9,99 €
In ihrem Buch "Kein Wort zu Mami" erzählt Toni Maguire die erschütternde Geschichte eines kleinen Mädchens, dessen Kindheit zerstört wurde.
Antoinette Maguire scheint eine idyllische Kindheit im nordirischen Coleraine zu haben: ein gemütliches Zuhause auf dem Lande, Tiere, eine liebende Mutter und einen charmanten Vater. Doch hinter der perfekten Fassade lauert der blanke Horror.
Als Antoinette sechs Jahre alt ist, beginnt ihr Vater, sie zu missbrauchen. Er zwingt sie, niemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen. Doch Antoinette fasst sich ein Herz und beichtet die grauenhafte Erfahrung ihrer Mutter. Ihre Hoffnung, ihre Mama würde sie nun vor dem Vater schützen, wird allerdings bitterlich enttäuscht. Aus Angst ihren geliebten Mann zu verlieren, duldet ihre Mutter den Missbrauch. Jahre sexueller und seelischer Qual folgen.
Mit vierzehn Jahren wird Antoinette schwanger und wagt erneut, das entsetzliche Geheimnis preiszugeben. Ihr Vater wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Antoinettes Familie, ihre Lehrer und Freunde wenden sich von ihr ab. Wie kann ein Mädchen nur ihren eigenen Vater anklagen?
Nun ist sie ganz auf sich allein gestellt und gerät nach einer lebensgefährlichen Abtreibung in tiefe Depressionen und verübt einen Selbstmordversuch. Ein langer Weg liegt vor ihr, bis sie das Trauma ihrer Kindheit aus eigener Kraft überwinden kann, neues Lebensglück findet und ihrer Mutter verzeihen kann.
Aufrüttelnd, bewegend und mit schonungsloser Ehrlichkeit geschrieben. Toni Maguire zeigt in "Kein Wort zu Mami", wie sie nach dem entsetzlichen Trauma zu einer selbstbewussten, selbstbestimmten Frau wurde.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Über dieses Buch
Titel
Widmung
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigste Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Weitere Titel der Autorin
Impressum
Antoinette Maguire scheint eine idyllische Kindheit im nordirischen Coleraine zu haben: ein gemütliches Zuhause auf dem Lande, Tiere, eine liebende Mutter und einen charmanten Vater. Doch hinter der perfekten Fassade lauert der blanke Horror.
Als Antoinette sechs Jahre alt ist, beginnt ihr Vater, sie zu missbrauchen. Er zwingt sie, niemandem von ihrem Geheimnis zu erzählen. Doch Antoinette fasst sich ein Herz und beichtet die grauenhafte Erfahrung ihrer Mutter. Ihre Hoffnung, ihre Mama würde sie nun vor dem Vater schützen, wird allerdings bitterlich enttäuscht. Aus Angst ihren geliebten Mann zu verlieren, duldet ihre Mutter den Missbrauch. Jahre sexueller und seelischer Qual folgen.
Mit vierzehn Jahren wird Antoinette schwanger und wagt erneut, das entsetzliche Geheimnis preiszugeben. Ihr Vater wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Antoinettes Familie, ihre Lehrer und Freunde wenden sich von ihr ab. Wie kann ein Mädchen nur ihren eigenen Vater anklagen?
Nun ist sie ganz auf sich allein gestellt und gerät nach einer lebensgefährlichen Abtreibung in tiefe Depressionen und verübt einen Selbstmordversuch. Ein langer Weg liegt vor ihr, bis sie das Trauma ihrer Kindheit aus eigener Kraft überwinden kann, neues Lebensglück findet und ihrer Mutter verzeihen kann.
Toni Maguire
Kein Wort zu Mami
Die wahre Geschichte einer zerstörten Kindheit
Aus dem Englischen von Thomas Hag
Für Caroline
... welche die Tür geöffnet hat und mich ermutigte hindurchzugehen
Das Haus in der stillen Vorstadt Dublins war unauffällig. Das breite Backsteingebäude stand etwas nach hinten versetzt an der Straße, von bepflanzten Rasenflächen umgeben. Es sah aus wie jedes andere große Wohnhaus. Die Hausnummer am Tor bestätigte mir, dass ich mein Ziel gefunden hatte, aber ich schaute doch noch einmal auf den Zettel in meiner Hand, um mich zu überzeugen.
Doch jetzt musste ich hinein. Ich nahm den Koffer, den der Taxifahrer auf dem Bürgersteig abgestellt hatte, ging den Torweg hinunter und stieß die Tür auf.
»Mein Name ist Toni Maguire«, stellte ich mich der leger gekleideten Frau am Empfang vor. »Die Tochter von Ruth Maguire.«
Sie sah mich neugierig an. »Ja, Ihre Mutter hat uns heute Morgen erzählt, dass Sie kommen würden. Wir wussten gar nicht, dass sie eine Tochter hat.«
Nein, dachte ich, offenbar nicht.
»Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihr. Sie wartet schon.«
Sie eilte flink über den Flur und führte mich in ein helles Vierbettzimmer. Mit einem mulmigen Gefühl trottete ich hinter ihr her.
Vier alte Damen saßen auf ihren Stühlen vor den Nachttischen. Drei der Tische waren mit Fotos von Verwandten bedeckt, der vierte, der meiner Mutter, war leer. Ich spürte einen vertrauten Stich. Nicht einmal ein Kinderfoto von mir stand da.
Eine Decke über den Knien, die Füße auf der erhöhten Stütze, saß sie auf ihrem Stuhl. Sie sah längst nicht mehr so kräftig aus wie bei meinem letzten Besuch in Irland ein Jahr zuvor. Damals hatte sie mindestens zehn Jahre jünger gewirkt, als das Geburtsdatum in ihrem Ausweis anzeigte. Jetzt war sie zu einer gebrechlichen alten Dame zusammengeschrumpft. Sie sah todkrank aus.
Die dunkelgrünen Augen, die mich so oft zornig angefunkelt hatten, füllten sich mit Tränen, als sie mir die Arme entgegenstreckte. Ich stellte meinen Koffer ab und umarmte sie. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass wir uns umarmten, und ich spürte etwas von meiner verschütteten Liebe zu ihr.
»Du bist gekommen, Toni«, murmelte sie.
»Ich wäre immer gekommen, wenn du mich gebeten hättest«, antwortete ich leise. Durch den Morgenmantel spürte ich, wie mager sie geworden war.
Eine Schwester marschierte herein und zog meiner Mutter die Decke fester über die Beine. Sie wandte sich an mich und erkundigte sich höflich nach meiner Fahrt von London hierher.
»Alles verlief problemlos«, sagte ich. »Es hat nur drei Stunden gedauert.«
Dankbar nahm ich den Tee entgegen, den sie mir anbot. Ich starrte in die Tasse und versuchte mich zu beruhigen. Ich wollte nicht, dass meine Mutter merkte, wie sehr mich ihr Zustand schockierte hatte. Ich wusste, dass sie in das Hospiz eingeliefert worden war, damit die Dosierung ihrer Schmerzmittel neu eingestellt wurde, aber ich war mir sicher, dass dieser Besuch mein Letzter sein würde.
Inzwischen hatte man den Arzt meiner Mutter über meine Ankunft informiert, und er kam ins Zimmer, um mich zu begrüßen, ein gut gelaunter, angenehmer junger Mann mit einem breiten Lächeln.
»Ruth«, sagte er, »freuen Sie sich über den Besuch Ihrer Tochter?«
»Sehr«, antwortete sie in ihrem gewohnten, damenhaften Tonfall, so distanziert, als äußerte sie sich zum Wetter.
Als er sich an mich wandte, sah ich den gleichen neugierigen Ausdruck auf seinem Gesicht, den ich auch schon bei der Empfangsdame bemerkt hatte.
»Darf ich Sie Toni nennen?«, fragte er. »So nennt Ihre Mutter sie.«
»Natürlich.«
»Wenn Sie Ihren Tee ausgetrunken haben, würde ich mich gerne kurz mit Ihnen unterhalten. Kommen Sie einfach in mein Büro. Die Schwester zeigt Ihnen den Weg.«
Er lächelte meiner Mutter noch einmal aufmunternd zu und verließ das Zimmer.
Ich trank meinen Tee sehr langsam, denn ich hatte das Gefühl, dass es kein einfaches Gespräch werden würde. Schließlich machte ich mich auf, um zu hören, was er von mir wollte.
Als ich sein Büro betrat, saß ein zweiter Mann in Zivilkleidung neben ihm. Nur sein Priesterkragen verriet seinen Beruf. Ich setzte mich auf den einzigen freien Stuhl und sah den Arzt mit betont unbeteiligter Miene an. Ich wartete darauf, dass er das Gespräch beginnen würde. Als er dann mit behutsamen Worten die Situation schilderte, verlor ich beinahe die Fassung. Ich erkannte, dass gewisse Antworten von mir erwartet wurden, Antworten, die zu geben mir widerstrebte, denn dafür hätte ich den Schrank mit den Erinnerungen öffnen müssen, in dem der Geist meiner Kindheit wohnte.
»Die Behandlung Ihrer Mutter stellt uns vor große Probleme. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen. Die Schmerzmittel wirken nicht so gut, wie sie es eigentlich sollten. Und wir sind bereits bei der Maximaldosis angelangt.«
Er wartete auf meine Antwort. Da ich schwieg, fuhr er fort: »Am Tag zeigt sie sich gegenüber dem Personal sehr kooperativ, sie lässt sich in die Cafeteria führen, achtet auf ihr Äußeres und hat einen guten Appetit. Die Nächte jedoch machen uns Sorgen.«
Er zögerte erneut, während ich ihn noch immer unbeteiligt ansah. Ich hatte nicht vor, irgendetwas preiszugeben. Nach einer Weile sprach er etwas irritiert weiter.
»Nachts ist Ihre Mutter sehr unruhig. Sie wacht oft auf, weil sie unerklärlicherweise starke Schmerzen hat. Es scheint fast so, als kämpfte sie gegen die Medikamente an.«
Die Geisterstunden, dachte ich. Ich kannte diese Stunden sehr gut, in denen man die Kontrolle über seine Gedanken verliert und sich die dunkelsten Erinnerungen anschleichen. Verzweiflung, Zorn, Furcht und Schuldgefühle rauben einem den Schlaf. Ich stand dann immer auf, machte mir eine Tasse Tee, las oder hörte Musik. Aber was konnte meine Mutter tun, um die finsteren Gedanken in Schach zu halten?
»Zweimal schon hat sie die Schwester gebeten, den Pfarrer zu rufen. Aber« – er wandte sich an den Mann neben sich –, »jedes Mal, wenn er an ihrem Bett stand, hatte sie es sich anders überlegt und wollte nicht mehr mit ihm reden.«
Der Geistliche nickte beipflichtend, und ich spürte, wie mich zwei Augenpaare musterten, auf der Suche nach einer Antwort. Dieses Mal brach der Priester das Schweigen, er lehnte sich über den Schreibtisch und stellte die nächste Frage.
»Toni, können Sie uns irgendetwas erzählen, das uns bei der Behandlung Ihrer Mutter helfen könnte?«
Ich spürte seine ernsthafte Anteilnahme und wählte meine Worte mit Bedacht.
»Ich meine zu verstehen, warum die Nächte meiner Mutter so unruhig sind. Sie glaubt an Gott. Sie weiß, sie hat nur noch sehr wenig Zeit, bevor sie ihm gegenübertritt, und meines Erachtens hat sie große Angst vor dem Tod. Ich würde gerne helfen, aber ich fürchte, ich kann da wenig tun. Ich hoffe um ihretwillen, dass sie die Kraft findet, mit Ihnen zu reden.«
Der Arzt sah mich fragend an. »Wollen Sie damit sagen, dass etwas auf dem Gewissen Ihrer Mutter lastet?«
Ich dachte an die vielen Dinge aus der Vergangenheit, die auf ihrem Gewissen lasten mussten, und fragte mich, ob es wirklich diese Erinnerungen waren, die sie nun heimsuchten. Obwohl ich mich weiterhin bemühte, meine Gefühle nicht zu zeigen, entfuhr mir ein Seufzer, als ich antwortete.
»Ich denke schon. Zumindest sollte es. Aber ich weiß nicht, ob sie jemals zugeben wird, dass sie etwas falsch gemacht hat. Bis jetzt hat sie es nicht.«
Der Arzt sah mich beunruhigt an. »Nun, jedenfalls hat es Auswirkungen auf die Schmerzmittel. Wenn der Verstand so unruhig ist wie der Ihrer Mutter, dann erzielen die Medikamente einfach nicht die optimale Wirkung.«
»Dann müssen Sie meine Mutter eben besser beobachten und die Dosierung noch genauer einstellen«, sagte ich harscher, als ich beabsichtigt hatte. Während ich zum Zimmer meiner Mutter zurückging, spürte ich ein Gefühl von Hilflosigkeit.
Als ich eintrat, sah sie mich aufmerksam an.
»Was wollten die Ärzte von dir?«, fragte sie.
Ich war mir sicher, dass sie die Antwort kannte, und bemühte mich, ihrem Blick standzuhalten.
»Sie haben gesagt, dass du zwei Mal den Geistlichen mitten in der Nacht hast rufen lassen und dass du sehr betrübt schienst.« Dann verließ mich der Mut, so wie immer. »Aber darum brauchen wir uns jetzt keine Sorgen zu machen, oder?«
Die Gewohnheiten der Kindheit, mein rasches Einlenken, wenn sie Schweigen signalisierte, ließen sich nicht so rasch abschütteln.
Im Laufe des Vormittags war sie oft den Tränen nahe oder weinte. Ich wusste, dass dies für Menschen im Endstadium einer tödlichen Krankheit nicht untypisch ist, aber ich fand es dennoch schier unerträglich. Sanft wischte ich ihr die Tränen ab und erinnerte mich daran, dass sie das Gleiche für mich getan hatte, als ich ein kleines Kind war. Sie war so zärtlich wie seit vielen Jahren nicht mehr. Sie wollte meine Hand halten, wollte reden und sich an glücklichere Zeiten erinnern. Ich sah sie an, eine alte Dame, deren letzte Tage wohl nicht so friedlich enden würden, wie ich es mir gewünscht hätte. Mir wurde klar, wie sehr sie mich brauchte.
»Wie lange wirst du bleiben?«, fragte sie mich.
»So lange wie du mich brauchst«, antwortete ich und versuchte zu verbergen, was ich damit meinte.
»Ich weiß nicht, wie lange das sein wird«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln, »aber ich glaube nicht, dass es allzu lange dauern wird.« Sie sah mich an und sagte: »Nicht wahr, du bist nur gekommen, weil du weißt, dass ich sterbe.«
Ich drückte ihre Hand und fuhr sachte mit dem Daumen über ihren Handrücken. »Ich bin gekommen, weil du mich darum gebeten hast. Ich wäre immer gekommen, wenn du mich gebeten hättest. Ja, ich bin auch hier, um dir zu helfen, in Frieden zu sterben. Ich denke nämlich, dass ich der einzige Mensch bin, der das kann.«
Ich hoffte, sie würde die Kraft finden, ehrlich mit mir zu sprechen, und an jenem Tag glaubte ich auch für kurze Zeit daran.
Sie nahm meine Hand und zog daran, ehe sie sagte: »Weißt du, Toni, als du noch ein Baby warst, das war die schönste Zeit meines Lebens. Ich erinnere mich daran, als ob es gestern wäre. Nach deiner Geburt lag ich im Krankenhausbett, und ich war so stolz darauf, dich auf die Welt gebracht zu haben. Ich war neunundzwanzig. Du warst ein vollkommenes kleines Wesen. Ich habe dich so geliebt, ich wollte dich nur noch im Arm halten, ich wollte für dich da sein und dich beschützen. Es sollte dir gutgehen im Leben. Ich hatte solch zärtliche Gefühle für dich.«
Als ich daran zurückdachte, wie sehr ich mich vor vielen Jahren bei ihr geborgen gefühlt hatte, spürte ich einen Kloß im Hals. Damals war sie eine Mutter, die mich an sich schmiegte und die mit mir spielte, die mir Geschichten vorlas und mich liebevoll zudeckte. Ich erinnerte mich an ihren Duft, wenn sie sich zu mir herunterbeugte und mir einen Gutenachtkuss gab.
Eine Kinderstimme drang in meine Erinnerungen ein, flüsterte mir Worte ins Ohr: »Wohin ist diese Liebe verschwunden, Toni? Heute ist dein Geburtstag, und sie sagt doch, dass sie sich an den Tag deiner Geburt erinnert. Sie sagt, dass sie dich damals geliebt hat, und doch hat sie dich vierzehn Jahre später deinem Schicksal überlassen. Erinnert sie sich nicht daran? Weiß sie nicht, dass du dich daran erinnerst? Hat sie das alles wirklich verdrängt? Und was ist mit dir?«
Ich schloss die Augen und brachte die Stimme zum Schweigen. Ich wollte meine Erinnerungen unter Verschluss halten, eingesperrt in den Schachteln, in denen ich sie dreißig Jahre lang aufbewahrt hatte. Seither hatte ich sie nie mehr geöffnet und sie vergessen, bis auf die Geisterstunden, in denen sie entweichen konnten. Wenn diese Stunden vorübergingen, hakten sie sich an das Ende eines verblassenden Traums. Ihre eiskalten Fühler strichen durch mein Unbewusstes und ließen unscharfe Bilder aus einer anderen Zeit zurück, bis ich aufwachte und sie wieder verbannte.
Später an diesem Tag schob ich sie in ihrem Rollstuhl durch das Gelände. Die Gartenarbeit war stets ihre Leidenschaft gewesen. Es schien, als hätten sich ihre mütterlichen Instinkte, die mir gegenüber vor langer Zeit verdorrt waren, auf die Gärtnerei verlagert.
Immer wieder bat sie mich, an bestimmten Büschen und Pflanzen stehen zu bleiben, und nannte mir ihre Namen. Traurig murmelte sie mehr zu sich selbst als zu mir: »Ich werde meinen schönen Garten nie mehr wiedersehen.«
Ich erinnerte mich daran, wie ich sie zu Beginn ihrer Krankheit besucht hatte. Mit einer Freundin war ich nach Nordirland gefahren, wohl wissend, dass mein Vater an diesem Tag Golf spielte und nicht zu Hause war. Voller Stolz zeigte sie mir Fotos von ihrem Garten, wie er ausgesehen hatte, bevor sie mit ihrer Arbeit begann, ein Haufen trockener Erde mit ein paar Grasbüscheln, zwischen denen nicht einmal ein paar Wildblumen wuchsen.
Dann führte sie mich umher, bis sie schließlich auf der Terrasse stehen blieb, auf der sich mir ein Anblick bot, der ein Lächeln auf mein Gesicht zauberte. Zum Muttertag und zum Geburtstag hatte ich ihr stets Körbe mit jungen Pflanzen geschickt. Diese Blumen hatte sie zusammen mit selbst gezogenen Pflanzen in eine ganze Reihe höchst ungewöhnlicher Behälter gepflanzt, von Ofenrohren über alte Küchenspülen, von ganz normalen Terrakottatöpfen bis hin zu einer Tränke. Auf der Terrasse explodierten die Farben geradezu.
Sie nannte mir die Namen jeder einzelnen Pflanze. »Das ist meine Lieblingspflanze, sie heißt Buddleia. Aber ich mag den Namen, den sie im Volksmund hat, lieber, der Schmetterlingsbusch.«
Wie zum Beweis flatterte eine ganze Wolke von Schmetterlingen über dem tiefvioletten Strauch. Ihre Flügel schimmerten im Licht des Nachmittags. An einer anderen Stelle hatte sie ein Rosenbeet gepflanzt, die Farben der duftenden Gewächse reichten von einem satten Karamell bis hin zu einem dunklen Rosa. Ein weiteres Beet war ihren geliebten Lilien vorbehalten, in wieder einem anderen wuchsen Wildblumen in stiller Eintracht mit gezüchteten.
»Alles was schön ist, ist für mich kein Unkraut«, sagte sie scherzend.
Die Gehwege waren mit Kieselsteinen bedeckt, an Rundbögen aus Draht rankten sich Jasmin und Geißblatt empor und durchtränkten die Luft mit ihrem Duft. Am Fuß eines solchen Bogens hatte sich eine Schar Gartenzwerge versammelt.
»Mein ganz persönlicher Sinn für Unsinn«, meinte sie lachend.
An jenem Tag sah sie so glücklich und zufrieden aus, dass ich dieses Bild von ihr in meinem mentalen Fotoalbum aufbewahrte, eines von denen, die ich mir mit Vergnügen ansehen konnte.
Am nächsten Tag fuhr ich zu einer Gärtnerei und kaufte ihr ein kleines Gartenhaus, in dem sie auch bei Wind und Wetter ihrem Hobby frönen konnte. Ich ließ es liefern.
»Jetzt kannst du deinen Garten bei jedem Wetter genießen«, sagte ich, wohl wissend, dass ihr nicht mehr als ein Sommer dafür bleiben würde.
Sie hatte einen englischen Garten in Nordirland geschaffen, einem Land, in dem sie nie heimisch geworden war, in dem sie sich stets fremd gefühlt hatte.
Als ich diese Erinnerung heraufbeschwor, tat sie mir leid, meine einsame Mutter, die sich eine Fantasiewelt erschaffen hatte, um sie dann zu ihrer Wirklichkeit zu machen.
Ein Teil von mir genoss es, hier bei ihr im Hospiz zu sein, so hinfällig sie auch sein mochte. Endlich konnte ich eine Weile ganz mit ihr allein verbringen, auch wenn uns die Zeit davonlief.
Am Abend half ich ihr ins Bett, kämmte ihr das Haar und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Ich schlafe im Sessel neben dem Bett«, versprach ich. »Dann bin ich ganz in deiner Nähe.«
Nachdem die Schwester die Schlaftabletten ausgegeben hatte, saß ich bei ihr und hielt ihr die Hand, die ganz klein und zerbrechlich geworden war. Die Haut, durchzogen von blauen Venen, schien nahezu durchsichtig. Jemand hatte sie manikürt, hatte ihre Nägel poliert, sie zu Ovalen gefeilt und sie zu guter Letzt in einem hellen Pink lackiert. Als ich ihre Hände zuletzt gesehen hatte, waren sie schmutzig von der braunen Erde.
Nachdem sie eingeschlafen war, holte ich den Fantasy-Roman hervor, den ich gerade las, und ging in die Empfangshalle. Der Gedanke daran, dass meine Mutter, die ich so geliebt hatte, sterben würde, dass sie bei allem, was sie getan hatte, egal, welches Leid sie mir auch zugefügt hatte, nie glücklich gewesen war, ließ eine tiefe Trauer in mir aufsteigen. Ich trauerte um die Beziehung zu ihr, die ich niemals hatte, die sie mir, abgesehen von der frühen Kindheit, verweigert hatte.
In dieser Nacht blieb mein Buch ungelesen, weil mich die Erinnerungen überwältigten. Ich dachte an die frühen Tage zurück, die ich mit ihr verbracht hatte, die Tage, in denen ich mich umsorgt und geliebt gefühlt hatte, Tage, die in meiner Erinnerung voller Sonne waren – bis die Dunkelheit hereinbrach.
Als die Nacht zu Ende ging, besuchte mich das Kind Antoinette, in jenem Raum, den die Dämmerung schafft, wenn uns die Träume verlassen haben, aber das Bewusstsein noch schlummert. Ihr elfenbeinweißes Gesicht mit dem dunklen Ponyschnitt tauchte von grauen Schatten umgeben vor mir auf.
»Toni«, flüsterte sie, »warum hast du mir nie erlaubt, erwachsen zu werden?«
»Lass mich in Frieden«, schluchzte ich lautlos und nahm all meine Konzentration zusammen, um sie zu verscheuchen.
Ich öffnete die Augen und sah nur die Staubflocken, die in der Luft tanzten, aber als ich mein Gesicht berührte, blieben an den Fingerspitzen Kindertränen haften.
»Toni«, flüsterte das Mädchen. »Es wird Zeit. Lass mich dir endlich die wahre Geschichte erzählen.«
Ich wusste, dass Antoinette zum Leben erwacht war, wusste, dass ich sie nicht länger in die Kammer meines Unbewussten einsperren konnte, wo sie so viele Jahre verbracht hatte. Ich schloss die Augen und ließ es zu, dass ihr Flüstern in meinen Kopf drang, als sie unsere Geschichte zu erzählen begann.
Das Früheste, woran ich mich erinnere, ist, dass meine Mutter und ich in einem Haus mit Garten in Kent wohnten. Meine winzige Großmutter war dort ein regelmäßiger und gern gesehener Gast. Jedes Mal, wenn sie kam, tat sie so, als suchte sie mich und könnte mich nicht finden. »Antoinette, wo bist du?«, rief sie, dann ließ ich alles stehen und liegen und rannte zu ihr, um sie zu begrüßen und mich in ihre Arme ziehen zu lassen.
Sie verströmte einen ganz besonderen Duft, eine Mischung aus Gesichtspuder und Maiglöckchen, ein Duft, mit dem ich sie für immer verbinden sollte. Wann immer es nach Maiglöckchen duftete, überkam mich das Gefühl der Liebe, die zwischen uns war.
An sonnigen Tagen unternahmen sie und meine Mutter mit mir oft einen Spaziergang zur Hauptstraße von Tenderden, wo wir eine der eichegetäfelten Teestuben aufsuchten. Meine Spielkleidung hatte ich gegen ein sauberes Kleid eingetauscht, Gesicht und Hände waren geschrubbt, das Haar war ordentlich gekämmt.
Meine Mutter zog sich Schuhe mit hohen Absätzen an, suchte sich eine passende Handtasche aus, malte sich die Lippen rot an, puderte sich die Nase, und dann machten wir drei uns auf den Weg.
Eine schwarz-weiß gekleidete Kellnerin führte uns an einen Tisch. Meine Großmutter bestellte Tee, Scones mit Marmelade und Schlagsahne sowie Torten und Kuchen mit rosafarbener oder gelber Glasur. Statt Tees gab es für mich verdünnten Obstsaft.
Meine Mutter, die meist ein Kleid mit einem rechteckigen Ausschnitt trug, plauderte mit meiner Großmutter, die auch bei der größten Hitze ihr noch immer rotgoldenes Haar unter einem Hut verbarg. Damen ihres Alters in gemusterten Kleidern und mit Strohhüten oder »Pillenschachteln« auf dem Kopf grüßten sie lächelnd, bemerkten, wie sehr ich doch gewachsen sei, und unterhielten sich über das Wetter, ein Thema, für das die Erwachsenen, wie ich fand, ein ganz erstaunliches Interesse zeigten.
Etwas ganz Besonderes waren auch die Besuche bei Mrs Trivett, einer alten Schulfreundin meiner Großmutter, die zu meiner großen Freude in ihrem winzigen weißen Cottage selbst gemachte Süßigkeiten bereithielt. Ihr Garten hatte ungefähr die Größe einer Briefmarke, aber die winzige Größe wurde durch die erdbeerfarbenen Hortensien wettgemacht, deren große, samtene Köpfe über die niedrige Gartenmauer hingen und im Wind hin und her nickten. Besonders faszinierend fand ich die beiden feisten Gartenzwerge, die unter einem Busch standen und Angelruten in den Händen hielten. Wahrscheinlich war es diesen Besuchen bei Mrs Trivett zu verdanken, dass meine Mutter viele Jahre später ihre Liebe zu den kleinen Gartenbewohnern entdeckte.
Meine Großmutter schlug mit dem stets auf Hochglanz polierten Türklopfer gegen die schwarze Tür, und Mrs Trivett öffnete sie, in eine überdimensionale Schürze gehüllt. Aus dem Inneren des Hauses strömte bereits der Duft einer süßen Masse, aus der bald die begehrten Süßigkeiten entstehen würden.
Sie nahm mich mit in die Küche und zeigte mir, wie sie entstanden. Dicke Streifen einer schwarz-weißen, süß riechenden Mixtur hingen über einem Haken an der Tür, die so lange geknetet und gezogen wurden, bis sich ihre Länge fast verdreifacht hatte. Erst wenn die Länge Mrs Trivetts Ansprüchen genügte, wurden sie abgenommen und in kleine Rechtecke geschnitten oder zu Bonbons geformt.
Fasziniert schaute ich ihr zu, die Backen voll mit Kostproben. Schließlich durfte ich auch selbst ein Bonbon rollen, und wenn der letzte zuckrige Siruptropfen meine Kehle hinabgelaufen war, spielten wir unser gewohntes Spiel.
»Mrs Trivett, woraus sind kleine Mädchen gemacht?«
Ich wurde ihre stets gleiche Antwort niemals leid.
»Aber, Antoinette, wie oft soll ich es dir denn noch sagen? Aus Zucker und Mais, und aus Erdbeereis, was sonst!«
Ich kicherte fröhlich, und sie belohnte mich mit einem weiteren Bonbon.
An anderen Tagen spielte meine Mutter mit mir die Spiele, die sie selbst in ihrer Kindheit gespielt hatte, Spiele, die über Generationen hinweg weitergereicht wurden. Wir kleideten Puppen an und backten mit Eimer und Schaufel Sandkuchen. Mein Lieblingsspiel war Teestunde. Ich besaß ein kleines Teeservice, das mir meine Großmutter geschenkt hatte. Zuerst deckte ich den Tisch mit den winzigen Tassen und Untertassen, stellte die Teekanne und das Milchkännchen daneben. Dann arrangierte ich die passenden Teller ordentlich daneben. Wenn der Tisch zu meiner Zufriedenheit gedeckt war, nahmen Kiesel und Blumenblüten die Stellen von Sandwiches und Torten ein, die ich den Erwachsenen oder auch meinen Puppen anbot. Ich schenkte imaginären Tee ein, die Teekanne wanderte um den Tisch herum, und ab und zu musste ich den Puppen die unsichtbaren Krümel vom Mund wischen.
Meine Mutter verbrachte nicht nur unendlich viel Zeit damit zu, mit mir zu spielen. Sie liebte es, mich in hübsche Kleidchen zu stecken, von denen sie die meisten selbst nähte. Stundenlang widmete sie sich der Smokarbeit, die, wie es damals Mode war, die Oberteile zierte.
Als ich drei Jahre alt war, ließ sie mich in einem dieser Kleider von einem Fotografen ablichten. Darauf trage ich ein Gingham-Kleid, habe ein plumpes Beinchen über das andere geschlagen und lächele äußerst zuversichtlich in die Kamera. Ich sehe aus wie ein Kind, das geliebt wurde; und das war ich ja auch, damals.
Meine Mutter meldete mich für einen »Miss Pears«-Wettbewerb an, und zu ihrer Freude landete ich auf einem der vorderen Plätze. Ein kleines, gerahmtes Foto erhielt einen Ehrenplatz auf dem Kaminsims.
Aber diese glücklichen Tage, in denen unsere Familie nur aus Mutter und mir bestand, waren bereits gezählt. Jahrelang sehnte ich mich nach meinem Vater, aber als er über zehn Jahre später endgültig zurückkehrte, brachte es mir nicht das erhoffte Glück.
Noch etliche Jahre nach dem Krieg blieb mein Vater in der Army und kam nur sporadisch zu Besuch. Dann geriet unser kleiner Haushalt jedes Mal in einen regelrechten Aufruhr, auch wenn er nur kurze Zeit blieb. Mir kam er wie ein wichtiger Besucher vor, weniger als ein Elternteil. Schon Tage vor seiner Ankunft wurden die Böden geschrubbt, die Möbel poliert und die Kissen geschüttelt. Der warme Ofengeruch durchzog unser Haus, wenn meine Mutter ihm seine Lieblingskuchen backte, und wenn der lang erwartete Tag endlich kam, steckte mich meine Mutter in mein bestes Kleid und zog selbst ihr hübschestes an. Immer wieder schauten wir ungeduldig zum Fenster hinaus, warteten darauf, dass das Gartentor aufging und ein lauter Ruf ertönte, auf den hin meine Mutter die Tür aufriss und in seine ausgebreiteten Arme lief.
Ich erinnere mich an einen großen, gut aussehenden Mann, der meine Mutter zum Lachen brachte. Sie war so glücklich, dass sich von Zeit zu Zeit ein rosafarbenes Glühen auf ihren Wangen zeigte. Bei seinen Besuchen brachte er stets Geschenke mit, Seidenstrümpfe für sie, Schokolade für mich. Meine Mutter packte ihre Geschenke ganz langsam aus. Sie faltete das Geschenkpapier zusammen, damit man es später noch einmal benutzen konnte, ich dagegen riss meins jauchzend auf. Er, der Wohltäter, saß derweil im gemütlichsten Sessel und nahm unsere Freude lächelnd zur Kenntnis.
An meinem vierten Geburtstag riss ich auf gleiche Weise ein Paket auf und fand darin einen großen, roten Elefanten aus Filz. In meinen Augen war er schöner als jede Puppe, die ich jemals gehabt hatte. Ich taufte ihn auf den Namen Jumbo und weigerte mich monatelang, mich auch nur eine Minute von ihm zu trennen. Ich schleifte Jumbo am Rüssel durch das Haus, teilte mit ihm das Bett und nahm ihn mit, wenn wir jemanden besuchten.
Ein paar Monate nach diesem Geburtstag ließ mein Vater uns wissen, dass er Gefallen am Leben eines Zivilisten gefunden habe. Er wolle, so sagte er, mehr Zeit mit seiner Frau und seiner Tochter verbringen. Als meine Mutter das hörte, strahlte sie über das ganze Gesicht, und in den Wochen vor seiner endgültigen Rückkehr war sie ungewöhnlich heiter.
Als es wieder einmal nach Kuchen duftete und das Haus auf Hochglanz gebracht wurde, wusste ich, dass es so weit war, aber es vergingen noch drei lange Tage, bevor er endlich eintraf. Dieses Mal gab es keine Geschenke nach der Begrüßung, und schon nach wenigen Stunden hatte sich die gemütliche Atmosphäre in unserem Haus für immer verflüchtigt, an deren Stelle trat eine beklemmende Spannung.
Als ich an diesem ersten Abend im Bett lag, den roten Elefanten an mich gedrückt, wachte ich auf, weil meine Eltern sich lautstark stritten. Mit war seltsam zumute. Bislang hatte ich kaum jemals zornige Stimmen gehört. Ich drückte Jumbo noch fester an mich und hoffte, sie würden aufhören. Irgendwann driftete ich in einen unruhigen Schlaf.
Lange Zeit später erzählte mir meine Mutter, dass sie wegen der Trink- und Spielsucht meines Vaters gestritten hätten. Warum er trank und spielte, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass es nichts Gutes bedeutete. Nachdem er seinen Posten bei der Armee mit einer Abfindung verlassen hatte, war er erst nach Hause zurückgekehrt, als er den letzten Penny beim Pokerspiel verloren hatte. Der Traum meiner Mutter, ein Haus kaufen zu können, das sie in ein gemütliches Heim verwandeln wollte, war dahin. Das erzählte sie mir in einem der wenigen vertrauten Augenblicke, die uns noch geblieben waren, und schon damals spürte ich genau, dass diese Enttäuschung nicht die letzte bleiben würde.
Meine Mutter erkannte, dass sie mitarbeiten müsste, wenn sie sich ihren Traum doch noch erfüllen wollte. Aber das war nicht so einfach. Im Jahrzehnt nach dem Krieg erhielten Frauen erheblich weniger Lohn als Männer, und es gab nur wenige Arbeitsplätze. Die siegreichen Soldaten, die in Deutschland geblieben waren, um dabei zu helfen, das verwüstete Land wieder aufzubauen, kehrten nach England zurück und sahen sich mit Massenarbeitslosigkeit, Rationierung und miserablen Wohnbedingungen konfrontiert. Mit einer für sie typischen grimmigen Entschlossenheit weigerte sich meine Mutter aufzugeben, und schließlich wurde ihre Hartnäckigkeit belohnt. Sie bekam eine Stelle als Nachtkassiererin an einer Tankstelle, die viele Kilometer entfernt lag; eine kleine, dunkle, mietfreie Wohnung war Teil ihres Lohns.
Auch mein Vater hatte Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Obwohl er ausgebildeter Mechaniker war, blieb ihm nichts anderes übrig, als eine Arbeit in der Nachtschicht in einer Fabrik anzunehmen.
Von nun an verlief unser Leben nach verschiedenen Mustern. Mein Vater kam am frühen Morgen von der Arbeit, grummelte, wie müde er sei, und ging sofort ins Bett. Meine Mutter, die sich um mich und um den Haushalt kümmern musste, durfte zusehen, wie sie an den nötigen Schlaf kam.
Manchmal besuchte uns Großmutter und nahm mich auf einen kleinen Ausflug mit, aber das geschah nicht oft, und auch die Tage, die ich allein mit meiner Mutter verbrachte, wurden immer seltener. Wenn ich in der kleinen Wohnung aufwachte, klemmte ich Jumbo unter den Arm und machte mich auf die Suche nach ihr. Meistens war ich allein in der Wohnung, dann lief ich im Schlafanzug und schlaftrunken zur Tankstelle hinunter. In jenen frühen Tagen schimpfte sie nie mit mir. Sie nahm mich nur in die Arme, lachte, brachte mich wieder nach oben und steckte mich ins Bett zurück.
Einen Monat vor meinem fünften Geburtstag zogen wir wieder um, dieses Mal in ein kleines Reihenhaus mit Garten. Mein Vater war befördert worden, und das bedeutete eine feste Stelle, bessere Arbeitszeiten und mehr Lohn. Die ständigen Nachtschichten ermüdeten meine Mutter, und zum ersten Mal seit der Rückkehr ihres Ehemanns bestand die Hoffnung, dass sie ihre Arbeit aufgeben und sich wieder ganz dem Haushalt widmen könnte.
In der Nacht vor meinem Geburtstag konnte ich vor Aufregung nicht einschlafen. Ich überlegte, was ich wohl geschenkt bekommen würde. Die ganze Woche hatte ich meine Mutter bedrängt, es mir zu verraten. Aber sie lachte nur und sagte, ich müsse meine Neugier so lange bezwingen, bis es so weit war.
Ich wachte sehr früh auf und rannte nach unten. Schließlich erinnerte ich mich noch gut an Jumbos Ankunft bei meinem letzten Geburtstag. Aber diesmal wartete kein Geschenk auf mich. Als meine Mutter die Enttäuschung auf meinem Gesicht sah, beeilte sie sich zu sagen, dass wir jemanden besuchen würden. Dort würde ich mein Geschenk bekommen.
Ich schlang mein Frühstück herunter. Meine Mutter zog mir den Mantel an und knöpfte ihn zu, nahm mich bei der Hand und ging mit mir zur Bushaltestelle. Mit einem Doppeldeckerbus fuhren wir in das mehrere Kilometer entfernte nächste Dorf. Wir gingen durch die Straßen, bis wir an ein Haus kamen, das ich noch nie gesehen hatte. Ich war verwirrt und hatte keine Ahnung, wieso ich hier mein Geschenk bekommen sollte. Geschenke kauft man in Geschäften, das wusste ich.
Als meine Mutter an die Tür klopfte, hörte ich schrilles Hundegebell. Ich ahnte etwas, und schon begann mein Interesse für Jumbo, den ich zwar noch immer liebte, zu schwinden. Ich hatte mir schon immer ein Hundebaby gewünscht. Sollte mein Wunsch heute in Erfüllung gehen?
Eine kleine, rundliche Frau mit grauem Haar öffnete die Tür. Mehrere schwarz-braun gefleckte Drahthaarterrier wuselten um ihre Füße herum, wedelten mit den Schwänzen und sprangen an uns hoch, um uns zu begrüßen. Die Frau mahnte sie zur Ruhe und führte uns in eine geräumige Küche. Meine Aufregung wuchs ins Unermessliche, als ich in einen Korb vor dem Ofen blickte, in dem kleine Welpen schliefen. Einer jedoch hatte sich aus der Menge gelöst und stand auf etwas zittrigen Beinen auf dem Boden. Er hatte bereits die schwarz-braune Zeichnung der ausgewachsenen Hunde, sah sich mit funkelnden, abenteuerlustigen Augen um und schnupperte mit seiner schwarzen Knopfnase in der Luft.
Noch bevor meine Mutter irgendetwas zu der Frau sagen konnte, war ich zu dem kleinen Ausreißer gelaufen und kniete mich vor ihn. Ich wusste sofort, dass ich sein neues Frauchen sein sollte. Ich nahm ihn, oder besser gesagt, sie, in den Arm, atmete ihren Duft ein und ließ mir von ihrer rosaroten Sandpapierzunge über die Wange lecken. Wir mochten uns von Anfang an, und sie wurde meine beste Freundin der Kindertage.
»Die gefällt dir am besten?«, fragte meine Mutter.
Mein strahlendes Gesicht war Antwort genug.
»Dann gehört sie dir. Das ist dein Geburtstagsgeschenk.«
Ich bekam den Mund gar nicht mehr zu. Mein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen. Ich küsste den kleinen Hund auf den Kopf und zeigte ihm mit der mütterlichen Liebe, zu der eine Fünfjährige fähig ist, dass ich mich von nun an um sie kümmern würde.
»Wie soll sie denn heißen?«, fragte meine Mutter.
Ich erinnerte mich an eine markante Figur, die ich gesehen hatte, als wir Monate zuvor einen zauberhaften Tag am Strand verbracht hatten. Meine Großmutter war mit mir mit dem Zug nach Ramsgate an der Küste von Kent gefahren. Ich hatte gerade eine große Eiswaffel bekommen, als ich ein paar Kinder sah, die in der warmen Sonne im Kreis zusammensaßen. Was ihre Aufmerksamkeit fesselte, konnte ich nicht erkennen. Ungeduldig zog ich meine Großmutter hinter mir her, und nach ein paar Schritten sah auch sie – Punch und Judy. Ich vergaß mein Eis, das mir die Finger hinabtropfte, und starrte wie gebannt auf die beiden Puppen und ihre Streiche. Ich buhte mit den anderen Kindern, wenn Punch Judy attackierte, und johlte mit ihnen, wenn Judy Punch eins überbriet. Auch als der Puppenspieler mit seiner Sammelbüchse herumging, konnte ich das Geheimnis der beiden kleinen Figuren kaum fassen, und meine stets geduldige Oma musste sich einen nicht enden wollenden Katalog von Fragen über die kämpfenden Puppen gefallen lassen.
»Ich werde sie Judy nennen«, sagte ich zu meiner Mutter.
Dieser Geburtstag sollte für mich die schönste Erinnerung an meine Kindheit werden.
Meine Mutter hatte mich an einer kleinen Privatschule angemeldet. Jeden Morgen brachte sie mich hin, und jeden Nachmittag erwartete sie mich mit ihrem warmen Lächeln am Schultor. Ich fühlte mich sehr erwachsen, denn ich trug eine Uniform, und über meine Schulter hing eine Tasche mit Bleistiften, Radiergummis und den ersten Schulbüchern. Auch wenn mir die Schule Spaß machte, so konnte ich es dennoch nicht abwarten, nach Hause zu kommen, und ich sehnte mich nach dem letzten Läuten. Wenn ich zu Hause war, musste ich zuerst ein Sandwich essen und ein Glas Milch trinken, und erst wenn ich mich meiner blauen Uniform entledigt hatte, durfte ich eine Stunde mit Judy draußen spielen. Wenn meine Mutter der Meinung war, dass wir beide uns genug ausgetobt hatten, öffnete sie die Küchentür und rief uns ins Haus. Sie holte das Lesebuch, aus dem ich jeden Tag neue Wörter lernte, und das Rechenbuch aus meiner Tasche. Dann saß ich am Tisch und machte meine Hausaufgaben, während Judy zu meinen Füßen lag und meine Mutter das Abendessen zubereitete.
Als Weihnachten nahte, war Judy von einem Welpen zu einem kleinen Hund herangewachsen, und von meinem gesparten Taschengeld kaufte ich eine hübsche rote Leine mit einem passenden Halsband für sie. Nun machte ich lange Spaziergänge mit ihr. Stolz ging ich in meinem warmen Wintermantel neben ihr, und sie schien in ihrem natürlichen Pelz ebenso stolz neben mir zu laufen. Wenn mich jemand auf sie ansprach, platzte ich fast vor Stolz. Mein Glück war vollkommen, als meine Großmutter uns wieder öfter besuchte. Niemand verlor ein Wort darüber, warum sie so lange nicht mehr gekommen war. Jahre später vertraute sie mir an, dass sie sich für uns geschämt hatte, als wir über der Tankstelle wohnten. Und sie verriet mir auch, dass sie meinen Vater nie habe leiden können – ihn ihrer Tochter nicht würdig befunden habe. Sosehr ich ihr in allen Punkten insgeheim beipflichtete, war es nunmehr zu spät, um mich mit ihr auszutauschen.
Genauso wie ich vergötterte sie Judy, die sie stets voller Übermut begrüßte. Meine Großmutter nahm sie in den Arm und kitzelte sie am Bauch, wofür sie mit Abschlecken belohnt wurde – die rosa Zunge fuhr wie wild über das mit dem parfümierten Puder bedeckte Gesicht.
Wenn meine Großmutter zu Besuch kam, brachte sie stets Geschenke mit, meistens Bücher, und wenn meine Mutter zu viel zu tun hatte, nahm sie sich die Zeit, mit mir zu lesen.
Als meine Eltern im Februar verkündeten, dass wir nach Nordirland ziehen würden, wurde meine Freude nur durch den Gedanken getrübt, dass ich Großmutter nicht mehr so oft sehen würde. Da sie mir aber versicherte, sie würde uns hin und wieder besuchen, wurde mir auch diese Angst genommen.
Es sollten sechs Jahre vergehen, bevor ich sie wiedersah.
Wir schickten regelmäßig Briefe, die nichts über unser wahres Familienleben aussagten. Nie vergaß sie Geburtstage und Weihnachten, aber der ersehnte Brief, in dem sie einen Besuch ankündigte, kam nie. Da ich nichts von den Ausflüchten wusste, die meine Mutter erfand, verblasste das Bild meiner Großmutter allmählich. Sie wurde zu jemand, der mich einmal gern gehabt hatte, früher.
Im Wohnzimmer standen drei Teekisten und ein Koffer. Sie enthielten, abgesehen von den Möbeln, den ganzen Hausstand unserer Familie. Über die Jahre sah ich oft, wie sie aus- und wieder eingepackt wurden, so oft, dass sie schließlich zum Sinnbild meines erloschenen Optimismus’ wurden. Mit fünfeinhalb lösten sie jedoch noch ein anderes Gefühl aus – ein neues Abenteuer begann. Triumphierend hatte meine Mutter in der Nacht zuvor die dritte Kiste zugenagelt. Dann kam der Laster, der unser Gepäck abholte, und die Reise konnte beginnen.
Mein Vater, der sich bereits seit mehreren Wochen auf Wohnungssuche in Nordirland aufhielt, hatte uns endlich eine Nachricht geschickt. Der ersehnte Brief war vor einer Woche gekommen, und meine Mutter hatte mir Teile daraus vorgelesen. Er hatte, so las sie erfreut, ein Haus auf dem Land gefunden. Zunächst würden wir jedoch seine Familie besuchen, die schon sehnsüchtig auf uns wartete. Wir würden zwei Wochen bei ihnen wohnen, bis unsere Kisten und Möbel eingetroffen waren, dann würden wir unser neues Haus beziehen.
Meine Mutter versicherte immer wieder, wie gut mir Irland gefallen würde, wie nett die Verwandten seien und wie schön das Leben dort werden würde. Sie sprach ganz aufgeregt von der Zukunft in unserem Haus auf dem Lande. Wir würden unser eigenes Gemüse anbauen und uns Hühner und Gänse halten. Ich dachte an Postkarten mit flauschigen Küken und wurde selbst ganz aufgeregt. Immer wieder las sie mir aus Vaters Briefen vor, von meinen Cousins und Cousinen, von unserem Haus, und wie sehr er uns vermisste. Ihre Freude steckte mich an, sodass auch ich mich auf unser zukünftiges, idyllisches Leben freute.
Als der Möbelwagen abgefahren war, warf ich einen letzten Blick in die leeren Zimmer. Es tat mir leid, die bekannte Umgebung zu verlassen, aber ich freute mich auf unser neues Zuhause in einem anderen Land.
Meine Mutter nahm das Handgepäck, und ich umklammerte mit festem Griff Judys Leine, als wir uns auf die vierundzwanzigstündige Reise machten. Was mir wie ein Abenteuer vorkam, dürfte für meine Mutter nichts als eine scheußliche Plackerei gewesen sein. Sie musste nicht nur auf mich und unser Gepäck aufpassen, sondern auch noch auf Judy, die sich von einem Welpen zu einem putzmunteren, stets zu Unsinn aufgelegten kleinen Hund entwickelt hatte.
Der Bus brachte uns zum Bahnhof mit seinen Blumenkübeln und den freundlichen Dienstmännern. Wir nahmen den Zug in die Midlands, dort stiegen wir nach Crewe um. In unserem Abteil beobachtete ich den durch die Luft wabernden Dampf der Lokomotive, lauschte dem stampfenden Geräusch der Räder. Es klang wie: »Wir fahren nach Nordirland, wir fahren nach Nordirland.«
Ich konnte kaum still sitzen bleiben, aber die Aufregung schmälerte meinen Appetit nicht. Um Geld zu sparen, hatte meine Mutter allen Reiseproviant mitgenommen. Eingewickelt in ein braun getöntes Butterbrotpapier war ein Stapel mit Corned-Beef-Sandwiches, dazu gab es ein hart gekochtes Ei. Dabei starrte ich die ganze Zeit aus dem Fenster. Ein knackiger Apfel folgte, während meine Mutter sich Tee aus einer Thermoskanne eingoss. Auch an Judy war gedacht worden, sie bekam ihr Futter und Wasser in dem mitgebrachten Napf. Sie fraß alles bis auf den letzten Krümel auf, leckte dankbar meine Hände und schlief schließlich zusammengerollt zu meinen Füßen ein. Nachdem wir gegessen hatten, holte meine Mutter ein feuchtes Tuch aus einem kleinen Beutel hervor und wischte mir Gesicht und Hände ab, bevor sie ihr vergoldetes Puderdöschen zum Vorschein brachte und sich geschwind Nase und Kinn puderte. Sie schürzte die Lippen und trug dunkelroten Lippenstift auf, ihre Lieblingsfarbe.
Der Bahnhof von Crewe glich einer riesigen, lärmenden Höhle, schmutzig und schlecht beleuchtet, ganz im Gegensatz zu den hübschen, bunt gestrichenen Bahnhöfen in Kent. Meine Mutter zog mir den Wollmantel an, reichte mir Judys Leine und kümmerte sich um unser Gepäck.
Der Zug, der uns von Crewe zur Fähre nach Liverpool brachte, quoll über von fröhlichen Passagieren in Urlaubsstimmung, viele davon Soldaten, die nach Hause fuhren. Zahlreiche helfende Hände verstauten unsere Taschen im Gepäckfach über unseren Köpfen. Judy wurde gebührend bewundert und gestreichelt, worauf ich sehr stolz war. Meine hübsche Mutter mit ihrem schulterlangen, dunklen Haar und der schlanken Figur musste derweil dem einen oder anderen Soldaten erklären, dass in Belfast ein Ehemann auf uns wartete.
Ich hatte meine Malbücher und die Buntstifte hervorgeholt, fand aber alles, was um uns herum geschah, viel zu aufregend. Trotzdem fielen mir vor Müdigkeit fast die Augen zu, und nach einer knappen Stunde schlief ich ein.
Als ich wieder aufwachte, hatten wir Liverpool bereits erreicht. Durch die Dampfschwaden sah ich das Schiff, mit dem wir übersetzen würden, ein riesiger, grauer Kasten, der sich über unseren Köpfen erhob. In seinem Schatten formten die Menschen mit ihren Gepäckstücken eine lange Schlange vor der Gangway. Das fahle gelbe Licht der Straßenlaternen beschien das ölige Hafenwasser. Ich kannte bislang nur die kleinen Fischerboote von Ramsgate und fand es ungeheuer aufregend, dass wir auf so einem riesigen Schiff reisen sollten. Ich hielt Judys Leine ganz fest und rückte näher an meine Mutter, als wir uns in die Schlange einreihten.
Das Bootspersonal half uns an Bord, und ein Steward in einer weißen Jacke zeigte uns unsere kleine Kabine in der zweiten Klasse. Das Mobiliar bestand aus einem Holzstuhl, einem Waschbecken und einer einzigen Koje.
»Was, wir beide sollen da drin schlafen?«, rief ich mit ungläubiger Naivität aus.
Der Steward lachte und zerzauste mein Haar. »Aber sicher, du bist doch noch ziemlich klein.«
In der Nacht schmiegte ich mich an meine Mutter, und das Auf und Ab der Wellen wiegte mich für den größten Teil der zwölfstündigen Überfahrt in den Schlaf. Ich wurde nicht im Geringsten seekrank, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Passagieren, wie uns der Purser erzählte, als er uns am Morgen Tee und Toast brachte.
Kurz vor Sonnenaufgang trafen wir in Belfast ein, und noch einmal reihten wir uns in eine Schlange ein, um von Bord zu gehen. Einige Passagiere lehnten sich bereits winkend über die Reling, aber ich war zu klein, um etwas zu sehen. Mit einem letzten Ruck kam das Schiff zur Ruhe, die Gangway wurde heruntergelassen, und ich warf meinen ersten Blick auf Belfast.
Das Licht der Dämmerung schien auf feucht glänzende Pflastersteine, kleine Ponys zogen Holzkarren hinter sich her. Menschen standen vor dem Schiff, ihr Atem dampfte in der Kälte. Lächelnd erwarteten sie die Passagiere. Der harte irische Akzent, mit dem sich Freunde und Verwandte begrüßten, knirschte in meinen Ohren.
Wir machten uns auf die Suche nach meinem Vater. Hier sah alles so anders aus, klang anders. Da kam er auch schon mit einem breiten Grinsen auf uns zu. Er umarmte meine Mutter und küsste sie innig, dann hob er mich hoch und küsste auch mich schmatzend auf beide Wangen. Judy schlich misstrauisch um seine Beine herum, und sie wedelte auch nicht mit dem Schwanz, was selten genug vorkam.
Er sagte, wie sehr er uns vermisst habe, wie froh er sei, dass wir nun da waren, und dass jeder sich darauf freue, uns kennenzulernen. Er nahm unsere Koffer und brachte uns zu einem Wagen.
Er habe ihn sich ausgeliehen, wie er uns mit einem Augenzwinkern verriet, für den letzten Teil unserer Reise. Meine Mutter strahlte, als er hinzufügte, dass es ihm nicht gefallen hätte, wenn wir mit dem Zug nach Coleraine hätten fahren müssen, weil er sie dann noch länger hätte vermissen müssen.
In eine warme Wolldecke gehüllt, saß ich auf dem Rücksitz, als wir den letzten Reiseabschnitt antraten. Er hielt ihre Hand, und ich hörte, wie er sagte: »Von nun an wird alles anders, du wirst schon sehen, wir werden hier glücklich werden. Und die Landluft wird auch Antoinette guttun.« Meine Mutter lehnte den Kopf an seine Schulter. Ein gutes Gefühl herrschte zwischen den beiden, und obwohl ich noch klein war, spürte ich es auch.
Aber ich fühlte mich ausgeschlossen. Mein Vater konzentrierte sich ganz auf meine Mutter. Ihr Lächeln war an diesem Tag nicht für mich bestimmt, sie hatten nur Augen füreinander. Während ich die Landschaft betrachtete, die sich auftat, hatte ich das dumpfe Gefühl, als hätte ich ein Warnzeichen erhalten.
Ich betrachtete die indigofarbenen irischen Berge, die noch vom Morgennebel eingehüllt wurden. Gedrungene graue Häuser duckten sich in die zerklüfteten, grünen Ebenen, ganz anders als die hübschen, schwarz-weißen Cottages von Kent. Schafe drängten sich Wärme suchend auf den Wiesen aneinander, die durch niedrige Steinmauern voneinander abgegrenzt wurden. Wir fuhren durch kleine Weiler, wo es nur einen einzigen Laden für alles und alle gab. Schweine schnüffelten mit ihren Schnauzen in der schlammigen Erde der Höfe von einstöckigen Bauernhäusern, dazwischen liefen Hühner umher. Kinder winkten uns zu, wenn wir vorbeifuhren; ich winkte zurück und hielt Judy hoch, damit sie auch alles sehen konnte.
Irland gefiel mir, und ich freute mich auf meine neue irische Familie. Auch wenn ich die Großmutter mütterlicherseits, die wir in England zurückgelassen hatten, über alles liebte, war ich doch neugierig auf die neuen Verwandten. Meine Mutter hatte sie mir beschrieben, aber so richtig vorstellen konnte ich mir sie nicht. Sie hatten mich als ganz kleines Kind gesehen, aber ich konnte mich nicht an sie erinnern.
Allmählich wichen die Felder breiten Straßen, an denen große Häuser in prächtig gestalteten Gärten standen, dann folgten kompakte Doppelhaushälften mit kleinen Fenstern, deren Gärten durch adrett geschnittene Hecken begrenzt wurden. Schließlich kamen die Reihenhäuser, deren karge Sträucher von niedrigen Mauern geschützt wurden.
Mein Vater verkündete, dass wir nun bald das Haus seiner Mutter erreichen würden, wo ein Mittagessen auf uns wartete. Erst jetzt fiel mir auf, wie hungrig ich war. Seit dem Frühstück mit dünnem Tee und Toast waren mehrere Stunden vergangen.
Bald war kein grüner Fleck mehr zu sehen, die Straßen wurden schmaler und die Häuser düsterer. Schließlich bogen wir in eine Straße mit winzigen Backsteinhäusern, deren Vordertüren direkt auf den Bürgersteig führten. Hier sei er aufgewachsen, erzählte mein Vater, und hier wohnten einige meiner irischen Verwandten. Ich reckte den Hals, eine solche Straße hatte ich noch nie gesehen.
