DAS AUGE DES MOSES (Die Ritter des Vatikan 19) - Rick Jones - E-Book

DAS AUGE DES MOSES (Die Ritter des Vatikan 19) E-Book

Rick Jones

0,0

Beschreibung

Sie sind Elitesoldaten der ganz besonderen Art, denn sie stehen allein im Dienste Gottes: DIE RITTER DES VATIKAN Als zwei Einrichtungen einer Geheimgesellschaft von einer als »Schattenklan« bekannten Gruppierung geplündert werden, gerät eine uralte Reliquie mit Kräften in ihre Hände, die das Schicksal der gesamten Welt verändern könnte. Papst Clement XV. entsendet Kimball Hayden, um jene Geheimgesellschaft bei der Wiederbeschaffung der Reliquie zu unterstützen – doch nur ihn allein. Offenbar weiß der Papst um die Macht des Schattenklans, und hofft, Kimball auf diese Weise als Gefahr für seine Machenschaften innerhalb des Vatikan aus dem Weg schaffen zu können. Seine Nachforschungen führen Kimball zu einer schier uneinnehmbaren Bergfestung und zu einem Feind, der zu allem entschlossen ist. Allein, ohne seine Kampfgenossen und beinahe chancenlos begibt sich Kimball in die Höhle des Löwen …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis
Das Auge des Moses
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Epilog
Über den Autor

Das Auge des Moses

Die Ritter des Vatikan – Band 19

 

Rick Jones

 

übersetzt von Peter Mehler

 

This Translation is published by arrangement with Rick Jones

 

Title: THE EYE OF MOSES. All rights reserved. First published 2023.

 

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

 

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: THE EYE OF MOSES Copyright Gesamtausgabe © 2025 LUZIFER Verlag Cyprus Ltd. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

 

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Peter Mehler

 

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2025) lektoriert.

 

ISBN E-Book: 978-3-95835-922-2

 

Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf Ihrem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn Sie uns dies per Mail an [email protected] melden und das Problem kurz schildern. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um Ihr Anliegen.

 

Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche Ihnen keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

Kapitel 1

 

Mayfair, das Londoner West End Neunzehn Tage zuvor

 

An jenem wunderschönen Abend, als die Lichtstrahlen hinter dem Horizont verschwanden, hätte Wendall J. Somerset nicht glücklicher sein können. Er lebte nicht nur in einer der wohlhabendsten Gegenden Londons, sondern er liebte auch seine Familie. Und da nur wenig im Leben perfekt war, betrachtete er seine Frau und seine Tochter als nahezu perfekt.

Somerset stieg in Mayfair aus der U-Bahn und kaufte in einem Blumenladen einen bunten Rosenstrauß, bevor er seinen Weg zu seinem Appartement fortsetzte. Als er seine Wohnung betrat, rief er aus dem Foyer nach seiner Frau, während er seinen Filzhut auf den Eingangstisch legte, und lief dann mit dem Blumenstrauß in der Hand ins Esszimmer. In den folgenden Augenblicken, die sich mit der Langsamkeit eines schlechten Traums zu bewegen schienen, ließ Wendall J. Somerset den Strauß auf den Parkettboden fallen.

An dem Tisch, zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter, saß ein Mann mit blassem Teint, schlohweißem Haar und Augen, die so blass waren, dass sie fast weiß erschienen. Als Somerset versuchte, den Augen des Fremden mit einem passenden Blick zu begegnen, schien es, als würde er direkt durch den Mann hindurchsehen.

»Guten Abend, Mr. Kopernikus«, sagte der Fremde mit ruhiger Stimme. In seiner Hand, die auf den Kopf seiner Tochter gerichtet war, hielt er eine entsicherte Glock. Auf der anderen Seite des Tisches saß mit gelähmtem Schrecken Somersets Frau, deren Augen fragend von ihrem Mann zu dem Fremden wanderten. Ihre Tochter weinte. Dann sagte der Fremde, der weiterhin seltsam teilnahmslos wirkte: »Sie sind zehn Minuten zu spät.« Und mit einem Blick auf die Rosen auf dem Boden fügte er hinzu: »Aber jetzt weiß ich, warum.«

»Was wollen Sie?«

»Was ich von Ihnen will, Mr. Kopernikus, ist die Antwort auf eine einzige Frage. Das ist alles, was ich verlange.«

Bei der Erwähnung des Namens »Kopernikus« entschlüpfte Somerset ein Gesichtsausdruck, der von dem Mann mit der Glock bemerkt wurde.

»Ich verstehe«, sagte der blasse Mann, nachdem er die Regung erkannt hatte. »Sie haben offensichtlich Ihre Familie über bestimmte Momente Ihres Lebens im Unklaren gelassen, nicht wahr? Sie haben sich dafür entschieden, ein Mann voller Geheimnisse zu sein, indem Sie Ihre Familie mit einer Lüge leben ließen.« Er wandte sich an die Frau von Somerset. »Haben Sie wirklich geglaubt, dass Ihr Mann Ihnen mit dem Gehalt eines Buchhalters einen so verschwenderischen Lebensstil in einem der wohlhabendsten Orte Londons bieten kann? Oder haben Sie ein Auge zugedrückt, weil Sie Angst hatten, die Wahrheit zu erfahren, weil Sie befürchteten, dass dann alles verschwinden könnte?« Dann legte er den Kopf schief wie ein verwirrter Hund, um ihre Gesichtszüge zu studieren, bevor er seine Schlussfolgerung zog. »Nein«, sagte er, »ich glaube, Sie haben wirklich geglaubt, dass er ein Buchhalter ist.« Er wandte sich an Somerset. »Ist es nicht so, Mr. Kopernikus? Sie haben Ihre Familie darüber belogen, für wen Sie wirklich arbeiten. Oder was Sie wirklich tun.« Dann schnalzte der Fremde mehrmals mit der Zunge, um Somerset damit aufzuziehen.

»Ich habe nichts, was Sie wollen«, informierte Somerset den Fremden. »Glauben Sie mir.«

»Meinen Sie? Ich glaube, Sie haben die Antwort, nach der ich suche, Mr. Kopernikus. Und ich habe vor, sie zu bekommen.«

Da ergriff seine Tochter das Wort, die zwischen keuchenden Atemzügen fragte: »Wieso nennt er dich immer wieder Mr. Koperni…«

Somerset unterbrach sie mit einer beschwichtigenden Geste. »Es wird alles wieder gut, Schätzchen. Alles wird gut werden. Vertrau mir.«

Dann flüsterte der Fremde der Tochter etwas ins Ohr, während er die Mündung seiner Waffe so fest an ihre Schläfe drückte, dass sie sich in die Haut darunter bohrte. »So ist es, Schätzchen. Alles wird gut, sobald dein Vater mir verrät, was ich wissen will.«

Genau in diesem Moment, als Somerset seine Tochter vor unbeschreiblicher Angst zu schluchzen sah, brach seine Integrität so weit zusammen, dass er mit all den ehrenhaften Schwüren brach, die er geleistet hatte, um alte Geheimnisse zu bewahren. Schließlich flehte er mit einer Stimme, die zu brechen drohte: »Bitte … alles, worum ich Sie bitte, ist, dass Sie meiner Familie nichts antun. Ich gebe Ihnen, was immer Sie wollen. Was immer Sie brauchen.«

»Ich weiß, dass Sie das tun werden.«

Der Mann war so ruhig und beherrscht, dass Somerset zu der Erkenntnis gelangte, dass dieser Fremde mehr als fähig dazu sein würde, einen Mord zu begehen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

»Was wollen Sie?«, fragte Somerset ihn. »Warum sind Sie hier?«

Nach einer kurzen dramatischen Pause antwortete der Fremde schließlich: »Ich möchte wissen, wo der Schlüssel ist.«

»Der Schlüssel? Welcher Schlüssel? Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden …«

Der Mann richtete die Glock auf Somersets Frau und drückte ab. Das gedämpfte Geräusch war nicht lauter als ein Spucken. Kurz bevor sie durch die Wucht des Projektils nach hinten fiel, erschien auf magische Weise ein Einschussloch als blutleere Wunde in der Mitte ihrer Stirn.

Als Somersets Tochter aufschrie, legte der Attentäter ihr eine Hand um den Mund, um sie zum Schweigen zu bringen. Mit der anderen Hand richtete er die Waffe auf Somerset. »Das hätte vermieden werden können«, erklärte er. »Sie hätten ihr das Leben retten können, wenn Sie mir gesagt hätten, was ich wissen muss, Mr. Kopernikus. Ihr Tod geht auf Ihr Konto.«

Somersets Blickfeld begann, sich an den Rändern violett zu verfärben, dann rückte die Dunkelheit immer näher. Schließlich schienen seine Beine zu wanken und drohten, nachzugeben.

»Vielleicht sollten Sie sich setzen, Mr. Kopernikus.«

Verloren vom Anblick seiner mit halb geschlossenen Augen auf dem Boden liegenden Frau, ließ sich Somerset auf einen Stuhl fallen, nahm seinen Kopf in beide Hände, und brach zusammen.

»Na, na, Mr. Kopernikus, Sie haben doch immer noch eine reizende Tochter, oder nicht?«

Dicke Haarsträhnen quollen durch die Lücken zwischen Somersets Fingern. »Bitte tun Sie meinem Baby nicht weh.« Der Mann klang so verloren und leer; alles, woran er sich klammern konnte, war die marginale Hoffnung, dass sich am Ende alles von selbst regeln würde. »Ich flehe Sie an.«

Der Attentäter wandte sich an Somersets Tochter. »Wie heißt du, Schätzchen?«

Unter Schluchzen antwortete sie: »Amy.«

»Amy.« Er nickte, als würde er den Namen passend finden. »Das ist ein hübscher Name für ein hübsches Mädchen. Wie alt bist du, Amy?«

»Dreizehn.«

»Dreizehn. Ein Teenager also. Was sagt man dazu?« Dann richtete er seinen Blick wieder auf Somerset, der jede Bewegung des Attentäters mit Augen verfolgt hatte, die heiß und geschwollen waren. »Ein sehr hübsches dreizehnjähriges Mädchen, Mr. Kopernikus. Keine Frage. Können Sie sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie schön sie mit einundzwanzig sein wird?« Nach einer Weile fügte der Fremde hinzu: »Natürlich nur, wenn sie diesen bedeutenden Lebensabschnitt noch erlebt, was allein Ihnen überlassen ist.«

»Habe ich Ihr Wort darauf?«

»Auf mein Wort ist Verlass, Mr. Kopernikus. Alles, worum ich Sie bitte, ist, dass Sie mir geben, was ich will. So einfach ist das.«

Somerset begann, die Lage einzuschätzen, und sah nichts als Sackgassen. Seine einzige Option war, aufzugeben und auf das Beste zu hoffen.

»Sind Sie bereit, Mr. Kopernikus?« Als der Fremde die Mündung seiner Waffe fester gegen Amys Schläfe drückte, krümmte sie sich zusammen und stieß einen wimmernden Laut aus. Im Gegenzug sprach der Mann mit der Glock besänftigend und ruhig in ihr Ohr: »Wie dein Vater versprochen hat, Schätzchen, es wird alles gut, sobald er mir sagt, was ich wissen muss.« Dann wandte er sich an Somerset und fragte mit einem leicht scharfen Tonfall: »Wo ist der Schlüssel?«

Nachdem er die Sünde des Zögerns begangen hatte, was den Attentäter dazu veranlasste, seinen Abzugsfinger zu krümmen, verriet Wendall J. Somerset dem Mann alles über den Schlüssel, seinen Aufenthaltsort und wie er ihn aus seinem Grab wiederauferstehen lassen konnte.

Wenige Augenblicke später verließ der wortbrüchig gewordene Attentäter die Wohnung von Somerset in Mayfair.

Er hatte dafür gesorgt, dass es keine losen Enden gab.

 

Kapitel 2

 

Collégiale Saint-Laurent Salon-de-Provence, Frankreich Die frühen Morgenstunden, achtzehn Tage zuvor

 

In der Nähe der Collégiale Saint-Laurent in Salon-de-Provence in Frankreich schritt in den frühen Morgenstunden ein ganz in Schwarz gekleideter Mann mit einer schweren Tasche durch die Straßen. Während er von einer Natriumdampflampe zur nächsten lief, wurde sein Schatten länger und wieder kürzer. Die Luft war feucht und kühl, zumindest so kalt, dass er den Kragen seines Mantels hochgeschlagen hatte. Zu so früher Stunde, als die Straßen noch leer waren, hallte das Klacken seiner Schritte durch die Straßen.

Als er die Tür zur Collégiale Saint-Laurent erreicht hatte, holte der Mann eine Dietrichpistole aus der Innentasche seines Mantels, steckte deren vorderes Ende in das Schloss und schaltete das Gerät ein. Mehrere gedämpfte Klickgeräusche ertönten, als sich die Nadeln durch den Schließmechanismus bewegten, um alle Stifte auf einmal zu aktivieren und das Schloss zu entriegeln. Nachdem die Dietrichpistole ihren Zweck erfüllt hatte, steckte der Mann das Gerät wieder ein, griff nach seiner Tasche und betrat das Beinhaus.

Auf seinem Weg durch einen schmalen Gang konnte er die Aura brennender Kerzen erahnen, deren Licht durch den Spalt unter einer Tür an dessen Ende fiel. Als er die Kammer betrat, in der es schwer nach geschmolzenem Wachs roch, bemerkte er die vielen Kerzen, die in der Nähe eines Grabmals brannten.

An der gegenüberliegenden Wand befand sich eine Gedenktafel in französischer Sprache, die an den 1566 verstorbenen Michel de Nostredame und seine Wunder der Vorsehung erinnerte. Hier befanden sich die sterblichen Überreste von Nostradamus, die in dieser Gruft in Salon-de-Provence beigesetzt worden waren, nachdem man sie aus einer Franziskanerkapelle überführt hatte.

Er entfernte sich von der Ehrentafel, näherte sich dem kunstvoll gestalteten Grabmal und suchte nach einem Spalt zwischen dem Korpus und dem Deckel der Grabstätte. Doch er entdeckte schnell, dass die steinerne Abdeckung so fest saß, als wäre sie hermetisch verschlossen.

Er öffnete seine Tasche, nahm ein Brecheisen, einen Hammer und einen Meißel heraus und legte sie beiseite. Als Erstes versuchte er, den Deckel zu lockern, indem er das Brecheisen in den Spalt klemmte, wo Deckel und Korpus zusammentrafen, und dann mit dem Brecheisen arbeitete, als würde er an der Kurbel eines Brunnens drehen. Als er sah, dass er so nicht weiterkam, griff er zu Hammer und Meißel und begann, den Zement herauszulösen, der den Deckel festhielt.

Da das Echo seines Hämmerns lauter war, als ihm lieb war, hielt er oft inne und lauschte nach einem Mitglied der französischen Police Nationale, falls diese alarmiert worden war. Wenn die Stille wiederkehrte, setzte er seine Bemühungen fort, den Deckel des Grabmals zu lösen. Innerhalb von drei Stunden und nachdem er bereits so stark geschwitzt hatte, dass die Rorschach-Schweißflecken auf dem Rücken und unter den Achseln seines Hemdes sichtbar wurden, gelang es dem Mann, den Deckel zu bewegen, wenn auch nur ein paar Zentimeter. Mit weiterem Hämmern konnte er ihn so weit lockern, dass der gesamte Deckel von dem Grab und auf den Boden rutschte. Der dunkel gekleidete Mann schnappte sich eine Taschenlampe und suchte das Innere des Grabes ab. In dem Hohlraum lagen verstreute Knochen – ein Oberschenkelknochen, ein Schienbein, Rippen, ein grinsender Schädel. Er schaltete das Licht ein und fragte sich, ob es sich wirklich um die umgebetteten Knochen von Nostradamus handelte, denn einige waren kaffeefarben gefärbt, während andere scheinbar weiß ausgeblichen worden waren.

Er schob die Knochen beiseite, als wären sie nichts weiter als lästige Spielzeuge, fegte einen Teil des Zements weg, wo normalerweise der Kopf lag, und schlug dann mit dem Kopf eines Stahlhammers auf den Boden des Grabmales. Es bildeten sich Risse, und der Boden wurde schwächer. Dann, als das Gewicht des Hammers fast zu schwer war, um es zu tragen, gab der Boden des Grabmales schließlich nach. Der Mann griff hinein und warf die zerbrochenen Steine und den Schutt beiseite, bis er in der Vertiefung einen goldenen Schimmer sah.

Nachdem er weitere Steine beiseitegelegt hatte, ergriff er den Gegenstand und hielt ihn in die Höhe. Im Schein der brennenden Kerzen glänzte die polierte Vergoldung eines Gefäßes, das etwa die Größe eines antiken Kolonettenkraters besaß – einer vasenartigen Schale, die wahrhaft göttlich war. An der Seite dieses Gefäßes befand sich ein Symbol. Es war das Tatzenkreuz des Templerordens.

Der Mann mit den unglaublich blassen Augen lächelte. »Der Schlüssel«, flüsterte er. In seinen Händen befand sich eine Welt voller Reichtümer, die den Reichtum der Templer bei weitem übertraf, dachte er. Hier, in seinen Händen, lag der Schlüssel zu einer Macht, die so groß war, dass sie Kontinente in Trümmer verwandeln konnte.

Schnell sammelte der Mann seine Sachen ein, verstaute sie in seiner Tasche und wollte sich gerade aufrichten, als er Schritte hörte, die sich näherten. Seine Mission war kompromittiert worden, was ihn nach all dem Hämmern nicht wirklich überraschte.

Die Schritte wurden lauter, kamen näher. Mindestens zwei Personen, dachte er, vielleicht auch drei.

Zwei Beamte der Police Nationale stürmten mit gezogenen Waffen in den Raum und forderten den Mann auf Französisch auf, sich auf den Bauch und auf den Boden zu legen.

In einem Moment, der für die Beamten zu schnell war, um ihn zu verstehen, nahm der Mann seine Hand aus der Tasche, zog eine entsicherte Waffe und drückte kurz nacheinander ab.

… Fffft …

… Fffft …

… Fffft …

… Fffft …

Vier gedämpfte Schüsse wurden gleichmäßig auf die Beamten verteilt, jeweils zwei Schüsse in die Körpermitte.

Nachdem die Beamten als kraftlose Haufen zu Boden gesunken waren, steckte der Mann, dessen Augen so blass waren, dass sie in ihren Höhlen beinahe weiß erschienen, die Schale in die Tasche und flüchtete.

Im Hintergrund war das Heulen der sich der Collégiale Saint-Laurent nähernden Sirenen zu hören, wo später die Polizei zwei getötete Beamte in der Kammer entdecken würde, zusammen mit den verstreuten Knochen eines alten Wahrsagers und einem Grabmal, dessen Boden beschädigt worden war.

Irgendwo in den dunklen Straßen von Salon-de-Provence lief ein Mörder frei herum.

 

***

 

Der Attentäter atmete schwer, als er die Tür zu seiner Wohnung schloss, zu einem Tisch in der Nähe ging und die Tasche auf den Boden fallen ließ. An der Tischkante waren eine Juwelier-Lupe mit einem verzerrungsfreien 5-Dioptrien-Objektiv und einem Circline-Scheinwerfer befestigt, um Schatten zu vermeiden.

Nachdem er den Scheinwerfer eingeschaltet hatte, kramte er in der Tasche und holte das Gefäß heraus. Der Attentäter stellte es vorsichtig auf den Tisch, bewegte das Objektiv über die Schale, um deren Inneres zu beleuchten, und schaute dann durch die Lupe.

In die Innenwand der Schale waren unzählige Symbole eingraviert – Schrift, Chiffren und uralte Zeichen, die zusammen ein Muster ergaben, das einer Nautilus-Muschel ähnelte. Es gab Tausende dieser kleinen Gravuren, die als Schlüssel für eines der größten Geheimnisse der Welt dienen sollten.

Der Attentäter, dessen bleiches Auge durch die Linse vergrößert wurde, betrachtete mit gelehriger Bewunderung die Motive.

Dies war das Gefäß, mit dem Nostradamus die Zukunft vorausgesagt hatte.

Der Attentäter lehnte sich in seinem Sitz zurück, nahm ein Handy zur Hand und wählte mit einem einzigen Tippen auf die Tastatur eine eingespeicherte Nummer. Nach einer Reihe von Klicks war er verbunden.

»Hier ist Salt«, sagte er. »Ich habe den Schlüssel. Es war genau dort, wo Mr. Kopernikus ihn vermutete.«

»Sind Sie sicher, dass es sich um eine echte Reliquie handelt und nicht um eine Fälschung?«

»Es ist das echte Gefäß«, erklärte der Attentäter gelassen. »Aber der leitende Techniker muss ihn noch genauer untersuchen, um das Ergebnis zu bestätigen.«

»Gut. Bringen Sie es so schnell wie möglich nach Deep Mountain.«

»Es wird morgen da sein«, versprach Salt.

Als das Gespräch beendet war, entfernte der Mann, der sich selbst Salt nannte, die SIM-Karte aus dem Mobiltelefon und zerstörte sie.

Danach verstaute der Attentäter das Gefäß in seiner Tasche und machte sich auf den Weg zu seiner Heimatbasis namens Deep Mountain, einer geheimen Forschungseinrichtung in den Schweizer Alpen.

 

Kapitel 3

 

Apatin, Gegenwart, in den frühen Morgenstunden

 

Hister war der lateinische Name für den Teil der Donau im heutigen Nordwesten Kroatiens. In einer Dreiviertelmondnacht bewegte sich mit militärischer Raffinesse eine sechsköpfige Einheit, die mit Robocop-artigen Schienbein-, Knie-, Unterarm- und Ellbogenschützern aus einem speziellen Verbundwerkstoff, Kevlar-Helmen und einer Reihe von Gerätschaften, die sich wie ein Irokesenschnitt über den Helm zogen, durch die Schatten am Rande des Flusses huschten.

Der Teamleiter hielt seinen Trupp in einem Kiefernwäldchen an. Etwa fünfzig Meter entfernt befand sich ein Betonbunker. Sein gewölbeartiger Eingang war in den Hang eines Hügels gebaut, der mit gepflegtem Gras bewachsen war. An der Mauer neben der Tür befand sich ein Hightech-Augenscanner. Um Zugang zu erhalten, maß das System nicht nur die Fäden der roten Äderchen des Auges, sondern auch den Puls, um sicherzustellen, dass die zugangsberechtigte Person noch am Leben war. Diese hochmoderne Technologie war eine Versicherungspolice gegen diejenigen, die glaubten, sich Zugang verschaffen zu können, indem sie ihrem berechtigten Besitzer das Auge entnahmen und dann als Zugangsschlüssel vor den Augenscanner hielten. Das System war entwickelt worden, um genau dieses Vorgehen vollständig zu unterbinden.

Mit seinem GoPro-Infrarot-Monokular konnte der Teamleiter die Landschaft absuchen, deren Bilder einen grünen Farbton besaßen. Es gab zwei Wachen vor der Bunkertür und vier weitere, die das Gelände in einem Umkreis abschritten, allerdings in Zweiergruppen aufgeteilt.

Der Teamleiter beobachtete weiterhin die Soldaten bei ihren Runden, in denen sich die Zwei-Mann-Einheiten alle drei Minuten wie ein Uhrwerk abwechselten. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Routine eingehalten wurde, gab er seinen Kameraden einige Handzeichen. Team Eins sollte sich nach Westen begeben und Team Zwei nach Osten, wo sie sich in Position bringen würden, um die Wachposten auf dem Gelände auszuschalten. Sobald die Bedrohung am Rande des Geländes beseitigt war, würde Team Drei zum Bunker vordringen und die restlichen Wachen ausschalten.

Nachdem alle die Einsatzregeln bestätigt hatten, trennten sich die Teams und machten sich auf den Weg zum Zielort.

 

***

 

Francois und Franchot Archambault waren französische Staatsbürger und Brüder, die dem Konsortium dienten, einer Geheimorganisation, die Unrecht korrigierte, um das globale Gleichgewicht zwischen den Supermächten zu wahren. Zuvor hatten sie jedoch im COM FST (Commandement des forces spéciales Terre) gedient, der französischen Elitetruppe für Spezialkräfte. Dort hatten sie ihre Kampffähigkeiten verfeinert, was eine Voraussetzung für den Dienst im Konsortium war.

Die Nacht war rau und unangenehm kühl, und immer wieder setzte ein unangenehmer Nieselregen ein. Doch schließlich hatten sich die Wolken gelichtet und gaben den Blick auf den fast vollen Mond frei, dessen überirdischer Lichtschein die Landschaft in die Farbe von Molke tauchte.

Die Brüder waren diszipliniert und galten beide als überlegene Kämpfer. Sie absolvierten die ihnen aufgetragenen Runden um den Bunker, ohne dabei nachlässig zu werden. Dann entdeckte Francois auf einer dieser Runden etwas Ungewöhnliches. So wie sich bei einem Hund die Haare aufrichteten, wenn er eine große Gefahr witterte, blieb der ehemalige COM FST wie angewurzelt stehen und suchte die Umgebung ab.

Nachdem er seinen Bruder mit erhobener Faust aufgehalten hatte, suchten die beiden Männer mit erhobenen und schussbereiten Waffen die umliegenden Schatten ab.

Nichts als Stille.

Beide spürten etwas, sahen aber nichts. Und dann fegte ein Wind über die Wiesen, der die Baumkronen dazu brachte, sich im Gleichklang hin und her zu wiegen. Ein wunderschöner Anblick.

Die Brüder bewahrten jedoch ihre Fassung und blieben vorsichtig. Die Schatten in dem Wäldchen blieben still und regungslos. Dennoch ergriffen die Brüder die Initiative und suchten nach einer möglichen Bedrohung.

Während sie sich auf die Baumgrenze zubewegten, schob Archambault langsam das angebrachte NVG-Monokular über seine Augen und schaltete das Gerät ein. Als dessen Linse grün aufflackerte, durchschlug eine Kugel das Glas und drang tief in den Schädel ein – ein perfekter, gedämpfter Todesschuss aus den Schatten. Der Mann war tot, bevor er auf dem Boden aufkam.

Während Francois sich auf die Knie sinken ließ, schlug ein weiteres Projektil in sein Gesicht ein und verursachte eine klaffende Wunde. Als wäre er zwischen Leben und Tod gefangen, schwankte Francois einen unvorstellbar langen Moment, bevor er sein Schicksal akzeptierte und mit dem Gesicht voran auf den Rasen fiel.

Aus dem Schatten der Kiefern tauchte eine Zwei-Mann-Einheit auf, suchte mit ihren Waffen die Umgebung ab und zog dann leise die beiden Leichen in das Dickicht jenseits der Baumgrenze.

Nun lag es an Team Zwei, die Mission zu Ende zu bringen.

 

***

 

Team Zwei verschmolz dank seiner schwarzen Kleidung perfekt mit der Dunkelheit. Während sie warteten, bestätigte eine Audio-Übertragung über ihre Ohrhörer, dass Team Eins erfolgreich gewesen war und ihr Ziel mit zwei Abschüssen erreicht hatte.

In Übereinstimmung mit den vorgegebenen Einsatzregeln hatte das Team Zwei des Konsortiums seine schallgedämpften Waffen auf zwei sich nähernde Wachposten gerichtet. Nachdem sie die Ziele unter sich aufgeteilt hatten und das Team sie vor das Fadenkreuz ihrer Gewehre brachte, koordinierten die beiden Scharfschützen das Timing ihrer Schüsse so, dass sie wie ein einziger gedämpfter Schuss klangen.

Nachdem auch diese Leichen eingesammelt und in den Schatten jenseits der Baumgrenze gebracht worden waren, näherten sich beide Teams mit schussbereiten Waffen von den gegenüberliegenden Seiten des Bunkerhügels dem Haupttor.

 

***

 

Der Anführer von Team Drei tippte seinem Gefolgsmann auf die Schulter und begann mit dem Vormarsch auf den Bunker. Von den Bäumen aus drangen sie mit schussbereiten Waffen vor. Da die mobilen Wachposten neutralisiert worden waren, blieben nur noch die beiden am Eingang übrig.

Sie bewegten sich mit einer Lautlosigkeit, die im Laufe der Jahre durch unermüdliches Training perfektioniert worden war.

Als sie sich dem Bunker bis auf fünfzig Meter genähert hatten, beobachtete der Teamleiter von seiner Position aus, wie die Teams Eins und Zwei mit der Geschicklichkeit von Elitekommandos auf die Wachen zuhielten.

Alles funktionierte perfekt.

 

***

 

Die Wachen blieben so gelassen wie die britischen Wachen vor den Toren des Buckingham Palace, steif und ungerührt. Doch sobald sie die bewaffneten Schatten bemerkten, die sie flankierten, hob der erste Wächter seine Waffe – ein Manöver, das seinen Tod einläutete, als eine Kugel in ihn einschlug und der tödliche Schuss sein Herz zerfetzte. Der zweite Wachmann, der erkannte, dass er keine Chance hatte, ließ seine Waffe fallen und hob kapitulierend die Hände.

Der Teamleiter musterte den Soldaten kurz im grünen Licht seines NVGs, klappte dann das NVG-Monokular auf seinen Helm nach oben und packte den Wachposten. Er zog die Wache so nah an sich heran, dass dieser dessen Augen sehen konnte, die so blass waren, dass sie ganz weiß erschienen. Nachdem er die Mündung seiner entsicherten Pistole an die Schläfe der Wache gedrückt hatte, deutete Salt auf den Augenscanner in der Mauer und sagte: »Du weißt, was zu tun ist.«

»Das werde ich nicht tun. Nicht mit mir.«

»Und ob du das wirst.« Salt trat einen Schritt zurück und feuerte einen einzigen Schuss in das Bein des Wächters ab, woraufhin der überraschte Mann vor Schmerz aufschrie. Der Schmerz war urplötzlich und glühend heiß, und der Wachmann brach zusammen. Doch Salt packte den Mann am Kragen seiner Uniform, zog ihn wieder auf die Beine und zwang ihn mit einem brutalen Stoß zu dem Augenscanner.

Der Wachposten zeigte sich jedoch nicht kooperativ.

»Mach die Augen auf«, befahl ihm Salt.

Der Wachmann weigerte sich.

»Du willst also bis zum Ende ein Held sein, was?« Salt zielte auf die Rückseite des Beins des Mannes und drückte ab. Die Umgebung wurde von dem Mündungsfeuer erhellt, und der Wächter schrie auf. In einer reflexartigen Reaktion riss er beide Augen auf, was es dem Scanner ermöglichte, die pulsierende Straßenkarte beider Augäpfel zu verarbeiten.

Als sich die Türriegel aus ihren runden, in die Wand eingelassenen Vertiefungen zurückzogen, richtete Salt die Pistole auf den Hinterkopf des Wachmanns und bereitete seinem Leben ein schnelles Ende.

Nachdem die Tür nach innen geschwungen war, flackerten sofort eine Reihe von Lichtern in dem Tunnel auf. Es gab eine kleine Treppe, die zu einem arteriellen Tunnelsystem führte, das schließlich in einen unterirdischen Bunker mündete.

Einer nach dem anderen stieg Salts Team mit den Sturmgewehren voran die Treppe hinunter und begab sich zu der Hauptkammer, in der sich die Reliquie befand, nach der sie suchten.

 

Kapitel 4

 

Cochem, Deutschland Gegenwart, frühe Morgenstunden

 

Mr. DaVinci war seit mehr als zwei Jahrzehnten der führende Kopf des Konsortiums und fungierte als Großmeister der Organisation. Wenn sich das Gleichgewicht der globalen Macht zugunsten einer Seite zu verschieben drohte, war es seine Aufgabe, als Waage der Gerechtigkeit zu fungieren, damit keine Regierung die Oberhand gewann und die Welt ins Chaos stürzen konnte. Er war das Gleichgewicht, das dafür sorgte, dass sich der Planet weiterdrehte, wenn auch nicht ganz in der Harmonie, die er sich wünschte. Immer noch wurden Kriege geführt, Schlachten wurden verloren und gewonnen, Menschen starben unnötigerweise, Gier trieb einige dazu, sich Vorteile zu verschaffen, die er ihnen wieder wegnahm, und während andere in unkontrollierbarer Macht baden wollten, als wären sie Götter, war es Mr. DaVinci, der ihnen aufzeigte, wie menschlich sie wirklich waren.

Er glaubte, dass der Erfolg des Konsortiums auf die Kraft seines Glaubens zurückzuführen war – dass es ein Yin und ein Yang geben sollte, Dunkelheit und Licht, Himmel und Hölle, Gut und Böse, mit einem Gleichgewicht zwischen den beiden Polen. Keiner würde über den anderen herrschen, denn Gleichgewicht war die Grundbedingung für Nachhaltigkeit. Obwohl Kriege schrecklich waren und er sich wünschte, sie minimieren zu können, erkannte er, dass sie auch ein Mittel waren, um ein größeres Übel zu bekämpfen. Wenn irgendwann ein globaler Frieden herrschte, würde dies dann nicht Überbevölkerung, Krankheiten, Seuchen, Epidemien und Hungersnöte fördern? Würde die Ausbreitung übertragbarer Krankheiten nicht nur die Schwachen von den Starken trennen, sondern auch die Starken bedrohen, wenn es für eine Seuche kein Heilmittel oder Heilung gab? Letztendlich wurde er nicht von der Frage nach der Moral geleitet. Das Konsortium war gegründet worden, um das Gleichgewicht der Kräfte auf der Welt zu erhalten, ohne dass ständig das Damoklesschwert über der Menschheit schwebte.

Mr. DaVinci hatte sich nie nach einem anderen moralischen Kompass gerichtet als dem Wissen, dass ihn etwas mit Gott verband, weil er für Stabilität sorgte, um die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Und es war diese Regel, ein ›Gleichgewicht‹ zu schaffen, das für eine Ordnung sorgte, die den Planeten am Laufen hielt, was immer dafür auch notwendig war. Doch im Laufe der Jahrzehnte hatte er seinen Einfluss verloren, weil die kriegerischen Gruppierungen immer zahlreicher wurden und weil der Mangel an Menschlichkeit allmählich diejenigen überflügelte, die sich bemühten, mit Anstand zu regieren.

In diesem Augenblick saß er an seinem Klavier und spielte Edvard Griegs »In der Halle des Bergkönigs.« Seine Finger schlugen immer härter auf die Tasten, und seine Wut entlud sich, während er die Akkorde immer schneller spielte und auf die Tasten hieb, bis er nicht mehr weiterspielen konnte.

Dann saß Mr. DaVinci eine Weile auf seiner Klavierbank, während ihm Schweißtropfen über Stirn und Wangen liefen und er versuchte, zu Atem zu kommen. Als ihm dies schließlich gelang und er aufstehen konnte, durchquerte er die riesige Kammer tief im Inneren der Festung des Konsortiums und nahm hinter einem kunstvoll gestalteten Schreibtisch Platz. Es war früh am Morgen, und er konnte nicht schlafen, was jedoch nichts Neues für ihn war, denn er litt schon länger an Schlaflosigkeit.

Während er über all die Erfolge und Misserfolge im Leben nachdachte, bemerkte er eine kleine Plakette neben seinem Namensschild, die seine Pflichten als Großmeister des Konsortiums zusammenfasste. Sie lautete: GLEICHGEWICHT.

Das ist es, worum es uns geht, dachte er. Das ist es, was wir fördern … Gleichgewicht.

Und während er über seine Rolle und die der anderen Mitglieder des Konsortiums nachdachte, war ihm nicht bewusst, dass in Kroatien einer der wertvollsten Tresore der Organisation geplündert wurde.

Zu gegebener Zeit, aber lange bevor sich die Wogen glätten würden, würde Mr. DaVinci seine Hunde loslassen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, das dann jedoch nicht mehr zu erreichen wäre.

Dennoch hatte das Konsortium seinen Platz im Gesamtgefüge der Dinge.

 

Kapitel 5

 

Apatin, Kroatien

 

Salts Einheit bewegte sich schnell durch die engen Gänge des Bunkers. Trotz der zahlreichen Abzweigungen wusste das Team genau, wohin es gehen musste, hatten sie doch von den Auftraggebern, für die Salt arbeitete, den Bauplan der Anlage erhalten.

Sie nahmen den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten, bis sie auf ein patronenförmiges Tor stießen, das eher mittelalterlich als modern wirkte. Dicke Holzbretter waren mit schwarzen Metallbändern und Nieten zusammengefügt, um sie zusammenzuhalten. Dahinter befand sich eine Kammer, die siebenhundert Jahre alt war.

Nachdem einer der Männer einige Semtex-Ladungen entlang der Scharniere platziert hatte, deren Bolzen tief in Felsgestein eingelassen waren, setzte er die Zünder ein, räumte den Bereich und betätigte den Schalter auf seiner Fernbedienung. Die Explosion war so gewaltig, dass zersplittertes Holz und faustgroße Steinbrocken über den Boden schlitterten und Staubwolken durch die Gänge wirbelten. Noch während die Rauchschwaden in Strudeln durch den Raum trieben, betrat das Team den Raum und suchte diesen nach Zielobjekten ab, konnte jedoch keine Bedrohung entdecken.

Im Inneren lagerten große Schätze in pyramidenförmigen Haufen – Rubine, Saphire, Jade und Goldmünzen – und jeder Haufen schien mit seinem an eine Aurora Borealis erinnernden Flackern die Decke berühren zu wollen. Alte Fackeln, die sieben Jahrhunderte lang gebrannt hatten, waren als antiquierte Überbleibsel erhalten geblieben, da der Raum vor Jahrzehnten auf elektrisches Licht umgestellt worden war.

An einer der Wände waren einige der goldenen Schilde Salomons aufgereiht, jedes einzelne blank poliert. Es gab weitere Schätze in Form von goldenen Götzen und christlichen Kreuzen, von denen einige hunderte Pfund wogen.

Hier befanden sich die verborgenen Schätze des Templerordens.

Nachdem das Team seine Durchsuchung abgeschlossen hatte, begab es sich zum zentralen Punkt des Raumes. Auf einem elfenbeinernen Podest ruhte der wertvollste Besitz der Templer: die Bundeslade. Sie war meisterhaft gearbeitet, aus dem Holz der Akazie gefertigt und mit reinstem Gold überzogen. Sie war eineinhalb Ellen breit, eineinhalb Ellen hoch und zwei Ellen lang, wobei der Deckel – der Gnadensitz – von einem Goldrand umgeben war. An jeder der beiden Seiten befanden sich zwei goldene Ringe, an denen zwei hölzerne Stangen angebracht waren, damit die Lade getragen werden konnte. Oben auf der Lade befanden sich zwei Cherubim, die sich mit den Spitzen ihrer ausgebreiteten Flügel gegenüberstanden und den Thron Gottes bildeten, während die Lade selbst als sein Fußschemel angesehen wurde.

Nachdem er die Lade begutachtet und bewundert hatte, befahl Salt, den Deckel abzunehmen. In Windeseile ergriffen vier Soldaten jeweils eine Ecke und hoben den Deckel von der goldenen Lade, um ihn vorsichtig auf den Boden zu legen. Ohne zu zögern, warf Salt dann einen Blick in das Innere der Bundeslade – vielleicht der erste Mensch, der dies seit Jahrtausenden getan hatte.

In der Lade befanden sich vier Gegenstände: Die beiden Tafeln mit den Zehn Geboten, eine Schale mit Manna, deren Inhalt schon vor langer Zeit zu Staub zerfallen war, und der versteinerte Stab Aarons. An der Spitze des Stabes und eingebettet in das gealterte Holz befand sich ein Kristall, den ein glühendes Leuchten umhüllte, nur ein kleiner Funke, der sich in diesem quarzähnlichen Mineral langsam um seine Achse zu drehen schien. Es pulsierte mit einem Eigenleben und in einem Takt, der dem eines menschlichen Herzschlags entsprach.

Salt schippte mit dem Finger und entfernte sich von der Arche, woraufhin ein anderer Soldat seinen Platz einnahm. Auf dem Rücken des Soldaten befand sich ein rechteckiger Behälter, der lang genug war, um einen Billardqueue zu halten. Nachdem er den Behälter neben der Lade auf den Boden gestellt und ihn geöffnet hatte, wies Salt den Mann an, die Reliquie vorsichtig zu entfernen.

Mit großer Aufmerksamkeit und Sorgfalt griff der Soldat in die Lade und nach dem Stab. Der Funke in seinem kristallinen Gefängnis glühte und drehte sich weiter, und der helle Schein färbte das Gesicht des Soldaten bernsteinfarben. Vorsichtig, als würde er ein Neugeborenes aus seiner Wiege heben, legte der Soldat den Stab ehrfürchtig in seinen Behälter.

»Vorsichtig«, wiederholte Salt leise. »Was du hier in deinen Händen hältst, ist älter als Christus selbst.«

Nachdem der Gegenstand verstaut und der Deckel geschlossen worden war, um das Licht des Funkens zu verdecken, wurde das Behältnis verschlossen und gesichert.

Mit einer knappen Geste Salts verließ die Gruppe den Raum mit nur einem einzigen Gegenstand in ihrem Besitz: den Stab Aarons.

Kein anderer Schatz war angerührt worden.

 

Kapitel 6

 

Cochem, Deutschland Gegenwart

 

Wenige Stunden nach dem Überfall in Kroatien waren die Nachrichten an der Heimatfront des Konsortiums alles andere als gut. Sechs Mitglieder des Konsortiums waren getötet worden, wobei man davon ausging, dass es sich um ein Team von Soldaten handelte, das über ein hohes Maß an militärischer Raffinesse verfügte. Jene, die Einrichtungen des Konsortiums schützten, verfügten über eine Eliteausbildung; Kommandotruppen, die über einzigartige Fähigkeiten verfügten. Dennoch waren sie offenbar ohne Schwierigkeiten überwältigt worden.

Mr. DaVinci, der an seinem Schreibtisch saß und den Angriff auf seinem PC-Monitor verfolgte, spielte die Videos immer wieder ab, bis er schließlich winzige Details entdeckte, die er vorher nicht bemerkt hatte.

Es bestand kein Zweifel daran, dass es sich bei dieser Einheit um eine spezielle Elitetruppe handelte, die mit einem bestimmten Ziel vor Augen handelte. Selbst bei einer Fülle von Gängen, in denen man sich verirren konnte, wussten sie genau, wohin sie gehen mussten. Das verriet Mr. DaVinci, dass die Baupläne der kroatischen Anlage aus ihren Datenbanken entwendet worden sein mussten, was bedeutete, dass die Firewalls des Systems versagt hatten. Es gab auch Hinweise darauf, dass die Hacker versucht hatten, Informationen über den Standort der Festung des Konsortiums zu erlangen, die von den primären Servern blockiert wurden. Er entdeckte zudem, dass diese Hackerangriffe über einen Zeitraum von drei Jahren stattgefunden hatten, ohne entdeckt zu werden.

Er rieb sich nachdenklich das Kinn, während er weiterhin den Bildschirm betrachtete, und war sehr besorgt darüber, dass kein einziger Edelstein oder eine einzige Münze gestohlen worden waren, ein Hinweis auf das Maß an Disziplin. Ebenso beunruhigend war der Gegenstand, der gestohlen worden war: der Stab Aarons, in dessen Holz buchstäblich die Macht Gottes eingebettet war.

Vor langer Zeit, nachdem die Natur die Dinosaurier zum Aussterben auserkoren hatte und die Zeit schließlich das Zepter der Herrschaft an den Homo sapiens weitergab, war die Erde zur Wiege der Unzufriedenheit geworden, da Kriege, Vorurteile und wilder Ehrgeiz das vorherrschende Gesicht der Menschheit bildeten. Doch zu jenem Zeitpunkt, der die Herrschaft einer dominanten Spezies beendete, um eine andere entstehen zu lassen, war ein flammender Meteor aus den Tiefen des Weltraums auf den Planeten gestürzt und hatte kristallisierte Splitter von Partikelmaterie über das Antlitz der Welt verteilt. Während dieser globalen Aussaat nach der Großen Kollision hatte sich ein kleiner, lebendiger Lichtkristall in die Äste eines uralten Baumes eingebrannt. Mit der Zeit verdorrte und starb der Baum in einer Wüstenlandschaft, wobei sein Holz durch Versteinerung perfekt konserviert wurde. Als die Jahrhunderte zu Jahrtausenden wurden und die Evolution der Zeit die Menschheit hervorbrachte, stieß ein Sklave in Ägypten auf diesen versteinerten Stab mit seinem leuchtenden Auge, das in den Kopf des Stabes eingelassen war. In den Augen von Aaron war dies ein Stab, der die Magie seines Gottes beherbergte.

Als der Stab seinem Bruder Mose angeboten wurde, um den Pharao zur Freilassung seines Volkes zu bewegen, tauchte Mose die kristallisierte Spitze des Stabes in den Rand des Nils. Fast sofort färbte sich die Oberfläche an der Berührungsstelle des Stabes blutrot und dehnte sich nach außen aus. Diejenigen, die dem Pharao am nächsten standen, flüsterten, dies sei ein Zeichen für Moses' Gott, einer Macht, die so groß sei, dass nichts sie bekämpfen oder anfechten könne. Einige behaupteten, dass roter Schlamm aus dem Norden in den Fluss geflossen sei und ihn rot gefärbt habe.

Aber die Wahrheit war viel komplizierter.

Nachdem Moses den Kristall unter die Wasseroberfläche getaucht hatte, löste die Kraft des Kristalls und der darin enthaltenen Partikel eine Rotalgenblüte aus, die exponentiell wuchs. Dies bildete den Auslöser der ersten der zehn Plagen.

In der Folge veränderte die Blüte den pH-Wert des Wassers, sodass es für die Fische und Frösche giftig wurde. Als die Frösche deshalb in Scharen an Land gingen, um der giftigen Blüte zu entgehen, starben die Fische aus, deren Hauptnahrungsmittel die Froscheier waren – die zweite der Plagen.

Nachdem die Frösche für längere Zeit aus dem Fluss vertrieben worden waren, starben auch sie, und ihre Kadaver zogen bald darauf Läuse und Fliegen an. Eine weitere der Plagen.

Die krankheitsübertragenden Läuse wiederum hatten die Blauzungenkrankheit bei Rindern verursacht, ein tödliches Virus, das fast siebzig Prozent des ägyptischen Viehbestands auslöschte. Ähnlich wie die Läuse übertrugen die Fliegen, die ebenfalls von den Froschkadavern angezogen wurden, dieses Bakterium auf den Menschen, was die Plage der Geschwüre verursachte.

Diesem Dominoeffekt eines gestörten Ökosystems folgten die Drei Tage der Finsternis. Unmittelbar nach der Furunkelplage kam es zu einem drei Tage andauernden Sandsturm, der so stark war, dass er die Sonne auslöschte und eine anhaltende Dunkelheit verursachte. Während dieser Zeit kollidierte die Hitze des Sandsturms mit einer Kaltfront und verursachte Hagelstürme. Und aufgrund dieses Wetterphänomens trieben die starken Winde die Heuschreckenpopulation von Äthiopien nach Kairo. Der Heuschreckenkot in Verbindung mit der Nässe des Hagels führte wiederum zur Bildung von Mikrotoxinen. Und als diese Mikrotoxine über das Essen in die Erstgeborenen gelangten, deren Immunsystem diese Gifte nicht verkraften konnte, führte dies zu deren Tod.

Diese Plagen waren die direkte Folge eines ins Stocken geratenen Ökosystems. Für die Ägypter war es Magie. Für die Juden war es das Eingreifen göttlicher Kräfte. Aber beides traf nicht wirklich zu, da sie durch die natürlichen Auswirkungen zwischen Wissenschaft und Natur verursacht wurden. Letztendlich war es jedoch der Glaube, dass die göttliche und mystische Kraft hinter dem »Auge des Moses« den Pharao zum Handeln gezwungen hatte.

Das Auge des Moses, dachte DaVinci, ein dunkles Teilchen, das auf den Zeitpunkt des Urknalls zurückgeht und so mächtig ist, dass es, sollte es gefunden und studiert werden, ganze Kontinente dem Erdboden gleichmachen könnte, wenn man die Eigenschaften seiner Kräfte für militärische Zwecke nutzen würden.

Vielleicht, so überlegte er weiter, wählte die Natur nun die Menschen zum Aussterben aus, so wie sie es vor vierundsechzig Millionen Jahren getan hatte, als die Dinosaurier die Erde beherrschten.

Welch eine Ironie.

Mehrere Stunden lang betrachtete er die Überwachungsaufnahmen des Überfalls auf den kroatischen Bunker, die in einem Raster auf seinem Computerbildschirm verteilt waren. Er sah zu, wie sich die Feinde aus allen möglichen Blickwinkeln durch die Gänge bewegten, und zwar so fließend, dass es aussah, als würden sie über den Boden gleiten. Dann beobachtete er, wie sie die Tür zu dem Tresorraum aufbrachen und in die Kammer eindrangen, um wenige Augenblicke später mit dem wertvollen Besitz von Aarons Stab wieder herauszukommen.

So anmutig wie sie sich durch die Gänge bewegten, war auch ihr Abrücken gewesen. Mr. DaVinci hatte jedoch einen Fleck auf dem Handrücken einer der Soldaten bemerkt, als dessen Ärmel zurückwich, als er seine Waffe auf Augenhöhe hob und eine Tätowierung zum Vorschein kam.

Nachdem er das Bild eingefroren hatte, tippte er mit dem Zeigefinger auf den interessanten Punkt auf dem Touchscreen und gab dann einen Befehl an den sprachgesteuerten PC. »Heranzoomen«, befahl er.

Der Computer reagierte, indem er den entblößten Fleck vergrößerte, doch durch die Vergrößerung wurde das Bildmaterial unscharf und körnig. Dann befahl Mr. DaVinci tonlos: »Hochauflösende Rekonstruktion.«

Die Pixel begannen sich neu zu strukturieren, bis das verschwommene Bild schärfer und klarer wurde. Der Fleck auf der Rückseite des Handgelenks des Mannes erschien DaVinci immer noch wie ein kleiner Tintenfleck, vielleicht ein Leberfleck.

»Maximale Vergrößerung für hochauflösende Rekonstruktion«, ergänzte er.