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»Es gibt Tage, an denen ich meiner Krankheit ein Schnippchen schlage. Zum Beispiel, wenn ich mit meiner Frau in ein Konzert oder ins Restaurant gehe. Beim Nachdenken über mein Leben - in dem so einiges unrund lief - und bei der Niederschrift vergesse ich Parkinson eine Zeit lang. Es ist befreiend, abends am PC zu sitzen und meine Erinnerungen aufzuschreiben. Und tröstlich ist es, auf diese Weise mit dem Leser in Kontakt zu treten, ihm von meinen Erlebnissen zu erzählen, von den Menschen, die mich auf meinem Lebensweg begleiteten, und von den weit über den Globus verteilten Orten, an denen ich Station machte, manchmal länger, manchmal kürzer.«
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Seitenzahl: 740
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Werner Stilz:
Darum in die Ferne schweifen
Werner Stilz
Darum in die Ferne schweifen
Ein Weitgereister erzählt von seinem Leben vor und mit Morbus Parkinson
Für meine
Ehefrau Margarete,
genannt Margret
© Werner Stilz, 2020
Lektorat, Buchsatz und Layout: Dr. Stefan Kappner
Dieses Buch wurde mit Hilfe von LATEX gesetzt.
biografika-Verlag, Idstein
Druck und Vertrieb: tredition GmbH, Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Autors ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und das öffentliche Zugänglichmachen.
ISBN 978-3-947694-08-2 (Hardcover)
ISBN 978-3-947694-07-5 (Paperback)
ISBN 978-3-947694-09-9 (E-Book)
Vorwort
Im August 2018 bekomme ich Post von meinem alten Freund Hermann Rühle. Der Inhalt: sein neuestes Buch mit dem Titel »Was bin ich? Wie bin ich? Wozu bin ich?«
Hermann ist Diplom-Psychologe und war als Trainer für große Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig. Seine Schwerpunkte waren Zeitmanagement und kreative Entfaltung. Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen kaufmännischen Lehrzeit in einem Industriebetrieb in der Nähe von Stuttgart. Das war Anfang der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.
In seinem Buch ermuntert er seine Leser, die eigene Identität zu finden. Als Mittel dazu empfiehlt er, den »Roman ihres Lebens« zu schreiben. Eine solche Autobiographie sollte nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sein, sondern allein für die Familie, vielleicht ein paar Freunde und für sich selbst – als Versuch, sich selbst zu hinterfragen und mit sich ins Reine zu kommen. Diese Idee ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Aktuellen Stoff habe ich für so eine Niederschrift: Ich bin an Morbus Parkinson erkrankt. Mein neuer Lebensgefährte und Untermieter begleitet mich jeden Tag und sagt mir, wo es langgeht. Er nimmt sich allerhand Rechte heraus, verbietet mir das Schreiben, in dem er meine Schrift kleiner und unleserlicher werden lässt, schickt mich wegen Sprechschwierigkeiten zur Logopädin, hält mich von der Gartenarbeit fern, in dem er mich beim Bücken schwindelig macht, und verweigert mir die Nachtruhe, weil er mich ständig auf die Toilette schickt.
Eine Gelegenheit, mit Hermann über meine Krankheit und das Buch zu sprechen, ergab sich beim jährlichen Treffen der etwa sieben Weinfreunde, mit denen wir durch Weinberge wandern, Weingüter besuchen und den einen oder anderen Wein verkosten. 2018 fand unsere Zusammenkunft – die vierzigste – Ende August an der Obermosel statt. Als Hermann und ich für eine Weile unter uns waren, ergriff ich das Wort. Er hörte mir lange zu und ermunterte mich, alles aufzuschreiben, was mich umtreibt. Obwohl wir uns seit fast 60 Jahren kennen, tauschten wir uns nie zuvor so offen aus. Hermann hätte mir als Diplom-Psychologe sicher in der einen oder anderen Situation meines Lebens einen Ratschlag geben können, doch diese Chance nutzte ich nie (und der Andere drängt sich dann auch nicht auf). Ist es jetzt, da ich unheilbar krank bin, nicht zu spät? Nicht ganz. Wir redeten über Leben, Krankheit und Tod. Angst vor dem Sterben, versicherten wir uns gegenseitig voller Überzeugung, haben wir nicht. Unsere Leichname sollen verbrannt, die Asche entweder in einer Urnenwand auf dem Friedhof, oder unter einem Baum im Friedwald beigesetzt werden. Wir kehren zurück in das Nichts, dem wir entstammen. Unsere Gene aber werden in unseren Nachfahren weiterleben.
Auf manchen Leser werden meine Erfahrungen mit »Morbi« trostlos wirken. Doch es gibt Tage, an denen ich ihm ein Schnippchen schlage. Zum Beispiel, wenn ich mit meiner Frau in ein Konzert oder ins Restaurant gehe oder donnerstags mit einem Bekannten Schach spiele. Beim Nachdenken über mein Leben – in dem so einiges unrund lief – und bei der Niederschrift vergesse ich eine Zeit lang die Niederträchtigkeit von »Morbi«. Es ist befreiend, abends am PC zu sitzen und meine Erinnerungen aufzuschreiben. Und tröstlich ist es, auf diese Weise mit dem Leser in Kontakt zu treten, ihm von meinen Erlebnissen zu erzählen, von den Menschen, die mich auf meinem Lebensweg begleiteten,* und von den weit über den Globus verteilten Orten, an denen ich Station machte, manchmal länger, manchmal kürzer. Ohne den (vermessenen) Anspruch zu erheben, vollständig zu sein, ist so im Laufe vieler Monate ein umfangreiches Buch entstanden.
Um die Lektüre zu erleichtern, möchte ich meinen Lesern vorab einige knappe Hinweise an die Hand geben: In einer Art Rahmenhandlung erzähle ich die Geschichte meiner Erkrankung – vom ersten Verdacht und der Diagnose über die zahlreichen Klinik- und Reha-Aufenthalte bis in die Gegenwart. Diese Rahmenhandlung ist fortlaufend in die Schilderung meiner Lebensgeschichte eingebettet, die ich in sieben große Teile gegliedert habe: Kindheit und Jugend, berufliche Ausbildung, die Familiengründung und der Beginn meiner (bescheidenen) Karriere bei Bosch, die (im fünften Teil) in der ausführlichen Schilderung meines größten »Abenteuers« gipfelt – meine Zeit in China. Die beiden letzten Teile des Buches (Teil 6 und Teil 7) knüpfen daran an, wollen aber keine fortlaufende Erzählung mehr bieten. Sie stellen eine Art »Lebens-Album« dar, in dem ich in lockerer Folge von vielen schönen und manchen traurigen Momenten aus meinem Leben im Ruhestand erzähle. So lädt dieses Buch jeden Leser zu einer ganz individuellen Lektüre ein. Man kann es von Anfang bis Ende lesen oder es durchblättern, um dort, wo das eigene Interesse geweckt wird, zu verweilen. Man kann es als Autobiographie lesen oder als einen Versuch, sich gegen eine fortschreitende, den Alltag mehr und mehr bestimmende Krankheit zu behaupten. Ich möchte jeden, der dieses Buch in die Hand nimmt, ausdrücklich dazu ermuntern, sich seinen eigenen Weg durch die Seiten zu bahnen.
Waldbronn im November 2020, Werner Stilz
*Zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte änderte ich bei einigen dieser Menschen den Namen
Inhalt
Vorwort
Parkinson 1: Erste Begegnung mit Morbus Parkinson
I Kindheit und Jugend
Meine schwäbische Herkunft
Die Stilz-Familie
Robert trifft auf Rösle
Die Nachkriegsjahre
Die Schulzeit
Parkinson 2: Herbst 2018
II Lehr- und Wanderjahre
Die kaufmännische Lehre
Auf nach Kanada
Zurück in Deutschland
Die Religion
Mein Job bei Daimler-Benz
Junggesellenfreuden
Meine politische Orientierung
Parkinson 3: Was macht Morbi?
III Weichenstellungen
Margret tritt in mein Leben
Bosch
Besuch in der DDR
Eine folgenreiche Überraschung
In die weite Welt
Wiedersehen mit Kanada
Griechenland
Parkinson 4: Adventszeit 2018
IV Zwischen Ost und West
Zurück im alten Job
Das Privatleben
Berufliche Entwicklung
Zwischen Freude und Ärger
Parkinson 5: Das neue Jahr 2019 fängt nicht gut an
V Chinesisches Tagebuch
Ein neues Abenteuer kündigt sich an
Vorbereitungen
Leben und arbeiten in China
Unterwegs
Beruf und Familie
Deutsch-Chinesischer Krimi
Licht und Schatten
Unter »Expats«
Das letzte Jahr
Parkinson 6: Ostersamstag 2019
VI Schöne Aussichten
Eintauchen ins behagliche Leben
Stadt, Land, Fluss
Aufgaben
Namibia
New York
Ein bemerkenswertes Jahr
Start in ein neues Jahrzehnt
Parkinson 7: Zurück in der Gegenwart
VII Notizen aus der Fülle der Zeit
Reisen 2014
Eine Woche im Oktober 2014
Die Jahre 2015 bis 2017
Die Jahre 2018 bis 2020
Dank
Parkinson 1
Erste Begegnung mit Morbus Parkinson
Gudrun war eine begnadete Hobby-Malerin. Ihre Aquarelle, die sie bei gelegentlichen Vernissagen ausstellte, meist Stillleben mit Schwerpunkt Blumen, gefielen mir ausgesprochen gut. Auch ich begann vor etlichen Jahren, nachdem ich im Ruhestand war, hobbymäßig mit der Aquarellmalerei und bevorzugte die gleiche, lockere Stilrichtung wie Gudrun. Doch ich wollte malen, und sie konnte es!
Ich lernte Gudrun im Fitnessstudio kennen. Ein- bis zweimal in der Woche ging ich zur Gymnastik der »Best Ager«, womit diskret angedeutet ist, dass die Mitglieder ihre besten Jahre hinter sich haben. Die für uns Rentner anspruchsvolle Gymnastik konnte Gudrun schon lange nicht mehr mitmachen. Sie blieb an den Geräten. Die Übungen gelangen ihr nur unter größter Mühe. Die Gewichte, die sie sich auflegen ließ, wurden immer leichter. Doch Gudrun war zäh, sie ließ sich nicht unterkriegen. Selbst als sie sich von ihrem Freund Peter im Rollstuhl zum Fitnesscenter fahren lassen musste, war sie stets bei der Kaffeerunde nach der Übungsstunde dabei. Ihre Bewegungen waren mehr und mehr eingeschränkt, das Reden fiel ihr immer schwerer. Die böse Krankheit beherrschte ihren Körper vollkommen. Eines Tages hatte Morbus Parkinson obsiegt, wir nahmen Abschied.
Das war vor etwa sechs Jahren. Natürlich verschwendete ich damals noch keinen Gedanken daran, dass es mir selbst einmal ähnlich gehen könnte. Doch nun ist es sicher und amtlich: Auch ich habe Parkinson.
Wie fing das alles an? Im April 2017 bekam ich eine starke Erkältung. Ich fühlte mich damals ziemlich elend, wachte nachts schweißgebadet auf, stellte mich bei allem, was ich tat, ungeschickt an, war müde. Meine Hausärztin verschrieb mir ein Antibiotikum, eine große Tablette, von der ich drei Stück pro Tag nehmen sollte. Nach etwa einer Woche ging es mir wieder besser. Ich wagte mich aus dem Haus und auch wieder ins Fitnessstudio. Gerhard, ein Sportfreund, fragte mich unter der Dusche: »Hast du abgenommen?«
Ich schaute auf meinen Bauch und antwortete nur: »Schön wäre es!«
Doch die Waage gab dem Sportfreund recht: Sie zeigte fünf Kilogramm weniger an. Ich konnte mir diesen raschen Gewichtsverlust nicht erklären. Meine Hausärztin maß dem keine große Bedeutung bei. Doch mir ließ der große und plötzliche Gewichtsverlust keine Ruhe. Mein erster Gedanke war: Du hast Krebs! Ich wusste von einer Bekannten, wie sie festgestellt hatte, dass ihr Mann an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war. Sehr plötzlich hatte er Gewicht verloren. Außerdem waren drei meiner Cousins an dieser fürchterlichen Krebsart gestorben.
Die Alarmglocken klingelten sofort bei mir. Ich wandte mich erneut an meine Hausärztin. Sie blieb weiterhin gelassen: »Es kann schon mal passieren, dass das Gewicht runtergeht, vor allem nach der Einnahme von Antibiotika. Also bitte keine Panik!«
Natürlich ist es ihre Pflicht als Ärztin, ihre Patienten zu beruhigen. Doch bei mir gelang es ihr nicht so recht. Ich bestand darauf, dass sie mich zu einer Magen- und Darmspiegelung überwies. Als diese keinen Befund ergab, atmete ich auf. Auch die folgenden CT- und MRT-Untersuchungen brachten keine Hinweise auf eine ernsthafte Erkrankung, nur die Lunge zeigte einen kleineren dunklen Fleck. Also alles okay!
Zweifel blieben dennoch. Ich fühlte mich weiterhin matt, schlief schlecht. Oft war mir schwindelig. Außerdem fing meine linke Hand zu zittern an. Die Gymnastik-Übungen mit meinen »Best-Agern« im Fitness-Studio musste ich sein lassen. Nur an den Geräten fühlte ich mich noch sicher.
Allmählich verfestigte sich in mir eine bedrohliche Ahnung: Alzheimer oder Morbus Parkinson. Es folgte ein erster Besuch beim Neurologen. Er untersuchte meinen Kopf, machte ein paar Tests – wie den bekannten Uhrentest – und schickte mich wieder weg: »Sie sind nicht dement.«
Weder er noch meine Hausärztin kamen auf die Idee, dass es Parkinson sein könnte. Doch mir schien dieses Krankheitsbild immer mehr als das wahrscheinlichste. Ich verlangte eine erneute MRT-Untersuchung. Diese bestätigte meinen schrecklichen Verdacht. Die Hausärztin schickte mich zu einem anderen Neurologen. Er erkannte sofort, was Sache war.
Zunächst fasste er meinen linken Unterarm und bewegte ihn vorsichtig auf und ab.
»Ganz lockerlassen«, forderte er mich auf, schnappte sich den rechten Arm und wiederholte die Bewegungen. Dann ließ er mich auf dem Gang vor seinem Arztzimmer drei-, viermal auf- und abgehen. Zuletzt erklärte er mit fester Stimme, was ich eigentlich schon wusste: »Es besteht kein Zweifel. Sie haben Morbus Parkinson.«
Er verschrieb mir das Arzneimittel Levodopa. Ich sollte morgens, mittags und abends erst eine halbe, später eine ganze Tablette einnehmen. Inzwischen sind es zwei. Diese Arznei zeigte zunächst keine Nebenwirkungen. Ich schien sie gut zu vertragen. Beim zweiten Besuch verschrieb mir der Neurologe zusätzlich Pramipexol. Davon sollte ich eine Tablette einnehmen. Für die Nacht kam noch eine Levodopa-Retard-Tablette dazu. Beide Medikamente sollen das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.
Auch wenn die Prognose Morbus Parkinson nicht schön klingt, war ich doch irgendwie erleichtert, dass ich endlich aus Expertenmund erfuhr, woran ich war. Meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich zumindest nicht. Ich war weder an (fast immer tödlichem) Bauchspeicheldrüsenkrebs noch an Leberkrebs erkrankt.
Im Laufe der Zeit habe ich einen häufig genannten Satz verinnerlicht: An Parkinson stirbt man nicht! Dabei verdränge ich nicht die Tatsache, dass die Krankheit oft die Ursache für schwere Stürze ist – mit den bekannten Folgen.
Was ist eigentlich Morbus Parkinson?
Im Jahr 1817 beschrieb der britische Arzt Dr. James Parkinson in seiner »Abhandlung über die Schüttellähmung« zum ersten Mal die unheilbare Krankheit, die nach ihm benannt wurde. Sie beginnt im Gehirn, wo sich die Nervenzellen mithilfe von bestimmten Botenstoffen verständigen. Für Morbus Parkinson ist Dopamin der entscheidende Botenstoff. Er sorgt dafür, dass die Nervenzellen die Bewegungen der Muskeln miteinander abstimmen. Bei der Parkinson-Krankheit sterben die Gehirnzellen, die Dopamin herstellen, nach und nach ab. Ohne Dopamin können die Nervenzellen die Bewegungsabläufe nicht mehr richtig koordinieren. Parkinson-Patienten fällt es zusehends schwerer, ihre Bewegungen zu steuern, die Kontrolle über die Muskulatur geht verloren. Warum die Nervenzellen absterben, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Symptome sind klar erkennbar: Betroffene bewegen sich zunehmend langsamer. Es fällt ihnen immer schwerer, eine Bewegung zu beginnen. Außerdem werden die Muskelbewegungen kleiner. Die Arme schwingen weniger mit, die Schritte werden kürzer. Die Schrift wird kleiner und unleserlicher, die Stimme leiser und undeutlicher. Mit der Zeit wird schließlich das Gesicht immer ausdrucksloser. Man redet vom Botox-Gesicht.
Weitere Symptome treten hinzu: Schlafstörungen, schwindender Geruchssinn, Veränderung von Körperfunktionen wie Blutdruck, Blasen- und Darmtätigkeit, Schluckbeschwerden, Schwindel oder gestörte sexuelle Funktionen. Auch Vergesslichkeit und Erinnerungslücken sind oftmals auf Morbus Parkinson zurückzuführen.
Diese einfache und laienhafte Beschreibung umfasst natürlich nicht die ganze Vielfalt der Symptome und möglicher Krankheitsverläufe. Auch scheint es bei jedem Patienten andere Schwerpunkte zu geben. Nur eines ist sicher: eine Heilung gibt es bis heute nicht.
In der Parkinson-Klinik, Mai 2018
Bald nachdem die Diagnose feststeht, melde ich mich bei der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V. als Mitglied an. Von dort erhalte ich eine Liste der Parkinson-Kliniken in Deutschland. Schließlich erteilte mir die Parkinson-Klinik Wolfach die Zusage für einen zweiwöchigen Aufenthalt.
Ich möchte schnellstmöglich wissen, wie es um mich steht. Ausführliche Untersuchungen und Gespräche mit den Ärzten sollen mir helfen, mehr über mein Krankheitsbild zu erfahren. Vielleicht können die angebotenen Therapien sogar eine Verbesserung herbeiführen? Vor allem aber erwarte ich mir eine psychologische Betreuung, um über meine depressive Phase hinwegzukommen. Auf die Gespräche mit anderen Betroffenen bin ich gespannt. Ich erhoffe mir ganz praktische Hilfe, wie ich mit Morbus Parkinson umgehen muss.
Anfang Mai 2018 fahre ich mit meiner Frau Margret nach Wolfach. Die Klinik liegt idyllisch am Hang mit einem schönen Garten, wo gerade die Rhododendren blühen. Die Aufnahme in meinem Zimmer erfolgt durch den Stationspfleger Arno, ein freundlicher Einheimischer mit alemannischem Dialekt. Er notiert genau, zu welchen Zeiten ich welche Medikamente einnehme.
Nachdem sich Margret verabschiedet hat, schaue ich mich im Haus um. Außer Speisesaal und den Therapieräumen entdecke ich einen Fernsehraum und eine Bibliothek, die aber auf den ersten Blick nur verstaubte Bücher zu bieten hat, Mario Simmel, Agatha Christie und andere. Nach viel Abwechslung sieht das nicht gerade aus. Eine gewisse Tristesse schleicht sich bei mir ein. Für einen Spaziergang ist es zu spät, da der Ortskern in einiger Entfernung liegt. Außerdem ist es draußen nass und kalt. Ich bin müde und lege mich gleich in mein Krankenhausbett.
Das erste Abendessen. Es wird mir ein Tisch zugewiesen, an dem schon drei Männer sitzen. Der Jüngste, Herr Engel, etwa 45 Jahre alt, zittert stark mit der rechten Hand. Er kommt aus Nöttingen, ein Ort ganz in meiner Nähe. Mit ihm unterhalte ich mich über den FC Nöttingen, der in der letzten Saison noch in der hochklassigen Fußball-Regionalliga spielte, jetzt aber in die Oberliga abgestiegen ist.
Herr Dr. Schubert sitzt mir gegenüber. Seine Haltung ist stark gebückt. Zum Gehen benötigt er einen Rollator. Er erzählt, dass er bereits öfter gestürzt ist. Das verraten auch seine Narben im Gesicht. Er ist mir sympathisch, nicht zuletzt, weil er als Einziger offen über seine Probleme redet. Wir sind beide Jahrgang 1943. Allerdings muss ich mich anstrengen, ihn zu verstehen, weil er sehr leise spricht. Der dritte Tischnachbar, Herr Braun, an dem ich den bekannten »Schüttelkopf« bemerke, ist ebenfalls kaum zu verstehen. Aber er verhält sich meist still. Innerlich stelle ich fest: Mit meiner Schwerhörigkeit werde ich Probleme haben, ordentliche Unterhaltungen zu führen.
Nach dem Essen verabschieden sich alle sehr schnell. Obwohl wir unter der gleichen Krankheit leiden, werden wir uns in den nächsten zwei Wochen nicht wirklich näherkommen. Wir sind Fremde, die etwas gemein haben: den Verfall des eigenen Körpers. Meist reden wir über Belangloses. Das Wichtigste, unsere Krankheit, klammern wir lieber aus.
Als ich nach meinem ersten Abendessen in der Klinik in mein Zimmer zurückkehre, liegt dort der Patienten-Tagesplan für die nächsten Tage. Morgen, am Samstag, stehen ein Vortrag über Pflegeversicherung und Gruppengymnastik mit Bällen auf dem Programm. Ansonsten tut sich am Wochenende wenig.
Ein normaler Patienten-Tagesplan sieht dann ungefähr so aus:
7: 00 Uhr bis 7: 25 Uhr: Schellong-Blutdruckmessung
Zwischen 10: 00 Uhr und 10: 35 Uhr: Visite, in aller Regel durch den Oberarzt und drei Assistenzärzte; sie kommen ins Zimmer, schauen mich an, kontrollieren die Handgelenke, lassen mich ein paar Schritte gehen und fragen nach meinem Befinden. Dann unterhalten sie sich untereinander und machen Notizen in der Patienten-Kladde. Ohne weitere Erklärungen rauschen sie wieder aus dem Zimmer.
10: 40 Uhr bis 11: 05 Uhr: Ergotherapie, unter anderem Übungen mit meiner linken, schwachen Hand. Kneten ist angesagt. Das ist ganz schön anstrengend.
12: 30 Uhr bis 12: 55 Uhr: Feinmotorik-Gruppe, in der wir kleine Bälle rollen oder große Streichhölzer sortieren.
13: 00 Uhr bis 13: 25 Uhr: Gruppengymnastik.
15: 00 Uhr bis 15: 25 Uhr: Sprachtherapie in der Gruppe.
Sprachtherapie und Gymnastik werden auch für einzelne Patienten angeboten.
Während meines Aufenthalts in der Klinik führe ich auf persönlichen Wunsch ein Gespräch mit einem Psychiater zur Krankheitsbewältigung. Dabei erwähne ich auch meine depressiven Phasen. Mein freundliches Gegenüber hört mir aufmerksam zu und macht sich Notizen. Konkrete Vorschläge hat er nicht für mich.
Hilfreicher ist ein Gespräch mit der Sozialarbeiterin. Sie erklärt mir, wie man beispielsweise einen Schwerbehindertenausweis oder – was bei mir hoffentlich noch lange nicht eintritt – Pflegestufen beantragt.
Mein Blutdruck variiert stark: Am Morgen sehr niedrig (bis 90 SYS abfallend), am Abend sehr hoch (bis 165 ansteigend). Zur besseren Kontrolle erhalte ich ein 24-Stunden-Messgeerät, das mir um den Hals gehängt wird. Das automatische Aufpumpen am Oberarm ist lästig. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.
Mein Medikamentenplan vergrößert sich enorm. Vor meinem Klinikaufenthalt nahm ich drei verschiedene Parkinsontabletten, eine halbe Schilddrüsen-Tablette, eine Blutdruck- und eine Prostata-Tablette gegen den Harndrang ein. Jetzt sind es insgesamt neun Tabletten, die ich zu sechs verschiedenen Uhrzeiten nehmen muss. Die erste um 6: 30 Uhr (Schilddrüse), die letzte um 22 Uhr (Levodopa 100/25 Retard). Was mich besonders verwundert: Schon am zweiten Tag meiner Anwesenheit in der Klinik haben die Ärzte die Zahl der Parkinson-Medikamente verdoppelt. Konnten die so schnell wissen, was bei mir zu ändern war?
Nur einmal in den zwei Wochen meines Aufenthalts lässt sich der Chefarzt bei einer Visite sehen. Auch er beantwortet meine Fragen ausweichend und ist rasch wieder aus dem Zimmer. Andererseits: Im Gespräch mit einem anderen Patienten, bei dem sich nebenbei herausstellt, dass wir Kunden seiner Rollladenfirma in Ettlingen sind, wird der Chefarzt sehr gelobt. Dieser Patient kommt jährlich mindestens einmal in die Klinik, um sich vom Chef persönlich behandeln zu lassen, mit offensichtlichem Erfolg. Ihm sieht man seine Krankheit nicht an.
Glücklicherweise gibt es auch erquickende Momente. Wie sich herausstellt, spielt Herr Schubert gerne Schach. Schon haben wir eine gute Abendunterhaltung. Allerdings hält er seinen Kopf so weit unten und überlegt so lange, dass ich manchmal denke, er ist jetzt eingeschlafen. Wir sind ungefähr gleich stark (oder eher gleich schwach), so dass uns das Schachspiel Spaß macht.
Dreimal besuche ich das Städtchen Wolfach. Die Kinzig fließt mitten durch den Ort und prägt das idyllische Stadtbild. An einem Sonntag fahre ich mit der Bahn in die Nachbarstadt. Dort, so habe ich gelesen, befindet sich eine große Modell-Eisenbahn-Ausstellung. Der Ausflug lohnt sich. Eine Strecke der Schwarzwaldbahn ist naturgetreu nachgebildet. Ich kann mich kaum sattsehen.
Als mich meine Frau am Schluss der Kur abholt, bin ich erleichtert. Ich habe weniger neue Erkenntnisse gewonnen, als ich mir erhofft hatte.
Die Parkinson-Gymnastik
Daheim nehme ich weiterhin einmal pro Woche an der Gymnastik einer Parkinson-Selbsthilfegruppe teil, zu der ich mich im Oktober 2017 angemeldet hatte. Den Hinweis darauf entnahm ich dem örtlichen Amtsblatt. Wir sind eine Gruppe von zehn bis zwölf Patienten, zur Hälfte männlich und weiblich. Während der Gymnastik sitzen wir auf Stühlen im Kreis. Angeleitet von einer Übungsleiterin, machen wir Dehn- und Streckübungen, im Stehen und Sitzen. Die Übungen sind einfach, damit alle Anwesenden sie mitmachen können, ganz unabhängig davon, wie weit die Pechkrankheit schon fortgeschritten ist. Außerdem marschieren wir viel auf der Stelle. Einmal im Monat gehen wir zusammen in ein nahegelegenes Restaurant zum Mittagessen. Leiter der Gruppe ist Berthold. Er ist von Anfang an dabei, nicht als Betroffener, sondern als Angehöriger. Seine Frau litt sieben lange Jahre an der Krankheit. Er betreute sie liebevoll und leitete gleichzeitig die Parkinson-Gruppe. Auch nachdem seine Frau inzwischen verstorben ist, macht er weiter. Neulich erwähnte er, dass er selbst Prostatakrebs hat, wegen seines hohen Alters – er ist 83 – aber nicht mehr operiert wird. Ein herzensguter Mensch, der über seine eigenen Probleme nicht groß redet.
Bei einigen von uns muss man genau hinsehen, um Parkinson-Symptome zu entdecken. Andere sind bereits gezeichnet, wie zum Beispiel Manfred, der im Pflegeheim wohnt, in dem die Gymnastik stattfindet. Er sitzt im Rollstuhl und kann Arme und Beine nur wenig bewegen. Trotzdem ist er jedes Mal dabei. Bei Herbert, erst 60 Jahre alt, ist das Sprechvermögen stark eingeschränkt. Vor einem halben Jahr stürzte er fatal und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Auch er ist seitdem an den Rollstuhl gefesselt. Bei sich zu Hause hat er einen Treppenlift einbauen lassen.
Doris ist regelmäßige Teilnehmerin. Ihr Mann, den sie begleitete, verstarb vor ein paar Jahren. Drei weitere Teilnehmerinnen sind keine Betroffenen, begleiten aber ihre Männer zu unseren Treffen. Wobei natürlich auch die Ehegatten auf ihre Art Betroffene sind.
Neulich erst kam ein Ehepaar zum »Schnuppern« in die Runde. Es waren Josef und Helga, zwei alte Bekannte aus meinem Dorf. Josef und ich waren lange Jahre im Gesangverein Etzenrot aktiv. Beide wussten wir nicht voneinander, dass wir von der gleichen Krankheit betroffen sind. Statt der gemeinsamen Leidenschaft für das Singen führt uns nun ein gemeinsames Leiden zusammen. Ein Leiden, das uns auf beklemmende Weise gleichmacht. Mehr und mehr bemerke ich, wie wichtig es ist, meine Individualität zu behaupten.
Teil I
Kindheit und Jugend
Meine schwäbische Herkunft
Am 5. Oktober 1943 wurde ich in Schorndorf geboren, einer Kleinstadt 30 Kilometer östlich von Stuttgart. Mein Vater war im Kriegsdienst, meine Mutter schon 39 Jahre alt und ich eine schwierige Geburt. Die Hebamme benötigte ein Zangeninstrument, um mich auf diese Welt zu zerren. Größere Schäden trug ich offenbar nicht davon.
Mein Bruder Rolf war schon zwölf Jahre alt. Wie ich später hörte, kümmerte er sich fürsorglich um mich, den Nachzügler. Zur Familie gehörte außerdem der zehnjährige Heinz. Er war der uneheliche Sohn von Anne, der jüngeren Schwester meiner Mutter. Meine Eltern nahmen ihn zu sich und behandelten ihn wie ihr eigenes Kind. Seine leibliche Mutter verkraftete die »Schmach«, ein uneheliches Kind zu haben, nicht. Viele Jahre war sie Patientin in der Nervenheilanstalt in Winnenden. Erst nach der Menopause konnte sie ein normales Leben führen. Sie fand ihren inneren Frieden als Helferin in einem Altenheim.
Unsere Wohnung befand sich im Obergeschoss eines Backsteingebäudes, das zu einem weitläufigen Ziegeleigelände gehörte. Im Erdgeschoss verfügte es über zwei Garagen. Dort waren Lastwagen und Anhänger der Ziegelei untergebracht. Unweit von unserem Haus standen große Stallungen für Pferde und Kühe, sowie Scheunen für Heu und Stroh. Es war damals nicht unüblich, dass größere Firmen neben ihrem eigentlichen Gewerbe auch eine Landwirtschaft betrieben.
Die Ziegeleibesitzer Arnold und Groß besaßen auch Weinberge am Schorndorfer Grafenberg. Mein Vater war als ihr Weingärtner beschäftigt. Nebenher bewirtschafte er auch einen eigenen kleinen Weinberg von 20 Ar. Während er an der Front war, kümmerte sich meine Mutter darum. Rolf und Heinz halfen mit, wenn sie schulfrei hatten. Mit dem Handleiterwagen ging es zu Fuß zum etwa anderthalb Kilometer entfernten Weinberg. Klein und leicht korpulent, war der Weg zum Weinberg für meine Mutter eine Strapaze, schließlich ging es stetig bergauf. Die schweren Arbeiten, wie das Schneiden der Reben im Winter oder das Spritzen gegen allerlei Blattkrankheiten im Sommer, übernahmen Weingärtner, die wegen ihres Alters oder aus anderen Gründen nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Alle Weingärtner, ob im Vollerwerb oder Nebenerwerb, waren Mitglieder der örtlichen Weingärtnergenossenschaft. Es war selbstverständlich, dass man sich gegenseitig in den schwierigen Kriegszeiten unterstützte.
Da wir abseits vom Städtchen wohnten, gab es keine Kinder in meinem Alter, mit denen ich hätte spielen können. Rolf und Heinz dagegen waren mit den etwa gleichaltrigen Fabrikantensöhnen befreundet. Doch die ledigen Knechte im landwirtschaftlichen Betrieb trieben ihren Spaß mit mir. Sie prägten mir ein, dass ich, wenn man mich nach meinem Geburtstag fragt, antworten sollte: »Wenn die Trauben reif sind.« Wenn dann die Frage kommt: »Ja, wann sind sie denn reif?«, sollte ich sagen: »An meinem Geburtstag!«
Wenn sie arbeitsfrei hatten, waren die Knechte meine »Spielkameraden «. Meine Spielplätze waren die Heuschober und die Stallungen mit den Kühen und Pferden, letztere wurden als Zugpferde gehalten.
Gegen Ende des Krieges geriet mein Vater zuerst in französische, später in amerikanische Gefangenschaft. 1946 kehrte er zu seiner Familie zurück. Wie mir erzählt wurde, stand er eines Tages vor der Tür, abgemagert, mit Vollbart und in einen alten dreckigen Armeemantel gehüllt. Meine Mutter erkannte ihn nicht und fragte: »Was wollen Sie?«
Doch Heinz, der zur Tür kam, rief: »Das ist doch der Vater!«
Wie muss er sich da gefühlt haben, nach den Gräueln von Krieg und Gefangenschaft – als Fremder vor dem eigenen Haus, vor der eigenen Frau?
Nach einem ausgiebigen Bad in der Zinkbadewanne, die in der Küche aufgestellt wurde, konnte er seine Familie, um einen Stammhalter vergrößert, so richtig in die Arme nehmen.
Die Stilz-Familie
Mein Vater Robert Stilz wurde 1905 als sechstes von sieben Kindern des Weingärtners und Bauern Gottlob Stilz und dessen Frau Martha geboren. Gottlob, mein Großvater, stammte aus dem kleinen Weindorf Schnait im Remstal. Weinbau und Landwirtschaft warfen zu damaliger Zeit keine Reichtümer ab, die meisten dieser Kleinbauern hatten gerade genug zum Überleben. Der Hauptgrund für das eher armselige Leben war die in Württemberg praktizierte Erbteilung: Der Besitz der verstorbenen Eltern, Weinberge, Äcker und Wiesen, wurde unter allen Nachkommen – und das waren zu jener Zeit nicht wenige – mehr oder weniger gerecht geteilt. In der Folge schmolz der Grundbesitz für die einzelnen Erben immer mehr. Manchmal zahlte einer der Söhne seine Geschwister aus, um den kleinen Hof als Ganzes übernehmen zu können. Dazu musste er sich in der Regel Geld durch Kredite und Darlehen besorgen und auf lange Zeit verschulden. Im 19. Jahrhundert versuchten daher viele Schwaben, wie auch die Badener und Pfälzer, ihr Glück und ein auskömmliches Leben durch Auswanderung, hauptsächlich nach Amerika, zu finden.
Gottlob schlug einen anderen Weg ein. Er verließ schon früh sein Heimatdorf und bewarb sich in Stuttgart erfolgreich als Weingärtner für das städtische Weingut. Ob es seine imposante Erscheinung, Charme oder einfach Glück war, weiß ich nicht, doch er fand im Stuttgarter Vorort Sillenbuch die Frau fürs Leben. Dass Martha, aus dem florierenden Elektrogeschäft Löffler stammend, eine ordentliche Mitgift in das eheliche Glück einbrachte, gereichte dabei nicht zum Schaden. In Sillenbuch bezog das junge Ehepaar eine städtische Mietwohnung. Dort kamen auch ihre Kinder zur Welt.
Als fleißige und sparsame Leute schafften Gottlob und Martha es, sich in Schorndorf eine eigene Existenz mit einem stattlichen Bauernhaus, einem Weinberg, Äckern und Wiesen aufzubauen. Mit der Zeit wurde es ein ordentliches Anwesen, das sich sehen lassen konnte. Großvater beeindruckte nicht nur durch seine stattliche Erscheinung. Er konnte auch gut reden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass er schon bald der Ortsbauernführer von Schorndorf wurde.
Familie Gottlob und Martha Stilz, um 1920. Die Kinder, von links:Paul, Martha, Anna, Ottilie, Friedrich, Mina und Robert
Er war aber auch ein jähzorniger Mensch und gegenüber seinen Kindern oft ein brutaler Vater. Friedrich, der älteste Sohn, ließ es sich nicht sehr lange gefallen und verließ schon in jungen Jahren das Elternhaus, was den Vater erst recht in Rage brachte. Friedrich kam bei der Stuttgarter Straßenbahngesellschaft unter, erst als Hilfsarbeiter, später als Straßenbahnfahrer, und wurde schließlich verbeamtet.
Mina, die älteste Tochter, verschlug es schon bald nach Amerika, wo sie bei entfernten Verwandten in Brooklyn, New York, eine Stelle als Hausmädchen bekam. Sie heiratete Christian Kies, der wie sein Schwiegervater aus Schnait stammte. Aus ihnen wurden gute Amerikaner. Ihre drei Kinder erhielten typisch amerikanische Vornamen: Warren, William und Martha.
Die Zwillinge Ottilie und Martha versuchten ebenfalls ihr Glück in Amerika, angezogen von der älteren Schwester. Doch beide kehrten später nach Schorndorf zurück, heirateten und gründeten ihre eigenen Familien. Die vierte Tochter, Anna, blieb am längsten bei den Eltern im Bauernhaus. Sie war für alle Arbeiten zu gebrauchen. Später hatte sie das Glück, einen »feschen Nationalsozialisten« zu ehelichen. Als Leiter der örtlichen Molkerei war er während des Krieges unabkömmlich und durfte bei seiner Familie bleiben. Sein ältester Sohn, Karl, hatte das zwiespältige Vergnügen, bis zum Zusammenbruch des »Tausendjährigen Reiches« in die Nationalpolitische Lehranstalt, kurz Napola, geschickt zu werden, die Eliteschule für künftige Nazigrößen.
Mein Vater Robert war das zweitjüngste Kind in der Familie. Seine schulischen Leistungen waren schlecht, was jedoch auch dem Umstand geschuldet war, dass er von seinem Vater von Anfang an als billige Arbeitskraft missbraucht wurde. Wenn er von der Schule kam, gab es nach dem Mittagessen sofort Arbeit für ihn im Weinberg, im Viehstall oder auf dem Acker. Am späten Abend war es für Hausaufgaben zu spät. Völlig übermüdet, schlief er häufig darüber ein. Nach der Schulzeit verwehrte sein Vater ihm die Möglichkeit, eine Lehre anzutreten. Als Knecht war er für ihn nützlicher. Später erzählte mein Vater häufig, wie er seinen Vater eines Tages um eine Entlohnung gebeten hatte, worauf dieser barsch erwidert hatte: »Du hast dir noch nicht mal deine Windeln verdient!«
Diese Demütigung vergaß mein Vater sein Leben lang nicht. Um zu etwas Geld zu kommen, verdingte sich Robert neben der Arbeit bei seinem Vater als Jugendlicher und junger Mann als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Auch beim Kiesbaggern im Flüsschen Rems, das am elterlichen Haus vorbeifloss, konnte er etwas verdienen.
Der jüngste Sohn, Paul, war ein richtiger »Rackerer«, wie man auf Schwäbisch sagt: Er konnte nicht genug von der Arbeit bekommen und war deswegen der Liebling seines Vaters. Aus diesem Grund sollte er den Hof erben. Dazu kam es aber nicht. Paul blieb auf dem Schlachtfeld des schrecklichen Krieges.
Robert trifft auf Rösle
Mein Vater hatte sich inzwischen so weit emanzipiert, dass er eine Anstellung als Weingärtner bei den Ziegelwerken fand und so den Grundstein für eine spätere Familie legen konnte.
Es war um das Jahr 1929, er war 24, als er bei einem Erntedankfest erstmals auf Rösle traf, die als Dienstmädchen in einem Geschäftshaushalt in Schorndorf tätig war. Mit vollem Namen hieß sie Karoline Rosine Häberlein. Zwischen den beiden knüpften sich zarte Bande. Rösle war eine hübsche, etwas untersetzte Person. Auch mein Vater Robert sieht auf Bildern dieser Zeit richtig fesch aus.
1904 als uneheliches Kind geboren, war meine Mutter in Wallhausen aufgewachsen, einem kleinen Bauerndorf in der Hohenlohe, einer landwirtschaftlich geprägten Gegend im nordöstlichen Teil von Württemberg. Das raue Klima ließ nur geringe Erträge zu. Meine Mutter lebte bei ihren Großeltern, die zwar bettelarm waren, ihr Enkelkind aber über alles liebten. Zu ihrer leiblichen Mutter, die das Dorf verließ und auswärts als Magd arbeitete, hatte sie als Kind kaum Kontakt.
Ihr Großvater war ein Bauer mit nur einer Kuh im Stall. Doch irgendwie kamen sie über die Runden. Später erwähnte Rösle immer wieder, dass sie eine glückliche Kindheit hatte. Jährlicher Höhepunkt, von dem sie mir stets mit einem Leuchten in den Augen erzählte, war der Besuch auf der Muswiese. Einmal im Jahr fanden in der kleinen Ortschaft Musdorf eine Kirmes und ein Krämermarkt statt, auf dem sich das Landvolk mit Dingen des täglichen Bedarfs eindeckte. Ihr Großvater nahm sie auf den vier Kilometer langen Fußmarsch mit und spendierte ihr eine rote Wurst – welch ein Genuss. (Die Muswiese gibt es übrigens noch heute. Inzwischen wuchs sie zum größten Volksfest der Region Hohenlohe mit vielen Fahrgeschäften, Krämermarkt und einer großen Landmaschinen-Ausstellung.)
In der Dorfschule war Rösle eine der Besten. Ich bewunderte später immer ihre wunderschöne Handschrift, ohne Makel und Schreibfehler. Mit 13 Jahren endete ihre Schulzeit. Sie kam zu einer Cousine nach Göppingen, einer riesigen Stadt im Vergleich zu ihrem Heimatdorf. Die Cousine verhalf ihr zu einer Stelle als Dienstmädchen. Als sie älter wurde, verdingte sie sich auch in Geschäftshaushalten in Stuttgart und Mannheim, bevor sie schließlich nach Schorndorf kam und ihren Robert kennenlernte.
Die Hochzeitsfeier fand am 24. Oktober 1930 im Bahnhotel Goldenes Lamm statt. Aus alten Unterlagen lässt sich entnehmen, dass die Hochzeitsgesellschaft 27 Leute umfasste, die 23 Liter Wein konsumierten. Das Festmenü kostete 3,80 Mark pro Person. Es gab noch 24 Nachtessen zu je 0,80 Mark, die Gesamtrechnung betrug 141,40 Mark. Die Braut vermerkte auf der Rechnung: »Vater Gottlob Stilz bezahlt 60 Mark.«
Auch die Rechnung für die Möbel des Brautpaars liegt noch vor. Die Möbelwerkstätte Gottlieb Rau in Schorndorf fertigte das komplette Schlafzimmer für 600 Mark, das Wohnzimmer-Buffet für 260 Mark, den Auszugstisch für 90 Mark, vier gepolsterte Stühle für 56 Mark, dazu noch einige weitere Möbelstücke. Die Rechnung belief sich auf 1.110 Mark.
Weil Rösle etwas klein geraten war, versuchte der Fotograf, das Manko durch ein kleines Podest auszugleichen, das er unter den Teppich im Fotostudio schob. Dummerweise kann der Betrachter des offiziellen Hochzeitsfotos diesen Trick leicht erkennen. Der gegenseitigen Zuneigung von Braut und Bräutigam tat dies sicherlich keinen Abbruch.
Nach ihrer Hochzeit bezogen Robert und Rösle eine kleine Mietwohnung. Am 1. August 1931 kam mein Bruder Rolf zur Welt. Zwei Jahre später vergrößerte Heinz die Familie.
Robert arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter auf dem Bau. Ein paar Jahre später heuerte er bei den Ziegelwerken Arnold & Groß GmbH an. Der Verdienst war allerdings gering und reichte für die vierköpfige Familie gerade so. Mein Vater erzählte oft, dass er zu Mittag im Weinberg zum Vesperbrot öfter mal »vergessen hat, die Wurst mitzunehmen«. In dieser Hinsicht hatten es die Knechte der Ziegelei besser. Sie bekamen ihr Essen von der Firma gestellt.
Schon bald nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 wurde mein Vater eingezogen. Er war als Gefreiter in Norwegen, wo die deutschen Soldaten bekanntlich die Bevölkerung ziemlich schlecht behandelten. Einzelheiten darüber habe ich später von ihm nie erfahren. Es war sozusagen ein Tabuthema für ihn. Da er schlecht lesen und schreiben konnte, schaffte er es nur bis zum Obergefreiten der Wehrmacht. Im Januar 1943 hatte mein Vater Heimaturlaub, und so geschah es, dass ich neun Monate später, im Oktober, zur Welt kam.
Die Nachkriegsjahre
Großvater Gottlob starb im Jahr 1946 an Kehlkopfkrebs. Ich habe keine eigene Erinnerung an ihn, doch es gab ein Foto, auf dem ich als Zweijähriger auf seinem Schoß sitze. Er hatte einen prächtigen Schnauzer.
Nach seinem Tod begann das Gezerre um das Erbe. Paul, der jüngste Sohn, der den Hof übernehmen sollte, war im Krieg gefallen. Friedrich hatte sich schon längst anders entschieden. Damit blieb nur noch mein Vater Robert übrig. Da er keinen anderen Beruf erlernen hatte dürfen, hätte er den Hof vermutlich gern übernommen – allein, es fehlte das Geld, um die Geschwister auszuzahlen. So wurde das Erbe nach schwäbischer Sitte aufgeteilt. Mein Vater erhielt das Haus, die anderen Geschwister teilten den Grundbesitz – Äcker, Wiesen und Weinberg – unter sich auf. Doch wie es in schwäbischen Familien eher die Regel als die Ausnahme ist, kam es zu heftigem Streit um das Erbe. Von den Einzelheiten dieser unerquicklichen, jahrelangen Auseinandersetzung, die sogar gerichtlich ausgetragen wurde und viele Wunden aufgerissen hat, möchte ich den Leser gern verschonen.
Bereits 1948 begann mein Vater mit dem Umbau des alten Bauernhauses. Über Scheune und Stall richtete er eine Wohnung ein, im Dachgeschoss darüber später noch eine kleinere, die er vermieten wollte. Es kam ihm zugute, dass er nebenher auf dem Bau gearbeitet hatte. So konnte er vieles, wie die Maurerarbeiten, in Eigenarbeit selbst verrichten.
Meine Kindheit in der Schlachthausstraße
Im Jahr darauf konnten wir in unsere neue Wohnung in der Schlachthausstraße 20 einziehen. Möbel und das sonstige Einrichtungsgut wurden im Heu-Leiterwagen, gezogen von zwei Kühen, von der Ziegelei in die Schlachthausstraße befördert. Ich saß ganz oben auf dem Wagen und fühlte mich wie ein Cowboy. Unsere Wohnung bestand aus Wohnzimmer mit Kohleofen, das jedoch nur sonntags benutzt wurde, dem Schlafzimmer, dem Zimmer für die zwei großen Jungs und einer geräumigen Wohnküche. Am Ende des Flurs befand sich das Plumpsklo. Mein Kinderbett stand im Elternschlafzimmer.
Ein weiteres Zimmer und eine kleine Küche, die später unser Bad werden sollte, bezogen 1952 Kurt und Lissy Bergmann, ein junges Ehepaar aus Thüringen, das ein Jahr zuvor aus der »Ostzone« über die grüne Grenze geflüchtet war. Später wechselten sie in die kuschelige Zweizimmerwohnung im Dachgeschoss. Kurt war Orthopädie-Meister und fand schnell eine angemessene Anstellung im Orthopädie-Geschäft Berg in Schorndorf. Der Bedarf an Prothesen war nach Kriegsende gewaltig, der Branche ging es prächtig. Seine Frau Lissy, Schneiderin von Beruf, arbeitete in der örtlichen Hutfabrik.
Wir verstanden uns gut. Ich vergötterte Lissy, die unbeschwert und lustig war, ganz anders als meine »alten Eltern«. Sie konnte keine Kinder bekommen, auch deshalb war sie mir zugeneigt. Wann immer sich die Gelegenheit bot, ging ich zum Mittagessen zu Bergmanns. Lissys Rouladen mit Rotkraut und Knödel nach Thüringer Art waren das beste Gericht, das es für mich gab. Auch waren ihre Kuchen und Torten köstlicher als die meiner Mutter, die in meiner Erinnerung immer nur Apfelkuchen mit Streusel und Hefezopf buk.
Die Bergmanns gingen mit der Zeit. Lange vor meinen Eltern schafften sie sich ein Fernsehgerät an. Manches Mal, wenn wir Samstagabends unser Bad in der Zinkwanne in der Küche genommen hatten, stiegen wir fein gekleidet zu ihnen hinauf, um zuerst die Tagesschau und dann die Quiz-Shows mit Hans-Joachim Kulenkampff oder amüsante Sendungen mit Peter Frankenfeld anzuschauen. Dazu tranken die Erwachsenen Likörchen aus bunt bemalten, trichterförmigen Gläschen und aßen kleine Salzbrezeln. Kurt besaß auch schon früh ein eigenes Auto, einen formidablen Opel Rekord in hellgrün, mit allem Komfort, einschließlich den damals schicken Reifen mit weißen Seitenwänden.
Der kleine Werner
Großmutter Martha wohnte im alten Teil des Bauernhauses. Sie hatte laut Testament und Kaufvertrag Nutznießrechte bis zu ihrem Tod. Inzwischen eine alte, von der vielen Arbeit gezeichnete Frau, wurde sie zunächst von meiner Mutter, später von ihrer Tochter Anna, die drei Häuser weiter wohnte, betreut. An die wohlige Wärme, wenn ich als kleiner Junge in ihr Bett krabbeln durfte, erinnere ich mich noch gut.
Als Kind war ich ängstlich und scheu. Nachts weckten mich oft schlimme Träume. Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch, das nicht endete, weinte bitterlich und stand zitternd am Gitter meines Bettchens. Zum Glück war meine Mutter in der Nähe, um mich zu trösten.
Außerdem hatte ich Probleme mit den Bronchien. Ich muss etwa fünf oder sechs gewesen sein, als der Hausarzt verfügte: »Werner muss in ein Kindererholungsheim!«
Ich kam nach Bad Friedrichshall zur Therapie und blieb dort für drei oder vier Wochen. Ich fühlte mich sehr unwohl und hatte großes Heimweh. Sonst kann ich mich an fast nichts erinnern, weiß aber noch, wie ängstlich ich war, wenn es mit einem eisernen Schachtaufzug unendlich weit in die Tiefe des Salzbergwerks ging. Dort unten herrschte ein Klima, das gut für die Heilung der Bronchien sein sollte.
Ein paar Jahre später wurden mir im Kreiskrankenhaus Schorndorf nach mehreren Mandelentzündungen die Rachenmandeln entfernt. Die Narkose unter der Äthermaske fand ich grausig. Dafür schmeckte das Vanilleeis als erste Nahrung nach der Operation. So etwas Köstliches kannte ich von Zuhause überhaupt nicht.
Nach nur wenigen Tagen wollte ich unbedingt heim. Ostern stand vor der Tür. Dem Drängen meiner Mutter gaben die Ärzte nach, ordneten aber an, dass ich daheim weiter das Bett hüten sollte. Ich fing an, Blut zu spucken, weil die Wunde wieder aufbrach, worauf mir meine Mutter viel Milch mit Honig zu trinken gab. Sie war der Meinung, damit den Blutverlust ausgleichen zu können. Erst als sie im Milchladen davon erzählte, wiesen andere Frauen sie darauf hin, wie gefährlich diese »Therapie« war. Meine Mutter holte den Arzt, der sofort die Überweisung ins Krankenhaus veranlasste. Dort erhielt ich schnellstens eine Bluttransfusion, die mir vielleicht das Leben rettete.
Bei der Verwandtschaft in Wallhausen
Mein Vater erwarb ein BMW-Motorrad mit 250 Kubikzentimeter Hubraum. Den erforderlichen Führerschein Klasse 4 hatte er schon in der Tasche, ohne jemals eine Prüfung abgelegt zu haben. Das hatte sich wie folgt zugetragen: Für den Weinberg der Ziegelei war einmal ein neues motorisiertes Ackergerät angeschafft worden. Um es fahren zu dürfen, benötigte man den besagten Führerschein Klasse 4. Für die Verwaltung der Ziegelei war es kein Problem, für den Mitarbeiter Stilz das Papier auch ohne Prüfung zu bekommen. Später gönnte sich mein Vater sogar das Vergnügen, ein Goggomobil mit 250 ccm Hubraum anzuschaffen.
Mit dem BMW fuhren wir jeden Herbst nach der Weinlese zur Verwandtschaft nach Wallhausen. Meine Großmutter hatte ein paar Jahre nach der Geburt von Rösle geheiratet und vier Kinder großgezogen. Mit ihrer Mutter und ihren Halbgeschwistern pflegte Rösle inzwischen regen Kontakt. Als kleine Aufmerksamkeit brachten wir süße Trauben aus unserem Weinberg mit. Bei der Fahrt, immerhin rund 120 Kilometer, saß ich auf dem Tank des Motorrads. Jedes Mal, wenn mein Vater mich auf den Boden stellte, sackte ich zusammen. Meine Füße waren eingeschlafen.
Bei der Weinlese, 1949. Heinz mit vollem Butten, ich stehe vor meiner Mutter, Vater hinten rechts. Im Hintergrund das Wengerthäusle.
Mit den Cousins und Cousinen in Wallhausen, alle etwas jünger als ich, verstand ich mich gut. Mir gefiel das einfache Leben auf dem Land. Der Hohenloher Dialekt, in dem die Menschen dort sprachen, erheiterte mich. Zum Beispiel sagten sie »Hos«, wenn sie einen Hasen meinten. Auf Hochschwäbisch aber ist die »Hos« eine Hose. Manchmal durfte ich eine oder zwei Wochen meiner Schulferien in Wallhausen verbringen. Den ganzen Tag hielten wir uns draußen auf. Spielkameraden gab es genug. Fast alle im Dorf bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft. Ich wohnte bei der Großmutter im selben Häuschen, in dem meine Mutter aufgewachsen war. Die Verhältnisse waren einfach. Zwar gab es fließendes Wasser im Haus, aber kein Waschbecken. Es wurde durch einen Eimer ersetzt, den man einfach unter den Wasserhahn stellte. Wollten wir warmes Wasser haben, mussten wir es im Schiffchen des Küchenherds erhitzen. Wir befeuerten ihn anständig.
Mietwaschküche Robert Stilz
Mein Vater war zunächst weiter als Weingärtner bei den Ziegelwerken beschäftigt, hatte aber jetzt einen wesentlich weiteren Fußweg zu den Weinbergen. Daneben war sein eigener kleiner Weinberg zu bearbeiten, und so war wenig Freizeit. Meine Mutter half so gut sie konnte im Weinberg mit. Er war, trotz fehlender Schulbildung, ehrgeizig und hatte immer den Wunsch, selbstständig zu sein.
Eines Tages entschloss er sich, den ehemaligen Kuhstall in eine große Waschküche umzugestalten. Er kaufte drei große Waschmaschinen und zwei Schleudern und ließ einen Heizkessel einbauen. An den Wänden wurden Terrazzobecken angebracht. Fertig war die Mietwaschküche Robert Stilz. Es war eine Marktlücke, die er entdeckte, denn zu dieser Zeit, in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts, konnten sich nur wenige Haushalte eine eigene Waschmaschine leisten. So kamen die Hausfrauen nun mit Handleiterwagen, gefüllt mit Körben voller Schmutzwäsche, und ließen bei Robert Stilz ihre Wäsche reinigen. Zunächst wurde die Wäsche aber für eine Nacht in den großen Terrazzobecken eingeweicht. Im Garten baute er noch überdachte Holzgerüste zum Aufhängen und Trocknen der Wäsche. Das Geschäft lief richtig gut. Natürlich war auch meine Mutter eingespannt, vor allem was die kaufmännischen Dinge anbelangte wie Schriftverkehr mit Waschmittellieferanten und die Rechnungsführung. In dieser Hinsicht wäre mein Vater überfordert gewesen. Er musste dafür jeden Morgen gegen 4: 30 Uhr aus dem Bett, um den großen Wasserkessel anzuheizen. Auch meine Mutter stand jeden Tag früh auf, denn es gab viel zu tun in der Mietwaschküche.
Vier Jahre lang ging alles gut. Dann erlitt meine Mutter eines Nachts einen schweren Nervenzusammenbruch. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie im Nachthemd im Flur stand und am ganzen Körper zitterte und schrie. Sie musste für längere Zeit ins Krankenhaus und kam später zur Rehabilitation in ein Elly-Heuss-Müttergenesungsheim. Der Arzt machte meinem Vater klar, dass er die Waschküche aufgeben muss, »wenn Sie es gut mit Ihrer Frau meinen «. So kam im Jahr 1954 das plötzliche Aus für Vaters Geschäft.
Die Schulzeit
Im Herbst 1950, kurz vor meinem siebten Geburtstag, wurde ich eingeschult. Da ich nie im Kindergarten gewesen war, kannte ich kein Kind in meiner Klasse und war ein Außenseiter. Meine Schüchternheit trug auch nicht dazu bei, rasch Freundschaften zu schließen.
September 1950: Ich werde eingeschult.
Wie damals üblich, waren wir eine reine Bubenklasse. Der Klassenlehrer, ein alter Mann mit finsterem Blick, wandte etwas sonderbare Erziehungsmethoden an. Er sprach uns nur mit Nachnamen an. »Stilz, steh auf, setz dich Müller!«
Bald gaben wir Jungs uns Spitznamen. Ich war passenderweise der »Rumpel«. Der Lehrer liebte es zudem, uns »Tatzen« zu verabreichen, also mit seinem Lehrerstab auf die flachen Hände zu schlagen. Auch Hiebe auf den Hosenboden waren nicht unüblich, wenn wir uns seiner Meinung nach nicht anständig benommen hatten. Ein besonderes Vergnügen schien es ihm zu bereiten, mit seinem Stab an unseren Oberschenkeln entlang zu streifen, wenn wir in kurzen Hosen auf unseren Schulbänken saßen. Das empfanden wir als ziemlich eklig, doch keiner der Schüler erzählte davon etwas zu Hause. Nach zwei Schuljahren war dieser Spuk zu Ende. Wir bekamen einen jungen Klassenlehrer.
An der Hauswand des Schulgebäudes postierten sich vor der großen Pause zwei Bäckerfrauen mit ihren Weidenkörben, in denen sie köstliche Leckereien feilboten. Ich bekam von den Eltern genügend Geld mit, um Brezeln (damals zu sieben Pfennig das Stück) oder »süße Stückchen« wie Schneckennudeln kaufen zu können. Auch süßer Kakao wurde angeboten. Gab es in der Wäscherei wieder einmal viel zu tun, erwartete mich zuhause nicht immer ein Mittagessen. Dann schickte mich Mutter zum Metzger Winter, um Wurst für den Mittagstisch zu besorgen.
Auch für die Kontrolle der Hausaufgaben war so gut wie keine Zeit. Ich lernte schnell, diesen Umstand reichlich auszunutzen. An meinen Zeugnissen war es abzulesen.
Spaß auf der Straße
Die Schlachthausstraße war nicht besonders lang. An ihrem unteren Ende, wo sie in die Vorstadtstraße mündete, befand sich der eindrucksvolle, aus Klinkersteinen gemauerte Schlachthof. Zu ihm gehörten eine Schlachthausgaststätte, ein Veranstaltungssaal im Obergeschoss und darüber einem Türmchen als Krönung. Im langgezogenen Nebenbau machte das Schlachtvieh aus der ganzen Umgebung die letzten Zuckungen. Jeden Montag färbte sich das Wasser der Rems, die hinter dem Schlachthof gemächlich dahinzog, rot vom Blut der Tiere, die geschlachtet worden waren. An den Wochenenden davor hörte man oft, wie die Tiere vor Hunger und Durst erbärmlich schrien. Kein Anwohner wäre auf die Idee gekommen, sich über derlei zu beschweren.
Oberhalb des Schlachthofs befand sich ein dreistöckiges Haus mit einem großen Garten. Das war die Jugendherberge. Manchmal nächtigten dort auch junge Menschen aus anderen Ländern. Einmal war es sogar eine Gruppe aus Ceylon, wie Sri Lanka damals noch genannt wurde, die den Kontakt mit den Einheimischen suchte. Da in unserer Straße die älteren Kinder über ein paar Brocken Englisch verfügten, kam ein munterer Dialog zustande. Günther, unser Klügster, war unser Sprecher und Übersetzer. Die Schüler besuchten Großbritannien, das »Mutterland« des britischen Commonwealth, dem Ceylon angehörte. Zur Abwechslung unternahmen sie jetzt einen Trip durch Europa. Sie zeigten uns Schwarzweiß-Fotos, auf denen sie in den schicken Uniformen der Oberschule zu sehen waren, in der sie auf Englisch unterrichtet wurden. Die Jungs trugen weiße Hemden, kurze, dunkelgraue Hosen und Kniestrümpfe (die in Wirklichkeit blau waren), die Mädchen entsprechend weiße Blusen und dunkle Röcke.
Besuch aus Ceylon. Günther links außen, ich vierter von links neben der Lehrerin, Nachbarskinder
Sie waren sehr freundlich und luden uns ein, sie in Ceylon zu besuchen. Dabei hatten die meisten von uns keine Ahnung, wo dieses Land überhaupt ist. Ihrer Hautfarbe nach mussten sie aus Afrika stammen, doch da widersprachen sie aufs Heftigste.
»Unser Land ist eine Insel und befindet sich im indischen Ozean, südlich von Indien«, klärten sie uns auf. So bekamen wir nebenbei einen interessanten Geographieunterricht. (Ich konnte nicht ahnen, dass ich später in meiner beruflichen Tätigkeit mehrmals in dieses schöne Land reisen würde.)
In östlicher Richtung gleich hinter der Jugendherberge zog sich das Rems-Ufer dahin, gesäumt von hohen Pappeln. Die Wohnhäuser lagen auf der anderen Straßenseite. Unser umgebautes Bauernhaus war das älteste in der Straße. Ganz am Ende der Schlachthausstraße, wo sie in einen Feldweg zu den Schrebergärten überging, befand sich ein Sägewerk mit Zimmerei, das dem Vater meines Freundes Rolf gehörte. Seine Eltern hatten das vornehmste Haus in der ganzen Umgebung.
Die Straße war unser Spielplatz. Sie war nicht asphaltiert und es gab keine Bürgersteige. Wenn die Löcher im sandigen Grund zu groß wurden, kamen städtische Arbeiter und schaufelten Steine von ihrem Anhänger. Eine Straßenwalze machte anschließend die Straße wieder eben. Selten hat uns ein vorbeifahrendes Auto gestört. Wir hatten genug Platz für alle Ballspiele. Fußball war natürlich das liebste Spiel, auch wenn ich darin nicht besonders gut war. Beim Auslosen war ich meist als letzter an der Reihe, außer wenn Brunhilde mitspielte. Sie wäre gern ein Junge gewesen und versuchte, mit uns Buben mitzuhalten. Ähnlich beliebt war der Ballwurf, »Zurücktreiben« genannt, bei dem zwei Mannschaften versuchen, den Ball so weit als möglich ins gegnerische Feld zu werfen. Dort muss er aufgefangen und wieder zurückgeworfen werden. Gelingt es einer Mannschaft nicht, den Ball aufzufangen, muss sie drei Schritte zurückweichen. Es gibt Markierungen an beiden Enden der Felder. Wenn es einer Mannschaft gelingt, den Ball hinter die Markierung der gegnerischen Seite zu werfen, ist sie der Gewinner. Ein spannendes Spiel.
An warmen Sommertagen stiegen wir in die Rems und badeten darin. Auf dicken schwarzen Gummireifen ließen wir uns ein Stück mit der Strömung treiben – aber nur bis kurz vor dem Schlachthaus. Ab hier war das Wasser nicht mehr so appetitlich. Horst und Alfred, die Flüchtlingsjungen, hatten an der größten Pappel am Ufer ein langes Seil befestigt, und so entstand eine Riesenschaukel, auf der man wie Tarzan bis zur Mitte des Flüsschens schwingen konnte. Um ehrlich zu sein: Ich hatte oft Angst dabei.
Sonntags, wenn im Sägewerk nicht gearbeitet wurde, gaben wir den Holzkarren mit den Eisenrädern, die sonst für den Transport von Holzstämmen auf schmalen Schienen verwendet wurden, richtig Schwung und vollführten waghalsige Fahrten. Oder wir nahmen ein großes flaches Holzstück und stellten Holzböcke darunter – fertig war unsere Tischtennisplatte. Als Tischtennisschläger dienten uns runde Holzscheiben. Im Sägewerk gab es viele solcher Hilfsmittel. Im Herbst bastelten wir dort unsere Drachen.
Auf der anderen Seite der Rems stand das Haus eines Alteisenhändlers, der allerdings nicht sehr sorgsam mit seinem erworbenen Warenbesitz umging. Das ganze Areal rund um sein Haus war voll mit unsortiertem Alteisen. Hin und wieder bedienten wir Jungs uns daraus und nahmen einige Gegenstände, um sie dem Händler anschließend wieder zu verkaufen. Er bemerkte nichts. Doch eines Tages kamen unsere Eltern dahinter. Mein Vater versohlte mir ordentlich den Hosenboden. Ich empfand diese Strafe als gerecht. Ganz anders verhielt es sich, als der Vater eines Nachbarjungen unerwartet in unserer Haustür erschien. Er behauptete, ich hätte seinen kleinen Sohn geschlagen. Mein Vater fragte mich nicht lange, ob das stimmt, sondern gab mir gleich eine kräftige Ohrfeige im Beisein des Dritten. Das empörte mich.
Eines Tages, es muss ein Samstag gewesen sein, schwangen mein Kumpel Rolf und ich uns heimlich und übermütig auf den Anhänger des Bauern Hinderer, der gegenüber vom Schlachthaus seinen Hof hatte. Er war mit seinem Gesellen und zwei Pferden auf dem Weg zu seinem Wald, um von dort Langholz zu holen. Als der Bauer uns unterwegs entdeckte, schimpfte er uns gehörig aus. Doch wir waren schon zu weit gefahren, als dass er uns zu Fuß nach Hause hätte schicken können. Also waren wir fast den ganzen Tag mit den beiden im Wald, während die Pferde die Baumstämme auf den Wagen zogen. Das war eine mühsame Arbeit für die Kaltblüter, aber auch für den Bauern und seinen Knecht. Uns plagte derweil ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil unsere Eltern nicht wussten, wo wir steckten. Ob sie sich um uns sorgten?
Wie unseren Eltern zumute war, als Rolf und ich den ganzen geschlagenen Tag nicht nach Hause kamen, ist leicht vorstellbar. Unsere Väter hatten bereits die Polizei gerufen. Sie stand kurz davor, eine Suchaktion zu beginnen. Als wir endlich auf dem Fuhrwerk den Bauernhof erreichten, war es schon längst dunkel. Die Schläge, die mir mein Vater auf das Hinterteil verabreichte, konnte ich nach Tagen noch spüren. Doch sie waren angebracht. Ich nahm mir vor, nie mehr so leichtsinnig zu sein und meine Eltern so zu ängstigen.
Ein Stück aufwärts der Rems war ein Wehr. Dort zweigte der Mühlbach zur Hahnschen Mühle ab, einer großen Getreidemühle in der Vorstadt. Das gestaute Wasser gefror im Winter zu einer dicken Eisschicht – ideal zum Schlittschuhlaufen. Jeder von uns Jungs hatte sich irgendwelche alten Schlittschuhe besorgt, die man unter die Winterstiefel klemmen konnte. Wir spielten Eishockey. Ein gerader Holzstock als Schläger und ein geeigneter Stein als Puck genügten uns völlig. Die Fähigkeit, auf Schlittschuhen zu laufen, waren bei den meisten sehr eingeschränkt. Doch wir hatten unseren Spaß.
Im März des Jahres 1957 ereignete sich eine absolute Sensation: Eine Schneeschmelze in Ostwürttemberg brachte so viel Wasser, dass unser kleines Flüsschen zu einem Riesenstrom anschwoll und über die Ufer trat. Alle Häuser in unserer Straße waren für ein paar Tage völlig von Wasser umgeben. Wir mussten sämtliche Hühner aus dem Stall auf den Boden des Hauses tragen. Plötzlich gab es sogar einen kleinen Kahn. Mein Vater, in hohen Gummistiefeln, setzte mich und die Nachbarkinder hinein und zog uns die Schlachthausstraße entlang bis zur Vorstadtstraße, die etwas höher lag und nicht überschwemmt war. Von dort gingen wir unseren üblichen Weg zu Fuß zur Schule. Von wegen schulfrei nur wegen eines Hochwassers!
Hochwasser auf der Rems, am 3. März 1957, vom Elternschlafzimmer aus fotografiert.
Daheim beobachtete ich vom Fenster aus, was für interessante Dinge die Rems hinunterschwammen. Holzteile von Schuppen und Ställen, Strohballen, sogar ein totes Schwein war darunter. Zum Glück blieben die Wohnungen vom Wasser verschont. Der völlig überflutete Gewölbekeller aber bot nach der Flut einen traurigen Anblick. Er war verwüstet. Große und kleinere Wein- und Mostfässer dümpelten dort herum. Als das Wasser langsam wieder zurückwich, hinterließ es eine riesige Schlammmasse. Es kostete meinen Vater viele Wochen harte Arbeit, um seinen Keller sauber zu bekommen. Ob Wein und Most nachher noch genießbar waren? Für uns Kinder war es das Ereignis des Jahrhunderts: Hochwasser in der Schlachthausstraße.
Meine Brüder sagen Adieu
Wenn ich im ersten Schuljahr Hilfe bei den Hausaufgaben benötigte, fragte ich meine Brüder. Ich kam gerade in die zweite Klasse, als mein großer Bruder uns verließ. Rolf wanderte im Jahr 1951 mit 20 Jahren nach Kanada aus. Heinz folgte ihm ein Jahr später.
Rolf und Heinz hatten zuvor beide eine Elektriker-Lehre absolviert, Rolf in Stuttgart bei der Firma Bauknecht, Heinz in einem Elektrogeschäft am Ort. Für Rolf war der Weg zur Arbeit beschwerlich. Er musste früh aufstehen, zum Bahnhof war es schon mal ein strammer Fußmarsch. Mit der Bahn ging es nach Bad Cannstatt. Von dort überquerten die Fahrgäste zu Fuß auf einem Steg den Neckar, um auf der Stuttgarter Seite in einen anderen Zug zu steigen. Die Eisenbahnbrücke war zum Ende des Kriegs gesprengt worden. Vom Hauptbahnhof ging es schließlich mit der Straßenbahn zu seiner Arbeitsstelle im Westen von Stuttgart. Samstags sollten meine Brüder unserem Vater zur Hand gehen. Bei diesen Gelegenheiten kam sein eigener strenger Vater Gottlob Stilz in ihm zum Vorschein!
Auch sonst hatten meine Brüder es zu Hause nicht leicht. Eines Tages hatte Rolf seine Freundin mit nach Hause gebracht, um sie den Eltern vorzustellen. Sie war sehr hübsch. Vater und Mutter waren jedoch unfreundlich zu ihr. Was war geschehen? Sie hatte Lippenstift aufgetragen und sich die Nägel rot lackiert. Das passte nicht in das konservative Weltbild der Eltern. Vor allem meine pietistisch angehauchte Mutter war schockiert. Das war einer der Gründe, dass Rolf von zu Hause weg und in Kanada sein Glück suchen wollte.
In der Mittelschule
Nach der vierten Klasse stand die Entscheidung an, ob ich auf eine weiterführende Schule gehen kann. Der Lehrer empfahl meinen Eltern, mich auf die Mittelschule zu schicken. Die dafür erforderliche Aufnahmeprüfung schaffte ich. Ich wurde aber kein besserer Schüler, im Gegenteil: Das neue Fach Englisch machte mir zu schaffen. Sport hasste ich. Auch mit Physik und Chemie tat ich mich schwer. Umso mehr bewunderte ich meinen Schulfreund Uli Schatz, der zu Hause gerne chemische und auch physikalische Experimente durchführte. (Er wurde später ein erfolgreicher Bauingenieur und Inhaber einer großen Bauträgerfirma. Nach ihm wurde vor einigen Jahren in seiner Heimatstadt ein Sportleistungszentrum benannt.)
Mutter und ich vor der Rückseite unseres Hauses, 1955
Eine Zeit lang spielte ich mit dem Gedanken, Lehrer zu werden. Als dies mein Vater bei einem Elternabend dem damaligen Klassenlehrer, der gleichzeitig Musiklehrer war, mitteilte, sagte dieser spontan: »Dann muss er aber ein Instrument lernen.«
»Was empfehlen Sie denn?«, fragte mein Vater.
»Entweder Klavier oder Geige«, meinte der Lehrer.
Die Entscheidung fiel meinen Eltern als sparsamen Schwaben nicht schwer. Und so kam es, dass ich mich zwei Jahre lang mit einer Violine im Einzelunterricht beim Geigenlehrer Gaiser herumplagte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Musikschule in Schorndorf und auch kein Schulorchester. Geige solo zu spielen machte mir aber keinen Spaß, und damit endete die Musikerkarriere, noch bevor sie begonnen hatte. Nicht nur deshalb wurde es nichts mit dem Wunschberuf Lehrer. Ich hätte es nicht bis zum Abitur geschafft.
Einer der wenigen Höhepunkte der Mittelschule war der Schullandheim-Aufenthalt auf der Schwäbischen Alb im Herbst 1957. Auf dem »Vogelhof« verbrachten wir Schüler der Klasse 4a achtzehn unbeschwerte Tage in einer tollen Natur mit vielen schönen Ausflügen und Geländespielen, Nachtwanderungen und Lagerfeuer. Mit dem Bus ging es einmal bis zum Federsee in Oberschwaben und nach Zwiefalten mit seinem Kloster und der schönen Barockkirche.
In der Nacht zum 5. Oktober, meinem 14. Geburtstag, ereignete sich etwas ganz Außergewöhnliches: Ein von Menschen gemachter Himmelskörper, genannt Sputnik, kreiste um die Erde. Voller Hochachtung vor diesem technischen Wunder starrten wir in den Nachthimmel. Herr Joos, unser Klassenlehrer, versuchte uns zu erklären, wie das funktioniert, doch für mich, der in Physik über ein Ausreichend selten hinauskam, war das alles nicht zu begreifen. Wie war es möglich, dass dieser Satellit sich da oben halten konnte und sich gleichmäßig um die Erde drehte? Auf jeden Fall begann damit das Zeitalter der Raumfahrt. Im Wettlauf der politischen Systeme, der als »Kalter Krieg« die Menschheit über 40 Jahre in Atem hielt, verbuchte die Sowjetunion einen beachtlichen Etappensieg.
Wir interessierten uns aber nicht nur für das, was sich am Himmel ereignete. Es war auch eine Mädchenklasse im »Vogelhof« einquartiert. Einige Mutige versuchten, sich den Schlafräumen der Mädchen zu nähern. Doch mit 13 oder 14 Jahren war das alles nur Spielerei. Ich war nicht unter den Mutigen, ich gehörte zur Kategorie »Ängstlich« dem anderen Geschlecht gegenüber. Das sollte noch eine ganze Weile so bleiben.
Auf großer Fahrt
Es gab noch ein anderes »Highlight«. Ich muss wohl 16 gewesen sein, als ich mit meinen Klassenkameraden Lothar Nimmer und Richard Schneider den Beschluss fasste, während der Sommerferien eine Radtour an die Ostsee zu unternehmen. Zuvor allerdings verdienten wir uns das Reisegeld als Ferienarbeiter in einer Lederfabrik. In der Fabrikhalle, in der ich Rohleder durch eine Walze schieben musste, stank es gehörig. Außerdem war es dort sehr heiß. Doch der Lohn reichte für unsere geplante Fahrt. Kurz vor unserem Start verboten Richards Eltern ihrem Sohn leider, mitzukommen. Lothar und ich machten uns allein auf den Weg. Es ist erstaunlich, was man alles auf ein gewöhnliches Tourenrad packen kann: Neben unserer Kleidung hatten wir ein Zweimann-Zelt dabei, Luftmatratzen und andere notwendige Utensilien. Sogar für Federballschläger war noch Platz. In aller Herrgottsfrühe brachen wir von Schorndorf in Richtung Norden auf. Am ersten Tag schafften wir es bis nach Würzburg, eine gewaltige Strecke für uns und unsere Räder, die nur eine Dreigangschaltung hatten.
Am dritten Tag erreichten wir sehr spät die Stadt Kassel. In der Dunkelheit suchten wir nach einem Campingplatz. Wir fanden
