Ich will nicht mehr schweigen - Toni Maguire - E-Book

Ich will nicht mehr schweigen E-Book

Toni Maguire

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Beschreibung

Emily ist vier Jahre alt, als ihr Vater die Familie verlässt. Ihre Mutter verliebt sich in einen neuen Mann, und damit beginnt Emilys Albtraum. Ihr Stiefvater misshandelt sie emotional und körperlich. Ihre Mutter weiß, was passiert - doch sie rettet ihre Tochter nicht vor den Übergriffen.

Emilys »abnormales« Verhalten«, das nicht als Autismus erkannt wird, führt zu immer härteren Strafen durch ihre Eltern.

Erst mit vierzehn kann Emily der Hölle ihrer Kindheit entkommen und endlich ein neues Leben anfangen.

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Titel

Widmung

Prolog

TEIL EINS

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

TEIL ZWEI

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Epilog

Danksagung von Emily Smith

Über die Autorinnen

Weitere Titel der Autorin

Impressum

Über dieses Buch

Emily ist vier Jahre alt, als ihr Vater die Familie verlässt. Ihre Mutter verliebt sich in einen neuen Mann, und damit beginnt Emilys Albtraum. Ihr Stiefvater misshandelt sie emotional und körperlich. Ihre Mutter weiß, was passiert – doch sie rettet ihre Tochter nicht vor den Übergriffen.

Emilys »abnormales« Verhalten, das nicht als Autismus erkannt wird, führt zu immer härteren Strafen durch ihre Eltern.

Erst mit vierzehn kann Emily der Hölle ihrer Kindheit entkommen und endlich ein neues Leben anfangen.

Toni Maguiremit Emily Smith

Ich will nicht mehr schweigen

Eine Kindheit hinter Mauern

Aus dem Englischen von Ulrike Strerath-Bolz

Meinem Partner und meinen beiden wunderbaren Töchtern gewidmet.

Prolog

Die meisten von uns schwelgen gerne in Erinnerungen. Manchmal nehmen wir uns die alten Fotoalben vor und blättern darin. Wir zeigen mit dem Finger auf einzelne Bilder, Erinnerungen steigen auf und wir lachen über die vergangenen Zeiten. Oder wir wechseln einen Blick mit Menschen, die wir lieben, weil uns ein Bild aus der Erinnerung anspringt, und sagen wie aus einem Mund: »Weißt du noch?«

Im Gegensatz zu all den glücklichen Menschen, die solche sorglosen Erinnerungen hegen können, habe ich meine Vergangenheit vor fast fünfzehn Jahren sicher verstaut. Nicht in einer Schachtel voller Erinnerungen, eher in Form eines imaginären Aktenschranks, in dem jede Schublade sorgfältig beschriftet ist. In einigen liegen die glücklichen Zeiten, die ich mit der Familie meiner Mutter verbracht habe. Auf denen steht »Anschauen«. Andere tragen die Aufschrift »Unter Verschluss«. Und wo sind die Alben mit Fotos aus der Zeit, bevor ich meinen Partner traf? Nun, abgesehen von ein paar Bildern, die mir meine Großmutter bei meinem letzten Besuch in die Hand drückte, besitze ich keine Fotos aus dieser Zeit. Ich habe keine Alben mit Bildern, die meine Entwicklung vom fröhlichen zahnlosen Baby zum linkischen Teenager zeigen.

»Sie müssen beim Umzug verloren gegangen sein«, sage ich leichthin. Dabei weiß ich, dass das nicht stimmt.

Es gibt keine Fotos aus meiner Kindheit. Es hat sie nie gegeben.

*

Aber heute und sicher auch morgen werden die falschen Schubladen aufgehen und mir Bilder vor Augen führen, die ich nicht sehen will. Denn sie verfolgen mich, seit es mir gelungen ist, zu fliehen. Sie treiben hinter meinen geschlossenen Lidern dahin, schleichen sich in meine Träume, unterbrechen mich selbst im Alltag, wenn ich mir ein wenig Ruhe gönne. Wie kann das sein?

Nun, einer kleinen Person ist es gelungen, sie in zufälliger Folge zu öffnen. Gerade die, die ich ganz fest verschlossen hatte, als ich von dem Ort entkam, den ich mein Zuhause nennen musste. Ich wünschte, ich könnte mir aussuchen, was mir da in den Sinn kommt, denn ich würde mich nur zu gern an den glücklichen Momenten festklammern, die ich in der Familie meiner Mutter erlebt habe, bevor ich fünf Jahre alt war. Doch jedes Mal, wenn ich mir jetzt diese Momente anschauen will, schieben die anderen Erinnerungen sie triumphierend zur Seite und zeigen mir ihre dunklen Seiten. Könnte ich diese Teile meiner Vergangenheit nur auslöschen! Aber das gelingt mir eben nicht.

Eine andere Erinnerung, eine neutrale – eine Stimme – hat sich vor Kurzem in meinem Kopf gemeldet. Sie stammt von einer Lehrerin, die mir einen Stern für einen Aufsatz gab. »Der ist gut, Emily«, sagte sie mit freundlichem Lächeln. »Du musst nur aufpassen, dass du eine Geschichte immer am Anfang beginnst.« Dabei fangen doch viele Bücher mit dem Ende an und arbeiten sich dann in die Vergangenheit zurück. Ich finde also nicht, dass es da feste Regeln gibt.

Aber gut, gäbe es nicht diesen Teil meiner Geschichte, der sich täglich entfaltet, dann wäre es mir vielleicht gelungen, die Schubladen geschlossen zu halten. Und dann gäbe es nichts zu erzählen. Wie kommt es also, dass diese Schubladen aufgegangen und all die Bilder wieder aufgetaucht sind? Wer ist dafür verantwortlich?, könnten Sie fragen.

Niemand anderer als meine Tochter. Mein jüngeres Ich.

*

Es ist jetzt fünfzehn Jahre her, dass ich das letzte Weihnachtsfest im Haus der Schrecken verbringen musste. Trotzdem habe ich mit dieser Zeit im Jahr immer noch zu kämpfen. Ich bin die ganze Zeit nervös, erwarte ständig, dass etwas passiert: dass mein Partner wütend auf mich wird, was durchaus passieren kann, wenn wir Gäste erwarten. Die ganze Zeit denke ich daran. Und dann der Hausputz, bevor sein Vater kommt. Hallo, leise Panik, alte Freundin! Ich bin eine unordentliche Person, ganz klar, und wenn ich das Badezimmer putze, muss ich an die Wutanfälle meines Stiefvaters denken. An die Schläge, das Haareziehen, die Schimpfworte, die Tränen. Dann kommt alles zurück wie ein Schlag ins Gesicht.

Wie schlimm es war, sieht man vielleicht daran, dass ich, obwohl ich nicht religiös war, zu dem Gott, an den ich nicht glaubte, betete, er solle machen, dass es aufhört. Einmal, als Elfjährige, habe ich versucht, meinen Schmerz im Alkohol zu ertränken. Zum Glück war nicht viel im Haus, aber ich fand immerhin eine Flasche Bacardi. Schon von dem Geruch wurde mir übel. Vermutlich hat mich das vor dem Alkoholismus gerettet. Das und die ständige Angst, er würde es merken und mich wieder schlagen.

Zurück in die Gegenwart, zum Heute, das ich so gern genießen möchte. Ich möchte für meine Töchter da sein. Aber ich kann die Stimme in meinem Kopf nicht zum Schweigen bringen, die mir immer wieder sagt, ich würde alles verderben.

Die meiste Zeit sind meine Kinder glücklich, jedenfalls hoffe ich das. Dass ich Frankreich und sie verlassen habe, ist erst der Anfang. Ihre Stimmen zum Schweigen zu bringen und nicht mehr das kleine, ängstliche Mädchen zu sein, fällt mir besonders schwer. Man sollte doch meinen, alles wird gut, wenn man entkommt. Endlich alles in Ordnung, kein Grund mehr, ängstlich oder depressiv zu sein. Ich habe schließlich die Hölle überlebt! Was kann mir denn noch passieren? Aber man entkommt den Geistern der Vergangenheit nicht. Sie leben ewig in unserem Kopf.

TEIL EINS

Kapitel 1

Wenn, was selten genug vorkommt, die zweijährige Isabelle schläft und die fünfjährige Sonia friedlich spielt, sinke ich voller Dankbarkeit in einen Sessel, eine Tasse Tee in der Hand.

Welche Mutter würde eine solche Gelegenheit nicht beim Schopf ergreifen?

Aber das heißt nicht, dass ich diese Momente erholsam finde. Nur zu oft beobachte ich, wie meine Tochter alle Gegenstände sorgsam in ihrer Spielzeugschachtel aufreiht oder ihre Puppen exakt so hinsetzt, wie sie sitzen sollen. Und dann bin ich auch schon auf dem Weg in meine eigene Kindheit, obwohl ich diesen Weg lieber nicht betreten würde. Ich weiß inzwischen, warum das so ist: Sie ist eine kleine Ausgabe von mir. Jedenfalls hat das ihr Vater gesagt, als er sie zum ersten Mal im Arm hielt. Ein Blick in ihr kleines Gesicht, auf ihre langen Gliedmaßen und den blonden Haarschopf – und er sagte mit strahlendem Lächeln: »Sie ist eine Miniausgabe von dir, Emily.« Damals wusste ich noch nicht, in welchem Ausmaß das wahr sein würde. Damals habe ich Patricks Bemerkung gar nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, ich war viel zu absorbiert von dem Anblick meiner kleinen Tochter. Von ihrem ersten Schrei geriet ich in eine Welle intensiver, reiner Liebe. Und als die Hebamme sie mir auf die Brust legte, hielt ich sie instinktiv fest.

»Sie ist perfekt«, murmelte ich. »Einfach perfekt.« Und mein zweiter Gedanke war, dass ich sie immer beschützen würde. »Du wirst eine glückliche Kindheit haben«, flüsterte ich ihr ins Ohr und schwor mir, genau dafür zu sorgen.

In den ersten Tagen, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war, besuchte uns Patricks Mutter Irene, um mir zu helfen. »Du musst dich noch ausruhen«, sagte sie zu mir und überredete mich, meine Tochter in ihr Bettchen zu legen. Doch sobald Sonia nicht mehr bei mir war, fühlten sich meine Arme schwerelos und leer an. Ich hätte sie am liebsten den ganzen Tag im Arm gehalten. Stattdessen legte ich mich auf die Seite, eine Hand auf dem Rand ihres Bettchens, und lauschte der Musik ihres Atems. Ich liebte dieses Geräusch, das schnelle Ein- und Ausatmen. Dieser winzige, flache Babyatem rührte mich fast zu Tränen.

Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal spürte, dass sie mich beobachtete. Und wie etwas später ihre Beine strampelten, die kräftig und fest geworden waren. Und dann der Tag, an dem sie mich zum ersten Mal anlächelte! Ich war sicher, es war keine Blähung gewesen, wie irgendwer behauptete. Nicht einen Tag ihrer Entwicklung habe ich vergessen.

Es dauerte zwei Jahre, dann bemerkte ich erste kleine Anzeichen dafür, dass sie mir ähnlicher war, als Patrick und ich am Anfang gedacht hatten. Es fing an, als sie die erste feste Nahrung zu sich nahm. Sie schob meine Hand weg, als ich versuchte, sie so zu füttern, wie ich es bisher mit püriertem Essen getan hatte, das ja nur eine Farbe hatte. Vom ersten Moment an wollte sie ihren eigenen Löffel haben. Und dann wurde mir klar, warum: Es fiel ihr zwar noch schwer, aber sie legte großen Wert darauf, das Gemüse zu sortieren. Das Kartoffelpüree durfte die Karotten nicht berühren und die Karotten mussten getrennt von den Erbsen liegen.

Als wir zum ersten Mal ihren entschlossenen Blick sahen, mit dem sie den Löffel bewegte und dafür sorgte, dass das Essen auf ihrem Teller so angeordnet war, wie sie es für richtig hielt, kniff mein Partner amüsiert seine funkelnden grünen Augen zusammen.

»Ich hab dir doch gesagt, sie ist so wie du.«

Ja, das war sie. Aber wir verbrachten natürlich auch viel Zeit miteinander, ich war ihr Vorbild, oder?«

»Sie ahmt mich nur nach«, sagte ich und fing an, zu lachen, weil das Gemüse auf meinem Teller genauso ordentlich sortiert war.

Aber es gab andere Anzeichen, die über ihre pingelige Art beim Essen hinausgingen. Dinge, die sie nicht nachahmen konnte. Dinge, die mir zeigten, dass sie viel mehr von mir geerbt hatte. Zum Beispiel, dass sie immer schrie, wenn ich ihr das Haar bürstete, das sich vom pflegeleichten Babyhaar zu dicken Locken entwickelt hatte.

Wahrscheinlich hat es geziept, dachte ich beim ersten Mal und lief in den Laden, um ein Mittel zum Entwirren zu kaufen. Das half auch ein bisschen, wenn ich sehr vorsichtig bürstete, immer nur einen kleinen Bereich. Es dauerte eine halbe Stunde, aber das war nicht schlimm.

Wirklich schlimm war das Baden. Wann immer Sonia in die Badewanne gehoben wurde, schrie sie ohrenbetäubend, schlug um sich und machte auf jede erdenkliche Weise klar, wie sehr sie das hasste. Vor allem, wenn man ihr die Haare wusch und mit der Dusche ausspülte. Sobald ein Wassertropfen an ihre Wimpern kam, brüllte sie los, und wenn man ihr Shampoo einmassierte oder Babylotion auf dem Körper verteilte, schauderte sie.

Als wir zum ersten Mal gemeinsam in die große Wanne stiegen und ich die kreischende Sonia in den Armen hielt, stieg eine Erinnerung in mir auf, die ich all die Jahre fest weggeschlossen hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich nicht meine Hände auf den Schultern meiner Tochter, sondern andere Hände, viel größer als meine, mit schwarzen Haaren auf den Handrücken. Und plötzlich sah ich nicht mehr meine Tochter vor mir, sondern mich selbst. Mein panisches jüngeres Selbst, das genau wusste, was passieren würde, und verzweifelt versuchte, diesen Händen zu entkommen. Ich konnte das hämische Lachen hören, das mir in den Ohren dröhnte wie Hagel, und das Wasser spüren, das aus der Dusche kam.

Und ich wusste genau, was danach passiert war und wie ich als Fünfjährige geschrien und geschluchzt hatte. Ich konnte spüren, wie wund meine Kehle war, als ich tropfnass dastand und versuchte, aufrecht zu stehen, obwohl sich meine Beine so anfühlten, als wären keine Knochen mehr darin. Und dann brach diese Fünfjährige einfach zusammen und schnappte nur noch nach Luft.

In diesem Moment gab ich Sonia ein Versprechen: Ich würde nicht zulassen, dass ihr irgendetwas auch nur annähernd Ähnliches passierte. Ich würde dafür sorgen, dass das Badezimmer ein sicherer Ort für sie war.

Seit diesem Tag denke ich mir alles Mögliche aus, damit ihr das Baden Spaß macht. Ich erzähle ihr Witze, erfinde Spiele mit der Gummiente und kleinen Plastikspielsachen – mit mäßigem Erfolg. Nur wenn ich Grimassen schneide, geht es einigermaßen. Das findet sie unglaublich lustig.

»Mehr!«, ruft sie dann. »Mehr, Mummy!« Wenn ich sie aus der Badewanne hebe, tut mir das ganze Gesicht weh. Aber sie hat ein paar Mal gekichert und sogar schnaubend gelacht, was viel, viel besser ist als die entsetzlichen Schreie.

Doch all das konnte die eine Frage nicht zum Schweigen bringen, die mich ständig beschäftigte. Die Frage, die ich der Frau vom Gesundheitsamt stellte, seit meine Tochter zwei Jahre alt geworden war.

»Warum spricht sie noch nicht richtig?«

Und jedes Mal erklärte man mir lang und breit, dass meine Tochter gesund und offensichtlich intelligent war. »Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo. In allen anderen Bereichen ist sie ihrem Alter voraus. Ich meine, sie war doch schon sauber, bevor sie ein Jahr alt war! Und schauen Sie sich diese Zeichnungen an, die sehen aus, als hätte sie ein wesentlich älteres Kind angefertigt.« Das alles sagte die Frau vom Gesundheitsamt mit ihrer ruhigen, beruhigenden Stimme.

Und es stimmte. Aber die nagende Sorge blieb in meinem Kopf. Eine Sorge, die ich noch ein ganzes Jahr lang zu ignorieren versuchte. Ich wusste, Sonia war ein intelligentes Kind, warum konnte ich mich damit nicht zufriedengeben? War ich nicht total stolz gewesen, als sie die Puzzles nach einem kurzen Blick doppelt so schnell zusammensetzte, wie es für eine Dreijährige normal gewesen wäre? Ich probierte es mit einem zweiten Puzzle für Vier- bis Sechsjährige und das Ergebnis war dasselbe.

Und doch blieb diese nagende Sorge. Was, wenn Sonia so war wie ich? Wobei ich mit drei Jahren gesprochen hatte, daran erinnere ich mich genau. Gerade meine Fähigkeit zu sprechen brachte mich ja in Schwierigkeiten. Noch eine Erinnerung an meine Kindheit, die ich nicht sehen wollte und wegschob, um eine andere zu finden, die mich zum Lächeln brachte.

Ich bin drei bis vier Jahre alt, liege auf dem Teppich bei meiner Großmutter, eine Schüssel Schokoladeneis vor mir. Ich hatte aufgehört zu essen, um etwas zu sagen. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber sie lachte darüber und sagte: »Du bist ein kleines Plappermaul, Emily.« Und dazu lächelte sie mich strahlend an.

Ich konnte also mit drei Jahren sprechen.

Und ich musste jeden Tag beobachten, dass Sonias Sprachentwicklung deutlich hinter ihrer Altersgruppe zurückblieb. Nicht nur, dass sie langsamer war als ich, sondern langsamer als alle anderen Dreijährigen im Kindergarten. Und wenn sie ein neues Wort lernte, dessen Klang ihr gefiel, dann behielt sie es in ihrem Mund und sagte es immer und immer wieder. Als ich das bemerkte, brachte ich sie zu einer Sprachtherapeutin. Von der ich nur dieselben tröstenden Worte zu hören bekam wie von der Frau aus dem Gesundheitsamt: »Sie ist ein intelligentes Kind. Und Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo.«

Ich zwang mich, das zu glauben.

»Es wird besser«, sagte die Sprachtherapeutin nach ein paar Wochen. »Machen Sie sich keine Sorgen, sie ist ein intelligentes kleines Mädchen.«

Vielleicht hätte sie mir sagen sollen, was sie wirklich dachte. Vielleicht glaubte sie auch, ich würde die Antworten auf all die nie gestellten Fragen schon kennen. Eltern können unglaublich viel verdrängen. Also entschied ich mich zu glauben, dass alles irgendwie in Ordnung kommen würde.

Als Sonia kräftig genug war, um an meiner Hand zu gehen, zog sie mich kräftig beim Springen über die weißen Linien auf dem Straßenpflaster. Sie weigerte sich, auf diesen Linien zu laufen, seit sie die ersten Schritte gemacht hatte, aber das tat ich ja auch. Und was den weißen Strich auf dem Bordstein anging – ich machte auch immer einen großen Schritt darüber, nicht wahr? Sie hatte das wohl bei mir beobachtet und wurde deshalb immer ganz starr vor Konzentration, bevor sie drübersprang. Jedes Mal, wenn es ihr gelang, strahlte sie übers ganze Gesicht und dachte wohl, wir seien beide etwas ganz Schlimmem entkommen. Woher ich das wusste? Weil ich in ihrem Alter genau dasselbe gedacht hatte. Mir war absolut nicht klar gewesen, was dieses Schlimme sein könnte, aber ich hatte ja guten Grund, ständig ängstlich zu sein, während es in ihrem Leben überhaupt keinen Anlass dazu gab.

Sie hält es für ein Spiel, dachte ich. Doch tief in meinem Innern wusste ich, dass das nicht stimmte.

Erst als wir eines Tages ein Picknick am Strand machen wollten, wurde mir klar, dass ich professionelle Hilfe brauchte, die über das Gesundheitsamt und die Sprachtherapeutin hinausging. Ich musste nicht mit Freunden oder der Familie meines Partners reden, denn all diese Menschen versicherten mir ja nur immer wieder, dass Sonia perfekt war – was ja auch der Wahrheit entsprach. Trotzdem war sie anders als andere Kinder. Und ich musste endlich wissen, warum.

*

Vor zwei Jahren erwachten wir an einem jener strahlenden, warmen Sonnentage, die in Irland so begeistert begrüßt werden. Nach einem Blick auf den wolkenlosen Himmel beschlossen Patrick und ich, es sei der perfekte Tag für ein Picknick in Barley Cove. Diese Strände und Buchten hatten Patricks Sehnsucht nach Irland am Leben gehalten, und außerdem ist das Land perfekt, um Kinder großzuziehen. Es war ein Wochenende und wir wussten, die Bucht mit dem sicheren, sanft abfallenden Strand würde sich rasch mit jungen Familien füllen. Also verschwendeten wir nicht viel Zeit, sondern packten Essen, Trinken und die unerlässlichen Flaschen mit Sonnenmilch in unsere Kühltasche.

Als wir ankamen, fanden wir mit viel Glück eine ruhige Stelle. Decken und Kissen wurden ausgelegt, ein großer Sonnenschirm aufgespannt, um uns Schatten zu spenden, und wir cremten uns alle drei sorgfältig ein. Dann lehnte ich mich mit einem kalten Getränk in der Hand an einen Felsblock und entspannte mich, während Patrick eine Sandburg für Sonia baute.

»Komm, Emily, du kannst uns helfen«, sagte er, während er eine Mauer aus Millionen von Sandkörnern errichtete.

»Nur noch einen Moment«, erwiderte ich und sah unsere Tochter an. »Sie sieht aus, als wäre ihr heiß, nicht wahr? Ich ziehe ihr die Sandalen aus, dann wird es besser.« Ich beugte mich herunter und zog Sonia die Schuhe aus. Es war der erste Sommer, in dem sie ohne Hilfe gehen konnte, und wir beobachteten sie lächelnd, als sie die ersten zögernden Schritte über den Sand machte. Doch unser Lächeln verschwand schnell, als sie anfing zu schreien.

Und es war kein Schreien, das man mit ein bisschen Ablenkung zum Verstummen bringen konnte. Ich wusste, so wie sie dastand, den Mund weit offen und mit den Armen in der Luft fuchtelnd, dass sie dabei war, vollkommen auszurasten. Außerdem war mir sofort klar, dass der Sand zwischen ihren Zehen der Grund dafür war. Ich kniete mich neben sie hin, sagte ihr, dass alles gleich wieder gut würde, und entfernte mit dem Finger den Sand zwischen ihren kleinen Zehen. Doch bis zu dem Moment, wo wirklich jedes einzelne Sandkorn weg war, brüllte sie weiter, das Gesicht zum Himmel gewandt, der Körper total steif.

Angesichts der vielen Blicke, die uns zugeworfen wurden, vermute ich, dass eine derartige Szene an diesem Strand noch nie vorgekommen war. Ich konnte nur hoffen, dass niemand von den Leuten, die uns hier zusahen, auch den Anfall bei Tesco vor ein paar Tagen erlebt hatte. All die missbilligenden Bemerkungen von Frauen, die ich da zu hören bekommen hatte, hätten beinahe ausgereicht, auch mich zum Schreien zu bringen. Böse Blicke und allerlei Äußerungen zum Thema Erziehung prasselten auf mich ein, sodass ich schon glaubte, gleich würde jemand sein Handy zücken und das Jugendamt anrufen.

An diesem Tag am Strand wirkte Patrick total hilflos. Er war nicht mit im Supermarkt gewesen und hatte auch nie versucht, Sonia die Haare zu waschen. Tatsächlich hatte er noch keinen echten Ausraster in der Öffentlichkeit erlebt. Ich konnte nur dasitzen und warten, bis sie vor lauter Erschöpfung aufhörte und mit herzzerreißendem Schluchzen zu Boden sank. Die Zeit stand still und ich wusste genau, wie schlecht es ihr ging. Alles andere war mir egal – die Blicke, meine Sorge, ich sah nur meine Tochter, kauerte neben ihr und flüsterte ihr all die beruhigenden Worte zu, die mir in diesem Moment einfielen. Endlich war sie still. Für einen Moment war ich beruhigt und dachte, es wäre vorbei – bis ich sah, dass sie mich ignorierte und sich zu einer kleinen Kugel zusammenrollte. Als ich mich über sie beugte, sah ich, dass sie ins Leere starrte.

»Nicht anfassen«, sagte ich scharf zu Patrick, der sich ebenfalls über sie beugte und die Arme ausstreckte, um sie hochzuheben. Denn ich wusste, was los war. Sie hatte sich an einen traurigen, einsamen Ort zurückgezogen. Alles um sie herum war aus ihrem Blickfeld verschwunden und sie würde Zeit brauchen, um sich wieder sicher zu fühlen.

Ich glaube, ich habe die Luft angehalten. Genau wie sie nahm ich kaum noch etwas wahr. Eine Frau kam auf uns zu und bot uns Hilfe an, aber ich überließ es Patrick, sich darum zu kümmern. Ich wollte Sonia in die Arme nehmen, ihr ins Ohr flüstern, dass sie in Sicherheit war, aber ich wusste, ich musste warten, bis sie bereit war, zu uns zurückzukommen.

Es kam mir wie Stunden vor, bis sie blinzelte, sich hinsetzte und in den Arm nehmen ließ. Als wir zu Hause waren, sprachen wir darüber und waren uns einig, dass es nur gut zehn Minuten gewesen waren.

Patrick sah ganz elend aus.

»Ich hatte solche Anfälle als Kind auch«, sagte ich zögernd.

»Davon hast du mir nie erzählt.«

»Nein, ich bin besser damit zurechtgekommen, als ich älter wurde, und dann habe ich sie auf das geschoben, was in meinem Leben passiert ist.«

»Aber so etwas passiert doch in ihrem Leben nicht! Emily, sie mag ja viel von dir geerbt haben, aber doch nicht deine Erinnerungen!«

Nein, das konnte nicht sein. Und ich musste akzeptieren, dass sie mich diesmal nicht nachgeahmt hatte. Ja, ich hatte das Gefühl von Gras oder Sand unter meinen Füßen immer gehasst, aber nicht so sehr, dass ich so reagiert hätte wie sie. Jetzt wusste ich, dass ich keine Entschuldigung mehr hatte. Patrick hatte recht, sie ahmte mich nicht nach. Darüber konnten wir uns sofort einigen. Und dann beschlossen wir, uns medizinische Hilfe von jemandem zu holen, der/die auf Verhaltensprobleme bei Kindern spezialisiert war.

»Ich rede mit unserem Hausarzt, der kann mir sicher eine Empfehlung geben«, sagte ich mit so viel Zuversicht in der Stimme, wie ich zustande brachte.

Und das tat ich auch gleich am folgenden Montag.

*

Als ich unserem Hausarzt alles erzählte, wirkte er nicht einmal überrascht. »Ja, das klingt so, als käme sie nach Ihnen, Emily. Und ich denke auch, es wird Zeit, dass man sie mal professionell anschaut.«

Er sagte nicht, wonach man schauen sollte. Aber er nannte mir eine seiner Meinung nach sehr gute Klinik und versprach mir, er würde sie dorthin überweisen, einen Termin machen und sich dann wieder bei mir melden.

Das wäre geschafft, dachte ich und stand auf. Aber so einfach war es nicht, er hatte noch jede Menge Fragen.

»Sie haben doch einen Bachelorabschluss in Englisch und Französisch«, sagte er irgendwann. »Wie sieht es denn mit Mathe aus?«

Ich musste sofort wieder an meine Schulzeit denken, wo ich die Lehrer mit meinen Lösungen zur Verzweiflung getrieben hatte. »Meine Lösungen waren immer richtig, aber ich konnte nicht sagen oder aufschreiben, wie ich darauf gekommen war. Ich meine, die Zahlen kamen einfach in meinen Kopf geflogen, als würden sie sich selbst addieren, subtrahieren, dividieren und multiplizieren. Das ging so schnell, dass ich gar nicht hinterherkam. Aber das glaubte mir ja keiner. Die Lehrer waren immer sauer auf mich und sagten, ich müsse wissen, wie ich zu der richtigen Lösung käme. Aber ich wusste es eben nicht.«

Der Arzt lächelte, als würde er mich ganz und gar verstehen.

»Sie sind also gescheitert, nicht weil Ihre Lösungen falsch waren, sondern weil Sie nicht erklären konnten, wie sie zustande kamen? Laienhaft ausgedrückt: Ihr Gehirn arbeitet so schnell wie ein Computer und die Schule hat das leider nicht begriffen. Aber das obere Ende des autistischen Spektrums wird im Kindesalter häufig nicht erkannt.«

Da wurde mir klar, dass er sich im Moment viel mehr für mich interessierte als für meine Tochter. Und ich erfuhr, dass ich Autistin bin. Nun denken Sie sicher, darauf hätte ich auch selbst kommen können. Ich meine, es gibt kauzige Menschen und es gibt Menschen, die einfach anders sind. Aber unter all den Etiketten, die meine Eltern mir aufgeklebt hatten, unter all den bösen Worten und Drohungen war der Begriff »autistisch« nie vorgekommen.

*

Der Arzt erklärte mir, dass die Angst, die meine Tochter und ich bei der Berührung bestimmter Dinge – Wasser, Gras, Sand – empfanden, als sensorische Verarbeitungsprobleme bekannt waren. Mit anderen Worten: Für uns war schmerzhaft, was andere als angenehm oder höchstens als leicht irritierend empfanden.

»Zum Glück«, fuhr er mit seiner beruhigenden Stimme fort, »wissen die Schulen heute viel besser mit Autismus umzugehen als zu Ihrer Zeit. Heute haben die meisten Lehrerinnen und Lehrer ein recht gutes Verständnis für die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, und werden ausgebildet, um auf eine mitfühlende Weise damit umzugehen.«

»Sie meinen, Probleme wie dieses Ausrasten?«

»Ja, das Ausrasten und vieles andere mehr.«

»Da kommt aber eine lange Liste zusammen. Ich meine, es ist ja schon gut, dass ich dieselben Probleme habe wie sie, nur nicht so extrem, oder?«

Ich konnte fast die Gedanken des Arztes lesen: Ja, so kann man es natürlich auch sehen. Aber er sprach es nicht laut aus, sondern stellte mir weitere Fragen.

Fragen, von denen ich mir gewünscht hätte, er hätte sie nicht gestellt.

»Sagen Sie mal«, fuhr er fort, den Stift über meiner Karteikarte, die vor ihm lag, »wie ist denn Ihre Mutter mit diesen Schwierigkeiten umgegangen – beim Haarewaschen zum Beispiel?«

In diesem Moment ging eine der Schubladen in meinem Aktenschrank auf und ich sah meine Mutter, die Bürste in der Hand.

»Oh, sie hat das nicht besonders beachtet«, krächzte ich.

»Hmm«, antwortete er nur und warf mir einen skeptischen Blick zu. Ich wusste genau, dass er mir nicht glaubte.

»Und in der Schule, wie sind Sie da zurechtgekommen?«

»Gut«, erwiderte ich. »Ich war eine gute und beliebte Schülerin.«

Das stimmt auch nicht so ganz, oder?

Kapitel 2

Die Schubladen, die aufgegangen waren, während ich mit dem Arzt sprach, stürzten sich hinterher förmlich auf mich in einer willkürlichen Reihenfolge. Manchmal hatte ich beim Blick in den Spiegel das Gefühl, als würde ich nicht mein erwachsenes Ich sehen, sondern das unglückliche Kind, das ich gewesen war, genauso alt wie meine Tochter. Nur dass dieses Kind mit seiner gerunzelten Stirn und den tränennassen Augen ganz anders dreinschaute als Sonia, die meistens lächelt. In dem Gesicht aus meiner Kindheit sah ich ganz deutlich die verwirrte Frage, warum ihre Mutter fast immer wütend auf sie war, während ihr Vater ihr so viel wie möglich aus dem Weg ging. Da sie überhaupt kein Selbstwertgefühl besaß, glaubte sie, mit ihr wäre etwas nicht in Ordnung. Sie war anders, oder? Schließlich sagten die Cousins und Cousinen das immer wieder, nur dass sie nicht verstand, warum. (Später sollte ich aufhören, mich »komisch« zu benehmen.)

Ich wusste genau, dass die Fragen meines Hausarztes zum Thema Essen die Schublade mit der Aufschrift »Strafen rund ums Essen« aufgezogen hatten. Ich sah rotes Fleisch, sah, wie ich es auf den Boden spuckte. Und dann hörte ich die schrille Stimme meiner Mutter, die mich jahrelang verfolgte: ins Schlafzimmer, ins Bad, ins Wohnzimmer, sogar in den Garten. Ich konnte ihren Worten, die mich so sehr verstörten, einfach nicht entkommen: »Böse! Du bist böse! Ich weiß nicht, was ich getan habe, dass ich ein Kind wie du verdient habe. Du bist widerlich! Glaub bloß nicht, dass ich deinen Dreck aufräume.« Und mit diesen Worten marschierte sie aus dem Zimmer und kam mit einem Stapel Zeitungspapier, einem Putzlappen und einem Eimer voll mit sehr heißem Seifenwasser zurück. »Dieser Boden ist sauber, wenn ich wiederkomme, hast du mich gehört, Emily?«

Ich konnte ja kaum vermeiden, sie zu hören – sie brüllte mir in die Ohren. Aber sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern sagte mir, wenn ich fertig wäre, sollte ich sofort ins Bett gehen.

Ich konnte das kleine Mädchen sehen, mein jüngeres Selbst, das auf dem Boden kniete, den Putzlappen in der Hand, und ihr eigenes Erbrochenes aufwischte, während es sich verzweifelt bemühte, die Übelkeit zu unterdrücken. Und dann dachte ich an Sonia und wie Patrick und ich damit umgegangen waren, als ihr eine Woche zuvor schlecht geworden war. Sie hatte sich einen fiesen Infekt eingefangen, der bei uns umging. Ich saß da, hielt sie auf dem Schoß und streichelte ihr sanft den Rücken. Und dann schoss ohne Vorwarnung das Erbrochene aus ihr heraus, traf mich an der Schulter, landete auf dem Sofa und tropfte von ihrer Kleidung. Ihr Gesicht verzog sich vor Schreck und wir konnten sehen, dass ihr gleich die Tränen kommen würden.

»Oh, Liebes«, sagte ich schnell. »Dann wollen wir dich mal sauber machen.«

Und so saß sie bald wieder zwischen uns, ließ sich trösten, Hände und Gesicht waren sauber, sie trug ein frisches Nachthemd und ich drückte sie an mich und sagte ihr noch einmal, dass sie nichts dafürkonnte. Bis ihr die Augen zufielen.

»Komm, mein Schatz, Zeit fürs Bett«, flüsterte ich und trug sie in ihr Zimmer.

Zwei Szenen, dasselbe Thema, keine Ähnlichkeit. Aber Patrick und ich haben eben eine glückliche Tochter, die weiß, dass ihre Eltern sie lieben und verstehen. Ich habe ihr am Tag ihrer Geburt versprochen, dass sie mit dem Selbstvertrauen aufwachsen soll, das mir verweigert wurde.

In diesem Moment kam mir ein glücklicher Gedanke. Im Sommer 2017 bin ich mit Sonia einen Weg entlanggegangen und sie zog an meiner Hand, um mir zu sagen, dass sie unbedingt am Rand gehen wollte, nicht in der Mitte. Dort hatte der Boden eine andere Farbe.

»Okay«, sagte ich, ging hinüber und wir spielten zusammen ein Spiel, bei dem es darum ging, auf der Linie zwischen den beiden Farbtönen zu gehen. Da warf sie mir ein breites Lächeln zu, das sagte: »Du verstehst mich, Mum, oder?«

»Natürlich verstehe ich dich«, antwortete ich ebenfalls mit einem Lächeln und einem schnellen kleinen Händedruck. Als Kind hatte ich genau dasselbe gemacht. Auf dem Schulweg hatte ich meine Cousine verrückt gemacht, weil ich am Fußgängerüberweg immer über die dunklen Teile sprang und nur die weißen Markierungen betreten wollte. Wenn ich das tat, so dachte ich, würde mir an diesem Tag nichts Schlimmes passieren. Ich schaffte es nur leider nicht oft, weil meine Cousine mich an der Hand zog und mich anschnauzte, ich sollte aufhören, mich so albern zu benehmen.

Mag sein, dass es albern ist, aber ich habe bis heute solche Gedanken. Nennen Sie es Zwangsstörungen, wenn Sie wollen.

Kapitel 3

Die Vergleiche lassen meine heimliche innere Stimme laut werden, die mich immer wieder mit Fragen nervt. Wie wärst du heute, wenn man mit dir so umgegangen wäre, wie du heute mit Sonia umgehst? Hättest du dann trotzdem diese unauslöschlichen Ängste? Hättest du trotzdem die Albträume, aus denen du schweißgebadet aufwachst? Diese Träume, in denen du entweder an einem Abgrund entlanggehst oder in einem Zimmer ohne Fenster und Türen gefangen bist? Hättest du diese Träume? Oder könntest du stattdessen die Augen zumachen und in deinen traumlosen, leeren Raum entschweben?

Und dann befiehlt mir diese Stimme, mich zusammenzureißen. Sie befiehlt mir, ich soll aufhören, mir Vorwürfe zu machen, weil mein Vater sich jedes Mal von mir abwandte, wenn ich versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ist ja wahr, sagt die Stimme. Er wusste, dass du anders warst, und kam damit nicht klar, aber er war ein Erwachsener und du ein Kind! Also, wem kann man da einen Vorwurf machen? Doch nicht dir! Und deine Mutter? Glaubst du immer noch, du wärst schuld an ihrer Grausamkeit? Diese Frau, die Worte benutzte wie ein Bajonett und damit nach dir stieß, bis sie endlich zufrieden war, weil sie dir genug wehgetan hatte? Und noch eine Frage: Glaubst du ernsthaft, wenn all das nicht passiert wäre, dann wärst du ein anderer Mensch?

Die Antwort auf die letzte Frage lautet Ja, da bin ich mir sicher. Dann wäre ich tatsächlich die selbstbewusste Schülerin, die selbstbewusste junge Frau und die selbstbewusste Mutter gewesen, die ich nach außen hin vorgab zu sein.

Wütend auf mich selbst, weil ich den negativen Gedanken Einlass in meinen Kopf gegeben habe, schiebe ich die Welle von Traurigkeit beiseite, die mich zu überschwemmen droht, genauso schnell, wie die Gedanken über mich herfielen. Du lieber Himmel, Emily, sei doch mal dankbar! Denk an die Gegenwart und die Zukunft, halt dich nicht mit der Vergangenheit auf. Heute hast du das Heft in der Hand. Mach die Schubladen auf, ganz bewusst, eine nach der anderen. Verarbeite, was du darin findest, und dann machst du sie wieder zu. Du hast zwei kleine Töchter, die dich brauchen. Ganz zu schweigen von einem Partner, der dich so nimmt, wie du bist. Also: Schau dir deine Vergangenheit an und verarbeite sie. Denn wenn du das nicht tust, wirst du immer dich selbst in deiner Tochter sehen. Und was dann? Dann werden die Schubladen immer wieder aufgehen und dich ins Elend stürzen. Und damit ist niemandem gedient.

Ich wünschte, diese Stimme wäre endlich still, aber wer will schon die Wahrheit über sich selbst hören!

Und glaubst du, sie bleiben dann zu?

Wenn du das, was du darin findest, verarbeitest, dann schon.

Also: Mach die Schublade auf, auf der steht: »Die Familie meiner Mutter, bevor ER kam.« Denn was du darin findest, ist glücklich, oder?

Kapitel 4

Bevor Sie IHM hier begegnen, muss ich Ihnen die Familie vorstellen, in der ich meine allerersten Jahre verbrachte. Denn wenn Sie sie so sehen, wie ich sie gesehen habe, dann verstehen Sie auch, was ich verloren habe.

*

Natürlich kann ich mich an den Beginn meiner eigenen Geschichte nicht erinnern, aber mit den Jahren sind ein paar Erinnerungen hochgekommen und andere habe ich aus Gesprächen zusammengesetzt, die ich mit angehört habe.

Mein Elternhaus stand in einer Gegend, wo die Löhne niedrig und die Kriminalität hoch waren. Trotzdem betrachtete ich meine Welt bis zum Alter von fünf Jahren als einen freundlichen Ort. Selbst als meine Mutter und ich in eine andere Wohnung zogen, in einer noch ärmeren Gegend, wo jedes Wochenende die Polizeisirenen heulten, war ich davon noch überzeugt. Tatsächlich nahm ich meine Umgebung gar nicht so genau wahr, denn die meiste Zeit verbrachte ich mit der Familie meiner Mutter. Da gab es meine verwitwete Großmutter, eine kleine, mollige Frau mit dunklen, langsam grau werdenden Haaren und großen blauen Augen, die ich von ihr geerbt habe. Dann meine Tanten Lizzy und Maria, die aussahen wie jüngere Ausgaben ihrer Mutter. Ein paar Onkel und Cousins und Cousinen in allen Altersgruppen. Abgesehen von meinen Eltern war ich von Menschen umgeben, die mich liebten und die ich auch liebte.

Die meiste Zeit bekam ich also nichts davon mit, dass um uns herum Drogenhändler und Taschendiebe verhaftet wurden, und ich hörte auch nichts von dem Gebrüll und Geschrei, das damit einherging. So war eben meine Umgebung, ich hatte mich daran gewöhnt. Tatsächlich hatte ich eine recht sorglose Kindheit bis kurz vor meiner Einschulung, als meine Mutter IHN mit nach Hause brachte.

Die große Familie meiner Mutter war in unserem Dorf recht bekannt. Mein ältester Cousin war ein guter Fußballspieler, mein Onkel Polizist. Über unsere Familie sagte niemand ein böses Wort, also natürlich abgesehen von meinem Vater. Der war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, hörte ich bald.

Ich war glücklich und zufrieden, wenn ich bei meinen Tanten und meiner Großmutter sein konnte, aber die Erinnerungen an meine Mutter sehen ganz anders aus. Im Gegensatz zu meinen Tanten und meiner Großmutter war meine Mutter eine knochige, kantige Frau, die ganz selten lächelte. Jedenfalls nicht in meine Richtung. Sie war blond und wusste sich zu schminken, und zweifellos war sie eine attraktive Erscheinung, so sagten ihre Schwestern. Ich wünschte, ich könnte mich an eine Gelegenheit erinnern, wo sie mich auf den Arm genommen, geknuddelt oder mit mir gespielt hätte, aber da ist nichts. Was vielleicht auch nicht so überraschend ist, denn sie hielt mich ja für den Grund, warum ihre Ehe gescheitert war.

Jedenfalls sagten meine Eltern das.

Wobei ich mir bis heute nicht genau vorstellen kann, wie ich das gemacht habe. Die Informationen, die ich habe, kamen über die Jahre hin von meinen Eltern und aus dem Tratsch meiner Tanten. Dass ich damals noch nicht mal fünf Jahre alt war, spielte keine Rolle – ich habe jahrelang die Schuld daran getragen. Insofern war es mein Glück, dass ich in diesen wichtigen, prägenden Jahren von meinen Tanten und meiner Großmutter erzogen wurde, einem Trio dunkelhaariger, blauäugiger Frauen, die immer der Ansicht waren, ich könnte nichts falsch machen. Und ich liebte sie so sehr! Ihre weichen Arme hoben mich auf, wenn ich hinfiel. Meine verschrammten Knie wurden sanft sauber gemacht und ich bekam ein Bonbon in den Mund, damit »alles wieder gut« würde. Bevor ich abends ins Bett gebracht wurde, drückten sie mich jede einzeln an ihren weichen, rundlichen Körper und stellten mir all die verschiedenen Figuren in den Büchern vor. Noch heute, Jahre später, kann ich ihre sanften Stimmen hören, die mir sagen, dass ich etwas ganz Besonderes bin.

Die Wochenenden waren eine gute Zeit mit der Familie. Meine Cousinen und ihre Freundinnen mussten nicht zur Schule und hatten Zeit, um mit mir zu spielen. Selbst die Kinder, die nur wenig älter waren als ich, wurden dazu verdonnert, mich zu beschützen. Und nicht nur das: Es wurde ihnen auch verboten, mich wegen meiner kleinen Schrulligkeiten zu hänseln, die immer deutlicher wurden. So drehte ich immer meine Haare zwischen den Fingern und saugte an meiner Zunge, wenn ich aufgeregt war. Aber es gab noch viel mehr.

Woher ich das weiß? Weil meine Mutter mich deswegen ständig anschrie. Sie sagte mir auch, meine Cousinen und Cousins fänden mich »komisch«. Und sie fragte mich, ob ich wirklich glaubte, sie wollten mit mir spielen. Denn das wollten sie nicht, sie gehorchten lediglich ihren Eltern.

Lass dir von Mums Stimme bloß nicht die guten Erinnerungen verderben.

Ich erinnere mich noch an den Tag, als sie mir das sagte. Meine Großmutter hatte mir ein himbeerrotes Kleid mit eckigem Kragen genäht und Tante Lizzy hatte gerade eine rosa Strickjacke zusammengenäht, die sie für mich gestrickt hatte. Als meine Mutter kam, um mich abzuholen, und ich ihr die Sachen zeigte, verzog sie den Mund zu einem dünnen Strich. »Sie verwöhnen dich«, zischte sie, sobald sie uns nicht mehr hören konnten.

Und kaum waren wir in unserer Wohnung, verspritzte sie auch schon ihr gesamtes Gift.

Hör auf damit, sagt die Stimme in meinem Kopf. Pack diese Sachen in die Schublade mit dem Etikett »Mutters Beleidigungen« und mach sie fest zu. Und dann kehrst du zu den glücklichen Zeiten mit deiner Großmutter zurück. Gehorsam reise ich in der Zeit zurück, bis ich wieder in Grans Küche bin und die Kochgerüche einatme. Ich höre den drei Frauen zu, die über das Familientreffen am nächsten Samstag tratschen und darüber sprechen, wer was kochen wird. Selbst jetzt bringen diese Erinnerungen ein Lächeln auf mein Gesicht.

Sobald es Frühling wurde, ging ich mit meiner Großmutter samstags zu meinen Tanten. Sie half mir, meine dunkelblaue Latzhose und das rote T-Shirt anzuziehen, überprüfte im Spiegel ihr Haar und legte Lippenstift auf. Dann nahm sie ihre Handtasche und fragte mich jedes Mal: »Du bist fertig, oder?« Und dann öffnete sie die Tür. Sobald wir ihr großes Reihenhaus mit dem Erkerfenster und den dunklen Möbeln, Schmuckgegenständen und goldgerahmten Familienfotos verlassen hatten, nahm sie mich an der Hand und wir gingen den kurzen Weg zum Rest der Familie.

Meine Onkel und ihre Frauen wohnten unter derselben Adresse. Nicht im selben Haus, aber auf demselben Grundstück, wo sie ihre großen Häuser gebaut hatten. Hohe Holztore führten zu einem Kiesweg, der durch samtig grünen Rasen zu den Häusern führte.

Sobald die grauen Wolken von einem leichten Wind und ein paar Sonnenstrahlen vertrieben wurden, trafen sich die Familien, denn im Grunde genommen waren all diese Häuser nur dazu gemacht, Platz für Familientreffen zu schaffen. Hinter den Häusern gab es eine gemeinsame Terrasse aus Holz mit Rattansesseln und Sofas, auf denen dicke bunte Kissen lagen. Außerdem gab es einen langen Holztisch, der den größten Teil des Platzes einnahm. Ein paar Meter von der Terrasse entfernt befand sich ein aus roten Ziegeln gemauerter Grill. Meine Tanten wuselten in der Küche herum, während wir Kinder verschiedene Aufträge ausführten, je nach Alter. Ich legte die Kissen bereit, die anderen trugen Getränke, Salatschüsseln und Teller mit mariniertem Grillfleisch hinaus, bis der Tisch unter dem Gewicht all der Sachen ächzte.

Das rosafarbene, glänzende Fleisch schaute ich mir lieber nicht an. Sobald ich es doch tat, schlossen sich meine Finger um eine Haarsträhne, zogen fest daran und drehten sich, bis mich der Schmerz wieder beruhigte. Meine Onkel, alle eher kräftig gebaute Männer mit dickem dunklem Haar und breitem, weißzahnigem Lächeln, ließen keinen Zweifel daran, dass sie für den Grill verantwortlich waren. Ich hatte meine Tanten mit zärtlichem Lächeln sagen hören, dass sie ansonsten im Haus kaum einen Finger krumm machten. Draußen sah das anders aus, da übernahmen sie das Anzünden und Grillen mit Begeisterung. Sobald die Holzkohle rot glühte, kamen sie mit Bierflaschen in der einen und großen Gabeln in der anderen Hand und wendeten das Fleisch, bis es perfekt gebraten war. Und dann packten sie es auf die Teller.

»Man könnte meinen, sie hätten es selbst gejagt, nicht wahr?«, sagten meine Tanten. »Dabei haben wir es beim Metzger geholt und in der Küche kräftig geklopft.« Und dann lachten sie, während ich mir die Nase zuhielt, damit mir von dem Geruch nicht schlecht wurde. Allerdings kam ich damit ganz gut zurecht, wenn ich meine Haare um meine Finger drehen konnte.

Wenn meine Großmutter das sah, beugte sie sich zu mir, nahm meine Hand sanft in ihre und flüsterte mir zu, für mich gäbe es etwas anderes zu essen. Normalerweise hatte sie Hähnchen und Mais für mich. Sie wusste, dass ich nicht nur den Anblick von Blut auf meinem Teller hasste, sondern auch das Gemüse nach Farbe sortieren musste. Und um dieses Problem bei Familientreffen zu umgehen, sorgte sie dafür, dass ich nur ein Gemüse bekam. Sie sagte nie etwas dazu und sie erwähnte auch mein Gefummel mit den Haaren nicht. Ich denke, sie begriff, dass es eine Reaktion auf Stress war, und akzeptierte das einfach.

Wenn wir gegessen hatten, halfen wir Kinder beim Abräumen und liefen dann in den Garten, um zu spielen. Am liebsten kickten wir auf ein Tor. Mein Lieblingscousin Ben, der ein paar Jahre älter war als ich, nahm meine Hand und zog mich vom Stuhl. Dabei musste er mich zu gar nichts zwingen, mit seinen struppigen blonden Haaren und dem sonnengebräunten schlanken Körper war er mein absolutes Idol.

»Komm, kleine Sprotte, wir kicken ein bisschen«, sagte er und lachte. Denn überraschenderweise war ich ganz gut darin, mit dem Ball zu zielen und ihn ins Tor zu schießen, so klein wie ich noch war. »Gut gemacht«, sagte er dann und klatschte mich ab. »Du wirst eines Tages die größte Fußballerin in unserer Familie.«

Und ich glühte vor Stolz über sein Lob.

Ja, meine Erinnerungen an den Garten und das Zusammensein mit den anderen Kindern aus unserer Familie sind glückliche Erinnerungen. Ich fühlte mich dort sicher.

Manchmal tauchten auch meine Eltern bei den Familientreffen auf. Mein Vater wirkte immer ein wenig unbehaglich, wenn er versuchte, sich mit den Onkeln zu unterhalten, während Mum mit ihren Schwestern, meinen Tanten, plauderte. Normalerweise sagten meine Eltern dann irgendwann, sie hätten ja noch einen weiten Weg, sodass wir früher gingen als alle anderen. Das war immer der Moment, wo ich die Luft anhielt und hoffte, man würde mir erlauben, noch eine Nacht bei Gran zu bleiben.

Zu meinem Glück benutzte meine Mutter oft die Entschuldigung, der Weg sei so weit und dass ich lieber noch dableiben sollte. Und wenn sie nicht davon anfing, schlug meine Großmutter vor: »Es ist ja doch ein ziemlicher Weg für die Kleine, ich schick morgen jemanden mit ihr zu euch.« Und dann stimmte Mum zu.

Tatsächlich wohnten meine Eltern etwas weiter weg, aber es gab ja schließlich Busse. Ich glaube, es gab mehr als einen Grund, warum sie früher gingen und zufrieden waren, wenn ich blieb. Zum einen hatten sie dann noch einen ganzen Tag ohne mich und meine sicher irritierenden Angewohnheiten. Zum anderen spürte Dad, dass er in Mums Familie nicht wirklich willkommen, sondern lediglich geduldet war. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass er mal »gesessen« hatte. Ich hatte den Ausdruck zwar gehört, konnte mir aber nichts darunter vorstellen. Vielleicht war das Zusammensein mit seinem Polizistenschwager, der seinerzeit dabei gewesen war, als er verhaftet wurde, für Dad nicht das reine Vergnügen.

Wie auch immer: Die Familientreffen waren mein ganzes Glück. Bei ihnen wurde ich nicht angeschrien, aus dem Zimmer geschickt oder musste mir anhören, dass den anderen schlecht wurde, wenn sie mir zuhören mussten. Nein, dort fühlte ich mich bedingungslos geliebt. Die wenigen Fotos, die ich aus dieser Zeit besitze, zeigen ein kleines blondes Mädchen mit blauen Augen, relativ groß für sein Alter, das glücklich in die Kamera lächelt. Tatsächlich schienen die einzigen beiden Menschen, die mich nicht hinreißend fanden, meine Eltern zu sein.

Kapitel 5

Meine Großmutter sah nur das Gute in mir, betrachtete aber auch meine Mutter in einem rosigen Licht, das sie sicher nicht verdiente. Alles war die Schuld meines Vaters – eine Ansicht, die meine Tanten nicht unbedingt teilten, so wenig sie ihn mochten.

Mehr als einmal hörte ich sie sagen, dass er ja schon gut aussah und Charme hatte, aber ein ungehobelter Kerl war. Als ich meinen Cousin Ben fragte, was das bedeutete, meinte er: »Ein bisschen grob.« Sein Grinsen verriet mir, dass er wusste, woher ich das Wort hatte und um wen es ging. Doch so bewusst mir auch war, was Mums Familie von Dad hielt, wollte ich ihm unbedingt gefallen. Anders als meine Mutter brüllte er mich nie an oder schickte mich weg. Er wandte sich nur ab und schaute etwas anderes an als seine Tochter.

Aber ich war nicht die Einzige, die merkte, wie wenig Interesse meine Eltern an mir hatten. Wenn meine Großmutter und die Tanten meinten, ich hörte nicht zu, kamen durchaus Kommentare. Manchmal vergaßen sie, dass kleine Kinder das Gras wachsen hören können, aber sie waren ja nun auch ein Trio, das fürs Leben gern tratschte.

Sobald ich die Namen meiner Eltern hörte, spitzte ich die Ohren. Ich denke, wir sind immer besonders neugierig in Bezug auf Menschen, die uns nicht lieben. Wahrscheinlich müssten wir bis an den Anfang dieser Ehe zurückgehen, um die Familiendynamik ganz und gar zu begreifen. Das ist mir aber nicht möglich, weil ich nicht viel darüber hörte, wie meine Eltern sich kennengelernt hatten oder wie lange sie schon zusammen gewesen waren, bevor ich kam. Meine Tanten und meine Großmutter redeten immer nur über die Gegenwart, und das mit vielen besorgten Seufzern, was mich anging.

»Er war nie der Richtige für sie«, sagte meine Großmutter mehr als einmal. Und sie waren sich auch alle einig, dass es keine gute Idee war, zusammen zu arbeiten.

»Gar nicht gut«, sagte Tante Lizzy. »Es ist überhaupt nicht gut, wenn Paare die ganze Zeit aufeinanderhocken.«

»Sie kennen sich viel zu gut«, schniefte ihre Schwester Maria.