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In "Das Buch von Monelle" entfaltet Marcel Schwob mit seiner meisterhaften Prosa die vielschichtige Geschichte einer idealisierten Figur, die zwischen Realität und Fantasie schwebt. Das Buch ist sowohl ein poetisches als auch philosophisches Werk, das die Fragilität der menschlichen Existenz thematisiert. Schwob nutzt eine eindrucksvolle, bildreiche Sprache und verbindet exquisite Erzählstrukturen mit einem traumhaften, symbolbeladenen Stil, der die Leserinnen und Leser in eine andere Welt eintauchen lässt. Diese Erzählung, die in der literarischen Moderne verankert ist, reflektiert die Abgründe der menschlichen Seele und die Komplexität von Identität und Zugehörigkeit. Marcel Schwob (1867-1905) war ein französischer Schriftsteller und Lesebegeisterter, dessen Fokus auf dem Symbolismus und der Ästhetik der Worte die intellektuelle Strömung seiner Zeit widerspiegelt. Sein Leben war geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit Kunst, Literatur und der menschlichen Natur, was sich in seiner Schöpfung von Monelle manifestiert. Schwobs Interesse an mythologischen und fantastischen Themen, gepaart mit seiner eigenen melancholischen Weltsicht, sind zentrale Antriebe für die Entstehung dieses Buches. "Das Buch von Monelle" ist eine fesselnde Lektüre für alle, die sich mit den inneren Konflikten der menschlichen Natur und der Suche nach Identität auseinandersetzen möchten. Schwobs Arbeit ist nicht nur bedeutsam für das Verständnis des Symbolismus, sondern bringt auch zeitlose Fragen über Liebe, Verlust und die komplexe Vorstellung von Selbst zum Ausdruck. Tauchen Sie ein in diese literarische Reise und entdecken Sie die zeitlose Anziehungskraft von Monelle.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Monelle traf mich auf der Heide, wo ich irrte, und nahm mich bei der Hand.
Sei nicht erstaunt, sagte sie, ich bin es und ich bin es nicht; du wirst mich noch einmal wiederfinden und du wirst mich verlieren;
Noch einmal komme ich zu euch; denn wenige Männer haben mich gesehen und keiner hat mich verstanden;
Und du wirst mich vergessen und wirst mich wiedererkennen und wirst mich vergessen.
Und Monelle sprach weiter: Ich will zu dir von kleinen Prostituierten reden, und du wirst den Anfang wissen.
Bonaparte der Schlächter traf mit achtzehn Jahren unter den eisernen Toren des Palais-Royal eine kleine Prostituierte. Sie war ganz bleich und zitterte vor Kälte. Aber »man muß leben«, sagte sie ihm. Weder du noch ich kennen den Namen dieser Kleinen, die Bonaparte in einer Novembernacht auf sein Zimmer in Cherbourg nahm. Sie war aus Nantes in der Bretagne. Sie war schwach und müde, und ihr Geliebter hatte sie verlassen. Sie war einfach und gut; ihre Stimme hatte einen sehr weichen Klang. Bonaparte erinnerte sich an alles das. Und ich denke, daß ihn später die Erinnerung an ihre Stimme zu Tränen bewegt hat, und daß er sie lange gesucht hat, ohne sie zu finden, an den Winterabenden.
Denn siehst du, die kleinen Prostituierten treten nur einmal aus der nächtlichen Menge, um ein Gutes zu tun. Die arme Anne kam dem Thomas de Quincey, dem Opiumtrinker zu Hilfe, da er unter den großen Lampen der breiten Oxfortstreet ohnmächtig hinsank. Mit feuchten Augen brachte sie ein Glas Wein an seine Lippen, umarmte ihn und liebkoste ihn. Dann ging sie in die Nacht zurück. Vielleicht, daß sie bald starb. Sie hustete, sagt de Quincey, den letzten Abend, da ich sie sah. Vielleicht irrte sie noch in den Straßen umher; aber wie er sie auch suchte und dem Gelächter der Leute trotzte, die er nach ihr fragte — Anne war für immer verloren. Später, da er ein warmes Haus hatte, dachte er oft mit Tränen, wie Anne nun bei ihm hätte leben können, statt daß er sie krank denken mußte, oder sterbend oder verzweifelt in dem Elend eines Londoner Bordells, und daß sie alle erbarmungswürdige Liebe ihres Herzens weggegeben.
Sieh, sie schreien in Mitleid zu euch und streicheln eure Hand mit ihrer mageren. Sie verstehen euch nur, wenn ihr sehr unglücklich seid; sie weinen mit euch und trösten euch. Die kleine Nelly kam zu dem Sträfling Dostojewski aus ihrem schlechten Hause und sah ihn fiebersterbend an, bange, mit ihren großen schwarzen zitternden Augen. Die kleine Sonja — sie lebte wie die andern — hat den Mörder Rodion umarmt, als er sein Verbrechen gestand. »Du bist verloren!« rief sie in Verzweiflung. Und erhob sich plötzlich und warf sich an seine Brust ... »Nein, es gibt keinen Menschen jetzt auf der Erde, der unglücklicher ist als du!« rief sie ganz voll Mitleiden und brach in Tränen aus.
Wie Anne und wie jene ohne Namen, die den jungen und traurigen Bonaparte tröstete, so tauchte Nelly im Nebel unter. Dostojewski hat nicht gesagt, was aus der kleinen Sonja geworden ist, der blassen und mageren. Weder ich noch du wissen, ob sie Raskolnikow bis ans Ende seiner Buße helfen konnte. Ich glaube es nicht. Sie verging ganz sanft in seinen Armen, da sie zu viel gelitten und geliebt hatte.
Keine von ihnen, sieh, kann mit euch bleiben. Sie wären zu traurig, und sie schämen sich zu bleiben. Wenn ihr nicht mehr weint, wagen sie es nicht, euch anzusehen. Sie lehren euch, was sie lehren können, und gehen. Sie kommen durch Kälte und Regen, euch auf die Stirn zu küssen, eure Augen zu trocknen, und die bösen Dunkelheiten nehmen sie wieder auf. Vielleicht müssen sie woanders hingehen.
Ihr kennt sie nur, während sie mitleidig sind. Man soll nicht an das andere denken. Man soll nicht an das denken, was sie in den Dunkelheiten tun könnten. Nelly in dem schlechten Hause, Sonja betrunken auf einer Straßenbank, Anne, die das leere Glas zu dem Weinhändler in der dunklen Gasse bringt — sie waren vielleicht grausam und lasterhaft. Es sind Geschöpfe aus Fleisch und Blut. Sie traten aus einem düsteren Durchgang, uns einen mitleidsvollen Kuß zu geben unter der leuchtenden Lampe der großen Straße. In diesem Augenblick waren sie göttlich.
Alles andre muß man vergessen.
Monelle schwieg und sah mich an:
Ich komme aus der Nacht, sagte sie, und gehe wieder in die Nacht zurück. Denn auch ich bin eine kleine Prostituierte.
Und Monelle sagte weiter:
Ich habe Mitleid mit dir, ich habe Mitleid mit dir, mein Geliebter.
Doch gehe ich in die Nacht zurück; denn es ist nötig, daß du mich verlierst, bevor du mich wiederfindest. Und wenn du mich wiederfindest, entkomme ich dir aufs neue.
Denn ich bin die, die allein ist.
Und Monelle sagte weiter:
Weil ich allein bin, wirst du mir den Namen Monelle geben. Aber es wird dir sein, als hätte ich die andern Namen alle. Und ich bin diese und diese, und diese auch, die keinen Namen hat.
Und ich werde dich unter meine Schwestern führen, die ich selbst sind und den Prostituierten ohne Verstand gleichen;
Und du wirst sie sehen, gequält von Eigensucht und Wollust und Grausamkeit und Stolz und Geduld und Mitleid, und dies, weil sie sich noch nicht gefunden haben;
Und du wirst sie sehen, wie sie weit gehen, sich zu suchen;
Und du wirst mich selbst finden und ich werde mich selbst finden; und du wirst mich verlieren und ich werde mich verlieren. Denn ich bin die, die verloren ist, sobald man sie gefunden hat.
Und Monelle sagte weiter:
An diesem Tag wird eine kleine Frau dich mit ihrer Hand berühren und davoneilen;
Denn alle Dinge sind flüchtig; aber Monelle ist das flüchtigste von allen.
Und bevor du mich wiederfindest, werde ich dich belehren in dieser Einöde, und du wirst das Buch von Monelle schreiben.
Und Monelle reichte mir einen hohlen Stecken, auf dem rosige Staubfäden brannten.
— Nimm diese Fackel, sprach sie, und brenne. Brenne alles auf Erden und am Himmel. Und brich den Stecken und lösch ihn aus, wenn du verbrannt hast, denn nichts soll weitergegeben werden;
Auf daß du der zweite Narthekopher seiest und mit Feuer zerstörest und das Feuer vom Himmel gekommen zum Himmel zurückkehre.
Und Monelle sagte weiter: Ich will zu dir von der Zerstörung sprechen.
Dies ist das Wort: Zerstöre, zerstöre, zerstöre. Zerstöre in dir, zerstöre um dich herum. Mach Platz für deine Seele und für die andern Seelen.
Zerstöre alles Gute und alles Böse. Die Schutthaufen sind die gleichen.
Zerstöre die alten Wohnungen der Menschen und die alten Wohnungen der Seelen; die toten Dinge sind Spiegel, die entstellen.
Zerstöre, denn alle Schöpfung kommt aus der Zerstörung.
Und um der höheren Güte willen muß man die niedere Güte ausrotten. Und so erstehe das neue Gute, gesättigt mit Bösem. Und um eine neue Kunst zu erschaffen, muß man die alte Kunst zerbrechen. Die neue Kunst wird so dem Bildersturme gleichen.
Denn jeder Bau ist aus Trümmern gemacht, und nichts ist neu in dieser Welt als die Formen.
Aber man muß die Formen zerstören.
Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von der Formwerdung sprechen.
Das Verlangen selbst nach dem Neuen ist nichts sonst als die Begierde der Seele, die sich zu formen strebt.
Und die Seelen werfen die alten Formen von sich, wie die Schlange ihre alte Haut von sich wirft.
Und die geduldigen Sammler alter Schlangenhäute betrüben die jungen Schlangen, denn sie haben eine magische Gewalt über diese.
Denn der, der die alten Schlangenhäute besitzt, hindert die jungen Schlangen, daß sie sich umformen.
Deshalb häuten die Schlangen ihren Leib in dem grünen Rinnsal eines tiefen Dickichts; und einmal jedes Jahr kommen die Jungen zusammen, um die alten Häute zu verbrennen.
Gleiche so den Jahreszeiten, die zerstören und bilden.
Baue selbst dein Haus und verbrenne es selbst.
Wirf nicht Schutt hinter dich; denn jeder soll sich seines eigenen Schuttes bedienen. Baue nicht in der vergangenen Nacht. Und laß, was du gebaut hast, gehen und treiben.
Betrachte deine neuen Gebäude mit der geringsten Begeisterung deiner Seele.
Für jedes neue Begehren mache dir neue Götter.
Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von Göttern sprechen.
Laß die alten Götter sterben; bleibe nicht wie ein Klageweib an ihren Gräbern sitzen;
Denn die alten Götter heben sich weg aus ihren Gräbern;
Und beschütze die jungen Götter nicht, indem du sie in Bänder wickelst;
Auf daß jeder Gott sich weg hebe von dir, kaum daß er erschaffen ist;
Auf daß alle Schöpfung vergehe, kaum daß sie erschaffen ist;
Auf daß der alte Gott seine Schöpfung dem jungen Gott opfere, damit sie von ihm zerbrochen werde;
Auf daß jeder Gott ein Gott des Augenblickes sei.
Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von den Augenblicken sprechen.
Betrachte Alles von der Seite des Augenblickes.
Laß dein Ich mit dem Zufall des Augenblickes gehen. Denke im Augenblick. Alles Denken, das dauert, ist Widerspruch.
Liebe den Augenblick. Alle Liebe, die dauert, ist Haß. Sei ehrlich mit dem Augenblick. Alle Ehrlichkeit, die dauert, ist Lüge.
Sei gerecht für den Augenblick. Alle Gerechtigkeit, die dauert, ist Unrecht.
Handle für den Augenblick. Alles Tun, das dauert, ist ein verstorbenes Reich.
Sei glücklich mit dem Augenblick. Alles Glück, das dauert, ist Unglück.
Habe Achtung vor allen Augenblicken, und mache keine Verhältnisse zwischen den Dingen.
Verspäte nicht den Augenblick: Du würdest eine Agonie ermüden.
