorgeschlagen, und er hat sofort eingewilligt, dich für sechs Monate bei sich aufzunehmen.«
Tavi stand der Mund offen. »Aber … mein Fürst …««
Gaius schüttelte den Kopf. »Glaube mir, das soll keine Vergnügungsfahrt für dich werden, Tavi. Möglicherweise brauche ich dich dort vor Ort, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln. Solange du jedenfalls nicht den Wunsch äußerst hierzubleiben.«
Tavi spürte, wie sich sein Mund langsam zu einem ungläubigen Grinsen verzog. »Ja, Erster Fürst! Ich meine, nein, mein Fürst, ja! Es wäre mir eine Ehre.«
»Hervorragend«, sagte Gaius. »Dann geh packen, denn du wirst vor Tagesanbruch aufbrechen. Und bitte Gaelle, diese Briefe an deiner Stelle auszuliefern.«
Tavi holte scharf Luft. Gaelle, eine Mitschülerin von Tavi an der Akademie, war eigentlich gar nicht die richtige Gaelle. Denn die junge Schülerin war ermordet und durch eine Doppelgängerin ersetzt worden, ehe Tavi die Gelegenheit bekommen hatte, sie überhaupt kennen zu lernen. Die Spionin, die diese Tat begangen hatte, eine kalarische Blutkrähe namens Rook, hatte vor zwei Jahren mit ihm Freundschaft geschlossen, ehe er ihr mörderisches wahres Ich entlarvt hatte.
Anstatt sie jedoch zur Rechenschaft zu ziehen, hatte Gaius entschieden, sie in ihrer Rolle gewähren zu lassen, damit man ihr gezielt falsche Nachrichten unterschieben konnte. »Glaubst du, sie wird das an Kalare weitergeben?«
»Dies? Ganz gewiss«, meinte Gaius.
»Darf ich fragen …?«, fragte Tavi.
Gaius lächelte. »Der Umschlag enthält alltäglichen Briefverkehr und ein Schreiben an Aquitania, in dem ich ihn von meiner Absicht in Kenntnis setze, ihn zu adoptieren und zu meinem Erben zu ernennen.«
Tavi riss die Augen auf. »Wenn Kalare davon Wind bekommt, und das wird er ohne Zweifel, dann muss er handeln, ehe Aquitania seinen Anspruch auf den Thron durchsetzen kann.«
»Er wird handeln«, stimmte Gaius zu. »Aber ich weiß nicht, auf welche Weise. Er leidet an einer leichten Form von Wahnsinn, was es schwer macht, ihn zu durchschauen. Deshalb möchte ich so viele Augen und Ohren im Süden wissen, wie ich hier entbehren kann. Du musst jedoch meine Münze stets bei dir tragen.«
»Ich verstehe, mein Fürst«, sagte Tavi und berührte den alten Silberbullen, den er an einer Kette um den Hals trug. Er zögerte, weil die Erinnerung einen bitteren Geschmack in seinem Mund hinterließ. »Und Gaelle?«
»Sollte mein Plan gelingen, wird sie von da an für die Krone nicht mehr von Nutzen sein«, sagte Gaius kalt.
»Ja, mein Fürst«, meinte Tavi und verneigte sich. »Was ist mit Faede, mein Fürst?«
Gaius’ Miene verdüsterte sich um eine kaum wahrnehmbare Schattierung. »Was soll mit ihm sein?«
»Er war immer bei mir, seit … solange ich mich erinnern kann. Ich nehme an, dass …«
»Nein«, sagte Gaius in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Auch für Faede habe ich eine Aufgabe.«
Schweigend blickte Tavi seinem Dienstherrn in die unnachgiebigen Augen. Schließlich nickte er ergeben. »Ja, Erster Fürst.«
»Dann wollen wir keine weitere Zeit verschwenden.« Gaius erhob sich, hielt jedoch sofort wieder inne. »Oh. Eine Frage noch. Du wirst nicht zufällig heute mit der Botschafterin der Marat schlafen, Tavi?«
Tavi fiel die Kinnlade zum zweiten Mal herunter. Seine Wangen wurden so heiß, dass er schon fürchtete, sie könnten tatsächlich buchstäblich in Flammen aufgehen. »Äh, mein Fürst …««
»Du bist dir sicherlich bewusst, welche Folgen das haben kann, nehme ich an. Keiner von euch beiden verfügt über Elementarkräfte, um eine Empfängnis zu verhindern. Und glaube mir, wenn du Vater wirst, sieht das Leben ein ganzes Stück komplizierter aus.«
Tavi wünschte, die Erde würde sich auftun und ihn in einen tiefen, tiefen Abgrund reißen. »Wir, äh … wir tun solche Dinge nicht«, erklärte er. »Es gibt auch andere … Dinge. Man muss nicht gleich …«
Gaius’ goldene Augen funkelten. »Geschlechtsverkehr haben?«
Tavi legte sich beschämt die Hand vor die Augen. »Oh, verfluchte Krähen. Ja, mein Fürst.«
Gaius lachte schallend. »Ich erinnere mich dunkel daran, wie das gehen mag«, sagte er. »Und da sich die jungen Leute zu allen Zeiten nur schlecht beherrschen konnten, müssen sie wohl mit, äh, anderen Mitteln ans Ziel gelangen.« Das Lächeln verschwand. »Aber vergiss eines nicht, Tavi: Sie ist kein Mensch, sondern eine Marat. Vergnüge dich mit ihr, wenn es denn sein muss - aber ich würde dir raten, dich nicht zu stark mit dem Herzen an sie zu binden. Deine Pflichten werden dich bald noch mehr fordern.«
Tavi biss sich auf die Unterlippe und senkte den Blick. In seinem Überschwang hatte er vergessen, dass er Kitai ein halbes Jahr lang nicht sehen würde, wenn man ihn fortschickte. Der Gedanke behagte ihm gar nicht. Nicht im Mindesten. Meistens fand er jeden Tag Zeit, sie zu sehen. Und auch in den meisten Nächten.
Tavi spürte, dass er erneut rot wurde, als er daran dachte. Doch überraschte ihn vor allem, wie sehr ihm die Vorstellung missfiel, von Kitai getrennt zu sein - und nicht nur, weil er dann keine Gelegenheit hätte, die, äh, anderen Dinge zu genießen. Kitai war eine sehr schöne und faszinierende junge Frau, sie war klug und schlagfertig, ehrlich und treu, wild und gleichzeitig mit einem tiefen Mitgefühl für andere ausgestattet, wie es Tavi zuvor nur bei Wasserwirkern wie seiner Tante Isana kennen gelernt hatte.
Sie war eine Freundin. Mehr noch, ein unsichtbares Band hielt ihn bei Kitai, eine Art Verbindung, wie sie zwischen den Marat und ihren Totemwesen bestand. Jeder Marat, den Tavi je kennen gelernt hatte, war von einem Totemwesen begleitet worden. Kitai nannte es ein Chala.Ihr Vater, der Häuptling des Gargant-Clans, wurde nur in Begleitung seines riesigen schwarzen Garganten namens Wanderer gesehen. Und Tavi konnte an den Fingern einer Hand abzählen, wie oft er Hashat, die Führerin des PferdeClans, auf ihren eigenen Füßen hatte gehen sehen.
Im Stillen hegte Tavi die Sorge, dass Kitai, wenn er von ihr getrennt würde, darunter leiden oder sogar Schaden nehmen würde. Nach diesem Besuch im Süden würde er in die Legion eintreten, um seinen dreijährigen Pflichtdienst abzuleisten, und das würde ihn in die abgelegensten Teile des Reiches führen - denn ohne Frage würde er nicht in der Nähe von Alera Imperia und bei Kitai bleiben, die als Botschafterin ihres Volkes hier zu verweilen hatte.
Drei Jahre. Und danach würden weitere Verpflichtungen und Aufträge auf ihn warten. Und im Anschluss daran wieder neue. Kursoren im Dienst der Krone verbrachten selten viel Zeit am gleichen Ort.
Er vermisste sie jetzt schon. Schlimmer noch, er hatte Gaius nichts von diesem Bund erzählt, nichts von den Auswirkungen, die dieser möglicherweise auf Kitai haben würde. Nein, dem Ersten Fürsten gegenüber hatte er seine Mutmaßung in Bezug auf den Bund mit keinem Wort erwähnt. Abgesehen von dieser Sorge, die nicht mehr war als ein seltsames Gefühl in seinem Bauch, hatte er auch eigentlich keinen Grund dazu - und dennoch sagte ihm sein Instinkt, er sollte sich gut überlegen, ob er Gaius enthüllte, was der Erste Fürst als mögliche Einflussnahme auf einen seiner Kursoren deuten könnte. Tavi war im Grenzgebiet des Reiches aufgewachsen, in einem gefährlichen Land, wo er den größten Teil seines Lebens auf seine Instinkte gehört hatte.
Gaius beobachtete die Gefühle, die über sein Gesicht huschten, und nickte, weil er Tavis Sorgen vielleicht für romantisches Bedauern hielt. »So langsam fängst du an zu verstehen.«
Tavi nickte, ohne den Blick zu heben, und achtete sorgsam darauf, sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen.
Gaius seufzte tief, nahm die fremde Gestalt wieder an und ging zur Tür. »Mach es auf die Weise, die dir am liebsten ist, Tavi, ich vertraue deinem Urteil. Jetzt solltest du packen, Kursor. Und viel Glück.«
Das Wetter war für die Jahreszeit ungewöhnlich schlecht, und das verlangsamte die Ritter Aeris, die Rook zu ihrem Herrn in den Süden trugen; aus diesem Grund hatte sie fast fünf Tage für die Reise gebraucht. Die Zeit war die reinste Folter für sie gewesen. Sie selbst verfügte über keinerlei Windkräfte, und deshalb konnte sie nur in der geschlossenen Flugsänfte sitzen und die Mappe mit den Dokumenten anstarren, die auf dem Platz gegenüber lagen.
Zudem litt sie unter einem Unwohlsein, welches nichts mit dem Auf und Ab der Windkutsche zu tun hatte, das durch die rauen Winde verursacht wurde. Sie schloss die Augen, damit sie das Bündel von Schriftstücken, die sie heimlich in der Hauptstadt abgeschrieben hatte, nicht mehr sehen musste. Die Abschriften hatte sie von skrupellosen und gierigen Angehörigen der Palastdienerschaft gekauft. Außerdem hatte sie sich in unbesetzte Schreibzimmer und verschlossene Kammern geschlichen, um weitere Dokumente zu stehlen. Auf diese Weise brachte sie einiges von Wert in Erfahrung, Brocken und Bruchstücke, die für sich genommen über wenig Aussagekraft verfügten, jedoch mit den Berichten der anderen Blutkrähen ein großes Ganzes ergeben würden.
Aber letztlich war nichts davon wirklich wichtig. Jetzt nicht mehr. Das oberste Dokument des Stapels machte alle anderen überflüssig. Sobald ihr Herr erfahren hätte, was sie herausgefunden hatte, würde er in Zugzwang geraten. Dann würde er den Bürgerkrieg anzetteln, von dem jeder Aleraner mit ein wenig Verstand längst wusste, dass er in der Luft lag. Dieser Krieg würde zehntausende Aleraner das Leben kosten. Mindestens. Was an sich schon schlimm genug war. Aber nicht deswegen fühlte sie sich so elend.
Sie hatte einen Freund verraten, um an die Geheimnisse zu gelangen. Keinesfalls war sie die naive junge Frau, die sie zu sein vorgab, sondern viel älter als der Junge aus Calderon. In ihrer gemeinsamen Zeit hatte sich eine große Zuneigung zu ihm und seinen Freunden entwickelt, und sie hatte sie zu respektieren gelernt. Der Gedanke, dass die von ihr zur Schau gestellte Freundschaft und Fröhlichkeit nur eine Fassade war, peinigte sie, und wenn ihre Freunde den wahren Grund für ihren Aufenthalt in der Hauptstadt gekannt hätten, wären sie ohne Zweifel sofort über sie hergefallen und hätten sie gefangen genommen.
Oder sie gleich an Ort und Stelle umgebracht.
Das erschwerte es ihr zusätzlich, ihre Rolle zu spielen. Die Kameradschaft und der lockere Umgang waren zu verführerisch. Sie hatte schon darüber nachgedacht, zum Feind überzulaufen. Wäre sie nicht eine so begabte Wasserwirkerin gewesen, sie hätte sich jede Nacht in den Schlaf geweint - aber selbst das hätte ihre Tarnung gefährdet, und darum unterdrückte sie die Tränen.
Und genau das tat sie auch jetzt, während die Windkutsche endlich in den Sinkflug hinunter in den glutheißen, dunstigen Spätsommer von Kalare überging. Auf ihren Herrn musste sie einen ruhigen, gelassenen Eindruck machen, und ihre Angst bei dem Gedanken daran, bei ihm in Ungnade zu fallen, rief ein Schwindelgefühl hervor. Sie ballte die Hände zu Fäusten, schloss die Augen und redete sich wieder und wieder ein, dass sie sein wertvollstes Werkzeug und viel zu erfolgreich war, als dass er sich ihrer entledigen würde.
Das half nicht viel, aber zumindest hatte sie in den letzten Momenten des Fluges etwas zu tun, so lange, bis ihr der kräftige und ein wenig an Fäulnis erinnernde Gemüsegeruch von Kalare in die Nase stieg. Sie brauchte gar nicht aus dem Fenster zu schauen und sich die Stadt anzusehen, in der es zu Sonnenaufgang genauso lebhaft zuging wie bei Sonnenuntergang. Neun Zehntel der Fläche bestand aus schmutzigen Elendsvierteln. Die geschlossene Windkutsche flog auf das letzte Zehntel zu, den prächtigen Turm des Hohen Fürsten, und landete auf dem Wehrgang, wie es ähnliche Windkutschen jeden Tag viele Male taten.
Sie holte tief Luft, beruhigte sich, nahm die Papiere, zog sich die Kapuze über, um von niemandem erkannt zu werden, und eilte die Treppe hinunter. Unten überquerte sie den Hof zum eigentlichen Turm, der Residenz des Hohen Fürsten. Die Diener erkannten sie an der Stimme und verlangten nicht, dass sie die Kapuze abnahm. Kalarus hatte ihnen seine Wünsche bezüglich Rook sehr eindringlich klargemacht, und die Wachen wagten es nicht, seinen Zorn zu erregen. Ohne Umschweife führte man sie ins Arbeitszimmer des Hohen Fürsten.
Kalarus saß am Schreibtisch und las. Er war kein Riese von einem Mann und auch nicht kräftig gebaut, allenfalls ein bisschen höher gewachsen als der Durchschnitt. Gekleidet war er mit einem leichten, hauchdünnen grauen Seidenhemd und einer dunkelgrünen Hose aus dem gleichen Stoff. An jedem Finger trug er einen Ring, jeweils mit unterschiedlichen grünen Steinen besetzt, und auf dem Kopf saß ein Reif aus Stahl. Wie die meisten Südländer hatte er dunkles Haar und dunkle Augen, und man durfte ihn durchaus als gutaussehend bezeichnen - obwohl er einen Ziegenbart trug, um das fliehende Kinn zu verstecken.
Rook kannte ihre Rolle. Sie blieb schweigend neben der Tür stehen, bis Kalarus einige Augenblicke später aufsah.
»Und?«, murmelte er. »Was führt dich den weiten Weg nach Hause, Rook?«
Sie zog die Kapuze ab, verneigte sich und trat vor, um die Schriftstücke auf den Schreibtisch ihres Herrn zu legen. »Die meisten enthalten wenig Interessantes. Doch das Oberste wirst du sicherlich unverzüglich lesen wollen, Herr.«
Er knurrte leise, streckte träge die Hand aus und spielte mit dem Papier, ohne es jedoch aufzufalten. »Es sollte sich schon um wirklich welterschütternde Neuigkeiten handeln. Mit jeder Minute, die du deine Pflichten Gaius gegenüber vernachlässigst, gefährdest du deine Tarnung. Es würde mich doch unglücklich stimmen, ein so wertvolles Werkzeug wegen einer törichten Entscheidung zu verlieren.«
Innerlich kochte sie vor Wut, ließ sich aber nichts anmerken und neigte erneut den Kopf. »Herr, wenn mich meine Einschätzung nicht trügt, ist dieses Schriftstück ein Befehl von solcher Reichweite, dass er den Wert jedes Spions übertrifft, wie gut er auch immer platziert sein mag. Darauf würde ich sogar mein Leben wetten.«
Kalarus zog die Augenbrauen eine Winzigkeit hoch. »Das hast du bereits«, sagte er leise. Dann faltete er das Papier auf und begann zu lesen.
Ein Mann von Kalarus’ Kräften und Erfahrung verbarg selbstverständlich jegliche Gefühle und Reaktionen vor anderen Menschen, ebenso wie Rook vor ihrem Herrn. Wer über ein gewisses Maß an Wasserkräften verfügte, konnte nämlich aus diesen Reaktionen, sowohl den körperlichen als auch den Gefühlen, viel über den betreffenden Menschen erfahren. Natürlich hatten die mächtigsten Fürsten von Alera ausreichend Erfahrung darin, ihre Emotionen voreinander zu verhehlen, um die Elementarkräfte der anderen zu schwächen.
Aber in diesem Fall brauchte Rook ihre Wasserkräfte überhaupt nicht einzusetzen. Sie war geschickt darin, andere Menschen zu deuten, eine Fähigkeit, die sie während ihrer Jahre in diesem gefährlichen Dienst entwickelt hatte, und das hatte nichts mit Elementarwirken zu tun. Sie hätte zwar nicht jede Veränderung in Kalarus’ Mienenspiel benennen können, aber mit absoluter Sicherheit war er erschrocken und von der Nachricht erschüttert.
»Woher hast du das?«, verlangte er zu wissen.
»Von einem Pagen im Palast. Er hat verschlafen und musste zum Windhafen rennen. Da wir befreundet sind, hat er mich gebeten, seine Botengänge zu erledigen.«
Kalarus schüttelte den Kopf. »Und du bist von der Echtheit überzeugt?«
»Ja, mein Fürst.«
Die Finger seiner rechten Hand begannen zu zittern und zucken und trommelten leise auf den Schreibtisch. »Ich hätte nie gedacht, dass Gaius Frieden mit Aquitania schließen würde. Er hasst den Mann.«
Rook sagte leise: »Gaius braucht ihn. Im Augenblick. Solche Überlegungen siegen manchmal sogar über Hass.«
Ihr Herz flatterte, denn bei ihrem letzten Satz hatte sie einen federleichten Hauch bitterer Ironie mitschwingen lassen. Kalarus war das jedoch nicht aufgefallen. Seine Finger zuckten noch schneller. »Ein Jahr hätte ich noch für die Vorbereitungen gebraucht, dann hätte ich ihn zermalmen können.«
»Vielleicht ist er sich dessen bewusst geworden, mein Fürst. Womöglich möchte er dich dazu verleiten, übereilt zu handeln.«
Kalarus betrachtete stirnrunzelnd seine Finger und brachte sie langsam zur Ruhe. Daraufhin faltete er die Nachricht und faltete sie noch einmal und noch einmal, wobei er die Augen zusammenkniff. Anschließend zeigte er die Zähne in einem raubtierhaften Grinsen. »Sicherlich. Ich bin der Bär, den er ködert. Gaius ist überheblich, das war er schon immer. Er hält sich für allwissend.«
Rook nickte und erwiderte nichts.
»Schon in Kürze wird er erfahren, dass dieser Bär viel größer und gefährlicher ist, als er erwartet hat.« Er erhob sich und riss an der Glocke, dann rief er seine Elementare, damit sie eine Truhe öffneten und ein Dutzend Karten auf deren Oberseite ausrollten. »Sag meinen Hauptmännern, es sei so weit. Wir versetzen die Truppen in Einsatzbereitschaft und marschieren im Verlauf der nächsten Woche los. Und sag deinen Leuten, sie sollen den Druck auf die Kursoren aufrechterhalten.«
Rook verneigte sich. »Ja, mein Fürst.«
»Und du …« Kalarus lächelte. »Für dich habe ich einen ganz besonderen Auftrag. Ich hatte eigentlich geplant, mich persönlich darum zu kümmern, aber es scheint, ich muss meine Rache durch einen Stellvertreter ausführen lassen.«
»Die Wehrhöferin?«, fragte Rook leise. »Die Hure aus Calderon«, berichtigte Kalare sie in gefährlich scharfem Ton.
»Ja, mein Fürst. Wird erledigt.« Sie biss sich auf die Unterlippe. »Mein Fürst … wenn du erlaubst?«
Kalarus deutete auf eine Tür an der anderen Seite des Arbeitszimmers, wo sich ein Gesellschaftszimmer zum Lesen und für Gespräche mit Vertrauten anschloss. Rook durchquerte das Arbeitszimmer und öffnete die Tür zu dem großen Raum mit dem dicken Teppich und den kostbaren Möbeln.
Ein kleines Mädchen mit schwarzem Haar saß neben einer Dienerin auf dem Boden und spielte mit Puppen. Als die Tür aufging, blickte das Kindermädchen auf, erhob sich, verneigte sich vor Rook und zog sich ohne ein Wort zurück.
»Mama!«, schrie die Kleine voller Freude, sprang auf und lief zu Rook, die ihre Tochter in die Arme schloss und fest an sich drückte. »Ich habe dich so vermisst, Mama.«
Rook nahm sie noch fester in die Arme, und bittere Tränen begannen zu fließen - der Entschlossenheit, nicht zu weinen, zum Trotz. »Ich habe dich so vermisst, Mascha.«
»Ist es jetzt so weit, Mama?«, fragte ihre Tochter. »Ziehen wir aufs Land und kaufen uns Pferde?«
»Noch nicht. Aber bald, Kleines«, flüsterte Rook. »Ganz bald, das verspreche ich dir.«
Das Mädchen blickte sie aus riesigen Augen an. »Ich vermisse dich so.««
Sie umarmte das Kind erneut, um dem Schmerz in den Augen der Kleinen zu entfliehen. »Ich vermisse dich auch. Ach, du weißt gar nicht, wie sehr ich dich vermisse.« Rook spürte Kalarus hinter sich in der Tür. Sie wandte sich zu ihm um, blickte ihn jedoch nicht an. »Tut mir leid, Kleines. Diesmal kann ich nicht länger bleiben. Ich muss wieder aufbrechen.«
»Aber du bist doch gerade erst angekommen«, klagte Mascha. »Wenn ich dich nun brauche und nicht finden kann?«
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Kalarus in einem freundlichen Ton, der im Gegensatz zum kalten Glitzern seiner Augen stand. »Ich sorge für die Sicherheit der kleinen Tochter meiner Gefolgsfrau. Darauf hast du mein Wort. Deine Treue ist mir sehr wichtig.«
Rook wandte sich ab und schob sich zwischen Mascha und Kalarus. Wieder schloss sie die Kleine in die Arme, und einige bittere Angsttränen rannen ihr über das Gesicht.
Sie hörte, wie sich Kalarus umdrehte und leise lachend in sein Arbeitszimmer zurückkehrte. »Damit wird er nicht gerechnet haben. Ganz und gar nicht gerechnet haben.«
Ehren saß an dem wackeligen Schreibtisch in der offenwandigen Hütte, der Schweiß tropfte ihm von der Nase auf das Rechnungsbuch vor ihm, rann auf seinen ledernen Sklavenring und von dort weiter in das dünne Hemd. Auf den Sonnenuntergangsinseln konnte es im Sommer entsetzlich heiß werden, obwohl es, den großen Elementaren sei Dank, inzwischen wieder ein wenig abkühlte. Insekten schwirrten um Ehrens Kopf, und winzige Schwalben zischten durch die riesigen, offenen Fenster herein und jagten ihnen hinterher. Alle paar Augenblicke verkrampfte sich seine Hand, was ihn zwang, den Federkiel zur Seite zu legen. Gerade war es wieder so weit, als ein ausgemergelter, dünner Mann durch die Tür eintrat.
»Ehren«, fauchte er böse. »Bei den verfluchten Krähen, ich habe dich nicht gekauft, damit du herumsitzt und aus dem Fenster starrst.«
Schlecht gelaunt wie er war, erschien Ehren der Gedanke, dem Kerl den Hals umzudrehen, ausgesprochen verlockend - doch als Kursor konnte er es sich nicht leisten, sich von persönlichen Gefühlen bei der Ausübung seiner Pflicht leiten zu lassen. Seine Aufgabe bestand darin, auf den Sonnenuntergangsinseln unsichtbar zu bleiben und zu beobachten und zu lauschen und Berichte zum Festland zu schicken. Er nahm den Federkiel wieder zur Hand, zog den Kopf ein und erwiderte demütig: »Ja, Meister Ullus. Entschuldige. Ich habe nur meine Finger ein wenig ausgeruht.«
»Du kannst dich am Galgen ausruhen, wenn ich dich noch einmal beim Faulenzen erwische«, sagte der Mann und ging zu einem niedrigen Schrank, der mit schmutzigen Gläsern und Flaschen billigen Rums gefüllt war. Ullus machte sich daran, den Rum zu vertilgen, wie an den meisten Tagen, während sich Ehren weiter mit der Aufgabe quälte, die hoffnungslos unvollständige Buchführung aufzuarbeiten.
Einige Zeit später betrat ein Mann den Raum. Er war nicht groß, wirkte dafür aber schlank und schäbig, wie einer dieser Piraten, der Schrecken der Handelsschiffe, welche die unzähligen Verstecke entlang der Küste der Inseln für ihre Zwecke nutzten. Die Kleidung sah aus, als wäre sie lange Zeit Salz, Wind und Sonne ausgesetzt gewesen, und außerdem passten die einzelnen Teile nicht zueinander, wie die Beutestücke eines erfolgreichen Seeräubers.
Und dennoch … Ehren runzelte die Stirn und ließ den Blick auf seinem Buch. Der Mann erweckte nicht den Eindruck eines Piraten. Die meisten gefielen sich darin, ungepflegt, verlottert und halb in Lumpen herumzulaufen. Dieser Mann hingegen wirkte vorsichtig und nüchtern. Er bewegte sich wie einer der besseren Berufskämpfer, entspannt wachsam und zurückhaltend. Ehren hielt ihn nicht für einen Piraten, sondern für einen Stecher - einen Meuchelmörder, der für Gold Geschäfte mit dem Tod machte, wenn nur der Preis stimmte.
Ullus erhob sich und wankte auf den Hacken hin und her. »Herr …«, begann er. »Willkommen in West-Mistos. Ich bin Ullus, und ich bin der oberste Handelsverw …«
»Du bist ein Hehler«, sagte der Mann leise.
Ullus fiel die Kinnlade herunter, und er zog eine Miene, die nicht einmal ein Kind überzeugt hätte. »Aber, guter Herr!«, rief er. »Ich habe keine Ahnung, wer dir solche Verleumdungen erzählt hat, aber …«
Der Mann neigte den Kopf leicht und starrte Ullus an. Ehrens Herr war ein betrunkener Dummkopf, aber weder zu betrunken noch zu dumm, um das gefährliche Funkeln in den Augen des Besuchers zu übersehen. Er schloss den Mund und schluckte nervös.
»Du bist ein Hehler«, wiederholte der Fremde, genauso leise wie zuvor. »Ich bin Kapitän Demos. Ich habe Waren zu veräußern.«
»Gewiss«, sagte Ullus lallend. »Bring sie einfach her, und ich werde dir einen guten Preis bezahlen.«
»Ich lasse mich nicht von dir betrügen«, entgegnete der Mann. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche und warf es Ullus vor die Füße. »Das ist die Liste. Du verkaufst die Sachen zu meinem Preis oder übernimmst sie selbst, wenn ich in drei Wochen wiederkomme. Ich zahle dir einen Anteil davon. Betrüge mich um einen einzigen Kupferbock, und ich schneide dir die Kehle durch.««
Ullus schluckte. »Ich verstehe.«
»Das war ja auch nicht so schwierig«, sagte der Mann.
Ullus hob die Liste auf und las sie sich durch. Er zuckte zusammen. »Kapitän«, sagte er schließlich vorsichtig, »weiter im Osten würdest du einen besseren Preis dafür bekommen.«
»Ich segle nicht nach Osten«, erwiderte der Mann.
Ehren seufzte, senkte den Federkiel und gab sich alle Mühe, gelangweilt und jämmerlich zu wirken, um seine plötzliche Aufregung und Neugier zu vertuschen. West-Mistos war die westlichste Siedlung der Sonnenuntergangsinseln. Westlich davon lag nur noch das Land der Canim. Der wichtigste Handelshafen war zehn Tage Segelfahrt von West-Mistos entfernt, und zu dieser Jahreszeit brauchte man für den Weg zurück sogar elf Tage.
Kapitän Demos brachte etwas zu den Canim.
»Komm«, sagte Kapitän Demos. »Nimm deinen Sklaven und einen Karren. In einer Stunde steche ich in See.«
1
Tavi zog an dem Seil, bis er das Gefühl hatte, ihm würde von der Anstrengung das Rückgrat brechen. »Schnell!«, presste er durch die zusammengebissenen Zähne hervor.
»Bei der Suche nach Wissen darfst du weder dich noch andere hetzen, mein Junge«, sagte der alte Mann, der vor dem Halteriegel des Mechanismus kniete. Magnus fummelte einen Moment lang daran herum und brummte vor sich hin, ehe schließlich geschmiedetes Metall quietschte. »Forschung ist die Essenz der akademischen Welt.«
Tavi lief der Schweiß am ganzen Körper herab. »Wenn du den Dorn nicht bald reinsteckst, wird der Arm durchrutschen und dich durch das halbe Tal schleudern«, knurrte Tavi.
»Unfug, mein Junge, ich stehe gar nicht im Weg. Er wird der Belastung wieder nicht standhalten, genau wie der Letzte.« Er grummelte abermals. »Na also, drin. Immer mit der Ruhe.«
Tavi ließ das Seil nur nach und nach lockerer, obwohl Hand und Arme es kaum mehr halten konnten. Der lange Holzarm zitterte, blieb jedoch in der zurückgebogenen Position, war eingerastet und wartete darauf, gelöst zu werden. Das Seil, das über mehrere Rollen lief, die Magnus hergestellt hatte, fiel zu Boden.
»Da, siehst du?«, sagte er stolz. »Du hast es ganz allein geschafft.«
Tavi schüttelte keuchend den Kopf. »Ich verstehe das mit den Rollen immer noch nicht.«
»Indem deine Kraft auf einen kleineren Bereich wirkt«, antwortete Magnus, »ziehst du vierzig Fuß Seil ein, während sich der Arm nur um fünf Fuß bewegt.«
»Rechnen kann ich schon selbst«, sagte Tavi. »Nur, ich … es ist so unwirklich. Mein Onkel hätte es kaum geschafft, das Ding nach hinten zu spannen, und er ist ein starker Erdwirker.«
»Unsere Vorfahren kannten sich mit körperlicher Arbeit aus«, lachte Magnus. »Wenn Larus das nur sehen könnte, er würde geifern! Komm, Junge, hilf mir mit dem Geschoss.«
Gemeinsam hoben Tavi und Magnus einen Stein von fast fünfzig Pfund auf die Schale am Ende des Maschinenarmes, dann traten beide zurück. »Vielleicht hätten wir lieber Teile nehmen sollen, die in richtigen Manufakturen hergestellt wurden.«
»Nie im Leben«, murmelte Magnus. »Wenn wir gewirkte Teile benutzen, müssten wir sie irgendwann doch wieder ohne Wirker nachbauen, oder Larus und Konsorten würden uns allein deswegen auslachen. Nein, mein Junge, wir müssen es tun wie die alten Romaner, so wie im antiken Appia.«
Tavi schnaubte. Sie standen inmitten der Ruinen in der Stadt seiner Vorväter. Die hatten auf der Kuppe eines alten Berges gebaut, der zu einem imposanten Hügel abgetragen war, und alles bestand aus Stein. Von den Mauern aberdutzender Gebäude waren nur Schutt und Bruchstücke geblieben. Gras und Bäume sprossen zwischen den zerfallenen Häusern und alten Stadtmauern. Der Wind strich seufzend durch die Steine und sang sein leises immerwährendes Lied der Trauer. Rehe zogen still über die Straßen, die man kaum mehr als Menschenwerk erkennen konnte, wenn man sie aus einiger Distanz betrachtete, so verfallen waren sie. Hier suchten die Tiere bei den seltenen Stürmen Schutz. Auf den Überresten von Statuen, denen der Zahn der Zeit das Gesicht abgenagt hatte, nisteten Vögel.
Die Steine, die man beim Bau von Appia verwendet hatte, wiesen nicht die glatten Bögen und präzisen Ecken von elementargewirktem Fels auf, sondern waren aufeinandergesetzt aus kleineren Stücken, die noch die Spuren von Werkzeug aufwiesen, ein Verfahren, das in den alten, in Stein gehauenen Inschriften, die Magnus in den Katakomben unter den Ruinen entdeckt hatte, als »Steinbrechen« bezeichnet worden war. Andere Darstellungen, offensichtlich von Soldaten der Romaner, hatten die Zeiten ebenfalls in der Stille der Höhlen überstanden, und auf einer von ihnen hatten Magnus und Tavi die Kriegsmaschine gefunden, die im Kampf gegen einen ungeheuren, gehörnten Riesen zum Einsatz gebracht worden war.
Eigentlich hatte alles, was Tavi hier gesehen und erfahren hatte, ihn darin bestätigt, dass die Vorfahren der Aleraner - ebenso wie er selbst - nicht über Elementarkräfte verfügt hatten. Diese Tatsache lag auf der Hand, und Tavi hätte am liebsten vor Wut geschrien, wann immer er an diese »Gelehrten« der Akademie wie Maestro Larus dachte, die jegliche Thesen in dieser Richtung ohne Beachtung der Belege schlicht abschmetterten.
Und genau deshalb hatte Magnus darauf bestanden, sich bei der Herstellung der Kriegsmaschine der groben und beschwerlichen Handarbeit zu bedienen. Er wollte zumindest ausschließen, dass man ganz grundsätzlich die Möglichkeit bestritt, solche Leistungen ohne den Einsatz von Elementarkräften zu vollbringen.
»Ich verstehe ja, weshalb wir das tun, Herr. Aber die Romaner hatten viel mehr Übung darin als wir. Bist du sicher, dass es tatsächlich einsatzbereit ist?«
»Oh«, meinte Magnus, »aber unbedingt. Die Teile sind diesmal stärker, die Balken dicker. Es ist viel stabiler als der Vorgänger.«
Die letzte Maschine war beim Ausprobieren einfach in sich zusammengebrochen. Das gegenwärtige Exemplar, das fünfte seiner Art, war beträchtlich robuster. »Wenn es wieder auseinanderfällt, werden seine Einzelteile herumgeschleudert. Und zwar mit Wucht.«
Sie blickten sich an. Dann schnaubte Magnus und knotete das Ende eines langen Seils an den Stift, der den Arm unten hielt. Sodann zog er sich mit seinem Gehilfen gute zwanzig Schritt zurück. »Hier«, sagte Magnus und bot Tavi das Seil an. »Ich war beim letzten Mal dran.«
Tavi nahm das Seil entgegen und erwischte sich dabei, wie er lächelte. »Kitai hätte das bestimmt gefallen. Fertig?«
Magnus grinste wie ein Schwachsinniger. »Fertig!«
Tavi riss an der Leine. Der Stift löste sich. Der Mechanismus setzte sich in Bewegung, der Arm schnappte nach vorn und schleuderte den Stein in weitem Bogen in die Luft. Das Geschoss schob ein paar Steine von einer Trümmermauer, rollte über einen kleinen Hang und verschwand auf dessen anderer Seite.
Magnus stieß einen Juchzer aus, vollführte einen kleinen Freudentanz und fuchtelte wild mit den Armen. »Ha! Es funktioniert. Ha. Wer ist denn hier der Verrückte?«
Tavi lachte ebenfalls aufgeregt und fragte Magnus, wie die Maschine den Stein denn geschleudert hatte, doch dann hörte er etwas und fuhr herum.
Irgendwo auf der anderen Seite des Hügels stieß jemand eine Reihe übelster Flüche aus, die durch die vormittägliche Luft hallten.
»Maestro«, setzte Tavi an, doch ehe er mehr sagen konnte, kam der Stein, den sie gerade abgeschossen hatten, in hohem Boden auf sie zurückgeflogen.
»Maestro!«, schrie Tavi. Er packte den alten Mann im Nacken an der einfachen Tunika und zerrte ihn von der Maschine fort.
Der Stein verfehlte die beiden nur knapp und krachte in die Maschine. Holz zerbrach und zersplitterte. Metall ächzte. Von dem Stein sprangen Splitter ab, und Tavi wurde schmerzhaft von einem faustgroßen Brocken am Arm getroffen. Er schützte den dünnen alten Maestro mit seinem Körper vor den umherfliegenden Trümmern und rief: »Runter!«
Bevor Magnus den Boden erreichen konnte, hatte Tavi seine Schleuder vom Gürtel genommen und eine glatte, schwere Bleikugel eingelegt. Im nächsten Moment kam ein Reiter um den Hügel. Der Fremde hielt das Schwert in der Hand, und seine Flüche nahmen immer noch kein Ende. Tavi ließ die Schleuder kreisen, doch einen Augenblick, ehe er sie abschoss, senkte er die Waffe. »Antillar Maximus!«, schrie er. »Max! Ich bin’s!«
Der angreifende Reiter zügelte sein Pferd heftig, und es gelangte rutschend auf der lockeren Erde des Grabungsortes inmitten einer großen Staubwolke zum Stehen.
»Tavi!«, rief der junge Mann im Sattel, und in seiner Stimme schwang gleichermaßen Freude und Wut mit. »Was bei den Krähen erlaubst du dir eigentlich? Hast du diesen Stein geworfen?«
»Könnte man so sagen«, meinte Tavi.
»Ha! Dann bist du endlich dahintergekommen, wie man ein bisschen einfaches Erdwirken anstellt?«
»Besser noch«, erwiderte Tavi. »Wir haben eine romanische Kriegsmaschine.« Er drehte sich um und betrachtete entsetzt die Überreste. »Oder eher: Wir hatten eine«, berichtigte er sich.
Max öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er war ein junger Mann, der unlängst das körperliche Wachstum abgeschlossen hatte, ein großer und kräftiger Kerl. Er hatte ein markantes Kinn, eine Nase, die schon mehrmals gebrochen worden war, und wölfische graue Augen. Obwohl man ihn sicherlich nicht als schön bezeichnen konnte, wirkte Max’ Gesicht auf seine raue, starke Art anziehend.
Er schob das Schwert in die Scheide und stieg ab. »Die Romanischen? Diese Leute, von denen du glaubst, sie hätten keine Elementarkräfte besessen, so wie du?«
»Sie werden Romaner genannt«, berichtigte Tavi ihn. »Romanisch nennt man etwas, das von Romanern erbaut wurde. Und: ja. Obwohl es mich überrascht, dass du dich daran noch von der Akademie erinnerst.«
»Das darfst du mir nicht vorwerfen. Ich habe mein Bestes gegeben, um sowas zu verhindern, aber anscheinend habe ich mir versehentlich einige der Lektionen gemerkt«, sagte Max und sah Tavi schief an. »Du hättest mir mit deinem Stein beinahe den Kopf abgeschossen, weißt du das? Ich bin vom Pferd gefallen. Das ist mir nicht mehr passiert, seit …«
»Seit du das letzte Mal betrunken warst«, unterbrach Tavi ihn grinsend und reichte Max die Hand.
Der große junge Mann schnaubte und schüttelte sie ihm kräftig. »Bei den Elementaren, Calderon. Du wächst und wächst. Jetzt bist du so groß wie ich. Du bist schon viel zu alt, um noch so zu wachsen.«
»Ich muss ein bisschen Zeit nachholen«, erwiderte Tavi. »Max, darf ich dir Maestro Magnus vorstellen?«
Der alte Mann erhob sich vom Boden, klopfte sich den Staub von der Kleidung und zog eine Miene wie ein Wintersturm. »Der? Dieser Minderbemittelte ist der Sohn von Antillus Raucus?«
Max wandte sich dem alten Mann zu, und zu Tavis Überraschung war er unter der gebräunten Haut errötet. »Herr«, sagte Max und neigte unbeholfen den Kopf. »Du gehörst zu der Auswahl von Menschen, denen ich die Hochachtung meines Vaters übermitteln soll, wann immer ich sie sehe.«
Magnus zog eine seiner silbernen Augenbrauen hoch.
Max betrachtete das Trümmerfeld, das von der Maschine geblieben war. »Äh. Und es tut mir leid wegen deines … äh … romanischen Dings.«
»Es handelte sich um eine Kriegsmaschine«, erklärte Magnus scharf. »Um eine romanische Kriegsmaschine. In den Inschriften, die wir gefunden haben, wird sie als Mulus bezeichnet. Obwohl das schon ein wenig eigenartig ist, denn in früheren Schriften werden mit dem gleichen Wort die Soldaten ihrer Legionen bezeichnet …« Magnus schüttelte den Kopf. »Ich schweife ab, verzeih mir.« Der Alte sah sich die ruinierte Kriegsmaschine an und seufzte. »Wann hast du das letzte Mal mit deinem Vater gesprochen, Maximus?«
»Ungefähr eine Woche, bevor ich weggelaufen bin und mich in der Legion eingeschrieben habe, Herr«, erwiderte Max. »Das dürfte so acht Jahre her sein.«
Magnus’ Schnauben verriet beträchtliche Missbilligung. »Du weißt, warum er nicht mehr mit dir spricht, nehme ich an?«
»Ja«, antwortete Max ruhig. Tavi entging die leichte Traurigkeit in der Stimme seines Freundes nicht, und das versetzte ihm einen Stich. »Herr, ich würde es gern für dich wieder zusammenbauen.«
»Ach ja?«, sagte Magnus, und seine Augen funkelten. »Äußerst großzügig.«
»Natürlich«, meinte Max und nickte. »Dauert nur eine Minute.«
»Oh nein, nein«, gab Magnus zurück. »Eher ein paar Wochen.« Er zog die Augenbrauen hoch und fragte Max: »Du wirst dir doch denken können, dass ich bei meinen Forschungen zwingenderweise nur romanische Fertigungsweisen anwenden darf. Keine Elementarkräfte.«
Max, der sich gerade der Kriegsmaschine zugewendet hatte, zögerte: »Hm, wie?«
»Mit dem Schweiß und der Kraft deiner Muskeln«, sagte Magnus fröhlich. »Alles vom Schlagen der Bäume bis hin zum Anfertigen der Metallhalterungen. Wir müssen es neu herstellen. Nur beim nächsten muss es doppelt so groß werden, daher freue ich mich natürlich über deine freiwillige …«
Tavi bekam als Warnung nur eine verhuschte Bewegung aus den Augenwinkeln mit, doch plötzlich schlugen seine Instinkte wilden Alarm. »Max!«, schrie er und riss sofort den Maestro wieder zu Boden.
Max fuhr herum und zog das Schwert mit einer Geschwindigkeit aus der Scheide, wie sie nur ein Windwirker erreichen kann. Sein Arm war in der Bewegung kaum mehr scharf zu erkennen, und Tavi hörte ein zweifaches Schnappen, als Max zwei schwere Pfeile aus der Luft schlug, und zwar mit der Genauigkeit, mit der allein ein Metallwirker seine Waffe zu führen vermag. Daraufhin sprang er zur Seite.
Tavi schob den Maestro hinter eine niedrige Ruinenmauer, wo er vor den Angreifern geschützt war. Er blickte über die Schulter zu Max, der an einer zehn Fuß starken Steinsäule stand, die in sieben oder acht Fuß Höhe über dem Boden abgebrochen war.
»Wie viele?«, fragte Tavi.
»Zwei, dort drüben«, antwortete Max. Er duckte sich, legte die Hand auf den Boden, schloss die Augen und fügte dann hinzu: »Einer schleicht sich von Westen an uns heran.«
Tavi sah in die betreffende Richtung, entdeckte jedoch niemanden zwischen Bäumen, Büschen und eingestürzten Mauern. »Ein Holzwirker!«, rief er. »Ich kann ihn nicht sehen.«
Max schob sich auf einer Seite hinter der Säule vor und konnte gerade noch rechtzeitig zurückweichen, als ein Pfeil auf Höhe seiner Kehle vorbeizischte. »Verfluchte Holzwirkerschleiche«, murmelte er. »Kannst du die Bogenschützen ausmachen?«
»Sicher. Ich brauche nur den Kopf rauszustecken und mich umzuschauen, Max«, sagte Tavi. Währenddessen fummelte er in seiner Gürteltasche herum und holte den kleinen Spiegel heraus, den er zum Rasieren benutzte. Den hob er über die Mauerruine, drehte ihn hin und her und suchte nach den Bogenschützen. Innerhalb von ein oder zwei Sekunden hatte er die beiden ausfindig gemacht - zwar hatten sie sich mit Hilfe von Holzkräften bis zum Angriff getarnt, dies danach jedoch aufgegeben, um genauer schießen zu können. Im nächsten Augenblick traf ein Pfeil den Spiegel und riss Tavi eine Fingerspitze halb bis zum Knochen auf.
Tavi zog die Hand zurück und umklammerte den blutenden Finger. Zunächst kribbelte die Wunde nur, doch so, wie der Finger blutete, würde schon bald starker Schmerz einsetzen. »Dreißig Schritt nördlich von dir, in der Ruine mit dem dreieckigen Loch in der Wand.«
»Pass auf den Mann an der Flanke auf!«, rief Max und stieß die Hand hinter der Säule hervor. Feuer strömte aus seinen Fingerspitzen und flammte zu einer riesigen Wolke auf, die sich bis zu den Bogenschützen erstreckte. Tavi hörte, wie Max’ Pferd voller Angst wieherte und ausschlug. Max rannte hinter der Flamme her auf die andere Seite der Säule.
Im Westen knirschten Steine. Tavi erhob sich in die Hocke und hielt seine Schleuder bereit. »Hörst du das?«, flüsterte er.
»Ja«, knurrte Magnus. »Wenn ich ihn seiner Tarnung beraube, kannst du ihn dann erledigen?«
»Glaube schon.«
»Du glaubst nur?«, fragte Magnus. »Denn in dem Moment, in dem ich ihn rausgelockt habe, wird er mir einen Pfeil ins Auge schießen. Kannst du ihn erledigen oder nicht?«
»Ja«, sagte Tavi. Zu seiner eigenen Überraschung klang er vollkommen von sich selbst überzeugt. Und was ihn noch mehr verwunderte: Er glaubte es tatsächlich. »Wenn du ihn mir zeigst, werde ich mit ihm fertig.«
Magnus holte tief Luft, nickte knapp, erhob sich und schlug mit der Hand in die ungefähre Richtung des Angreifers.
Die Erde grollte und dröhnte mit der brausenden Kraft eines Erdbebens, aber in einem winzigen, wenn auch heftigen Zittern, als würde sich ein Hund Wasser aus dem Fell schütteln. Feiner Staub stieg in die Luft und trieb als Wolke vielleicht fünfzig Schritt davon. In einer Entfernung von vielleicht zwanzig Schritten blieb ein Teil davon an einem Mann hängen, der neben einer Farnreihe hockte. Im Staub enthüllte sich jetzt seine Silhouette.
Der Mann nahm unverzüglich den Bogen hoch und zielte auf den alten Maestro.
Tavi stand auf, ließ die Schleuder einmal kreisen und schickte die schwere Bleikugel pfeifend durch die Luft.
Der Bogen des Angreifers schwirrte.
Tavis Kugel traf den Mann mit einem dumpfen Aufschlag.
Ein Pfeil prallte gegen eine eingestürzte Felswand zwei Fuß hinter Maestro Magnus.
Der eingestaubte Holzwirker taumelte einen Schritt zur Seite und hob die Hand zum Köcher an seiner Schulter. Doch ehe er den nächsten Pfeil ziehen konnte, schienen seine Knie regelrecht unter ihm nachzugeben. Der Mann sank zu Boden und starrte blicklos in den Himmel.
Ein Stück weiter nördlich ertönte das Klirren von Stahl, dann lauter Donner. Ein Mann stieß einen scharfen Schrei aus, der aber abrupt endete.
»Max?«, rief Tavi.
»Die zwei sind erledigt«, rief Max zurück. »Und der Kerl an der Flanke?«
Tavi seufzte erleichtert. »Erledigt.«
Maestro Magnus hob die Hände und starrte sie an. Er setzte sich langsam, als hätte er in den Beinen nicht mehr Kraft als in den Fingern, atmete tief durch und legte die Hand auf die Brust. »Heute habe ich etwas gelernt, mein Junge«, sagte er schwach.
»Herr?«
»Ich habe gelernt, dass ich zu alt bin für solche Spielereien.«
Max kam um die Ecke einer der Ruinen und schritt hinüber zu der reglosen Gestalt des dritten Mannes. Blut glänzte rot auf dem Schwert von Tavis Freund. Max kniete sich kurz neben dem Mann hin, wischte sich das Schwert an dessen Tunika ab und schob es in die Scheide zurück, während er zu Tavi und Magnus zurückkehrte.
»Tot«, berichtete er.
»Und die anderen?«, fragte Magnus.
Max grinste den Maestro grimmig an. »Ebenfalls.«
»Bei den Krähen«, seufzte Tavi. »Wir hätten wenigstens einen am Leben lassen sollen. Die Leichen können uns nicht mehr verraten, wer sie waren.«
»Banditen?«, schlug Magnus vor.
»Mit so starken Elementarkräften?«, sagte Max und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie es mit dem dritten aussieht, aber die beiden ersten waren gute Ritter Flora. Glücklicherweise
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Codex Alera 03. Cursor’s Fury« bei Ace Books, the Berkley Publishing Group, Penguin Group (USA) Inc., New York.
1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung September 2010 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Copyright © der Originalausgabe 2006 by Jim Butcher
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München Published by Arrangement with Longshot LLC. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen. Umschlagillustration: Max Meinzold Redaktion: Waltraud Horbas HK · Herstellung: sam
eISBN 978-3-641-04997-3
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