Das Coming-Out der anderen Art - Karin Urabel - E-Book

Das Coming-Out der anderen Art E-Book

Karin Urabel

0,0

Beschreibung

Die Beischreibung einer jungen 34 jährigen Frau, welche an Schizophrenie erkrankt ist, wird sehr detailliert beschrieben. In einem 7-Jahresrhythmus wird genau erzählt, welche Ereignisse auf die Erzählerin eingewirkt haben und es wird klar, dass das Leben mit oder ohne Krankheit unterschiedlich ist. Dabei hat sie ein „Geheimnis“ in der Psychotherapie zu entdecken: nämlich dass sie ihren Ehemann verlassen will, weil sie lesbisch ist. Bei den tragischen Ereignissen rund um die Krankheit gesellt sich die Trennung zu ihrem Sohn hinzu. Er ist 11 Jahre alt im 2008. Nach sieben Jahren hat die nun 41 Jährige schon einiges gelernt: wie sie mit ihrer Krankheit umgehen muss: nämlich Stimmen im Kopf mental wegschickt und ein Leben führen, das ihre Fähigkeiten zur Genesung stärkt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Danksagung

Es gab in meinem Leben sehr viele Menschen, die mir erlaubt haben, während unserer Freundschaft einiges an Lebenserfahrung anzueignen. Ich danke meinem Vater, meiner Schwester und auch meinem Sohn und vor allem meiner Partnerin dass sie mich lieben und mich in diesem schwierigen Leben begleiten.

Inhaltsverzeichnis

Anfang und Therapie

Jugendjahre

Kindheit

Sieben bis Vierzehn

Teenager

7-Jahres Zyklus

Lehrausbildung

Italien: 3 x Sieben Lebensjahre

Nikolas

Florenz

4 x 7 Lebensjahre

Schwere Zeiten

Stimmen

Halluzinationen

Neuer Auftrieb

Labyrinth

Diskriminierung

Freundschaft

Italienische Buddhisten

Abschied

Tiefe Krise

Erste gesunde Schritte

Arbeitsbeschäftigung

Muttergefühle

Scheidung

Medikamente

Chancen

Neue Beziehung

Schlusswort

Anhang

Anfang und Therapie

Der Begriff Psychopathologie ist die Beschreibung abnormer psychischer Phänomene. Die Schizophrenie wird bei einem Menschen diagnostiziert, der mindestens neun Faktoren erlebt in seinem Alltag und das über eine Dauer von einem Monat. Ich habe verschiedenen Bücher gelesen und festgestellt, dass meine Krankheit als unheilbar und vor allem als sich verschlechternd beschrieben wird. Meine Erfahrung ist, dass es zwar gewisse Dinge gibt, die ich mit mehr Mühe mache also nicht kochen und gleichzeitig Hausaufgaben mit meinem Sohn machen kann.. Aber es gibt auch das wichtige Konzept von „Recovery“ also aus dem Englischen für Wiederherstellen und genau deshalb bin ich voller Hoffnung für die Zukunft.

Ich habe es unterlassen die genauen psychiatrischen Aussagen niederzuschreiben, weil die Ärzte oftmals vergessen dass es MENSCHEN sind, welche in Kliniken sind und nicht nur Patienten. Mit meinem Psychiater heute habe ich sehr gute Erfahrungen: er diskutiert mit mir anstatt nur zuzuhören und macht mit mir am Computer ein kognitives Training: ich muss anhand von einer Bilderreihe am Bildschirm entscheiden, um welchen Inhalt es sich handeln könnte und die Geschichte wird dann am Schluss aufgeschlüsselt. Ich werde gefordert, was mir sehr gefällt. Es gibt sicherlich viel, sehr viel, das man selbst steuern kann auch als Schizophrenie Erkrankte.

An einem Dienstag in Italien in der Nähe von Pontassieve in der Toskana sass ich auf einem unbequemen Stuhl wie jeden Dienstagnachmittag um 14 Uhr und versuchte der Frage von meiner Psychologin „was würde man über Sie verstecktes, heimliches erfahren in einer Therapie?“ nachzugehen.

Ich war erst am Anfang mit ihr: Frau Calli hatte eine nette aber bestimmte Art, mir klar zu machen dass wir nun mit der Gesprächstherapie psychisch tief schürfen würden. Nur damit ich wieder gesund werden konnte. Anfänglich dachte ich dass meine Diagnose Depression wäre, erst einige Jahre später sollte es heissen dass es sich um Schizophrenie handelt.

Als Patientin war ich sehr angenehm: ich hörte aufmerksam zu, erzählte von meiner Kindheit über Jugendzeit und ich wusste oftmals intuitiv was sie mich gleich fragen würde und wir waren ein eingespieltes Gespann mit der Zeit: ich war insgesamt 10 Monate in Behandlung. Das war jede Woche einmal und ergab vierzig Male bei einer Gesprächstherapie das Ganze zu geben war viel. Ich hatte denn auch eine Art Erschöpfungszustand wenn ich dann wieder am jeweiligen Abend zu Hause war. Es hallte in mir :mein Unterbewusstes und arbeitete ständig weiter .Oft hatte ich das Bedürfnis mit jemandem zu reden, der mich verstand. Nun leider war das für mich vor allem meine Mutter gewesen und eben weil sie gestorben war so unerwartet, war bei mir die Krankheit ausgebrochen. Mangels finanziellen Möglichkeiten konnte ich nicht lange telefonieren mit meiner Schwester in Zürich: dies tat ich meistens Sonntag. So blieb ich alleine mit mir und meinen vielen Gedanken, die oft immer und immer wieder kreisten im Kopf. Ich konnte nicht abschalten. Schlafstörungen machten sich bemerkbar und ich fühlte mich erschöpft.

Über die Frage, die Frau Calli mir immer wieder stellte dachte ich jedes Mal über eine mögliche Antwort nach. Nun mit der Zeit kam ich schliesslich zum Schluss, dass ich lesbisch und nicht für das Eheleben mit einem Mann geschaffen bin.“ Die Therapie brach ich kurz darauf ab. Ich brauchte sie nicht mehr, hatte ich das Geheimnis doch gelüftet.

Ich hatte von ihr schon einige Zeit geträumt: Adele mit ihren blonden Haare, zu einem Pagenschnitt getragen und braunen Augen und wusste, dass ich in sie verliebt war. 2007 irgendwann im August: sie war in den Ferien und ich musste warten, bis sie zurückkam um es ihr zu sagen. Leider war sie heterosexuell, verheiratet und kündete mir die Freundschaft. Es war hart, sie plötzlich nicht mehr Mal sehen zu dürfen. Ich war psychotisch das heisst ich hatte einen Schub/eine Krise der Schizophrenie. Ein Jahr später trennte ich mich von meinem Mann und musste von der zuständigen Sozialarbeiterin hören „Sie sind krank und deshalb verlieren Sie das Sorgerecht für ihren Sohn“: Nikolas war elf jährig und ich musste ihn zurücklassen als ich am 18.8.2008 nach Zürich zurück in mein Heimatland Schweiz ging.

Schizophrenie hat nichts mit Multiple Persönlichkeitsstörung zu tun. In der sogenannten Psychose hört der Kranke Stimmen und hat unter Umständen Wahnvorstellungen, so ist es auch bei mir gewesen. Es ist ein grosser Unterschied ob man im Gebet zu Gott Kraft und Hoffnung findet oder in einer Sekte nach Antworten sucht, die aber nie befriedigen. Ich kenne beides.

Zudem habe ich herausgefunden, dass es bei mir wie drei Phasen der Psychose gibt. In der ersten habe ich Gedankenkreisen: bin am Einkaufen und überlege, ob ich noch Waschmittel brauche, als plötzlich ein Gedanke wie eine Leuchtreklame in meinem Kopf ist und sagt: „du musst mehr Sport machen“ dieser Satz höre ich dann oft innerhalb von einem Tag. Die zweite ist gekennzeichnet mit Stimmen hören. Ich glaube an Engel und an eine andere Dimension, als wir sie wahrnehmen können. Die Stimmen sind eingeflüstert vom Teufel oder Geister. Meine eigene Stimme spüre ich im Herzen. Dadurch dass ich manchmal diese Stimmen von den anderen nicht unterscheiden kann, belastet mich. Manchmal sind es den ganzen Tag zwei Stimmen: immer eine männliche und eine weibliche, die diskutieren: laut und ich schicke diese Stimmen mental weg. Es gibt Schizophrene die laut im Tram oder Zug mit diesen Stimmen reden: das ist beängstigend für andere und ich mache deshalb vieles mental.

Die männliche Stimme sagt: „Sie muss mehr Sport machen“ und die weibliche Stimme antwortet „sie kann nicht“ und wieder die männliche Stimme: „sie muss aber“ und so geht das weiter. Nicht wie die Mediziner es beschreiben, dass die Stimmen aus einem Individuum selbst heraus kommen, bin ich mir sicher, dass es eben Stimmen von Aussen eingeflüstert sind. Ich habe auch von einer Gruppe gehört, die sich „die Stimmenhörer“ nennt und deren Leiterin sich in eine ihrer Stimmen regelrecht verliebt hat, was für mich eine Bestätigung ist, dass die Stimmen nicht die eigen, sondern eigenständig sind.

Bei diesen zwei Phasen kann man sich gut mit dem Psychiater absprechen, mehr Medikamente zu nehmen und ein, zwei Wochen krankgeschrieben zu werden und zu Hause zu bleiben. Denn ganz wichtig ist in dieser Zeit die Ruhe: weniger Einflüsse von Aussen zu haben ist wichtig.

In der dritten Phase kommen die Wahnvorstellungen hinzu. Eine davon ist die Angst, von der Polizei weggebracht zu werden auf offener Strasse. Oft haben die Wahnvorstellungen Ursache vom Unterbewussten: also Themen, die für einen tatsächlich wichtig sind, kommen in anderer Form wieder zu einem. Nun, da in Zürich oft das Polizei Auto fährt, ist es nicht erstaunlich, wenn ich in der Psychose das Gefühl habe, bewacht zu werden. Aber das ist sicher eine der harmloseren Vorstellungen.

Die richtige grosse Krise habe ich bisher nur einmal erlebt. Obschon ich schon seit 2008 in der Psychotherapie bin bei Psychiater kann es auch Verschlechterungen geben. Trotzdem oder eben gerade weil man eine Arbeit mit sich selbst macht.

Im Mai 2011 wurde ich von meiner Schwester Sandra in die Klinik eingewiesen: ich erinnere mich nicht mehr, wie ich war. Sie beschreibt aber meinen Zustand als dramatisch: ich war katatonisch also steif am ganzen Körper und wie „ferngesteuert“ redete perverse Dinge, die mir in normalem Zustand zuwider sind. Ich beschuldigte meinen Vater des sexuellen Missbrauchs. Das entsprach nicht der Realität. Was meiner Schwester vorkam wie eine Beeinflussung von aussen würden die Fachärzte nicht bestätigen. In der Psychiatrie ist die Rede von EIGENEN Stimmen und dass jemand wie „ferngesteuert“ wirkt ist einfach zufällig Teil von einer Diagnose, die bekannt für Wutanfälle ist. In den Medien werden ja sofort Straftaten jemandem mit Schizophrenie zugeschrieben, obschon niemand genaueres weiss.

Die Umstände waren schwierig für mich damals. War ich doch wegen Wahnvorstellungen in der Klinik gewesen im Oktober 2010 weil ich ernsthaft in Betracht zog, mich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen. Diese Vorstellung kam weil ich die posttraumatischen Störungen nicht aufgearbeitet hatte: in meinem Leben habe ich schon oft Gewalt erlebt und diese Szenen kamen immer wieder ins Bewusstsein. Zum Glück bekam ich innerhalb von wenigen Wochen zwei Termine bei dem Chirurgen, der solche Operationen vornahm. Ich fühlte mich von ihm ernst genommen: ich musste auch drei Aufsätze über sexuelle Wünsche und Gedanken seit Jugend aufschreiben. Nun ich erzählte, wie ich mich immer wieder in Mädchen verliebt hätte und zuletzt im 2007. Das Gespräch verlief überraschend für mich: er las meine drei Aufsätze und lachte einmal schallend los. Er meinte dann, dass er mir sehr ans Herz legen würde, diesen Weg nicht weiter zu gehen und dass ich in der Psychotherapie weiter machen sollte mit dem Thema „Mann“.

Jugendjahre

Zudem kam die religiöse Orientierung und das seit dem 19 Lebensjahr Teil einer buddhistischen Sekte. Ich verliess die Sekte SGI nach 18 Jahren im November 2010. Ich war wie in einem Hamsterrad gefangen gewesen die letzten anderthalb Jahren. Die Organisation spannte mich immer mehr ein. Es waren vielfältige Aufgaben: als Bezirksleiterin war ich für drei Gruppen von insgesamt etwa 30 Frauen zuständig. Rund um die Uhr konnten mir die Frauen anrufen und ich ging sie zu Hause besuchen. Die Führung der erfahrenen Leiterinnen war dass man zumindest bei einem solchen Besuch eine halbe Stunde „chantet“ und zwar das Mantra „nam myoho renge kyo“ vor der Pergament-Rolle dem sogenannten „Gohonzon“ das bedeutet „das zutiefst verehrende“. Anschliessend sollte man der betreffenden Frau zuhören und Rat geben nach den Richtlinien von Präsident der SGI Daisaku Ikeda. Dazu gibt es viel Literatur und ich habe sie alle gelesen: auf Deutsch, Englisch und Italienisch. Unzählige Bücher habe ich gekauft und hoffte, in diesem Leben Gutes tun zu können.

Mir wurde die Verantwortung zu viel und eine gute Freundin, zumindest dachte ich damals sie wäre eine, riet mir eindringlich die Medikamente abzusetzen: ich würde zum Monster werden wenn ich diese um 18 Uhr nahm. Nun ich wollte kein Monster sein, hatte aber die Erfahrung gemacht, dass ich mit meinen Psychosen sonst nicht leben konnte. Es war nicht nur dieses Dilemma wegen den Medikamenten, ich fühlte mich überfordert eine Verantwortliche zu sein unter gesunden Menschen, wo ich doch sehr angeschlagen war.

Mein Sohn fehlte in meinem Leben und nicht wenige sagten zu mir, dass meine Depression, die sich immer wieder zusätzlich bemerkbar machte, von der Leere kam, die ich nicht ausfüllen konnte. Nun ich war am Rande eines Nervenzusammenbruchs weil ich nur noch temporäre Arbeiten fand, keine Feststellen mehr und mich alle drei bis vier Monate komplett an ein neues Arbeitsklima gewöhnen musste.

Nach dem Austritt aus der Soka Gakkai International suchte ich halt an einem Ort, die von Geister nicht nur hörten, sondern bestimmte Menschen sie auch sehen und reden konnten mit ihnen: ich ging in die parapsychologische Gesellschaft in Zürich am Rande der Stadt. Ich nahm an einem Abend an einem Treffen mit einem Medium, einer amerikanischen Frau teil. Durch ihre Erfahrung mit Geistheilung liess ich mich überzeugen, dass ich auch solche Fähigkeiten hatte. Schliesslich schrieb ich mich für den Kurs „Heiler zu sein ist lernbar“ und als ich länger mit Rafael sprach und der mich auch ermutigte trotz Krankheit mitzumachen in der Gruppe, spürte ich neue Hoffnung. Ich bezahlte den für mich hohen Betrag und zwölf Sitzungen würden folgen. Meine Schwester merkte in der Zeit, dass ich sehr zu Gott gefunden hatte und auch darüber sprach, dass ich betete. Ich war mir sicher, dass es eine Bestimmung gibt im Leben. Aber ich sollte lernen, dass man zwar Geister heraufbeschwören kann, dann aber oftmals mit diesen nicht umgehen kann, weil nur die Zuflucht zu Gott wirklich hilft, gesund zu werden.

Eine der Gründe weshalb jemand psychisch krank wird ist die Vulnerabilität, das heisst ein Mensch ist besonders sensibel und nimmt vieles auf wie ein Schwamm und ist unfähig, Dinge zu verarbeiten. Nun ich war schon sehr früh vulnerabel.

Kindheit

Meine Mutter hatte eine schwierige Schwangerschaft 1973: Sie war 29 Jahre alt und hatte schon meine Schwester, die drei jährig war. Damals im Januar wurde meinem Vater eine ansteckende Form von Tuberkulose diagnostiziert: niemand wusste, ob er wieder gesund werden würde, da es sich um eine besonders aggressive Form der Krankheit handelte. Er musste nach Arosa im Graubünden, in den Bergen in der Höhe, in Kur gehen. Später erzählte er meiner Mutter, dass die anderen Patienten in die Kneipe gingen und tranken. Er dachte an seine Familie und ging jeden Tag mehrere Stunden spazieren, damit seine Lungen sich wieder regenerierten. Da es sich um einen ansteckenden Virus handelte, musste ein Team die ganze Wohnung meine Eltern desinfizieren: alles, einfach alles war mit einem Gas benetzt worden. Da es sich um Leute handelte, die wie im Weltall angezogen waren, sahen die Nachbarn, dass so etwas Gefährliches war bei mir zu Hause. Die Folge war, dass die Nachbarn meine Mutter nicht mehr grüssten, vor allem keine Hand mehr gaben. Meine Mutter hatte keine Freundinnen aber die Kiosk Chefin in Zürich Altstetten ermutigte meine Mutter, mit ihr zu reden. Glaube dass sich Flora, meine verstorbene Mutter nie beklagt hat und auch ihre Schwiegermutter schrieb ihr in dieser schwierigen Zeit einen Brief, in dem sie dankte, dass sie meinem Vater beistand, indem sie auf sich und meine Schwester aufpasste.

Im Mai 1973 starb mein Onkel, der jüngste Bruder meiner Mutter an Krebs: es hatte ihn sehr schnell, in wenigen Monaten hingerafft. Meine Mutter Flora durfte sein Leichnam nicht mehr sehen, weil sie ja schwanger war. Sie hätte gerne von ihm Abschied genommen. Und schliesslich kam ich am 1. Oktober auf die Welt: zwei Wochen verspätet und mit grosser Eile wie es schien: denn ich kam so schnell heraus, dass ich mir das Schlüsselbein gebrochen habe. Flora sah mein verdrehtes Ärmchen und dachte: oh sie ist behindert. Dann machten die noch ein Foto von ihr und mir und dann dachte sie, ich müsse sterben. Aber die im Krankenhaus wussten ja, dass mein Vater weg war und wollten ihr nur das Bild für ihn mitgeben: ja, meine Mutter hatte es schwer gehabt. So war ich also vulnerabel seit Geburt und weinte viel in der Nacht. Flora sagte deshalb zu mir: du hast alles gespürt, was ich durchgemacht hatte und kein Wunder, spürst du Dinge, die andere nicht spüren.

Schliesslich konnte mein Vater mich in Armen halten ich war drei Wochen alt. Er hatte Urlaub im Oktober und dann im März, nach über einem Jahr kam er wieder nach Hause: gesund und nahm seine Arbeit wieder auf.

Zu erwähnen ist auch meine drei Jahre ältere Schwester: sie hat mich schon als Kind sehr lieb gehabt. Wir waren sehr unterschiedlich: sie sehr ruhig, ich tanzte und singte gerne und ich sprach viel, wir beide hatten einander viel zu geben. Wenn die Eltern wieder mal schwiegen über alles, was uns interessierte, konnten wir in eine Welt eintauchen, in der die Plüschtiere sprachen: echt, bei uns bekamen Janosch Lubomirska Andele Müller als Plüschhund einen eigenen Charakter und auch die Plüschhasen Stefan und Vreni. Es waren nicht mehr wir, die sprachen es waren die Tiere selbst, die lebendig wurden. Die Tiere sprachen auf Hochdeutsch: meine Mutter war Schweizerin, mein Vater ist Österreicher und spricht Hochdeutsch kein Österreichisch mit uns.

In der Schule waren meine Schwester und ich herausragend: alles sehr gute Noten in allen Fächern, ich allerdings im Sport nur genügend.

Ich lebte gerne in Zürich: noch heute liebe ich den See und fahre Schiff so oft ich kann. Es beruhigt mich auf See zu sein, in den Wellen Kaffee zu trinken und mit offenen Augen zu träumen.

Jeden Sommer, also von Mitte Juli bis Mitte August waren wir vier Wochen in Österreich in Velden am Wörthersee in Kärnten. Dort lebte die Mutter meines Vaters und seine Schwester: sie hatte einen Sohn. Ich hatte keinen Draht zu meinem Cousin und so blieb es. Meine Grossmutter liebte ich, sie gab mir auch am Abend von ihrem Lebensmittelladen die neuesten Comic-Hefte mit zum Lesen. In einer Nacht las ich etwa drei Comichefte mit Batmann und Superman und anderen Helden. Ich war überglücklich, jedoch sah ich die ältere, kleine und kompakte Frau nur hinter dem Tresen im kleine Lebensmittelladen Leute bedienen. Meine Tante führte allein das Restaurant und obschon meine Mutter dagegen war, quartierte sie den Koch in unserem grossen 200mq grossen Haus unten ein. Alle Köche machten viel . Aber wir hatten ja trotzdem unsere Privatsphäre weil wir oben wohnten: es waren zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer: die Terrasse hinter dem Haus war spektakulär gross und wir hatten Sicht auf den Wald: am morgen früh kamen Rehe und Hirsche vor das Haus und wir waren entzückt. Soviel Natur habe ich mitbekommen als Kind und wir gingen fast jedes zweite Wochenende Wandern in der Schweiz. Als ich etwa acht Jahre alt war machte ich Wandertouren von fünf, sechs Stunden insgesamt, auch meine Schwester war eine gute Wanderin.

Meine Eltern hatten eine halbe Stunde mit dem Fahrrad entfernten Gemüsegarten. Ich half nicht viel: manchmal erntete ich Bohnen oder half die Himbeeren abzunehmen, natürlich ass ich auch jede Menge davon.

Meine Eltern verbrachten also viele Stunden im Monat im Garten und bei Jäten, Einpflanzen und Blumen pflücken und Ernte einholen waren beide beschäftigt, redeten wohl nur miteinander wenn sie Pause machten und tranken etwas Kühles zusammen. Oft kam meine Mutter nach Hause und duschte erst mal. Dann kochten und assen wir das frische Gemüse und meine Eltern waren guter Laune. Was sich auch auf uns Kinder auswirkte. Ich schlief dann besonders früh und selig ein.

Sieben bis Vierzehn