Das achte Haus - Linda Segtnan - E-Book

Das achte Haus E-Book

Linda Segtnan

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Beschreibung

Die Gestirne im achten Haus verraten, wie du stirbst … An einem Maiabend im Jahr 1948 verschwindet die neunjährige Birgitta Sivander zwischen den Bäumen eines schwedischen Waldes und kehrt nicht mehr zurück. Kurz vor Sonnenaufgang wird sie tot in einem Graben gefunden. Siebzig Jahre später liest Linda Segtnan zufällig einen Zeitungsartikel über den ungeklärten Mord. Etwas veranlasst sie, Birgittas Schicksal näher zu erforschen. Sie beginnt, in Archiven zu recherchieren, doch auch vor dem Unergründlichen dieses Falls schreckt sie nicht zurück. Ihre Besessenheit wird immer größer – während gleichzeitig in ihrem Bauch Leben heranwächst. Ein Mädchen. Wie hält man es aus, ein Kind in eine Welt zu setzen, die so bodenlos grausam sein kann? Wie erträgt man die Gefahren, die eine Tochter bedrohen?

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EPUB

Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Segtnan Linda

Das Achte Haus

In Gedenken an ein Mädchen

Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps

© Atrium Verlag AG, Zürich, 2023

Alle Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Det åttonde huset bei Albert Bonniers Förlag, Schweden.

Copyright © Linda Segtnan 2022

Published by agreement with Ahlander Agency

Lektorat: Friederike Arnold

Covergestaltung: Favoritbüro, München, nach einem Design von Sara Acedo

Covermotiv: © Shutterstock

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

ISBN978-3-03792-089-3

 

www.atrium-verlag.com

www.facebook.com/atriumverlag

www.instagram.com/atriumverlag

 

 

Für Sam und Vivianne

Perstorp 1948

1 Haus der Familie Sivander

2 Haus der Familie Sommer

3 Neuer Sportplatz

4 Umkleideraum

5 Alter Sportplatz

6 Müllplatz

7 Ungefährer Standort von Elin Sjöbergs Hof

8 Fundort von Birgitta Sivanders Hausschuhen

9 Hier fangen die Fußspuren im Graben an

10 Hier wurde Birgitta gefunden

Es gibt einen Ort, an dem es immer dunkel ist. Dort hat die Erde eine andere Anziehungskraft. Dort wird es nie wieder Sommer sein. Der Boden ist mit kaltem, feuchtem Laub vom letzten Jahr bedeckt. Die Bäume erheben sich in einem Kreis, dicht gedrängt, bedrohlich und riesig. Sie beugen sich bei meiner Suche nach dir über mich. Sie geben mir nicht den Weg frei, um es mir einfacher zu machen, lassen kein Licht in die Dunkelheit. Meine Tochter und ich werden hilflos zu Boden gezogen, wir rutschen auf dem nassen, kalten Laub aus. Ich schütze sie mit meinem Körper, halte sie tief in meinem Bauch versteckt, damit sie es nicht sehen muss, damit sie die Kälte nicht spüren muss. Es ist ihre Schwester, in gewisser Weise, oder auch meine Schwester, die uns immer tiefer in den Wald hineinzieht. Ich suche weiter, der Regen schlägt mir ins Gesicht, und ich will nach Hause. Ich habe eine Wehe nach der anderen. Meine Tochter bewegt sich unruhig in mir, während ich meinen und ihren Körper breitbeinig, langsam und schwerfällig weiterschleppe, einen Fuß vor den anderen. Mein Herz ist durch einen unsichtbaren Zwirn mit einem Ort tief im Wald verbunden. Er ist gespannt. Aber das spüre ich gar nicht, ich bin kurz davor, aufzugeben und mich einfach hinzulegen.

Da höre ich die Stimme:

Hier ist es.

Ich bin es, die spricht, aber es sind nicht meine Worte. Hier ist es. Die Stimme wiederholt es immer und immer wieder. Auf einmal sehe ich den Ort, er ist mit einem weißen Kreis markiert. Er zieht mich magisch an, jetzt erkenne ich, dass es weiße Federn sind. Und daneben befindet sich der Graben. Hier ist es. Ich habe dich gefunden.

MÄDCHEN FLOH BARFUSS UND KÄMPFTE UM IHR LEBEN

Die Polizei der Region Südschweden ist nach wie vor fieberhaft auf der Jagd nach dem Mann, der Freitagabend den bestialischen Mord an der neunjährigen Birgitta Sivander aus Perstorp begangen hat. […] Die Obduktion, die Samstagnachmittag von Professor Einar Sjöwall im Krankenhaus von Hässleholm durchgeführt wurde, hat als Todesursache einen schweren Schlag gegen den Kopf ergeben. Es gab keine Anzeichen auf sexuelle Gewalt. Für die Mordkommission steht mittlerweile ohne jeden Zweifel fest, dass ein krankhaftes Individuum das Mädchen in den Wald gelockt hat […].

Birgitta Sivander, die Tochter von Valdemar Sivander, der in der Essigfabrik als Ingenieur angestellt ist, verschwand Freitagabend gegen acht Uhr. Sie hatte auf dem Sportplatz der Jungenmannschaft beim Fußballtraining zugesehen und wurde dabei von mehreren Mannschaftsmitgliedern erkannt. Sie wurde zum letzten Mal lebend gesehen, als sie den Sportplatz verließ und sich auf den Nachhauseweg machte.

 

Das getötete Mädchen, die neunjährige Birgitta Sivander aus Perstorp.

 

Vor zwanzig Jahren war ich das erste Mal in der Königlichen Bibliothek. Damals machte ich eine Ausbildung zur Buchbinderin, und im Rahmen eines Studienausflugs wurden wir in einen winzigen Raum tief unter der Erde geführt. Hinter dicken, schweren Türen wurden die wertvollsten und außergewöhnlichsten Bücher aufbewahrt. Ein Archivar mit weißen Baumwollhandschuhen zeigte uns ein Buch, das ein Mönch geschrieben und gebunden hatte. Es war mit obszönen Abbildungen versehen, die man nur erkennen konnte, wenn man den Vorderschnitt des Buches umbog. Ein anderes Buch war in menschliche Haut gebunden.

Ein paar Jahre später machte ich meinen Magister in Geschichte und war mehrmals in der Woche in der Bibliothek. Am Anfang saß ich mit den anderen Studenten zusammen im großen Lesesaal. Aber trotz der hohen Decke und der großen Fenster ist die Luft immer stickig. Als ich meine Magisterarbeit schrieb, war ich mit Sam schwanger und hatte eine Todesangst, krank zu werden. Deshalb fuhr ich mit dem Aufzug fünf Stockwerke unter die Erde ins Mikrofilmarchiv. Dort war es immer still, außer wenn jemand Mikrofilmrollen abspulte. Hier ist die Decke grau und niedrig und mit Neonröhren versehen. An den Arbeitsplätzen, die mit Sperrholzplatten voneinander abgeschirmt sind, stehen überdimensionierte leuchtende Monitore. Dort kann man die digitalisierten Zeitungen lesen. Nach ein paar Stunden brennt das Gesicht, als hätte man zu lange in der Sonne gelegen.

Im hinteren Teil des Raumes stehen die alten Mikrofilmlesegeräte. Die Zeitungen auf Mikrofilm werden in den grauen Archivschränken auf der linken Seite des Raumes aufbewahrt. Das kalte Licht der Neonröhren fällt über gekrümmte Rücken und gesenkte Köpfe. Ganz hinten in der Ecke saß immer ein älterer Mann und schlief. Nach meinem Studium fing ich an, historische Stadtführungen zu organisieren, und das Archiv wurde zu meinem Büro.

Der Tag, an dem der Samen gesät wird, ist ein Frühlingstag im Jahr 2018. Ich habe eine Anfrage für eine Stadtführung erhalten und blättere durch gescannte vergilbte Zeitungsseiten, mache mir hier und da Notizen. Aber nichts will so richtig passen. Bei meiner Suche lande ich schließlich bei einer kleinen Nachricht aus dem Jahr 1948, die ich aber schnell als unbrauchbar abtue.

Kurz bevor ich weiterblättere, fällt mein Blick auf das pixelige Foto eines Mädchens. Augen, so tief wie Brunnen, sehen mich an. Ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Oder bilde ich mir das ein? Es ist schwer zu sagen. Der Eindruck verändert sich ständig. In der einen Sekunde wirkt sie verunsichert, in der nächsten wirkt sie amüsiert. Ich lese die dicke schwarze Überschrift und begreife, dass Birgitta Sivander nicht älter wurde als auf diesem Foto. Weil sie einem Mord zum Opfer gefallen ist. Jemand hat ihr das Leben genommen, allerdings nicht in der Stadt, in der ich Stadtwanderungen anbiete, sondern in Perstorp. Das liegt in Schonen.

Ich spüre ein Brennen in meiner Brust. Seit Sam auf der Welt ist, bin ich viel empfindlicher geworden, wenn Kindern etwas passiert. Das geht vielen Eltern so. Normalerweise schrecke ich vor solchen Geschichten zurück, aber etwas in ihrem Blick löst in mir das Bedürfnis aus, mehr über ihr Schicksal zu erfahren. Ich lehne mich vor, um ihr Gesicht besser sehen zu können. Mein Stuhl quietscht. In diesem Augenblick wird der Samen in mir gepflanzt, aus dem sich eine Besessenheit entwickelt.

Ich sitze in der Bibliothek und lese einen Artikel nach dem anderen. Ich vergesse zu essen und verliere jegliches Zeitgefühl. Stundenlang sitze ich vor dem Monitor. Das Essen zu Hause auf dem Resopaltisch wird kalt, und mein Sohn fragt nach mir. Als ich endlich komme, schläft er schon. Ich hingegen finde keinen Schlaf. Ich verstehe das alles nicht. Der Mord ist bis heute ungelöst. Wie eine Frage, die nicht beantwortet wird, schwebt er seit über siebzig Jahren in bedrückender Stille, während der Mörder frei herumlaufen durfte. Wer ermordet ein neunjähriges Mädchen? Sie wurde nicht vergewaltigt. Vergewaltigung ist das einzige Motiv, das mir bei einem Mord an einem kleinen Mädchen einfällt, wenn der Mörder kein Angehöriger ist.

Die Geschichte setzt sich in mir fest. Ich kann mich damit identifizieren, sie löst eine lähmende Angst in mir aus. Ich habe oft gehört, dass man nie weiß, mit welchem Menschen man Kinder bekommt, wenn man älter als dreißig ist. Es geht vielmehr darum, jemanden im richtigen Alter und in passenden Lebensumständen zu treffen, als einem Seelenverwandten zu begegnen. Vielleicht ist das bei mir und Birgitta auch so. In diesem einen Augenblick im Archiv bin ich besonders empfänglich für ihren Blick und ihr Schicksal. Aber es gibt meinen Ängsten, die mich seit jeher fest im Griff haben, neue Nahrung.

Es ist ungerecht, sie da mit reinzuziehen. Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass wir uns in einem früheren Leben begegnet sind. Oder dass sie mein Seelenkind ist. Dass wir uns eigentlich hätten kennenlernen sollen, sie als alte und ich als junge Frau.

In den Tagen nach meinem Besuch in der Königlichen Bibliothek höre ich ihre schnellen Schritte hinter mir. Auf dem Weg zur U-Bahn, auf dem Weg zum Kindergarten. Ich schließe die Augen und fordere sie auf, schneller zu laufen. Gleichzeitig will ich sie dazu bringen, sich umzudrehen. Weil ich unbedingtsehen will, wer sie jagt. Ich verliere mich in Tagträumen, in denen ich ein großer Vogel bin, der sie an den Armen packt und mit ihr davonfliegt. Ich sehe durch ihre Augen, wie der Täter unter uns immer kleiner und kleiner wird.

Dann setze ich sie vor ihrer Haustür ab, sie stürmt hinein und ruft: »Mama, Mama! Weißt du, was passiert ist?«

Aber so war es nicht. Sie ist nicht schnell genug gerannt. Sie ist nie zu Hause angekommen.

Zwischen den Stadtführungen und nach dem abendlichen Zubettbringen schreibe ich. Es ist ein wildes Durcheinander und zunächst formlos, aber irgendwo muss die Geschichte anfangen und hinführen. Justus fragt sich, was ich da mache. Auch meine Familie und Freunde. Mir fällt es schwer, mich zu rechtfertigen, warum ich keine Zeit für meine Freunde habe, meinen Sohn nicht vom Kindergarten abholen kann und Aufträge zugunsten einer Sache ablehne, mit der ich nichts verdiene. Wenn ich gefragt werde, bleibe ich vage, sage, dass ich schreibe. Und wenn sie fragen, worüber ich schreibe, antworte ich: Ich schreibe über einen Mord. Oh, wie aufregend, erwidern sie dann. Mir dreht sich der Magen um. Deshalb werde ich deutlicher: Ich schreibe über den Mord an einem kleinen Mädchen. Oh nein, wie schrecklich!

Dann teilen sich die Fragenden in zwei Gruppen: Die einen wollen keine weiteren Details erfahren, die anderen lehnen sich vor und bitten mich, mehr zu erzählen. Die Letzteren ekeln mich an, weil ich Angst habe, genauso zu sein wie sie. Vielleicht bin ich das auch, vielleicht ist mein Interesse an Birgittas Fall alles andere als nobel. Die Scham und Sorge, dass meine Gründe frei erfunden sind, wachsen gleichzeitig mit meinem Bedürfnis, sie vor neugierigen Blicken zu schützen.

In einer anderen parallelen Wirklichkeit sitzt sie auf einem Fahrrad. Meine Gegenwart und ihre existieren gleichzeitig nebeneinander. Ein Gott hält in jeder Hand eine Kanne mit Wasser und gießt es in eine silberne Schale. Das ist die Zeit, die verrinnt. Sie glitzert in der Sonne. Hier bin ich, und dort ist sie, und wir werden uns irgendwann treffen. Ich erinnere mich, wie ich mit neun Jahren war. In meinem Inneren läutet eine Glocke, läutet ihr. Es ist Freitag, ein warmer Tag im Mai. Sie will Blumen pflücken gehen. Wollgras.

Sie liegt eine Weile im warmen Gras, hält das Gesicht in die Sonne und lauscht dem Pfeifen der Dampflok, das über die Felder hallt. Obwohl sie nicht so weit fahren darf, ist sie fünf Kilometer von zu Hause entfernt. Bald wird sie sterben. Aber noch ist sie auf ihrem Fahrrad unterwegs, streift durch das Feld mit Wollgras und streichelt die zarten Blüten.

TEIL EINSJunge Blütenblätter

In dem düsteren Wald

lebt ein böser Gott.

In dem dunklen Wald sind die Blumen so blass

und die Vögel so scheu.

Warum ist der Wind voll warnendem Flüstern

und der Weg finster von trostlosen Ahnungen?

Im Schatten liegt der böse Gott

und hat schreckliche Träume …

 

Edith Södergran, Waldesdunkel

 

Birgittas Geschichte beginnt mit zwei jungen Gestalten an einem hellen Sandstrand in einer Sommernacht im Jahr 1955. Ich gehe näher heran. Wir befinden uns in der finnischen Stadt Hangö. Das Wasser ist schwarz, und der Sand reflektiert das Licht von der Milchstraße. Dort steht Margit. Sie ist am deutlichsten zu sehen. Und man erkennt schon von Weitem, dass sie etwas Besonderes ist. Sie hat eine stolze Körperhaltung, geschmeidige Bewegungen und ein Gesicht, so oval wie ein Spiegel. In diesem Sommer hat das Café von General Mannerheim Das Haus der vier Winde zum letzten Mal geöffnet. Auf einer gigantischen Rutsche kann man mit Kokosmatten direkt ins Meer sausen.

Margit Bratt ist mit ihren Eltern und der Schwester zu Besuch. Sie geht auf eine Ballettschule und wohnt in einer großen Wohnung im Zentrum von Stockholm. Dort, wo heute Åhlens City liegt. Die Bratts sind eine vornehme Familie. Ein Stück von Margit entfernt steht der junge Ingenieur Valdemar Sivander. Er ist unglaublich gut aussehend und hat einen fast poetisch anmutigen Körperbau. Die Familie Sivander ist nicht so vornehm wie die Bratts, aber Margit ist so jung, dass es ihr egal ist.

Die Wellen schlagen sanft gegen den Strand, in weiter Ferne hört man Stimmen und Gelächter. Margits Eltern werden sich bestimmt bald fragen, wo sie ist. In Stockholm wartet eine wesentlich bessere Partie auf sie, ein junger Mann mit Verbindungen zum schwedischen Königshaus. Aber das Schicksal hat anderes mit ihr vor, und so entflammt sich ein Feuer in Margit, als ihre Blicke sich im gleißenden Sonnenlicht in der Menge der Badegäste treffen.

Wie lange wird es dauern, bis sie sich das erste Mal küssen? Wahrscheinlich nicht besonders lange, denn bereits im Juni wird ihre Verlobung bekannt gegeben. Und am 20. Mai im darauffolgenden Jahr heiraten sie in der Stefanskirche. Da ist Margit schon schwanger mit ihrem ersten Kind, das am ersten Dezember zur Welt kommt. Birgittas großer Bruder Karl. Es wird eine schwere und lange Geburt. Birgitta lässt noch auf sich warten. Als mein Sohn Sam noch ganz klein war, erzählte er mir, dass er zusammen mit seiner Cousine Maya im Weltraum gewartet hat, bevor er zu uns gekommen ist. Birgitta schwebt also noch über dem Haus in der Varvsgatan und sieht zu, wie ihr Bruder im Geburtshaus Pro Patria schreiend das Licht der Welt erblickt.

Kurz darauf packt die Familie ihre Sachen auf Södermalm ein und zieht in den Nordwesten von Stockholm, nach Hässelby. Eine Allee führt auf ein großes, helles Gebäude zu, an dessen Ende sich stolz Riddersvik erhebt. Valdemars Eltern leben auf dem Gut und bieten ihrem Sohn und seiner neuen Familie an, in den ersten Stock zu ziehen. Die große Eingangstür ist von vier Säulen gesäumt, und über dem Eingang steht Anno MDCCLXII.

Hier betritt Birgitta die Erde. Das Jahr 1937 hat sich gerade verabschiedet, und 1938 ist angebrochen. Dieses Mal verbringt Margit ihre Schwangerschaft in großen Räumen mit hohen Decken und knarrenden Dielen. Die Steintreppe wurde in den vergangenen Jahrhunderten von unzähligen Schritten geformt. Birgitta kommt im Spätsommer zur Welt.

Ich muss kurz innehalten, um mich daran zu erinnern, wie sich eine Geburt anfühlt. Ich kann alles noch spüren, die Krämpfe, das Unfassbare, den Gipfel des Schmerzes, bevor die letzte Presswehe den Griff löst und der kleine Körper wie eine Robbe hinausgleitet. Der kleine Körper, noch warm, gleitet aus der Gebärmutter in die Kälte, ins gleißende Licht und die grellen Laute. Als Birgitta zur Welt kam, waren die Väter nicht bei der Geburt dabei, und die nackten Säuglinge wurden den Müttern nicht sofort auf die Brust gelegt. Sie wurden eingewickelt, angezogen, gewogen und gefüttert. Danach ließ man sie allein. Der Gedanke ist schrecklich. Deshalb verändere ich dieses Bild und stelle mir vor, dass die Kleine hochgehoben und an ein pochendes Herz gelegt wurde.

Ich hatte vor Sam eine Fehlgeburt. Ich stand auf einer Wiese in Vinterviken und wusste nicht, wie ich nach Hause kommen sollte. Justus musste mich abholen. Ich fuhr in die psychiatrische Notaufnahme und sagte, dass ich sterben will. Ich dachte, dass ich dort Hilfe bekommen würde. Aber ich wurde abgewiesen und nach Hause geschickt. Aus dieser Zeit habe ich kaum Erinnerungen, aber eines weiß ich noch. Ich war bei einem Medium. Ich hatte diesen Termin vereinbart, lang bevor es geschah. Jetzt bereute ich es und wollte nicht hingehen, wäre am liebsten in der dunklen Wohnung geblieben, in der wir lebten. Aber ich wusste nicht, wie ich den Termin absagen sollte, also bin ich gegangen. Das Medium machte gerade die Ausbildung in der Mediumschule. Ich hatte mich kaum hingesetzt, als sie sofort anfing zu reden.

Ich kann mich genau an ihre Worte erinnern.

»Hinter dir steht ein Kind. Es ist ein sehr kleines Kind. So klein, dass es noch nicht geboren wurde. Es möchte dir sagen, dass alles so ist, wie es sein soll. Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt. Es ist schiefgegangen, verzeih. Ich komme später. Bis dann.«

An diesem Tag verließ ich die Dunkelheit und krabbelte zurück ans Licht. Ihre Worte heilten mich. Sie gaben mir eine noch nie zuvor empfundene Sicherheit. Ein Wissen. Seit mein verstorbener Großvater mir im Traum erschienen war, ahnte ich, dass der Tod nicht das Ende bedeutete. In diesem Traum ergriff er mit seinen trockenen, warmen Händen meinen Arm und führte mich fort von dem Fest, auf dem ich gewesen war, als er starb.

Drei Jahre später ließ ich mir von einer Bekannten Tarotkarten legen. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht, aber ich begriff, was sie mir sagen wollte – dass wir noch ein Kind bekommen würden. Wir kannten uns nicht so gut, also wusste sie nichts von meinem großen Kinderwunsch. Ich ging einmal die Woche zur Akupunktur. Ich kochte chinesische Kräuter, eine Mischung aus Zweigen, Rinde und was weiß ich noch, zwei Liter pro Woche, die ich jeden Tag über dem Waschbecken hinunterstürzte. Es schmeckte nach altem Aschenbecher. Ich trank diesen Sud aus schierer Verzweiflung, weil ich unbedingt schwanger werden wollte. Als sie die Karten auf den Tisch legte, hatte ich die Sechs der Münzen, die Sechs der Schwerter und die Trumpfkarte Nummer sechs – die Liebenden. 666. Die Zahl des Teufels. Aber was kam, war das Gegenteil, etwas Göttliches.

Auch Birgitta kommt wie ihr Bruder im Geburtskrankenhaus Pro Patria auf Kungsholmen zur Welt. Aufgeregt identifiziere ich die fast unleserlich gewordenen Zeilen in den Taufregistern. Als wäre die Zeit stehen geblieben, als hätte der Pfarrer seinen Stift gerade erst abgesetzt, und Birgitta ist noch ein Säugling. Den ersten Eintrag finde ich im Taufregister des Geburtskrankenhauses. Sie ist Kind Nummer 605, geboren am 20. August 1938. Dort stehen die Namen des Vaters und der Mutter sowie Ort und Uhrzeit. Riddersvik, Hässelby. Im Taufregister der Gemeinde Järfälla ist Birgittas Geburt ebenfalls verzeichnet, als Inger Birgitta. Ich will unbedingt mehr erfahren. Wie war die Schwangerschaft? Wie ist die Geburt verlaufen? Wie war Birgitta als Baby?

In Riddersvik wurde sie an den Säulen vorbei über die Türschwelle in den ersten Stock getragen. Dort hat sie langsam einen Tagesrhythmus gefunden, Geborgenheit und Wärme erfahren. Sie hat geweint, wurde herumgetragen und in den Schlaf gewiegt. Bekam ihre erste richtige Mahlzeit und ihren ersten Zahn. Sie ist runder geworden, lernte, über die breiten Dielen zu krabbeln, und hat ihren großen Bruder angelacht.

Als sie etwa ein Jahr alt ist, verlässt die Familie Stockholm und zieht weg. Valdemar hat eine leitende Position im Rönnskärsverken in Skellefteå angeboten bekommen. Ein Schmelzwerk. Viele Details dieser Geschichte sind anfänglich filmreif und romantisch, aber nicht dieser Teil. Es sieht wunderschön aus, wenn geschmolzenes Metall wie flüssiges Gold in Tiegel gegossen wird. Aber die Schutzausrüstung der Angestellten ist unzureichend, und die Ursache für Valdemars spätere Krebserkrankung ist vermutlich hier zu finden, Blei und Arsen. Zu dem neuen Posten als Abteilungsleiter gehören ein neues Haus, ein Kindermädchen und eine Haushälterin.

Birgitta ist drei Jahre alt, als ihr kleiner Bruder 1941 zur Welt kommt – Erik wird an Allerheiligen geboren. Das Haus der Sivanders liegt in unmittelbarer Nähe der Eisenbahntrasse, und Karl und Birgitta schleichen heimlich dorthin und legen Münzen auf die Schienen. Wenn der Zug kommt, verstecken sie sich, um danach die platten, glänzenden Münzen wieder aufzusammeln. Birgitta ist fünf, als ihr Vater erneut seinen Arbeitsplatz wechselt. Er hat eine Anstellung in der Essigfabrik in Perstorp angeboten bekommen.

Es ist Anfang Mai, und es riecht nach Frühling, als ich in Lund aus dem Zug steige. Ein Jahr ist seit meinem denkwürdigen Abend in der Königlichen Bibliothek vergangen. Seit einem Jahr warte ich darauf, dass die Geheimhaltung aufgehoben und mir Akteneinsicht in die polizeilichen Ermittlungsunterlagen von 1948 gewährt wird. Die Tage sind ausgefüllt mit dem An- und Ausziehen von Overalls, dem Verfassen von Stadtführungen, Essen kochen und Lego spielen. Wenn Sam eingeschlafen ist, rede ich mit Justus über den Mordfall und gehe alle Einzelheiten wieder und wieder durch. Nachts träume ich von Birgitta, habe das vage Gefühl, als könne ich fast ihre Fingerspitzen berühren, bevor sie mir wieder ins Nichts entgleitet. Ich bin aufgeregt. Als würde ich ihr bald begegnen.

Meine Freundin Idha holt mich ab, und wir gehen durch die kleinen Gassen aus Kopfsteinpflaster. In Stockholm war es noch kalt, und die Knospen der Büsche warteten auf den großen Moment. Hier blüht der Flieder schon. Morgen werde ich ganz früh mit dem Bus zum Archiv fahren. Damit ich an einem Tag das gesamte Material abfotografieren kann. Ich bin nervös. Was erwartet mich dort? Ich weiß, dass es in den Akten auch Fotos gibt. Wie abstoßend werden sie sein? Mir wird bei dem Gedanken übel.

In meinem Bauch findet gerade eine rasante Zellteilung statt. In meiner Gebärmutter hat sich ein Embryo eingenistet, ein winziger Samen, aus dem ein kleines Mädchen entsteht. Eine kleine Schwester für meinen Sohn, der in den Kindergarten gebracht wird, während ich mich an meinen Schreibtisch im Archiv setze und die Schnur aufknöpfe, mit der die Akten der Mordermittlung umwickelt ist. Die Archivarin hat mich vorgewarnt, dass der Inhalt nicht für jedermanns Auge geeignet ist, und hat mir einen separaten Raum zugewiesen. Bei ihren Worten zieht sich mein Magen zusammen. Ich muss an meine Nichte denken, die bald acht Jahre alt wird. Ich versuche, mich zu wappnen. Meine süße kleine Nichte Maya. Mein erstes Baby. Mit den schwarzen, glänzenden Haaren. Ihr Körper ist so schmächtig, geschmeidig und kräftig wie eine Weide. Der Ausdruck in ihren dunklen Augen wechselt ständig, ist mal unsicher, dann fröhlich, verlegen und amüsiert. So sind Mädchen in diesem Alter.

Mein Herz macht jedes Mal einen Sprung, wenn ich eine Seite umblättere. Werde ich jetzt auf die Bilder stoßen? Oder jetzt? Ich mache von jeder Seite ein Foto. Einige der Unterlagen sind Kopien von Kopien, von Verhören oder rechtsmedizinischen Gutachten und liegen nur in Form von billigem, halb transparentem Papier vor. Einige Seiten sind fleckig. Ich sehe die ermittelnden Beamten mit ihren Bechern mit starkem Kaffee vor mir, damit sie nachts wach bleiben. Todmüde, aber entschlossen, nicht aufzugeben, bevor sie den Mörder gefasst haben. Der Kaffee schwappt über, als sie aufspringen, um erneut eine Nadel in die Karte zu stecken oder ein weiteres Detail an die Tafel zu schreiben. Auf einer Seite klebt eine tote Mücke. Mir wird schwindelig.

Das Unausweichliche tritt ein – ich bin bei der Seite mit dem Foto angekommen.

Da ist sie.

Beziehungsweise ihr Körper, der auf einem harten, glänzenden Metalltisch liegt. Sie hat ihn vor langer Zeit verlassen. Zumindest hoffe ich das. Im Mittelalter war man davon überzeugt, dass die Seele erst nach drei Tagen ihre Behausung verlässt und bis dahin immer wieder kommt und geht. Deshalb musste jemand Totenwache halten. Das Fenster blieb offen, damit sich die Seele frei bewegen konnte. Bei Mord konnte man die Seele befragen, wer der Täter war.

Birgittas Körper befand sich in diesen drei wichtigen Tagen in einer Kühlkammer, wenn sie nicht auf dem Obduktionstisch lag. Wie lange war sie schon tot, als das Foto gemacht wurde? Es ist nicht so abstoßend, wie ich befürchtet habe. Sie sieht hübsch aus. Ihre Haare sind etwa kinnlang. Sie ist nicht mager, aber sehr zart. Sie sieht aus wie ein Kind, das gern Rad fährt, damit in halsbrecherischer Geschwindigkeit den Berg hinunterrast. Sie sieht aus wie ein Kind, das mit seinen Freunden durch die Gegend rennt und sich abends nach einem langen, ausgelassenen Tag an den Küchentisch setzt und Berge von Wurstbroten verschlingt, um dann in ein schmales Bett zu klettern, sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnt und ein Abenteuerbuch liest. Ihre Augenbrauen sind gerade, und sie hat eine kleine, runde Stupsnase. Sie sieht aus wie alle kleinen Mädchen. Obwohl sie blaue Flecke im Gesicht hat und ihre Augen geschlossen sind. Mein ungeschulter Blick kann nicht erkennen, dass sie schwerer, tödlicher Gewalt ausgesetzt gewesen ist. Ich habe den Eindruck, dass es leicht war, sie zu töten.

In den Unterlagen sind auch Fotos vom Tatort. Sie erzeugen einen Film in meinem Kopf, den ich nicht ausschalten kann. Auf den Fotos sieht man Fußabdrücke in einem flachen Graben, Kinderfüße, in Socken. Die kleinen Füße springen in den Graben und rennen weiter, ihnen folgen große Füße, in Turnschuhen der Marke Tretorn in Größe 42. Schneller Atem, ein pochendes Herz in dem kleinen Körper. Die Feuchtigkeit dringt durch die Socken. Diese Bilder sehe ich immer und immer wieder vor mir, als Tagtraum und im Schlaf. Ich spüre die Feuchtigkeit. Die Verzweiflung und die Panik. Die Hoffnung, doch zu entkommen. Und dann den Sturz ins braune Wasser. Sie stolpert und fällt hin. Kurz darauf ist es vorbei, und wir folgen ihr, als ihre Seele zuerst den Körper verlässt, dann den Graben, den Wald, Perstorp.

Perstorp. Noch vor Kurzem war diese Gegend von Sümpfen, Mooren und Wäldern beherrscht. Das Inlandseis hat einen mageren, sandigen und lehmigen Boden hinterlassen. Die Nordostmoräne. Dieser Landstrich war seit jeher dünn besiedelt. Im Riksantikvarieämbetet, Schwedens zentraler Verwaltungsbehörde im Bereich des kulturellen Erbes und für Denkmalpflege, kann man nachlesen, dass Archäologen einen alten Bauernhof unter einem Parkplatz ausgegraben haben. Viel mehr scheinen sie nicht entdeckt zu haben. Aber es gibt eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie die Bewohner von Perstorp jahrhundertelang strebsam und unermüdlich in die Kirche gegangen sind. Eine der ersten Schriftzeugnisse menschlicher Interaktion in Perstorp handelt von einem Streit. Zwischen Pastor Niels Lauritzsenn und dem Kirchendiener Erasmus Erasmi herrschte eine solche Uneinigkeit, »dass es eine Schande war, darüber zu sprechen«.

Der Vermerk steht in den Aufzeichnungen über den Besuch des Bischofs 1623. An gleicher Stelle beschweren sich die Gemeindemitglieder darüber, dass der Pastor jemanden verbannt hat, ohne mit ihm zu sprechen. Es heißt, er sei streitlustig und habe »schändliche Laster«. Die Kirche sei außerdem so verfallen, dass die Gemeinde Angst habe, die Kanzel könnte ihnen beim Gottesdienst auf den Kopf fallen.

Perstorp bleibt eine kleine Gemeinde, die von der Landwirtschaft lebt. Bis zum Jahr 1875, als eine gewaltige Veränderung eintritt. Die Eisenbahnstrecke zwischen Helsingborg und Hässleholm wird fertiggestellt, und die Industrie siedelt sich an. Perstorps spirituelle Mitte wandert von der Kirche zum Bahnhof. Daneben entsteht das Industriegebiet und wächst und wächst wie eine Geschwulst. Industrie benötigt Arbeitskräfte, und aus Perstorp wird eine Stadt. Die Firma, die am Anfang das Bild der Stadt prägt, heißt Stensmölla Kemiska Tekniska Industri. Sie stellt unter anderem Essig, Teer und Formaldehyd her. Später wird der Name geändert in Skånska Ättiksfabriken, Essigfabrik Schonen.

Ende des Ersten Weltkrieges beginnt man in Skandinavien mit der Plastikproduktion, und zwar in Perstorp. Schwer liegt der Geruch von Essig, Teer, Formaldehyd und Plastik über der Stadt. Die Arbeiter verbringen ihre Tage in dichten Nebelschwaden und Dämpfen. Sie wohnen auf der einen Seite der Stadt, in Gemeinschaftswohnungen oder mit der ganzen Familie in Einzimmerwohnungen mit Küche. Ihre Vorgesetzten wohnen auf der anderen Seite der Stadt, in Einfamilienhäusern und Villen, in denen die Kinder eigene Zimmer haben und man Geld und Platz für Haushälterin und Kindermädchen hat. Alle Kinder gehen auf dieselbe Schule – die Centralskolan. Sie sind zwar Klassenkameraden, aber es ist bestimmt nicht immer leicht, wenn sie nach der Schule zu Hause miteinander spielen. Doch das kommt selten vor. Allerdings gibt einen Ort, an dem sie sich alle auf Augenhöhe treffen. Das ist der Sportplatz.

In Europa bricht der Krieg aus. Birgittas Leben ist davon bestimmt. Sie war achtzehn Tage alt, als es in Stockholm zum ersten Mal pechschwarz wurde. Die Luftwaffe hat sich auf den Notfall vorbereitet. Krieg war für Birgitta der Normalzustand. Krieg in weiter Ferne, mit Lebensmittelkarten und Hitlers Stimme im Radio. Birgittas erster Winter war kalt, und auch die drei darauffolgenden.

Kurz nach Neujahr 1944, nach den sogenannten Kriegswintern, zieht Familie Sivander nach Perstorp. Sie erleben einen ganz gewöhnlichen Winter in Schonen. Ich habe das Bild vor Augen, wie sie ihre Sachen in einem funkelnden, in Weiß gehüllten und sternenklaren Skellefteå gepackt haben und in einem matschigen, nebligen Perstorp mit seinen nackten Bäumen ankommen. Zuvor haben sie Weihnachten in der Dachwohnung bei den Eltern von Birgittas Mutter gefeiert. Wie ein Geist schwebe ich in die Luft und schaue durch die vereisten Scheiben. In den großen, gewölbten Fenstern hängen Sterne. Ich sehe den glänzenden Holzfußboden, die teuren Teppiche, goldgerahmte Spiegel und Gemälde und kleine, halbrunde Tische mit gedrechselten Beinen. Der Esstisch ist üppig gedeckt, die Kerzen im Weihnachtsbaum brennen. Auf dem Kaminsims steht die Weihnachtskrippe.

Margit sitzt in einem Sessel und unterhält sich leise mit ihrer Mutter. Sie tragen Pumps und schöne Kleider. Margit sieht aufgewühlt aus, aber ich kann nicht hören, was sie sagt. Plötzlich stürmen Karl und Birgitta durch die große, doppelflügelige Tür, und Margit richtet sich auf und lächelt sie an. Sigrid, Birgittas Großmutter, hat Angst, dass die Kinder den Baum umrennen und die Kerzen herunterfallen. Hinter den großen Kindern kommt das Kindermädchen Cecilia mit dem kleinen, watschelnden Erik an der Hand. Sie macht einen Knicks, dann rennt sie den beiden anderen hinterher und zischt ihnen ermahnende Worte zu. Ich fange von vorne an und konzentriere mich dieses Mal auf Birgitta, beobachte, wie sie herumläuft und dann stehen bleibt.

Ich sehe ihr fröhliches Gesicht, höre ihr Lachen. »Warte, Karl!«

Ihr Samtkleid hat eine gedämpfte Farbe, einen Peter-Pan-Kragen und Puffärmel. Den Pony hat sie mit einer großen Spange an der Seite befestigt. Ihr blondes Haar tanzt auf und ab, es fliegt.

Nach Neujahr beziehen sie ihr neues Zuhause, ein modernes, zweigeschossiges Einfamilienhaus im Gustavsborgsvägen in Perstorp. Der Keller beherbergt ein Geheimnis – er gehört der Heimwehr und ist voller Waffen und Munition. Oft kommen Leute vorbei. Birgitta ist fünf Jahre alt. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es ist, fünf Jahre alt zu sein. Aber das gelingt mir nicht. Sam ist fünf. Er hat sich alle Buchstaben beigebracht und liest Wörter, Buchstabe für Buchstabe. Er kostet die neuen Wörter und Ausdrücke. Wie ein Sommelier wendet, schmeckt und bewertet er sie in seinem Mund. »Wun-der-bar«.

Kurz darauf ziehen sie ins Nachbarhaus und freunden sich mit der Familie Blom an, die nebenan wohnt. Karl und Birgitta spielen mit ihren Kindern – Åke ist so alt wie Karl, Yngve so alt wie Birgitta, und dann ist da noch Lilian. Birgitta hat ein eigenes Zimmer mit Balkon. Wand an Wand mit dem Schlafzimmer ihrer Eltern. Das Kindermädchen schläft im Erdgeschoss. Zu wem geht Birgitta, wenn sie nachts verschwitzt aus einem Albtraum schreckt? Steht sie manchmal nachts auf dem Balkon, wenn alle schlafen? Ich sehe sie vor mir. Es ist Santa Lucia, der 13. Dezember 1945. Birgitta ist sieben Jahre alt. Sie liegt in ihrem Bett und lauscht dem Regen, der aufs Dach trommelt. Und den frisch gefallenen Schnee wegspült. Sie denkt an das, was am Morgen passiert ist.

Das Kindermädchen Cecilie hatte sie in ihrem Zimmer neben der Küche für den Lucia-Umzug hergerichtet. Draußen war es noch pechschwarz. Erik hatte keine Lust. Birgitta war Lucia und durfte die Kerze tragen. Karl, der Sternenjunge, hatte einen Bart, den sie mit Weizenmehl und Wasser angeklebt hatten. Leise schlichen sie die Treppe hoch zum Schlafzimmer ihrer Eltern, mit der einen Hand hoben sie ihre langen Gewänder an, in der anderen hielten sie die Kerze. Auf halbem Weg rief ihre Mutter von oben, dass Erik es sich anders überlegt habe und doch mitmachen wolle. Cecilia schob sich an den beiden vorbei und rannte hoch, um ihn zu holen. Birgitta und Karl blieben stehen und warteten. Plötzlich hörte Birgitta ein merkwürdiges Geräusch, und die Wand war hell erleuchtet von einem flackernden Lichtschein. Sie drehte sich um und sah, dass Karl brannte. Sein Bart hatte Feuer gefangen. Die Flammen spiegelten sich in seinen weit aufgerissenen Augen. Daran muss Birgitta denken, während Karl allein im Krankenhaus liegt. Sie haben ihm die Hände und Füße festgebunden, damit er seine verbrannte Haut nicht berühren kann.

Meine zweite Schwangerschaft ist eine mühsame und schwere Angelegenheit. Jede Woche sitze ich bei der Hebamme in der Sprechstunde und weine. Alle, denen ich begegne, neigen ihren Kopf zur Seite und fragen mich: »Wie geht es dir?« Sie erwarten, dass ich antworte: »Super. Aber es macht schon müde!«, oder: »Mir ist die ganze Zeit übel, aber man weiß ja, wofür man das aushält, deshalb ist es das wert!« Ich versuche zu lächeln, aber das Lächeln erstirbt, bevor es meine Augen erreicht hat. Die Leute haben alle so viel Verständnis. »Ich weiß, wie es dir geht«, sagen Frauen, die eine Schwangerschaft hinter sich haben. Ich würde ihnen am liebsten die Augen auskratzen. Die haben keine Ahnung, wie es mir geht. Ich war schon einmal schwanger, ich weiß, dass es so auf jeden Fall nicht sein soll. Ich schlafe nicht niedlich um sieben Uhr auf dem Sofa ein – ich bin ein Zombie.

Mein Sohn hat keine Mutter mehr. Seine Mama liegt Tag und Nacht in einem abgedunkelten Raum. Das Einzige, was ich zu mir nehme, sind Tabletten gegen die Übelkeit. Nachts eine, tagsüber eine mit Koffein, damit ich nicht so müde bin, was überhaupt nicht funktioniert. Es heißt, die Schwangerschaft ist schlimmer, wenn man eine Tochter erwartet. Das habe etwas mit den Hormonen zu tun. Der Volksmund behauptet auch, dass man hässlicher wird, als würden die Töchter der Mutter die Schönheit rauben. Das kann ich allerdings bestätigen. Meine Haut ist aschgrau, mein Haar stumpf und strähnig, und ich gehe so krumm wie eine alte Frau.

Eines Tages bekommt Sam Besuch von einem Freund. Ich werde davon wach, dass die Tür vom Schlafzimmer geöffnet wird. Störende Geräusche vom Flur dringen in den Raum. Ich höre flüsternde Stimmen und schleichende Schritte. Erst als Justus ins Zimmer kommt und mit den beiden schimpft, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, verstehe ich, was los ist.

»Ich wollte es ihm nur zeigen«, sagt mein Sohn.

Ich wollte es ihm nur zeigen. Dass er wirklich eine Mama hat? Dass seine Mutter ein Monster ist?

Es ist Freitag, ein Tag nach Christi Himmelfahrt. Birgitta ist neun Jahre alt. Zu ihrem großen Bruder Karl, ihrem kleinen Bruder Erik ist noch eine kleine Schwester hinzugekommen. Eva wurde wenige Tage vor Birgittas neuntem Geburtstag geboren.

Als Birgitta erfährt, dass es ein Mädchen ist, hat sie angeblich gesagt: »Soll sie mich jetzt ersetzen?«

Auch wenn sie sich unter Umständen beiseitegeschoben fühlte, ließ sie es nicht an Eva aus. Im Gegenteil, sie liebte das neue Geschwisterchen und umarmte und küsste es ständig. An diesem Morgen verlassen ihre Eltern schon früh das Haus. Im Hausflur wird es eng, als sich alle gleichzeitig die Schuhe und Jacken anziehen, denn Karl hat es eilig, er muss zur Schule. Er schnürt sich die Schuhe zu, wirft sich den Ranzen über die Schulter, ruft »Wiedersehen« und reißt die Tür auf. Er nimmt alle Stufen auf einmal und rennt los. Valdemar nimmt seinen Hut vom Regal, und Margit zieht ihren Mantel an.

»Cecilia, sag bitte Birgitta Bescheid, dass sie zu spät kommt, wenn sie sich jetzt nicht beeilt«, ruft Margit die Treppe hoch.

Das Kindermädchen eilt, mit Eva auf dem Arm, nach unten.

»Sie hat Bauchschmerzen, sagt sie.«

Margit seufzt. Dafür hat sie jetzt keine Zeit.

»Meinetwegen. Dann soll sie zu Hause bleiben.«

Eva protestiert lauthals, als sie begreift, dass ihre Eltern das Haus verlassen. Sie drehen sich um, winken ihr hektisch zu und rufen ihr wilde Versprechungen zu, dass sie bald wieder zurück sind. Evas herzergreifendes Weinen begleitet sie bis zum Auto.

Im ersten Stock liegt Birgitta im Bett und hört alles. Erleichtert seufzt sie auf, als der Motor anspringt und die Reifen knirschend über den Kies rollen. Kurz darauf erstirbt Evas Schluchzen, und es wird ganz still im Haus. Birgitta legt beide Hände auf den Bauch. Es tut ein bisschen weh, oder? Manchmal weiß man es nicht so genau, wenn man gefragt wird. Vielleicht hat sie es vorgeschoben, damit sie nicht in die Schule gehen muss. Vielleicht ist die Schule der Grund, weshalb sie Bauchschmerzen bekommt. Auf jeden Fall bleibt sie nicht zu Hause, weil es so viel Spaß macht. Es gibt nichts Spannendes zu tun, außer sich die Decke über den Kopf zu ziehen, sich auf die andere Seite zu drehen und wieder einzuschlafen.

Ein paar Stunden später steht sie auf und zieht sich an. Ein weißes Unterhemd. Kniestrümpfe. Ein bunt kariertes Kleid. Dazu eine blaue Wollstrickjacke, die ein bisschen kratzt. Sie freut sich auf den Sommer, wenn sie sie nicht mehr tragen muss. Die Sonne scheint verheißungsvoll durch das Fenster und zeichnet goldene Muster an die Wände. Als Birgitta in die Küche kommt, wird Eva gerade von Cecilia gefüttert.

»Warum bist du aufgestanden?«, fragt sie vorwurfsvoll.

Eva strahlt übers ganze Gesicht, und Birgitta schneidet eine lustige Grimasse. Dann umarmt sie ihre kleine Schwester und versucht, den schmierigen Händen der Kleinen zu entkommen.

»Mir geht es wieder besser«, sagt sie. »Darf ich rausgehen?«

Cecilia ist skeptisch, aber dann zuckt sie mit den Schultern. Es sind nicht ihre Kinder, sie ist nicht für die Erziehung verantwortlich.

»Und was hast du vor?«

»Ich wollte eine Runde mit dem Fahrrad fahren. Und Blumen pflücken.«

Als Birgitta das Haus verlässt, spürt sie eine unendliche Freiheit in sich. Der Gedanke, dass alle Schulkameraden in dem staubigen Klassenzimmer sitzen müssen, erzeugt ein prickelndes Gefühl in ihrem Bauch. Sie schnappt sich ihr Fahrrad und fährt los. Beim Bahnhof biegt sie nach links Richtung Hyllstofta ab. Auf der Bank vor dem Bahnhof sitzen ein paar alte Männer und sehen ihr hinterher, als sie an ihnen vorbeisaust. Die einen erinnern sich nur verschwommen daran, die anderen messerscharf. Heute wird sie etwas tun, was sie sonst nie machen kann – sie wird ganz weit wegfahren. Der Wind ist kühl, er weht ihr durch die Haare und die Strickjacke. Aber sie wollte keine richtige Jacke anziehen, um das Gefühl nicht zu zerstören, dass bald Sommer ist. Links von ihr rast der Zug vorbei, vor dem tiefen, durchdringenden Geräusch der Dampfpeife gruselt sie sich nachts. Aber es ist taghell, und sie heult lachend mit dem Zug um die Wette und radelt wie wild neben ihm her.

Etwa eine halbe Stunde später hat sie das Feld mit dem Wollgras erreicht, das sich sanft im Wind wiegt. Birgitta legt ihr Fahrrad an den Straßenrand und läuft durch die hohen Gräser und streicht mit den Händen über die weißen Schöpfe. Mitten im Feld sucht sie sich ein Plätzchen und legt sich auf den Rücken. Über sich sieht sie nur blauen Himmel, vereinzelte Wölkchen und sich wiegendes Wollgras. Sie schließt die Augen, alles wird rot, weil die Sonne auf die Augenlider scheint. So bleibt sie eine Weile liegen, hört den nächsten Zug vorbeifahren. Der Boden ist noch feucht und kühl, die Kälte kriecht durch die Kleidung. Aber ihr Gesicht und der Bauch werden von der Sonne gewärmt. Schließlich steht sie wieder auf und fängt an, Wollgras zu pflücken. Den üppigen Strauß legt sie in ihren Fahrradkorb, er sieht aus wie ein dickes weißes Kaninchen, dann macht sie sich widerstrebend auf den Nachhauseweg.

Gegen fünf Uhr kommen Birgittas Eltern zurück. Margit schimpft Birgitta aus, weil sie mit dem Fahrrad nicht immer auf der richtigen Seite der Straße fährt.

»Ich mache mir einfach Sorgen!«, sagt Margit.

»Ich war vorsichtig!«, antwortet Birgitta verärgert. Dann zeigt sie auf den Strauß auf dem Küchentisch und lächelt ihre Mutter an. »Sind die nicht schön?« Margit nickt und erwidert ihr Lächeln.

Zum Abendessen gibt es Reste und zum Nachtisch Pfannkuchen mit Marmelade. Birgitta isst und isst. Pfannkuchen ist ihre Lieblingsspeise. Sie bleibt länger am Tisch sitzen als die anderen. Na, da hat jemand auf jeden Fall keine Bauchschmerzen mehr, sagen ihre Eltern und heben die Augenbrauen. Birgitta isst so viel, dass sie einen kugelrunden Bauch bekommt. Dann geht sie zu Cecilia in die Küche, die fragt, ob sie ihr beim Abtrocknen helfen will. Aber dazu hat Birgitta keine Lust. Sie geht ins Wohnzimmer, wo ihr Vater Zeitung liest.

»Wer ist heute eigentlich dran, Löwenzahn zu rupfen?«, fragt er.

Es wird still. Dann seufzt Birgitta ergeben und zuckt mit den Schultern.

»Ich gehe.«

Es ist ein wunderschöner, rosa schimmernder Abend, aber mit der untergehenden Sonne verschwindet auch die Wärme und erinnert einen daran, dass es Frühling und noch nicht Sommer ist. Birgitta rupft ein bisschen Löwenzahn und wirft ihn in einen Eimer. Als sie keine Lust mehr hat, schaukelt sie eine Runde. Dann hilft sie ihrer Mutter dabei, Feuerholz ins Haus zu tragen. Sie schwitzen, und ihre Wangen röten sich.

»Solltest du jetzt nicht ins Bett gehen?«, sagt Margit, als sie fertig sind. »Du hattest doch so schlimme Bauchschmerzen?«

Birgitta wird ärgerlich. Sie will noch draußen bleiben. Alle anderen dürfen schließlich auch noch auf sein. Sie zeigt auf die jüngeren Nachbarskinder, die auf der Straße spielen.

»Sogar Babys dürfen noch auf sein, Mama!«

Margit gibt nach.

Valdemar sitzt im Wohnzimmer, hört mit Eva auf dem Schoß die Nachrichten. Es ist kurz vor sieben. Birgitta kniet sich vor die beiden hin und nimmt Evas kleine, dicke Hand in ihre, bohrt ihre kalte Nasenspitze in die weiche, warme Wange der Kleinen, bringt sie zum Glucksen. Dann verabschiedet sie sich und kommt nie wieder zurück.

Am 19. Juli habe ich meine erste Wehe. Wir sind am Hafen und warten darauf, an Bord der Finnlandfähre Amorella zu gehen. Justus, Sam und meine Schwiegermutter. Wir sind letzte Nacht aus dem Urlaub zurückgekommen, zwei Wochen Korfu. Auf dieser Reise konnte ich nur Joghurt mit Honig und Nüssen zu mir nehmen, ab und zu einen Happen Moussaka. Einmal habe ich mich in einem Restaurant in einer Ecke versteckt und geweint, weil ich einfach keinen Bissen herunterbekommen habe. Einer der Kellner hat mich getröstet. Meine Schwester und ihre Tochter Maya haben uns begleitet. Ich lag auf der Liege am Strand und habe die beiden zusammen mit Justus und unserem Kind beobachtet. Sie sahen aus, als würden sie zusammengehören.

Wir wollen Justus’ Familie besuchen. Sie haben ein Haus außerhalb von Turku. Die Schlange ist lang, alle wollen an Bord. Das stresst mich. Mein Bauch wird hart wie ein Stein. Ich kenne das nicht, bei Sam hatte ich keine Kontraktionen. Deshalb kann ich es auch nicht sofort zuordnen. Meine Tochter ist so groß wie ein Apfel, ihr Herz ist noch so klein, dass es jederzeit einfach aufhören könnte zu schlagen. Sie könnte aus mir herausfallen, ohne dass ich es bemerken würde.

Erst nach der zwanzigsten Woche geht es mir endlich besser. Nicht gut, aber ich bin kein Zombie mehr. Ich kann mit Justus und Sam zusammen am Tisch sitzen und Babyportionen von dem Essen zu mir nehmen, das ich nicht selbst zubereitet habe. Ich kann weder abwaschen noch staubsaugen, Wäsche waschen oder einzukaufen, aber ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen. Ich bin als Mutter vollkommen nutzlos. Ich schäme mich für die Unordnung und den Dreck in unserer Wohnung, und weil ich Sam nicht zum Kindergarten begleiten oder abholen kann.

Ich bade jeden Abend. Ich lasse eine Badebombe nach der anderen ins heiße Wasser fallen und sehe zu, wie sie zischend und sprudelnd wieder an die Oberfläche kommt. Es ist jedes Mal eine Überraschung, weil ich nicht weiß, was sie enthält. Eine verwandelt das Wasser in eine Galaxie.

Manchmal muss ich meine ganze Kraft aufbringen, um mich in die Stadt zu schleppen, zum Östermalmstorg und vorbei an der Sturegallerian bis zur Königlichen Bibliothek. Ich muss arbeiten. Meine Arbeit macht mir eigentlich Spaß, aber jetzt fühlt es sich an, als müsste ich jedes einzelne Wort aus mir herauspressen. Diese Schwangerschaft lässt mich verdummen. Meine Gedanken sind so zäh wie Karamell. Nur eine Sache treibt mich an, mich aufzuraffen. Und das ist Birgitta. Obwohl ich ein schlechtes Gewissen bekomme, erlaube ich mir, hier und da einen Artikel über ihren Fall zu lesen. Jede Minute, die ich so verbringe, bin ich von meiner Familie getrennt. Diese Energie und Fürsorge kann ich dann nicht meinem Sohn zuteilwerden lassen. Und trotzdem sitze ich im kalten Keller des Archivs und lese einen Artikel nach dem anderen.

Ich kann das Kind in mir spüren. Ab und zu fühlt es sich an, als würde sich etwas Großes in mir wälzen. Als wir bei der Ultraschalluntersuchung erfahren haben, dass es ein Mädchen wird, war ich so überglücklich und Sekunden später voller Schuldgefühle. Als Sam damals auf dem Weg war, musste ich mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, einen Jungen zu bekommen. Dann aber habe ich mich in dem Gefühl eingerichtet, was das für Vorteile hat. Es ist einfacher, ein Junge zu sein. Jungen dürfen dümmer und hässlicher sein, unordentlich herumlaufen und müssen nicht gut riechen. Das ist in Ordnung. Aber es ist oberflächlich und nicht so wichtig. Ein Mädchen zu sein, kann eine reelle Gefahr bedeuten, eine Gefahr, die ich nur zu gut kenne. Deshalb machte mein Herz da auf der Liege, den Bauch voller Ultraschallgel, einen Sprung, als die Hebamme sagte: »Ich sehe da eine kleine Vulva!« Vor Freude und Sorge zugleich. Denn ich weiß, dass es hungrige Raubtiere dort draußen gibt, die hinter den kleinen Mädchen her sind. Wie soll ich sie nur davor beschützen?

Wochen, Monate verstreichen. Ich liege nach wie vor jeden Tag in der Badewanne. Mein Bauch erhebt sich wie das gewaltige Himmelsgewölbe am Horizont. Ich streiche kreisförmig mit den Händen darüber, taste nach den Konturen unter der Haut. Sind das Knie? Oder der Po, eine Schulter? Ich versuche abzumessen, wie groß sie jetzt schon ist.

Auf dem kräftezehrenden Weg aus der Badewanne zieht sich meine Gebärmutter zusammen. Der Schmerz fährt mir in den Rücken. Kleine Panikblitze durchzucken mich. Diese Kontraktionen kommen in letzter Zeit immer häufiger vor, ich lasse eine Urinprobe nach der anderen untersuchen, um eine Harnwegsinfektion auszuschließen. Aber es ist alles in Ordnung. Ich trockne mich ab und creme mich mit Öl ein. Schließe die Augen und reibe mit den öligen Händen über den Bauch, der jetzt wieder weich geworden ist. Aber sie reagiert nicht wie sonst auf meine Berührungen. Ich werde nachdrücklicher, stoße mich in die Seite. Nichts. Wann habe ich sie eigentlich das letzte Mal gespürt? Gestern Abend? Abends ist sie lebhaft. Dann bewegen sich die Gliedmaßen unter der prallen Haut, streichen, drücken, schieben, wie eine Katze, die in einem Sack gefangen ist.

Nackt gehe ich in die Küche und trinke ein Glas kaltes Wasser. Dann spüre ich nach. Nichts. Keine Reaktion. Ich gieße mir ein zweites Glas ein, dann noch eins. Kaskaden von eiskaltem Wasser schütte ich über mein Kind, ohne die geringste Reaktion. Ich rufe meine Hebamme an. Sie hebt mit fröhlicher Stimme ab, und ich schildere ihr mein Anliegen und relativiere es gleich im selben Satz wieder. Das ist bestimmt nicht schlimm. Aber du machst dir Sorgen, sagt sie. Ja, ein bisschen schon. Ich lache nervös. Ihrer Meinung nach soll ich ins Krankenhaus fahren.

Damit meint sie die Entbindungsstation. Mein Herz schlägt schneller, ich lege auf und rüste mich wie ein Ritter vor einer Schlacht. Jetzt ist es an mir, mutig zu sein, eine Mutter zu sein. Ich werde nicht gleich Justus anrufen. Ich werde auch kein Taxi nehmen. Das schaffe ich ganz allein. Für die vierhundertfünfzig Meter zur Straßenbahn brauche ich fünfzehn Minuten. Hilflos sehe ich zu, wie mir zwei Bahnen vor der Nase wegfahren. In die dritte steige ich ein, sie ist praktisch leer.

Normalerweise braucht man für die Strecke zum Krankenhaus mit Straßenbahn und Zug etwa fünfundvierzig Minuten. Ich benötige doppelt so lange. In Årstaberg verpasse ich den Anschlusszug und muss auf den nächsten warten. Der Weg von der Haltestelle zum Krankenhaus ist lang, das Gebäude befindet sich in einem gigantischen Komplex. Größer als der Stadtteil Gamla Stan. Mit seinen unzähligen Fenstern sieht das Krankenhaus aus wie die Spinne, die einen aus ihren Tausenden schwarzen Augen anstarrt. Mir ist schwindelig und schlecht, als ich endlich den Eingang erreiche. Das passiert oft, wenn ich vergesse zu essen. Deshalb kaufe ich mir ein belegtes Brötchen im Kiosk und stopfe es so schnell in mich rein, dass es beim Schlucken wehtut.

Ich habe die Vorstellung, dass es auf der Entbindungsstation immer hektisch zugeht, aber als ich dort ankomme, ist es ganz still. Ich soll mich im Flur kurz hinsetzen, im Behandlungszimmer nebenan hört man leise, gedämpfte Stimmen. Ab und zu erhebt sich ein helles Lachen, wie eine schlanke Kiefer aus weichem grünem Moos. Ich sitze vollkommen reglos auf einem Stuhl und warte. Die Tränen laufen mir übers Gesicht, eine junge, blonde Krankenschwester bringt mir ein Taschentuch. Sie sind gleich dran, beruhigt sie mich. Ich würde am liebsten die Frau im Zimmer hinter mir anschreien, dass sie mit dem Lachen aufhören und endlich nach Hause gehen soll. Ihr scheint es ja offensichtlich hervorragend zu gehen.

Die Hebamme, die mich behandelt, hat stahlgraue Haare, muskulöse Arme und trägt eine Hornbrille. Ich schmelze unter ihren tatkräftigen Händen dahin. Wenn ich schwanger bin, werde ich selbst zum Kind. Kaum liege ich auf der Liege, laufen mir die Tränen und tropfen auf das beige Papier unter mir. Ich ziehe meinen Pullover hoch, und sie bereitet den Apparat vor, mit dem sie den Herzschlag des Kindes abhört. Meine Nervosität ist verflogen, ich bin jetzt voller Selbstmitleid und erleichtert, dass es gleich vorbei sein wird. Sie lauscht. Verändert die Position des Sensors, lauscht erneut. Tastet meinen Bauch ab, verändert die Position erneut.

»Ich glaube, sie liegt auf dieser Seite«, versuche ich zu helfen.

Sie drückt und lauscht. Und drückt und lauscht. Ich versuche, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. Fast unmerklich holt sie Luft und hält sie an, bevor sie es ausspricht.

»Ich kann den Herzschlag nicht hören.«

Ich wusste es. Irgendwo tief in mir wusste ich, dass ich sie nicht behalten darf. Ich falle, falle ins Bodenlose, durch das Papier, auf dem ich liege, durch die Liege, den Linoleumboden, die weiche Erde, das Gestein, bis ins Erdinnere. Ich begebe mich an die Tore des Hades, um nach ihr zu suchen. Wie Demeter nach ihrer Tochter Persephone. Wie Demeter weigere ich mich, den Tod zu akzeptieren. Es ist menschlich, dass man Hades verbieten will, einem einen geliebten Menschen zu nehmen. Mein blindes, stolperndes Herumtasten wird unterbrochen von einem Geräusch. Einem vertrauten Geräusch, zischend, rhythmisch. Wie Wasser, das sehr schnell über Kies fließt. Die Hebamme erklärt mir, meine Kleine habe so gelegen, dass sie den Herzschlag schwer hören konnte, aber jetzt hört sie ihn, und er klingt ganz normal. Ich verstehe ihre Worte kaum, aber mein Körper nimmt sie im Takt mit dem rhythmischen Laut auf. Mein geliebtes Kind. Mein geliebtes Herz. Verlass mich nie.

Meine Wagen brennen, als ich mich auf den Heimweg mache. Ich schäme mich für meine Angst. Es ist peinlich, so eine zu sein wie ich. Eine, die sich Sorgen macht.

Birgitta will mit ihrem Fahrrad fahren, aber es ist weg. Karl muss es genommen haben. Sie geht rüber zu den Bloms und klopft. Herr Blom öffnet die Tür und Birgitta macht einen Knicks.

»Darf Lilian mit zum Sportplatz kommen? Ich muss mein Fahrrad dort abholen.«

Bevor er antworten kann, ruft seine Frau aus einem der hinteren Zimmer, dass Lilian jetzt badet. Birgitta knickst erneut und macht sich auf den Weg. Herr Blom sieht ihr schweigend hinterher, dann schließt er die Tür.

Birgitta läuft langsam und in Schlangenlinien den Gustavsborgsvägen hinunter, als sie Fräulein Petrén auf der Straße entdeckt. Sie hat ein geblümtes Kleid an, was etwas Besonderes ist, denn in der Schule trägt sie immer nur Schwarz. Vor ein paar Tagen saß Birgitta im Klassenzimmer und betrachtete den durch die schwüle Luft tanzenden Staub, während das Fräulein über Flora und Fauna sprach. Dann nahm sie den Stab mit dem Haken an der Spitze und zog eine Schautafel herunter. Birgitta verschlug es den Atem, als sie die rosa Zapfen des Lärchenbaums sah.

»Die Lärche blüht im Mai und Juni und bekommt diese hübschen Zapfen«, erzählte das Fräulein.

Sie sehen aus wie Paradiesblumen, fand Birgitta.

Ihre Holzschuhe klappern, sodass ihre Beine zittern, als sie losrennt, um Fräulein Petrén einzuholen, die mit schnellen Schritten auf dem Weg in die Stadt ist. Birgitta ist außer Atem, als sie ihre Lehrerin einholt und vor ihr stehen bleibt.

»Guten Tag, Fräulein Petrén, wissen Sie, wo diese Vogelbäume wachsen?«, fragt sie.

Fräulein Petrén legt Birgitta eine Hand auf die Schulter, schiebt sie an den Straßenrand und sieht sie streng an.

»Ich dachte, du bist heute zu Hause geblieben, weil du Bauchschmerzen hast.«

Birgitta wird rot und tritt verlegen gegen einen Stein.

»Das stimmt. Aber mir geht es wieder besser.«