Das Bekenntnis - John Grisham - E-Book

Das Bekenntnis E-Book

John Grisham

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Beschreibung

Wenn aus der Wahrheit Böses wächst - der neue große Roman von John Grisham

Oktober 1946 in Clanton, Mississippi. Pete Banning ist einer der angesehensten Bürger der Stadt. Der hochdekorierte Kriegsveteran hat es als Oberhaupt einer alt eingesessenen Familie mit dem Anbau von Baumwolle zu Reichtum gebracht. Er ist ein aktives Mitglied der Kirche, ein loyaler Freund, ein guter Vater, ein verlässlicher Nachbar. Doch eines Morgens wendet sich das Blatt. Pete Banning steht in aller Früh auf, nimmt ein leichtes Frühstück zu sich, fährt zur Kirche und erschießt den Pfarrer. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Gemeinde ist erschüttert, und es gibt nur eine einzige Frage: Warum? Pete Banning aber schweigt. Sein einziger Kommentar lautet: »Ich habe nichts zu sagen.« Und auch als ihm die Todesstrafe droht, bricht er sein Schweigen nicht. Ein Aufsehen erregender Prozess beginnt, an dessen Ende in Clanton nichts mehr ist, wie es zuvor war.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 738




Das Buch

Oktober 1946 in Clanton, Mississippi. Pete Banning ist einer der angesehensten Bürger der Stadt. Der hochdekorierte Kriegsveteran hat es als Oberhaupt einer alt eingesessenen Familie mit dem Anbau von Baumwolle zu Reichtum gebracht. Er ist ein aktives Mitglied der Kirche, ein loyaler Freund, ein guter Vater, ein verlässlicher Nachbar. Doch eines Morgens wendet sich das Blatt. Pete Banning steht in aller Früh auf, nimmt ein leichtes Frühstück zu sich, fährt zur Kirche und erschießt den Pfarrer. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Gemeinde ist erschüttert, und es gibt nur eine einzige Frage: Warum? Pete Banning aber schweigt. Sein einziger Kommentar lautet: »Ich habe nichts zu sagen.« Und auch als ihm die Todesstrafe droht, bricht er sein Schweigen nicht. Ein Aufsehen erregender Prozess beginnt, an dessen Ende in Clanton nichts mehr ist, wie es zuvor war.

Der Autor

John Grisham hat 31 Romane, ein Sachbuch, einen Erzählband und sechs Jugendbücher veröffentlicht. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Er lebt in Virginia.

JOHN GRISHAM

DASBEKENNTNIS

ROMAN

Aus dem Amerikanischen vonKristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiterund Imke Walsh-Araya

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

The Reckoning

bei Doubleday, New York

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Copyright © 2019 by Belfry Holdings, Inc.

Copyright © 2018 der deutschen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Oliver Neumann

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-24358-6V001

www.heyne.de

I

DER MORD

1

An einem kalten Morgen Anfang Oktober 1946 wurde Pete Banning vor Sonnenaufgang wach, und ab dem Moment war an Schlaf nicht mehr zu denken. Lange lag er flach ausgestreckt auf dem Rücken, starrte an die dunkle Zimmerdecke und fragte sich wie schon viele Male zuvor, ob er den Mut aufbringen würde. Als hinter einem Fenster das erste Licht der Dämmerung aufzog, hatte er sich schließlich mit der bitteren Wahrheit abgefunden. Es war Zeit für den Mord. Der Gedanke daran trieb ihn derart um, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen konnte. Solange er den Mord nicht beging, war er nicht er selbst. Die Planung war nicht schwer gewesen, doch die Ausführung erschien ihm immer noch unvorstellbar. Die Tat würde jahrzehntelang nachwirken und das Leben vieler verändern, nicht nur der Menschen, die er liebte, sondern auch das anderer, die er nicht liebte. Sie würde ihm zu trauriger Berühmtheit verhelfen. Dabei ging es ihm gar nicht um Ruhm. Im Mittelpunkt zu stehen war ihm von Natur aus zuwider. In diesem Fall jedoch würde es sich nicht vermeiden lassen. Er hatte schlicht keine Wahl. Nach und nach war die Wahrheit ans Licht gekommen, und seit er ihre Tragweite voll erfasst hatte, erschien ihm der Mord so unabwendbar wie der Sonnenaufgang.

Wie immer nahm er sich viel Zeit zum Anziehen – seine im Krieg zerschossenen Beine waren steif und schmerzten von der Nacht. Dann ging er durch das dunkle Haus in die Küche, wo er ein schummriges Licht einschaltete und sich Kaffee aufbrühte. Während der Kaffee durchlief, stellte er sich kerzengerade neben den Küchentisch, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und begann, vorsichtig die Knie zu beugen. Gequält verzog er das Gesicht. Obwohl der Schmerz von seinen Hüften bis in die Knöchel ausstrahlte, hielt er die Kniebeuge zehn Sekunden lang durch. Er entspannte sich und wiederholte die Übung mehrfach, wobei er jedes Mal ein wenig tiefer sank. In seinem linken Bein steckten Metallstäbe, in seinem rechten Granatsplitter.

Pete goss sich Kaffee ein, gab Milch und Zucker hinzu und trat nach draußen auf die hintere Veranda, wo er auf den Stufen stehen blieb und über seine Ländereien blickte. Die im Osten durchbrechende Sonne warf ihr gelbliches Licht auf ein Meer aus weißer Baumwolle, die aussah wie Schnee. An jedem anderen Tag hätte die Aussicht auf eine reiche Ernte Pete ein Lächeln entlockt. Heute jedoch gab es keinen Anlass zum Lächeln, heute war ein Tag der Tränen. Andererseits, den Mord nicht zu begehen wäre feige, und Pete Banning war kein Feigling. Er trank seinen Kaffee und bewunderte sein Land, dessen Beständigkeit er als tröstlich empfand. Unter der weißen Oberfläche verbargen sich fruchtbare Äcker, die seit über hundert Jahren im Besitz der Bannings war. Man würde ihn von hier wegbringen und vermutlich hinrichten, doch das Land würde für immer überdauern und seine Familie ernähren.

Sein Hund – Mack, ein Bluetick Coonhound – schüttelte den Schlaf ab und tapste zu ihm auf die Veranda hinaus. Pete strich ihm zur Begrüßung über den Kopf.

Die Baumwolle platzte förmlich aus den Kapseln. Bald würden Pflücker auf Traktoranhängern zu den entlegeneren Feldern gebracht werden. Als Kind war Pete immer mit den Schwarzen gefahren und hatte zwölf Stunden lang seinen eigenen Pflücksack übers Feld geschleppt. Die Bannings waren Farmer und Großgrundbesitzer, aber sie waren keine reichen Pflanzer, die sich auf Kosten anderer auf die faule Haut legten.

Den Kaffee in der Hand, sah er zu, wie die weite, weiße Fläche im zunehmenden Licht der aufgehenden Sonne heller leuchtete. In der Ferne, hinter den Ställen der Rinder und Hühner, hörte er die Schwarzen, die sich für einen weiteren langen Tag vor dem Traktorschuppen einfanden. Es waren Männer und Frauen, die er kannte, seit er denken konnte, bettelarme Tagelöhner, deren Vorfahren schon vor hundert Jahren auf diesen Feldern geschuftet hatten. Was würde nach dem Mord mit ihnen geschehen? Vermutlich würde sich für sie nichts ändern. Sie brauchten wenig zum Überleben, und sie kannten nichts anderes. Morgen würden sie sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort einfinden, sprachlos vor Bestürzung. Sie würden flüsternd um das Feuer stehen und sich dann auf die Felder hinausfahren lassen, beklommen und doch voller Arbeitseifer, damit sie am Abend ihren Lohn abholen konnten. Die Ernte würde ohne Unterbrechung weitergehen, bis zum letzten Sack.

Pete trank den Kaffee aus, stellte die Tasse auf das Geländer und zündete sich eine Zigarette an. Er dachte an seine Kinder. Joel würde noch in diesem Semester seinen Abschluss an der Vanderbilt University in Nashville machen, und Stella besuchte seit einem Jahr das Hollins College in Virginia. Zum Glück waren sie beide weit weg. Er empfand ihre Furcht und Scham bei der Vorstellung, dass ihr Vater im Gefängnis saß, beinahe körperlich. Doch er war sicher, dass sie darüber hinwegkommen würden, genauso wie seine Feldarbeiter. Die beiden waren klug und anpassungsfähig, und das Land würde ihnen bleiben. Sie würden ihre Ausbildung abschließen, geeignete Ehepartner finden und ihr Leben meistern.

Die Zigarette zwischen den Lippen, nahm er die Kaffeetasse und ging in die Küche zurück, wo er zum Telefonhörer griff und seine Schwester Florry anrief. Mittwoch war der Tag, an dem sie sich wöchentlich zum Frühstück trafen, und er meldete sich stets vorher bei ihr an. Er kippte den letzten Rest Kaffee aus, steckte sich eine neue Zigarette an und nahm seine Stalljacke von einem Haken neben der Tür. Mack an seiner Seite, ging er über den Hof zu dem Pfad, der am Garten entlangführte, wo Nineva und Amos für die Bannings und deren Belegschaft Gemüse anbauten. Als er am Kuhstall vorbeikam, hörte er, wie Amos mit den Tieren sprach, während er das Melken vorbereitete. Pete wünschte ihm einen guten Morgen, und sie vereinbarten, welches Mastschwein am Samstag geschlachtet werden sollte.

Obwohl seine Beine schmerzten, setzte er seinen Weg fort, ohne zu hinken. Am Traktorschuppen standen die Schwarzen um eine Feuerstelle und tranken plaudernd Kaffee aus Blechtassen. Als sie ihn erkannten, verstummten sie. Einige murmelten »’n Morgen, Mista Banning«, und er erwiderte ihren Gruß. Die Männer trugen alte, schmutzige Overalls, die Frauen lange Kleider und Strohhüte. Niemand hatte Schuhe an. Die Kinder und Jugendlichen kauerten, in eine Decke gehüllt, neben einem Anhänger, mit schläfrigem Blick und ernsten Mienen, in Gedanken bei einem weiteren langen Tag im Baumwollfeld.

Bei den Bannings gab es eine Schule für die Schwarzen, ermöglicht durch die großzügige Spende eines reichen Juden aus Chicago. Petes Vater hatte die Summe aus eigener Tasche verdoppelt. Die Bannings legten Wert darauf, dass alle farbigen Kinder auf ihrem Land zumindest die achte Klasse abschlossen. Nur im Oktober, wenn sich alles um die Ernte drehte, war die Schule geschlossen, und die Schüler gingen aufs Feld.

Pete unterhielt sich leise mit Buford, seinem weißen Vorarbeiter. Sie sprachen über das Wetter, den Ertrag vom Vortag, den Baumwollpreis an der Börse in Memphis. Während der Haupterntezeit gab es nie genug Pflücker, und Buford erwartete eine Wagenladung voll weißer Feldarbeiter aus Tupelo. Sie hätten am Vortag kommen sollen, waren aber nicht erschienen. Es hieß, ein Farmer zwei Meilen weiter zahle fünf Cent mehr pro Pfund, doch solche Gerüchte grassierten ständig in der Hochsaison. Die weißen Feldarbeiter gingen immer dorthin, wo sie den höchsten Lohn bekamen. Man wusste nie, womit zu rechnen war. Die Schwarzen hingegen konnten es sich nicht aussuchen, und die Bannings waren dafür bekannt, dass sie alle gleich bezahlten, egal, ob schwarz oder weiß.

Die beiden John-Deere-Traktoren tuckerten los, und die Pflücker kletterten auf die Anhänger. Pete sah ihnen nach, wie sie sich schwankend und schaukelnd im Schneefeld verloren.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an und ging mit Mack am Schuppen vorbei auf einen Feldweg zu. Florry wohnte etwa anderthalb Kilometer entfernt auf ihrer eigenen Parzelle, und in letzter Zeit ging Pete immer zu Fuß zu ihr. Das Gehen war schmerzhaft, doch die Ärzte hatten ihm erklärt, dass ausgiebige Spaziergänge seine Beine kräftigen und die Schmerzen eines Tages nachlassen würden. Pete glaubte das nicht. Er hatte sich damit abgefunden, dass seine Beine für den Rest seines Lebens brennen und wehtun würden. Er war froh, dass er überhaupt am Leben war. Man hatte ihn schon einmal für tot gehalten, er war dem Ende sehr nah gewesen. Jeder neue Tag war ein Geschenk für ihn.

Bis jetzt. Mit dem heutigen Tag endete das Leben, wie er es kannte. Doch damit hatte er sich abgefunden. Er hatte keine Wahl.

Florry wohnte in einem rosafarbenen Häuschen, das sie gebaut hatte, nachdem ihre Mutter gestorben war und ihnen das Land vererbt hatte. Sie schrieb Gedichte und interessierte sich zwar nicht für Baumwolle, doch für die Einkünfte, die sich damit erzielen ließen. Ihre zweihundertsechzig Hektar waren ebenso fruchtbar wie Petes Erbteil, und sie verpachtete sie ihm für fünfzig Prozent des Erlöses. Die Übereinkunft war per Handschlag getroffen worden und ebenso gültig wie ein dickes Vertragswerk, weil sie auf uneingeschränktem, gegenseitigem Vertrauen gründete.

Als Pete ankam, war sie draußen in ihrem Vogelhaus aus Hühnerdraht zugange und fütterte plaudernd ihre Papageien, Sittiche und Tukane. An die Voliere grenzte ein Verschlag, in dem sie ein Dutzend Hühner hielt. Ihre beiden Golden Retriever lagen im Gras und verfolgten die Fütterung, ohne den exotischen Vögeln Beachtung zu schenken. Das Haus war voller Katzen, die weder Pete noch die Hunde interessierten.

Er zeigte auf eine Stelle auf der vorderen Veranda und befahl Mack, dort zu warten, dann trat er ins Haus. In der Küche machte sich Marietta zu schaffen. Es duftete nach gebratenem Speck und Maisküchlein. Pete wünschte ihr einen guten Morgen und nahm am Frühstückstisch Platz. Sie schenkte ihm Kaffee ein, und er begann, die Morgenzeitung aus Tupelo zu lesen. Aus dem alten Phonographen im Wohnzimmer tönte eine Sopranistin, die, ihrem Jaulen nach zu urteilen, schwere Qualen leiden musste. Er fragte sich oft, wer in Ford County wohl sonst noch Opernmusik hörte.

Als Florry mit ihren Vögeln fertig war, kam sie durch die hintere Tür herein und setzte sich Pete gegenüber an den Tisch. Sie umarmte ihn nicht zur Begrüßung. Zuneigung wurde in dieser Familie nicht offen bekundet. Außenstehende hielten die Bannings für kalt und unnahbar, unfähig, Wärme oder Gefühlsregungen zu zeigen. Der Eindruck war nicht falsch, doch sie meinten es nicht böse. Sie waren einfach so erzogen worden.

Florry war achtundvierzig und hatte in jungen Jahren eine kurze, dramatische Ehe erlebt. Sie war eine von wenigen geschiedenen Frauen im County und musste sich dafür schief ansehen lassen. Als wäre es eine Schande. Hinter ihrem Rücken wurde sie »die Vogelfrau« genannt, und das war nicht nett gemeint. Ihr war das egal. Sie hatte ein paar Freundinnen und verließ das Anwesen selten.

Marietta stellte ihnen dicke Omeletts mit Tomaten und Spinat hin, dazu Maisküchlein, großzügig mit Butter bestrichen, sowie Speck und Erdbeermarmelade. Außer dem Kaffee, Zucker und Salz stammte alles vom eigenen Land.

»Ich habe gestern einen Brief von Stella bekommen«, sagte Florry. »Es scheint ihr gut zu gehen. Nur mit Mathematik hat sie Probleme. Literatur und Geschichte liegen ihr mehr. Sie kommt sehr nach mir.«

Pete hatte seine Kinder dazu angehalten, ihrer Tante pro Woche einen Brief zu schreiben, sie schrieb ihnen wöchentlich mindestens zweimal. Er selbst gab nichts auf Briefe und hatte ihnen das auch kundgetan. Seiner Schwester zu schreiben jedoch war Pflicht.

»Von Joel habe ich nichts gehört«, fügte sie hinzu.

»Er hat bestimmt viel zu tun.« Pete schlug eine Seite der Zeitung um. »Ist er noch mit diesem Mädchen zusammen?«

»Das nehme ich an. Er ist viel zu jung für eine Beziehung, Pete. Du solltest mit ihm reden.«

»Er würde nicht auf mich hören.« Pete aß eine Gabel voll Omelett. »Für mich zählt nur, dass er möglichst schnell seinen Abschluss macht. Ich habe keine Lust mehr, Studiengebühren zu zahlen.«

»Die Ernte läuft doch gut, oder?« Sie hatte ihr Frühstück kaum angerührt.

»Könnte besser sein. Die Preise sind gestern wieder gefallen. Es gibt dieses Jahr einfach viel zu viel Baumwolle.«

»Der Preis geht rauf und runter. Wenn es wenig Baumwolle gibt, steigt er, wenn es viel gibt, fällt er. Gekniffen ist man in jedem Fall.«

»So sieht’s aus.« Er hatte mit dem Gedanken gespielt, seiner Schwester zu sagen, was er vorhatte, doch sie würde ihn anflehen, es nicht zu tun. Sie würde hysterisch werden, und sie würden sich streiten, was sie seit Jahren nicht getan hatten. Der Mord würde Florrys Leben vollständig aus der Bahn werfen. Einerseits empfand er Mitgefühl für sie und hatte das Bedürfnis, sich zu erklären. Andererseits wusste er, dass es nichts zu erklären gab. Schon der Versuch wäre müßig.

Es war schwer vorstellbar, dass sie heute zum letzten Mal zusammen frühstückten. Allerdings gab es an diesem Tag viele Dinge, die zum letzten Mal geschehen würden.

Über das Wetter mussten sie noch sprechen, das würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Dem Bauernkalender zufolge würden die kommenden zwei Wochen kühl und trocken sein, ideal zum Pflücken. Pete brachte seine Sorge über den Mangel an Erntehelfern zum Ausdruck, und Florry erinnerte ihn daran, dass es jedes Jahr das Gleiche sei. In der Tat hatte er bereits eine Woche zuvor beim Omelett beklagt, dass er zu wenig Pflücker habe.

Pete hielt sich nie lange mit Essen auf, schon gar nicht an diesem schicksalhaften Tag. Während des Krieges hatte er lange hungern müssen und wusste, mit wie wenig der Körper auskam. Außerdem, je dünner er war, umso weniger Gewicht mussten seine Beine tragen. Er aß ein bisschen Speck, trank Kaffee, blätterte in der Zeitung und hörte Florry zu, die von einem Cousin erzählte, der mit neunzig gestorben war, ihrer Ansicht nach viel zu früh. Er dachte an den Tod und überlegte, was die Zeitungen wohl in den kommenden Tagen über ihn schreiben würden. Es würden Geschichten erzählt werden, Gerüchte sich verbreiten, dabei gab es für ihn wirklich nichts Schlimmeres, als im Mittelpunkt zu stehen. Die Sensationsgier der Leute machte ihm Angst.

»Du isst nicht genug«, sagte sie. »Du siehst mager aus.«

»Hab kaum Appetit.«

»Wie viel rauchst du?«

»So viel ich will.«

Pete war dreiundvierzig, doch er sah älter aus, zumindest Florrys Ansicht nach. Sein dichtes dunkles Haar war über den Ohren ergraut, und über seine Stirn zogen sich tiefe Falten. Der schneidige junge Soldat, als der er in den Krieg gezogen war, war vorschnell gealtert. Seine Erinnerungen lasteten schwer auf seiner Seele, doch er behielt sie für sich. Das Grauen, das er durchlebt hatte, würde nie zur Sprache kommen. Jedenfalls nicht durch ihn.

Einmal im Monat überwand er sich, Florry nach ihren Gedichten zu fragen. Über die letzten zehn Jahre waren einige wenige davon in obskuren Literaturmagazinen erschienen. Trotz des ausbleibenden Erfolgs hatte sie großen Spaß daran, ihren Bruder, seine Kinder und ihre wenigen Freundinnen mit den neuesten Entwicklungen ihrer Schreibkarriere zu langweilen. Sie konnte endlos über ihre »Projekte« schwadronieren, über Verleger, die ihre Poesie liebten, aber leider nie Platz im Verlagsprogramm dafür fanden, über Fanpost aus aller Welt. Die Schar ihrer Anhänger war nicht besonders groß, und Pete vermutete, dass der Brief, den sie vor drei Jahren von einer verlorenen Seele aus Neuseeland bekommen hatte, immer noch der einzige mit einer ausländischen Marke war.

Er mochte Gedichte nicht, und nachdem er die Werke seiner Schwester hatte lesen müssen, war ihm endgültig die Lust darauf vergangen. Ihm waren Romane lieber, insbesondere von Südstaaten-Autoren, ganz besonders von William Faulkner, den er vor dem Krieg bei einer Cocktailparty in Oxford persönlich kennengelernt hatte.

Heute Morgen war keine Zeit für das Thema. Ihm stand eine Aufgabe bevor, die keinen Aufschub duldete.

Er schob seinen halb vollen Teller von sich weg und trank den Kaffee aus. »Immer wieder ein Vergnügen«, sagte er lächelnd und stand auf. Er bedankte sich bei Marietta, zog seine Jacke an und trat ins Freie, wo Mack auf den Stufen wartete. Während sie sich gemeinsam entfernten, rief Florry ihm von der Veranda aus einen Gruß nach, und er winkte, ohne sich umzudrehen.

Auf dem Feldweg verlängerte er seine Schritte und schüttelte die Glieder aus, die von der halben Stunde Sitzen steif geworden waren. Die Sonne war nun vollends aufgegangen und ließ den Morgentau verdunsten. Um ihn herum hingen dicke Baumwollkapseln schwer an ihren Halmen und warteten darauf, endlich gepflückt zu werden. Er setzte seinen Weg fort, ein einsamer Mann, dessen Tage gezählt waren.

Nineva stand in der Küche am Gasherd und kochte die letzten Tomaten ein. Pete grüßte sie und goss sich frischen Kaffee ein, den er mit in sein Arbeitszimmer nahm, wo er sich an den Schreibtisch setzte und anfing, Unterlagen durchzusehen. Alle Rechnungen waren bezahlt. Die Konten waren auf dem neuesten Stand und in Ordnung. Die Bücher waren kontrolliert und wiesen ausreichend Barmittel aus. Er schrieb einen einseitigen Brief an seine Frau und schob ihn in einen Umschlag, den er adressierte und frankierte. Dann steckte er ein Scheckbuch und ein paar Unterlagen in eine Aktentasche und stellte sie neben den Schreibtisch. Aus einer unteren Schublade nahm er seinen Colt .45, überprüfte, ob alle sechs Kammern geladen waren, und steckte ihn in die Tasche seiner Stalljacke.

Um acht Uhr sagte er zu Nineva, dass er in die Stadt fahre, und fragte sie, ob sie etwas brauche, was sie verneinte. Mack an seiner Seite, trat er von der Veranda und öffnete die Tür zu seinem neuen 1946er Ford Pick-up. Der Hund sprang auf die Beifahrerseite der vorderen Sitzbank. Er ließ sich eine Fahrt in die Stadt selten entgehen, und heute war, zumindest für ihn, ein Tag wie jeder andere.

Die Bannings bewohnten ein prachtvolles Herrenhaus im Kolonialstil, das Petes Eltern vor dem Börsencrash 1929 gebaut hatten, gelegen am Highway 18, südlich von Clanton. Die Straße war im Jahr zuvor asphaltiert worden, mithilfe staatlicher Fördergelder. Die Einheimischen nahmen an, dass Pete seinen Einfluss geltend gemacht hatte, aber das stimmte nicht.

Clanton lag sechs Kilometer entfernt, und Pete fuhr wie immer langsam. Er herrschte kaum Verkehr, nur ein paar Maultierkarren, voll beladen mit Baumwolle, waren unterwegs zur Entkörnungsanlage. Einige der Großfarmer, darunter Pete, besaßen Traktoren, doch im Großen und Ganzen wurde der Transport immer noch von Maultieren erledigt, ebenso wie das Pflügen und Pflanzen. Gepflückt wurde von Hand. Hersteller wie John Deere und International Harvester arbeiteten an Ernteautomaten, die angeblich eines Tages Feldarbeiter gänzlich überflüssig machen würden, doch Pete hatte seine Zweifel. Angesichts der Aufgabe, die vor ihm lag, war all das ohnehin unbedeutend.

Der Straßenrand war weiß gesäumt von Baumwolle, die es von den Karren geweht hatte. Zwei schwarze Jungen mit verschlafenen Gesichtern standen an einem Feldweg und winkten aufgeregt, als sie seinen Pick-up vorbeifahren sahen, einen von nur zwei fabrikneuen Fords im County. Pete nahm sie nicht zur Kenntnis. Er zündete sich eine Zigarette an und unterhielt sich mit Mack, während sie sich der Stadt näherten.

In der Nähe des großen Platzes im Stadtzentrum, wo sich das Gericht befand, parkte er vor der Post und sah zu, wie Kunden ein und aus gingen. Hoffentlich begegnete er niemandem, den er kannte. Nach dem Mord würden alle parat stehen, um über die banalsten Beobachtungen zu berichten. »Ich habe ihn gesehen, er wirkte vollkommen normal.« Oder: »Habe ihn vor der Post getroffen, er wirkte irgendwie verwirrt.« Nach einer Tragödie waren alle immer erpicht darauf, ihren Anteil am Geschehen möglichst aufzubauschen.

Er stieg aus dem Pick-up, ging zum Postkasten und warf den Brief an seine Frau ein. Dann stieg er wieder ein und fuhr los, einmal um das Gerichtsgebäude mit seinem weitläufigen Rasen und den Pavillons herum. Dabei versuchte er, sich auszumalen, was sein Prozess für ein Spektakel geben würde. Würden sie ihn in Handschellen vorführen? Würden die Geschworenen Mitgefühl zeigen? Würden seine Verteidiger Wunder wirken und ihn freibekommen? Viele Fragen, keine Antworten. Als er das Café passierte, wo Anwälte und Banker jeden Morgen bei brühheißem Kaffee und Buttermilchbrötchen große Reden schwangen, überlegte er, was sie wohl zu dem Mord sagen würden. Er mied den Laden, weil er als Farmer keine Zeit für müßiges Geschwätz hatte.

Sollten sie nur reden. Er rechnete ohnehin nicht damit, dass sie oder irgendwer sonst im County Verständnis für ihn aufbringen würden. Im Grunde wollte er weder Mitleid noch Verständnis. Er war nur ein Soldat mit Befehlen und einer Mission.

Er parkte in einer ruhigen Seitenstraße einen Block weiter, hinter der Methodistenkirche. Er stieg aus, streckte kurz die Beine, schloss den Reißverschluss seiner Stalljacke, sagte Mack, dass er gleich wieder zurück sei, und machte sich auf den Weg zu der Kirche, die sein Großvater siebzig Jahre zuvor mit gebaut hatte. Es war nicht weit, und er begegnete niemandem. Später würde niemand angeben, ihn hier gesehen zu haben.

Drei Monate nachdem Reverend Dexter Bell die Methodistengemeinde von Clanton übernommen hatte, wurde Pearl Harbor angegriffen. Es war seine dritte Gemeinde, und wenn der Krieg nicht gewesen wäre, hätte er längst eine neue zugewiesen bekommen, so wie es bei den Methodisten üblich war. Durch den Ausfall einiger ranghöherer Geistlicher waren Verantwortungsbereiche verschoben worden und Zeitpläne durcheinandergeraten. Normalerweise blieb ein Prediger nur zwei, höchstens drei Jahre in einer Gemeinde, bis er eine neue bekam. Reverend Bell war nun schon seit fünf Jahren in Clanton tätig und wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Ruf kam. Leider kam der Ruf nicht rechtzeitig.

Er saß am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer – in dem Anbau, der sich an die hübsche Kirche anschloss – und war wie an jedem Mittwochvormittag allein, denn die Gemeindesekretärin arbeitete nur drei Nachmittage pro Woche. Der Reverend hatte sein Morgengebet beendet und war nun dabei, mithilfe seiner Arbeitsbibel, die aufgeschlagen vor ihm lag, und zwei Lexika seine nächste Predigt zu entwerfen, als es an der Tür klopfte. Ehe er etwas sagen konnte, schwang die Tür auf, und Pete Banning trat herein, grimmige Entschlossenheit im Blick.

»Pete! Guten Morgen«, sagte Bell überrascht. Er wollte eben aufstehen, als Pete einen langläufigen Revolver zog.

»Sie wissen, warum ich hier bin.«

Bell erstarrte und blickte entgeistert auf die Waffe. »Pete«, brachte er mit Mühe heraus. »Was tun Sie da?«

»Ich habe an der Front viele Männer getötet, Reverend, alles tapfere Soldaten. Sie sind der erste Feigling.«

»Pete! Nein, nein!« Der Prediger hob die Hände und sank zurück in den Stuhl, Augen und Mund weit aufgerissen. »Wenn es wegen Liza ist, das kann ich erklären. Nein! Pete!«

Pete trat einen Schritt näher, zielte und drückte den Abzug. Er war als Scharfschütze an allen Waffentypen ausgebildet und hatte im Kampf mehr Menschen getötet, als ihm lieb war, außerdem war er sein Leben lang Jäger gewesen und hatte Groß- und Kleintiere erlegt. Die erste Kugel traf Bell mitten ins Herz, ebenso die zweite. Die dritte durchbohrte seinen Schädel direkt über der Nase.

In dem kleinen Raum hallten die Schüsse wider wie Kanonendonner, doch nur zwei Personen hörten sie. Bells Ehefrau Jackie befand sich zu der Zeit allein in der Küche des Pfarrhauses. Für sie klang es – so würde sie es später beschreiben –, als hätte jemand dreimal gedämpft in die Hände geklatscht. In dem Moment ahnte sie nicht, dass es sich um Schüsse handelte. Noch weniger ahnte sie, dass gerade ihr Mann ermordet worden war.

Hop Purdue putzte seit zwanzig Jahren in der Kirche. Er hielt sich im Anbau auf, als die Schüsse das Gebäude erschütterten. In dem Moment, in dem Pete aus dem Arbeitszimmer trat, die Waffe noch in der Hand, stand er im Gang direkt gegenüber der Tür. Pete hob den Revolver und richtete ihn auf Hops Stirn, als wollte er abdrücken. Hop sank auf die Knie. »Bitte, Mista Banning«, flehte er. »Ich hab nichts getan. Ich hab Kinder, Mista Banning.«

Pete senkte die Waffe. »Du bist ein guter Mensch, Hop. Los, geh und hol den Sheriff.«

2

Vom Seiteneingang aus sah Hop Pete hinterher, der sich entfernte und dabei in aller Ruhe den Revolver zurück in die Jacke steckte. Als er außer Sicht war, schlurfte Hop – sein rechtes Bein war fünf Zentimeter kürzer als das linke – durch die offene Tür in das Arbeitszimmer und sah sich den Prediger genau an. Dessen Augen waren geschlossen, der Kopf war zur Seite gekippt. Blut floss ihm aus der Nase, Blut und Hirnmasse waren auf die Rückenlehne hinter seinem Kopf gespritzt. Ein roter Fleck überzog sein weißes Hemd, seine Brust war reglos. Ein paar Sekunden, eine Minute, vielleicht länger, wartete Hop ab, um sicherzugehen, dass er wirklich kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Dann war klar, dass er nichts mehr für den Prediger tun konnte. In der Luft hing der beißende Geruch von Schießpulver, und Hop spürte einen Würgereiz.

Da er der einzige Schwarze im Umkreis war, fürchtete er, dass man ihm die Schuld für das Verbrechen geben würde. Vor Angst wie gelähmt, gelang es ihm, den Raum langsam zu verlassen, ohne etwas zu berühren. Als er die Tür geschlossen hatte, schluchzte er auf. Reverend Bell war ein sanftmütiger Mensch gewesen. Er hatte Hop immer respektvoll behandelt, und auch dessen Familie hatte ihm am Herzen gelegen. Ein feiner Mann und Familienvater, verehrt von der ganzen Gemeinde. Was auch immer er Mr. Banning angetan hatte, er konnte unmöglich dafür den Tod verdient haben.

Hop kam der Gedanke, dass vielleicht noch jemand die Schüsse gehört hatte. Was, wenn Mrs. Bell herbeigeeilt kam und ihren Mann tot und blutüberströmt an seinem Schreibtisch vorfand? Verzweifelt versuchte er, die Fassung wiederzugewinnen. Er wusste, er hatte nicht den Mut, ihr die Nachricht selbst zu überbringen. Das sollte ein Weißer tun. Außer ihm war niemand in der Kirche, und allmählich dämmerte ihm, dass er handeln musste, bevor es zu spät war. Wenn jemand sah, wie er aus der Kirche rannte, geriet er garantiert sofort in Verdacht. So leise wie möglich verließ er das Gebäude und humpelte die Straße entlang, die auch Mr. Banning genommen hatte. Mit raschen Schritten umrundete er den Clanton Square und erspähte alsbald das Gefängnis.

Deputy Roy Lester stieg gerade aus einem Streifenwagen aus. »Morgen, Hop«, sagte er. Erst dann nahm er dessen gerötete Augen und die Tränen auf seinen Wangen wahr.

»Reverend Bell wurde erschossen«, brach es aus Hop heraus. »Er ist tot!«

Den aufgelösten Hop neben sich auf dem Beifahrersitz, raste Lester durch die stillen Straßen von Clanton und hielt Minuten später auf dem staubigen Schotterparkplatz vor der Kirche. In dem Moment schwang die Tür auf, und Jackie Bell kam herausgerannt, Hände, Gesicht, Kleid, alles voller Blut. Mit vor Entsetzen verzerrter Miene kreischte sie unverständliche Laute. Lester versuchte, sie festzuhalten, doch sie riss sich los. »Er ist tot! Er ist tot!«, schrie sie. »Jemand hat meinen Mann umgebracht!« Lester packte sie erneut und versuchte, sie zu beschwichtigen und daran zu hindern, in das Arbeitszimmer zurückzukehren. Hop wusste unterdessen nicht, was er tun sollte. Er hatte immer noch Angst, verdächtigt zu werden, und wollte auf keinen Fall mit dem Geschehen in Verbindung gebracht werden.

Mrs. Vanlandingham von gegenüber hörte den Tumult und kam angerannt, ein Geschirrtuch in der Hand. Sie traf genau in dem Moment ein, als Sheriff Nix Gridley mit durchdrehenden Reifen in den Parkplatz einbog und schlitternd zum Stehen kam. Nix stieg hastig aus dem Wagen, und als Jackie ihn entdeckte, rief sie: »Er ist tot, Nix! Dexter ist tot! Jemand hat ihn erschossen! O Gott, hilf mir!«

Nix, Lester und Mrs. Vanlandingham führten Jackie über die Straße auf ihre Veranda, wo sie in einen Korbschaukelstuhl sackte. Mrs. Vanlandingham versuchte, ihr Gesicht und Hände abzuwischen, doch Jackie wehrte sie ab. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte so heftig, dass sie sich beinahe übergeben musste.

»Bleiben Sie bei ihr«, sagte Nix zu Lester und ging zurück zu Deputy Red Arnett, der auf der anderen Straßenseite wartete. Sie betraten den Anbau und tasteten sich langsam in das Arbeitszimmer vor, wo sie die Leiche des Reverends neben seinem Stuhl auf dem Boden vorfanden. Nix fühlte behutsam das rechte Handgelenk. »Kein Puls«, vermeldete er nach ein paar Sekunden.

»Überrascht mich nicht«, sagte Arnett. »Schätze, wir brauchen keinen Krankenwagen.«

»Nein. Aber den Bestatter können Sie rufen.«

Hop betrat den Raum. »Mista Pete Banning hat ihn erschossen. Hab ich selber gehört. Und die Waffe hab ich auch gesehen.«

Nix erhob sich und sah Hop ungläubig an. »Pete Banning?«

»Genau. Ich war draußen im Flur. Er hat die Waffe auf mich gehalten und mir gesagt, ich soll Sie holen.«

»Was hat er sonst noch gesagt?«

»Ich wär ein guter Mensch. Sonst nichts. Dann ist er gegangen.«

Nix verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Red an, der skeptisch den Kopf schüttelte. »Pete Banning?«

Beide sahen Hop an, als glaubten sie ihm kein Wort. »Ganz genau«, bekräftigte er. »Hab ihn selbst gesehen, mit einem Revolver. Hat ihn mir hier hingehalten«, fügte er hinzu und deutete auf seine Stirn. »Dachte schon, ich wäre auch tot.«

Nix schob seinen Hut zurück und rieb sich die Wangen. Als er zum Boden blickte, bemerkte er die Blutlache, die sich um die Leiche herum ausbreitete. Er betrachtete Dexters geschlossene Augen und fragte sich zum ersten und nicht zum letzten Mal, wie um alles in der Welt das passieren konnte.

»Nun«, sagte Red. »Damit wäre dieses Verbrechen aufgeklärt.«

»Sieht so aus«, stimmte Nix zu. »Wir sollten trotzdem ein paar Fotos machen und schauen, ob wir Hülsen finden.«

»Was ist mit der Familie?«, erkundigte sich Red.

»Hatte gerade den gleichen Gedanken. Bringen wir Mrs. Bell ins Pfarrhaus und holen ein paar Frauen, die sich um sie kümmern. Ich gehe zur Schule und rede mit dem Schulleiter. Sie haben drei Kinder, nicht wahr?«

»Ich glaube schon.«

»Ja«, meldete sich Hop zu Wort. »Zwei Mädchen und einen Jungen.«

Nix sah Hop an. »Du sagst kein Wort, Hop, okay? Ich mein’s ernst. Du verrätst niemandem ein Sterbenswort von dem, was hier passiert ist. Wenn du redest, sperre ich dich sofort ein, das schwör ich dir.«

»Nein, klar, Mista Sheriff. Ich sag nichts.«

Sie verließen das Büro, schlossen die Tür und gingen nach draußen. Gegenüber, vor dem Haus der Vanlandinghams, hatten sich weitere Menschen auf dem Rasen versammelt, überwiegend Hausfrauen aus der Nachbarschaft, die sich fassungslos die Hände vor den Mund hielten.

In Ford County hatte es seit über zehn Jahren keinen Mord an einem Weißen mehr gegeben. 1936 waren zwei Pächter über ein wertloses Stück Land aneinandergeraten. Der, der besser zielen konnte, überlebte, berief sich vor Gericht auf Notwehr und durfte unbehelligt nach Hause gehen. Zwei Jahre später wurde dann in der Nähe von Box Hill ein schwarzer Junge gelyncht, nachdem er angeblich »frech« zu einer Weißen gewesen war. Zur damaligen Zeit galt Lynchmord nicht als Verbrechen, nirgendwo im Süden, und schon gar nicht in Mississippi. Ein falsches Wort zu einer weißen Frau hingegen wurde schon mal mit dem Tod bestraft.

In ganz Clanton konnten sich weder Nix Gridley noch Red Arnett noch Roy Lester noch sonst irgendjemand, der jünger als siebzig war, daran erinnern, dass ein so prominenter Mitbürger ermordet worden wäre. Dass der Hauptverdächtige sogar noch bekannter war als das Opfer, versetzte die ganze Stadt förmlich in einen Zustand der Lähmung. Am Gericht kam der Betrieb schlagartig zum Stillstand, weil Richter, Anwälte und Justizangestellte nur noch die Köpfe schüttelten. In den Läden und Büros um den Stadtplatz herum sprachen erschütterte Sekretärinnen, Geschäftsleute und Ladenkunden über nichts anderes. An den Schulen liefen die Lehrer aus dem Unterricht, ließen ihre Schüler im Klassenzimmer sitzen und drängten sich in Grüppchen auf den Gängen zusammen. Auf den schattigen Straßen um den Platz herum standen Anwohner neben ihren Briefkästen und bemühten sich, auf möglichst viele verschiedene Arten zum Ausdruck zu bringen, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Und doch war es passiert. Vor dem Haus der Vanlandinghams hatte sich eine Menschenmenge versammelt, die ungläubig auf den Schotterparkplatz gegenüber starrte, wo drei Polizeifahrzeuge – die gesamte Flotte des Countys – standen, außerdem der Leichenwagen vom Bestattungsinstitut Magargel’s. Jackie Bell war zum Pfarrhaus zurückgebracht worden, wo sich ein befreundeter Arzt und ein paar Damen von der Kirchengemeinde um sie bemühten. Alsbald waren die Straßen voll mit den Autos und Pick-ups von Neugierigen. Manche rollten im Schritttempo vorbei und gafften, andere blieben wahllos irgendwo möglichst nahe der Kirche stehen.

Der Leichenwagen zog die Schaulustigen an wie ein Magnet, doch Deputy Roy Lester sorgte dafür, dass sie nicht zu nahe kamen. Die Hecktür des Fahrzeugs stand halb offen, das konnte nur bedeuten, dass in Kürze ein Leichnam eingeladen werden würde, um die kurze Fahrt zum Bestattungsinstitut anzutreten. Wie immer bei einer Tragödie – bei Verbrechen und Unfall gleichermaßen – faszinierte die Schaulustigen vor allem das Opfer. Trotz lähmenden Entsetzens schoben sie sich schweigend immer näher heran. Spätestens jetzt war allen bewusst, dass sie zu den Auserwählten gehörten. Sie waren Zeugen eines entscheidenden Kapitels einer unglaublichen Geschichte. Für den Rest ihres Lebens würden sie erzählen können, wie es war, als Reverend Bell im Leichenwagen abtransportiert wurde.

Sheriff Gridley trat aus der Tür des Anbaus, blickte über die versammelte Menge und nahm seinen Hut ab. Hinter ihm erschienen die Magargels mit der Bahre, der Vater an einem, der Sohn am anderen Ende. Die Leiche war mit einem schwarzen Tuch abgedeckt, sodass nur Dexters braune Schuhe zu sehen waren. Sofort zogen alle Männer ihre Hüte und Kappen, und die Frauen senkten ihre Köpfe, ohne jedoch die Augen zu schließen. Manche schluchzten leise. Als der Leichnam behutsam verladen und die Hecktür geschlossen war, setzte sich Magargel senior hinters Steuer und fuhr los. Da er eine Vorliebe für dramatische Inszenierungen hatte, kreuzte er zunächst durch die Seitenstraßen und rollte dann zweimal im Schritttempo um das Gerichtsgebäude, damit die Stadt ihn gebührend bestaunen konnte.

Eine Stunde später rief Sheriff Gridley an, um durchzugeben, dass die Leiche zur Obduktion nach Jackson gebracht werden sollte.

Nineva konnte sich nicht erinnern, wann Mr. Pete sie zum letzten Mal gebeten hatte, sich zu ihm auf die Veranda zu setzen. Sie hatte Wichtigeres zu tun. Amos war im Stall zum Butterschlagen und brauchte ihre Hilfe. Danach musste sie Riesenmengen von Erbsen und Bohnen einkochen. Die Schmutzwäsche wartete. Aber wenn Mr. Pete sagte, setz dich ein Weilchen zu mir, dann konnte sie schlecht widersprechen. Sie trank Eistee, er rauchte – mehr als sonst, so würde sie sich später Amos gegenüber erinnern. Die ganze Zeit über beobachtete er konzentriert den Verkehr draußen auf dem Highway, einen halben Kilometer entfernt von der Einfahrt. Autos und Pick-ups zogen vorbei, dazwischen Laster voller Baumwolle, auf dem Weg in die Stadt zum Entkörnen.

Als der Wagen des Sheriffs in die Einfahrt einbog, sagte Pete: »Da kommt er.«

»Wer?«, fragte Nineva.

»Sheriff Gridley.«

»Was will er?«

»Er will mich festnehmen, Nineva. Wegen Mordes. Ich habe gerade Dexter Bell erschossen, den Methodistenprediger.«

»Was? Unmöglich! Sie haben … was getan?«

»Du hast mich schon richtig verstanden.« Er stand auf, ging ein paar Schritte auf sie zu, beugte sich zu ihr hinunter und deutete mit dem Finger auf sie. »Du wirst zu niemandem jemals ein Wort darüber sagen, Nineva. Kapiert?«

Ihre Augen waren weit aufgerissen, ebenso wie ihr Mund. Sie konnte nicht sprechen. Er zog einen kleinen Umschlag aus der Jackentasche, den er ihr reichte. »Geh jetzt ins Haus. Sobald ich weg bin, bringst du das zu Florry.«

Er nahm ihre Hand und half ihr beim Aufstehen, dann öffnete er die Fliegengittertür. Als sie drinnen war, stieß sie einen gequälten Laut aus, der ihm durch Mark und Bein fuhr. Er schloss die Eingangstür und blickte dem Sheriff entgegen. Gridley hatte es nicht eilig. Er parkte den Streifenwagen neben Petes Pick-up, stieg aus, zusammen mit Red und Roy, und gemeinsam gingen sie auf die Veranda zu, wo sie vor der Treppe stehen blieben. Gridley blickte Pete an, der unbeteiligt wirkte.

»Sie kommen besser freiwillig mit uns, Pete«, sagte Nix.

Pete deutete auf seinen Pick-up. »Der Revolver liegt auf dem Vordersitz.«

Nix sah Red an. »Holen Sie ihn.«

Pete stieg langsam die Stufen hinunter und ging zum Auto des Sheriffs. Roy öffnete eine Fondtür, und als Pete den Kopf einzog, um einzusteigen, heulte im Garten Nineva auf. Er blickte hinüber und sah sie im Eiltempo auf den Stall zustolpern, den Brief in der Hand.

»Fahren wir.« Nix öffnete die Fahrertür und setzte sich ans Steuer. Red nahm neben ihm Platz, in der Hand den Revolver. Hinten saßen Roy und Pete Schulter an Schulter. Niemand sprach, es war beinahe, als hielten alle den Atem an, während sie die Farm hinter sich ließen und auf den Highway einbogen. Die Gesetzeshüter spulten ihr Routineprogramm ab, doch in Wahrheit waren sie ebenso bestürzt wie alle anderen auch. Ein angesehener Prediger war vom beliebtesten Sohn der Stadt, einem Kriegshelden, kaltblütig ermordet worden. Dafür musste es einen verdammt guten Grund geben. Es war sicher nur eine Frage der Zeit, bis die Wahrheit herauskäme. Doch in diesem Moment stand die Zeit still. Was hier geschah, schien nicht real.

Auf halbem Weg in die Stadt blickte Nix in den Rückspiegel. »Ich werde Sie nicht fragen, warum Sie es getan haben, Pete«, sagte er. »Ich will nur wissen, ob Sie es gewesen sind.«

Pete atmete tief durch und blickte auf die vorbeiziehenden Baumwollfelder. »Ich habe nichts zu sagen.«

Das Bezirksgefängnis von Ford County stammte aus einem früheren Jahrhundert und war im Grunde für die Unterbringung von Menschen völlig ungeeignet. Ursprünglich ein Lagerhaus, hatte der Bau verschiedensten Zwecken gedient, bis das County ihn gekauft und mit einer Trennwand in zwei Bereiche unterteilt hatte. In der vorderen Hälfte gab es sechs Zellen für weiße Häftlinge, in der hinteren mussten sich die gleiche Fläche acht schwarze Insassen teilen. Ein Bürotrakt, der später angebaut worden war, beherbergte das Büro des Sheriffs und die Polizei der Stadt. Die Haftanstalt war selten voll besetzt, jedenfalls nicht auf der Vorderseite. Da sie nur zwei Straßen vom Clanton Square entfernt lag, konnte man vom Haupteingang aus das Dach des Gerichtsgebäudes sehen. Wenn ein Strafprozess stattfand – was selten vorkam –, wurde der Angeklagte oft zu Fuß vom Gefängnis zum Gericht gebracht, lediglich begleitet von einem oder zwei Beamten.

Vor dem Eingang hatte sich eine Traube von Menschen versammelt, um einen Blick auf den Mörder zu erhaschen. Es war immer noch unvorstellbar, dass Pete Banning getan hatte, was er getan hatte. Niemand rechnete damit, dass er wirklich ins Gefängnis kam. Für jemand, der so bekannt war wie Mr. Banning, würde es bestimmt eine Sonderlösung geben. Andererseits, wenn der Sheriff tatsächlich die Kühnheit besessen hatte, ihn festzunehmen, wollte man das Ganze schon mit eigenen Augen sehen.

»Es hat sich wohl schon herumgesprochen«, murmelte Nix, als er auf den Schotterparkplatz vor dem Gebäude einbog. »Niemand spricht ein Wort«, ordnete er an. Der Wagen hielt, und alle vier Türen öffneten sich. Nix nahm Banning am Ellbogen und zog ihn zum Eingang, Red und Roy im Schlepptau. Die Menge gaffte stumm, bis ein Reporter der Ford County Times mit einer Kamera vortrat und ein Foto schoss – mit einem Blitzlicht, das sogar Pete zusammenfahren ließ. In dem Moment, als er durch die Tür trat, rief jemand: »Verrotte in der Hölle, Banning!«

»Ja, genau!«, stimmte ein anderer ein.

Der Verdächtige ließ sich nichts anmerken, als würde er die Schaulustigen gar nicht wahrnehmen. Im nächsten Moment war er nicht mehr zu sehen.

In dem kleinen Raum, wo alle Verdächtigen und Kriminellen erkennungsdienstlich erfasst wurden, wartete bereits Mr. John Wilbanks, ein langjähriger Freund der Bannings und stadtbekannter Rechtsanwalt in Clanton.

»Was verschafft uns die Ehre?« Nix war ganz offensichtlich nicht begeistert, Wilbanks hier anzutreffen.

»Mr. Banning ist mein Mandant. Ich bin hier, um ihn zu vertreten.« Wilbanks trat vor und schüttelte Pete wortlos die Hand.

»Wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind, dürfen Sie die Ihre tun.«

»Ich habe bereits mit Richter Oswalt telefoniert«, sagte Wilbanks. »Wir haben die Kaution besprochen.«

»Wie reizend. Sollte er über eine Freilassung auf Kaution nachdenken, wird er mich bestimmt darüber in Kenntnis setzen. Bis dahin, Mr. Wilbanks, ist dieser Mann Verdächtiger in einem Mordfall, und ich werde entsprechend mit ihm verfahren. Wenn Sie also bitte jetzt gehen würden.«

»Ich würde gern mit meinem Mandanten sprechen.«

»Keine Sorge, er geht nirgendwohin. Kommen Sie in einer Stunde wieder.«

»Kein Verhör bis dahin, verstanden?«

»Ich habe nichts zu sagen«, erklärte Pete Banning.

Florry stand auf ihrer Veranda und las unter den Augen von Nineva und Amos Petes Brief. Die beiden keuchten noch. Sie waren vom Haupthaus im Laufschritt herübergeeilt und standen unter Schock.

Als Florry mit Lesen fertig war, hob sie den Blick. »Jetzt ist er weg?«

»Der Sheriff hat ihn mitgenommen, Miss Florry«, sagte Nineva. »Er hat gewusst, dass sie kommen würden, um ihn zu holen.«

»Hat er etwas gesagt?«

»Er hat gesagt, dass er den Pastor umgebracht hat«, erwiderte Nineva und wischte sich mit der Hand über die Wangen.

In dem Brief wies Pete Florry an, Joel und Stella in Vanderbilt beziehungsweise Hollins anzurufen und ihnen mitzuteilen, dass ihr Vater für den Mord an Reverend Dexter Bell verhaftet worden sei. Sie sollten mit niemandem darüber reden, vor allem nicht mit Reportern, und sie sollten bis auf Weiteres bleiben, wo sie waren. Er entschuldige sich für die dramatischen Ereignisse, hoffe aber, dass sie eines Tages verstehen würden. Er bat Florry, ihn am nächsten Tag im Gefängnis zu besuchen, um alles zu besprechen.

Sie hatte weiche Knie, durfte aber vor den Dienstboten keine Schwäche zeigen. Sie faltete das Blatt, steckte es in eine Tasche und entließ die beiden. Nineva und Amos zogen sich zurück, noch ängstlicher und verwirrter als zuvor, und entfernten sich in Richtung des Feldweges. Florry blickte ihnen nach, bis sie verschwunden waren, dann setzte sie sich in einen Korbschaukelstuhl und rang um Fassung.

Beim Frühstück wenige Stunden zuvor hatte er angespannt gewirkt. Andererseits war er seit dem Krieg nicht mehr derselbe wie früher gewesen. Warum hatte er sie nicht vorgewarnt? Wie konnte er so etwas abgrundtief Böses tun? Was würde aus ihm, aus seinen Kindern, seiner Frau werden? Was aus ihr, seiner einzigen Schwester? Aus dem Land?

Florry war alles andere als eine gläubige Methodistin. Sie war nicht im Schoß der Gemeinde aufgewachsen und ging nur sporadisch zur Kirche. Zu den Predigern hielt sie lieber Abstand, da sie ohnehin nie lange da waren. Bell war einer der Besseren gewesen.

Als sie an seine hübsche Frau und die Kinder dachte, war ihre Selbstbeherrschung dahin. Marietta kam durch die Fliegengittertür geschlüpft und stellte sich an ihre Seite, während sie dasaß und schluchzte.

3

Die ganze Stadt kam in der Methodistenkirche zusammen. Als draußen die Menschenmenge zunehmend anschwoll, wurde Hop von einem Laienprediger angewiesen, die Tür zur Kirche aufzuschließen. Nach und nach füllten die schockierten Trauernden die Bänke und tauschten flüsternd letzte Neuigkeiten aus. Sie weinten und beteten, wischten sich die Gesichter und schüttelten betroffen die Köpfe. Die frömmsten Gemeindemitglieder, die Dexter am besten kannten und ihn verehrten, standen dicht gedrängt zusammen und ließen ihrem Schmerz freien Lauf. Doch auch auf die weniger eifrigen Gläubigen, die nicht jede Woche, sondern nur einmal im Monat zum Gottesdienst kamen, wirkte die Kirche wie ein Sog, wollten doch auch sie an der Tragödie teilhaben. Sogar einige der vom Glauben gänzlich Abgefallenen kamen, um ihre Trauer zu bekunden. In dieser schicksalsschweren Stunde waren alle gleichermaßen willkommen in Reverend Bells Gemeinde.

Der Mord an ihrem Pastor brachte sie geistig und körperlich an ihre Grenzen. Dass er jedoch von einem aus ihrer Mitte umgebracht worden war, überstieg ihr Vorstellungsvermögen. Joshua Banning, Petes Großvater, hatte beim Bau der Kirche geholfen. Sein Vater war sein Leben lang Laienprediger gewesen. Die Mehrheit derer, die jetzt hier saßen, hatte während des Krieges für Pete gebetet. Sie waren am Boden zerstört gewesen, als vom Kriegsministerium die Nachricht kam, dass er womöglich gefallen sei. Sie hatten Nachtwachen gehalten und dafür gebetet, dass er trotz allem heimkäme. Als er eine Woche nach der Kapitulation Japans mit Liza zusammen in der Kirche seine glückliche Heimkehr feierte, hatten sie vor Freude geweint. Während des Krieges hatte Reverend Bell jeden Sonntagmorgen die Namen der Soldaten aus Ford County vorgetragen und ein Gebet für sie gesprochen. Erster auf seiner Liste war stets Pete Banning gewesen, der Held der Stadt, auf den alle stolz waren. Dass ausgerechnet er den Pastor ermordet haben sollte, war einfach absurd.

Doch je weiter die Nachricht ins kollektive Bewusstsein drang, desto mehr wurde – zumindest in gewissen Kreisen – über das Motiv spekuliert. Ein paar besonders Mutige wagten zu äußern, dass Petes Frau etwas damit zu tun haben könnte.

Am liebsten hätten sich die Trauernden auf Jackie und die Kinder gestürzt, um sie in die Arme zu nehmen und mit ihnen zu weinen, als könnte das deren Schock lindern. Gerüchten zufolge hielt sich Jackie nebenan im Pfarrhaus auf, wo sie sich mit ihren drei Kindern ins Schlafzimmer eingeschlossen hatte und niemanden sehen wollte. Das Haus war voll mit ihren engsten Freunden und Bekannten, und die Masse der Trauernden ergoss sich bis auf die Veranden und über den Vorgarten, wo Männer mit grimmigen Gesichtern standen und rauchend vor sich hin brummten. Wenn die einen nach draußen traten, um frische Luft zu schnappen, gingen andere hinein. Wieder andere betraten die Kirche über den Seiteneingang.

Der Ansturm erschütterter Schaulustiger riss nicht ab, und die Straßen füllten sich mit Autos und Pick-ups. Die Menschen bewegten sich in Gruppen auf die Kirche zu, langsam und zögerlich, als wüssten sie nur, dass man sie dort brauchte, aber nicht, was sie dort sollten.

Als im Hauptraum alle Plätze besetzt waren, öffnete Hop die Tür zur Galerie. Dann verbarg er sich im Schatten des Kirchturms, damit ihn niemand ansprach. Sheriff Gridleys Drohung hatte gewirkt. Er würde schweigen wie ein Grab. Allerdings wunderte er sich, wie die Weißen es schafften, sich so zusammenzureißen, die meisten zumindest. Wäre ein beliebter schwarzer Prediger ermordet worden, würde es viel hemmungsloser zugehen.

Ein Laienprediger neigte sich zu Miss Emma Faye Riddle und flüsterte ihr zu, dass jetzt vielleicht etwas Musik angebracht wäre. Miss Emma spielte seit Jahrzehnten in der Kirche die Orgel. Sie war zunächst nicht sicher, ob es dem Anlass entsprach, ließ sich aber schließlich überreden. Als sie die ersten Töne von »The Old Rugged Cross« anschlug, schluchzte die ganze Gemeinde auf.

Draußen unter den Bäumen trat ein Mann an eine Gruppe Raucher heran. »Sie haben Pete Banning ins Gefängnis gebracht«, verkündete er. »Die Waffe haben sie auch.« Man nahm diese Mitteilung hin, kommentierte sie und trug sie weiter, bis in die Kirche hinein, wo sie sich von Bank zu Bank verbreitete.

Pete Banning war wegen Mordes an Reverend Bell verhaftet worden.

Als feststand, dass der Verdächtige tatsächlich nicht auszusagen gedachte, führte ihn Sheriff Gridley durch eine Tür in einen schmalen, schwach beleuchteten Gang, der zu beiden Seiten von Eisengittern begrenzt war. Es gab rechts und links je drei fensterlose Zellen von der Größe eines Wandschranks. Das Gefängnis fühlte sich an wie ein feuchtes, dunkles Verlies, ein Ort, an dem die Zeit unbemerkt verstrich und Menschen dem Vergessen anheimfielen. Offenbar wurde viel geraucht. Gridley steckte einen großen Schlüssel in eine der Gittertüren, zog sie auf und forderte den Verdächtigen mit einem Kopfnicken auf einzutreten. An der entgegengesetzten Wand stand eine klapprige Pritsche, das einzige Möbelstück im Raum.

»Groß ist es leider nicht, Pete«, sagte Gridley. »Aber es ist eben ein Gefängnis.«

Pete trat hinein und blickte sich um. »Ich habe schon Schlimmeres erlebt.« Er ging auf die Pritsche zu und setzte sich.

»Die Toilette ist am Ende des Ganges«, erklärte Gridley. »Wenn Sie müssen, rufen Sie einfach.«

Den Blick zu Boden gerichtet, zuckte Pete wortlos mit den Schultern. Gridley schlug die Tür zu und kehrte in sein Büro zurück. Pete legte sich auf die Pritsche und brauchte dazu die gesamte Länge der Liegefläche. Er war knapp eins achtundachtzig groß, die Pritsche etwas kürzer als das. Es war muffig und kalt in der Zelle, und er griff nach einer gefalteten Decke, die so fadenscheinig war, dass sie ihm in der Nacht kaum Wärme spenden würde. Egal. Gefangenschaft war nichts Neues für ihn. Er hatte Dinge erlebt, die ihm heute, vier Jahre danach, genauso unvorstellbar erschienen wie damals.

Als John Wilbanks knapp eine Stunde später zum Gefängnis zurückkam, musste er mit dem Sheriff erst einmal kurz klären, wo das Mandantengespräch stattfinden sollte. Es gab keinen Raum für so bedeutende Zusammenkünfte. Normalerweise gingen die Verteidiger in den Zellentrakt und unterhielten sich im Flüsterton durch die Gitterstäbe mit ihren Mandanten, während die anderen Häftlinge die Ohren spitzten, um nichts zu verpassen. Es kam auch vor, dass ein Anwalt seinen Mandanten draußen beim Hofgang abpasste und ihn durch den Maschendrahtzaun beriet. Meistens aber suchten die Anwälte ihre Mandanten gar nicht in der Haft auf, sondern warteten ab, bis sie zum Gericht gebracht wurden, und sprachen dort mit ihnen.

John Wilbanks war jedoch überzeugt, dass er jedem anderen Anwalt in Ford County – wenn nicht im gesamten Bundesstaat – überlegen war und sein neuer Mandant eine ganz andere Klasse darstellte als die anderen Häftlinge in Gridleys Knast. Dieser Sonderstatus erforderte einen angemessenen Rahmen, und er fand, dass das Büro des Sheriffs dafür am besten geeignet war. Gridley gab schließlich nach. Wilbanks die Stirn zu bieten war nahezu unmöglich, außerdem unterstützte die Kanzlei regelmäßig seine Wahlkampagnen. Unter Murren und Fluchen zählte Gridley ein paar harmlose Verhaltensregeln auf und zog dann los, um Pete zu holen. Er lieferte ihn ohne Handschellen ab und gewährte ihnen eine halbe Stunde Zeit.

Als sie allein waren, sagte Wilbanks: »Okay, Pete, reden wir über das Verbrechen. Wenn du es warst, sag mir, dass du es warst. Wenn nicht, sag mir, wer es war.«

»Ich habe nichts zu sagen«, entgegnete Pete und zündete sich eine Zigarette an.

»Das reicht nicht.«

»Ich habe nichts zu sagen.«

»Aha. Hast du vor, mit deinem Anwalt zu kooperieren?«

Schulterzucken, Schnauben.

Wilbanks setzte ein routiniertes Lächeln auf. »Ich erkläre dir jetzt mal, wie die Sache laufen wird. In ein oder zwei Tagen wirst du drüben am Gericht Richter Oswalt vorgeführt. Ich nehme an, du erklärst dich für nicht schuldig. Dann wirst du wieder hierhergebracht. In ein oder zwei Monaten wird die Grand Jury zusammentreten und mehrheitlich beschließen, dass die Anklage wegen Mordes gegen dich gerechtfertigt ist. Ich schätze, spätestens im Februar oder März wird Oswalt so weit sein, das Verfahren gegen dich zu eröffnen. Ich kann dich vertreten, wenn du möchtest.«

»Du warst schon immer mein Anwalt, John.«

»Gut. Aber dann musst du kooperieren.«

»Kooperieren?«

»Ja, Pete, kooperieren. Auf den ersten Blick sieht die Tat wie kaltblütiger Mord aus. Gib mir etwas an die Hand, womit ich arbeiten kann, Pete. Du hattest doch bestimmt einen guten Grund.«

»Das ist eine Sache zwischen mir und Dexter Bell.«

»Nein. Inzwischen ist es eine Sache zwischen dir und dem Staat Mississippi, der wie alle anderen Bundesstaaten bei Mord keinen Spaß versteht.«

»Ich habe nichts zu sagen.«

»Das ist keine Verteidigungsstrategie, Pete.«

»Vielleicht habe ich keine Verteidigungsstrategie, John. Jedenfalls keine, die die Leute begreifen würden.«

»Nun, die Geschworenen brauchen etwas, was sie begreifen können. Meine erste Idee ist – jedenfalls nach dem aktuellen Stand der Dinge –, auf Schuldunfähigkeit zu setzen.«

Pete schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall. Ich bin genauso klar im Kopf wie du.«

»Aber auf mich wartet nicht der elektrische Stuhl.«

Pete blies eine Rauchwolke aus. »Kommt nicht infrage.«

»Schön, dann nenne mir ein Motiv. Gib mir irgendetwas, Pete.«

»Ich habe nichts zu sagen.«

Joel Banning verließ gerade das Benson-Hall-Gebäude, als mitten auf der Treppe jemand seinen Namen rief. Ein jüngerer Kommilitone aus dem ersten Semester, den er nur vom Sehen kannte, reichte ihm einen Umschlag. »Du sollst sofort zu Dekan Mulrooney ins Büro kommen. Es ist dringend.«

»Danke.« Joel nahm den Umschlag entgegen und sah dem jungen Mann nach. Der Umschlag enthielt einen handschriftlichen Brief mit dem offiziellen Vanderbilt-Briefkopf. Joel wurde aufgefordert, sich unverzüglich zur Kirkland Hall zu begeben, dem Gebäude, in dem sich die Universitätsverwaltung befand.

In fünfzehn Minuten fing sein Literaturseminar an, und der Professor schätzte es nicht, wenn man fehlte. Wenn er sich beeilte, könnte er rasch erledigen, was auch immer der Dekan von ihm wollte, und würde anschließend ein wenig verspätet zum Unterricht gehen. Vielleicht hatte er Glück, und der Professor war guter Laune. Er eilte über den Hof zur Kirkland Hall und nahm im Laufschritt die Treppe zum zweiten Stock, wo ihm die Dekanatssekretärin mitteilte, dass er um elf Uhr einen Anruf von seiner Tante Florry erhalten würde. Sie wisse nicht, worum es gehe. Sie habe mit Ms. Banning telefoniert, die von ihrem dörflichen Gemeinschaftsanschluss aus angerufen habe und deshalb nicht habe offen reden können. Ms. Banning habe erklärt, nach Clanton fahren zu wollen, um den Privatapparat einer Freundin zu benutzen.

Während er wartete, beschloss er, dass jemand gestorben sein musste, und er überlegte unwillkürlich, wer aus dem Kreis seiner Verwandten und Freunde ihm am wenigsten fehlen würde. Die Banning-Familie bestand lediglich aus seinen Eltern Pete und Liza, seiner Schwester Stella und seiner Tante Florry. Die Großeltern waren tot. Florry war kinderlos, sodass Stella und er keine Cousins oder Cousinen auf der Banning-Seite hatten. Die Familie seiner Mutter stammte aus Memphis, hatte sich aber nach dem Krieg in alle Winde zerstreut.

Ohne sich um die Blicke der Sekretärin zu scheren, ging er in dem Büro auf und ab. Vermutlich war es seine Mutter. Sie war Monate zuvor in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden, und die Familie litt schwer darunter. Stella und er hatten sie seither nicht mehr gesehen, Briefe blieben unbeantwortet. Ihr Dad weigerte sich, über ihre Behandlung zu reden, und ließ sie mit ihren Sorgen allein. Würde sich Moms Zustand verbessern? Würde sie nach Hause kommen? Würden sie je wieder eine richtige Familie sein? Joel und Stella hatten sehr viele Fragen, doch ihr Vater bevorzugte andere Gesprächsthemen, wenn er überhaupt zum Reden aufgelegt war. Auch Tante Florry war keine große Hilfe.

Um Punkt elf Uhr rief sie an. Die Sekretärin reichte Joel den Telefonhörer und verschwand um eine Ecke, wobei sie mit Sicherheit in Hörweite blieb. Joel sagte Hallo und hörte dann lange Zeit nur zu. Florry erläuterte zunächst, dass sie in der Stadt bei Miss Mildred Highlander sei, die Joel kannte, seit er denken konnte. Das Gespräch müsse vertraulich bleiben, und das sei über ihren Gemeinschaftsanschluss zu Hause nicht zu gewährleisten, wie er ja selbst wisse. In Wahrheit könne momentan in ganz Clanton nichts vertraulich bleiben, weil sein Vater zur Methodistenkirche gefahren sei, um Reverend Dexter Bell zu erschießen. Er befinde sich jetzt im Bezirksgefängnis. Da könne man verstehen, dass die ganze Stadt in Aufruhr und alles zum Stillstand gekommen sei. Frag nicht, warum, Joel, und sag nichts, was in falsche Ohren gelangen könnte, ganz egal, wo du bist. Es ist einfach schrecklich, Gott steh uns bei.

Joel musste sich am Schreibtisch der Sekretärin abstützen, weil ihm schwindelig wurde. Er schloss die Augen und atmete tief durch, während er Florry weiter zuhörte. Sie berichtete, dass sie schon mit Stella in Hollins telefoniert habe und dass seine Schwester die Nachricht nicht gut aufgenommen habe. Sie sei jetzt im Büro des Schulleiters, wo sich eine Krankenschwester um sie kümmere. Pete habe sie, Florry, schriftlich angewiesen, Joel und Stella zu sagen, dass sie bis auf Weiteres an ihren Studienorten zu verbleiben hätten. Thanksgiving sollten sie bei Freunden verbringen, möglichst weit weg von Ford County. Und wenn Reporter, Ermittler, Polizei oder sonst jemand auf sie zukäme, sollten sie sich in Schweigen hüllen. Kein Wort zu niemand über ihren Vater oder die Familie. Zum Schluss versicherte ihm Florry, dass sie ihn sehr lieb habe, sofort einen langen Brief schreiben werde und dass sie sich wünsche, sie könne in dieser schweren Stunde bei ihm sein.

Joel legte den Hörer wortlos auf die Gabel und verließ das Gebäude. Er streifte ziellos über den Campus, bis er eine halb im Gebüsch verborgene leere Bank entdeckte. Er setzte sich und kämpfte mit den Tränen, fest entschlossen, Haltung zu bewahren, ganz so, wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Arme Stella, dachte er. Ebenso sensibel und leicht erregbar wie ihre Mutter. Mit Sicherheit war sie jetzt ein Häuflein Elend.

Verängstigt und verstört sah Joel zu, wie die Herbstblätter im Wind durcheinanderwirbelten. Am liebsten hätte er sofort den nächsten Zug nach Hause genommen. Noch vor Sonnenuntergang könnte er in Clanton sein und sich daranmachen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch der Gedanke verflüchtigte sich. Irgendwann fragte er sich, ob er überhaupt jemals zurückgehen würde. Reverend Bell war ein begnadeter und entsprechend beliebter Prediger gewesen. Den Bannings schlug jetzt bestimmt offener Hass entgegen. Außerdem hatte sein Vater Stella und ihn ausdrücklich angewiesen wegzubleiben. Joel war zwanzig, er hatte sich seinem Vater noch nie widersetzt, auch wenn er mit zunehmendem Alter gelernt hatte, ihm gegenüber respektvoll seine Meinung zu äußern. Pete Banning war ein stolzer Soldat, ein Mann strenger Disziplin, der wenig sprach und großen Wert auf Autorität legte.

Dass er einen Mord begangen haben sollte, konnte einfach nicht sein.

4

Ebenso wie die Läden und Büros, die den malerischen Stadtplatz säumten, machte das Gericht täglich um siebzehn Uhr Feierabend. Normalerweise waren um diese Uhrzeit alle Türen verriegelt, die Lichter gelöscht, die Bürgersteige verwaist. Heute jedoch hielten sich die Leute ein wenig länger in der Stadt auf, für den Fall, dass es neue Fakten und/oder Gerüchte rund um den Mord gab. Seit dem Morgen war über nichts anderes gesprochen worden. Man hatte sich gegenseitig mit ersten Berichten schockiert und dann die weitere Entwicklungen unters Volk gebracht. Erfüllt von feierlichem Respekt, hatte man zugesehen, wie Magargel senior mit seinem Leichenwagen um den Platz herumdefiliert war, damit alle einen Blick auf die Leiche werfen konnten, deren Konturen sich unter einem schwarzen Tuch abdrückten. Manche hatten sich in die Methodistenkirche gewagt, um Totenwache zu halten und zu beten, und waren danach zum Platz zurückgekehrt, um beinahe atemlos zu berichten, was sich im Epizentrum der Ereignisse zutrug. Baptisten, Presbyterianer und Pfingstkirchler hatten das Nachsehen, da sie weder zum Opfer noch zum Täter eine Verbindung vorweisen konnten. Diese Bühne gehörte allein den Methodisten. Man riss sich darum, die eigenen Bande zu Täter oder Opfer zu erläutern, die mit fortschreitender Stunde immer enger zu werden schienen. Nie hatte die Methodistenkirche von Clanton mehr Gemeindemitglieder gesehen als an diesem unglückseligen Tag.

Die meisten Bewohner der Stadt, zumindest die Weißen, empfanden die Tat als Verrat. Der Reverend war allseits beliebt und hoch angesehen gewesen, Pete Banning ein Held, eine Legende. Dass der eine den anderen ermordet hatte, erschien so sinnlos und grotesk, dass es niemanden kaltließ. Doch niemand wagte ernsthaft, laut über das Motiv nachzudenken.

Nicht dass es an Gerüchten mangelte: Banning werde morgen dem Richter vorgeführt werden, doch er verweigere immer noch die Aussage. Er werde sich auf Schuldunfähigkeit berufen. John Wilbanks habe noch nie einen Prozess verloren, also werde er auch diesen gewinnen. Richter Oswalt sei ein enger Freund von Pete Banning. Richter Oswalt sei ein enger Freund von Dexter Bell. Der Prozess werde zum ersten Mal seit dem Krieg verlegt, nach Tupelo. Jackie Bell stehe unter Beruhigungsmitteln. Ihre Kinder seien verzweifelt. Pete werde sein Land als Kaution verwenden und könne morgen