Das »Anders« gehört zu mir - Veronique Kouchev - E-Book

Das »Anders« gehört zu mir E-Book

Veronique Kouchev

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Beschreibung

Veronique Kouchev ging es so wie vielen anderen Mädchen mit Asperger: Dass mit ihr etwas nicht stimmte, bekam sie täglich zu spüren. Mobbing in der Schule war an der Tagesordnung, Veronique passte nicht rein, war einfach anders. Auch die Lehrer*innen waren verunsichert und unterstützten sie kaum. Mit 17 endlich die Diagnose: Asperger-Autismus. Für Veroniques Mutter bricht eine Welt zusammen, ihre Tochter ist erleichtert – das Rätselraten hat ein Ende. Doch es dauert, bis sie ihren Platz im Leben findet, immer wieder schlagen ihr Vorurteile und Stigmatisierungen entgegen. Eine Vermieterin wirft sie beispielsweise aus der Wohnung. Die Frau hatte einige Artikel über Autismus gelesen und nun Angst, ihre junge Mieterin würde das Haus in Brand setzen. Aber Veronique entwickelt aus ihrer Situation heraus eine große Willenskraft: Sie ist heute in einer festen Beziehung mit einem »ganz normalen« Mann, studiert, jobbt nebenher und liebt das Leben. Die Studentin sprüht vor Energie und möchte anderen Betroffenen und ihren Angehörigen Mut machen. Und sie möchte zeigen, was hinter dem Asperger-Syndrom steckt und wie wir Betroffenen begegnen können, um ihnen das Leben zu erleichtern.

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MOBI

Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Hinweis: In diesem Buch werden Vorfälle physischer und psychischer Gewalt – vor allem in Verbindung mit Mobbing – geschildert.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Anders

Ausbruch

Angst

Zuhause

Filmriss

Ungerechtigkeit

Flucht

Zusammenprall

Reue

Vertrauen

Missverständnis

Hochbegabt

Bereicherungen

Urlaub

Verlust

Sommerferien

Freundinnen

Pubertät

Allein

Klassenfahrt

Tiefpunkt

Lichtblick

Anders

Zwischenzeit

Therapie

Ausbildung

Mut

Lösungswege

Lächeln

Zukunftspläne

Zusammenleben

Schock

Unfall

Träume

Diskriminierung

Mein Leben mit Anders

Interview mit der Heilpädagogin Rita Johannleweling

Vorwort: Anders

Schon als ich klein war, wurde ich als sonderbar wahrgenommen. Meine Geschichte beginnt da, wo das Wort »Anders« mein unsichtbarer Lebensbegleiter wurde – zum Zeitpunkt meiner Geburt. Anders hielt sich meist im Hintergrund versteckt und kam nur in den unpassendsten Momenten zum Vorschein. Andere Menschen konnten es nicht sehen, sie konnten es aber sehr wohl wahrnehmen. Da Anders jedoch keine Gestalt hat, dachten sie einfach, ich sei Anders.

Die meisten Menschen in meinem Umfeld verstanden mich nicht. Es ist klar, dass Menschen Angst vor etwas Unbekanntem haben, sie fürchten sich vor Dingen, die ihnen sonderbar erscheinen. Bei Kindern kommt das sogar noch öfter vor als bei Erwachsenen. Und auch ich merkte ja, dass da etwas Unkontrollierbares in mir drinsteckte. Dennoch konnte ich nicht begreifen, wieso die anderen Menschen mich deswegen so komisch fanden. Die Anwesenheit von Anders war für mich irgendwann ganz normal. Es war eben mein Leben mitsamt all den Hürden, die ich überwinden musste.

Mit 17 bekam ich dann die Diagnose: Asperger-Autismus.* Endlich hatte ich einen Namen für Anders. Von da an änderte sich vieles: Ich lernte, wie ich besser mit Anders umgehen und in schwierigen Situationen die Kontrolle behalten konnte. Ich fand Freund*innen und baute mir ein »normales« Leben auf. Wobei – was ist denn schon »normal«? Verschwunden ist Anders trotzdem nicht, es ist auch heute noch mein ständiger Begleiter. Aus genau diesem Grund habe ich auch dieses Buch geschrieben. Ich möchte einen Einblick in mein Leben mit Anders geben – vor und nach der Diagnose. Für andere Betroffene, aber auch für all diejenigen, die mehr über die Lebensrealität von Personen mit dem Asperger-Syndrom erfahren wollen. Ich möchte die Menschen aufklären, und ich möchte zeigen, dass es gar nicht so schlimm ist, Anders zu sein – sondern dass es manchmal einfach mehr Toleranz von der Umwelt braucht. Denn irgendwo sind wir doch alle Anders – oder?

*Mir ist bewusst, dass die Bezeichnung »Asperger-Autismus« mittlerweile aus verschiedenen Gründen und zurecht als überholt gilt und durch den Begriff »Autismus-Spektrum-Störung« abgelöst wurde. Aber Asperger-Autismus ist eben genau jene Diagnose, die mir damals gestellt wurde, weshalb ich sie weiterhin als Selbstbezeichnung im Alltag als auch in diesem Buch verwende.

Ausbruch

Ich hatte in meinem Leben schon früh das Gefühl, immer wieder neu anfangen zu müssen. Sei es durch einen Schulwechsel oder einen Umzug oder nur mit dem Beginn eines neuen Schuljahres. Einerseits fühlte es sich gut an, immer wieder neu zu beginnen – diese Frische, die das Ganze mit sich brachte, dieses leere und reine Gefühl, das immer ganz am Anfang stand. Ich ging positiv an die Dinge heran und versuchte, das Beste aus ihnen zu machen, ohne zu wissen, ob es sich lohnen würde oder nicht. Mit dieser Einstellung nähere ich mich auch heute noch allem Neuen in meinem Leben. Meistens zu schnell, und oft begreife ich dabei gar nicht, worum es bei diesem Neuanfang überhaupt geht. Das ist der Moment, in dem Anders hervorkommt. Es gibt den Ton an und bestimmt, wie ich mich in neuen Situationen verhalte. Es taucht auf, ohne dass ich es bemerke, und dass es da war, wird mir oft erst klar, wenn alles schon vorbei ist. In ganz seltenen Fällen erwische ich Anders im Hier und Jetzt, ich ertappe es dabei, wie es sich in mein Leben einmischt. Manchmal kann ich die Situation dann kontrollieren und selbst wieder das Steuer übernehmen, das habe ich mittlerweile gelernt. Heute schaffe ich das öfter als früher. Denn früher, da war mir das alles noch gar nicht bewusst, und ich hatte noch nicht die nötigen Strategien gelernt und die Erfahrungen gesammelt, die mir mittlerweile dabei helfen, viele solcher Momente erfolgreich zu entschärfen.

Auch an jenem neuen Schultag hatte ich keine Ahnung, was eigentlich mit mir los war. Ich war gerade neun Jahre alt, saß im Klassenzimmer an meinem Tisch und um mich herum war alles voller lärmender Schüler*innen. Am liebsten wäre ich woanders gewesen, ich hätte diesen ganzen Krach und das ganze Chaos gern gemieden. Doch das ging nicht. Also saß ich einfach da. Saß meine Zeit ab, bis ich zurück nach Hause konnte, in mein Zimmer. Anders hielt mir die Ohren zu, damit ich die anderen Schüler*innen nicht mehr hören musste. Plötzlich wirkte der Klassenraum ganz ruhig und leer auf mich. Da waren nur ich und die alten Tische und Stühle. Ohne mir dessen bewusst zu sein, war ich in solchen Momenten froh, dass Anders da war und mir half, das alles zu ertragen.

Erst als Herr Reuter, mein Klassenlehrer, das Zimmer betrat, ließ Anders von meinen Ohren ab. Ich brauchte seine Hilfe nun nicht mehr, denn die Dinge nahmen wie gewohnt ihren Lauf. Der Unterricht machte mir Spaß, ganz besonders, wenn ich die Antworten auf Herrn Reuters Fragen wusste. »Wer kann mir sagen, was Ebbe und Flut sind und wie sie sich voneinander unterscheiden?«, wollte der Lehrer nun wissen. Ein Glücksgefühl erfasste mich. So als ob in diesem Moment Weihnachten wäre. Blitzschnell hob ich meine Hand. Ich wollte, dass Herr Reuter mich sah. Dass er bemerkte, wie ehrgeizig ich war und wie viel Spaß mir sein Unterricht machte. In mir herrschte richtiger Nervenkitzel, während ich darauf wartete, drangenommen zu werden. Dann kam er endlich – der Moment, auf den ich so gehofft hatte. Herr Reuter schaute in meine Richtung. »Veronique, du weißt die Antwort?«

Und dann, plötzlich, wie aus dem Nichts … war sie weg. Ich hatte die Antwort einfach vergessen. Meine Gefühle wendeten sich um 180 Grad. »Ähm … also, Ebbe und Flut …«, stotterte ich. Aber da war nichts. »Ich … ich wusste es eben noch!«, rief ich verwirrt. Wie hatte ich die Antwort einfach vergessen können? Ich war mir sicher, dass ich sie gerade noch gewusst hatte. Aber wo war sie hin? Ich verstand mich selbst nicht.

Herr Reuter runzelte die Stirn. »Bitte melde dich nicht immer, wenn du die Antwort nicht weißt«, seufzte er. Lautes Gelächter, durchsetzt von genervtem Stöhnen, schallte durchs Klassenzimmer. Und da, da war sie! Plötzlich wusste ich die Antwort wieder. Aber mittlerweile war sie unbrauchbar geworden.

Heute weiß ich, dass Anders mir damals die Antwort gestohlen hat. Das kam nicht selten vor. Die Lehrer*innen dachten in solchen Momenten immer, dass ich sie veralbern wollte, doch das stimmte nicht. Aber wie hätte ich mich rechtfertigen können? »Herr Reuter, ich habe die Antwort gerade noch gewusst, aber Anders hat sie mir für einen kurzen Moment geklaut.« Das klingt doch albern. Außerdem hatte ich früher ja noch gar keine Ahnung, wer Anders überhaupt war und was es von mir wollte. Wenn so etwas passierte, glaubte ich einfach, ich sei dumm.

Auch an diesem Tag war es mir wieder unendlich peinlich, vor so vielen Menschen bloßgestellt zu werden. Ich hatte mich zwar mittlerweile schon ein wenig daran gewöhnt, doch trotzdem nagte es an meinem Selbstwertgefühl. Ich versuchte, mich so klein wie möglich zu machen, versank geradezu in meinem Tisch. Diese komischen Blockaden in meinem Kopf – woher kamen sie, und was hatten sie zu bedeuten?

Herr Reuter machte seinen Unterricht weiter, und ich merkte, wie mich einige der anderen Schüler*innen genervt anstarrten. Oft stellte sich Anders in solchen Situationen vor mich und verdeckte mir die Sicht, sodass ich nicht sah, wie mich die Blicke aus allen Richtungen des Klassenraums durchbohrten. In den meisten Fällen merkte ich deshalb gar nicht, wenn ich etwas falsch gemacht hatte oder jemand genervt von mir war. Ich sah die anderen ja nicht mehr. Manchmal aber schaffte ich es, durch Anders hindurchzuschauen, und wurde mir der komischen Blicke meiner Mitschüler*innen bewusst. Wie zum Beispiel jetzt. Anders hatte einen Moment lang nicht aufgepasst, und schon konnte ich deutlich sehen, wie die anderen Schüler*innen mich anstarrten. Aber was hatte das zu bedeuten? Denn selbst wenn ich die Gesichtsausdrücke der anderen wahrnahm – verstehen konnte ich sie trotzdem nicht.

Auch in diesem Moment hatte ich keine Ahnung, was eigentlich vor sich ging. Wieso guckten die anderen Schüler*innen mich alle an? Hatte ich was im Gesicht? Sah ich hässlich aus? Oder hatte ich ihnen etwas getan? Solche Fragen schossen mir in Augenblicken wie diesem durch den Kopf – Fragen, die meist unbeantwortet blieben. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich in einer solchen Situation verhalten sollte. Sollte ich die anderen anlächeln, um sie zu beschwichtigen? Oder sollte ich mit dem gleichen Gesichtsausdruck zurückschauen? Fast jeden Schultag zerbrach ich mir über solche Dinge den Kopf. Ich konnte die anderen ja auch nicht einfach fragen, was ihr Problem war, denn ich durfte im Unterricht nicht einfach so sprechen. Und wenn ich es doch mal tat, half es mir auch nicht weiter, denn dann bezeichneten meine Mitschüler*innen mich als dumm und schauten noch genervter als vorher. Meine Strategie war also, einfach weiter dem Unterricht zu folgen, während Anders mir Rückendeckung gab.

In zwei Minuten würde es zur großen Pause klingeln. Eigentlich sollte ich froh darüber sein, denn der Umgebungswechsel tat mir im Normalfall gut. Ich konnte die drückende Atmosphäre im Klassenzimmer eh kaum mehr ertragen. Doch so wirklich wollte sich heute keine Freude einstellen. Denn Pause bedeutete auch, dass keine Lehrkraft mehr da sein würde und ich eine halbe Stunde mit den anderen Schüler*innen meiner Klasse und dem Rest der Schule draußen auf dem Schulhof verbringen müsste, wo es kaum Fluchtmöglichkeiten gab. Der einzige Rückzugsort war das Mädchenklo, das ich im Normalfall allerdings mied, weil es dort so unheimlich stank und auch sonst eher unhygienisch war.

Mir blieb also nichts übrig, als mich unauffällig nach draußen zu schleichen, um den anderen Schüler*innen ja nicht in die Quere zu kommen. Konfrontationen waren trotzdem an der Tagesordnung. Obwohl die Lehrer*innen das wussten, erlaubten sie mir nicht, die Pause im Schulgebäude zu verbringen. Sie verstanden nicht, wie sehr ich unter der Situation litt, und es kam mir auch nicht so vor, als ob sie versuchten, sich in meine Lage hineinzuversetzen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich draußen meinen Mitschüler*innen zu stellen.

Auf dem Schulhof stand ich mit dem Rücken an meinen Lieblingsbaum gelehnt – mein gewohnter Platz, wo ich jede Pause verbrachte. Allein, im Schatten des Baumes. Mich an seinen Stamm zu lehnen, gab mir ein wenig Sicherheit, denn es bedeutete, dass mich niemand von hinten angreifen konnte. Vom Rand des Schulhofs aus konnte ich außerdem alles überblicken, was die anderen Schüler*innen taten. Ich beobachtete die vielen Cliquen, die sich innerhalb von Minuten zusammengefunden hatten. Kleine und größere Gruppen, die entweder heimlich in der Ecke rauchten, Witze machten oder über Beauty und Mädchenkram redeten. Ein paar Schüler*innen spielten Fußball. So viele verschiedene Gruppen! Doch außer mir stand niemand ganz allein herum. Immer war mindestens noch eine andere Person da. Unglücklich machte es mich allerdings nicht, dass ich hier ganz allein stand, denn immerhin konnte es so keinen Stress mit den anderen Schüler*innen geben. Ich war sicher vor den Lästereien der anderen, insbesondere der Mädchen, die aus Langeweile Mitschülerinnen als hässlich bezeichneten oder sie bewerteten, obwohl sie sie nicht mal kannten. Zu solchen Leuten hielt ich großen Abstand.

Wirklich in Sicherheit war ich allerdings nie, auch wenn es mir für kurze Momente so vorkam. Doch ich wusste, dass meine Mitschüler*innen jederzeit auf mich zugehen und mir irgendeinen Mist um die Ohren werfen konnten. Leider war das schon viel zu oft vorgekommen. Anders befand sich deswegen ständig in Abwehrhaltung. Sobald die anderen Schüler*innen mir zu nahekamen, sendete es mir ein Warnsignal. »Achtung, eine Bedrohung!« So hatte ich immer das Gefühl, dass die Menschen um mich herum mir etwas tun wollten. Das Schlimme daran war, dass ich irgendwann nicht mehr unterscheiden konnte, wann jemand mit guten und wann jemand mit schlechten Absichten auf mich zukam. Es half auch nicht, dass manchmal Leute mit einem Lächeln auf dem Gesicht in meine Richtung kamen, nur um es dann auszunutzen, wenn meine Schutzmauern bröckelten. Das war so oft vorgekommen, dass Anders irgendwann selbst bei einem milden Lächeln Alarm schlug – selbst die kleinsten Witze wurden dann von mir missverstanden, und Konflikte waren vorprogrammiert.

Heute hatte ich es jedoch irgendwie geschafft, allen Konfrontationen auszuweichen. Die Pause war vorbei, und ich saß wieder an meinem Tisch im Klassenraum. Es war die letzte Schulstunde an diesem Tag, und ich starrte seit zehn Minuten ungeduldig auf die große Uhr, die rechts oben neben der Tafel hing. Oft klappte Herr Reuter während der Schulstunden die Tafel auf, damit die Uhr nicht mehr zu sehen war und wir uns besser auf den Unterricht konzentrieren konnten. Doch heute hatte er es noch nicht getan, und der Anblick der langsam kreisenden Zeiger machte mich immer nervöser. Ich konnte es nicht erwarten, endlich nach Hause zu kommen.

»So, wir schlagen jetzt im Buch Kapitel 5 auf Seite 45 auf und lesen den Text«, kündigte Herr Reuter an. »Anschließend bearbeitet ihr die drei Übungen darunter. Den Rest macht ihr zu Hause.«

Den Inhalt der Stunde hatte ich mir bereits zwei Tage zuvor zu Hause erarbeitet, und somit langweilte ich mich gewaltig. Hier zu sitzen, war für mich vergeudete Zeit. Manchmal fühlte es sich sogar wie eine Strafe an. Alles in mir war angespannt, während Anders wie gewohnt Ausschau hielt, ob mir jemand etwas Böses wollte.

Herr Reuter raschelte in seinen Unterlagen. »Ich habe ein paar Arbeitsblätter für eure Hausaufgaben vergessen«, sagte er. »Ich bin gleich wieder da.«

Oh nein! Nicht jetzt, dachte ich. Er konnte mich doch nicht ernsthaft hier mit den anderen Schüler*innen alleinlassen! Doch ehe ich mich versah, war er aus dem Klassenraum verschwunden und hatte die Tür hinter sich geschlossen.

Es dauerte nicht lang, und im Klassenzimmer brach ein regelrechter Aufruhr aus. Schreiende Schüler*innen, die sich darüber freuten, dass ihr Lehrer weg war. Sofort schlug Anders Alarm und versetzte mich in eine Art Schockstarre. Es war einfach zu laut! Die Schüler*innen unterhielten sich mit kreischenden Stimmen, rund um mich herum plärrte es und mehr als alles andere hatte mich Anders mit seinem abrupten Alarm erschreckt. In diesem Moment konnte ich nichts anderes tun, als mir mit beiden Händen die Ohren zuzuhalten. Trotzdem konnte ich hören, wie einige meiner Mitschüler*innen anfingen, mich auszulachen. Sie machten sich darüber lustig, wie ich dasaß und versuchte, mich zu verstecken, so als ob ich in großer Gefahr wäre. Diesmal half mir Anders nicht, es weigerte sich, den Lärm zu ersticken, der von außen auf mich einprasselte. Immer fester drückte ich die Hände auf meine Ohren. Die anderen Schüler*innen fanden das lustig, sie versammelten sich um meinen Tisch, schrien auf mich ein und redeten alle durcheinander. Ich verstand nur Bruchteile von dem, was sie sagten. »Was ist denn mit der los?«, »Opfer« und ein paar andere Gesprächsfetzen drangen an meine Ohren. Im Hintergrund piepten Handys, ein paar Mädchen sangen, andere erzählten Geschichten, und wieder andere polterten mit den Tischen und Stühlen umher. Und dann noch das Ticken der Uhr!

So viele laute Geräusche. So viele Dinge, die meine Sinne überforderten. Es war die totale Reizüberflutung. Ich wusste nicht, wo ich zuerst hinschauen oder was ich tun sollte. Ich wollte einfach nur meine Ruhe, aber meine Mitschüler*innen standen dicht um mich gedrängt und dachten gar nicht daran, mich allein zu lassen. Aus lauter Verzweiflung schrie ich laut auf. Ein schriller Schrei, der die anderen Schüler*innen dazu brachte, kurz vor mir zurückzuweichen. Für einen Moment herrschte Stille, bevor die anderen wieder anfingen, mich zu umkreisen. Sie hatten gemerkt, dass sie mich damit aus der Fassung bringen konnten. Für sie war es wie ein Spiel, und sie lachten laut. Ich fing an zu weinen und schrie erneut auf.

Es dauerte einige Minuten, bis ich meine Schockstarre überwunden hatte und nicht mehr wie gelähmt war. Als meine Gliedmaßen mir wieder gehorchten, versuchte ich, dem Menschenhaufen um mich herum zu entkommen. Doch als ich aufstand und mich durch die dichten Reihen meiner Mitschüler*innen ins Freie schlängeln wollte, griffen sie nach mir und zwangen mich zurück in ihre Mitte. Anders bombardierte mich unentwegt mit Alarmsignalen, die mich so überforderten, dass ich mir nicht anders zu helfen wusste, als wild um mich zu schlagen. Schließlich schaffte ich es, mich zu befreien, und rannte weinend aus dem Klassenzimmer. Wie war ich nur in diese Situation geraten? Wieso hatte Anders mich im Stich gelassen und mir nicht die Ohren zugehalten, so wie sonst, wenn es mal wieder zu laut wurde? Und warum hatten die Schüler*innen sich so verhalten? Oder war ich es, die etwas falsch gemacht hatte? Egal wie sehr ich mir den Kopf zerbrach – ich verstand nicht, was hier falsch gelaufen war.

Angst

Ich ließ Anders im Klassenraum zurück und rannte, so schnell ich konnte, auf die Mädchentoilette. Meine Arme hielt ich über mein Gesicht, sodass man mich nicht erkannte. Weg hier, bloß weg hier, war alles, was ich dachte, während ich immer weiterrannte. Zum Glück war das Mädchenklo zur Unterrichtszeit meistens völlig leer. So würde niemand mitbekommen, wie ich aussah und wie es mir ging.

Als ich ankam, schloss ich mich sofort in einer Kabine ein. Ein paar Minuten lang wartete ich und lauschte, ob mir jemand gefolgt war. Doch es blieb totenstill. In diesem Augenblick störte mich auch der Geruch auf der Toilette nicht, der manchmal so unerträglich war, dass ich mich beinahe übergeben musste. Ich nahm etwas Toilettenpapier und wischte mir damit die Tränen weg, die bis zu meinem Kinn herunterrannen. Meine Augen pochten schmerzhaft, und ich sah alles verschwommen. Mit dem Weinen aufzuhören, war fast unmöglich. Manchmal bahnten sich sogar kleine Schreie den Weg aus meiner Kehle, und ich wusste mir nicht anders zu helfen, als mir selbst in die Hand zu beißen. Ich wollte einfach nur, dass es aufhörte. Ich hasste es zu weinen. Ich hasste es zu schreien. Und ich hasste es wegzulaufen. Ich fühlte mich so hilflos. Warum konnte ich mich nicht einfach mal zusammenreißen und nicht weinen, nicht schreien, mich nicht so überfordert von allem fühlen? Ich war in diesem Moment nicht sauer auf die Schüler*innen, die mich geärgert hatten, ich war sauer auf mich selbst. Ich hätte besser reagieren können. Ich hätte die Nerven behalten können, doch dann war genau das Gegenteil passiert – wieder mal.

Dieser Moment auf dem Mädchenklo fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Ich versuchte, mich zu sammeln, meine Gefühle in mich hineinzufressen, aber es ging einfach nicht. Wie immer presste Anders all den Schmerz und Kummer aus mir heraus, genauso wie es das in schönen Momenten mit positiven Emotionen wie Freude tat. Nur selten schaffte ich es, meine Gefühle zu verbergen und in einer Situation so zu reagieren, wie ich es wollte.

Als ich mich gefühlte Stunden später endlich etwas beruhigt hatte und die Tränen getrocknet waren, öffnete ich vorsichtig die Tür der Kabine. Ich schaute mich um, um mich zu versichern, dass wirklich niemand anderes da war. Dann schaute ich in den Spiegel über dem Waschbecken. Ich sah meine geröteten Augen und mein zerzaustes Haar, das nass von meinen Tränen war. Ein furchtbarer Anblick. So konnte ich doch nicht zurück ins Klassenzimmer! Die werden mich doch nur noch mehr auslachen. Bei dem Gedanken an das Gelächter meiner Mitschüler*innen fing ich fast wieder an zu weinen.

Ich hatte Angst. Angst vor Demütigung. Angst vor erneutem Stress. Angst davor, von meinem Lehrer zu hören, wie unverschämt es sei, den Klassenraum zu verlassen, ohne vorher zu fragen. Angst davor, mich falsch zu verhalten. Ich hatte vor so vielem Angst. Ich weiß heute, dass das normal ist. Dass jeder Mensch Ängste hat. Manche Menschen mehr, manche weniger. All diese Ängste unterscheiden sich voneinander, und manche sind so tief verankert, dass es schwer ist, sich davon zu lösen. Manche Menschen haben so große Angst, dass die Angst komplett ihren Alltag beherrscht. Dabei fürchten sie sich oft vor Dingen, die noch gar nicht passiert sind und eventuell auch niemals passieren werden. Die Angst beeinträchtigt nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Umfeld. Alle leiden darunter. Ich kannte dieses Gefühl gut, schon von klein auf. In Momenten wie jenem auf der Mädchentoilette fühlte ich mich komplett von meiner Angst gesteuert. Ich war wie gelähmt und wusste nicht, was ich tun sollte. Doch ich konnte ja nicht den ganzen Tag hier verbringen, und die Schule war eh in zehn Minuten vorbei. Schließlich entschloss ich mich, all meinen Mut zu sammeln und eine Minute vor Schulschluss zurück ins Klassenzimmer zu gehen, mir meine Schultasche zu schnappen und dann so schnell wie möglich aus der Schule zu rennen. Bevor ich jedoch meinen Plan in die Tat umsetzen konnte, öffnete sich die Tür zum Mädchenklo. Herr Reuter kam herein.

»Komm, Veronique, wir gehen zurück ins Klassenzimmer und reden dann mit den anderen darüber.« Er atmete laut aus. Ich sah ihm ins Gesicht, konnte aber seinen Blick nicht lesen. Was wollte er von mir?

Stockend antwortete ich: »Bitte lassen Sie mich einfach in Ruhe.« Dann wendete ich meinen Blick ab, um ihm zu zeigen, dass ich das Gesagte auch tatsächlich so meinte.

Er seufzte erneut. »Okay. Meld dich bitte nach dem Unterricht bei mir. Du kannst erst mal hierbleiben und dich etwas ausruhen.«

Seine Antwort überraschte mich. Sofort fühlte ich eine Welle der Erleichterung über mich schwappen. Trotzdem blieb da dieses komische Gefühl: Ich hatte etwas falsch gemacht – schon wieder. Doch immerhin hatte ich mich diesmal zusammenreißen können und hatte nicht wieder angefangen zu weinen. Das war schon mal ein Fortschritt, und nachdem Herr Reuter verschwunden war, überlegte ich, wie ich ihm die Situation gleich in Ruhe erklären könnte.

Voller Optimismus ging ich nach dem Klingeln der Schulglocke ins Klassenzimmer zurück. Herr Reuter saß noch an seinem Pult und sortierte seine Unterlagen. Er winkte mich zu sich heran und sagte mit ruhiger Stimme: »So, jetzt erzähl mal, Veronique.«

Ich wollte gerade ganz sachlich davon berichten, was passiert war, als es mir die Sprache verschlug. Anders, das im Klassenzimmer auf mich gewartet hatte, nahm mir erneut meine sorgfältig zurechtgelegten Worte aus dem Mund. Da war nichts mehr. Kein einziges Wort brachte ich heraus. »Ah … ich … k…« Wieder fing ich an zu weinen und schaffte es nur, einzelne Satzbruchstücke hervorzupressen, die durch die Tränen viel zu schrill klangen. So als ob ich das Sprechen verlernt hätte. Dann ging plötzlich nichts mehr – wie gelähmt stand ich da.

Herr Reuter schaute mich verwirrt an. Er schien nicht so recht zu wissen, was er tun sollte. »Okay, Veronique. Wenn du dich gerade nicht in der Lage dazu fühlst, darüber zu sprechen, dann geh ruhig erst mal nach Hause. Wir können morgen darüber reden.«

Aber ich wollte doch jetzt darüber reden! Ich wollte Herrn Reuter unbedingt erklären, was passiert war. Wieso kriegte ich denn genau jetzt so eine dumme Blockade? Wieso konnte ich nicht einfach sagen, was mir auf dem Herzen lag? Wieso nur? Egal wie sehr ich mich in solchen Momenten auch anstrengte, ich schaffte es einfach nicht, die Blockaden zu durchbrechen – Anders ließ es mich nicht schaffen. In diesem Augenblick verstand ich gar nichts mehr. Es waren nicht mal mehr die Schüler*innen oder die Gesamtsituation, wegen denen ich weinte, sondern einfach der Fakt, dass ich es nicht schaffte, die Blockaden in meinem Kopf zu durchbrechen.

Langsam ging ich zu meinem Tisch, dabei bemerkte ich meine ausgekippte Schultasche auf dem Boden. Es sah fast so aus wie eine Art Kunstwerk. Meine Bücher lagen zerknickt über meiner Brotdose. Dazwischen meine ausgeleerte Federmappe und kunterbunt darüber zerstreut meine vielen Stifte. Na toll, auch das noch. Ich seufzte laut und fing an, das Chaos zu beseitigen. Doch die Tränen nahmen mir die Sicht, sodass ich mich kurzerhand entschied, einfach alles in meine Schultasche zu kippen, ohne Rücksicht auf Verluste. Es war mir egal, ob die Bücher dabei demoliert wurden oder der Inhalt meiner Brotdose sich über den Rest meiner Schulsachen ergoss. In weniger als einer Minute hatte ich alles verstaut und rannte mit meinem Ranzen über der Schulter aus dem Klassenzimmer. Ich weiß nicht, ob Herr Reuter in diesem Moment noch mit mir sprach. Falls er es tat, hatte Anders mich daran gehindert, es wahrzunehmen. Ich war nur noch auf eines fokussiert: Weg hier, so schnell wie möglich.

Zuhause

Wir alle haben diesen einen Ort, an dem wir ganz wir selbst sein können, einen Raum, wo wir uns so verhalten können, wie wir wollen, ohne uns zu verbiegen. Dieser Ort gibt uns Sicherheit, er ist unsere Zuflucht, wenn die Außenwelt uns überfordert. Dieser ganz besondere Ort kann viele Namen haben: Er kann dein Zuhause oder dein Zimmer sein, der Stadtpark, deine Dusche … Es ist eine schöne Vorstellung, dass dieser Raum einem immer dann, wenn man ihn braucht, zur Verfügung steht. Diese Freiheit, die vielen Menschen nicht mal bewusst ist, ist für mich einer der wichtigsten Eckpunkte meines Lebens.

Nach genau diesem Raum sehnte ich mich auch jetzt, als ich vor unserer Haustür stand und gleich fünfmal hintereinander klingelte. Wieder mal hatte ich am Morgen meinen Schlüssel nicht eingesteckt. Das machte ich öfter, denn ich sah einfach nicht ein, wofür ich einen Schlüssel brauchte, wenn mir doch eh jemand die Tür öffnen würde. Den Schlüssel aus meiner überfüllten Schultasche zu fischen, war doch viel komplizierter, als kurz auf die Klingel zu drücken.

Nach drei Minuten ging die Tür endlich auf. Ich war völlig außer Atem, da ich den ganzen Weg bis nach Hause gesprintet war. Meine Mutter stand schon in der Küche und wartete auf mich. Das Essen war fertig. Wie immer begrüßte sie mich mit einem breiten Lächeln und drückte mich an sich. Danach stellte sie mir die Fragen, die sie mir jeden Tag stellte, wenn ich aus der Schule zurückkam: »Wie geht es dir? Wie war dein Tag?« Und heute: »Ist wieder irgendwas passiert? Du siehst verweint aus.«

Immer dasselbe, dachte ich bei mir. Ich wollte nicht darüber reden, was passiert war. Ich wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

»Setz dich hin, Veronique«, redete meine Mutter weiter. »Ich hab was Leckeres gekocht.«

Ich blockte ab. »Danke, Mama, aber ich will gerade nichts essen.« Das lag nicht nur daran, dass ich mich auf Lasagne gefreut hatte und jetzt plötzlich Bratkartoffeln auf dem Tisch standen, sondern ich wollte auch einfach mit niemandem reden. Alles, was ich wollte, war, allein in meinem Zimmer zu sein. Mehr nicht. Ich brauchte erst mal Abstand von der Außenwelt. Das brauchte ich jeden Tag nach der Schule. Sonst ging gar nichts – weder essen noch Hausaufgaben noch Haushaltspflichten.

Meine Mutter schaute mich enttäuscht an, so wie immer, wenn ich so reagierte. Aber was sollte ich denn tun? Manchmal zwang ich mich dazu, bei ihrem Mittagsritual mitzumachen, aber nur an Tagen, an denen alles einigermaßen in Ordnung war. Heute war nicht so ein Tag. Ich wollte einfach nur in mein Zimmer, den Raum, in dem ich mich am wohlsten fühlte. Hier wurde ich zwar auch ab und zu von meiner Familie gestört, aber immerhin hatten fremde Menschen keinen Zutritt. Heute brauchte ich diese Auszeit unbedingt, also setzte ich mich durch. »Bitte, Mama, lass mich erst mal allein«, sagte ich noch mal.

Manchmal nahm meine Mutter es hin, dass ich nach der Schule erst mal meine Ruhe wollte, doch es kam auch vor, dass sie darüber diskutieren wollte. Es kam dann oft zu Streitsituationen, die meistens damit endeten, dass sie nicht mehr darüber reden wollte und einfach wegging. Ich hingegen wollte die Sache unbedingt klären. Es war sehr schwer für mich zu akzeptieren, wenn Menschen Dinge einfach ungeklärt ließen. Da kam wieder Anders zum Vorschein. Es wollte, dass ich alle Dinge, die ich anfing, auch zu Ende brachte. Mittendrin eine Pause zu machen, brachte es aus der Fassung, woraufhin es auch mich aus der Fassung brachte, und das auf unterschiedlichste Art und Weise.

Als ich an diesem Tag in meinem Zimmer verschwand und die Tür hinter mir schloss, stand ich noch eine ganze Weile davor, um auch ja sicherzugehen, dass niemand mir folgte und ich ungestört war. Dann ließ ich meinen Blick schweifen. Manchmal stand ich einige Minuten einfach so da und schaute mir an, was es in meinem Zimmer zu sehen gab. Ganz schön viel, da ich überall Dinge herumstehen hatte. Meistens war auch der Boden mit Stiften und Papier übersät, sodass man ihn kaum erkennen konnte. Aber so liebte ich es. Das hier war mein Raum, meine Welt. Auch wenn ich mir die Sachen in meinem Zimmer schon tausendmal angeguckt hatte, konnte ich mich nicht an ihnen sattsehen. Weder an den vielen bunten Büchern und Mangas noch an den vielen selbst gemalten Bildern, die über meine Wand verteilt hingen, sodass man nicht mehr erkennen konnte, in welcher Farbe sie eigentlich gestrichen war. Jeden noch so kleinen Fleck hatte ich mit solchen Bildern oder Postern ausgefüllt, einfach nur weil ich es schön fand.

Das absolute Highlight in meinem Zimmer war allerdings mein Schreibtisch, der stets mit bunten Stiften und Bastelzubehör übersät war. Irgendwo dazwischen ragte mein PC hervor. Das Lustige dabei war, dass ich meistens nicht mal an meinem Schreibtisch arbeitete, sondern auf dem Boden, wo es genauso aussah wie auf dem Schreibtisch, an den Wänden und eigentlich überall. Ich konnte von diesem Anblick einfach nicht genug bekommen. Meine Mutter nannte es »Unordnung«, aber das stimmte nicht. Denn alles in meinem Zimmer hatte seinen Platz – jedes Blatt Papier, jeder Stift und auch alles andere. Hinter alldem steckte ein System, entwickelt von mir und Anders.

Ich ließ mich auf mein Bett fallen und starrte an die Decke. Es war der einzige Bereich meines Zimmers, der nicht mit Postern und Bildern übersät war. Ich verbrachte eine lange Zeit damit, mir den heutigen Schultag durch den Kopf gehen zu lassen, aber wieder kam ich zu keiner Lösung. Es war immer dasselbe. Innerlich graute es mir schon davor, morgen wieder in die Schule gehen und über die Sache sprechen zu müssen. Ich hatte Angst davor, genauso komisch zu reagieren wie heute. Nach langem Nachdenken setzte ich mich auf den Boden und räumte meine Schultasche aus. Ich mochte es, sie jeden Tag nach der Schule einmal komplett zu leeren und danach wieder ordentlich einzuräumen, da die Hefte oft nicht mehr da waren, wo ich sie am Vortag einsortiert hatte. Und auch die Stifte aus meinem Mäppchen, die meist wild verstreut in der Tasche herumflogen, nahm ich Tag für Tag einzeln heraus, spitzte und putzte sie, um sie dann wieder einzusortieren. So fühlte es sich einfach besser an. Manchmal verbrachte ich Stunden damit, meine komplette Stiftesammlung, die aus 628 Stiften bestand – darunter 354 Buntstifte –, zu sortieren, zu putzen und zu spitzen. Ich hasste es, wenn Stifte ungespitzt waren, denn dann waren sie unbrauchbar. Viele meiner Spitzer mussten dafür schon ihr Leben lassen.

Nachdem ich in meiner Schultasche für Ordnung gesorgt hatte, widmete ich mich meinen Hausaufgaben. So etwas wie ein Hausaufgabenheft benutzte ich nicht. Ich brauchte es nicht, um mir Sachen zu notieren, da ich alle Aufgaben im Kopf hatte. Zudem waren Hausaufgaben bei mir immer schnell erledigt, da ich die Hälfte meist schon in der Schule geschafft und manchmal außerdem auch schon zu Hause vorgearbeitet hatte. Das machte ich in allen Fächern außer in Englisch. Englisch war das einzige Fach, das ich gar nicht mochte. Andersals in Mathematik gab es in Englisch wenig Regeln, die immer zu hundert Prozent anwendbar waren. Nicht nur das – es gab sogar Ausnahmen! Es kam mir so vor, als sei vieles in Englisch nur eine Stimmungssache. Diese Sprache war für mich wie eine Laune der Natur, die ich nur schwer verstehen oder vorhersagen konnte. Da ich die schriftlichen Arbeiten meist in den Sand setzte, versuchte ich, meine Note in dem Fach durch meine mündliche Leistung zu retten. Bis jetzt hatte das zum Glück geklappt.

Während ich noch in meine Hausaufgaben vertieft war, klopfte es an meiner Zimmertür. Bevor ich reagieren konnte, wurde sie weit aufgerissen, und meine große Schwester Angie legte einen Stapel frisch gewaschener Wäsche auf dem Boden ab. Die plötzliche Unterbrechung hatte mich richtig erschrocken, sodass Anders sofort einen Alarm in mir auslöste. »Klopf doch gefälligst an!«, schrie ich meiner Schwester hinterher, während ich mit Schwung die Tür hinter ihr zuknallte. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich nach diesem Zwischenfall wieder beruhigt hatte, und mittlerweile knurrte tatsächlich auch mein Magen. Ich ging in die Küche und nahm mir etwas von dem Mittagessen, das meine Mutter gekocht hatte. Es war zwar nicht die Lasagne, die sie am Vortag angekündigt hatte, aber ich hatte mich in der Zwischenzeit auf Bratkartoffeln eingestellt und schaffte es, sie zu essen. So schlecht schmeckten sie gar nicht, aber vor einer halben Stunde hätte ich sie dennoch nicht angerührt. Während ich meinen Teller leerte, kam meine Mutter in die Küche. Sie schaute mich durchdringend an, und ich hatte das Gefühl, dass sie mir etwas sagen wollte, aber ich konnte es nicht von ihrem Gesicht ablesen.

»Super, du isst endlich«, sagte sie schließlich. »Wie war denn dein Tag nun? Erzähl mal.« Sie lächelte mich an.

Diesmal fühlte ich mich in der Lage dazu, mit ihr zu reden, und es klappte, auch ohne dass Anders mir meine Worte stahl. »Ach, der übliche Mist«, setzte ich an. »Meine Mitschüler haben mich geärgert, meinen Tisch bekritzelt, meine Schultasche ausgekippt und ich bin rausgeflogen. Der Lehrer hat nicht wirklich helfen können.«

Meine Mutter schüttelte den Kopf und setzte einen Gesichtsausdruck auf, der mir sehr ernst vorkam. Das erkannte sogar ich. Und ich konnte sie ja verstehen. Sie machte sich viele Sorgen um mich. Schon seit ein paar Jahren rannten wir von A nach B, um herauszufinden, was mit mir los war und woran es liegen könnte, dass ich immer in solche Situationen hineingeriet. Dass ich ausgegrenzt wurde und meinen Platz in der Klasse nicht finden konnte.

Meine Mutter tat mir leid. Wir beide litten unter Anders, von dessen Existenz wir damals ja noch keine Ahnung hatten. Es lief einfach so vieles schief, und wir hatten keine Erklärung dafür. Meine Mutter bemühte sich zwar, mir meinen Freiraum zu lassen und mich so zu akzeptieren, wie ich war, aber ich konnte sehen, wie viel Anstrengung sie das kostete. Dennoch fiel es mir schwer, ihr meine Dankbarkeit zu zeigen. Auch in diesen Momenten hinderte mich Anders daran, meine Gedanken zu artikulieren.

Filmriss

Mein Blick wanderte zu der großen Uhr über der Küchentür. Es war schon spät, und ich wurde unruhig, immerhin wollte ich heute noch etwas malen. Obwohl meine Mutter weiter mit mir reden wollte, signalisierte ich ihr, dass das Gespräch für mich beendet war. Während sie noch mitten im Satz steckte, ging ich in Richtung meines Zimmers, das sich gleich neben der Küche befand. Meine Mutter redete immer noch, also warf ich ihr einen genervten Blick zu. Es war Anders, das diese Unruhe in mir auslöste. Ich fühlte mich fast schon panisch, weil ich wegwollte, aber nicht konnte.

Meine Mutter verstand das nicht – wie denn auch. In diesem Moment explodierte sie. »Du willst immer genau dann gehen, wenn du es möchtest«, schnauzte sie mich an. »Nie nimmst du Rücksicht! Aber dann, wenn du was willst, kommst du wieder zu mir!«

Ich hasste Situationen wie diese, da sie nie gut endeten. Den Worten meiner Mutter nach zu urteilen, war ich total egoistisch. Ich fühlte mich deswegen nicht nur schuldig, sondern spürte auch Wut in mir hochkochen. »Du haust doch auch manchmal ab, wenn wir grade diskutieren, aber mir wirfst du es jetzt vor! Kann ich nicht wenigstens zu Hause meine Ruhe haben?«, schrie ich zurück.

»Jetzt reicht’s, Fräulein!«, gab meine Mutter zurück und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.

Sofort befand ich mich in einem Alarmzustand. Sie konnte doch nicht einfach weggehen, wo wir das Problem noch gar nicht geklärt hatten!