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Der Autor, Reinhard Vieth, berichtet amüsant und locker was er in seiner beruflichen Tätigkeit als Verwaltungsangestellter eines kleinen ländlichen Amtes in der schleswig-holsteinischen Verwaltungslandschaft erlebt hat. Dabei gibt er dem Leser einen Eindruck über die früher kleinräumliche Gliederung der Ämter, die seinerzeit noch den direkten Bezug zum Bürger hatten. Heute sind die Ämter so groß, dass der Kontakt, auch mal auf ein menschlich normales Schwätzchen, am Rande einer dienstlichen Angelegenheit kaum mehr möglich ist. Dabei ist gerade das aber das Salz in der Suppe, dass man eben mit menschlicher Hinwendung den Sinn des bürokratischen Erfordernisses erklärt. Aber auch die Beamten kommen wieder einmal nicht zu kurz. Deutlich zeigt er auf, dass sie unter sich, vielleicht nicht immer gewollt, aber dennoch eine verschworene Gemeinschaft sind. Stets verschaffen sie sich selbst, auch wenn sie sich persönlich einmal nicht so gewogen sein sollten, dennoch gegenseitig Vorteile. In dem Zusammenhang wird auch deutlich gemacht, dass der Rentner, auch nach der fälschlicherweise hoch gelobten Rentenreform, im Vergleich zum kleinsten Beamten immer noch gewaltig im Nachteil ist. Kleine Anekdoten am Rande lockern die Geschehnisse auf. Etwa wie er seinem Amtsvorsteher den Unterschied zwischen Backbord und Steuerbord erklärt oder wie er mit seinem Kollegen zu einem Einsatz gerufen wird, bei dem die Beiden von einer spärlich bekleideten Badenixe empfangen werden. Lassen Sie sich entführen in die platt-deutsche Umgangsweise, wenn er drei Bauern unter einen Hut bringen muss. Selbst der alte Schiller mit seinem Stück "Kabale und Liebe" musste herhalten um so manch intrigantes Verhalten, das auch heute noch durch Amtsstuben geistert, aufzuzeigen.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2021
Reinhard Vieth
Das Amt
an der
Schlei
Innenansichten einer Kommunalverwaltung
Impressum
Die im Buch abgebildeten Fotografien und Skizzen wurden vom Verfasser gefertigt. Lediglich die Scala auf Seite 84 ist eine Veröffentlichung der OECD. Das Foto vom alten Amtsgebäude auf der rückwärtigen Umschlagseite wurde mir von Rainer Röhl zur Verfügung gestellt.
Copyright 2021 Reinhard Vieth Autor: Reinhard Vieth
Umschlaggestaltung, Illustration: Reinhard Vieth
Lektorat, Korrektorat: Jutta Scheel und Joachim Vieth
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-30954-8 (Paperback)
978-3-347-30954-5 (Hardcover)
978-3-347-30954-2 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
Obwohl ich bei meinem ersten Buch mit dem Vorwort Leser eher abgeschreckt habe, will ich dennoch auch hier mit einem erklärenden Vorwort beginnen.
Den größten Teil meines Berufslebens habe ich in einer beschaulichen kleinen Gemeinde erlebt, die direkt an der Schlei liegt. Die Schlei ist ein Nebenarm der Ostsee, sagen die einen und die anderen sagen, ist eine Fjordlandschaft. Sicher ist jedoch, dass man die Landschaft an der Schlei nicht beschreiben kann, man muss sie erleben.
In Fleckeby jedenfalls habe ich in dem damals dort angesiedelten Amt Schlei gearbeitet und habe mich insgesamt sehr wohl gefühlt. Wunderbare Einwohner und im Amt in Gänze gesehen auch wunderbare Kolleg*Innen. Aber wie es auch in Familien passiert, rauchte der Schornstein bisweilen auch mal hier im Kollegium.
Da ich aber dennoch keinen teenagerhaft verklärten Blick auf die Vergangenheit habe kommt es auch vor, dass ich mal nicht so ganz rühmliche Begebenheiten erwähne und dass durchaus auch mal Wahrheiten auf die Seiten kommen, die ein nicht so gutes Licht auf damals handelnde Personen werfen. Das aber ist beileibe keine Abrechnung, denn auch wenn es mal gegen mich ging, so ist das längst vergeben. Es soll aber dennoch dazu dienen, dass der außenstehende Betrachter mal einen Blick ins längst nicht immer harmonische Innenleben einer Verwaltung überhaupt und einer kleinen Verwaltung insbesondere erhält. Um jedoch die Personen zu schützen, habe ich die Namen geändert. Möglicherweise fragt man sich, „aber er hätte doch…“. Aber so einfach ist es nicht und der Spatz in der Hand ist besser, als zwei Tauben auf dem Dach, denn was man hat weiß man, was man eventuell bekommt, weiß man nicht.
Die Beamtenschaft, egal ob Bundes- Landes- oder Amtsbeamte, ist eine Spezies, die einer besonderen Betrachtung bedarf. Deshalb möchte ich dem Leser am Rande und hier im speziellen in einem Kapitel auch die Gelegenheit geben, einen Blick auf die Gemeinschaft der Beamtenschaft zu ermöglichen.
Auf der Suche nach Bildern vom alten Amt und der Schlei war mir der derzeitige Amtsvorsteher, Rainer Röhl behilflich; dafür bedanke ich mich herzlich. Seiner Bildersammlung habe ich das Umschlagsbild vom „alten Amt“, auf der Rückseite des Buches entnommen.
Ein weiterer ganz herzlicher Dank geht an meine beiden Lektoren, Frau Jutta Scheel, die mir ihre diesbezügliche Hilfe sofort zusicherte, nachdem sie mein erstes Buch gelesen hatte und bei meinem Cousin, Joachim Vieth, der ebenfalls gerne seine Zeit für die Lektüre dieses Buches einbrachte. Dennoch habe ich mich an wenigen Stellen dem Hinweis oder der Verbesserung meiner Lektoren – sie mögen es mir verzeihen – widersetzt.
Inhaltsverzeichnis
Aller Anfang ist schwer
Auch Umwege führen zum Ergebnis
Wie ein neues Leben
Die Amtsverwaltung
Es kann der Beste nicht im Frieden leben….
Wir gründen einen Personalrat
Angelschein für die Schlei
Nicht nur eitel Sonnenschein
Prüfungsausschuss in Bordesholm
Förderung der Betriebsgemeinschaft
Meine Einwohner
Der Verbesserungsvorschlag
Drum prüfe wer sich ewig bindet
Der Selbstbedienungsladen der Beamten
Der Leitende
Krankenhausbetten für Schwerin
Partneramt Satow
Längst nicht jedes Knöllchen erreichte meine Einwohner
Datenschutzbeauftragter
Die erste Flüchtlingswelle
Alle Jahre wieder
Langsee
Ich werde Standesbeamter
Erfolglose Bemühungen
Bewerbung als Bürgermeister in Satow
Verwaltungsreform
Auf der Suche nach einer neuen Immobilie
Dienstjubiläum
Aller Anfang ist schwer
Als ich so kurz nach dem 2.Weltkrieg das Licht der Welt erblickte, war der Krieg eben vorbei und die Hoffnung, nun Frieden und eine gesicherte Zukunft erreichen zu wollen, wurde auf mich, meine Generation gerichtet. Ich war der Sonnenschein meiner Eltern und meiner Großeltern. Als Erstgeborenem und Stammhalter wurden mir nun diese Hoffnungen in die Zukunft mit in die Wiege gelegt. Ich hatte also viel zu lernen und neben dem Laufen lernte ich auch so nach und nach die unterschiedlichen Charaktere derer kennen die meinten, mich mit Güte oder schon einer gewissen Strenge erziehen zu müssen.
Schon früh machte ich Bekanntschaft mit Beamten aller Art. Denn mein Vater machte bei der Bezirksregierung Minden seine Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst. So kam ich schon von frühester Jugend mit dem Beamtentum in Berührung. Auch lernte ich dabei schon, dass sich jede Verwaltung am liebsten erst mal mit sich selbst beschäftigt. Denn die Kreise Minden und Detmold wurden zusammengelegt, und das hatte zur Folge, dass der Dienstsitz meines Vaters nach Detmold verlegt wurde. Inzwischen zum Schulkind gereift, wurde ich dort dann auch eingeschult.
Schon längst hatte mein Vater seine Ausbildung abgeschlossen und war Inspektor im Wasserwirtschaftsamt der Bezirksregierung Detmold, und in dieser recht beschaulichen kleinen Provinzstadt Detmold wohnten wir auch. Und wie schon gesagt, ging ich dort auch zur Schule.
Nach der Schule kam ich fast immer an der „Regierung“ vorbei und manchmal ging ich auch hinein, um meinen Vater zu besuchen. So ein altehrwürdiges Bürogebäude hat einen ganz eigenen Geruch – nicht unangenehm, aber doch unbeschreiblich, nach Papier, Staub und kaltem Rauch.
Viele Kollegen meines Vaters, damals war die Verwaltung noch eine männliche Domäne, kannte ich. Von einigen wusste ich auch, dass sie mal ein Stück Schokolade oder einen Bonbon im Schreibtisch hatten. Aber das waren, mit einem Schmunzeln muss ich sagen, die Mindener Kollegen, zu denen hatte ich sowieso eine besondere Beziehung. Und abends war es so, dass die Beamten, die in Minden ihren Wohnsitz behalten hatten, mit einer Busroutine nach Minden gefahren wurden. So kam ich schon sehr früh und intensiv mit der Beamtenwelt in Verbindung.
Heute vergeht die Zeit wie im Fluge, aber als Kind hat man ein Ewigkeitszeitgefühl. Dennoch kam die Zeit, dass auch die Schule zu Ende ging und die Berufswahl anstand. Ein geflügeltes Wort meines Vaters war: „Der Mantel des Beamtentums ist zwar eng, aber er wärmt doch.“ Sollte heißen, dass die Gehälter schmal, aber ausreichend waren. Allerdings war für das Beamtentum mein Notenschnitt zu schlecht. Ich begann meine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann.
Sehr schnell, noch im ersten Lehrjahr, wurde ich auch Gewerkschaftsmitglied. Ich trat in die damalige DAG ein.
Auch Umwege führen zum Ergebnis
Nach meiner Berufsausbildung ging ich als freiwilliger Soldat zur Bundesmarine. Eigentlich wollte ich auch schon gleich nach meiner Dienstzeit und einer weiteren Ausbildung meine berufliche Zukunft in der Kommunalverwaltung finden. Aber das gestaltete sich etwas schwierig, weil ich durch den damaligen Berufsförderungsdienst der Bundeswehr eine Falschberatung erfahren hatte. Man hatte mich zur Landesvormerkstelle für die Einstellung der Landesbeamten geschickt. Da das Land aber über genügend Anwärter verfügte, war ich unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren. Hätte, hätte - ja aber hätte ich wirklich dort nachgefragt, wo ich mich für die Ausbildung in der Kommunalverwaltung bewerben könnte, dann hätte man mir dort sicher die Auskunft gegeben, dass ich mich an die Ämter, Städte und Kreise wenden müsse, denn jede kommunale Behörde stellt den Berufsnachwuchs für sich selbst ein.
Weil ich durch die vorangegangenen Auskünfte in den Verwaltungen des Landes keine Chance für mich sah, bewarb ich mich bei der Bundeswehrverwaltung. Auswahlverfahren und Eignungstest bestand ich und begann meine Ausbildung zum Beamten der Bundeswehr bei der Standortverwaltung in Rendsburg.
Aber schon in der Internatsausbildung in Mölln fühlte ich mich da irgendwie deplatziert. Schon dieses quasi Klosterleben, als Beamter unter Beamten in einer Welt für sich führte letztendlich dazu, dass ich anfing, mich innerlich zu distanzieren.
Eines schönen Tages traf ich einen ehemaligen Kameraden, der als Personalsachbearbeiter bei der Diakonie sein Brot verdiente. Er schilderte mir in Prosa, dass man dort ein tolles Arbeiten habe und sich gut verstehe. Nachdem er mir das in solch rosigen Farben geschildert hatte und ich meinen verstaubten, erzkonservativen Laden wieder vor mir hatte, sprach ich mit meiner Frau darüber dass ich vorhätte, aus dem engen Mantel des Beamten auszusteigen, um gänzlich wieder ins Zivilleben zurück zu kehren. Wir überlegten hin und her, von wegen Sicherheit und Neuanfang, aber letztendlich will man sich ja auch wohl fühlen und das gab den Ausschlag. Ich stellte einen Antrag auf Entlassung aus dem Beamtenverhältnis, denn als Beamter kann man nicht kündigen und kann auch nicht gekündigt werden.
Aber wie so oft traf auch hier das alte Sprichwort zu – ich war vom Regen in die Traufe gefallen. Ein derart intrigantes Tun wie dort hätte ich für einen Ableger der Christenheit nie erwartet. Oft bin ich abends völlig fertig nach Hause gekommen. Nachdem ich dort aber meiner Meinung irgendwann Luft gemacht hatte, wurde ich sehr schnell entlassen. Weil ich vorher jedoch Beamter war und man als Beamter keine Sozialversicherungsbeiträge abführt, konnte ich lediglich Arbeitslosenhilfe (genannt ALI) beantragen, das war quasi der Vorläufer von Hartz IV. Das reichte nicht zum Leben und auch nicht zum Sterben für eine vierköpfige Familie. Kurz vor Weihnachten suchte die Firma Karstadt, damals eine große Kaufhauskette mit Kaufhäusern überall im Bundesgebiet, Substituten, Vertreter des Abteilungsleiters; Voraussetzung abgeschlossene, kaufmännische Berufsausbildung. Also bewarb ich mich und wurde in Rendsburg, im dortigen Karstadthaus, gleich im Weihnachtsgeschäft eingesetzt. Eigentlich fühlte ich mich dort sehr wohl, gute Kolleginnen, Kollegen, gute Vorgesetzte und insgesamt eine gute, vertrauensvolle Atmosphäre. Einziger, aber schwerwiegender Nachteil; man war über das ganze Bundesgebiet versetzbar.
Eines schönen Tages hatte ich frei und ging in Schleswig spazieren und da traf in zufällig meinen ehemaligen Sachbearbeiter vom Arbeitsamt. Wir kamen ins Gespräch und auf einmal sagte er: „Sagen Sie, hatten Sie nicht immer eine Tätigkeit in einer Gemeindeverwaltung gesucht?“ „Ja,“ sagte ich und da sagte er: „Drüben, in Fleckeby, im Amt Schlei, da sucht man einen Sachbearbeiter für das Ordnungsamt. Bewerben kann man sich ja mal.“ „Klar, herzlichen Dank für den Tipp, mache ich.“ Ja, so gingen wir auseinander und ich kümmerte mich um nähere Einzelheiten. Schon wenige Tage später bewarb ich mich und wieder ein paar Tage darauf wurde ich zum Gespräch eingeladen.
Wie ein neues Leben
Frohen Mutes aber mit Herzklopfen fuhr ich an einem Juninachmittag nach Fleckeby. Das Amt fand ich schnell, aber es war geschlossen. Na klar, war ja ein Nachmittag und zu der Zeit hatten Ämter nachmittags geschlossen. Ich klopfte laut und vernehmlich und es kam ein junges Mädchen an die Tür. „Ich bin mit Herrn Bauer *) verabredet,“ erklärte ich mein Klopfen. Sie ließ mich ein und zeigte mir den Weg. Kurz darauf stand ich im Büro des Leitenden Verwaltungsbeamten (LVB). Der hatte gerade Besuch von einem älteren Herrn. Ich begrüßte die Herren und stellte mich vor. „Das passt ja gut,“ sagte der LVB, „mein Name ist Bauer und das ist Herr Illies. Herr Illies ist unser Amtsvorsteher.“ Und zu dem Angesprochenen gewandt erklärte er: „Das ist Herr Vieth Herr Vieth hat sich auf die Stelle als Sachbearbeiter im Ordnungsamt beworben.“
„Oh, das ist ja fein,“ und zu mir gewandt fragte er: „Köt Se denn ok Plattdütsch? Wi südd ja een ländliche Verwaltung und doa mut man ok tominess Plattdütsch verstohn.“ (Können Sie denn auch Plattdeutsch? Wir sind ja eine ländliche Verwaltung und da muss man auch zumindest Plattdeutsch verstehen.) Diese Frage konnte ich natürlich mit „Ja“ beantworten, denn ich hatte inzwischen ausreichend Gelegenheit, meine Plattdeutschkenntnisse zu vertiefen. Dann wurde ich gefragt, was ich denn bisher gemacht hätte und warum ich jetzt hierherkommen wolle, die Frage nach der Größe der Familie schloss sich an, aber dann sagte der Amtsvorsteher (AV), dass er nun gehen müsse, weil er noch einen weiteren Termin habe. Wir verabschiedeten uns und zu Herrn Bauer gewandt sagte er: „Und denken Sie an morgen, Herr Bauer, da kommt ja die Delegation der Landtagsabgeordneten von der SPD, wegen der Schule und erzählen Sie denen nicht zu viel, Sie wissen ja, das sind unsere Feinde.“ Ach du Schande, dachte ich, wohin bist du denn hier geraten. Ich war zu der Zeit noch Parteimitglied in der SPD und wir haben die CDU-Leute zwar als unsere Gegner betrachtet, aber ganz sicher nicht als Feinde. Als Herr Illies gegangen war und Herr Bauer wieder zurückkam, muss er gemerkt haben, dass ich etwas irritiert war. Er grinste etwas und sagte: „Naja, ganz so schlimm ist es auch nicht.“ Und dann musste ich bei einer gemeinsamen Tasse Kaffee berichten, wie denn mein berufliches Leben bisher verlaufen war. Dabei erfuhr ich, dass Herr Bauer keinen Militärdienst geleistet hatte und auch keine besondere Sympathie für den Militärdienst empfand. Er hatte seine Ausbildung beim Kreis Rendsburg-Eckernförde gemacht und hatte seinen Dienst hier im Amt auch erst vor kurzer Zeit als Oberinspektor begonnen. Er war ein halbes Jahr älter als ich. Am Ende unseres Gespräches deutete er an, dass ich die Stelle, wenn auch ich wolle, bekommen würde. Abschließend fragte er, ob ich etwas dagegen hätte, wenn ich mich vorher auch der Kernmannschaft vorstellen würde. Dann wüsste ich, mit wem ich es zu tun bekomme und die Kolleginnen, Kollegen wüssten es auch. Das fand ich fair und auch ganz in Ordnung. Also verabredeten wir den nächsten Mittwoch, wieder nachmittags, weil es dann allgemein ein wenig ruhiger war und man sich zwanglos im Sitzungszimmer unterhalten konnte.
*) Name geändert
Pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt klopfte ich wieder an die Amtstür; ein künftiger Kollege öffnete und nahm mich gleich mit hoch in das Sitzungszimmer. So ein bisschen kam ich mir vor wie vor einem Tribunal, denn ich saß am Kopfende der zusammengeschobenen Tische und rechts neben mir der LVB, Herr Bauer, über Eck neben ihm saß der Kämmerer, Herr Nissen*), neben ihm Herr Mayberg*), der Standesbeamte, Frau Ledereit*), später erfuhr ich, dass alle Welt sie Lorchen nannte, war für das Sozialamt zuständig und saß mir direkt gegenüber. Neben ihr saß der Kollege Bindow*), der für das Bau- und Ordnungsamt zuständig war. Frau Lüttmann*), die Kassenleiterin schloss die Runde ab. Ja, und dann lernte man sich durch ein gegenseitiges Fragen und Antworten kennen, es war wirklich eine entspannte, freundliche Runde. Der Leiter war Oberinspektor und die Herren Bindow und Mayberg waren Obersekretäre (Mittlere Beamtenlaufbahn), das waren die drei Beamten.
Einen Begriff muss ich noch erklären, weil es ihn inzwischen so gut wie gar nicht mehr gibt. Der Leitende Verwaltungsbeamte war nicht nur die Tätigkeit, das war auch der Titel des Behördenleiters hier in den Ämtern in Schleswig-Holstein. Und im Sprachgebrauch sagte man meistens, ich gehe mal eben zum Leiter oder zum LVB. Der LVB war also für die Verwaltungsgeschäfte zuständig und der Amtsvorsteher (AV) vertrat das politische Gremium des Amtes als Repräsentant. Bei den Städten hießen die vergleichbaren Positionen Bürgermeister, Beamter auf Zeit, dazu der büroleitende Beamte und als Repräsentant des Rates der Bürgervorsteher oder natürlich alles in der weiblichen Form. Den LVB gibt es heute in aller Regel nicht mehr, der ist inzwischen dem Amtsdirektor gewichen – hört sich doch auch viel besser an. Aber dazu später mehr.
Also ich hatte meinen neuen Job und freute mich. Auf das neue berufliche Glück stießen meine Frau und ich am Abend mit einem Glas Sekt an. Doch bei Karstadt war ich an Kündigungszeiten gebunden und mit einer Träne im Herzen verließ ich das Unternehmen Karstadt in Rendsburg und kam aber mit großer Freude, sechs Wochen später, im Amt an.
*) Namen geändert
Die Amtsverwaltung
Das damalige Amt Schlei in Fleckeby führte die Verwaltungsgeschäfte für fünf Gemeinden, also fünf ehrenamtliche Bürgermeister, fünf Haushalte und rund 8.000 Einwohner. Die größte amtsangehörige Gemeinde war die Gemeinde Rieseby mit etwa 2.800 Einwohnern, Fleckeby, ein Durchgangsdorf an der B 76, hatte etwa 2.300 Einwohner und dort war auch der Amtssitz. Die drittgrößte Gemeinde war Kosel mit mehreren Ortsteilen und dann die Gemeinde Güby, in der die Stiftung Louisenlund ihren Sitz hat. Louisenlund ist eine Stiftung, die 1949 von Friedrich Herzog zu Schleswig-Holstein gegründet wurde und ein Internat für die Kinder wohlhabender Leute und des ländlichen Adels ist. Für Leute also, die ihren Nachwuchs gesichert zum Abitur bringen wollen. Letztendlich noch die Gemeinde Hummelfeld mit etwa 700 Einwohnern.
Schon zwei Jahre nach meinem Dienstantritt fanden für mich dienstlich die ersten Kommunalwahlen statt und zu meinem Aufgabenbereich gehörte es, dass ich bei Wahlen, egal ob Kommunal-, Bundestags- oder Europawahl, der Erste im Amt sein musste, um für Fragen der Wahlleiter, die vor Ort in den Wahllokalen die Aufsicht über die Wahlhandlungen führten, zur Verfügung zu stehen.
Wir als Amt hatten in Vorbereitung zu einer Wahl den Wahlvorstand zu bestimmen, das sind die Personen, die in den Wahllokalen die Stimmzettel ausgeben, in der Wahlurne wieder annehmen, dafür sorgen, dass alles ordnungsgemäß läuft und die letztendlich am Schluss der Wahlhandlungen die Stimmen auszählen müssen. Meistens nimmt man die ehrenamtlichen Wahlhelfer, den Wahlleiter und seinen Stellvertreter zwar nach Aktenlage und nach dem Motto: der hat das letztes Mal auch gemacht und hat das gut gemacht, aber so ein Ausgewählter konnte ja auch mal Urlaub haben, für den Fall hatte man immer noch einen Vertreter in der Schublade.
Wie das bei Wahlen so ist, wechseln nicht nur bisweilen die Wahlhelfer, sondern gerade bei Kommunalwahlen auch die Köpfe der politisch zu Wählenden. Mal aus politischen und mal aus persönlichen oder aus Altersgründen. Der Amtsvorsteher, der mich eingestellt hatte und den ich eigentlich inzwischen durchaus mochte, trat nicht wieder an. Er meinte nun das Amt mal in jüngere Hände geben zu müssen. Im Amt gab es ein ungeschriebenes Gesetz: der Amtsvorsteher musste stets aus Rieseby kommen, weil Fleckeby bei Amtsgründung der Amtssitz zugeschlagen wurde. Böse Zungen behaupteten, dass die Bürger eigentlich gar nicht hätten wählen müssen, denn irgendwer sagte mal: „Die CDU braucht nur einen Besenstiel aufzustellen und „Kandidat“ daran schreiben, dann wird der gewählt.“ Aber das war natürlich böse Ironie.
Auch heute noch wird der Amtsvorsteher aus der Mitte des Amtsausschusses gewählt und dieser setzt sich aus den Bürgermeistern der amtsangehörigen Gemeinden und proportional aus den jeweiligen Gemeinderäten zusammen. Wenn man sich das aber mal genau vor Augen führt, war und ist dieser Amtsausschuss politisch nie gerecht besetzt.
Rechnen wir es mal durch: Die Gemeinde R. hat wie folgt gewählt, 40% CDU, 25% SPD, 15%SSW, 10% Wählergemeinschaft, 7% FDP und 3% andere, dann ging der erste Sitz an die CDU, der zweite an die SPD, der dritte wieder an die CDU und der vierte an den SSW. Kosel und Fleckeby hatten nur drei Sitze, Güby zwei und Hummelfeld nur einen. Da der Amtsausschuss aber auch heute noch nicht vom Bürger gewählt wird, sondern sich immer noch aus den Gemeindevertretern proportional zusammensetzt, fallen die kleineren Parteien, zu denen mittlerweile auch die SPD gehört, im Amtsausschuss stets hinten runter.
Das übrigens wäre für mein Demokratieverständnis Grund für eine Reform der Amtsordnung für Schleswig-Holstein (AO S-H), sie nämlich derart zu verfassen, dass künftig in den amtsangehörigen Gemeinden in Schleswig-Holstein im Zweistimmenverfahren gewählt werden sollte. In der Folge würde dann mit einer Stimme die Gemeindevertretung und damit indirekt der Bürgermeister gewählt, und mit der zweiten Stimme wird der Abgeordnete der Gemeinde im Amtsausschuss gewählt. Und wenn eine Gemeinde mit mehr als zwei Personen im Amtsausschuss vertreten ist, wird die Gemeinde in so viele Wahlbezirke aufgeteilt wie Abgeordnete neben dem Bürgermeister im Amtsausschuss die Gemeinde vertreten.
Losgelöst von der Kommunalwahl wäre der Amtsdirektor als verwaltungsleitendes Organ von den Bürgern direkt, also im Direktwahlverfahren wie ein Bürgermeister zu wählen und nicht mehr wie zurzeit vom Amtsausschuss. Die Wahlzeit regelt analog dem Bürgermeister der Städte die Hauptsatzung der Amtsverwaltung. Seit nunmehr rund 12 Jahren haben wir das Konstrukt der Großämter, haben wir dort Amtsdirektoren, die in allen Fällen auch von den jeweiligen Amtsausschüssen wiedergewählt wurden. Dass bisher noch keine andere, beispielsweise eine plebiszitäre Regelung vom Gemeindetag entworfen und eingebracht wurde, wundert mich.
Aber zurück zu unserer damaligen Wahl, denn damals hatten wir nach Abschluss dieser Wahl einen neuen Amtsvorsteher, wieder ein Gutsherr, wieder aus Rieseby. Als dieser neue Amtsvorsteher das erste Mal auf den Hof des Amtes gefahren kam, wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Der typische Gutsherr kam da auf unseren Parkplatz gefahren, gekleidet mit Reitstiefeln, Reithose und Sakko. Otto-Heinrich Kühl aus Rieseby war unser neuer Amtsvorsteher. Aber diese Bekleidung trug er nur recht selten, dennoch sieht man daran mal wieder, dass man die Menschen nicht auf den ersten Blick und nach dem ersten Anschein beurteilen darf, denn Otto-Heinrich Kühl war der beste aller Amtsvorsteher, die ich in meiner Zeit kennengelernt hatte. Und obwohl ich zu der Zeit noch stramm auf der SPD-Linie war, hätte auch ich ihn gewählt. Ein gradliniger, ehrlicher Mann, der vor allem auch über den Tellerrand schaute.
Früher machten wir jährlich einen Betriebsausflug und einmal gingen wir an Bord eines Schiffes. Ich stand an Deck und ließ den Wind durch meine Haare wehen. Da kam Herr Kühl auf mich zu und sagte: „Herr Vieth, Sie waren doch bei der Marine, was ist nochmal Backbord und was Steuerbord?“ „Herr Kühl“ antwortete ich, „dafür gibt es einen guten Merksatz: Ihr Herz schlägt links – ach nee, Ihr´s ja nicht, aber meins.“ Wir lachten beide herzlich und dann erklärte ich ihm, dass der Seemann zum Schlagen „backen“ sagt und links sitzt das Herz und backt das rote Blut durch den Körper, darum brennt an backbord die rote Positionslampe. Und bei grün steuert man drauflos und darum ist die Positionslampe an Steuerbord grün. Herr Kühl freute sich und danach kam er des Öfteren, wenn er ins Amt kam, immer erstmal zu mir ins Büro und dann politisierten wir ein bisschen. Wie gesagt, so kann der erste Anschein täuschen: Ein feiner Mensch auf den ich nie etwas kommen lassen würde.
Und wieder muss ich einen alten Spruch zitieren, der sich immer wieder bewahrheitet: „Unter jedem Dach wohnt ein –Ach! -“. Will sagen, überall läuft etwas schief oder liegt im Argen. Wie sollte es auch anders sein, auch unserem kleinen beschaulichen Amt wohnte ein „Ach“ inne. Aber hier zeigte sich die Größe unseres Amtsvorstehers. Wie gradlinig er war konnte ich hier am eigenen Beispiel erleben.
Ich hatte Urlaub und als ich ins Amt zurückkehrte merkte ich, dass irgendetwas in der Luft lag. Und richtig, ich wurde zum Leiter hoch gerufen und der sagte mir, dass ich wohl vor meinem Urlaub noch Arbeitsrückstände gehabt hätte, die sich nun, über den Urlaub hin, wohl aufgetürmt hätten. Er sagte, dass Frau Ledereit (übrigens nicht nur, dass sie ein altes Fräulein war, nein sie verkörperte diesen Typus auch) in der Zeit, als sie meine Vertretung gemacht hatte, Arbeitsrückstände gefunden habe. Dem Vorwurf trat ich gleich entgegen und sagte, dass es sicher Arbeitsüberlastungen gegeben habe, dass aber das, was Frau Ledereit da aus der Schublade geholt hätte, nicht der eigentliche Rückstand sei, weil die Wanderungsstatistik sowieso immer erst am Ende eines jeden Monats an das Statistische Landesamt gehe.
Der Leiter machte einen guten Vorschlag, er sagte, dass wir das am besten in einer Runde mit dem Amtsvorsteher klären sollten. So kam es dann auch. Wir setzten uns gemeinsam ins Sitzungszimmer und zunächst brachte Frau Ledereit ihre Vorwürfe vor und dann wurde ich dazu befragt. Natürlich musste ich Rückstände zugeben, die aber recht normal waren und aus einer Überlastung stammten. Hin und her; ich sagte, dass ich dann ja gar nicht in den Urlaub gehen könne, wenn ich Rückstände zurücklassen müsste und die dann nach jedem Urlaub aufs Butterbrot geschmiert bekäme. Und da zeigte sich die Qualifikation, die einen guten Vorgesetzten ausmacht. Herr Kühl gab mir auf, quasi in einer Überlastungsanzeige aufzuzeigen, wo es zu Defiziten kommt und zu Frau Ledereit gewandt sagte er, dass es vielleicht immer erst einmal ratsam sei, bevor man Anschuldigungen erhebt, sich mit dem Beschuldigten zu unterhalten, dann könne man, falls man nicht zu einem Ergebnis komme, immer noch die große Trommel rühren.
Der Leiter war inzwischen wirklich im Schnellverfahren zum Amtmann befördert worden und strebte nun dem Amtsrat zu. Das war nebenbei gesagt etwas, was ich im Vergleich zu anderen Verwaltungen nicht verstanden habe und auch bis heute nicht verstehen werde. Beim Kreis Plön zum Beispiel, war der Büroleitende Beamte ein Oberamtsrat. Bei der StOV war der Behördenleiter ein Oberamtsrat. Und hier bei den kleinen popeligen Amtsverwaltungen wird der Leiter, auch ohne dass er mal den Dienstposten wechseln müsste, Oberamtsrat. Die Beamten im Besonderen werde ich noch mit einem sehr speziellen Blick betrachten.
Es kann der Beste nicht in Frieden leben……
