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Nach über 30 Jahren erinnert sich Elisabeth Heyssler an ihre unvergesslichen Momente in Australien. Ende Oktober 1984 brach die damalige Jurastudentin nach Sydney auf, um dort für drei Monate als Rechtsreferendarin in der Deutsch-Australischen Industrie- und Handelskammer zu arbeiten. Die imposante Harbour Bridge oder auch das weltberühmte Opernhaus üben noch heute eine Faszination auf sie aus. Elisabeth Heyssler erzählt in diesem Buch von zufälligen Begegnungen in Sydneys Innenstadt, von Christmas-Partys in der Vorweihnachtszeit, vom beeindruckenden Great Barrier Reef an der australischen Nordküste und von einer abenteuerlichen Tour ins Outback abseits der ursprünglich geplanten Route. Ihre Geschichten vermitteln den Eindruck, dass in Down Under scheinbar Unmögliches Wirklichkeit werden kann.
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Diese Aufzeichnungen widme ich Norbert.
Vorwort
Wunschtraum
Alles nach Maß
Unverhofft
Australian Specials
Risiko
Flatmates
Study Day
Aus zweiter Hand
Tiger Face
Tasmanien und Great Barrier Reef
Zurück in die Zukunft
Schlussakkord
Im März 2016 habe ich mein aktives Berufsleben beendet. Nun galt es, die Tage neu zu strukturieren. Das stellt man sich mitunter leichter vor, als es tatsächlich ist. Nach meiner persönlichen Erfahrung legt man nicht einfach einen Schalter um und wechselt in einen vermeintlichen »Genießer-Modus«.
Auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung verspürte ich eines Tages das dringende Bedürfnis, etwas zu tun, was mir Spaß bereiten würde und wozu ich stressfrei auch in der Lage war. Kurzentschlossen griff ich zu Notizbuch und Stift mit dem Plan, einfach alles aufzuschreiben, was mir ganz spontan in den Sinn kommt. An Themen sollte es, objektiv betrachtet, keinen Mangel geben, doch ich wollte völlig intuitiv vorgehen. So war ich mehr als überrascht, als plötzlich vor meinem geistigen Auge meine »Wahlstation« in Australien aufblitzte. Diese hatte ich von Oktober 1984 bis Februar 1985 in Sydney an der German-Australian Chamber of Industry and Commerce absolviert.
Im Rahmen des Referendariats und nach Abschluss des schriftlichen Teils der Zweiten Juristischen Staatsprüfung hatte man die Möglichkeit, Auslandserfahrungen in einem persönlich ausgewählten Land zu sammeln. Diese Chance wollte ich keinesfalls verpassen, zumal ich erleben und spüren wollte, wie es ist, Fremde in einem unbekannten Land zu sein.
Mein Wunschziel war Australien. Absolut unerfahren, jedoch voller Neugier, begab ich mich auf eine Reise, die mich nachhaltig prägen sollte. Einige Episoden möchte ich in diesem Büchlein wiedergeben. Beim Niederschreiben der Geschichten, die mir unmittelbar in die Feder flossen, habe ich so manches nachempfunden, als hätte es sich gestern zugetragen.
Ende Oktober 1984, ca. fünf Wochen nach Beendigung des schriftlichen Teils meines Zweiten Juristischen Staatsexamens, brach ich in Richtung Sydney auf. Dafür sprachen damals folgende Gründe:
Auf keinen Fall wollte ich bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses in München bleiben, um mich nach all dem Prüfungsstress alsbald gleich wieder in die Vorbereitung auf den mündlichen Teil zu stürzen, der ohnehin nur im Falle des bestandenen schriftlichen Parts in Betracht kam. Meine diesbezüglichen Erfahrungen beim Ersten Staatsexamen hatten mich nachhaltig eines Besseren belehrt.
Auch wollte ich am eigenen Leib erleben, wie es ist, Ausländer in der Fremde zu sein – getreu Karl Valentins Erkenntnis: »Der Fremde ist fremd nur in der Fremde.«
Motiviert hat mich außerdem die Vorstellung, das »andere Ende der Welt« ein wenig kennenzulernen. Schließlich galt es, ca. 16.000 Kilometer zurückzulegen und vom Herbst in den Frühling überzusetzen.
Und dann war da noch das Great Barrier Reef – einmal im Leben wollte ich es mit eigenen Augen gesehen haben.
Um eine Stelle im Ausland musste sich jeder daran interessierte Referendar selber kümmern. Die Referendarsbetreuung hatte mich in diesem Zusammenhang zunächst an die IHK vor Ort verwiesen. Die Auskunft, die ich dort erhielt, empfand ich auf den ersten Blick als wenig zufriedenstellend und aufbauend. Verbunden mit dem Hinweis, ich möge mir keine allzu großen Hoffnungen machen, da Sydney als Wahlstation sehr gefragt sei, war lediglich die Bekanntgabe der Adresse der German-Australian Chamber of Industry and Commerce. Diese sollte ich in einem nächsten Schritt direkt kontaktieren.
Mit gedämpftem Enthusiasmus, jedoch weiterhin wild entschlossen, mein Ziel zu verfolgen, richtete ich also meine Bewerbung unmittelbar dorthin. Und siehe da: Nach nur zehn Tagen gespannten Wartens erhielt ich doch tatsächlich das erste Aerogramm meines Lebens mit einer Zusage. Ein Referendar, dem man einen Platz zugeordnet hatte, hatte kurzfristig abgesagt, und ich kam zum Zug. Glück gehabt!
Während des Aufenthalts im Land der Wahl bezogen die Referendare neben dem regulären Referendarsgehalt noch einen Kaufkraftausgleich; eine Entlohnung seitens der aufnehmenden Kanzlei, Kammer, Anwaltsfirma o. Ä. war nicht vorgesehen. Die Finanzen waren insofern recht überschaubar.
Aus diesem Grund hatte ich mich für die indonesische Airline »Garuda« entschieden, denn dort kosteten Hin- und Rückflug »nur« ungefähr 3.600 DM. Nach insgesamt sechs Zwischenstopps, u. a. in Abu Dhabi, Jakarta, Singapur und Melbourne (die anderen habe ich vergessen), landeten wir nach etwa 32 Stunden auf dem Flughafen in Sydney. Total übermüdet erstand ich noch – wie von der australischen Kammer angeraten – eine Zeitung mit Wohnungsangeboten, denn um eine Unterkunft musste ich mich selbst bemühen, dann schwang ich mich ins Taxi. Es sollte mich als erste Anlaufstelle zu einer Pension bringen, die mir als Hilfestellung ebenfalls von meinem neuen Arbeitgeber empfohlen worden war.
Der Taxifahrer, ein immigrierter Grieche, wusste sofort, was los war: Auf der Fahrt zur Zieladresse, der besagten Pension, erklärte er mir in epischer Breite und mit gebührender Dramatik, wie gefährlich das Leben in Sydney sei. So gebe es vor allem Alkoholiker, Drogenabhängige und Ganoven, die einen über den Tisch zu ziehen versuchten. Er allerdings habe »zufällig« ein freies Zimmer in seinem Haus, das ich sofort beziehen könne, zu einem – aus seiner Sicht – fairen Preis. Das war nun genau der Empfang, den ich mir erträumt hatte. Jedenfalls machte ich ihm unmissverständlich klar, ich wolle erst einmal in die genannte Pension gebracht werden. Davon war der Taxifahrer nicht sonderlich begeistert. Für alle Fälle überreichte er mir trotzdem seine Visitenkarte.
Die nächste Irritation erwartete mich an der Rezeption meiner neuen Unterkunft. Dort eröffnete man mir, dass ich wählen könne zwischen drei verschiedenen Stockwerken: einem nur für Frauen, einem anderen nur für Männer und einem dritten für beide Geschlechter. Da mir die »gemischte« Etage als die vernünftigste Wahl erschien, entschied ich mich für diese und bezog ein passables Zimmer. Allerdings musste ich mich erst einmal daran gewöhnen, dass die Zimmertür einen schmalen Spalt über dem Boden aussparte, durch den in der Nacht das Flurlicht fiel, und dass Gäste, für die sich Besucher am Empfang gemeldet hatten, über einen Lautsprecher durchs ganze Haus ausgerufen wurden. Doch nach der langen Anreise war ich einfach nur froh, ein Bett in einer annehmbaren Umgebung ergattert zu haben. Todmüde und erschöpft fiel ich in den Schlaf.
Nach der ersten Nacht – ich war an einem Freitag angekommen – unternahm ich, noch ziemlich gerädert, einen kleinen Erkundungsrundgang in der Stadt. Für mich, die ich über so gut wie keinen Orientierungssinn verfüge, war das eine Herausforderung. Das Viertel, in dem ich mich befand, war nicht das, was ich mir erwartet hatte: Die Straßen waren schmutzig, die Häuser teilweise ganz schön heruntergekommen, die Gebäude erschienen mir, in dieser Ansammlung, ungewöhnlich hoch und der Verkehr laut und anstrengend. Letzteres insbesondere deshalb, weil ich mir einprägen musste, vor dem Überqueren einer Straße erst nach rechts und dann nach links zu blicken.
In Anbetracht dieser Verhältnisse fasste ich bereits am Sonntag den festen Entschluss, gleich am Montag ein Reisebüro aufzusuchen, um meinen Rückflug umzubuchen. Ursprünglich wollte ich an diese dreimonatige Ausbildungsstation noch zwei Wochen dranhängen, um Urlaub zu machen und das Riff zu besuchen. Nach meinen Eindrücken der ersten 48 Stunden erschien es mir hingegen ratsamer, möglichst keinen Tag länger zu bleiben als unbedingt nötig.
Mein Ankunftswochenende hatte ich mit zwiespältigen Gefühlen hinter mich gebracht und am Montag wurde ich in der Kammer vorstellig. Im Anschluss an die vielzitierte Aufwärmphase und das obligatorische Sich-Bekannt-Machen wurde ich gefragt, ob ich denn schon eine Bleibe gefunden hätte. (Wie denn, in der kurzen Zeit?) Als ich verneinte, teilte mir Gila, eine Art Büroleiterin und die gute Fee in Sachen Organisation, mit, dass der Referendar, der seine Bewerbung – zu meinem großen Glück – zurückgezogen hatte, bei einem Paar in Balmain hätte wohnen können. Da diese Unterkunft vorerst noch nicht anderweitig vergeben war, könne ich sie mir unverbindlich ansehen und entscheiden, ob das was für mich wäre.
Also begab ich mich zu einem Reihenhäuschen in Balmain, das den Hausleuten Eva und Chris gehörte. Und was soll ich sagen? Gleich am darauffolgenden Dienstag zog ich ein. Mat aus Bonn, ein weiterer Referendar in der Kammer, residierte auch dort. Eines meiner größten Probleme war damit gelöst und es begann eine denkwürdige Phase meines Lebens, mit der ich vorwiegend angenehme, mich persönlich bereichernde und für meine weitere Entwicklung ganz wesentliche Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen verbinde.
Schon der Standort meiner neuen Bleibe war ein Volltreffer, denn der Vorort Balmain liegt in einer der zahllosen Buchten und die Infrastruktur war schon zur damaligen Zeit perfekt: Man konnte nicht nur das Auto oder den Bus nehmen, um in die quirlige City zu gelangen, darüber hinaus konnte man die Fähre benutzen, als Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Der Transport auf dem Wasserweg erhielt insbesondere dadurch seinen besonderen Reiz, dass man stets unter der imposanten Harbour Bridge hindurch tuckerte. Bereits an Bord setzte die Erholungsphase nach dem Alltagsstress ein.
Für das Entertainment war in Balmain auch gesorgt, denn eine Jazzkneipe, ein Hotel mit Varieté und so eine Art Club namens »Beatty Street« (oder so ähnlich) mit jeweils super Livemusik waren in wenigen Gehminuten zu erreichen. Mein Mitbewohner Mat und ich waren diverse Male in einem dieser Etablissements zu Gast, um die dringend erforderliche Zerstreuung zu finden. Wenn im »Beatty Street« mit drei Fideln Ravels »Bolero« mit der Band »Hattrick« zur Aufführung kam, flippte die komplette Zuhörerschaft regelrecht aus – auch Mat und ich. Steuerten wir hingegen eine Show im Varieté-Hotel an, fungierte ich als eine Art von Begleitschutz für Mat, denn es verkehrten dort in erster Linie schwule Männer.
Als Teil einer hart arbeitenden Bevölkerung hatten wir schnell verinnerlicht, dass man nur in den seltensten Fällen nach Dienstschluss auf direktem Weg vom Büro nach Hause ging. Vielmehr steuerte man erst mal mit Kollegen ein Pub oder Ähnliches an, um das eine oder andere – manchmal auch mehrere – Foster’s oder Lager zu genießen, aus der Flasche oder vom Fass. Diese Gepflogenheit hatte mir ein persönliches Souvenir von sechs Kilo Gewichtszunahme beschert, die mit Sicherheit nicht vom Essen herrührten. Aber dazu später mehr.
An das Leben in Down Under konnte ich mich recht gut anpassen, und nach dem ersten richtig intensiven Sonnenbrand wurde ich vorsichtiger und mir war bewusst, dass man die UV-Strahlung bei trübem Wetter keineswegs unterschätzen sollte. Von Eva hatte ich gelernt, sich immer wieder mit (notfalls auch Speise-)Öl einzuschmieren, bis die Haut es nicht mehr aufnahm. Als es mich wirklich erwischt hatte und Eva
