Colorado Kid - Stephen King - E-Book

Colorado Kid E-Book

Stephen King

3,8
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Beschreibung

Auf einer Insel vor der Küste des US-Bundesstaates Maine wird eine männliche Leiche gefunden, die nicht identifiziert werden kann. Ein paar hartnäckige Lokaljournalisten recherchieren den Fall, aber je mehr Spuren sie verfolgen, desto geheimnisvoller wird das Ganze. Handelt es sich um ein schier unmögliches Verbrechen? Oder sogar um etwas noch Befremdlicheres ...?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 226




Das Buch

Am Strand einer Insel im Bundesstaat Maine wird ein Toter gefunden. Außer ein paar Münzen und einem Päckchen Zigaretten trägt er nichts bei sich. Woran er starb, kann nicht eindeutig geklärt werden. Nur der Hartnäckigkeit zweier Lokalreporter und eines jungen Gerichtsmediziners ist es zu verdanken, dass der Unbekannte – über ein Jahr später – identifiziert wird. Doch damit beginnt das Rätsel erst. Denn je mehr sie über den Toten und seine Herkunft herausfinden, umso weniger verstehen sie den Fall: anscheinend ein unmögliches Verbrechen ...

Der Autor

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.

Im Anhang an den Roman findet sich ein ausführliches Werksverzeichnis des Autors.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer Autor12 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 Der Autor Die BücherCopyright

1

Als der Journalist des Boston Globe einsah, dass er aus den beiden alten Männern – der gesamten Belegschaft des Weekly Islander – nichts Interessantes herausbekommen würde, verkündete er nach einem Blick auf die Uhr, er könne noch die Fähre um halb zwei erreichen, wenn er sich beeile. Er dankte den beiden Männern, dass sie sich Zeit genommen hatten, legte Geldscheine auf den Tisch und beschwerte sie mit einem Salzstreuer, damit sie nicht von der steifen auflandigen Brise fortgeweht würden. Dann eilte er von der Terrasse des Grey Gull die Steintreppe hinunter, zur Bay Street und dem kleinen Ort dahinter. Die junge Frau zwischen den beiden Alten hatte er kaum wahrgenommen, nur einige Male mit flüchtigem Blick ihre Brüste gestreift.

Kaum war der Journalist des Globe verschwunden, griff Vince Teague über den Tisch und zog die beiden Geldscheine – zwei Fünfziger – unter dem Salzstreuer hervor. Mit unverkennbarer Genugtuung stopfte er sie in die Pattentasche seines alten, zweckdienlichen Tweedsakkos.

»Was machst du da?«, fragte Stephanie McCann. Sie wusste zwar, dass Vince ihren, wie er sich ausdrückte, »jungen Knochen« gerne einen Schreck einjagte (sie hatte ja selbst Spaß daran), konnte in diesem Moment ihre Verwunderung jedoch nicht verhehlen.

»Wonach sieht es denn aus? «Vince wirkte selbstzufrieden wie selten. Er strich die Patte der Tasche glatt und aß den Rest seines Hummerbrötchens. Dann tupfte er sich den Mund mit einer Papierserviette ab und fing geschickt den Plastikdeckel von der Hummerportion des Globe-Journalisten auf, den eine frischere, nach Salz riechende Böe forttragen wollte. Vince’ Hände waren von seiner Arthritis fast grotesk verformt, dennoch waren sie erstaunlich flink.

»Es sieht so aus, als hättest du gerade das Geld genommen, mit dem Mr Hanratty unser Essen bezahlen wollte«, sagte Stephanie.

»Stimmt genau, Steffi, gut aufgepasst«, bestätigte Vince und zwinkerte dem anderen Mann am Tisch zu. Dave Bowie war fünfundzwanzig Jahre jünger als Vince Teague, wirkte aber gleich alt. Das läge allein an der Grundausstattung, mit der man vom Schicksal auf den Weg geschickt werde, behauptete Vince immer; jeder halte so lange durch, bis er auseinander falle, und vorher würde eben geflickt, was das Zeug halte. Vince war überzeugt, dass selbst Hundertjährigen – ein Alter, das auch er zu erreichen hoffte – das Leben letztlich nicht länger erschien als ein Sommernachmittag.

»Aber warum?«

»Hast du Angst, dass ich die Zeche prelle und Helen auf der Rechnung sitzen lasse?«, fragte Vince zurück.

»Nein ... Wer ist Helen?«

»Helen Hafner, die Frau, die uns eben bedient hat.« Vince wies mit dem Kinn über die Terrasse, wo eine etwas fülligere Frau von rund vierzig Jahren Teller abräumte. »Denn es ist die Geschäftspolitik von Jack Moody, dem dieses feine Restaurant gehört – er hat es von seinem Vater übernommen, auch wenn das nicht so wichtig ist–«

»Doch, es interessiert mich«, beteuerte Stephanie.

Dave Bowie, seit fast so langer Zeit Herausgeber des Weekly Islander wie Helen Hafner auf der Erde weilte, beugte sich vor und legte seine fleischige Hand auf Stephanies junge, glatte Finger. »Weiß ich doch«, sagte er. »Und Vince auch. Deshalb fängt er immer bei Adam und Eva an, wenn er dir etwas erklärt.«

»Aha, jetzt gibt’s also Unterricht«, sagte Stephanie lachend.

»Genau«, bestätigte Dave. »Und warum machen so alte Knacker wie wir das gerne?«

»Weil ihr nur Schüler habt, die was lernen wollen.«

»Richtig«, sagte Dave und lehnte sich zurück. »Schön.« Er trug weder Anzugjacke noch Blouson, sondern ein altes grünes Sweatshirt. Es war August. Stephanie fand es trotz des auflandigen Windes ziemlich heiß auf der Terrasse des Grey Gull, wusste aber, dass beiden Männern schnell kalt wurde. Bei Dave wunderte sie das ein wenig: Er war erst fünfundsechzig und hatte mindestens fünfzehn Kilo Übergewicht. Vince Teague hingegen wirkte nicht älter als siebzig (ein fitter Siebzigjähriger, trotz seiner verformten Hände), war jedoch Anfang des Sommers schon neunzig geworden und dünn wie ein Aal. »Ein Strich in der Landschaft«, pflegte Mrs Pinder zu sagen, die Teilzeitsekretärin des Islander. Meistens mit verächtlichem Schnauben.

»Im Grey Gull haften die Kellnerinnen für ihre Tische, bis die Gäste bezahlt haben«, erklärte Vince. »Wenn eine Frau bei Jack vorstellig wird und nach Arbeit fragt, sagt er das sofort, damit sie ihm hinterher nicht vorheulen kann, sie hätte es nicht gewusst.«

Stephanie schaute über die Terrasse, die um zwanzig nach eins noch immer zur Hälfte besetzt war. Dann spähte sie in den großen Saal, der einen herrlichen Blick auf die Bucht von Moose Cove bot. Dort war so gut wie jeder Tisch besetzt. Stephanie wusste, dass die Gäste zwischen Ende Mai und Ende Juli draußen bis gegen drei Uhr Schlange standen. In anderen Worten: Im Sommer herrschte Hochbetrieb. Dabei zu erwarten, dass die Kellnerinnen jede einzelne Bestellung im Kopf behielten, während sie sich die Hacken abliefen, um Tabletts mit dampfenden Hummern und Muscheln herauszubringen ...

»Das ist aber ganz schön –« Stephanie verstummte. Sie hatte Angst, dass diese beiden schrägen Vögel sich über sie lustig machen würden. Wahrscheinlich hatten sie den Islander schon zu Zeiten herausgebracht, als es noch gar keinen Mindestlohn gab.

»Unfair? Oder was wolltest du sagen?«, fragte Dave trocken und nahm das letzte Brötchen aus dem Korb.

Bei ihm klang »unfair« wie unfä-or und reimte sich mehr oder weniger mit »ah jo«, der hiesigen Antwort auf alle Fragen, irgendwo zwischen »ja« und »ach, wirklich?« angesiedelt. Stephanie stammte aus Cincinnati, Ohio. Beim Antritt ihres Praktikums beim Weekly Islander auf Moose-Lookit Island hatte sie gedacht, sie würde es niemals schaffen, etwas zu verstehen, der Akzent sei einfach zu schwer. Wie sollte sie etwas lernen, wenn sie nur jedes siebte Wort verstand? Und wie schnell wären die Männer der Meinung, sie sei völlig minderbemittelt, wenn sie ständig bat, den letzten Satz noch einmal zu wiederholen?

Vier Tage nach Beginn ihres viermonatigen Praktikums für die Universität von Ohio war sie kurz davor gewesen, alles hinzuwerfen. Da hatte Dave sie beiseite genommen und gesagt: »Gib nicht auf, Steffi, hab noch ein bisschen Geduld.« Es hatte sich gelohnt: Fast über Nacht hatte sie den Dialekt plötzlich verstanden. Als hätte sie eine Blase im Ohr gehabt, die plötzlich auf wundersame Weise geplatzt war. Selbst wenn sie hier für den Rest ihrer Tage lebte, würde sie zwar niemals wie die Einheimischen sprechen, aber verstehen, »ah jo«, das würde sie sie schon.

»Genau: unfair«, stimmte Stephanie Dave zu.

»Dieser Begriff existiert nicht in Jack Moodys Wortschatz, höchstens wenn er über Sport redet«, sagte Vince, und dann im gleichen Tonfall: »Lass das Brötchen liegen, Dave Bowie, irgendwann platzt du noch, quiek, quiek, kleines Schweinchen.«

»Soweit ich weiß, sind wir nicht verheiratet«, gab Dave zurück und biss ins Brötchen. »Kannst du ihr nicht verraten, was dir durch den Kopf geht, ohne mich dabei zu beschimpfen?«

»Ganz schön vorlaut, was?«, sagte Vince. »Und keiner hat ihm beigebracht, dass man nicht mit vollem Munde spricht.« Er legte den Arm über die Rückenlehne des Stuhls. Der Wind wehte über den funkelnden Ozean und blies Vince das weiße Haar aus der Stirn. »Steffi, Helen hat drei Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Ihr Mann hat sich vom Acker gemacht. Sie will auf der Insel bleiben, aber das schafft sie nur – gerade so –, wenn sie im Grey Gull arbeitet. Denn die Sommer sind ein bisschen fetter, als die Winter mager sind. Kannst du noch folgen?«

»Ja, sicher«, sagte Stephanie. Genau in dem Moment erschien die Frau, die Gegenstand des Gesprächs war. Stephanie bemerkte, dass sie dicke Stützstrümpfe trug, die ihre Krampfadern nicht völlig kaschierten. Außerdem hatte sie dunkle Ringe unter den Augen.

»Hallo, Vince, hallo, Dave«, sagte sie und begnügte sich mit einem Nicken in Richtung des hübschen Mädchens, dessen Namen sie nicht kannte. »Euer Freund ist ja schon gegangen. Musste er zur Fähre?«

»Jawohl«, sagte Dave. »Ihm ist plötzlich eingefallen, dass er noch zurück nach Boston muss.«

»Ah jo? Seid ihr fertig?«

»Ja, aber warte noch ein bisschen mit dem Abräumen«, sagte Vince. »Wenn du Zeit hast, kannst du uns die Rechnung bringen, Helen. Wie geht’s den Kindern?«

Helen Hafner verzog das Gesicht. »Jude ist letzte Woche aus dem Baumhaus gefallen und hat sich den Arm gebrochen! Wie der geschrien hat! Ich hab mich zu Tode erschrocken!«

Die beiden Alten sahen sich an und mussten lachen. Schnell rissen sie sich wieder zusammen und machten zerknirschte Gesichter. Vince entschuldigte sich bei Helen, aber sie war dennoch erzürnt.

»Männer haben gut lachen«, sagte sie mit müdem, sarkastischem Lächeln zu Stephanie. »Als kleine Jungs sind sie selbst aus dem Baumhaus gefallen und haben sich den Arm gebrochen. Sie sind alle mal kleine wilde Racker gewesen. Aber dass ihre Mutter mitten in der Nacht aufgestanden ist und ihnen Schmerztabletten gegeben hat, das wissen sie natürlich nicht mehr. Ich bringe euch die Rechnung.« In ihren abgelaufenen Turnschuhen schlurfte sie davon.

»Sie hat ein gutes Herz«, sagte Dave. Er besaß genug Anstand, um leicht beschämt dreinzublicken.

»Ja, das stimmt«, bestätigte Vince, »und wenn wir von ihr einen Nasenstüber bekommen haben, dann haben wir ihn auch verdient. Egal. Mit dem Essen läuft das jetzt so, Steffi: Ich weiß nicht, was drei Hummerbrötchen, einmal Hummer mit Muscheln und vier Eistees in Boston kosten, aber der Journalist hat scheinbar vergessen, dass wir hier oben sozusagen an der Bezugsquelle sitzen, wie der Ökonom sich ausdrücken würde. Deshalb hat er hundert Dollar auf den Tisch gelegt. Wenn unsere Rechnung höher als fünfundfünfzig Dollar ist, fress ich einen Besen. Kannst du mir noch folgen?«

»Natürlich«, sagte Stephanie.

»Also, für den Typ vom Globe wird das so laufen: Auf der Rückfahrt schreibt er ›Mittagessen, Grey Gull, Moose-Lookit Island‹ und ›Serie: Ungelöste Rätsel Neuenglands‹in seinen kleinen Spesenblock. Wenn er ehrlich ist, notiert er hundert Dollar, aber wenn er auch nur die geringste kriminelle Energie besitzt, schreibt er hundertzwanzig auf und geht mit seiner Freundin für die restlichen zwanzig ins Kino. Verstehst du?«

»Ja«, entgegnete Stephanie. Mit vorwurfsvollem Blick trank sie ihren Eistee aus. »Das finde ich ganz schön zynisch. «

»Nein, wenn ich zynisch wäre, hätte ich hundertdreißig gesagt«, gabVince zurück. Dave musste lachen. »Auf jeden Fall hat er hundert hier gelassen, das sind mindestens fünfunddreißig Dollar zu viel, selbst wenn man zwanzig Prozent Trinkgeld draufrechnet. Deshalb habe ich das Geld an mich genommen. Wenn Helen die Rechnung bringt, unterschreibe ich und lasse sie an den Islander schicken.«

»Du gibst ihr hoffentlich mehr als zwanzig Prozent Trinkgeld«, sagte Stephanie, »in Anbetracht ihrer Situation zu Hause.«

»Nein, da irrst du dich«, sagte Vince.

»Aha. Und wieso?«

Geduldig sah er sie an. »Was glaubst du wohl? Dass ich ein geiziger Opa bin? Ein knickriger Yankee?«

»Nein, das glaube ich genauso wenig, wie dass Schwarze faul sind oder Franzosen den ganzen Tag an Sex denken.«

»Dann setz mal deine kleinen grauen Zellen in Bewegung! Gott hat dir genug gegeben.«

Stephanie strengte sich an. Neugierig betrachteten die beiden Männer sie.

»Helen will keine Almosen«, sagte sie schließlich.

Vince und Dave schauten sich amüsiert an.

»Was ist?«, fragte Stephanie.

»Ein bisschen nah an faulen Schwarzen und sexbesessenen Franzosen, was?«, sagte Dave mit besonders starkem Akzent, jeden Vokal wie Kaugummi in die Länge ziehend. »Die stolze Yankeefrau, die keine Almosen nimmt.«

Stephanie hatte das Gefühl, im Sumpf der Pauschalvorstellungen zu versinken. »Ihr denkt also, dass sie es nehmen würde. Für ihre Kinder, vielleicht auch für sich selbst.«

»Der Mann, der uns das Mittagessen ausgegeben hat, kommt von weit her«, sagte Vince. »Für Helen Hafner haben Leute von weit her so viel Geld, dass sie sie damit sozusagen zusch... ähm, eindecken können.«

Erheitert über diese sprachliche Rücksichtnahme, sah sich Stephanie auf der Terrasse um und blickte dann durch die Glasscheibe in den Saal. Ihr fiel etwas auf: Viele, ja fast sämtliche Gäste draußen auf der Terrasse waren Ortsansässige, die Kellnerinnen ebenfalls. Drinnen saßen die Urlauber, die Sommerfrischler. Sie wurden von jüngeren Kellnerinnen bedient, hübscheren Mädchen vom Festland. Aushilfen. Da verstand Stephanie alles. Es war falsch gewesen, die Frage unter soziologischem Aspekt zu betrachten – es war viel einfacher.

»Die Kellnerinnen im Grey Gull teilen sich das Trinkgeld, stimmt’s?«, fragte sie. »Deshalb!«

Vince zeigte mit dem Finger auf sie. »Bingo!«

»Und was wollt ihr jetzt machen?«

»Es läuft wie folgt«, erklärte er. »Ich unterschreibe die Rechnung mit fünfzehn Prozent Trinkgeld. Dann stecke ich Helen vierzig Dollar vom Globe-Typen in die Tasche. Sie bekommt den ganzen Batzen, der Zeitung tut’s nicht weh, und was Onkel Sam nicht weiß, macht ihn nicht heiß.«

»So werden in Amerika Geschäfte gemacht«, sagte Dave feierlich.

»Und weißt du, was ich gut finde?«, fragte Vince Teague und hielt das Gesicht in die Sonne. Er kniff die Augen wegen des grellen Lichts zusammen, seine Haut legte sich in unzählige Falten. Sein wahres Alter war noch immer nicht zu erraten, aber wie achtzig sah er jetzt immerhin schon aus.

»Nein. Was denn?«, fragte Stephanie belustigt.

»Ich finde es gut, dass das Geld im Umlauf bleibt, wie Wäsche im Trockner. Das beobachte ich gerne. Und diesmal landet das Geld, wenn die Maschine endlich stehen bleibt, hier auf Moosie, wo die Leute es wirklich brauchen. Am tollsten ist allerdings, dass der Typ aus Boston zwar unser Essen bezahlt hat, aber nichts in der Hand hatte, als er zur Fähre ging.«

»Als er zur Fähre rannte«, verbesserte ihn Dave. »Er musste sich doch beeilen! Ich hab an dieses Gedicht von Edna St.Vincent Millay gedacht: ›Wir waren so müde, wir waren so froh, wir fuhren die ganze Nacht auf dem Boot.‹ Oder so ähnlich.«

»Na, froh sah er mir nicht gerade aus. Aber wenn er im nächsten Ort eintrifft, ist er bestimmt richtig müde«, meinte Vince. »Ich glaube, er hat von Maddewaska gesprochen. Vielleicht findet er ja da ein ungelöstes Rätsel. Zum Beispiel, warum da überhaupt freiwillig Menschen leben. Pass jetzt auf, Dave!«

Stephanie war überzeugt, dass zwischen den beiden Männern eine schlichte, aber gut funktionierende Telepathie herrschte. Seit ihrer Ankunft auf Moose-Lookit Island vor drei Monaten hatte sie mehrere Beweise dafür erlebt. Dies war wieder eines. Die Kellnerin kam näher, die Rechnung in der Hand. Dave hatte ihr den Rücken zugewandt, Vince sah ihr entgegen. Der Jüngere schien dennoch genau zu wissen, was der Redakteur des Islander von ihm erwartete: Dave griff in die Gesäßtasche, holte seine Börse heraus, zog zwei Scheine hervor, faltete sie und schob sie über den Tisch. Kurz darauf stand Helen vor ihnen. Mit seiner knotigen Hand nahm Vince die Rechnung entgegen, mit der anderen drückte er die Geldscheine in die Tasche von Helens Uniform.

»Danke, meine Liebe«, sagte er.

»Wollt ihr wirklich keinen Nachtisch?«, fragte sie. »Es gibt Macs Schokoladenkuchen mit Kirschen. Steht nicht auf der Karte, aber es ist noch was da.«

»Für mich nicht. Steffi, du?«

Sie schüttelte den Kopf. Mit gewissem Bedauern schloss sich Dave Bowie ihr an.

Helen schenkte (falls das das richtige Wort war) Vince Teague einen abschätzenden Blick: »Du könntest etwas mehr auf den Rippen vertragen, Vince.«

»Der Suppenkasper und der Vielfraß, das sind Dave und ich«, sagte Vince grinsend.

»Ah jo.« Helen warf Stephanie einen Blick zu. Rasch kniff sie ein Auge zu, ein kurzes Zwinkern, das überraschend viel Humor verriet. »Da haben Sie sich ja zwei ausgesucht, Miss«, sagte sie.

»Die sind schon in Ordnung«, gab Stephanie zurück.

»Klar, und als Nächstes gehen Sie direkt zur New York Times«, entgegnete Helen. Sie sammelte die Teller ein. »Komme gleich wieder.« Dann stapfte sie davon.

»Wenn sie die vierzig Dollar findet«, meinte Stephanie, »weiß sie dann, von wem sie sind?« Auf der Terrasse saßen rund ein Dutzend Gäste, die Kaffee, Eistee und Nachmittagsbier tranken oder den Schoko-Kirsch-Kuchen aßen, der nicht auf der Karte stand. Nicht alle sahen so betucht aus, als könnten sie der Kellnerin vierzig Dollar zustecken.

»Wahrscheinlich schon«, sagte Vince. »Aber sag mir eins, Steffi.«

»Was denn?«

»Wenn sie es nicht wüsste, wäre das dann so schlimm?«

»Ich weiß nicht, was du–«

»Ich glaube schon«, unterbrach er sie. »Na los, zurück an die Arbeit. Die Nachrichten warten nicht.«

2

Was Stephanie beim Weekly Islander am besten gefiel, was sie selbst nach drei Monaten unermüdlichen Artikelschreibens verzückte, war der Umstand, dass man an einem sonnigen Tag nur von seinem Schreibtisch aufstehen und sechs Schritte gehen musste, um den herrlichsten Blick auf die Küste Maines zu haben. Dazu brauchte man nämlich nur auf die überdachte Veranda zu treten, die sich an dem scheunenähnlichen Zeitungsgebäude entlangzog. Natürlich roch es nach Fisch und Tang, aber dieser Geruch lag überall auf Moose-Look in der Luft. Man gewöhnte sich daran, hatte Stephanie festgestellt, und irgendwann geschah etwas Wunderbares: Kaum hatte die Nase den Geruch ignorieren gelernt, entdeckte sie ihn aufs Neue, und diesmal empfand sie ihn fast wie Parfüm.

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Titel der amerikanischen Originalausgabe THE COLORADO KID

Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 06/2009

Copyright © 2005 by Stephen King

Copyright © 2006 der deutschen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Copyright © 2009 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, München – Zürich Umschlagillustration: © David A. Harvey / Getty Images

eISBN 978-3-641-03284-5V003

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