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Mechthild, ein Name wie ein Häkeldeckchen: vermutlich vor über achthundert Jahren geboren, in Helfta gestorben, kurz vor ihrem zwölften Geburtstag die Stimme Gottes vernommen und sich von ihr über alle Hindernisse leiten lassen. Das Einzige, was von Mechthild von Magdeburg geblieben ist: die »vielleicht kühnste erotische Dichtung« des Mittelalters, ihr siebenbändiges Buch Das fließende Licht der Gottheit, ein zwischen Gattungen flirrendes Werk, in dem sich Sang und Widersang mit Dialogen, Visionen, autobiografischen Passagen und Kritik an Ordensleben und Kirche abwechseln. Doch nicht einmal dieses Buch ist im Original erhalten. Jemand anderes könnte also ihre Texte geschrieben haben. Sie könnte jemand ganz anderes gewesen sein, könnte nie geschrieben haben. Oder viel früher. Sogar immer noch. Einzig an ihrer Minnerei besteht kein Zweifel, einzig an der kämpferischen Liebe einer starken Frau. Auf Suche nach dieser fernen Schwester macht sich eine Frau von heute, um dort, wo sich die Spuren verlaufen, Mechthilds Lebensgeschichte auf die Beine zu helfen – mit ihrer eigenen. Julia Koll spiegelt in ihrem funkensprühenden Roman Das Buch Mechthild die Geschichte zweier Minnerinnen über die Epochen hinweg und verleiht damit der Welt von Neuem einen Hauch von Mystik.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2025
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JULIA KOLL
PROLOG
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
LITERATUR
Zwei Wochen vor ihrem zwölften Geburtstag macht sie Bekanntschaft mit einem Beben. Sie ist allein, als es geschieht. Läuft am Fluss entlang, ihre liebste Sonntagszeit. Der Pfad führt auf halber Höhe unter Zweigen hindurch. Sie muss sich immer wieder ducken. Rechts den Hang hinab glitzert das Wasser. Da schiebt sich zwischen ihr Einatmen und Ausatmen ein Beben, das Du ruft. Erst leise, dann immer aufdringlicher.
Es bebt in ihr. Sie muss sich setzen. Sie findet eine Pappel, die sich schräg zum Ufer neigt. Sie fasst sich versuchsweise ans Herz, spürt aber gleich, dass das nichts ändert.
Es strömt sie, es wummert,
es schüttelt und wogt.
Oh! Oh! Oh!
Ihr Innen wird weit.
Das Du schwemmt sie hinaus.
Eya!
Zum Himmel!
Ihr schwellen die Ohren. Sie hört nichts mehr.
Sie sieht nur das Glitzern.
Was ist das?
Wer ruft da?
Sie sitzt lang. Sie lässt das Beben kommen. Und wieder gehen. Es kommt immer wieder.
Sie sitzt und staunt dem Beben entgegen. Es tut nicht weh. Es ist nur anders als alles.
Wenn sie länger einatmet, setzt es früher ein, als könnte es sein Anfangen in ihr kaum erwarten. Wer ruft da? Das Beben ist ihr fremd, aber wohlgesonnen. Das Du im Beben ist nichts Eigenes. Es schmiegt sich hinein, als sei es darin zu Hause. Sie hört das Du und hat sich noch nie so Ich gefühlt. Ist es ein Beben? Sie beginnt Worte zu probieren: Beben. Schwingen. Vibrieren. Zittern? Tanzen! Es ist, als reichte ihr einer die Hand.
Als sie vom Fluss her den Abend riecht, steht sie auf und ist sich gewiss: Diesem Beben wird sie lauschen. Und diesem Du wird sie gehören. Von nun an für immer.
~
Dies ist die Geschichte von Mechthild. Vor über 800 Jahren ist sie auf einer Burg im Umland von Magdeburg aufgewachsen, eine Adlige, und hätte einen Mann vom selben Stand heiraten sollen. Stattdessen ist sie mit Anfang zwanzig in die Stadt gezogen, um sich den Beginen anzuschließen. So heißt es. Hat in ärmlichen Umständen gelebt, sich nie geschont, um der Liebe willen. Viele Menschen haben bei ihr Rat gesucht. Sie war ein kluger Kopf und ist vor Kämpfen nicht zurückgeschreckt. Sie konnte kein Latein, hat jedoch alles verstanden, was andere auf Lateinisch gedacht haben. Sie hatte einen Beichtvater namens Heinrich, wobei nicht auszuschließen ist, dass sie zugleich seine Beichtmutter war. Er hat sie geschützt vor Anfeindungen. Er glaubte, sie schützen zu müssen. Am Ende schien es ihr womöglich klüger, in ein mächtiges Kloster umzuziehen. Ihre letzten zehn, zwölf Lebensjahre hat sie bei den Zisterzienserinnen in Helfta zugebracht, wo sie um 1282 gestorben ist.
Doch was das Wichtigste ist: Sie war porös. Got ist in sie hineingetropft, schon früh. Es wurde ein Strom daraus, er floss ihr durch alle Sinne. Eya herre got. Mit dreiundvierzig Jahren hat sie angefangen, dieses Fließen in Worte zu fassen.
O du gießender Gott in deiner Gabe, o du fließender Gott in deiner Liebe, ohne dich kann ich nicht sein!
(I,17)
Im Sommer, als ich beschloss, ihre Geschichte zu meiner zu machen, fiel ich erst vom Fahrrad und dann in ein Schweigen, das acht Wochen währte.
Welch ein Irrtum anzunehmen, dass einem das Übersinnliche immer in den Kram passte!
~
Wie läuft eine am Fluss entlang, die soeben ihre Initiation erlebt hat? Hellwach, möchte ich sagen, wenn das nicht viel zu abgenutzt und zu klein wäre. Die Adern auf dem Pappelblatt, auf jedem einzelnen Pappelblatt zu ihren Füßen. Die Lederschnüre an den Schuhen und wie ihre Schritte sie auf dem Pfad halten. Die Lichtpunkte auf dem Fluss. Die Wellen, ihr leichtes Schmatzen. Sie geht, als sei der Himmel ausgetauscht. Später die Rufe über den Hof, das Moos an der Mauer, die Geräusche des Tages, ihr Abebben vorm Abendgeläut. Der Glanz auf dem Krug, das Schnauben und das Schmeicheln, die Hand auf dem kühlen Stein, das Huschen der Sorgen, die Müdigkeit, die festgezurrten Pläne. Eulenseufzen. Flügelschläge. Wolkenflecken überm Mond. Klamme Finger. Flüstern. Zauberhaut. Sie sieht und hört und fühlt das alles und nimmt es sich ab jetzt zu Herzen.
~
Ich fange an sie zu lesen. Ich lese, was sie zurückgelassen hat, in fremdem Zungenschlag.
Nun mag es viele Leute wundern, wie ich es über mich bringen kann, solche Dinge zu schreiben. Fürwahr, ich sage euch: Hätte Gott dies nicht mit einer sonderbaren Gabein meinem Herzen verhindert, ich schwiege noch immer.
(III,1)
Ich suche ihre Spuren auf. Ich begehe ihre Orte. Die vermuteten und den einen historisch bezeugten: Helfta. Dort ist sie gestorben, vermutlich auch begraben worden. Von ihrem Knochenmehl im Untergrund spüre ich nichts.
Ich bestaune ihren Überschwang. Meine Religion ist vorsichtig von Natur aus. Sie verbleibt in der Zone der Andeutungen und Vermutungen. Verabscheut das Ostentative und meidet alles Vollmundige, will nie Bescheid wissen, sich nie zu sicher sein. Erscheint mir diese Vorsicht im Grunde sachgemäß, so gibt es doch Momente, in denen ich sie zutiefst bedauere. Ein Halleluja beispielsweise verträgt keine Zurückhaltung. Und ohne Oh! und Eya! gelangt eine Hingabe nirgendwohin. Ich bemühe mich um Nüchternheit. Sie aber ist eine Schwärmerin.
In den ersten Monaten unserer Bekanntschaft halte ich sie vor anderen geheim, meine Gefährtin im Untergrund.
Mechthild. Ein Name wie eine Häkelgardine. Ist das dein Ernst? Doch nur zur Tarnung, flüstert sie.
~
Ich bin nicht die Erste, die sich für sie interessiert. Ich muss sie mit anderen teilen. Auf Mediävisten stoße ich, schwärmerische, fantasievolle, akribische. Auf Schriftstellerinnen und Künstlerinnen. Ich schreibe sie an, bitte um Gespräche. Eine schreibt prompt zurück: Schicken Sie mir Fragen, ich werde sie beantworten.
Wie fängt Ihre Geschichte mit M. an? Wohin führt sie?
Wünschen Sie sich minnesiech? Oder Wunden anderer Art? Wieso hat M. so spät mit dem Schreiben begonnen? Worauf hat sie gewartet?
Werden Anfänge überschätzt?
Ich stoße auf Mechthildianer, die die alten Gewissheiten infrage stellen. Die Bücher und kleinen Filme, aber auch die Märchen der alten Mediävisten nennen sie das »Mechthild-Narrativ«. Es sei aber nichts sicher, von Helfta einmal abgesehen. Magdeburg? Ein Zusatz aus dem 19. Jahrhundert. Das Stadtarchiv: im Dreißigjährigen Krieg verbrannt. Ihr Lebensort, ihre adlige Herkunft, selbst ihr Beginentum: möglich, aber nicht zwingend. Sie könnte auch in Halberstadt gelebt haben, in Halle, Nordhausen oder Erfurt. Sie könnte mal bei den Dominikanern untergekommen sein, denn von denen ist dauernd die Rede.
Und ihr Buch? Nicht im Original vorhanden. Es gibt den Codex Einsidlensis, eine oberdeutsche Übersetzung. Und die Lux Divinitatis, eine lateinische Fassung, stark bearbeitet. Beide nach Mechthilds Tod entstanden. Erst in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren habe man Handschriften entdeckt, die ins Elbostfälische weisen. In Moskau zum Beispiel: Beutegut aus der Halberstädter Dombibliothek. Ein Kastenbrot in Berlin: Lauter Einzelteile, nicht aus ihrer Hand, wohlgemerkt.
»… kurze Fetzen aus Mechthilds Werk (…), Geröllstücke (…), ganz abgeschliffene Kiesel im Bachbett einer schreibseligen Buchmystik« – so beschreibt der Göttinger Altgermanist Hans Neumann bereits im Jahre 1954 frühere Handschriftenfunde.
Sie könnte ihre Texte jemand anderem diktiert haben. Jemand anders könnte in ihnen herumgepfuscht oder sie aufpoliert haben. Sie könnte jemand ganz anderes gewesen sein. Sie könnte nie geschrieben haben. Oder viel früher. Oder immer noch.
Nur an ihrer Minnerei besteht kein Zweifel, von nirgendwem.
~
Bekannt ist über M. nur das, was sie selbst andeutet. Das ist jedoch so vage und der Interpretation bedürftig, dass die Forschenden stets und immer wieder auf die Fußspuren ihrer eigenen Arbeitshypothesen stoßen. Und da humple ich nun mit, in diesem hermeneutischen circle dance.
Oder ist es viel einfacher? Mit dreiundvierzig Jahren hat sie angefangen zu schreiben, heißt es. Sie ist so alt wie ich, denke ich. Ist sie nicht eine wie ich?
Ich spähe über den garstigen Graben: Wie tief ist das Wasser?
~
Das Buch von Mechthild besteht aus 267 nummerierten Abschnitten, im Codex Einsidlensis in sieben Bücher unterteilt. Eine Ordnung ist nur gelegentlich auszumachen. Sang und Widersang wechseln sich ab mit Dialogen, Visionen und Märchen, mit Beobachtungen, Empfehlungen, Gottesworten, Gebeten und Aphorismen.
»… eine Aufschichtung von Gesichten, Gebeten und Betrachtungen, die mehr assoziativ als konstruktiv miteinander verbunden sind«– oder so: »ein sehr fraulich unsystematisches Werk«.
M. scheint mit den Genres zu spielen, und ebenso mit den Positionen und Perspektiven. Mal schreibt sie ich und mal sie, und mal meint ich Gott und mal sie. So reden Bräute, Seelen, Gott, M. und alle Tugenden wild durcheinander. Duzen sich, erzählen ihr Eigenes, reden »so kunstvoll wie verwirrend«. Im Lesen verliere ich den Faden und weiß nicht, wo ich bin. Dies Hin und Her ermüdet mich, ich lege das Buch beiseite. Oder ich fließe mit, lese ich als ich oder als sie und du als ich oder sie oder ein größeres noch, lese und lasse strömen und lese und bin mitten darin.
Lies mich neunmal, fordert sie. Ich lese, werde müde, lese und lausche in die Zeilen hinein. Ich schweife ab.
Ich atme ihre Worte ein und meine wieder aus: ein literarischer Stoffwechsel.
Ich schreibe mich ein, schreibe mich in sie hinein.
Das mit uns. Es wird ein langsames Spiel werden.
~
Währenddessen mal ich mir ihr Leben aus:
Große Schwester, kleiner Bruder. Balduin, auch er mit Sinn fürs Geistliche.
Die Mutter tot seit seiner Geburt.
Der Vater, ein Griesgram, hat sich nicht wieder vermählt.
Ein Burggraf – nichts Halbes, nichts Ganzes, mithin im Unreinen mit sich und anderen. Hat nie verstanden, wie ein Gedicht die Welt zum Wanken bringen kann, von heiligen Geistgrüßen ganz zu schweigen.
So hat sie sich stumm gestellt und ihr Ding gemacht, schon früh und erst recht, als ihr der Vater mit Männern kam.
Einer hat sich Rosenöl ins Haar geschmiert – nicht genug, um seinen Heringsatem zu verstecken. Einer fragte: Ihr schmiedet Verse, Madame?, und lächelte milde dazu. Da ist sie davongeritten.
Ich sehe sie vor mir, als junge Frau.
In Halberstadt, Magdeburg, Erfurt vielleicht.
Nicht hager, nicht rund. Geht schnell und stets leicht nach vorne gebeugt, Marke Gegenwind. Verausgabt sich, fühlt sich gut dabei.
Hat Männergeschichten.
Ich sehe sie als Greisin im Kloster, die Haare trägt sie kurz unterm Tuch. Nimmt gerne mal ein Bad, nur für sich im Hof in der Ecke, am späten Morgen, wenn alle geschäftig sind. Sind die Rutenschläge noch nicht verschorft, ist das die Hölle. Die Schwester Baderin ist gut zu ihr, mit ihren hellen Händen. Warte, ich lege dir Kräuter ins Wasser.
Danke, sag, magst du nicht bleiben, dich zu mir setzen und erzählen?
~
Ich fahre nach Magdeburg. Ist das einmal deine Stadt gewesen? Schilder zur Begrüßung: Neue Neustadt. Neustädter Feld. Sülzegrund. Carglass. Ich blinzle in die Sonne, ein flaues Gefühl von anderswo. Nehme Kontakt auf. Spaziere an alten Steinbögen vorbei, nebenan Plattenbaugotik, und so geht das in einem fort: breite Boulevards, wie für Paraden geschaffen. Heut rollen nur noch ein paar SUVs vorbei. Kästen aus Glas, Beton oder Sandstein und dazwischen die Grünspandächer der Kirchen und Kathedralen: Mauritius, Unser Lieben Frauen, Johannis, Petri und Sebastian. Kamst du je durch Kannenstieg, Olvenstedt oder Magdeburgreform? Wie erging es dir im Edithawinkel? Die Stadt ist voller Wörter, die mich an dich erinnern. Elbostfälisch, nimm das als Moodboard. Auf halbem Wege zwischen weich und kantig. Ein Haufen Sand mit Regenlöchern. Deine Stadt schläft, mitten am Tage, sie müsste sonst mit den Tränen kämpfen. Sie ist nicht mehr viel, nach all den Feuern und Diktaturen. Keine Magadoburg mehr, weder mächtig noch Jungfrau. Müde – als Schriftzug an der Wand eines Plattenbaus, vielleicht zwölfter Stock, direkt unterhalb des Dachs.
Wenig später stehe ich auf dem Domplatz und will mir einbilden: Auf diesem Fleckchen hat sie auch gestanden. Es stimmt aber nicht, denn die Erde wird immer dicker, Schicht um Schicht. Im Kulturhistorischen Museum gibt es eine Schautafel dazu: Anderthalb Meter trennen mich von ihr. Anderthalb Meter Schutt, Staub, Knochen, Kriege, Eisensplitter, Blut, Revolutionen (französisch, russisch, sexuell, friedlich), Fahnen, Fasern, Fintengräten und Murmeln, Seufzer, Sand, Scherben, Wackersteine. Lauter Verklungenes, Vergilbtes, Vergebliches.
Und ein Kamm. Den haben sie auf dem Johanniskirchhof ausgebuddelt. Dort lag er begraben, und nun liegt er anderthalb Meter höher, plus die Vitrinenhöhe im Museum. Er ist aus einem Hirschgeweih geschnitzt, ein Griffstück, in das die Zinken hineingeschoben sind. Es sind aber nur noch wenige übrig geblieben, neun ganze und ein Dutzend Stummel. Wie ein Greisengebiss liegt der Kamm da.
Anderthalb Meter Zeug liegen zwischen ihr und mir. Oder die Leere zwischen diesen Zinkenstummeln.
~
Eine frühe Mechthildianerin: Dr. Grete Lüers, Bremen. Das Netz weiß fast nichts über sie. Eine Online-Datenbank behauptet, dass sie 1898 geboren ist. Also muss sie Mitte zwanzig gewesen sein, als sie ihr erstes und einziges Buch schrieb, eine Doktorarbeit, eingereicht 1926 an der Universität Münster, erschienen im selben Jahr im Münchener Verlag Ernst Reinhardt. 319 dicht bedruckte Seiten umfasst ihr Buch zur Sprache der deutschen Mystik am Beispiel Mechthilds. Es liegt hier vor mir, ein Packen Papier.
In seiner geringschätzigen Rezension eines Aufsatzes, den Grete drei Jahre zuvor veröffentlicht hat, behauptet ein Hugo Koch, der immerhin sechzehn Bücher geschrieben hat, sie sei vom Religionswissenschaftler Friedrich Heiler zu ihren Forschungen angeregt worden. Auch diese Spur führte nach München, doch vielleicht auch in die Irre, denn Grete Lüers scheint sich bevorzugt in germanistischen Kreisen bewegt zu haben.
Als ich mir Gretes Buch in einem Antiquariat bestellte, habe ich nicht aufgepasst. »Lichtrand« stand im Kleingedruckten – das hätte mich nicht beunruhigt, ganz im Gegenteil –, aber auch »teilaufgeschnitten«. Und das bedeutet: Immer acht Seiten sind zusammen auf einem großen Papierbogen gedruckt und gefalzt worden. So sind die erste und achte Seite jedes Bogens tadellos zu lesen, für die vierte und fünfte bräuchte es einen sogenannten Ober- oder Kopfschnitt (ich bin nun Eingeweihte), für die übrigen einen Vorderschnitt. Für die ersten zwanzig Seiten habe ich mir die Mühe gemacht, ein Messer zur Hand genommen und die Seiten durchschnitten. Hübsch sieht das nicht aus. So bleiben die übrigen Blätter verschlossen.
Dass Mechthilds Sprachschöpfungen ans Tageslicht kommen, ist Grete Lüers' Anliegen. Dass ihre mystischen Bilder zugleich etwas offenbaren und verborgen halten, fasziniert sie. Ich dagegen halte mich an die Mystik eines unansehnlichen Packens Papier, ungelesener Worte, rauer Ränder.
~
Sie kennt das Beben nun. Es haust in ihr, sie beachtet es kaum. Doch dann trifft sie einen Menschen, zunächst zwischen Tür und Angel, allmählich ein wenig länger, scheinbar absichtslos. Sie begegnen sich am Tor, sie fragt ihn dies und das, er sie aber auch. Sie wagt es, ihn leicht zu berühren, nur so am Arm, für einen Moment. Sie wagt einen Blick, eins, zwei, drei … er schaut zurück. Das Beben hat ihr nie gehört, geschweige denn gehorcht, nun schwillt es an und wallt in ihr. Es kommt zu einer Verabredung, an einem Wintertag. Die Sonne liegt matt über dem See. Sie ist gewiss, sich geirrt zu haben, sein Blick hieß höflich, nicht hin und weg und her mit dir. Sie ist gewiss, bis er ihr entgegenkommt. Sie hat ihre Mütze vergessen, er setzt ihr seine auf. Sie machen sich auf den Weg, nebeneinanderher. Sie sprechen und lachen und schweigen und sprechen weiter und halten an. Sie fassen sich bei den Händen, sie glühen.
Die Sorge ist längst fort, geflohen vor dem Beben, das nun Raum greift. Es wallt in der Magenkuhle und hinterm Brustbein, um die Knie und zwischen den Zehen. Es bebt um die Hüften, hinter den Ohren, überm Scheitel und bis zur Zungenspitze. Es trägt sie davon, es packt sie, sie werden beide aus sich herausgeweht, mit Macht.
Nota bene: Da ist Gewalt im Spiel.
~
Die alte Mechthild: Hat sich die Haare abgeschnitten. Das tut im Winter weh auf dem Kopf, wie die Eisluft sich auf der nackten Haut zusammenbraut und an ihr zerrt. Kein Tuch kommt gegen diesen Schmerz an. Am Anfang hat es sie seltsam vergnügt, absichtslos eine neue Züchtigungsart ersonnen zu haben. Am Ende hat sie nur noch geflucht und sich fest vorgenommen, die Haare bis zum Winter wieder wachsen zu lassen. Im Herbst wurde sie krank, da kümmerte sie kein Haupthaar mehr. Bevor es wieder Winter wurde, ist sie gestorben.
Stell dir vor, du stirbst, und alles, was von dir bleibt, ist ein Buch.
Eya herre, wie soll dies Buch heißen?Es soll heißen: Ein fließendes Licht meiner Gottheit in alle Herzen, die leben ohne Falschheit. (I)
Früheste Kindheitserinnerung: Sie sitzt auf dem Turm, in der Dämmerung, an die Mauer gelehnt. Auf der Zinne ihr gegenüber sitzt ein Rabe, ganz stumm. Sie ist irritiert. Vielleicht hat Vater ihm das Krächzen verboten? Dem Vater traut sie alles zu. Allerdings mag er keine Stille. Sie grübelt. Wenn sie später an diese Begebenheit zurückdenkt, nennt sie es vor sich selbst: Das Rabenrätsel. Mit fünfzehn lauten ihre Lösungsansätze wie folgt:
In der Dämmerung verlieren sich die Töne.
Nicht hinter allem Wunderlichen steckt der Vater.
Mit Raben muss man Kompromisse eingehen.
Über die Burgen ziehen Puppenspieler, in ritterpädagogischer Absicht. Diesmal treten auf: Herr Zuht und Frau Mâze. Herr Zuht geht so aufrecht, wie er irgend kann, sein Rumpf ein Mauerwerk ohne Moos und Tadel, die Beine im Stechschritt, wäre der denn schon erfunden worden. Gott zum Gruße, verehrte Kinder! Ich bin Herr Zuht. Ich zeige euch, wie ihr euch selbst zurechtzieht über die Jahre, und er schiebt sich die rechte Schulter zurecht mit der linken Hand und die linke mit der rechten. Er drückt seinen Kiefer und schmälert sein Kinn. Er zieht sich an den Haaren, dass die Kinder lachen, und er zieht etwas stärker, bis sie rufen: Hört auf! Das tut doch weh! Da hält er die Hand empor und wartet, bis es still ist. Danke, verehrte Kinder, für euer Mitgefühl! Ihr habt es gleich erkannt. Hier fehlt noch jemand. Und bevor sie wieder durcheinanderzurufen beginnen, erklingt ein Klopfen vom Rand des Verschlags, und Herr Zuht ruft: Herein, Frau Mâze! Seid uns hochwillkommen! Und prompt schreitet eine zauberschöne Puppe die hölzerne Kante entlang, mit züchtig unterm Tuch verborgener Haarpracht und gerade genug Wimperntusche, um beim Niederschlagen der lichtblauen Augen Aufsehen zu erregen. Herr Zuht streckt ihr die Hand entgegen wie zum Tanz, doch Frau Mâze legt nur zwei Finger in seine. Von hinter der Bühne wird ein Lied gesummt, und die beiden drehen sich dazu dreimal umeinander. Gott zum Gruße, verehrte Kinder!, spricht nun Frau Mâze. Ich zeige euch, wie ihr eben lebt. Eben – sie deutet mit der rechten Hand eine gerade Linie an –, das heißt maßvoll. Wer mir die Ehre gibt, klebt nicht unter den Wolken und kriecht nicht zwischen den Erdkrumen. Er meidet die Extreme. Versteht ihr, was ich meine? Die Kinder rufen durcheinander: Nein, kein bisschen. – Ich ja! – Noch nicht ganz. Frau Mâze dreht sich und kehrt dem Publikum den Rücken zu. Was war denn das?, spricht sie hinterrücks. Unmâze! Ein Beispiel für mein Gegenteil. Mit eleganter Hand ruft sie Herrn Zuht näher zu sich, bis sie Seit an Seit stehen. Nehmen wir an, ihr wollt ihn und mich ehren und euch zurechtrücken, ins Ebenmaß. Wie klingt ihr dann? Ein Kind spricht: Danke, ein anderes: Nun verstehe ich, der Rest nickt bedächtig.
Zuht und mâze sind nicht dasselbe wie Zucht und Ordnung und auch mit Disziplin nur über Ecken verwandt. Zuht und mâze – in der Theorie halten sie sich an der Hand und reichen sie jedem, um sich in des Herrn heilige Ordnung zu fügen.
In der Praxis hilft die Rute. Ganz ohne Rute geht es nicht!
Dem Vater ist überdies beim Maßhalten das lange A nicht geheuer, genauer: die Ruhe darin.
~
Ist der Vater ein Burggraf? Ein Markgraf, ein Landgraf oder gar ein Herzog? Oder ist er nur ein einfacher Burgmann? Gehört dem Vater seine Burg, oder passt er auf die eines anderen auf? Ist er Diener oder ritterbürtig?
Sollte ich erwähnen, wo genau diese Burg steht? Wozu? Wer will das wissen?
Dass Mechthild aus einer ritterlichen Burgmannenfamilie in der westlichen Mittelmark stamme, behauptet Hans Neumann, ein Göttinger Germanist, auf den ich immer wieder stoße. Leider sei er, wie ein Kollege mit leiser Ironie bemerkt, verstorben, bevor er seine Hypothese belegen konnte. Oder ist sie in der Gegend um Zerbst aufgewachsen, also südlich von Magdeburg, wie andere Mechthildianer vermuten? Oder im Mansfelder Land, zwischen Harz und Saale, dort wo sie auch ihre letzten Lebensjahre zubringt? Lauter dünn bekleidete Hypothesen. Und doch verbringe ich viele Abende damit, mich durch die Burgen zu klicken und zu überlegen, welche von ihnen es gewesen sein könnte.
Ich suche eine Burg, die es um 1200 schon gab. Ich suche sie im Mansfelder Land, nicht zu weit von Magdeburg, Helfta und den Geburtsorten der anderen Hauptdarsteller. Ich finde drei, und jede von ihnen gefällt mir ausnehmend gut.
Burg Bornstedt, castrum Burnstede, ist die älteste von ihnen. Schon um 880 wird sie in einem Zehntverzeichnis erwähnt. Ab 1120 gibt es ein Adelsgeschlecht derer zu Burnstede. Erster Besitzer der Burg sei ein Esiko II. gewesen, wie ein Schild am Tor zum Burggelände berichtet. 1202 wird die Burg verkauft an den Erzbischof von Magdeburg, aber der wird ja auch einen Burgmann gebraucht haben, und vielleicht hat er praktischerweise den alten behalten. Irgendwann fällt sie dann an den Grafen von Mansfeld, so wie alles in dieser Gegend.
Heute steht von der alten Burg ringsum noch ein Mauerrest und der Turm, ein strammer Schlot. Auf dem Schild habe ich gelesen, dass die Bornstedter hier seit 1949 alljährlich ein Heimatfest feiern. An den Buden im Innenhof hängen noch die Plakate der Partyband vom letzten Mal, auf den Tischen klebt noch das Bier.
Mechthild von Bornstedt, wie klingt das? Die ist es noch nicht.
Obwohl mir folgende Geschichte behagt: Als die Burg einmal belagert wurde, waren die Leute so trickreich, ihr letztes Schwein nicht zu schlachten, sondern nur täglich zu triezen. Die Belagerer nahmen also an, die Vorräte seien üppig – noch jeden Tag ein Schlachtefest –, und zogen alsbald entmutigt ab. Aber Mechthild von Schweinsburg gefällt mir erst recht nicht. Drei Halbwüchsige sind vor mir den Berg hinaufgestrampelt, auf einem Trampelpfad neben dem Kopfsteinpflaster. Jetzt sitzen sie auf der Burgmauer und lassen ihre Beine überm Hang baumeln, wie Balduin und seine Freunde. Ihre Mountainbikes haben sie ins vergilbte Gras gelegt. Ich stehe etwas abseits und gebe vor, das Panorama zu fotografieren: abgeerntete Felder bis zum Horizont, hier und da ein kleiner Wald, Strommasten, Halden. Ich sehe die Jungs gestikulieren und stelle mir ihre Mienen unter den Baseballkappen vor. Ich wüsste zu gerne, was sie miteinander sprechen.
~
Im selben Hersfelder Zehntverzeichnis ist auch eine Ortschaft namens Grillenberg aufgeführt, damals noch burglos. Um 1200 soll die Anlage errichtet worden sein, lauter Buckelquader aus rotem Sandstein. Urkundlich erwähnt wird die Grillenburg erstmals im Jahre 1217. Eine kleine Burg, für noch einen Lehnsmann des Erzbischofs in Magdeburg, genannt Tidericus de Grellenberch. Ist das etwa unser Burggraf, ein Dietrich? Warum nicht?
Heute dichtes Gestrüpp um die Ruine, Birken vor allem. Und am Fuße des Berges wie damals schon ein kleines Flüsslein, Gonna mit Namen.
~
Die dritte Burg liegt an der Saale, auf halbem Wege zwischen Bernburg und Halle. Dort hat das Bistum Halberstadt ein Dorf Friedeburg gegründet, vor 1000 schon. Das hat dann bald den Wettiner Grafen gehört, die sich dort gewiss eine Burg gebaut haben, anschließend den Grafen von Mansfeld. Anderswo waren die Burgen prächtiger, hier kamen verschiedene Seitenlinien unter. Bezeugt ist um 1215 ein Odelricus de Vredeberge. Ein ehrgeiziger Mann, der mit seinen Kumpanen an der Oder brandschatzt und plündert und danach seltsam zufrieden in sein festes Burghaus zurückkehrt. Ist das der Granitvater?
Östlich am Harz entlang ziehen sich die Rübenfelder. Ich fahre über flaches, hohes Land. Die wenigen Dörfer scheinen menschenleer. Nur selten entdecke ich ein anderes Auto im Rückspiegel, ein-, zweimal überhole ich einen Trecker. Kurz vor Friedeburg wird die Landschaft bergiger und grüner, bis ich plötzlich auf den Fluss treffe. Hier hat sich die Saale vor Jahrmillionen durchs Gestein gedrängt und es flussbreit ausgespült. Heute fließt sie stillvergnügt, sie muss niemandem mehr etwas beweisen. Warmrot ragen die Steilhänge am gegenüberliegenden Ufer empor, und bis dicht ans Wasser stehen Hainbuchen, Birn- und Walnussbäume.
Wenig später passiere ich das Ortsschild, und schon bin ich am anderen Ende. Friedeburg ist ein Dorf geblieben. Einen Gasthof gibt es noch, auf Facebook wirbt er für sein feinherbes Pilsner und die Silvesterparty vom letzten Jahr. Ich kehre um, parke an der Hauptstraße und gehe zu Fuß zur Burg hinauf. Vorbei an der evangelischen Kirche, der Schaukasten ist leer. Auf dem Rittergut auf halber Höhe hämmern ein paar junge Männer auf die Fensterrahmen. Im Hof ein paar Sonnenblumen in einer Blechkanne, sie lassen die Köpfe hängen.
Vor dem Gemeindeamt haben sie eine Miniaturburg mit Burgfried, Backhaus und Wohntrakten errichtet, die mir auf Anhieb vertraut vorkommt – vertrauter als die alten Burgmauern, die am Ende der steilen Straße treppengleich in den pigmentbefleckten Himmel ragen. Daneben steht heute ein halb verfallenes Schloss, mit Parkplatz und Efeuhübsch. Das Hofcafé ist geschlossen.
Ich streune durch das Gras und denke: So hoch überm Fluss prägt den Charakter. Und auch der Klang überzeugt mich: Mechthild von Friedeburg.
Hier. Vielleicht hier. Ein Gethsemane-Moment, dieses Erschaudern in Eventualitäten. Hier hat der Heiland gekniet und mit sich gerungen, hier, unter diesen Olivenbäumen. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht eher bei der Grotte. Der genius loci – ein unsteter Wandergeist.
Als Anhängerin der These, dass alles mit allem zusammenhängt, behagt mir freilich die Tatsache, dass laut Steinplakette am Torpfosten noch ein Dichter, nämlich Friedrich Gottlieb Klopstock, hier die besten Jahre seiner Kindheit zugebracht haben soll.
Und dass bei Friedeburg der Zechstein ausstreicht, wie ich staunend lese. Zäher Stein, der einmal Meeresboden war, im Erdaltertum.
Ein Untergrund, der die Wogen kennt. Ein Granitschild für die Empfindsamen. Lauter Zeichen auf dem Weg.
~
Noch etwas Frühes. Ort des Geschehens: Der kleine Friedhof an der Burgmauer. Etwas Moos auf den Steinen. Mutprobe à la Mechthild: Ich bleibe jetzt hier sitzen und denke so lange Du, bis etwas geschieht. Sie sitzt sehr lange. Zu Beginn, es ist kurz nach Mittag, huschen Schemen vorbei. Mutter. Balduin. Lieblingsspecht. Gundi. Mond. Domine Jesus. Puppenbündel. Maria, benedicta tu. Sie denkt Du und Du und Du. Die Sonne zieht hinter die Burg. Es wird kalt auf dem Stein. Sie bleibt sitzen. Sie weiß nicht mehr, was das sein soll, Du, sie hört und fühlt nur noch, wie es in ihr tönt. Du – – – das D- des Anfangs ist ihr Stöckchen, an dem sie sich festhält. Das -uuu strömt durch sie hindurch, höhlt sie aus, schwemmt sie. Sie denkt, sie wird irre über dem Du. Darauf hat sie gewartet. Im letzten Tageslicht rafft sie sich auf und tapert benommen zurück.
Sie ist vier oder fünf, in einem Alter also, in dem sich die Burg und ihre Bewohner, Wolken, Feuer, Moos und Raben längst aus dieser wohltuenden Synästhesie des Anfangs herausgeschält haben. Sie ist klein, aber sie hat jetzt noch einen Bruder bekommen, der ist noch kleiner. Dafür ist die Mutter nicht mehr da. Das sticht sie mittendrin, aber nur, wenn ihr einfällt, dass sie einmal eine Mutter hatte, und das geschieht nur selten. Sie ist in der schmalen Kammer neben der Stube. Sie hat eine Holzkugel verloren, die ist aus der Stube in die Kammer gerollt, und nun kriecht sie auf allen vieren über den Boden und sucht sie. Da hört sie Stimmen von nebenan und duckt sich. Da ist einer angekündigt worden und tritt nun ein, und dass der Vater ihn nicht mag, spürt sie, bevor er ein Wort gesagt hat. Der andere Mann verneigt sich wohl, ein Priester oder so, sie hört den vielen Stoff um seine Beine, er begrüßt den Vater. Sie hört, wie er dabei lächelt. Dann sprechen sie miteinander. Einmal kurz blickt sie um die Ecke, sieht seinen bestickten Mantel, das beschnittene Haar und dass er ein großer, schlanker Mann ist, kaum jünger als ihr Vater. Es geht um Politik, um Schilling und Hufen, sie hört Magdeburg und Stift und heut Abend hierbleiben und große Ehre und weiß, dass er dem Vater lästig ist. Sie aber hat ihn schon ins Herz geschlossen.
An diesem Abend kann es nicht gewesen sein. Mit vier oder fünf isst sie noch mit der Amme, und Gästen seine Kinder vorzuzeigen – das ist nun ganz und gar nicht Vaters Art. Aber von nun an kommt der Mann wieder, vielleicht einmal im Jahr, und sie freut sich darauf. Und bald schon spricht er sie mit Namen an: Ihr müsst Mechthildis und Baldewinus sein. Er glaubt wohl, alle Welt kann Latein. Er erschrickt, er sei so blasiert geworden, verzeiht mir! Mechthild, Balduin, welch eine Freude. Aber wie heißt er denn bloß?
Wichmann ist das, ein Mönch aus Magdeburg. Wichmann von Arnstein, viel zu edel, viel zu hochgeboren für ihre kleine Burg, ätzt der Vater, wenn er wieder fort ist. Für sie ist er der, der singt, wenn er spricht, und der anderen in die Augen schaut, sogar Kindern.
~
M., ein Nasenmensch, streift durch den Rosengarten. An einem hochgewachsenen Stiel drängt sich ein Dorn an den anderen, und obendrauf prangt die schönste Blüte. Das bin ich, denkt sie. So ein wilder, stachliger Trieb. Da ahnt sie zum ersten Mal, dass in ihr Worte und Bilder wuchern, die beschnitten gehören.
Und eine Streunerin ist sie. Es ist ihr verboten, die Burg ohne Begleitung zu verlassen. Aber niemand hindert sie daran. Es ist ungezogen umherzuziehen. Aber sie ist die Tochter des Herrn!
Ich sehe die kleine Mechthild durchs Tor schreiten. Sie hält einen Korb an der Hand, als wolle sie Pilze sammeln oder Kräuter, so wie früher wohl die Mutter. Sie wird Käfer und Weidenkätzchen und Zweige mit abenteuerlichen Schwüngen sammeln und nichts davon in ihren Korb legen. Ihr reicht es zu schauen und die Erscheinungen zu benennen. Die Kerben auf den Stämmen der Schwarzerlen, wie Gewissensbisse. Das O der Astlöcher. Der milde Wind, der den Duft aus den Blüten treibt. Die Himmelsausschnitte zwischen den Kronen. Das Knarzen. Das kann sie alles gut gebrauchen.
