Daddys kleiner Liebling - Toni Maguire - E-Book

Daddys kleiner Liebling E-Book

Toni Maguire

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Beschreibung

Eine Familie wie aus dem Bilderbuch - eine Kindheit in der Hölle

Nach außen hin schien Lynns Familie perfekt: Die liebevollen Eltern lebten mit ihren drei wohlerzogenen Kindern in einem gepflegten Haus.

Doch niemand ahnte, welche Hölle sich hinter verschlossenen Türen auftat. Denn Lynns Vater missbrauchte sie seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Mutter wusste davon, hörte die Schreie ihrer Tochter und weigerte sich, ihr zu helfen - aus Angst, das perfekte Bild zu gefährden. Das Trauma ihrer Vergangenheit verfolgte Lynn ein Leben lang - mit verheerenden Folgen.


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Seitenzahl: 451

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Titel

Prolog

TEIL I Mein kleines Ich

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

TEIL II Danach

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

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22

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27

28

29

30

TEIL III Der Kreis des Lebens

31

32

Epilog

Danksagung von Lynn Murray

Über die Autorin

Weitere Titel der Autorin

Impressum

Über dieses Buch

Eine Familie wie aus dem Bilderbuch – eine Kindheit in der Hölle.

Nach außen hin schien Lynns Familie perfekt: Die liebevollen Eltern lebten mit ihren drei wohlerzogenen Kindern in einem gepflegten Haus.

Doch niemand ahnte, welche Hölle sich hinter verschlossenen Türen auftat. Denn Lynns Vater missbrauchte sie seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Mutter wusste davon, hörte die Schreie ihrer Tochter und weigerte sich, ihr zu helfen – aus Angst, das perfekte Bild nach außen zu gefährden. Das Trauma ihrer Vergangenheit verfolgte Lynn ein Leben lang – mit verheerenden Folgen.

Die erschütternde Geschichte eines Mädchens, das sich ins Leben zurückkämpfte.

Toni Maguire mit Lynn Murray

Daddys kleiner Liebling

Eine Kindheit in der Hölle

Aus dem Englischen von Ralph Sander

Prolog

2014

Ich dachte damals, mein Leben würde in geordneten Bahnen verlaufen. Das hielt mich aber nicht davon ab, der Ursache dieser unterschwelligen Angst auf den Grund zu gehen, die mich auch nach so vielen Jahren immer noch in meinen Träumen verfolgte. So wie die meisten Menschen wurde ich von Ängsten geplagt, die ich als völlig rational zu bezeichnen versuchte.

Die Angst, meine Tochter würde spurlos verschwinden, wenn ich sie auch nur für eine Nanosekunde aus den Augen lasse. Die Angst davor, dass mitten in der Nacht das Telefon klingelt, wenn ein geliebter Mensch im Krankenhaus liegt.

Oder die Angst um eine gute Freundin, die sich auf lange Heimfahrt begeben hat und nach ihrer Ankunft allen Zusicherungen zum Trotz vergisst, mir mitzuteilen, dass sie heil heimgekommen ist.

Alles Ängste, die ich für ganz normal hielt.

Aber dann waren da noch die irrationalen Ängste, die dafür sorgten, dass ich mich über mich selbst ärgerte. Obwohl ich so viel erreicht hatte, fürchtete ich mich im Dunkeln immer noch, und das nächtliche Knarren überall in meinem Haus machte mir Angst. Und wenn ich von leisen Schritten auf der Treppe oder dem Geräusch des Lichtschalters im Flur aufwachte, dann sagte mir mein Verstand, dass das nur meine vierjährige Tochter war, die auf dem Weg zu mir war, weil sie die Nacht lieber in der Wärme unter meiner Bettdecke verbringen wollte. Und trotzdem trat mir in diesem Moment der Angstschweiß auf die Stirn und meine Finger verkrallten sich so in der Bettdecke, dass sich die Knöchel weiß verfärbten.

Mit Sicherheit wusste ich nur eines: Ich war nicht mit dieser Angst zur Welt gekommen. Kein Baby kennt Angst, wenn die Welt ringsum noch etwas völlig Neues ist und es noch nicht mit jener grausamen Wirklichkeit konfrontiert wurde, die das Schicksal in petto haben kann. So sehr ich mich auch dazu gezwungen habe, hat sich mein Verstand beharrlich geweigert, in die Zeit vor meinem vierten Lebensjahr zurückzukehren. Allerdings sind die Erinnerungen an alles, was dann seinen Lauf begann, viel zu lebhaft in mein Gedächtnis eingebrannt.

TEIL IMein kleines Ich

1

Fast mein ganzes Leben lang habe ich geglaubt, dass meine Geschichte an dem Tag begann, an dem ich geboren wurde.

Erst als ich die Vierzig überschritten hatte, fand ich heraus, dass diese Geschichte schon viel früher begonnen hatte. An jenem Tag, an dem ich von den Geheimnissen meiner Familie erfuhr, machte ich mich auf die Suche nach den Fotoalben, die meine Mutter vor meinen Augen mit größter Sorgfalt mit unseren gemeinsamen Erinnerungen gefüllt hatte.

Hatte man sie etwa weggeworfen? Dieser Gedanke kam mir, als ich wie verrückt die Kartons durchsuchte, die mein Vater aus Schottland mitgebracht und mir überlassen hatte, damit ich sie sichten konnte.

Ich machte einen Karton nach dem anderen auf, fand alte schäbige Kleidung, verbeulte Bratpfannen, ein paar Küchenutensilien und überraschenderweise auch ein paar Bücher von bekannten Autoren, die ich meinen Vater niemals hatte lesen sehen. Alles warf ich ungeduldig zur Seite, bis ich mich bereits damit abzufinden begann, dass sie nicht mehr da waren, weil er sie nicht aufbewahrt hatte. Dann auf einmal ertasteten meine Finger mehrere längliche Objekte ganz unten im Karton. Ich hatte sie entdeckt!

Ich blies die Staubschicht weg, die mit der Zeit den glänzenden roten Einband der Alben hatte matt werden lassen, setzte mich im Schneidersitz auf den Boden, legte sie auf meinen Schoß und brachte sie in die richtige Reihenfolge.

Es waren zwei Alben, die die drei Jahre vor meiner Geburt umfassten, außerdem zehn Alben für jedes der zehn Jahre bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine Mutter wusste, dass sie aus unserem Leben verschwinden würde. Als ich mir die Fotos anschaute, die ich so lange nicht mehr gesehen hatte, kam ich zu dem Entschluss, dass ich die einzigen Zeugnisse meiner frühen Jahre und der meines Bruders nicht in den Plastikhüllen dieser Alben lassen wollte. Ich ging davon aus, dass sich das eine oder andere Foto finden würde, das ich lieber verschwinden lassen wollte. Meine neugierige kleine Tochter Katy würde dann zweifellos wissen wollen, was dort gewesen war, wo solche Lücken klafften. Also fing ich damit an, jede dieser Hüllen aufzumachen und sämtliche Fotos herauszuholen.

Ich hatte eine Idee, wie ich es mir selbst leichter machen konnte, sie meiner Tochter zu zeigen: indem ich aus den Fotos, die ich behalten wollte, ein Video machte. Sie war noch jung genug, um sich so etwas mit mir zusammen ansehen zu wollen, aber auch schon alt genug, um auf die Idee zu kommen, Fragen über ihre Großeltern zu stellen. Ich glaube, sie war in ihrer Schule die Einzige, die keine Großeltern hatte. Oder genauer gesagt: die keine Großeltern von der Art hatte, denen ich sie hätte vorstellen können. Sie brauchte Antworten auf all ihre Fragen. Mit dem Video würde ich in der Lage sein, ihr Geschichten über all die Leute zu erzählen, die sie darin zu sehen bekam. Es waren nicht zwangsläufig Geschichten, die ausschließlich der Wahrheit entsprachen.

Zum Glück gefielen Katy die Geschichten, die ich mir für sie ausdachte, stets viel besser als die in den Büchern, die ich ihr kaufte. Seit dem Tag, an dem ich zu Papier gebracht hatte, wie unserer Katze Flügel gewachsen waren, damit sie ins magische »Katzenland« hatte fliegen können, wollte Katy unentwegt neue Geschichten von mir hören.

Im Video gab es auch zwei Leute, zu denen Katy eine besonders enge Beziehung entwickelte. Die Kindheit dieser beiden würde auch ein gewisses Maß an Übertreibung erforderlich machen, ging es mir wehmütig durch den Kopf.

»Was machst du da, Mummy?«, war die Frage, die sie mir während dieser Arbeit immer wieder stellte. Jedes Mal antwortete ich geduldig: »Du musst noch warten, dann wirst du es schon sehen, Sweetie.« Warten war allerdings keine Eigenschaft, die meine Tochter allzu gut beherrschte. Dennoch war ich entschlossen, sie mein Werk erst sehen zu lassen, wenn es mir gelungen war, die Abfolge der Bilder so ansprechend wie möglich zu gestalten.

Als ich die Fotos betrachtete, die auf dem Monitor an mir vorbeizogen, musste ich erkennen, dass sie nicht jenes liebevolle Bild von meiner eigenen und von der Kindheit meines Bruders zeichneten. Katy zuliebe war es nötig, die Vergangenheit ein wenig zurechtzubiegen, um diese Zeit in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Ich konnte nur hoffen, dass sie noch zu jung war, um das zu durchschauen. Was diese Alben zeigten, war ohnehin ein einzelnes, großes Trugbild. Jedes Foto war von meiner Mutter so ausgewählt worden, dass ein nichtsahnender Betrachter glauben musste, eine perfekte Familie vor sich zu haben.

Mit einem Mal befand ich mich wieder in diesem makellosen Haus, in dem ich meine ersten Jahre verbracht hatte. Dort war der Salon, wie meine Mutter ihn immer nannte. Die Sofakissen waren stets perfekt aufgeschüttelt und platziert, die Vorhänge wurden von goldfarbenen Bändern mit passenden Quasten zusammengehalten, frische Schnittblumen standen in funkelnden Kristallvasen.

Der Unterschied zwischen diesem Zimmer und dem, wie man es bei meinen Freundinnen vorfindet, die Kinder haben, besteht darin, dass es nicht mit liegen gelassenem Spielzeug übersät ist. Aber es war uns ja auch nicht erlaubt, unsere Kinderzimmer mit irgendwelchen Spielsachen zu verlassen. Dadurch hätte unser Zuhause ja »bewohnt« aussehen können, wie ich es bezeichne, während meine Eltern von »Unordnung« geredet hätten.

Zweifellos gingen Besucher davon aus, dass wir den ganzen Morgen in aller Hektik damit beschäftigt gewesen waren, sämtliche Spielsachen bis zu deren Eintreffen wegzuschaffen. Allerdings irrten sie sich, denn bei uns zu Hause sah es immer aus wie eben erst aufgeräumt.

Ich kehrte ins Hier und Jetzt zurück und betrachtete die Fotos, die meine Eltern zeigten, wie sie in ihrem professionell angelegten Garten Freunde empfingen. Dort war mein Vater, der sein »öffentliches« Gesicht zur Schau stellte – das des liebevollen Vaters und des treuen Ehemanns, der neben dem glänzenden Grill stand. Sein charmantes Lächeln wich ihm nicht mal von den Lippen, wenn er das von meiner Mutter marinierte Fleisch auf den Rost legte. Hinter ihm stand meine geschminkte Mutter in hochhackigen Schuhen und schenkte den Gästen diverse Getränke ein.

Dieses Foto weckte prompt eine andere Erinnerung an Dad, wie er mit todernster Miene erklärte, ihm gefalle es nicht, wenn eine Frau eine Hose trug, nicht mal bei einer Gartenparty.

»Nicht in meinem Haus«, hat er dazu ganz sicher gesagt, denn das war ein Spruch, den ich in meiner Kindheit oft von ihm zu hören bekam. Er hielt sie auch dazu an, dass die Kinder immer einen adretten und ordentlichen Eindruck machten.

»Wir wollen doch, dass sie uns gut dastehen lassen, nicht wahr?«, fügte er dann an und zwinkerte ihr scheinbar vergnügt zu.

Und so saßen wir alle drei da, die Haare ordentlich gekämmt, die Kleidung frisch gebügelt. Andy und ich saßen von den Erwachsenen so weit entfernt wie nur irgend möglich, während Gavin sich immer in der Nähe meines Vaters aufhielt, eindeutig mit der Absicht, dessen Zuneigung zu gewinnen, indem er sich nützlich machte. Wenn keine Gäste da waren, konnte ihm das nicht gelingen, ganz gleich, was er tat. In der Öffentlichkeit dagegen legte Dad ihm den Arm um die Schultern, was der nach jeglicher Form von Zuneigung lechzende Gavin als ernstgemeinte Belohnung für seine Hilfe verstand. Ihm war nicht klar, dass mein Vater nur zeigen wollte, was für ein großartiger Stiefvater er doch war.

Als ich älter war, kam ich zu der heute noch gültigen Überzeugung, dass er meine Mutter, Andy und mich als sein Eigentum betrachtete. So wie sein Haus und sein großes Auto sollten auch wir von einem strahlenden Erscheinungsbild sein, denn damals wollte mein Vater von seinen Zeitgenossen für seinen Besitz nicht nur bewundert, sondern beneidet werden. Er wusste nur zu gut, dass er bei anderen eine solche Regung nicht hervorrufen würde, wenn sie Gavin mit seinem unförmigen Körper und dem mangelnden Charme sahen. Da Dad nur das sein Eigen nennen wollte, was vollkommen war, verabscheute er Gavin allein schon aus diesem Grund.

Ich sah mir die weiteren Fotos unserer mustergültigen Familie an. Es existierte nur ein Bild von einem Kindergeburtstag, und ich kann nicht mal sagen, ob ich oder Andy an dem Tag Geburtstag hatte. Ich habe auch keine Ahnung mehr, wer die anderen Kinder waren, aber ganz bestimmt waren sie die handverlesenen Söhne und Töchter von den Leuten, mit denen meine Mutter befreundet sein wollte. Leute, die schon bald spurlos verschwanden, nachdem sich unser Leben radikal geändert hatte.

Es bringt nichts, dieses Foto ins Video zu übernehmen, entschied ich.

Als ich die Fernbedienung wieder auf den Bildschirm richtete, tauchte das Foto einer hübschen blonden Frau auf, die ein cremefarbenes Spitzenkleid trägt, das bis kurz unter die Knie reicht. Voller Bewunderung sah sie zu ihrem frisch gebackenen Ehemann auf – meinem Vater, der mit seinen dunklen Haaren und den grünen Augen extrem gut aussah.

Man konnte meiner Mutter ansehen, dass sie vor Glück förmlich strahlte. Es gab für mich nicht den geringsten Zweifel, dass meine Mutter damals restlos in ihn verliebt gewesen war. Was seine Gefühle für sie angeht, habe ich bis zum heutigen Tag keine Ahnung. Ich glaube, er war nie fähig gewesen zu lieben. Besitzergreifend war er, daran gab es für mich keinen Zweifel. Aber bedingungslose Liebe war meiner Ansicht nach nichts gewesen, was er hätte geben können.

Im Hintergrund standen auf dem Foto einige Gäste, die meisten hielten ein Sektglas in der Hand und lächelten in die Kamera. Ich bin mir sicher, dass alle damals Anwesenden geglaubt hatten, dieser gut aussehende und charmante Mann und seine zierliche blonde Ehefrau seien das perfekte Paar.

Ein paar von ihnen mussten davon gewusst haben, dass meine Mutter zuvor schon einmal verheiratet gewesen war. Vielleicht hatten sie ihr sogar über die Trennung und das Ende ihrer dem Vernehmen nach katastrophalen Ehe hinweggeholfen. Ein Blick auf die Hochzeitsfotos verrät mir die Überzeugung ihrer Familie und ihrer Freunde, dass sie mit ihrem zweiten Mann endlich das Glück gefunden hatte, das sie so sehr verdiente.

Aber hatte sie Glück verdient?, fragte ich mich. Vielleicht ja, aber nicht für den Preis, den ihre Kinder deswegen hatten zahlen müssen.

Diese Gratulanten werden sich auch für das einzige Kind aus der ersten Ehe gefreut haben, meinen Halbbruder Gavin. Wie ich später von meinem schottischen Großvater erfuhr, war Gavin ein Junge gewesen, bei dem jeder der Meinung war, dass er einen Vater brauchte. »Welcher kleine Junge braucht schon keinen Vater?«, erklärte mein Großvater voller Inbrunst. »Ich meine, Mütter sind gut im Kochen und darin, ein aufgeschrammtes Knie zu verarzten. Aber ein Junge braucht einen Vater, zu dem er aufblicken kann.« An dem Tag, an dem meine Eltern heirateten, waren er und alle anderen Gäste davon überzeugt, dass Gavin nun diesen Vater bekommen hatte.

Da ich meinem Großvater nicht diese Illusion rauben wollte – als wir uns darüber unterhielten, war er bereits ein alter Mann – verkniff ich mir zu entgegnen, dass wir alle mit einem anderen Vater als diesem besser bedient gewesen wären.

Soll er sich seinen Glauben bewahren, entschied ich. Soll er so wie die Freunde meine Mutter weiter daran glauben, dass mein Vater den Siebenjährigen wie einen leiblichen Sohn angenommen hatte. Die Lücke, die der erste Ehemann im Leben meiner Mutter hinterlassen hatte, war geschlossen worden, und es gab keinen Grund daran zu zweifeln, Gavin würde auch weiterhin das fröhliche Kind sein, als das sie ihn am Tag der Heirat erlebt hatten.

Ich bin auch davon überzeugt, dass alle, die die zweite Heirat meiner Mutter feierten, in meinem Vater das perfekte Vorbild sahen, dem der Stiefsohn nacheifern konnte. Ihnen musste bewusst gewesen sein, wie sehr ihn nicht nur die hässliche Scheidung seiner Eltern, sondern auch die völlige Ablehnung durch seinen Vater getroffen haben musste. Schließlich hatte Gavin am Tag, an dem der erste Ehemann meiner Mutter einfach gegangen war, seinen leiblichen Vater zum letzten Mal gesehen.

Eine genauere Erklärung ist mir nie gegeben worden, daher weiß ich nur, dass er unmissverständlich erklärt hatte, mit dem Ende seiner Ehe auch nicht länger eine Rolle im Leben seines Sohns spielen zu wollen.

»Für grausames Verhalten gibt es nicht immer eine Erklärung«, sagte meine englische Großmutter, als ich sie Jahre später darauf ansprach. »Am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass er sich nach der Trennung von deiner Mutter nicht mit etwas belasten wollte, was seiner Vergangenheit angehörte. So wie ich ihn kannte, hatte er sich da längst eine Nachfolgerin für seine Frau ausgeguckt. Er war einfach kein netter Mann.« Das war das Einzige, was ich ihr jemals über ihren ersten Schwiegersohn entlocken konnte.

2

Als Kind hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie traurig das Leben für meinen Halbbruder gewesen sein muss. Ich wusste nur, dass er Andy und mich nicht leiden konnte. Als Erwachsene kann ich dagegen seine Gefühle nachvollziehen, weil mir heute klar ist, was für ihn ein Leben mit uns bedeutet hat.

Er litt bereits ganz erheblich unter der Trennung seiner Eltern, und er wusste, dass sein Vater sich alles andere als normal verhielt. Er hatte einen Freund, dessen Eltern ebenfalls geschieden waren, doch dessen Vater besuchte seinen Sohn jedes zweite Wochenende und verbrachte den Tag mit ihm. Und nicht nur das – um wiedergutzumachen, dass er ihn nicht jeden Tag sehen konnte, brachte er jedes Mal die schönsten Geschenke mit: Spielzeugautos, eine Modelleisenbahn, Lego. Gavin durfte mit allem spielen, wenn er seinen Freund besuchte.

Ganz egal, was man ihm sagte, Gavin hoffte immer noch darauf, dass sein Vater das Gleiche für ihn tun würde. Heute weiß ich, dass Gavin einfach verdrängt hatte, wie sich seine Eltern wieder und wieder gestritten hatten, wie man ihn angebrüllt und weggeschubst hatte, weil er im Weg gewesen war. Wochenlang stand er am Fenster und wartete darauf, dass er den Wagen seines Vaters dabei beobachten konnte, wie er in unsere Straße einbog. Ich ertrage es kaum mir auszumalen, wie er sich gefühlt haben musste, weil dieser Wagen einfach nicht auftauchte. Der Siebenjährige, der er damals gewesen war, musste geglaubt haben, es sei allein seine Schuld, dass sein Vater ihn nicht liebte.

Aber an dem Tag, an dem seine Mutter wieder heiratete, machte er einen glücklichen Eindruck.

Unwillkürlich drücke ich auf die Pause-Taste. Dieser Junge im grauen Jackett mit passender Hose, der mir vom Bildschirm verlegen entgegenlächelte, war ein völlig anderer Junge als der, mit dem ich aufgewachsen war. Dort sah ich ein ansprechendes Kind, nicht das mürrisch dreinblickende, in sich zurückgezogene Kind, um das jeder einen Bogen machte.

Ich wusste, diesen Jungen hätte ich ganz bestimmt gut leiden können. Aber leider hatte ich ihn nie kennengelernt.

Während ich dasaß und die Pause-Taste gedrückt hielt, wurde mir erstmals das ganze Ausmaß von Gavins Traurigkeit bewusst, die er in den gemeinsam mit uns verbrachten Jahren empfunden haben musste. Am Tag der Heirat meiner Mutter musste er sich endlich wieder sicher gefühlt haben. Er glaubte daran, dass seine Mutter ihn immer lieben würde. Sein neuer Vater hatte zudem durchblicken lassen, dass er ihn so lieben würde wie einen leiblichen Sohn.

Tränen stiegen mir in die Augen, als ich daran denken musste, dass er zu dem Zeitpunkt nicht den Hauch einer Ahnung gehabt hatte, wie sein Leben in Wahrheit verlaufen würde.

Erst als ich am Ende dieses Fotoalbums angekommen war und meine Eltern lachend und winkend in diese große amerikanische Limousine einstiegen, da fiel mir etwas auf: Wo waren die Fotos aus ihrem Leben vor der Heirat? Fotos von meinen Großeltern, von meinem Vater als junger Mann, von meiner Mutter als junge Frau? Selbst wenn sie womöglich alle Fotos zerrissen hatte, auf denen ihr erster Mann zu sehen war, musste es doch Bilder geben, die sie mit Gavin zeigten.

Es wirkte so, als wollten sie beide aussagen, dass sich vor ihrer Heirat nichts von irgendwelcher Bedeutung ereignet hatte. Doch dann musste ich mich auch fragen, was aus der Sicht meiner Mutter überhaupt von Bedeutung gewesen war. Weder gab es ältere Fotos von ihr und ihrem ersten Kind, noch fanden sich irgendwelche Babyfotos von mir oder von meinem älteren Bruder Andy.

Auch wenn es vor vierzig Jahren noch ein teures Vergnügen gewesen war, Filme zu kaufen, zu entwickeln und Abzüge machen zu lassen, hätte ich doch gedacht, dass sie versucht hätte, möglichst viele wichtige Momente im Leben ihrer noch so kleinen Kinder festzuhalten.

Ich hatte es bei mir jedenfalls gemacht. Von dem Moment an, als ich auf dem ersten Ultraschallbild etwas sah, das an eine zappelnde Kaulquappe erinnerte, war ich völlig hingerissen. Ich musste lächeln, als ich an all meine Freunde dachte, denen ich dieses Bild gezeigt hatte. Auf meiner Kommode hängt das erste Foto von Katy am Schminkspiegel, das sie zeigt, als ich sie nach der Geburt zum ersten Mal in meinen Armen hielt. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Fotos ich in den ersten Jahren geschossen hatte. Da waren ihre ersten Schritte, dann das zahnlose Lächeln, als ich ihr von der Zahnfee erzählt hatte, und dann auch schon der erste Schultag, der viel zu schnell kam. Die Liste könnte ich endlos fortführen!

Aber wo waren die Fotos, die uns als Kinder zeigten? Hatte meine Mutter nicht festhalten wollen, wie ihre Kinder die ersten unsicheren Schritte machten? Wie sie freudestrahlend lächelten, als sie die Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte ausbliesen? Als sie Weihnachtsgeschenke auspackten? Schneemänner oder Sandburgen bauten? Die Antwort auf meine Fragen war eigentlich offensichtlich. Sie lag nicht in dem, was ich sehen konnte, sondern in dem, was ich eben nicht sehen konnte.

Das Fehlen solcher Fotos machte mich schlagartig müde. Ich musste zugeben, dass ich darauf gehofft hatte, genügend Schnappschüsse aus jener Zeit zu Gesicht zu bekommen, um mein Gedächtnis auf Trab zu bringen. Ich hatte gehofft, dass ich beim Anblick solcher Fotos in meine Kindheit würde zurückkehren können. Ich wollte begreifen, was in unserem Leben so grundverkehrt gelaufen war. Und ich musste mir nicht nur ein Bild von den jungen Jahren meiner Eltern machen können, sondern auch ein Bild meiner eigenen jungen Jahre und der meines Bruders.

»Ach, sei nicht so ein Jammerlappen, Lynn!«, ermahnte ich mich. »Du suchst doch bloß nach einer Bestätigung dafür, dass du als Kind geliebt wurdest. Darum hast du darauf gehofft, bergeweise Fotos zu finden, die deine Entwicklung vom Babybauch deiner Mutter bis zur langbeinigen Zwölfjährigen zeigen. Die Fotos gibt es halt nicht, und jetzt krieg dich endlich ein. Außerdem machst du das hier für deine Tochter, nicht für dich selbst. Also nehmen wir uns jetzt mal diesen Urlaub in Schottland vor. Dann kannst du Katy wenigstens zeigen, wie ihre Urgroßeltern ausgesehen haben.«

Ja, überlegte ich. Ihr würde es ganz sicher gefallen, den Zigeunerwohnwagen zu sehen. Ich werde mir nur dazu ein paar gute Geschichten ausdenken müssen. Am besten irgendwas mit irischen Kobolden, die übers Meer gekommen sind und bei den Zigeunern ein neues Zuhause gefunden haben.

Ich spulte das Video vor bis zu der Stelle, die unserem Urlaub in Schottland gewidmet war. Da fanden sich ein paar Fotos von Andy, aber nur eines, auf dem wir alle drei zu sehen waren.

Lächeln, hatte man uns angewiesen, und wir hatten gelächelt. Und dann war für alle Zeit ein fröhliches Trio auf einem Foto verewigt worden.

Tja, dieser Abschnitt des Videos ist gut aufbereitet worden, dachte ich ironisch. Meine Mutter war darum bemüht gewesen, ihre Freundinnen glauben zu machen, dass sie ein Luxusleben führte, also hatte sie sich vor diversen Nobelhotels fotografieren lassen. Ihre Hoffnung war, dass die anderen glaubten, wir wären tatsächlich dort abgestiegen. In Wahrheit hatten wir den gesamten Urlaub in einem Wohnwagen verbracht, der auf einem Feld neben dem Haus meiner Großeltern gestanden hatte.

Ich weiß noch ganz genau, wie sie angewidert das Gesicht verzog, wenn sie sich darüber beklagte, dass uns nur ein Toilettenhäuschen zur Verfügung stand und dass es kein fließend heißes Wasser gab. Es war kaum besser als in einem Slum zu leben, sagte sie immer.

Aber Andy und ich mochten den Wohnwagen und das Cottage unserer Großeltern mit dem Holzofen. Beim Gedanken daran kann ich fast wieder den Geruch von Brennholz wahrnehmen. Genauso das Aroma von frischem Brot im Backofen, während auf dem Herd ein Topf stand, in dem ein Eintopf voll mit Gemüse aus dem eigenen Garten köchelte.

Ich wünschte, ich hätte ein paar Fotos von meinen Großeltern. Zwar kann ich mich noch sehr genau an meinen Großvater erinnern, doch wenn ich an meine Großmutter denke, dann ist sie mir nur sehr undeutlich im Gedächtnis geblieben, wohl weil ihr Mann sich die Mühe gemacht hatte, uns zu besuchen, während sie immer zu Hause geblieben war.

Ich vermute, sie wusste, meine Mutter lehnte sie genauso ab wie meine Großmutter umgekehrt den Lebensstil meiner Eltern, weshalb sie nicht das Haus hatte besuchen wollen, auf das sie beide offensichtlich so stolz waren.

Das einzige Bild, das mir in den Sinn kommen will, ist das einer rundlichen Frau mit weißen Haaren, die am Feuer sitzt und uns Geschichten aus wunderschön illustrierten Kinderbüchern vorliest. Ich weiß noch, wie sie uns mit strahlendem Lächeln erzählte: »Das sind die gleichen Geschichten, die ich schon eurem Dad vorgelesen habe, als er noch ein Baby war.«

Viel klarer in Erinnerung sind mir die Picknicks, zu denen sie und mein Großvater uns Kinder mitnahmen. Anders als meine Eltern behandelten sie Gavin tatsächlich so, als wäre er ihr Fleisch und Blut.

Wenn wir losgingen, um Eis zu kaufen, wurde er als der Älteste immer zuerst gefragt, welchen Geschmack er haben wollte. Sie spornten ihn auch dazu an, seine Meinung zu allen möglichen Dingen zu sagen, und wenn er etwas sagte, hörten sie ihm auch zu, als wären sie der Ansicht, dass seine Meinung wichtig war.

Während Andy und ich immer nur die »süßen Kleinen« waren, sprachen sie ihn mit »junger Mann« an. Heute glaube ich, dass sie seine ernste Art als eine Kombination aus Schüchternheit und Unsicherheit erkannten. Zweifellos hatte es etwas damit zu tun, dass er als Einzelkind begonnen hatte und auf einmal nur noch eins von drei Kindern war. Auf jeden Fall gaben sie sich alle erdenkliche Mühe, sein Bewusstsein zu stärken. Dessen bin ich mir ziemlich sicher, auch wenn sie eigentlich keine Ahnung hatten, was der wahre Grund hinter seinem Verhalten war. Wären sie der Ansicht gewesen, dass die Ursache bei meinen Eltern zu suchen war, dann hätten sie meiner Mutter die alleinige Schuld daran gegeben. Ihr Sohn konnte doch unmöglich derjenige sein, der etwas falsch gemacht hatte.

Da Gavin es nicht gewöhnt war, dass jemand freundlich mit ihm redete, und da es für ihn undenkbar sein musste, dass sich ein Erwachsener in irgendeiner Weise für seine Meinung interessieren könnte, reagierte er zunächst mit Argwohn. Erst nach zwei oder drei Tagen begann er zu verstehen, dass die Zuneigung der Großeltern ihm gegenüber von Herzen kam. Von dem Moment an machte er einen viel entspannteren Eindruck. Einmal mehr konnte ich bei ihm das gleiche Lächeln wie auf den Hochzeitsfotos sehen, das gleich wieder verschwand, als wir nach Hause zurückkehrten.

Dieser Blick zurück auf den Spaß, den ich in jenem so simplen Urlaub hatte genießen können, brachte mich zum Lächeln, da ich eine weitere Erinnerung aus meinem Unterbewusstsein zutage gefördert hatte.

So als wäre das alles erst gestern geschehen, sah ich meinen Großvater vor mir, mit diesem breiten Lächeln auf den Lippen und den Taschen voller Süßigkeiten, während er mit seiner Kamera Foto um Foto schoss.

»Ich schicke euch Abzüge zu«, versprach er uns, und ich hatte voller Ungeduld auf Fotos gewartet, die zu meiner großen Enttäuschung nie angekommen waren.

Oder vielleicht doch?, fragte ich mich, da sich eine andere Erinnerung zu regen begann. Ich weiß noch, wie ich aus der Küche kam und meine Mutter einen eben mit der Post gekommenen Brief öffnete, ohne mich zu bemerken. Sie sah sich den Inhalt des Umschlags an, schnaubte verächtlich und steckte alles wieder hinein.

Als sie mich bemerkte, sagte sie: »Ach, das ist nur ein Brief von deinen Großeltern an deinen Vater.« Von den Fotos sagte sie kein Wort, und ich fragte auch nie nach. Aber die Fotos müssen in diesem Umschlag gewesen sein, da der zu dick war für einen einzelnen Brief.

Denk nach, ermahnte ich mich selbst. Was hat deine Mutter damit gemacht? Ich kniff die Augen konzentriert zu, dann zwang ich mich, in der Zeit zurückzureisen, bis ich sah, wie sie im Flur den Umschlag klammheimlich in eine Schublade im Schrank steckte.

Könnte mein Vater sie weggeworfen haben? Nein, das war nicht anzunehmen. Meine Mutter mochte gedacht haben, dass seine Eltern unter ihrer Würde waren, doch er hatte sich nie dafür geschämt, dass sie einfach Leute waren.

Zurück zu den Kartons, sagte ich mir. Wenn er die Fotos aufbewahrt hatte, mussten sie da irgendwo zu finden sein. Tatsächlich hatte ich recht, denn in dem Stapel, den ich eigentlich zum Wegwerfen vorgesehen hatte, fanden sich gleich mehrere dicke Briefumschläge. »Hab sie«, murmelte ich. Ich sah den Stapel durch und stieß auf beide Briefe, die meine Großmutter geschrieben hatte, sowie auf eine Reihe von Schwarzweißfotografien.

»Ich dachte mir, die könnten euch gefallen«, hatte sie angemerkt, nachdem sie meinen Eltern geschrieben hatte, wie sehr ihr unser Besuch gefallen hatte und wie sie sich schon darauf freute uns wiederzusehen. Grüße an uns Kinder hatte sie ebenfalls mitgeschickt, außerdem ein paar Neuigkeiten über die Hühner und den alten Hund. Und sie hatte betont, wie leer ihr das Haus vorkam, seit wir wieder abgereist waren. Ich spürte einen Kloß im Hals, als ich mir vorstellte, wie sie am Küchentisch gesessen und überlegt hatte, was sie noch an interessanten Dingen schreiben konnte. Sie muss sich ausgemalt haben, wie unserer Mutter uns nach dem Abendessen den Brief vorlas, und sie wird gehofft haben, dass wir ihr zurückschreiben. Ich dachte darüber nach, wie enttäuscht sie gewesen sein musste, dass von uns keine Antwort und kein Danke für die Fotos kam.

Nicht nur, dass meine Mutter uns diese Briefe vorenthalten hatte, sie war auch nicht bereit gewesen, die Fotos in eines ihrer Alben einzustecken. Sonst hätten ihre Freundinnen ja das kleine Cottage zu sehen bekommen, in dem ihre Schwiegereltern lebten. Erst recht hätte sie nicht gewollt, dass irgendjemand den Wohnwagen zu sehen bekam, dessen Küche sich draußen unter einer Art Vordach befand, oder gar das freistehende Toilettenhäuschen. Das alles und die wettergegerbten Gesichter meiner Großeltern hätten keinen Zweifel an der wahren Herkunft meines Vaters gelassen. Ohne diese Bilder war meine Mutter überzeugt, dass bei meinem Dad mit seiner vornehmen Kleidung und seiner akzentfreien Art zu reden niemandem Anlass zu der Vermutung geben konnte, von Zigeunern abzustammen, waren die doch bei den gebildeten Freunden meiner Eltern ein verhasstes Volk.

Das snobistische Denken meiner Mutter erklärte auch eine Sache, die ich beinahe übersehen hätte. Meine wohlgeratene englische Großmutter war auf den Hochzeitsfotos zu sehen, während von meinen schottischen Großeltern jede Spur fehlte.

Meine Mutter musste entschlossen gewesen sein, um jeden Preis zu verhindern, dass jemand die Herkunft meines Vaters durchschaute.

Ganz bestimmt hatten sie erzählt, die Hochzeit finde nur standesamtlich und ohne Feier statt. Dennoch bin ich mir sicher, dass meine Großmutter tief in ihrem Inneren den wahren Grund dafür kannte, dass sie nicht eingeladen worden waren.

Der Egoismus meiner Mutter machte mich wütend. Diese Bilder waren nicht dafür bestimmt gewesen, in einer Schublade versteckt zu werden. Sie sollten vielmehr schöne Erinnerungen wecken und uns lächeln lassen. Sie sollten herumgereicht und betrachtet werden, um dann ein oder zwei von ihnen einzurahmen und dort aufzuhängen, wo jeder sie sehen konnte. Die Fotos vermittelten Liebe, nicht nur Liebe zu uns, sondern auch Liebe zu Schottland, die sich in Schnappschüssen vom Fluss und den Bergen mit ihren bläulichen Spitzen zeigte. Es waren völlig andere Motive als die gestellten Szenen, die meine Eltern fotografiert hatten.

Jedes einzelne ihrer Fotos war sorgfältig ausgewählt worden, damit die Gesichter von uns Kindern niemals eine Träne oder auch nur eine ernste Miene zeigten.

Ich blätterte einen Abzug nach dem anderen um, die Andy und mich beim Picknick mit der Familie zeigten. Obwohl sie mit einer billigen Kamera geschossen worden waren, bewiesen sie doch ein gewisses Talent meines Großvaters, da es ihm gelungen war, immer wieder die schroffe Schönheit der schottischen Landschaften einzufangen.

Ein Foto zeigte meine Eltern. Meine Mutter trug die Haare offen und hatte legere Kleidung an. Sie konnte nicht mitbekommen haben, dass sie fotografiert worden war. Mein Vater hatte den Arm um ihre Schultern gelegt, sie sah ihn an und lachte wohl über irgendetwas, was er gesagt haben musste. Ich stellte mir unwillkürlich die Frage, was er zu ihr gesagt hatte. In all meinen Erinnerungen an meine Mutter lacht sie nur selten einmal. Auf dem Foto wirkte sie glücklich und entspannt. Ich dachte, dass diese Aufnahme sie als die Frau zeigte, die sie eigentlich sein sollte.

Es gab noch ein paar Fotos mehr von meinen Eltern, die alle so waren wie die in den Fotoalben, die meinen Dad mit funkelnden Augen und einem humorvollen Lächeln zeigten. Auf jedem Foto war er als genau der Mann zu sehen, für den ihn alle anderen Leute gehalten hatten, nämlich als netter und liebevoller Ehemann und Vater. Aber vielleicht hatte er sich ja selbst eingeredet, dass er das auch war, und glaubte nun daran. Ein anderes Foto zeigte zwei kleine Kinder mit schwarzen Locken und leuchtend blauen Augen, die sich so sehr ähnelten, dass man sie für Zwillinge hätte halten können: Andy und ich. Tränen stiegen mir in die Augen, was mir jedes Mal passiert, wenn ich daran zurückdenke, wie nahe wir uns nicht nur damals, sondern über viele Jahre hinweg gestanden hatten. Nicht nur, dass wir uns ähnlich sahen, uns verband auch etwas, das immer Bestand haben würde.

Da waren noch mehr Fotos von uns vor dem Cottage unserer Großeltern, und dann auf einmal sah ich eine Aufnahme, bei deren Anblick mir aus einem unerfindlichen Grund ein Kribbeln über den Rücken lief. Auf den ersten Blick war es ein harmloses Bild von zwei fröhlichen Kindern, die das tun, was Kinder in dem Alter nun mal tun. Andy sitzt auf einem Teppich und hält eines seiner Spielzeugautos fest, während ich am Gartenzaun stehe. Ich klammere mich an der obersten Querstange fest und schaue über den Rand hinweg auf irgendetwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat. Ich bin da in einem Alter, in dem ich zwar schon stehen und gehen kann, aber ich bin immer noch etwas wacklig auf den Beinen. Nach dem Foto zu urteilen war ich entschlossen, mich auf den Beinen zu halten.

Als ich das Foto betrachtete, stürzten auf einmal Erinnerungen auf mich ein, und ich hatte das Gefühl, dass mir das Herz stehenblieb. Eine längst vergessene Angst hatte von mir Besitz ergriffen und meinen Verstand überrannt. Ich begann angestrengt nach Luft zu schnappen, meine Hände fingen an zu zittern.

»Stell dich nicht so an«, ermahnte ich mich und ging durch die Küche, um den Herd anzustellen. »Das ist bloß ein altes Foto. Kein Grund für dich, eine Panikattacke zu bekommen. Eine Tasse Tee wird doch schon wieder beruhigen. Du hast dich einfach viel zu lange mit der Vergangenheit beschäftigt.« Als der Wasserkessel Minuten später anfing zu pfeifen, goss ich das heiße Wasser über den Teebeutel in meiner Tasse und gab Zucker und Milch dazu. Dann griff ich noch spontan nach einem tröstenden Schokoladenkeks, ging zum Sofa und setzte mich hin.

Was war mit diesem Foto, dass es mich so aus der Fassung bringen konnte? Ich gab mir alle Mühe, mich daran zu erinnern, aber in meinem Kopf zeichnete sich nur ein blasses Bild ab, das nicht nahe genug an die Oberfläche meines Verstands aufsteigen wollte. Das machte mir für den Rest des Tages zu schaffen, obwohl ich mit aller Macht versuchte, eben nicht über dieses Rätsel nachzudenken. Selbst in der sich anschließenden Nacht verharrte das Bild in meinem Unterbewusstsein, sodass ich mich im Schlaf hin und her wälzte. Wie Schmetterlinge, die für mich unerreichbar im Sonnenschein tanzten, wurde ich von allen möglichen, realistischen wirkenden Träumen heimgesucht, die einander so schnell abwechselten, dass ich kaum noch folgen konnte.

Ich versuchte mein schlummerndes Gehirn dazu zu veranlassen, nach diesen Bilder zu greifen, eins zu fassen zu bekommen und mich daran bis zum Aufwachen festzuklammern. Erst als der neue Morgen anbrach, wurde mir bewusst, dass die letzten Bilder, die hinter meinen Augenlidern vorbeizuckten, nicht Teil eines Traums, sondern meine Erinnerungen waren.

Es heißt, dass jedes Bild eine Geschichte erzählt. Als ich an diesem Morgen wach wurde und ich mich in meinem Bett aufsetzte, lief es mir kalt den Rücken runter. Endlich kannte ich den Grund, warum mich das Bild so beunruhigte, auf dem ich durch die Metallstangen des Zauns guckte. O ja. Und ich verstand nun auch, woher meine Angst vor einem Licht kam, das unter meiner Zimmertür hindurchschien, und auch die Angst vor leisen Schritten, die sich mir näherten. Es war eine Erkenntnis, die in mir den dringenden Wunsch weckte, zur Toilette zu rennen und mich zu übergeben.

Ich wünschte, ich hätte dieses Foto nie gesehen und die Erinnerung hätte sich einfach in Luft aufgelöst. Vor allem wünschte ich, ich hätte nie versucht, allen Antworten auf den Grund zu gehen.

Doch dafür war es jetzt zu spät, überlegte ich, während mein Verstand mich mehr als vierzig Jahre in der Zeit zurückreisen ließ, bis ich mich in dem Zimmer wiederfand, in dem ich als Kind geschlafen hatte.

Alles in diesem Zimmer war in Rosa und Weiß gehalten und damit perfekt für ein kleines Mädchen. Über dem Bett hing ein silbernes Mobile. Aber es war nicht das Dekor, mit dem sich mein Verstand befassen wollte. Vielmehr sah ich das Kleinkind, das ich damals war. Ich lag da und schlief friedlich. Es war die Nacht, in der mein Vertrauen in jene Menschen erschüttert wurde, von denen ich geglaubt hatte, sie seien für mich da und würden mich beschützen. Stattdessen bekam ich eine Welt zu sehen, die mir nicht länger Schutz bieten würde. Während ich dasaß und die Arme um meine Beine schlang, konnte ich mich kaum rühren, da sich vor meinem geistigen Auge die Szenen abspielten, die mir zeigten, was sich tatsächlich in jener Nacht abgespielt hatte.

Ich liege zusammengerollt in meinem Kinderbett. Durch irgendwas bin ich wach geworden. Es ist das Licht, das vom Treppenabsatz in mein Zimmer fällt. Schläfrig sehe ich durch die Gitterstäbe meines Betts und entdecke meinen Vater, der in der Tür steht. Er legt einen Finger an seine Lippen und macht »schhhht«, damit ich ruhig bin. Unwillkürlich muss ich aber kichern.

Ich will mich hinstellen, weil ich hoffe, dass er mich aus dem Bett heben wird. Ich rolle mich über den Rücken, halte mich an den Stäben fest und ziehe mich hoch, damit ich ihn besser sehen kann.

Fast auf Zehenspitzen kommt er zu mir geschlichen und beugt sich über mich.

»Runter mit dir, Baby«, sagt er und legt die Hände auf meine Schultern. Meine kurzen Beine knicken ein, und dann lande ich auf meinem Po. Hoffnungsvoll sehe ich meinen Vater an.

Ich spüre seine Hand unter meinem Schlafanzugoberteil. Sie fühlt sich warm und schwer an. Ich habe keine Angst, jedenfalls nicht in diesem Moment: Der Mann ist mein Vater, er hält mich an der Hand, wenn wir durch den Park spazieren gehen, er lässt mich auf seinem Knie sitzen und legt dabei den Arm so um mich, dass ich nicht runterfallen kann, während er Andy und mir Geschichten vorliest. Er ist der Mann, dem ich mit unbeholfenen Schritten entgegenlaufe, wenn er von einer seiner Reisen nach Hause kommt. Er hebt mich hoch in die Luft und sagt, dass ich sein ganz besonderes kleines Mädchen bin. Er bringt mir Geschenke mit, die ich auspacken darf: ein funkelndes Mäppchen für meine Buntstifte, Bilderbücher und das, was ich ganz besonders mag – eine blonde Puppe aus einem Ort, der sich Deutschland nennt.

Dass er in meinem Zimmer ist und meinen Bauch streichelt, macht mir keine Angst. Da jedenfalls noch nicht, denn ich vertraue ihm bedingungslos.

Ich mag dieses vertraute Aroma von Tabak und dem zitronigen, etwas stechenden Geruch. Ich sehe ihn an und versuche herauszufinden, wo seine andere Hand ist. Hält er sie auf dem Rücken, weil er mir etwas mitgebracht hat?

Dann auf einmal fühlt sich das Ganze anders an. So, dass es mir nicht mehr gefällt. Seine Hand drückt zu fest auf meinen Bauch. Ich rudere mit Armen und Beinen, um mich zu befreien. Aber es gelingt mir nicht, weil seine Hand für mich zu schwer ist.

Jetzt kann ich sehen, wo seine andere Hand ist. Er drückt sie gegen seinen Schoß, wo sie sich so bewegt, als hätte sie ein Eigenleben entwickelt. Ich höre seltsame Geräusche, seine Hand bewegt sich vor und zurück. Er keucht so, als hätte er Schmerzen. Als ich ihn ansehe, ist er nicht mehr der Daddy, der mir vertraut ist. Mein Daddy ist nicht dieser Mann mit dem seltsam verzerrten Gesicht. Er sieht mich nicht an, sondern starrt auf einen Punkt irgendwo über mir. Ich sehe, wie sein Arm zuckt. Ich höre, wie er noch lauter keucht und dann leise stöhnt, als wären die Schmerzen noch schlimmer geworden. Ich fange vor Angst an zu schreien.

»Schhht«, macht er und tätschelt meine Schulter. »Schlaf weiter, Baby.«

Dann geht er weg und ich liege da und weine in mein Kissen.

Das Bild verblasst. Ich kann meine Mutter hören, wie sie ihm etwas zuruft, aber natürlich habe ich keine Erinnerung an ihre Worte. Meine Fantasie hat aber keine Probleme damit, die Lücken zu schließen. Wenn ich daran zurückdenke, wie sie sich mir gegenüber verhalten hat, als ich etwas älter war, dann bin ich mir sicher, dass da Ungeduld in ihrer Stimme mitschwang. Nicht nur, weil ich aufgewacht war, sondern weil mein Vater mir seine Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ.

Eine Aufmerksamkeit, die ihr zu gelten hatte. Wenn die Kinder im Bett waren, dann begann »unsere Zeit, die deines Vaters und meine«, wie sie es immer formuliert hat, solange ich zurückdenken kann. Uns allen war klar, was sie damit meinte. Sie wollte ihren Ehemann ganz für sich haben und hasste jede Form von Störung, selbst wenn das Weinen eines Kinds die Ursache war, das aus einem bösen Traum erwacht war.

Ich kann mir vorstellen, wie sie gerufen hat: »Was ist denn jetzt wieder mit ihr los?« Er wird geantwortet haben: »Sie zahnt nur ein wenig, kein Grund zur Sorge.« Und dann hätte er in dem Bewusstsein, dass diese Antwort meine Mutter zufriedenstellte, für sie beide einen Drink eingeschenkt.

Sie fragte mich nie danach, warum ich in der Nacht geweint hatte, allerdings wollte sie ja auch nie wissen, was mit mir los war, wenn nachts mein Schluchzen im ganzen Haus zu hören war. Außerdem vertraute ich ihr auch nie an, was in jener Nacht geschehen war, weil ich noch viel zu klein war, um zu sprechen.

Geschah es öfter als nur dieses eine Mal?, begann ich mich zu fragen. Kam er öfter in mein Zimmer, wenn ich fest schlief. Streichelte er mich dann und fasste sich dabei wieder selbst an?

Fiel es ihm schwer zu warten, bis ich etwas älter war und er sich endlich richtig seinen Fantasien hingeben konnte?

Die Frage, die sich mir aber vor allem aufdrängte, war die, ob er ein schlechtes Gewissen hatte.

Auf jede Frage kann ich nur antworten, dass ich es nicht weiß. Genauso wenig kann ich etwas dazu sagen, wann der Moment gekommen war, in dem meine Mutter begonnen hatte, in mir eine Rivalin zu sehen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, die mein Vater eigentlich ihr hätte widmen sollen.

Ganz gleich, wie angestrengt ich auch darüber nachdenke – ich weiß es einfach nicht.

3

Es gibt Zeiten, da kommt es mir gelegen, ein sehr aktives Kleinkind für den Weg zum Kindergarten bereit zu machen, überlegte ich, während ich mein Bett verließ. Dann blieb nämlich keine Zeit, um sich Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Kaum waren Katy und ich angezogen und hatte ich ihr Haar gebürstet, frühstückten wir, und dann machten wir uns auf den Weg zu ihrem Kindergarten, wobei ich mich so normal wie möglich zu geben versuchte. Zum Glück war sie so sehr damit beschäftigt, über ein Malprojekt zu reden, dass ihr nicht auffiel, wie müde und schweigsam ich war.

»Bye, Mummy«, sagte sie fröhlich, als ich sie der jungen Lehrerin übergab. Ich beugte mich vor, drückte sie kurz an mich und war froh darüber, dass sie noch nicht in dem Alter war, in dem sie sich aus meinen Armen winden würde, um nicht an einer öffentlichen Bekundung von Zuneigung beteiligt zu sein.

»Bis später«, erwiderte ich und war heilfroh, dass ihr an meiner Laune anscheinend nichts aufgefallen war.

Kaum hatte Katy mit mehreren anderen drauflosplappernden Vorschulkindern die Tür zum Gebäude durchschritten und kaum noch einen Blick in meine Richtung geworfen, kehrte ich so schnell wie möglich nach Hause zurück. Ich wollte mir unbedingt wieder diese Fotos ansehen.

»Lass es bleiben, Lynn«, meldete sich die Stimme der Vernunft zu Wort.

Aber ich wusste, dass konnte ich nicht machen. Ich brauchte Antworten.

Wieder daheim breitete ich die Fotos auf dem Küchentisch aus, erst dann setzte ich Wasser für meinen morgendlichen Kaffee auf. Es kam mir so vor, als würden die Bilder mich dazu auffordern, meine Vergangenheit noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Unwillkürlich musste ich an diese aufbauenden Zitate denken, denen ich immer wieder auf Facebook begegnete: »Es ist gut, die Vergangenheit zu besuchen, aber sie ist kein Ort, um darin zu wohnen.« Es traf fast auf mich zu, nur dass es für mich nicht mal gut war, die Vergangenheit zu besuchen. Dennoch führte für mich kein Weg daran vorbei.

Ich zog ein weiteres Foto aus dem Umschlag und fand mich abermals im Haus meiner Eltern wieder. Dort war das Esszimmer mit dem großen Tisch und einem Sideboard, beides aus auf Hochglanz poliertem Mahagoni. Dort fand auch statt, was meine Mutter immer als »Familiendinner« bezeichnete – ein Ritual, auf dem sie bestand, wenn mein Vater von einer seiner Reisen nach Übersee heimgekehrt war.

Er arbeitete für eine international tätige Spedition. Was das bedeutete, war mir als Kind nicht klar. Ich wusste nur, dass er wegen seiner Arbeit manchmal die ganze Woche über nicht nach Hause kam. Dieser Umstand machte mich glücklich, und ich war sogar noch glücklicher, wenn es bis zu seiner Rückkehr auch mal länger als eine Woche dauerte.

Meine Mutter freute es dagegen gar nicht, wenn er nicht da war. Anstatt mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, befasste sie sich dann sogar noch weniger mit uns. Zugegeben, sie bereitete für uns das Essen zu, machte unsere Wäsche und bügelte sie. Sie achtete darauf, dass wir badeten, und sie kämmte uns die Haare. Aber sie las uns nur selten eine Geschichte vor, und genauso kam es kaum einmal vor, dass wir uns alle zusammen hinsetzten und uns etwas im Fernsehen anschauten. Es waren Dinge, die ich mir gewünscht hätte, als ich etwas älter war – genauso wie ich mir ihre Zuneigung gewünscht hätte. Während sie sich Andy gegenüber warmherzig und liebevoll verhielt, bekam ich davon nur einen Bruchteil ab. Eine Nähe zu ihr spürte ich eigentlich nur dann, wenn sie mir die Fingernägel schnitt oder mir half, ein paar Knoten in meinem dichten, vollen Haar zu lösen. In diesen kurzen Augenblicken lehnte ich mich an sie und atmete ihren Duft ein, der eine Mischung aus Seife und Parfum war. Das waren die Momente, in denen ich eine gewisse Nähe zwischen uns verspürte, die aber für ein bedürftiges Kind, wie ich es war, nie lange genug anhielt.

»Fertig, und jetzt zieh deinen Schlafanzug an«, verkündete sie in einem übertrieben fröhlichen Tonfall, sobald der letzte Haarknoten gelöst oder der letzte Fingernagel geschnitten war. Dann schob sie mich ziemlich unsanft zur Seite und stand auf. Es war so, als könnte sie es nicht ertragen, mich in ihrer Nähe zu haben.

Wenn Andy und ich im Bett lagen, warf sie einen Blick ins Zimmer, wünschte uns eine gute Nacht und machte das Licht aus, dann kehrte sie zurück nach unten.

Ich hörte nie, dass sie zu Gavin ging und nach ihm sah. Auch wenn er zehn Jahre älter war als wir, musste er zur gleichen Zeit ins Bett gehen wie wir. Allerdings glaube ich, dass er froh war, seine Ruhe vor uns allen zu haben.

Wenn es um die Heimkehr meines Vaters ging, musste ich nicht erst darauf warten, dass meine Mutter ihn ankündigte. Ihr Verhalten sprach Bände. Am Tag davor konnte sie nicht aufhören, leise vor sich hin zu summen, während sie das ganze Haus auf Vordermann brachte.

»Morgen ist euer Vater wieder zu Hause«, ließ sie uns wissen und stellte dabei ein seltenes Lächeln zur Schau, das ihr Gesicht zum Strahlen brachte. Diese Ankündigung löste bei uns keinen Jubel aus, doch sie ging einfach über die Tatsache hinweg, dass ihre drei Kinder ihre Begeisterung nicht teilten. Stattdessen herrschte minutenlang Stille, weil uns allen bewusst wurde, dass unsere Zeit der Freiheit ihrem Ende entgegenging.

Während meine Mutter zu backen und zu putzen begann, mussten wir uns selbst um unser Wohl kümmern. Gavin fiel die Aufgabe zu, das Mittagessen für uns zuzubereiten, was für gewöhnlich hieß, dass er eine Dose gebackene Bohnen aufmachte.

Am Morgen des Tages, der die Ankunft meines Vaters mit sich bringen würde, zog sich meine Mutter mit einem Berg von Lotionen ins Badezimmer zurück. Es war unser Glück, dass es im Erdgeschoss noch eine separate Toilette gab, denn wenn sie erst einmal das Badezimmer übernommen hatte, schien sie absolut jedes Mittel zur Körperpflege zu benutzen, das es nur gab.

Kam ich in der Folgezeit am Badezimmer vorbei, drang unter der Tür der heiße Wasserdampf nach draußen, der nach allen möglichen Aromen duftete. Als Kind stellte ich mir da die Frage, was ein Erwachsener wohl da drinnen alles so anstellte.

Später kam sie in ein großes flauschiges Handtuch gewickelt aus dem Badezimmer und ging auf direktem Weg in ihr Schlafzimmer. Nachdem ihr Kopf dann mit Lockenwicklern bedeckt war, verbrachte sie noch einmal eine Stunde unter der Trockenhaube, während sie mit äußerster Präzision ihre Zehen- und Fingernägel lackierte. Ich wusste darüber Bescheid, denn sobald ich alt genug war, fiel mir die Aufgabe zu, sie mit Tee zu versorgen. Sie nippte vorsichtig an der Tasse, um zu vermeiden, dass sie irgendetwas mit ihren Fingernägeln berührte. Das dürfte auch die einzige Gelegenheit gewesen sein, bei der sie mich nach meiner Meinung gefragt hat, angefangen bei der Farbe des Nagellacks bis hin zu dem Kleid, das sie tragen wollte.

»Was hältst du davon, Lynn?«, fragte sie und drehte sich in dem Outfit, das sie für sich ausgesucht hatte, langsam um sich selbst.

»Das steht dir gut«, lautete meine Standardantwort, aber das war nicht mal gelogen.

Eine halbe Stunde vor seiner Ankunft kam sie nach unten und trug das Kleid, das sie mir gezeigt hatte. Ihr Gesicht war sorgfältig geschminkt, und sie trug wieder Schuhe mit hohen Absätzen, die zuvor gleich nach seiner Abreise in der Ecke gelandet waren.

Der erste Abend nach seiner Rückkehr war die von meiner Mutter stets so bezeichnete »Familienzeit«.

»Wir werden schön gemeinsam zu Abend essen«, sagte sie. »Gavin kann mithelfen und den Tisch decken. Andy und Lynn, passt auf, dass nichts an eure Kleidung kommt, bevor er hier ist. Habt ihr verstanden?«

Pflichtbewusst und in unsere Sonntagskleidung gesteckt antworteten wir im Chor: »Ja, Mum.«

»Ach, ja, noch was. Wenn das Abendessen vorbei ist, dann legt ihr euch schlafen. Ich vertraue darauf, dass ihr euch gründlich die Zähne putzen werdet.«

Es war eine Aussage, die bei mir immer Erleichterung auslöste, auch wenn ich wusste, dass die nur von kurzer Dauer war.

Sobald wir hörten, wie er mit dem Wagen vorfuhr, versammelten wir uns im Flur. Dann betrat er das Haus, ließ den Koffer fallen und umarmte zuerst meine Mutter. Dann war ich an der Reihe und wurde von ihm hochgehoben. »Mein ganz besonderes Mädchen«, lauteten seine Worte. Danach war Andy an der Reihe, der ein »Hallo, kleiner Bursche« zu hören und die Haare verwuschelt bekam. Es folgte ein flüchtiges Schulterklopfen für Gavin, dann deutete mein Vater mit einer Kopfbewegung auf seinen Koffer. »Gavin, würdest du ...« Er hatte noch nicht ausgesprochen, da war Gavin bereits mit dem Koffer in der Hand auf dem Weg nach oben.

Und damit nahm der Familienabend seinen Lauf.

Während des Essens versuchte ich mich auf die Unterhaltung meiner Eltern zu konzentrieren. Meine Mutter lächelte und fragte ihn nach seiner Reise, als wäre jedes Detail für sie von lebenswichtiger Bedeutung. Er erzählte uns, wie gut er mit all den Leuten zurechtgekommen war, mit denen er auf seiner Dienstreise zu tun gehabt hatte. Dabei ließ er ständig einfließen, dass die anderen Leute ihn ja für etwas ganz Besonderes gehalten hätten. Ich fand es aufregender zu hören, wie beim Essen das Messer über den Teller kratzte. So gern ich es ja getan hätte, durfte ich aber nicht die gelegentlichen Fragen überhören, die an Andy und mich gerichtet waren.

»Du hast uns allen gefehlt«, sagte meine Mutter und wandte sich an uns, damit wir das bestätigten, »nicht wahr, Kinder?« Es war eine Frage, auf die nur die Antwort kam, die sie auch hören wollte – ein einstimmiges »Ja«. Dann lächelte sie wieder ihren Mann an und gab ihm so zu verstehen, dass dies ein ganz anderes Haus war, wenn auch der Hausherr anwesend war. Genau genommen stimmte das ja auch, allerdings nicht in der Art und Weise, von der sie sprach.

Wenn wir aufgegessen hatten, wurden die Teller zusammengeräumt und es wurde die Kochkunst meiner Mutter gelobt. Dann wurde es Zeit für das nächste Ritual: das Verteilen der Geschenke.

»So«, sagte mein Vater zu Gavin, »du gehst jetzt rauf und holst meinen Koffer. Da ist für jeden von euch etwas drin.« Pflichtbewusst stand Gavin auf und schaffte den Koffer nach unten, den er kurz zuvor raufgetragen hatte.

Das erste kleine Päckchen, das mein Vater aus dem Koffer holte, war immer für meine Mutter bestimmt.

»Ach, John, das wäre doch nicht nötig gewesen!«, lautete ihre Standardantwort, während sie das Geschenkpapier aufriss, aus dem ein kleines Päckchen zum Vorschein kam, in dem üblicherweise Schmuck enthalten war. Womöglich hat er auch mal etwas Intimeres mitgebracht, aber wir bekamen davon nie etwas zu sehen.