Das Blaue Kind - Peggy Kurka - E-Book
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Das Blaue Kind E-Book

Peggy Kurka

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Beschreibung

»Ich träumte Weiße Träume, die sich niemals für mich erfüllten.« - Peggy Kurka kommt 1969 in der DDR zur Welt. Die Mutter hatte eine kurze Beziehung mit einem jungen Studenten aus Guinea und gibt ihr Kind gleich nach der Geburt zur Adoption frei. So wird Peggy Teil einer zutiefst rassistischen, brutalen Familie und erfährt von klein auf, was es bedeutet, Außenseiterin zu sein. Denn Vorbilder oder eine Community gibt es nicht, und Peggy kämpft mit ihrem Selbstbild. Erst viele Jahre später gelingt es ihr, die Deutungshoheit über ihre Identität wiederzuerlangen. In ihrem Buch erzählt sie von ihrer wagemutigen Reise.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungEinleitungZitatZu sagen ist …VorwortEine fast Weiße Narbe gleich unterm HerzenBorn Day, When It All BeganWenn ich Dich sucheDefinition MutterMeine AdoptivelternKind zu ihrwinterreim in berlinKinderaugenAngela-Davis-Schule Werder7 JahreDas blaue KindDas Blaue KindKarlo, Adoptivbruder. Viele Wege führen wegLeben lassenMeine Flucht in die SchönheitGesichter der Angst /Faces of Feardeutschland im herbstGlanz des TagesKunst und Tanztheater PetersbergMeine große Liebe Decorsey Mc Eleney alias Mac FolkesReflection MSchlusswortgrenzenlos und unverschämtThank you!Quellen

Über dieses Buch

»Ich träumte Weiße Träume, die sich niemals für mich erfüllten.« – Peggy Kurka kommt 1969 in der DDR zur Welt. Die Mutter hatte eine kurze Beziehung mit einem jungen Studenten aus Guinea und gibt ihr Kind gleich nach der Geburt zur Adoption frei. So wird Peggy Teil einer zutiefst rassistischen, brutalen Familie und erfährt von klein auf, was es bedeutet, Außenseiterin zu sein. Denn Vorbilder oder eine Community gibt es nicht, und Peggy kämpft mit ihrem Selbstbild. Erst viele Jahre später gelingt es ihr, die Deutungshoheit über ihre Identität wiederzuerlangen. In ihrem Buch erzählt sie von ihrer wagemutigen Reise.

Über die Autorin

Peggy Kurka ist international gefragte Haar- und Make-up-Artistin. Sie wuchs in der DDR auf, wurde früh als Model entdeckt und lief u. a. Runway Shows im Berliner Palast der Republik. Nach dem Fall der Mauer lebte sie in London, Paris und schließlich in Hamburg, verliebte sich in das Theater und wurde Visagistin. DAS BLAUE KIND ist ihr erstes Buch.

Peggy Kurka

Das

Blaue

Kind

Meine Geschichte alsSchwarze Deutsche

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2023 by Peggy Kurka

Published by arrangement with rauchzeichen•agentur

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der genannten Personen sind Orte und Namen geändert.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Thembi Wolf, Berlin

Umschlaggestaltung: Kuzin & Kolling, Hamburg | Hannah Kolling

Einband-/Umschlagmotiv: © Jork Weismann

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-2886-7

quadriga-verlag.de

lesejury.de

Für John Otis, Beck und Mac

Ich habe jahrzehntelang gedacht, dass ein erfülltes Leben der stetige Kampf ums Überleben ist. Der Kampf, nicht zu sterben und irgendwie in Sicherheit zu sein. Ich bin gelaufen und gelaufen, sehr weit gelaufen, fast um die ganze Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, dass es jeden einzelnen Tag bestimmte. So viele schöne Momente konnten mir nur kurz Freude bereiten, denn dann ging die Jagd um den Erdball, weg von da, wo ich herkam, weiter.

Erst kürzlich hielt ich inne, sah um mich und befand, dass ich noch einmal zurückblicken möchte, um dieses Buch zu schreiben. Einfach nur Freude zu haben, ohne mich zu reiben, ohne mich mit den dunkelsten Seiten eines jeden Menschen, der mir begegnet ist, zu befassen.

Meine Geschichte ist unsere Geschichte.

»Auf dass die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden.«

Christoph Schlingensief

Zu sagen ist …

Seit ich nun Schwarz bin

find ich kaum mehr Ruh

so viel zu sagen ist

so viel zu weinen ist

so viel zu lieben, zu bedenken ist

so froh dass meine Haut

sich fast vom Fleische löst

will doch die Freude gleich in jeden Spalt

Hallo, Du wunderschönes Ding

aus Adern und Blut

Händen wie Füßen

Dank an Euch Beine

In Zeiten des weiten Wanderns mich trugen

Niemals schwächeln taten

Hände, die mich an Ästen und Sträuchern

an Griffen des Lebens halten ließen

Bei mir waren, als ich vergaß

Peggy Kurka, Santanyí, Mai 2022

Vorwort

Das hier ist mehr als überfällig. Der Erinnungsknast ist mir zu eng geworden. Mich überfiel ein unerklärlicher Drang danach, zu erzählen, woher ich komme. Woher wir kommen. Wir ganzen Wirs. Wir Wirs, die in der DDR von 1961 bis 1970 geboren wurden und aufgewachsen sind. Die Jahre, zu denen die afrodeutsche Wissenschaftlerin Peggy Piesche forschte, weil sie interessante Aufschlüsse hinsichtlich der Zuschreibungen und Rezeption des »Fremden« und »Anderen« vor allem in Bezug auf Schwarze Menschen ermöglichen. Besonders über deren gesellschaftliche und kulturelle Sozialisation. So wie auch ich, Peggy Kurka, es erlebt hatte.

Die Schwarzen und Braunen Wirs, die ungeachtet, nicht mitbedacht, aber mitgelaufen sind. Ohne jemals eine Identität bekommen zu haben, aus gesellschaftlicher Absicht, vermengt mit persönlichem Versagen autoritärer Erwachsener. Die DDR war ein Land von über 700 Erziehungseinrichtungen, in denen mehr als 500.000 Kinder und Jugendliche gebrochen und gezüchtigt wurden, wenn das nicht schon zu Hause erledigt worden war. Rassismus und Ausgrenzung waren der normale Singsang des Ostens. Vielleicht waren sie auch das Resultat einer selbsternannten Kultur, die sich von Anfang an auf die Fahne schrieb, den Naziverbrechern keinen Prozess zu machen. Ganz frei nach dem Motto: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Nach mehreren verzweifelten Versuchen, mich abzutreiben, gebar mich Irmgart, eine zweiundzwanzig Jahre alte, verheiratete, Weiße Frau, so sagen sie, im Mai 1969 in einem Müttergenesungsheim in Bad Saarow am Scharmützelsee. Sie überließ mich dem fragwürdigen System, das den Wert eines Menschenlebens anhand einer Farbtabelle und der Parteizugehörigkeit formulierte. In einem Jahr, kurz vor Sommerbeginn, zu einer Zeit, in der das Wort Menschenwürde leider schon vollständig verdreht war, begann mein Leben. Ein Leben, von dem niemand erfahren sollte. In diesem Kinderheim, als Schwarzes Baby dem diktatorisch-kommunistischen Staat gehörend, begrüßte mich das Universum auf eine Runde Leben. Mein leiblicher Vater kam aus Guinea, einem zu dieser Zeit eher westlich orientierten Land. Er studierte für Devisen – also Dollars – an der Hochschule für Ökonomie »Bruno Leuschner« in Karlshorst. Er und die junge Irmgart begegneten sich eher flüchtig, so beschrieb sie mir später während unseres einzigen Treffens. Bis heute möchte sie noch nicht eingehender mit mir darüber sprechen, was ich zu akzeptieren habe.

So beginnt meine Geschichte über Wünsche, Träume, Lebenslügen, über Identitätslosigkeit und die »stille Eleganz« pädophiler Neigungen und Rassismus in der Familie. An diesem Ort, zu dieser Zeit und in den verworrenen, verwahrlosten Werten meiner Folgefamilie mitten im zweigeteilten Deutschland. Ich war das eindeutige, lebendige Abbild für die Solidarität in der DDR. Mir wurde aus einer Schneeweißen Perspektive heraus geholfen. Solidarität als Hierarchieform. So ähnlich beschrieb es Peggy Piesche in einem Interview sehr passend und in ihrem Artikel »Schwarz und deutsch? Eine Ostdeutsche Jugend vor 1989 – Reprospektive auf ein nicht existentes Thema in der DDR«.

Vielleicht ist das Folgende nur mein persönliches Los. Vielleicht aber – und davon bin ich persönlich überzeugt – ist es die Geschichte vieler Menschen, egal ob aus dem Osten oder aus dem Westen. Dann ist es nämlich unsere, unser aller Geschichte. Auch die Geschichte derer, die wegsehen und sich wie Kinder die Augen und Ohren zuhalten, darauf hoffend, dass die Vergangenheit ihre Geschichten begräbt. Ich wollte immer irgendetwas mit meinen Erfahrungen anfangen. Sie nicht sinnlos gewesen sein lassen, sondern anderen dienlich. Sicher ist es nicht allen so gegangen wie uns. Dann erzähle ich das Folgende für den Teil der 500.000, die noch keiner angehört hat. Es sollte bitte nicht umsonst gewesen sein, dass ich noch da bin und befähigt zu sprechen.

Das Glück zu haben, noch hier zu sein, durchfährt mich immer wieder. Mir öffneten sich beim Schreiben so viele Türen, während sich andere wieder und wieder schlossen. Sonderbarerweise fand ich dennoch immer genug Türklinken zur richtigen Zeit. Manchmal in der wirklich allerallerletzten Sekunde. Ich war getrieben davon, immer weiter zu gehen, tiefer in meine Erinnerungen zu steigen, ohne zu wissen, warum und wohin. Dahin, wo ich herkam, ging es auf keinen Fall mehr. Seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung gab es diesen Ort ohnehin nicht mehr. Es ließ mich in meinem Leben immer traurig und wütend zurück, wenn ich mich umdrehte. Ich suchte immer die Freude, die Sonne, den Erfolg. Ich wollte so weit weg, wie es nur irgend ging. Was ich dort fand, war nicht so leicht zu lieben. Ein Haus auf einem Fundament aus weggeträumten Geschichten ist wackelig. Die Bedeutungslosigkeit trieb mich durch meine Tage. Und das Gefühl, meiner Adoptivmutter zu gehören und mich schuldig zu fühlen, wenn ich nicht war, wer ich für sie zu sein hatte.

Beim Zurückblicken auf mein Leben ereilte mich zumeist ein Ekel und die riesengroße Sehnsucht danach, dass eines Tages alles gut werden würde. Irgendwie gut und nicht wie das, was ich in mir verbuddelte. Ich wollte immer nach vorne schauen, aber etwas zog mich zurück. Jetzt habe ich mich doch noch einmal gründlich umgedreht und mir alles angesehen. Ich verstehe, während ich schreibe, und sehe ein größeres Bild, eines, das mich als Molekül der Masse der Gesellschaft definiert. Größten Dank und Respekt an mein Gehirn! Dafür, dass es in der Lage war, über so lange Zeit, Schmerz aus vergangenen Tagen zumindest partiell aus dem Leben herauszufiltern.

Kürzlich fragte mich ein bekannter Fotograf, mit dem ich mich über dieses Buch unterhielt, ob ich depressiv geworden sei. Darüber, ob ich das sein könnte, habe ich nie wirklich nachgedacht. Es hatte nie diesen einen Moment gegeben, an dem alles gut war und dann nicht mehr. Beim Darübernachdenken meine ich, mein ganzes Leben lang mit derlei Problematiken zu tun gehabt zu haben. Das würde auch erklären, weshalb mir einfachste Dinge manchmal unglaublich schwer fielen und mir überdimensional viel Kraft abverlangten. Ich denke, es ist meiner Kreativität und unbändigen Neugier zu verdanken, dass es immer etwas in meinem Leben zu ergründen oder zu erledigen gab.

Dass Erschöpfung und Müdigkeit niemals ein Grund waren, etwas, das sich vor mir auftat, nicht erleben zu wollen.

Viele Menschen, die ich beruflich und auch privat getroffen habe, vertrauten sich mir an und entblätterten sich vor mir. Ohne dass ich danach gefragt hätte. Anhand ihrer Geschichten lernte ich etwas über meine eigene. Ich verglich mich mit ihnen. Oft fragte ich mich: Halten sie nur so wenig Schmerz und Enttäuschung aus – oder bin ich einfach so sehr daran gewöhnt, dass alles im Leben schwer ist? Ich dachte immer, Schmerz und Einsamkeit seien immer da, bei allen, Normalität eben. Warum taten mir diese Dinge nicht weh? Was hat mich so hart werden lassen?

Kein Thema war mir je zu intim. Für mich ist das Feld, auf dem sich Konversationen abspielen können, weit. Auch wenn manche Begegnungen nur kurzweilig sind, können sie wertvoll sein. Als Suchende unterhalte ich mich mit jedem gern und vermute in jeder Begegnung erlösende Klarheit. Hatte jemand ein Yoga-Retreat, eine Meditationsreise oder eine Hypnosetherapie ausprobiert und lehrreiche Erfahrungen dabei gemacht, bin ich vor Neugier fast geplatzt und habe es nachgemacht. Voller Hoffnung, in der mir neuen Materie Antworten auf meine noch unformulierten Fragen zu finden. Immer, wenn mir schien, dass ein Weg etwas zutage bringen könnte, auf das ich mit meinem Verstand keinen Zugriff haben kann, bin ich ihm mit Hingabe gefolgt. Wusste jemand eine tolle Astrologin, habe ich das ausprobiert. Die Liste ist lang: Pilates, Shiatsu, Reiki-Einweihungen, schamanische Sitzungen, chinesische Medizin, Akupunktur, Heilersitzungen und zwei klassische Traumatherapien, ein Töpferkurs, Schwimmunterricht. So ging es immer ein kleines Stück weiter vorwärts. Einfach nur vorwärts, auch wenn vorwärts manchmal wie ein Rückwärts zu sein schien. Die Essenzen dieser Praktiken haben viel mit Selbstreflexion und Disziplin zu tun. Und der Befähigung, innerem und äußerem Druck nachzugeben. Sie lehren, aus friedlicheren Quellen des Körpers Antriebsenergie zu generieren, nicht nur aus Wut und Aggression. Davon habe ich noch immer reichlich, ich verwende sie nur anders.

Dennoch ist es mir nie gelungen, in all den spirituellen oder auch klassischen Coachings ein ganzes Bild meiner selbst zu finden. Das Ankommen im Hier und Jetzt wollte mir nicht gelingen, das Ja-Sagen zum Leben. Ich konnte nicht einmal zu Gott beten, denn dieser Gott, den ich kannte, war Weiß.

Ich habe schon mehrere Anläufe genommen, um mir zu gönnen, meine Geschichte aufzuschreiben. Für mich, um vollständig zu werden und nicht mehr verstecken zu müssen, wer ich bin. Ich schenke mir mit diesem Buch meine Identität, die ich und jeder Mensch im Universum verdient haben. Das größte und aufwendigste Geschenk, das ich mir je gemacht habe.

Ich kann das Vorwort hier noch nicht enden lassen, obwohl es sich anbieten würde. Die Komplexität und Vielschichtigkeit der Umstände in meinem Leben und derer, die sich mir als Familie vorgestellt hatten, veranlassen mich zu erklären, bevor meine Geschichte beginnt. Ohne, dass ich vorschnell zu viel erzählen möchte. Es wäre verständlich, als Leser:in hier abzubrechen und sich den Kapiteln zuzuwenden. Ich möchte in diesem Fall empfehlen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder hierher zurückzufinden.

Marion war meine Adoptivmutter. Auf den Moment ihres Todes in unser beider Tage habe ich lange gewartet. Es war ein großes Problem für mich, dass ich sie nicht liebte und mir wünschte, dass sie tot ist. Ich vertraute mich einmal einer Therapeutin an mit dieser Sorge, die mich dann für narzisstisch hielt. Sie ermahnte mich, doch meiner Adoptivmutter dankbar zu sein und sie zu respektieren.

In einer späteren Hypnosetherapie, mit einer wunderbaren, feinfühligen Frau, fand ich mich völlig aufgelöst tobend und kurzatmig in der Badewanne wieder. Ich war mein zehn oder elf Jahre altes Ich, die Hand am Penis eines erwachsenen Mannes. Die Hypnotiseurin holte mich schnell wieder zurück ins Hier und Jetzt. Das waren die ersten, konkreten, schmerzlichen Erinnerungen und der Anfang einer heilenden Reise. Einer der vielen Anfänge in meinem Leben. Ich wusste, dass Marion mich niemals in Ruhe lassen würde mit ihren Vorwürfen und Besitzansprüchen, ihren rassistischen negativen Zuschreibungen. Nun ist sie fort, und ich wünsche ihr einen friedlichen Übergang, wohin auch immer es gehen mag. Diese Runde hier ist jedenfalls vorüber. Nach Marions Ableben bin ich mutiger geworden, schlafe besser, traue mich, noch mehr auszusprechen. Es ist überwältigend, zu erkennen, wie groß meine Angst vor ihr und ihren Spielchen war. Wie tief sie mir in den Zellen steckte. Nun äußere ich mich und höre nicht mehr damit auf.

Ich erlöse mich hiermit. Aus ihrer Jahrzehnte andauernden Gehirnwäsche und meiner Rolle als Weißgezüchtetem Privatbesitz.

Bis heute habe ich darum gerungen, mir und meiner Wahrnehmung Glauben zu schenken. Meine Erfahrungen und Erinnerungen waren nicht von meinem kindlichen Selbst erfunden und entsprangen nicht einfach, so wie meine »Familie« es zu sagen pflegte, meiner Fantasie.

Ich habe mich darauf gefreut, dass der Tag kommt, an dem ich mir selbst glaube, und nun ist er da.

Nur weil eine Abstammungsurkunde umgeschrieben wird und jemand seinen Namen einträgt anstelle deines eigenen, bist du als Kind nicht einfach jemandes Schöpfung. Du kannst nicht einfach so, scheinbar zu deinem Besten, hin und her gereicht werden, wie es noch immer abläuft, zu Hause angekommen bist du dann noch lange nicht. Oder fühlst dich willkommen.

Nur wenn das Kind geschützt und gesehen wird, ist die Eingliederung in eine neue Familie geglückt. Natürlich war eine gelungene Adoption in einer menschenverachtenden Diktatur wie der DDR undenkbar. Aber heute und in der Zukunft ist es absolut realistisch und wünschenswert. Schwarze Kinder oder Kinder of Color, die in Weiße Familien eingegliedert werden sollen, haben zeitlebens ein Recht auf ihre eigene Identität und Herkunft. Diese darf nicht von der neuen Elternschaft ausgelöscht oder umgekrempelt werden. Das leibhaftige Kind ist in seiner Vollständigkeit als Teil der neuen Familie zu verstehen. Wie können sonst Liebe, Vertrauen und Fürsorge gedeihen. Unser aller Hier braucht uns vereint, Schwarz und Weiß, alles dazwischen und drumherum. Der Westen braucht den Osten und kann ihn nicht einfach überrollen und seine Historie begraben. Er war schließlich unsere Heimat und erzählt unsere Geschichten. Seine Ahnen lehren unsere Kinder. Gesellschaft bedeutet Gemeinschaft und hat sie zu schützen, unsere Würde zu erhalten und unser Recht auf Herkunft zu gewähren sowie unseren Wert.

Ich hatte als Schwarzes Kind in der DDR keine Vorbilder. Ich war nie und nirgends repräsentiert. Nur, wenn ich mal im Westfernsehen Whitney Houston oder Michael Jackson sah, aber das waren Stars aus einer anderen Welt. Die ersten Schwarzen Menschen im richtigen Leben traf ich am Modeinstitut. Es waren zwei Frauen und ein Mann. So selbstbewusst, dass es kaum auszuhalten war. Sie schienen zu wissen, dass sie Schwarz sind, überhaupt irgendwer sind. Im Gegensatz zu mir waren sie stolz und schienen nicht den Antrieb zu haben, sich passend zu machen. Sie sprühten vor Identität. Sie wuschen sich nicht Weiß, sie schienen Zugang zu ihrer afrikanischen Seite, zu sich, zu haben. Ganz natürlich, ohne viel Aufsehen. Ich verstand nicht, wie das gehen konnte. Sie nahmen ihren Raum ein, unhysterisch und einfach ganz normal.

Ich hätte mir nie Schwarze Freunde geleistet. Zu sehr war ich damit beschäftigt, so Weiß wie möglich, so normal wie möglich zu sein. Einsamkeit war mein Herzschlag, an den ich mich nie gewöhnen konnte. Ich hätte mich nie im Leben beklagen dürfen oder wollen oder ganz selbstverständlich meine Meinung sagen können und dabei annehmen, dass sie von Relevanz ist. Die familiäre, politische und allgemeine Situation ließ es nicht zu.

Damals konnte ich noch nicht einordnen, warum ich so war, warum ich mich so fühlte, als gäbe es keinen Schlüssel für mein Innenleben. Ich hatte nicht einmal die Idee davon, dass ich eines habe, dass Gefühle ein Teil von mir sind, keine ausgelagerten Störenfriede. Ich hatte keinen Schimmer davon, was mit mir passiert war, was mich wirklich geprägt hatte. Ich dachte ja, alle Menschen wachsen mehr oder weniger so auf wie ich.

Es ist schwer, seine Eltern als psychisch krank, disordered oder gewalttätig zu beschreiben. Erst recht, wenn bis zum heutigen Tag alle schweigen. Es ist eine Odyssee, durch die Katakomben meines Körpers und meiner Seele zu ziehen und nicht nur meinen Leser:innen, sondern auch mir selbst meine Geschichte zusammenzutragen.

Alles war vorher so unscharf, dass nicht einmal ich es sehen konnte. Marion hatte sich als ein zusätzliches Organ mit ihrem Gift in mich hineingepflanzt. Wenn da Liebe gewesen wäre, dann würde ich sie vermissen, aber ich bedaure nur, dass wir uns als Erwachsene nicht lieben können. Dass sie alldem nie etwas hinzuzufügen hatte.

Sie sagte, ich wäre undankbar und hätte eine wilde Fantasie. Nun ist es so und damit ist sie gegangen. Ich hoffe nicht, dass noch allzu viel mehr vom Gift in mir ist. Die letzten bigotten Fetzen knetete und meditierte ich in den folgenden Wochen und Monaten aus mir heraus. Ich kann es kaum glauben: Ich bin frei. Ich gehöre jetzt nur mir.

Erst schien es mir unangebracht, weiter an dem Thema Rassismus und Gewalt in der Familie zu arbeiten und weiter über die Lebensumstände in der ehemaligen DDR aufzuklären. Die kulturellen und politischen Umstände aus meiner Sicht zu beschreiben und zu erklären, mit welcher Angst und welchen Züchtigungsmethoden die Menschen damals zu tun hatten. Welche Charaktere sich hinter der Fassade des Kommunismus versteckten und wie sie es geschafft haben, über Bestrafungen, Drangsalierungen der Familienmitglieder, der Freunde oder Kollegen oder sogar die Bedrohung und Gefährdung des eigenen Lebens das ganze Volk in eine Art Überlebensmodus zu versetzen und damit ein Geflecht aus Verrat, Hass, Gewalt, Schuld und Angst, immer wieder Angst, in die Köpfe der Menschen zu trainieren. Falschmeldungen, eingeschränkte Möglichkeiten zu alltäglichen politischen und kulturellen Geschehnissen verhalfen, verschwommene Abbilder der Realität zu verbreiten. Ich erinnere mich daran, wie beschwerlich es war, umfangreiche Informationen darüber zu bekommen, was im eigenen Land passierte.

Korruption, Geldwäsche, Folter, Bedrohung und Gewalt: Wenn die Wurzeln eines Baums auf derlei Strukturen wachsen, was soll denn daraus erblühen? Welch ein Geschöpf gedeiht denn auf so einem Boden, welche Kultur? Es ist leider auf eine Art vergleichbar mit der Situation der in Russland lebenden Menschen. Auch das muss unaushaltbar sein: als Volk für solche bestialischen Taten verantwortlich zu sein.

Inmitten all dieser Geschehnisse thront wie ein verrückter Gnom wieder die Ausgrenzung von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Es ist kaum zu glauben, dass bei allem Wirrwarr, dem Leid und der Not dafür auch noch Platz ist. Die Farbe der Haut bestimmt, ob man leben darf oder nicht.

Es ist immer die richtige Zeit, Missstände anzusprechen und Ungerechtigkeiten nicht zu dulden. Unabhängig davon, ob Ausgrenzung aufgrund von Klassismus, strukturellem oder offensichtlichem Rassismus oder Diskriminierung stattfindet. Man darf einen bewussten Entschluss eines jeden verlangen, sich dem Leben zuzuwenden und kritisch mit der eigenen Bequemlichkeit zu werden. Sich liebend zuzuwenden, so gut es eben geht, aber nicht einfach in den toten Winkel der Verantwortung zu treten. Unsere Kinder sehen, was wir tun, und tun es uns gleich. Es sollten mutige und zugewandte Taten sein, die der deutschen Gesellschaft aus dem schlecht sitzenden Anzug des Nationalsozialismus und Kapitalismus heraushelfen. Egal, wie groß oder klein diese Taten sind, wenn sie doch nur dem Leben, der Lebendigkeit dienlich sind und nicht nur einer bestimmten Gruppe, zu der man sich selbst hinzuaddiert. Kein Reden wird benötigt, davon hat es ausreichend gegeben; und ist nicht auch jedes Buch bereits geschrieben, jedes Wort verwendet? Die einfachsten humanistischen Regeln liegen dem zugrunde. Jeder kennt sie und ignoriert sie doch.

Unser aller Gegner ist die Bequemlichkeit. Und vielleicht sogar das Geld, denn obwohl es nur unser Zahlungsmittel ist, gerät es mehr und mehr zur Währung eines menschenverachtenden Schweigerituals.

Wir haben heute, mit den Geflüchteten aus der Ukraine, wieder einmal eine riesige Bewegung von Menschen, die Zuflucht suchen. Einen Ort, an dem sie sicher sein können. Einen Ort für sich und ihre Familien. Die Fürsorge der Bürger:innen, besonders in den grenznahen Gebieten, ist enorm und es erfreut mich zutiefst, das zu sehen. Dennoch blieben auch hier wieder Schwarze Menschen zurück, durften nicht ebenso selbstverständlich in die rettenden Züge nach Westeuropa einsteigen. Sie haben wieder einen Sonderstatus. Es werden wieder Hierarchien nach Bedeutsamkeit, Herkunft und Hautfarbe konstruiert.

Es schmerzte mich, diese Bilder von flüchtenden Schwarzen Menschen zu sehen. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen und mich für einen Moment lang glauben lassen, dass es egal ist, ob ich mein Buch zu Ende schreibe oder nicht. Alles ist verloren für uns Black and Brown People. Nicht rassisch zu sein, hat nichts mit »sich anständig zu benehmen« zu tun oder damit, bestimmte Haltungen oder Meinungen nicht laut zu sagen. Antirassismus besteht darin, ein generelles Gleichheitsverständnis für jede existierende Gestalt des Menschseins anzustreben und zu leben. Niemandem darf es gestattet sein, die eigene Daseinsberechtigung über die eines anderen Menschen zu platzieren. Das ist so absurd und absolut inakzeptabel. Die riesigen materiellen und damit einhergehenden monströsen sozialen Unterschiede in den westlichen Gesellschaften kreieren leicht Überheblichkeit. Dessen sollten wir gewahr sein und uns immer wieder justieren.

Der Sog der Weißen kapitalistischen Mehrheitsgesellschaft ist verlockend und doch irgendwie der Pakt mit dem Teufel.

Ich habe nie Hunger erlebt und bin trotz allem gesund, habe immer im Warmen geschlafen. Die Angst war mir die größte Herausforderung und hat sich in vielen Gesichtern und Gewändern gezeigt. Manchmal kam sie als Meinung, mal als Übelkeit, mal als Überreaktion, mal als Schweigen, mal als Schreien, auch als freundliches Lächeln, als zugewandtes Nicken. Angst passt in jedes Kleid. Angst zu haben bedeutet, nicht zu vertrauen. Angst heißt, dem Gegenüber alles zuzutrauen, vor allem alles Negative.

Angst heißt Einschränkung, Angst ist Enge und Isolation. Angst heißt auch recht haben. Angst ist Boden für Hierarchien, Rassismus, Gewalt auf der Straße und daheim. Angst ist unsere größte Feindin, und ihre Gesichter sind unerschöpflich vielseitig. Menschen, die anderen Angst machen, haben selbst am meisten Angst. Was sie am meisten schwächt, ist Stärke. Gelassene Stärke.

Ich war mir so sicher, mein Erleben sei ausschließlich persönlicher Natur. Während meines Recherche- und Schreibprozesses habe ich so vieles an meinem Verhalten und dem meiner Umgebung verstanden. Ich verstehe Menschlichkeit heute anders. Ich verstehe anders als jemals, dass wir wählen, was wir sehen, und auch, was wir nicht sehen. Nicht alle Menschen sind stark, und nicht alle halten dasselbe aus. Nicht jeder ist in der Lage zu erkennen, dass eine Meinung eine Meinung ist, aber ein Fakt eben ein Fakt bleibt. Gewalt bleibt immer Gewalt, egal aus welchem Grund sie angewendet wird. Sie obliegt nicht der Wahrnehmung der Betrachtenden. Ein Überschreiten von Grenzen, Missachtung, Demütigungen, seelische und körperliche Gewalt stehen nicht zur Diskussion aller frei. Leider wissen zu oft nur Täter:innen und Opfer, dass sie involviert in ein demolierendes Konstrukt sind. Täter:innen sind vor allem dann gefährlich, wenn sie sich selbst als Opfer verstehen und in diesem Status verbleiben. Ohne je die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu können. Denn in diesem Status kann man es nicht. Es ist komplex und nicht messbar, obliegt jedem Einzelnen, das für sich zu definieren, sich selbst anzuschauen. Sogar wer vor Gewalt, Übergriffigkeit, Lieblosigkeit und Diskriminierung davongelaufen ist, so wie ich, ist nicht frei davon, unbemerkt und aus dem tiefen Schmerz heraus weiterzutragen, was sich Tag für Tag und Jahr um Jahr tief in die eigenen Zellen verwachsen hat.

Wenn Kinder das Ziel von Gewalt werden, sind sie unmöglich in der Lage, sich zu wehren. Sie sind maximal befähigt, sich auf die Umstände einzustellen. Unmengen von Kraft aufzuwenden, um, so gut es geht, für sich selbst zu sorgen. Was zumeist ein wenig zielführendes Unterfangen ist und zu permanenter Überforderung der Seele und des Körpers führt. Als erwachsene Menschen können Betroffene dann lernen, in die Knoten der Finsternis hineinzusehen. Das hilft, auch wenn es einen fast zerreißt. Danach wird es heller, freundlicher, das Leben etwas langsamer, weniger hektisch, und es findet nicht mehr immer alles am Limit statt.

In der DDR waren ein kollektives Brainwashing und Hörigkeit die Werkzeuge der Politik und der Staatsführung. Es ist wohl jedem zu raten, egal wo oder wie lebend, sich die Mühe zu machen, seinen Status quo zu beleuchten, seine Werte zu hinterfragen. Und zu schauen, auf welchen geschichtlichen Bauten sie gewachsen sind, ob sie noch der aktuellen Situation dienlich sind.

Damals im Osten erinnere ich mich an verschwindend wenige Geisteswissenschaftler:innen, Intellektuelle oder Kunstschaffende. An spirituelle Menschen kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Oder einfach Menschen mit Rückgrat, die den Mut hatten, ihre Ansichten zu verteidigen. Denn das musste man. Man hatte sie mit seinem Leben zu verteidigen. Wer hat schon diese Eier oder Eierstöcke?

Das, was da war, war nicht Kommunismus. Und wäre es auch niemals geworden. Diese Erkenntnis drang phasenweise durch den Schleier der vielen Verbote, vorgefertigten Verhaltensweisen und Meinungen ins Bewusstsein vor allem der »Stadtmenschen«. Viel mehr gab es nicht zu tun in diesem Land, als für oder gegen das System zu sein. Das galt nicht für mich. Die Bevölkerung arrangierte sich mit dem, was sie hatte, und stellte sich ein auf die Umstände. Das tun wir Menschen so. In der Hoffnung, dass wir zu denen gehören, die all das überleben werden.

Zu jeder Zeit haben und hatten die Menschen Träume, wilde Ideen, haben sich verliebt, geheiratet, Kinder bekommen, sich gestritten, geschieden, ihre Geschäfte verloren, sind gestorben, haben getrauert und dann wieder von vorn angefangen. Einigen privilegierten prominenten Musikern, Varieté-Stripperinnen, Fotomodellen ist es gelungen, relativ gewaltfrei – durch Heirat, Familienzusammenführung oder einen bewilligten Ausreiseantrag – das Land unbeschadet zu verlassen. Für alle anderen war es eine Grube, in der sie festsaßen. Man versuchte, irgendwie mit alledem zu leben, sich um die Staatssicherheit und Staatsorgane herumzuschlängeln, was an keinem einzigen Tag funktioniert hat. Denn abgesehen vom gesellschaftlichen Unterbau des sozialistisch-diktatorischen Staates gab es einen nicht unerheblichen Anteil der Bevölkerung, den man nicht lange bitten musste, andere zu verraten. Es war ihnen ein inneres Bedürfnis, »umher zu leben« und für Recht und Ordnung zu sorgen. Über andere zu reden und deren Leben in so düsteren Farben wie nur möglich in das nächste offene oder auch verschlossene Ohr zu reden. Mit dem Addendum dieser Spezies war dafür gesorgt, dass kein Marmeladenbrot auf dem Küchentisch unkommentiert blieb, und jeder wusste das. Es war keine wirkliche Schande, es war einfach so. Und selbst wenn, es wäre nichts weiter geschehen. Es wurde verschwiegen, dauerhaft und schwerfällig als Teil der Normalität akzeptiert. Die Gefahr, verraten zu werden, nahmen alle hin. Die Stimme der Angst immer im Nacken wie einen altbekannten Freund, der hin und wieder anklopft. Man bildete sich ein, genau zu wissen, wem man zutrauen würde, einen zu verraten. Ich redete mir absurderweise ein, dass mir nichts passieren könnte, während all das passierte. Dass es, wie sich herausstellte, so viele waren, die ihre Lieben, Kolleg:innen, Nachbar:innen bespitzelt und verraten haben, ahnte wohl niemand, nicht einmal die Mitarbeitenden und Mitläufer:innen selbst. Das hat sich erst viele Jahre nach der Wende gezeigt. Und es scheint noch nicht beendet zu sein.

Was wird nun aus all den Menschen, die die DDR überlebt haben, in den 700 Spezialheimen, vom Säuglingsheim bis zum Jugendwerkhof? Einrichtungen für die Erziehung sozialistischer höriger Vollidioten? Man spricht immerhin von 135.000 bis eventuell 500.000 Kindern und Jugendlichen, die dieser Willkür ausgesetzt waren. Wahllos genehmigte Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung die Einweisungen in derlei Spezialeinrichtungen. Ihr Ziel war es nicht, Kindern und Jugendlichen zu helfen, ihren Weg zu gehen, sondern sie so zu brechen, dass sie nicht mehr stattfanden. Weil sie stumpf und ohne eigenen Willen Befehle ausführen sollten. Was soll ein Mensch mit einer solchen Prägung denn heute glauben?

Der Kapitalismus hat natürlich auch seine Schwachstellen. Er nimmt sich, was er braucht, egal ob Leben oder Lebensräume anderer durch mehr Wohlstand gefährdet werden. Meiner Meinung nach ist es nicht unbedingt das System, das als erwiesene Grundlage für das wiedervereinigte Deutschland gelten sollte. Es war ja nur als einzige Alternative noch da. Ist also demnach als »Gewinner« eine Selbstbezeichnung. Nach der Wende ist die Bevölkerung der ehemaligen DDR mit vielen Versprechungen gefüttert und noch hungriger gemacht worden. Man hat vergessen, ihre Heimat mitzunehmen und ihre Geschichten zu erzählen. Und zeitgleich den Ossi an sich als dumm und geistig unterentwickelt dargestellt, als bescheuerten Schwachkopf, der nicht weiß, wie die Welt geht. Mir ist nicht daran gelegen, hier etwas zu beschönigen. Ich erzähle, stelle Fragen und fasse, wo es mir möglich ist, Fakten, Gefühle und Erfahrungen zusammen.

Man stelle sich vor, welche Bilder sich über eine:n Schwarze:n Ossi im deutschen Westen in den traurigen, lahm geshoppten Gehirnen formatiert haben und gewiss noch immer tun. Schwarz? Aus dem Osten? Wie geht das denn? Nicht lang ist es her, da sprach mich eine etwa achtzigjährige Dame, die aus der DDR geflohen war, an und wies mich darauf hin, dass es im Osten doch gar keine N– gegeben hatte. Während ich vor ihr stand und sie mich beleidigte, behauptete sie, dass es gar nicht sein kann, dass ich gelebt habe. Eine besonders fortgeschrittene Form der Ignoranz, Überheblichkeit und Feindseligkeit. Solche Gespräche sind leider ein mir sehr bekanntes Potpourri des schlechten Benehmens.

Genau dieses Verhalten hat den Boden bewässert, auf dem der Missbrauch in meiner Familie gedeihen konnte. Als gut und anständig gilt hierzulande, wer seine Steuern pünktlich zahlt, saubere Schuhe anhat, das Kind auch schön anzieht, welches gute Noten hat, und die Frau genauso hübsch, gut frisiert, gebildet, hübsch lackierte Fingernägel, das Auto gewaschen, das Treppenhaus einmal in der Woche gereinigt, freundlich zu den Nachbarn. So jemand schlägt die Familie nicht, ist schon gar nicht pädophil veranlagt und auch nicht gewaltätig. Wobei gesagt sein will, dass Pädophilie, das Verlangen Erwachsener nach sexuellen Handlungen mit Kindern oder Babys, als Krankheit verstanden wird. Das ist jedenfalls das Bild, das wir von günstig gelungenen Menschen haben. Aber es ist trügerisch. Ich werde es immer wieder betonen: Gewalt hat keinen Look! Ich empfinde es als unanständige Überheblichkeit der Weißen deutschen Bevölkerung, zu glauben, dass der oder die ungestüme Bürger:in arm und ungebildet ist. Dass Gewalttäter:innen womöglich familiäre oder kulturelle Vorbelastungen haben, die man womöglich auch noch meint, auf den ersten Blick sehen zu können. Der gesellschaftliche und finanzielle Status, die Bildung, das soziale Verhalten im Berufsleben oder gegenüber anderen spielen bei der Zuordnung der Täterschaft keine Rolle.

An diesem Punkt gibt es in Ost- und Westdeutschland keine Unterschiede. Nur dass in der DDR alles zusätzlich politisch aufgeladen war. Auch aus diesem Motiv wurde geschwiegen: Kindesmissbrauch hätte die reine Weste des sozialistischen Staates beschmutzt und wurde deshalb nicht benannt und äußerst schlampig strafrechtlich verfolgt. In der BRD waren die Familiengebilde zu dieser Zeit auch eher patriarchalisch und konservativ, Missbrauch in Institutionen und Familien war ein Teil der Tagesordnung. Aber wenigstens gab es bereits die Begrifflichkeiten der häuslichen Gewalt und des sexuellen Missbrauchs und dadurch die Grundlage, dafür anklagen zu können. Hinzu kam, dass das harte Regime im Osten proklamiert hat, dass wir Schwarze und Braune »zivilisierte Affen« seien und nicht der Rede wert. Wir kamen noch nicht einmal nennenswert in der DDR-Unterhaltungsbranche vor, geschweige denn in relevanten Positionen. Man versuchte, uns einzugliedern und Weiß zu erziehen. Wie wir uns auch bemühten, wir blieben Menschen zweiter Klasse. Umerzogene Wilde. Unvollständige, unzivilisierte Menschen, ohne die Befähigung, eigenständig und klug zu denken und zu handeln.

Nach der Wende fand man schon eher Gefallen an unserem Exotisch-Sein. Aber der Unterschied in dem, was ich durfte und was Weiße Frauen durften, blieb bestehen.

Ich war stolz darauf, »Weißgewaschen« zu sein. Das ist, was mich meine Familie und mein Umfeld in Kindertagen gelehrt haben. Und es sollte lange so bleiben, dass ich an diesem Bild festhielt. Ich hatte gelernt, wie rassistisch denkende Menschen ticken und wie man ihnen zu begegnen hatte. Ich wusste, was sie von mir erwarteten, wenn sie sich dennoch auf mich einließen. Ich beklagte mich nicht. Nur wenn ich zu viel Alkohol getrunken hatte, kam die Stunde der Wahrheit, und ich habe meinem Frust über all die Ungerechtigkeiten Luft verschafft. Leider oft erst in einem Stadium, in dem man mich nicht mehr deutlich verstehen konnte. Aber das korrigiere ich ja hier. Während ich mich mit meinem Manuskript befasse, trinke ich keinen Tropfen. Nicht davor und auch nicht danach. Das hätte ich schon früher machen sollen.

In meinem Job als Modell und auch später als Haar- und Make-up-Artistin konnte ich mich ganz gut in die Gesellschaft mogeln. So kam es mir zumindest immer vor. Ich rutschte oft so durch, weil ich als attraktiv und halbwegs talentiert galt. Attribute, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Aber ich hörte sie hin und wieder von anderen an mich gerichtet. Für mich war Schönheit meine einzige Daseinsberechtigung. Ich musste darin gut sein, um nicht weggeschickt oder getötet zu werden. Das hatte sich in mir so abgelegt, als Irene damals verschwand. Irene, die in den Augen meiner Mutter als unattraktiv galt. Doch davon werde ich später erzählen.

»Wer nicht schön ist, stirbt!« – Das hat sich so in mir abgelegt. Es hat unterschwellig immer viel mit Schmerz zu tun gehabt und mich eben zugleich auch gerettet. Ich blieb in der Mode- und Kunstbranche und behielt immer dieses Gefühl in meinen Knochen. Deshalb stellte ich die Wahl meines Berufs in den letzten fünfundzwanzig Jahren selten ernsthaft und intensiver in Frage. Bedient man, was gewünscht ist, darf man bleiben. Wenn nicht, ist man raus. Mode ist ein visuelles Feld, nicht alle verstehen, dass sie von unserer Kultur und Gesellschaft geprägt ist. Gefällt die Erscheinung, geht die Tür schneller auf, wenn nicht, bleibt sie einfach zu. Als Freiberuflerin bewegt man sich in genau diesen Gewässern. Das hat zu meinen Erfahrungen gepasst. Es hat mich oft getriggert und mir einige Schritte in meiner Karriere sehr schwer und spröde gemacht, doch ich bin geblieben. Die Freude an der Fotografie ist es, die mich gehalten hat. Die Freude an der Zusammenkunft mit Menschen ist, was mir kostbar geworden ist. Das Werten anderer über meine Arbeit ist mir ein bekannter Begleiter aus Kindertagen. Das gemeinsame Performen mit Kolleg:innen, den kreativen Prozess mit anderen zu teilen, hat mich letztlich Jahr um Jahr getragen. In einer Gruppe schöpferisch zu arbeiten oder auch einfach nur gemeinsam einen Auftrag zu erfüllen, das sind Momente, die mich genährt haben, und sie tun es noch immer. Seit Neuestem ist mir die Stille besonders nah gekommen, und wir vertragen uns gut. Schreiben ist ein einsamer Prozess, es war mir bis hierher fremd, allein durch einen kreativen Tunnel zu reisen. Allein sein oder Sich-allein-Fühlen ist nun eher ein Ort des Friedens in allem und bezeichnet Bewegung. In Stille und mit dem Rauschen meiner Spülmaschine als Takt, führe ich meine Selbstgespräche neuerdings hinein in meine Texte.

Ich hoffte, meinen Sohn in eine diversere Gesellschaft hinein erzogen zu haben. Und wie Generationenwechsel so sind, lernen unsere Kinder aus unseren Fehlern, sind mutiger, machen es besser. Aber die Arbeit ist noch lange nicht getan. Die deutsche Geschichte wird noch immer nicht vollständig gelehrt, und Diversitäten werden noch mit langen Fingern herausgepickt. Es ist noch nicht so, wie es sein sollte. Aber ich war selbst nicht wach genug. Ich war bequem geworden und hatte mich mit meiner guten Stellung als akzeptierte »gute« Schwarze arrangiert. Darauf bin ich nicht stolz. Dennoch weiß ich, warum ich das getan habe: Ich wollte leben und dazugehören.