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Wo das Meer endet, beginnt das Recht. Rügen, Ende des 12. Jahrhunderts. Die Jaromarsburg ist gefallen, die alten Götter brennen im Rauch der Eroberer. Doch wo andere das Ende sehen, beginnt für den Söldner Osram von Hauenfels und die Priestertochter Jalite ein neues Leben – nicht aus Liebe, sondern aus Notwendigkeit. In einer Welt aus Salz, Tang und altem Zorn müssen sie mehr tun als nur überleben: Sie müssen bleiben. Während Dänenkönige und Pommernherzöge um die Vorherrschaft an der Ostsee ringen, entsteht in den Sümpfen von Stralow und am Ufer des Ryck etwas Unerhörtes: Ordnung. Dies ist nicht die Geschichte von strahlenden Rittern und großen Schlachten. Es ist die Geschichte von Pfählen, die in den Schlick gerammt werden, von Bänken, auf denen Streit geschlichtet wird, und von Händen, die lernen zu halten, statt zu schlagen. Gemeinsam mit dem pragmatischen Wenzel, dem schreibenden Mönch Erland und der weisen Kelrawa legen Osram und Jalite das Fundament für die Städte Stralsund und Greifswald. Doch über dem Aufbau liegt ein Schatten: Crafft, ein Kind der See, das am Rande der Gemeinschaft wandert – ein verlorener Sohn, der zurückkehrt, nicht um zu bleiben, sondern um im entscheidenden Moment die Tür zu halten. „ Das Erbe der Ranenhexe“ ist ein gewaltiges Epos über die Geburt der Hansezeit – eine Hymne an die Vernunft, das Handwerk und die Kraft des menschlichen Willens, sich gegen den Wind zu stellen.
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Erbe der Ranenhexe: Historischer Roman
Copyright
Glossar
Personen
Orte
Begriffe & Gegenstände
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Titelseite
Cover
Inhaltsverzeichnis
Buchanfang
von HERBERT CARLSEN
Wo das Meer endet, beginnt das Recht.
Rügen, Ende des 12. Jahrhunderts. Die Jaromarsburg ist gefallen, die alten Götter brennen im Rauch der Eroberer. Doch wo andere das Ende sehen, beginnt für den Söldner Osram von Hauenfels und die Priestertochter Jalite ein neues Leben – nicht aus Liebe, sondern aus Notwendigkeit.
In einer Welt aus Salz, Tang und altem Zorn müssen sie mehr tun als nur überleben: Sie müssen bleiben. Während Dänenkönige und Pommernherzöge um die Vorherrschaft an der Ostsee ringen, entsteht in den Sümpfen von Stralow und am Ufer des Ryck etwas Unerhörtes: Ordnung.
Dies ist nicht die Geschichte von strahlenden Rittern und großen Schlachten. Es ist die Geschichte von Pfählen, die in den Schlick gerammt werden, von Bänken, auf denen Streit geschlichtet wird, und von Händen, die lernen zu halten, statt zu schlagen. Gemeinsam mit dem pragmatischen Wenzel, dem schreibenden Mönch Erland und der weisen Kelrawa legen Osram und Jalite das Fundament für die Städte Stralsund und Greifswald.
Doch über dem Aufbau liegt ein Schatten: Crafft, ein Kind der See, das am Rande der Gemeinschaft wandert – ein verlorener Sohn, der zurückkehrt, nicht um zu bleiben, sondern um im entscheidenden Moment die Tür zu halten.
„ Das Erbe der Ranenhexe“ ist ein gewaltiges Epos über die Geburt der Hansezeit – eine Hymne an die Vernunft, das Handwerk und die Kraft des menschlichen Willens, sich gegen den Wind zu stellen.
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Osram von Hauenfels Ein ehemaliger Söldner und Seefahrer aus dem Süden, der auf Rügen strandet. Er sucht kein Heldentum, sondern Land. Er wird zum Vogt und Organisator der neuen Siedlungen, bekannt als der Mann, der „hält“ – sei es den Frieden oder das Eichgewicht.
Jalite (genannt Helena) Die Tochter des letzten heidnischen Priesters der Jaromarsburg. Sie trägt das alte Wissen der Ranen (Slawen) in sich. Nach dem Fall der Festung wird sie Osrams Frau – eine Verbindung, die zunächst aus Schutz und Notwendigkeit entsteht. Sie ist die stille Kraft im Hintergrund, die das Haus und die Familie zusammenhält.
Gerius von Rönne Ein fanatischer Priester im Dienst des Bischofs Absalon. Er sieht es als seine Aufgabe an, das Heidentum mit der „Glocke“ und dem „Buch“ auszutreiben. Er ist streng, lernt aber über die Jahre, dass Ordnung manchmal besser durch Schweigen als durch Schreien erreicht wird.
Erland Ein dänischer Mönch und Chronist. Er ist der Beobachter, der die Geschehnisse auf Rindenstücken und Holzbrettern festhält. Im Gegensatz zu Gerius sucht er die Versöhnung zwischen dem Alten und dem Neuen.
Wenzel Ein Mann, der später zur Gemeinschaft stößt. Er ist kein Krieger, sondern ein Verwalter. Mit seiner ruhigen Art etabliert er die ersten zivilen Strukturen und lehrt die Menschen, Streitigkeiten durch Sitzen und Reden zu lösen, statt durch Messer.
Kelrawa Eine alte, einheimische Frau, die am Rand der Gesellschaft lebt. Sie kennt die Kräuter, die Geburten und die alten Wege. Sie ist diejenige, die eingreift, wenn Gebete oder Befehle nicht mehr helfen.
Crafft Ein Findelkind, das bei den „Zugvögeln“ (fahrendem Volk) aufwächst. Er gehört nirgendwo ganz dazu und ist doch immer da, wenn die Siedlung an einem Wendepunkt steht. Ein stiller Beobachter und geschickter Bogenschütze.
Jaromar Der historische Fürst von Rügen. Ein Realpolitiker, der sein Volk durch die Unterwerfung unter die Dänen und die Annahme des Christentums vor der Vernichtung bewahrt. Er agiert als Schirmherr über Osrams Unternehmungen.
Adam & Mychel Siedler aus dem Westen (Osnabrück). Adam ist ein pragmatischer Händler, sein Sohn Mychel wächst in die Rolle des Schreibers und Kaufmanns hinein. Sie bringen den Geist des Handels und der Märkte auf die Insel.
Tova & Iwan Ein einheimisches Paar, das eng mit Osram und Jalite verbunden ist. Tova herrscht über das Brot und den Brunnen, Iwan kennt den Bodden und die Boote besser als jeder andere.
Athel & Marquard Ein Mönch und ein Zimmermann, die am Fluss Ryck (Greifswald) das Klostergut und die Hafenanlagen aufbauen. Sie stehen für das Handwerk und die Beständigkeit.
Stralow (später Stralsund) Die Siedlung am Strelasund. Hier liegt der Fokus auf dem Markt, dem Brunnen und dem Handel mit den westlichen Städten (Lübeck). Es ist ein Ort der Begegnung und des Lärms.
Der Ryck / Greifswald Die Siedlung am Fluss Ryck, südöstlich von Stralow. Hier entsteht eine Grangie (Klosterhof) und ein Hafen für den Salz- und Holzhandel. Der Ort ist geprägt durch die „Bank“ (den Gerichtsplatz) und eine ruhigere, stetige Entwicklung.
Mönchsgut Der Hof, den Osram und Jalite bewirtschaften. Er liegt etwas abseits der entstehenden Städte und dient als Rückzugsort und familiäres Zentrum. (Nicht zu verwechseln mit der heutigen Halbinsel Mönchgut, im Roman ist es der Name ihres Hofes).
Jaromarsburg / Arkona Das alte heidnische Heiligtum an der Nordspitze Rügens. Zu Beginn des Romans der Ort der Zerstörung und des Traumas, später nur noch eine Erinnerung an die alte Zeit.
Der Bodden Die flachen Küstengewässer zwischen Rügen und dem Festland. Er ist Lebensader, Grenze und Verteidigungslinie zugleich.
Der Bann Ein unsichtbarer, später markierter Friedensbereich um den Markt und den Brunnen. Wer den Bann bricht (durch Gewalt oder Betrug), verliert seine Rechte.
Das Eichgewicht Ein schweres Metallgewicht, das Osram oft bei sich trägt oder in die Mitte stellt, wenn Streit geschlichtet werden muss. Es symbolisiert die unbestechliche Mitte und das gerechte Maß.
Die Bank (am Ryck) Zwei gegenüberliegende Holzbänke am Ufer des Ryck. Sie dienen als Gerichtsplatz. Die Regel lautet: Wer streitet, muss sich setzen. Wer sitzt, kann nicht kämpfen.
Rycker Satz Die Bezeichnung für die Art und Weise, wie in den neuen Siedlungen Recht gesprochen wird: pragmatisch, auf Ausgleich bedacht und ohne sofortiges Eingreifen ferner Fürsten.
Kairos Ein Begriff, den Bischof Absalon und Erland verwenden. Er bezeichnet den „günstigen Augenblick“ im Strom der Zeit, den man erkennen und ergreifen muss, um Geschichte zu schreiben.
Die Kelle Die Wasserkelle am Brunnen von Stralow. Sie ist ein Symbol für Gemeinschaft (jeder trinkt daraus) und Strafe (wer den Frieden stört, muss anderen das Wasser reichen).
Zugvögel Die Bezeichnung für das fahrende Volk, Gaukler und Händler, die saisonal auf die Insel kommen und Nachrichten sowie Waren bringen.
Der Wind roch nach Salz, Tang und altem Zorn. Er kam vom Norden her, wo die See sich an schwarzen Felsen brach, und trug das dumpfe Poltern der Brandung bis hinauf auf den Kreidekamm, auf dem die Jaromarsburg stand. Es war ein windschiefer Ort, den die Alten seit Urväterzeiten mit Wall und Graben befestigt hatten, ein Hügel von Stein inmitten der Dünung des Landes, wo das Gras sich wie ein Pelz auf- und abwölbte. Jalite kannte jede Windung dort, jede verdorrte Wurzel, jeden aufgesprungenen Kreidebrocken wie einen vertrauten Namen.
An diesem Morgen legte die Sonne einen bleichen Saum auf den östlichen Horizont. Unterhalb der Wehr, am Saum des Hains, wuchsen die Eichen des Svantevit. Ihre Stämme waren so mächtig, dass sie den Himmel teilten. Zwischen ihnen lag der Platz, auf dem die Pferde der Krieger in Reih und Glied stehen konnten, und darüber das Heiligtum: die Halle aus Holz, deren Balken von Rauch geschwärzt waren, und im Innern die Gestalt, die jeder in der Brust trug, der hier geboren war – der vierköpfige Svantevit.
Jalite stand barfuß auf dem kalten Bohlenboden und hielt den Atem an. Der Rauch aus der Opfergrube kroch ihr in die Haare und hinterließ den Geruch von Harz und Fett, von Blut und Kräutern, die in der Nacht in Glut gesunken waren. In ihrer Hand lag der Saum des weißen Linnenkleides, das sie nur im Heiligtum trug. Es war fleckenlos. Noch. Der Morgen wartete.
Ihr Vater Orlaw war bereits bei der Statue. Er hatte die Haare, die einst wie Flachs gewesen waren, im Nacken zu einem Knoten gebunden. Sein Bart war lang und grau, und seine Augen standen tief wie Gruben in einem zermürbten Gesicht. Er trug das Gewand, das schon sein Vater und dessen Vater getragen hatten, mit den in Rot verzierten Kanten, die aus einer Zeit stammten, die nur noch in Liedern fortlebte. In der Hand den Opfermessergriff, der glatt geworden war vom Schweiß jener, die lange vor ihnen das Blut in die Schale gegossen hatten.
„Hörst du sie?“ sagte Orlaw leise.
Jalite ließ den Saum ihres Kleides los und trat näher. Ein Summen lag in der Luft, als hätten unzählige Fliegen sich im Rauch verfangen. Doch es waren keine Fliegen. Es war das Meer, das unter der Kreide schnaufte; es waren die Stimmen, die jeder kannte, der hier stand: die, die aus der Zeit der Ahnen wehten. Wenn man die Stirn an den Holzpfosten legte, hörte man die Worte. Sie waren nie dieselben und doch immer gleich.
„Ich höre sie,“ sagte Jalite, und ihre Stimme zitterte ein wenig.
Orlaw legte ihr die Hand auf den Scheitel, und der Druck seiner Finger war schwer. „Die Götter schlafen nicht, Jalite. Aber sie träumen. In ihren Träumen wachen wir. Und wenn die Welt sie vergessen will, wecken wir sie mit Feuer und Blut.“
„Vater,“ sagte sie. „Wer kann einen Gott vergessen?“
Orlaw zog die Hand zurück und sah ihr ins Gesicht. In seinen Augen flackerte ein Licht, das nicht vom Rauch kam. „Die, die vom Süden her kommen. Die mit den Kreuzen. Die, die einen Gott haben, der nur ein Gesicht hat und nur einen Mund, und der mit diesem Mund sagt, dass alle anderen Götter tot sind. Die haben vergessen, und sie werden uns zwingen wollen zu vergessen.“
Der Wind fuhr durch die Halle. Er hob die Kante von Jalites Kleid, und ihr war, als streiche ein kalter Finger über ihre Waden. Draußen knackten Riemen, klirrten Schnallen. Männerstimmen, gedämpft.
„Du hast gesagt, es sei noch Zeit,“ flüsterte Jalite. „Dass Svantevit uns nicht fallen lässt.“
„Solange wir ihn ehren,“ erwiderte Orlaw. Er drehte den Kopf zu der Statue. Die vier Köpfe ragten übereinander wie die Blüten eines fremden Baumes. Jedes Gesicht hatte eigene Züge, und doch war alles eines. Die Stirnen waren glatt, die Augen tief, die Nasen scharf. Ein Mund lächelte, einer presste die Lippen zusammen, der dritte schien zu sprechen, der vierte schwieg. Eine Hand hielt das Füllhorn, die andere das Schwert. Die Hufe des heiligen Rosses, dessen Haar und Mähne Jalite schon als Kind mehr geflochten hatte, als ihre Finger zählen konnten, ruhten daneben. Orlaw trat vor und strich mit der flachen Hand über die Holzhaut der Statue, fast zärtlich. „Er sieht uns,“ sagte er.
Sie nickte. Und doch: seit Tagen lag ein Knirschen in dem, was die Alten „die Gebeine der Insel“ nannten. Man spürte es beim Gehen. Ein feines Zittern in der Erde, als hielte die Kreide selbst den Atem an.
„Ich werde noch einmal Opfer bringen,“ sagte Orlaw. „Heute nicht nur Bier und Brot. Heute braucht er mehr.“
„Wen?“ fragte Jalite, und obwohl sie den Brauch kannte, schmeckte das Wort nach Blut. „Ein Schaf?“
Ihr Vater sah sie lange an, und seine Pupillen waren wie kleine Löcher in Eis. „Ein Pferd, Jalite. Sein Ross verlangt nach Begleitung. Die Zeiten sind schlecht. Ich habe in der Nacht geträumt. Er ist geritten, unser Herr, und die Gischt hat seine Mähne geglättet. Wenn er reitet, müssen wir laufen.“
Sie nickte stumm, doch in ihr war ein anderer Traum. Einer, in dem der Kreidefelsen zu singen begann, und das Lied war ein anderes, als sie kannte. Tief, fremd, weit. Und in dem Lied war der Schatten eines Mannes gewesen, den sie noch nie gesehen hatte. Ein Mann in Eisen, mit einem Gesicht, in dem das Licht sich brach wie auf Wasser.
Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie die Bilder aus den Haaren schütteln, und trug den hölzernen Eimer, in dem die Kräuter lagen, zum Feuer. Sie war Orlaws Tochter. Sie kannte die Pflanzen, die an der Küste wuchsen. Salbei, der die Luft reinigte. Beifuß, der die Träume lenkte. Raute, die die Dämonen fernhielt. Manchmal halfen sie. Manchmal nicht. Seit einigen Wochen schienen sie nicht mehr das zu richten, was zu richten war. Überall war ein Riss, der nicht von Menschenhand herrührte.
Draußen erklang ein Horn, keiner im Heiligtum, sondern eines mit Metallspange. Jemand rief. Jalite zuckte zusammen. Orlaw legte das Messer ab und ging bis zur Tür. Er blickte hinaus. Die graue See füllte den halben Horizont. Darüber keine Wolke. Und doch war das Licht diffus, als lag eine Dünung aus Glas in der Luft.
„Sie haben Schiffe gesehen,“ sagte er, ohne die Stimme zu heben. „Dort, bei den Kreidefelsen am südlichen Ende.“ Er wandte sich nicht um, als er es sagte.
Jalite trat neben ihn. Am Rand der Welt, wo die See zum Himmel hin dünner wurde, glitten dunkle Punkte. Erste, die der Wind größer werden ließ.
„Wie viele?“ fragte sie.
„Genug,“ erwiderte Orlaw. „Mehr, als Jaromar am Wall zusammenrufen kann.“
Sie wusste, dass es kommen würde. Jeder wusste es. Schon seit dem letzten Herbst liefen Nachrichten wie Hunde über die Insel. Bauern, die beim Fischen weiter draußen gewesen waren als sonst, hatten Boote gesehen, die nicht pommerschen Schnitt hatten. Händler, die von der Peene herüberkamen, sprachen von einem Bündnis, das im Kloster zu Roskilde geschworen worden war, zwischen dem dänischen König, Waldemar, und Fürsten, deren Namen im Süden Gewicht hatten wie Eisen: Heinrich, den Löwen nannten sie ihn, Herzog von Sachsen, und Baiern, sagten die Kundigen, though niemand hier wusste, wo Baiern lag. Dazu die Herzöge von Pommern in ihrer Gier nach Land, die seit Jahren an den Küsten kratzten.
„Die Götter werden die Hufe ihrer Pferde in den Sand drücken,“ sagte Orlaw. „Wir werden ihnen zeigen, dass sie hier nichts zu holen haben.“
Jalite öffnete den Mund, um zu widersprechen, da trat ein junger Mann in die Halle. Sein Atem ging schnell, und er hatte die Ohren noch rot vom Wind. Der Speer auf seiner Schulter war feucht, als käme Wasser unter Metall hervor.
„Orlaw,“ sagte er und hielt sich an der Türschwelle, als fürchte er, der Rauch könne ihm die Kehle zuschnüren. „Fürst Jaromar schickt. Die Männer sollen an den Wall, die Frauen die Vorräte in die Gruben tragen. Er sagt, die Häupter der Heiligen sollen sprechen, und du sollst mit ihnen sprechen, bevor die ersten Masten die Klippen küssen.“
Orlaw nickte, als sei der Bote die Stimme, auf die er wartete. „Sage dem Fürsten, dass die Götter wachen,“ sagte er. „Und dass ich die Zunge des Pferdes waschen werde. Sage ihm, dass der weißhaarige Weiser zu ihm kommt, sobald der Rauch sich gesetzt hat.“
Der junge Mann nickte, halb entsetzt, halb erleichtert. Weil er noch einen Auftrag tragen durfte, dessen Worte ihm zu groß waren. Er wandte sich, verschwand. Seine Schritte waren eilig.
„Geh,“ sagte Orlaw, ohne Jalite anzusehen. „Das Pferd. Es ist gebunden. Bring die weißen Bänder. Und den roten Wein.“
„Vater,“ sagte Jalite. „Wenn… wenn das Schlimmste geschieht…“
Er hob die Hand, ohne sie anzusehen. „Sprich es nicht aus. Unsere Worte binden Dinge.“ Dann wandte er sich doch zu ihr um. „Wenn es geschieht, wenn die Kreuze den Wall passieren, dann erinnere dich an das, was ich dir gesagt habe. Dann geh. Geh von der Insel. Geh, ohne dich umzusehen. Geh, wo der Fluss den Himmel schneidet. Harte Steine. Fremde Zungen. Aber überleben ist besser als der Tod in Glorie. Svantevit wird auch dort sein, wo du gehst, selbst wenn du ihn dort anders nennst.“
Jalite presste die Lippen zusammen, um nicht zu weinen. Sie nickte. „Ich gehe, wenn du mir sagst, dass ich gehen soll.“
„Ich werde es dir nicht sagen können,“ sagte Orlaw. „Das ist das Schwerste.“
Sie holte die Bänder und den Wein, und während sie sich durch die Halle bewegte, drängte sich das Summen in ihr Ohr. Es war lauter. Oder sie hörte es nur deutlicher. Es war wie das Schwirren eines Bogens, bevor der Pfeil die Sehne verlässt.
Das Meer war ein grauer Rücken, den die Schiffe ritzen. Osram von Hauenfels stand an der Reling der dänischen Nef und hielt die Hand dort, wo das Ruderholz in das Wasser tauchte. Er mochte Schiffe nicht. Er war in einem Land geboren, wo Bäche durch Wiesen liefen und Wälder den Himmel in grüne Streifen schnitten. Er war auf Pferden groß geworden, nicht auf diesen ausgehöhlten Bäumen mit Tüchern an Masten. Und doch stand er hier, weil nichts mehr war, worauf er hätte sich stellen können.
„Siehst du es?“ sagte der Mann neben ihm. Er war groß, breitschultrig, und sein Bart war so blond, dass er in der Sonne wie Stroh glomm. Er trug keine Schuppenpanzerung wie Osram, sondern ein dickes Wollhemd, darüber Leder, in das ein Kreuz geschnitten war. „Dort, die Kreide. Das ist Rügen.“
Osram kneifte die Augen. Der Wind stach ihm scharf auf die Netzhaut. Ein weißer Strich lag da in der Ferne, über dem Wasser. Für einen Moment hielt er ihn für einen Streifen Wolke. Dann sah er, wie er anstieg und ganze Felsen bildete. Es war, als habe jemand eine Wand aus Kalk in das Meer gestellt und darüber Gras gestreut.
„Ihr Land ist wie eine Festung,“ sagte Osram. „Die Götter haben ihnen einen Wall gebaut.“
„Und wir bringen ihnen einen anderen,“ murmelte der Blonde. „Ich bin Absalons Mann.“
„Absalon,“ wiederholte Osram und prüfte das Wort mit der Zunge. Er hatte den Namen schon gehört, lange bevor er die Fahrt auf sich genommen hatte. Ein Bischof, sagten die Dänen, aber einer, der ritt und nicht nur predigte. Einer, der mit dem dänischen König Waldemar sprach wie ein Bruder und der mit Schwertern argumentierte, wenn Worte nicht reichten. Ein Mann, der die Inseln der Wenden in Dänemarks Schutz bringen wollte – so sprachen die Dänen. Ein Mann, der sie im Reich unter die Fuchtel des Kaisers bringen wollte – so sagten die von Heinrich, dem Löwen. Osram wusste nicht, wer recht hatte. Er wusste nur, dass er Land brauchte.
Er hatte nichts hinterlassen als den Namen eines Vaters, der ihm kein Gut hatte hinterlassen können, und ein Wappen, dessen Lack abgesprungen war. Sein Schild trug noch die Spuren einer letzten Fehde in der Heide zwischen Aller und Oker. Er hatte in Paderborn einen Priester getroffen, der die Worte „heiliger Krieg“ in den Mund nahm, als wäre es Wein. Er hatte in Bardowick mit Männern gesprochen, die von „Beute“ sprachen, und er hatte den Bekennern zugehört, die in den Burgen des Löwen die Hände falteten, wenn Kämpfer schworen. Und am Ende hatte er sich in die Reihen derer gestellt, die mit den Dänen fuhren. Sie hatten Söldner gebraucht, die nicht ertranken, wenn Wellen kamen, und die einmal mehr ausholten als andere, wenn Stahl auf Knochen traf.
„Absalon sagt,“ sagte der Blonde, „die Ranen leben in der Finsternis. Er sagt, der Heilige Geist weht auch über dem Meer, wenn man die Segel stellt. Und er sagt, der Kaiser will es so, weil Heinrich der Löwe es so will. Also werden wir es so machen.“ Er lachte kurz, aber ohne Freude. „Wenn du mich fragst: Absalon will, dass der König nicht mehr den Kaiser fragt.“
„Ich frage dich nicht,“ sagte Osram, und in seiner Stimme lag keine Unfreundlichkeit. Er wusste, dass Männer wie dieser – Skjalm nannte er sich – die Dinge anders sahen, weil sie auf anderen Höfen gegessen hatten. Osram zog den Lederriemen fester, der die Schulter seines Panzers hielt, und sah über das Wasser. In seinem Kopf war das Bild eines Hauses, das nicht mehr war: eine Motte in der Ebene, ein Holzgerüst mit einem Ringgraben, das im letzten Winter in einer Nacht aus Rauch und Tannenflammen verschwunden war. Die Männer, die sie angezündet hatten, hatten sein Knie mit einem Hieb erwischt. Der Schnitt war verheilt, aber an feuchten Tagen fühlte er den Süden in seinem Schenkel.
„Der Wall dort hat einen Namen,“ sagte Skjalm, als wüsste er, was Osram dachte. „Sie nennen ihn Jaromarsburg.“
„Jaromar?“ Osram rollte das r über die Zunge. „Das ist der Fürst. Man sagt, er beugt sich schon.“
„Er wird sich beugen,“ sagte der Däne. „Dort, wo die Kreuze stehen. Oder Absalon wird ihn beugen.“
Osram nickte. Es war nicht seine Art, viele Worte zu machen. Er sah den Kreidesaum näher kommen, und er dachte an nichts als an die Farbe der Erde dort, an das Geräusch, das Stahl auf Holz machte, an die Art, wie die Luft schmeckte, wenn sie durch Blut ging.
Er hatte in seinem Gürtel einen Dolch, den ihm ein Mönch gesegnet hatte, den er nicht kannte. Er hatte einen Spruch im Ohr, den ihm ein Priester gesagt hatte: „Wer das Schwert zieht für den Herrn, dem wird verziehen, was der Herr sonst nicht verzeiht.“ Er hatte die Worte geglaubt, weil er sie glauben musste, wenn er die Hand nicht zittern lassen wollte, wenn er Männer tötete, die ihre Götter anriefen. In einer anderen Nacht hatte er an einem Feuer einen alten Wenden gehört, der etwas Ähnliches sagte, nur anders: „Der See nimmt, was man ihm gibt. Er nimmt alles. Aber wenn du freundlich zu ihm bist, nimmt er dich später.“ Osram hatte gelacht und dem Mann Wein gegeben. Heute fiel ihm der Satz wieder ein.
„Hörst du?“ sagte Skjalm, und jetzt war da nicht nur Wind. Hörner, die nicht ihre waren. Tief, lang. Vom Land.
„Sie rufen die Götter,“ sagte Osram.
„Dann lass uns den unseren rufen,“ sagte Skjalm, machte das Zeichen über seinem Brustbein und murmelte Worte in einer Sprache, die in Osrams Ohr anders klang als das Latein der Priester im Süden. Dann spuckte er in die See. „Damit er sieht, dass wir nicht zu stolz sind.“
Die Nef schob sich in eine Reihe. Auch andere Schiffe nahmen Kurs auf den weißen Saum. Hinter ihnen, in losem Verband, folgten längere, flachere Boote, die man hier ausgehöhlte Bäume nannte, und die Osram Klinker nannte, wenn er sie sah. Auf ihnen standen Männer in Seide und in Leinen, in Rüsthemden und in Kutten. Unter den Kutten trugen einige Kettenhemden.
Ganz am Bug der Nef, auf der Osram stand, war ein Mann zu sehen, der anders stand als die anderen. Er trug die einfache Kutte eines Geistlichen, aber sein Gürtel war schwer. Sein Gesicht war schmal, die Augen tief. Und in seiner Hand lag ein Speer, den er hielt, als sei es ein Kreuz. Keiner sprach ihn an, solange er dort stand. Osram wusste nicht, ob dies Absalon war, oder einer seiner Männer. Er wusste nur, dass der, der dort stand, nicht nur beten würde.
„Hältst du Stand, wenn wir landen?“ fragte Skjalm über den Wind.
„Ich halte,“ sagte Osram. Weil es nichts anderes zu sagen gab.
Jalite führte das Pferd, wie man eine Braut führt. Es war schneeweiß, trotz des Winters, trotz des Rauchs, der seine Mähne in schwarze Strähnen streichen wollte. Sein Atem ging schnell, und die Nüstern waren weit. Es wusste, wie alle Pferde wissen, die an diesen Ort geführt werden, dass die Welt heute in eine kleinere Welt gepresst werden würde: die zwischen dem Ring seines Halses und der Hand eines Mannes, der ihn hielt.
„Sei still,“ flüsterte Jalite, obwohl sie wusste, dass dieser Satz weniger einem Tier galt als der Luft, die zwischen ihnen stand. Sie führte das Tier auf die Mitte der Halle zu, wo Orlaw an der Schale stand. Er hatte den Dolch in der Hand. Die Klinge war sauber. Das war wichtig. Blut, das sich schon an Metall gesogen hatte, war kein gutes Zeichen.
„Svantevit,“ murmelte Orlaw, als er die Hand an den Hals des Pferdes legte. „Svantevit, Herr über die vier Winde, über Herbst und Sommer, über Saat und Ernte, über Sieg und Niederlage. Nimm dieses Tier. Trinke sein Blut. Sieh unsere Not. Nimm unseren Zorn und gib ihn uns zurück mit deinem Atem. Nimm, was wir haben, damit du uns nicht nimmst, was wir sind.“
Jalite schloss die Augen, als Orlaw das Messer setzte. Sie hatte es oft gesehen. Sie hatte es selten gefühlt. Heute hörte sie die Sehne eines Bogens, die zu schwingen begann. Sie öffnete die Augen. Das Blut floss in die Schale. Das Pferd stampfte, als wolle es tanzen. Dann sackte es. Sein Kopf fiel gegen die Kante des Opfersteins, und das Geräusch war dumpf.
Draußen heulten die Hörner. Sie waren näher. Aus den Bäumen taten sich Schatten, die nicht vom Wind kamen. Jalite spürte, wie Orlaws Hand sie an der Schulter berührte.
„Geh,“ sagte er. „Jetzt.“
„Vater—“
„Geh!“
Sie sah ihm ins Gesicht, und in den Striemen, die das Leben dort gegraben hatte, sah sie etwas, das sie noch nie gesehen hatte: die Farbe von Abschied. Sie wollte etwas sagen, ein Wort, irgendein Wort. Ihre Zunge lag schwer in ihrem Mund wie eine Wurzel. Sie drehte sich um und rannte. Der Rauch kroch hinter ihr her wie ein Tier, das sie festhalten wollte. Sie rannte, und der Wind riss ihr das Haar ins Gesicht. Draußen, vor der Tür, stolperte sie, fing sich, lief. Niemand hielt sie auf. Alle liefen. Noch bevor die Kreuze den Wall passierten, liefen alle; alte Frauen mit Körben, Kinder mit Schüsseln, Männer mit Spießen. Aber auch sie warfen Blicke zurück, wie Leute, die nicht glauben wollten, dass der Ort, der sie gemacht hatte, hinter ihnen blieb.
Jalite rannte an den Eichen vorbei, deren Blätter im Winter kräuselten wie die Hände von Alten. Am Rand des Hains, wo der Pfad hinunter zum Wall führte, blieb sie stehen und drehte sich um. Noch einmal sah sie die Halle. Noch einmal die vier Köpfe, die in den Rauch schauten. Dann drehte sie sich um und rannte.
Das Boot stieß auf. Der Kiel kratzte Kreide. Männer sprangen. Ein Holzduck, ein Schrei, ein Fluch. Osram spürte den Ruck in den Gelenken, die nach der langen Fahrt schmerzen. Seine Beine waren starr, als wären sie aus dem Holz geworden, das ihn getragen hatte. Er sprang und landete im kalten Wasser bis an die Waden. Es brannte in den Narben. Er hielt den Schild hoch, und Wasser lief an der Kante entlang wie flüssiges Glas. Neben ihm sprang Skjalm mit einem Lachen, das man in der Luft nur hörte, wenn Krieg kam.
Der Strand war schmal, eine Zunge zwischen Felsen. Darüber stieg Kreide, und über der Kreide standen Männer. Sie hatten Schilde, die anders geschnitten waren als die im Süden. Ihre Haare waren am Hinterkopf gebunden. Einige trugen Tierfelle über den Schultern. Ihre Augen schienen dunkel, weil ein Schatten von oben fiel.
„Hoch!“ rief jemand, in einer Sprache, die Osram nicht verstand, und doch verstand er, was sie meinten. Er setzte den Fuß auf den Kreidehang und spürte, wie die Welt unter ihm keinen Halt bot. Aus dem Augenwinkel sah er, wie einer der Dänen ausrutschte und fiel, der Schild ging ihm über den Kopf, und sein Schrei ging in die Kreide, als wäre sie weich.
Absalon – wenn er Absalon war – hatte den Speer noch in der Hand. „Vorwärts,“ sagte er, und diesmal klang das Wort wie eine Gebetzeile. „Domine, dirige nos.“
Osram drückte die Zähne zusammen, die Sehnen in seinen Oberschenkeln brannten. Er stieg. Über ihm schien der Himmel ganz nah. Schilde stießen auf Schilde. Das erste Blut spritzte. Es hatte eine Farbe, die an Beeren erinnerte, die man zerdrückt hatte. Ein Mann schrie; ein Mann lachte. Osram hob das Schwert, und im Augenblick, als er es fallen ließ, fiel in ihm etwas ab: die Stille. Der Rest war Geräusch.
Er sah Gesichter vor sich, die so alt waren wie sein eigenes. Er sah Augen, die ihn ansahen wie Tiere, die in einem Busch stehen und riechen, dass Feuer kommt. Er sah einen, der ein Stück Holz in der Hand hielt, als wäre es ein Speer, und der doch stand. Er schlug. Er schlug, wie man ein Brett spaltet. Und im kurzen Moment, als die Klinge auf etwas traf, das weniger gab als Holz, hörte er die Sehne singen, die er seit dem Morgen in der Luft gehört hatte, und wusste nicht, weshalb.
In einer Pause, die eine Sekunde dauerte, sah Osram, wie über den Köpfen, die ihn umgaben, etwas durch die Luft flog. Es war kein Pfeil. Es war ein weißer Stoff. Ein Banner? Nein. Es war ein Gewand, das jemand fallen ließ, als er rannte. Der Wind fing es auf und trug es. Es war weiß, fleckenlos. Für einen Herzschlag dachte Osram, es sei der Flügel eines Vogels. Dann ging er wieder vor.
Als Jalite den Wall erreichte, waren die ersten Männer schon dort. Fürst Jaromar stand, wie er immer stand, auch wenn er dabei etwas auf eine Weise hielt, die fast eine Bitte war, nicht nur ein Griff: die Stange, an der sein Banner hing. Darauf keine Zeichen, die man am Kreuz merkten konnte, sondern die, die seit Jahrhunderten bei ihrem Volk blieben; ein Pferd, eine Hand, ein Kreis. Neben ihm stand ein Mann, dessen Bart kürzer war als Orlaws, dessen Blick aber denselben Grund hatte: eine Einsicht, die schwerer wog als die Rüstung, die er trug. Einer der Alten, die seit Jahren sagten, dass man Schiffe bauen sollte, die weiter fahren als bis zur nächsten Bucht. Ein Mann, der jetzt die Zähne zusammenbiss und nicht zurückwich, obwohl seine Augen sahen, was kam.
Jalite drängte sich an Männern vorbei, die sie kannten und sie nicht sahen. Sie kroch auf den Zinnen entlang, bis dorthin, wo man hinuntersehen konnte. Und sie sah hinunter. Und da war er: der Mann aus Eisen, aus ihrem Traum. Er stand nicht wie die anderen. Er war nicht schneller, nicht größer, nicht schöner. Aber er stand anders. Als gehöre er nicht zu denen, die mit ihm standen, und doch sei er einer von ihnen. Er hob das Schwert, und für einen Herzschlag hob sich ihr Magen, als sei er abgestürzt. Er schlug. Und das Lied, das die Kreide seit Tagen gesungen hatte, wurde lauter. Oder es war nicht die Kreide. Es war ihr Blut.
Hinter ihr, im Rücken, hörte sie Rufen. Das Banner mit dem Pferd kippte. Jemand stieß Jaromar. „Zurück!“ schrie jemand. „Zurück!“
Jalite drehte sich um und sah Orlaw. Er war dort, wo der Weg vom Hain heraufkam. In seiner Hand war die Schale. Sie war rot. Der Wind stieß ihn, als sei er sein Feind. Er stand einen Atemzug lang aufrecht, die Schale hoch, als wolle er sie dem Himmel zeigen, damit der Himmel sähe, dass die Menschen ihr Teil getan hätten. Dann fuhr etwas über den Wall wie ein Windstoß. Und alles bewegte sich. Ein Holzknarren, ein Schrei, der zu einem anderen überging, und der Platz leerte sich. Menschen liefen, die nicht laufen wollten, und die, die stehen wollten, saßen plötzlich. Jalite fühlte, wie jemand sie an der Schulter packte. Eine Hand. Schwer. Sie riss sich los. Dann sah sie Orlaw noch einmal. Er sah zu ihr. Und in seinem Blick lag keine Bitte mehr, nur noch das, was die Alten ein Befehl nannten, der schwerer wog als alle Worte: Geh.
Sie sprang über einen umgestürzten Schild, stolperte, fing sich, sprang. Hinter ihr stürzte etwas ein. Es war, als käme das Meer an Land, nicht als Wasser, sondern als Wollen. Sie rannte. Sie dachte nicht. Sie rannte.
Osram stand, die Brust brannte, sein Arm war schwer, sein Knie war wie Feuer. Er sah, wie Männer in Felle zurückwichen, und er sah, wie einer, der kein Fell trug, ihm mit einem Messer in den Bauch fahren wollte. Er trat ihn. Der Mann fiel. Osram trat wieder. Er fiel nicht mehr.
„Hoch!“ rief Skjalm. „Hoch zur Halle!“
„Halle?“ fragte Osram. Doch Skjalm deutete nur mit dem Kinn. Und da sah Osram sie. Ein Dach, das über einem Schwarm von Rauch hing, als wäre es ein Vogel. Männer ziterten davor Zaunpfähle wie Speere. Absalon – vielleicht – hatte den Speer noch. Er hob ihn, und das Licht brach an der Spitze wie an einem Fisch.
„Hoch,“ murmelte Osram. Er ging. Er ließ das Schwert sinken, weil sein Arm nicht mehr konnte, und hob den Schild, weil es sein Körper wusste.
Sie erreichten den Hain. Eichen, die so alt waren, dass sie Geschichten waren. Der Boden war weich vom Laub, und der Rauch war kalt in der Nase. Das Dach der Halle war nah. Da war eine Tür. Da waren Männer, die nicht mehr dazwischen passten. Da waren Schreie. Osram hörte einen Ton, den er noch nie gehört hatte. Es war kein Menschenlaut, und doch kam er aus einer Menschenkehle. Es war das Geräusch eines Verlustes.
Er sah das Gesicht einer Frau. Ihr Haar war schwarz. Ihre Augen waren weit. Ihr Mund war offen. Sie fiel, und er sah ihre Füße, die noch traten, obwohl sie bereits lag. Dann war er über ihr hinweg. Er war es nicht gewesen. Aber das machte den Unterschied nicht. Er stand in der Tür. Und in der Halle sah er, was er nicht kannte: einen Gott, der vier Gesichter hatte. Eines sah ihn an. Es lächelte.
„Herr,“ murmelte Absalon neben ihm, so leise, dass nur Osram es hätte hören können. „Gib ihnen einen Namen, den sie tragen können.“
Dann setzte er das Holz in Brand.
Am Abend stand der Rauch über der Jaromarsburg, und die Kreide frass das Licht. Der Wind hatte gedreht. Er kam jetzt vom Süden, und in ihm lag der Geruch von Tannenholz, das nicht hier wuchs. Die Möwen schrien. Eine, die näher kam, trug in ihrem Schnabel ein Stück Fleisch, das nicht von einem Fisch kam.
Jalite lag in einem Erlenbusch, der am Fuß des Hügels wuchs. Ihre Hände waren aufgerissen, als hätte sie an Kreide gekratzt, bis sie Blut bekam. Ihr Atem ging flach. Sie hörte Stimmen. Nicht die von vorhin. Andere. In einer Sprache, die ihr Ohr wie Wasser füllte. Sie sah Schuhe. Leder. Eisen. Sie roch Fett, das auf Stahl brannte. Und sie dachte an das, was Orlaw gesagt hatte: Geh, wo der Fluss den Himmel schneidet.
Sie biss sich auf die Lippen, damit sie nicht aufschrie, als jemand über sie hinwegstieg. Sie hielt die Luft an, bis ihre Brust brannte. Ein Mann blieb stehen. Er atmete. Sie hörte es. Sein Schatten fiel über sie. Dann ging er weiter.
Jalite drehte sich langsam, legte die Stirn in das Moos und schluckte. Sie lag dort, bis die Sterne kamen. Als sie endlich die Stirn hob, war der Mond schon über den Kreidefelsen. Sein Licht war kalt. Sie kroch zur Böschung, zog sich hinauf, bis sie über das Gras blicken konnte. Oben, am Rand des Hains, sah sie etwas, das wie ein Stern war. Es war kein Stern. Es war eine Fackel, die jemand hoch hielt. In ihrem Licht sah Jalite den Schatten eines Mannes. Seine Hand hielt eine Schale. Er hielt sie, als hielte er sie immer noch dem Himmel hin.
Dann senkte sich die Fackel. Und das Licht erlosch.
Jalite rutschte zurück. Sie setzte sich aufrecht. Durch den Dunst des Abends, in dem die Stimmen sich wie Nebel legten, hörte sie das Meer. Es klang anders, als es am Morgen geklungen hatte. Tiefer. Alter. Es klang wie ein Atem, der durch einen Mund ging, den sie nicht kannte.
„Svantevit,“ flüsterte sie. „Wenn du irgendwo bist…“ Sie brach ab. Die Worte wollten nicht. Sie dachte an Orlaw. Sie dachte an das, was er befohlen hatte. Und sie heulte nicht. Sie stand auf. Die Beine war weich. Sie stand. Sie setzte einen Fuß vor den anderen. Und als sie den dritten setzte, war sie nicht mehr Tochter eines Priesters. Sie war eine Frau, deren Welt in einer Nacht verbrannt war.
Sie ging. Richtung Süden. Dorthin, wo der Fluss den Himmel schnitt.
Hinter ihr, in der Halle, knisterte Holz, das nicht mehr singen würde. Vor ihr wartete eine Stadt, von der sie nur aus dem Mund eines fahrenden Händlers gehört hatte: Lübeck. Und irgendwo zwischen ihnen stand ein Mann, dessen Name ihr noch nicht im Mund lag, dessen Gesicht aber schon in ihrem Traum gewesen war.
Osram von Hauenfels sah in dieser Nacht die Flammen, die aus einem Dach schlugen, das kein Bauernhaus war, und er dachte an das Versprechen, das ihm in Bardowick gegeben worden war: Land, wenn er überlebte, Schutz über einen Flecken Erde, der ihm gehören sollte, wenn er dem König diente. Und während das Dach knisterte, und die Männer, die neben ihm standen, das Zeichen in die Luft schnitten, das den, den sie „Herr“ nannten, rief, ahnte er nicht, dass er am Morgen danach einer Frau begegnen würde, deren Augen ihn daran erinnern würden, was das Meer nimmt, und was es zurückgibt. Und dass er, ohne es zu wissen, mit dem Schlag seines Schwertes in dieser Nacht nicht nur einen Gott aus Holz traf, sondern eine Geschichte traf, die ihn bis an sein Ende nicht mehr loslassen würde.
Am Morgen danach hing der Rauch nicht mehr nur über der Jaromarsburg, er war in sie hineingekrochen. Die Bohlen der Halle knackten noch, obwohl die Flammen schon zu Glut zusammengesackt waren, und der schwarze Film, den der Ruß auf das Holz gelegt hatte, glänzte im ersten Licht wie Schorf auf einer Wunde. Aus dem Heiligenbezirk war ein Kohlenbett geworden, in dem rotgelbe Augen unter Asche lagen. Der vierköpfige Gott lag nicht mehr an seinem Platz. Man hatte an ihm gerissen; Seile schnitten Spuren in seine Holzhaut. Ein Kopf war gefallen und zersplittert, die drei anderen hingehen wie Pfähle im Schutt, als blickten sie noch, aber ins Leere.
Absalon – jetzt wusste Osram, dass er es war, der Bischof von Roskilde, der Mann mit dem Speer wie einem Kreuz – stand zwischen den schwarzen Balken und sah zu, wie seine Leute das zerborstene Haupt des Götzen mit Beilen zerteilten. Er trug nicht mehr den Speer, sondern eine Kette, die wie Schuppen an seinem Hals glänzte, und darunter schimmerte Metall, das kein Priester trug, der nur predigte. Neben ihm hielt ein Schreiber eine Wachstafel und fuhr mit dem Griffel Zeilen nach. Ein Dritter, ein schmächtiger Mann mit wachem Blick unter einer Kapuze, die nicht die eines Mönches war, kniete bei den Holzstücken und hielt eine Hand darauf, als prüfe er, ob sie noch warm waren.
„Es ist getan,“ sagte Absalon. Seine Stimme war nicht laut, und doch trug sie. „Deus victus est idolum. Der Herr hat den Götzen besiegt. Heute ist ein Tag, an dem die Welt leichter atmen wird.“
Ein murmelndes „Deo gratias“ ging durch die Reihen derer, die ihn verstanden. Die dänischen Männer machten das Zeichen mit der rechten Hand, manche schief, manche so geübt, dass die Bewegung zu einem Reflex geworden war. Osram tat es ihnen nach. Es war ihm antrainiert. Doch sein Blick blieb an etwas anderem hängen.
Auf dem Platz vor der Halle hatte sich ein Kreis gebildet. In der Mitte standen Männer mit Stricken und Äxten. An dem Ende der Stricke waren keine Tiere. Es waren Menschen. Frauen und Männer, alte und junge, und bei dreien band die Faser auch die Hände kleiner Kinder. Sie trugen jene weißen Gewänder, in denen sie gestern in der Halle gestanden hatten – jetzt grau, an einer Stelle gesprenkelt, an einer anderen an einer Säumung verbrannt. Ihre Haare klebten ihnen an den Wangen. Sie waren die Familie des Priesters. Orlaw lag nicht bei ihnen. Irgendwo in der Nacht war sein Körper in einem Riss im Kreideboden verschwunden, oder in dem, was aus dem Opferbecken geworden war, oder in der Asche, die alle gleiche Farbe hatte.
Vor dem Kreis stand ein Mann, den Osram gestern nur von weitem gesehen hatte: Fürst Jaromar. Er war nicht groß, aber auf eine Weise, die Männer groß machte, wenn sie ihren Raum nahmen, auch wenn ihm niemand Platz machte. Neben ihm stand ein Mann in Kettenhemd, dessen Helm hinten einen Pferdeschweif trug. Jaromar hatte sein Banner nicht bei sich, nur seinen Blick. Er war schwere Erde. Er sah nicht nach oben, er sah nicht nach unten. Er sah geradeaus, auf Absalon.
„Bischof,“ sagte er, und sein Latein klang wie Steine, die über Kreide rutschen. „Wie befohlen. Die Sänger und die, die die Liedernamen kennen. Die Frauen, die in der Nacht für den Gott sprechen. Die Kinder, die die Schalen tragen. Sie sind hier.“
Absalon trat einen Schritt vor. Osram sah aus dem Augenwinkel, wie der Schreiber die Wachstafel hob, als müsse er nur die Schultern bewegen, damit seine Hand fände, was sie suchen sollte. Absalon legte die Hand auf Jaromars Arm – eine Geste, in der das Hirtenamt und Herrschaft sich mischten. „Fürst,“ sagte er, „ihr habt Recht getan, indem ihr gestern euer Knie beugtet. Gott hat eure Demut gesehen. Er sieht sie jetzt.“
Jaromar blinzelte nicht. „Gott oder König,“ sagte er, „die Knie spüren keinen Unterschied.“ Der Mann mit dem Pferdeschweif neben ihm zog leise Luft durch die Zähne. Absalon lächelte, als riefe ihn eine Erinnerung, die nicht jeder hören sollte.
„Gib Zeichen,“ sagte er. „Das Volk wird sehen, dass der Fürst und der Herr einer Meinung sind.“
Jaromar hob die Hand. Der Mann mit dem Schweif nickte. Zwei der Männer mit den Stricken hoben die Äxte. Ein Raunen ging durch die Reihen derer, die nicht wussten, ob sie ihre Augen schließen sollten oder offen lassen, damit die Götter sähen, dass sie sahen.
Da trat jemand zwischen die beiden Reihen. Osram wusste nicht, was in ihm die Bewegung auslöste. Vielleicht war es der Blick einer der Frauen. Vielleicht war es der Satz, der ihm aus Bardowick im Ohr geblieben war. Vielleicht war es der Traum vom Fluss. Vielleicht nur der Reflex eines Mannes, der im richtigen Augenblick den Fuß hebt. Er war es, der zwischen den Männern stand, bevor sie die Äxte senkten. „Halt.“
Es war kein laut geschrienes Wort. Es war eine Kante. Die Luft fühlte es vor den Männern. Einer von ihnen drehte den Kopf und spuckte. „Wer bist du,“ knurrte er auf einer Sprache, die Rügen war, und in der Osram nur die Frage hörte, nicht die Worte. Osram hielt den Blick auf Jaromar gerichtet.
„Osram von Hauenfels,“ sagte er auf Niederdeutsch, dann lauter, auf einem Latten-Latein, das er in Corvey aufgeschnappt hatte. „Miles, servus domini regis Danorum.“ Er deutete mit zwei Fingern seicht an seine Brust. Wer immer den Mann sah, der neben Jaromar stand, würde wissen, dass Worte sich in dem Moment in die richtige Ritze zwängten, wenn sie gebraucht wurden.
„Er will Beute,“ sagte einer der dänischen Männer hinter Osram, auf Dänisch, und lachte. „Ein Krieger will Beute. Lass ihn.“
Absalon machte eine kurze Geste, die beides sein konnte: ein Einhalten, ein Einrufen. „Was willst du, miles?“
Osram zeigte, ohne die Hand auszustrecken, auf eine der Frauen im Kreis. Sie stand etwas hinter den anderen, als suchte sie Schatten, wo keiner war. Ihr Haar klebte ihr an der Wange. Ihre Augen sahen nicht auf die Männer. Sie sahen irgendwo hin, wo weder Götter noch Menschen ihren Namen kannten. Es war Jalite.
„Diese,“ sagte Osram. Und er wusste nicht, bis er das Wort sagte, warum es genau dieses war, das ihm im Mund lag und nicht irgendein anderes.
„Weshalb?“ Absalons Blick war scharf. Er war Priester, nicht Händler. „Unter den Heiden hat keine Stimme Namen. Du gibst einer Stimme einen.“
„Weil sie Jung ist,“ sagte Osram einfach. „Und weil ich eine habe und nicht zwei.“ Er merkte, dass seine Wörter zu trocken waren, wenn sie vor den Mann fielen, der die Welt in seinem Kopf in Linien unterschied, die andere nicht sahen. Also fügte er etwas hinzu, das Absalons Ohr suchte: „Ihr Gott zürnt, wenn wir unnütz Blut vergießen.“
Absalons Pupille wurde kurz kleiner. Osram wusste, dass er nicht Gott betrügen konnte, aber er konnte dem Mann, der in dessen Haus wohnte, einen Grund geben. „Und wenn,“ sagte Absalon langsam, „sie die Tochter des Götzen ist?“ Er deutete mit einer Fingerbewegung auf den zerspaltenen Holzkopf, der neben seinen Stiefeln lag. „Dann ist sie eine Wurzel, die nachwächst.“
„Dann,“ sagte Osram, „wird der Herr, den ihr bekennt, mich richten. Nicht euch. Und er wird mich nehmen, nicht euch. Dann lacht er, wenn ich falle. Aber ich will, dass er mich kennt, wenn ich gehe.“ Er wusste nicht, wieso er so sprach. Vielleicht war es der Rauch, der ihm die Worte brannte. Absalon sah ihn einen Atemzug zu lang an, als dass es nur ein Blick gewesen wäre. Dann nickte er.
„Nimm sie,“ sagte er.
Jaromar machte eine kaum merkliche Bewegung; ein Zucken des Mundwinkels, das kein Lächeln war. Es war das Einverständnis eines Mannes, der verstand, dass man den Löwen füttern musste, wenn man ihn neben dem Haus halten wollte. Er hob die Hand. Diesmal senkten die Männer die Äxte nicht. Einer ging zu Jalite, griff grob nach dem Strick um ihre Hände und schnitt ihn durch. Es war kein Schnitt der Milde, es war ein schnelles Abtun. Sie stolperte, als die Faser sich löste, und die Haut, an der sie gescheuert hatte, war weiß darin, wie eine Spur in einem Feld.
„Du,“ sagte der Mann, und stieß sie vorwärts. Osram trat ihr entgegen, das Gewicht seines Panzers auf den Hacken so verlagert, dass die Bewegung wie das Aufnehmen eines Bündels wirkte, nicht wie ein Kampf. Er legte ihr den Rand seines Schildes an den Rücken. Für einen Moment dachte er, sie würde nach ihm schlagen. Sie tat es nicht. Sie sah ihn nicht an. Ihre Augen waren irgendwo anders.
„Eine reicht,“ sagte Absalon, ohne die anderen anzusehen. „Die Wurzel ist genommen. Der Rest wird verbrannt.“
Die Äxte hoben sich. Der Wind machte eine Pause. Dann fiel die erste Klinge. Der Schreiber schrieb. Osram drehte Jalite weg. Er hob sie halb, halb schob er sie. Er wusste nicht, wohin. Wohin Männer gingen, wenn sie etwas verstecken mussten, wovon alle wussten. Wohin Männer gingen, wenn sie etwas nicht sahen sehen wollten. Er nahm den Weg, der nicht nach unten, nicht nach oben führte, sondern seitwärts: zwischen Hain und Wall, dort, wo kleine Weiden wie Finger zwischen Kreidefelsen wuchsen. Unter ihnen war eine Senke. In ihr lag ein Trog aus Stein, in den das Regenwasser lief. Man nannte diese Senke seit jeher das Mönchsgut, obwohl kein Mönch dort wohnte, nur ein altes hölzernes Haus, in dem Männer in braunen Gewändern gelegentlich rasteten, wenn sie übers Land zogen und an der Burg predigten, wenn es jaromar gefiel.
„Hier,“ sagte Osram, und das Wort war nicht das richtige. Es war keines. Es war nur Atem. Er drückte Jalite auf die Schwelle des Hauses. In der dämmrigen Kühle saß ein Mann und putzte ein Messer. Sein Tonsur glänzte, als hätten seine Haare gelacht und Platz gemacht. Er hob den Blick und sah den Krieger im Harnisch, der eine Frau stützte, deren Augen nicht sahen. Er sah an Osram vorbei in die Richtung des Platzes, von der das dumpfe Aufschlagen kam, das kein Holz war.
„Benedicite,“ sagte er. Seine Augen waren ruhig. „Du bringst deinen Zehnten früh.“
„Ich bringe,“ sagte Osram, „was ich nicht liegen lassen kann. Du bist ein Mann Gottes.“
„Ich bin ein Mönch aus Dänemark,“ sagte der Mann. „Ich kenne den Namen Gottes in zwei Zungen. In einer bittet man. In der anderen befiehlt man. In welcher sprichst du?“
„In keiner,“ sagte Osram. „Ich bitte nicht, du bist nicht mein Herr. Ich befehle nicht, du bist Gott nicht. Ich sage nur: Versteck sie.“ Er zeigte auf Jalite. „Für einen Tag. Für zwei. Bis die Herren abgezogen sind. Dann bringe ich sie, wohin du willst.“
Der Mönch nickte. Er stand auf. Er war nicht groß, aber seine Bewegungen waren so knapp, als habe jemand die Luft um ihn herum geschnitten, damit sie ihn nicht störe. „Ich heiße Erland,“ sagte er. „Und ich werde es tun, wenn dein Arm stark ist, wenn jemanden die Hand hebt und sagt: Sie gehört zu mir. Du weißt, was es heißt, jemanden zu nehmen?“
Osram nickte. „Es heißt, dass ich für sie sterbe, wenn jemand nach ihr fragt.“
„Es heißt auch,“ sagte der Mönch, „dass du für sie lebst, wenn niemand fragt. Viele Männer sterben gern. Wenige leben gern danach.“ Er legte Jalite eine Decke über die Schultern – ein grobes, kratziges Stück Wollstoff mit einem Loch darin. „Wie heißt sie?“
„Ich weiß es nicht,“ sagte Osram. Und spürte, wie sehr das stimmte.
„Dann hat sie viele Namen,“ sagte Erland. „Das ist schlechter als keiner.“ Er führte sie in einen Nebenraum, dessen Tür mit einem Riegel verschlossen war. „Sitz,“ sagte er und drückte sie sanft auf einen Holzschemel. Jalite ließ es geschehen. Ihre Hände lagen auf ihren Knien. Die Striemen darauf waren heller geworden, jetzt, wo keine Faser mehr sie einschnitt.
„Was seid ihr?“ fragte plötzlich eine Stimme hinter Osram, kalt, dünn und scharf wie das Messer, das man an einer glatten Kante gezogen hatte. Osram drehte sich um.
In der Tür stand ein Mann, dessen Gesicht so schmal war, dass es aussah, als sei ein Schatten darauf gefallen, den man nicht mehr wegbekam. Seine Augen waren hell und zu tief in den Höhlen. Das Haar der Tonsur war frisch geschoren, die Haut darunter wie Pergament. In seinen Händen hielt er kein Kreuz, sondern ein knorriges Stück Holz, das an seinem Ende ein Eisen trug, krumm, mit einer Flamme daran, die nicht brannte. Ein Zündstahl. Er trug keinen Panzer, aber unter seiner Kutte war etwas, das die Luft anders machte, wenn er ging: die Wucht nicht eines Körpers, sondern eines Willens.
„Gerius von Rönne,“ sagte Erland, und man hörte, dass er das nicht hier zum ersten Mal sagte. „Bote Absalons. Priester und…“ Er suchte ein Wort.
„Reiniger,“ sagte der Mann mit der Flamme. Er setzte sie an und schlug mit dem Stahl Funken, die in die Luft sprangen, als hätten sie dort einen verborgenen Feind. „Exorcista, wenn du Latein willst. Terminator idolatriae, wenn du mehr willst. Wer ist sie?“ Er deutete mit der Flamme auf Jalite.
Osram fühlte die Luft in seinen Lungen schärfer werden. „Sie ist nichts für dich.“
Gerius‘ Mundwinkel zuckte. Es war kein Lächeln. Es war der Versuch einer Narbe, sich zu erinnern, wie Haut lag, bevor sie geschnitten wurde. „Alles ist für mich, was den Teufel trägt,“ sagte er. „Und der vierköpfige hier –“ er deutete mit dem Kopf über seine Schulter in Richtung Halle – „hat seine Zähne in dieses Land geschlagen tiefer als jeder andere Wurm. Was aus seinem Haus kommt, ist mein Werk.“
„Sie kommt aus einem Haus,“ sagte Erland. „Nicht aus dem Haus des Gottes. Aus einem, das Männer gebaut haben. Es stand am Strand. Es roch nach Fisch. Es roch nach Dingen, die Gott und Teufel beide nicht essen. Wenn du Männer retten willst, rette erst den Atem.“
Gerius sah Erland an, als wägen seine Augen ihn. „Dein Mund ist groß für einen Mönch, der in einer Schlammpfütze sitzt.“
„Mein Gott macht mir keine Angst,“ erwiderte Erland.
„Meiner auch nicht,“ sagte Gerius ruhig. „Der, der sie hier hat,“ – wieder der Kopf in Richtung Jaromarsburg – „macht mir Angst. Nicht, weil er groß ist, sondern weil er viele Gesichter hat. Dinge mit vielen Gesichtern lügen besser. Und diese lügen durch Frauen. Durch die, die Kräuter kennen. Durch die, die Worte kennen, die man nachts nicht sagen soll. Ich sage: Diese dort ist eine davon.“
Jalite hob den Kopf. Es war, als hätte die Stimme des Mannes in sie hineingegriffen und eine Saite angerissen, die in ihr vergraben war. Ihre Augen klärten sich nicht, aber sie richteten sich. Sie sah nicht den Mann, sie sah an ihm vorbei. Und jemand, der am Türpfosten des Nebenraums stand, der sie nicht kannte, hätte schwören können, dass ihr Mund ein Wort formte. Es war kein Wort in einer Sprache, es war nur ein Laut. Er klang wie Wasser, das in eine Schale läuft.
Gerius machte einen Schritt. Osram machte auch einen. Er stellte sich zwischen den Mann mit dem Zündstahl und die Frau auf dem Schemel. Es war kein ritterlicher Reflex. Es war das Gegenteil. Es war das Verstehen, dass manche Stimmen nur reden konnten, wenn jemand anderes die Hand hob. Er spürte, wie der Raum in dem kleinen Gebäude enger wurde.
„Nicht heute,“ sagte Erland. „Nicht hier, Gerius. Draußen brennt es. Du hast zu tun. Dein Bischof will dich sehen. Er will mit dir sprechen über ein Kloster. Über Land, das die Dänen nehmen. Über eine Kirche, die die Rügen bauen müssen, bevor das Frühjahr kommt. Er will dein Feuer dort.“
Gerius‘ Augen wanderten über Erlands Gesicht, über Osrams Brust, über die Kante des Schildes, die noch an Jalites Rücken lehnte. Er nickte nicht. Aber er drehte sich um. „Ich habe einen Namen gehört,“ sagte er beim Gehen, so leise, dass nur die, die Luft teilten, es hörten. „Svantevit. Er hat vier. Der Teufel hat auch viele. Sie dichten sich die Köpfe. Sie werden sie verlieren. Die, die ihr die Köpfe abgeschnitten habt, sind aus Holz. Diese hier wachsen noch.“
Er war weg. Die Luft wurde ein wenig leichter.
„Er wird wiederkommen,“ sagte Erland, ohne dass es eine Frage war.
„Ich werde hier sein,“ sagte Osram. Er spürte erst jetzt, wie sehr er in diesem Satz alles aufhob, was er war. Ein Mann, der an einem Morgen, der das Ende eines Ende war, einem Bischof widersprochen hatte, einem Fürsten die Stirn geboten, und einem Mönch gesagt. Er würde hier sein. Nicht für alle. Nicht für vieles. Für eine. Er legte die Hand auf den Rand des Schildes, der noch Jalites Rücken stützte. Sie war warm unter dem groben Holz.
„Wie heißt du?“ fragte er leise. Er wollte ihr ihren Namen nicht nehmen. Er wollte nur wissen, welche Silben er tun musste, wenn er in der Nacht, die kommen würde, in der Finsternis eine Stimme brauchte.
Jalite hob den Kopf. Ihre Lippen bewegten sich. Ein Moment lang dachte Osram, sie werde sagen „Niemand“. Wie in den Geschichten, die der alte Sänger am Feuer in Bardowick von Odysseus erzählt hatte, der sich einem Riesen so vorgestellt hatte, damit der Riese, wenn er Hilfe rief, „Niemand“ schreien musste. Doch sie sagte etwas anderes. Es war ein Hauch. „Jalite.“
Er sprach es nach. Er ließ den Geschmack der Laute auf seiner Zunge. „Jalite.“
„Töchter der Priester,“ murmelte Erland, „sind die schwierigsten Frauen. Sie kennen das Reden der Männer in den Nächten. Und sie wissen, woher das Leben kommt.“ Er lächelte schmal. „Ich hoffe, dein Gott ist ein geduldiger.“
„Ich habe keinen Gott,“ sagte Osram. „Ich habe nur einen Schwur.“
Erland nickte. „Manchmal ist das genug.“
Draußen sang das Meer. Es war später jetzt. Das Licht fiel in den Raum und machte aus dem Staub, der in der Luft hing, eine Art von Regen. Auf dem Platz vor der Halle hob Absalon die Hand und begann zu sprechen. Er sprach in Latein, und die Wachstafel folgte seiner Zunge. Er sprach vom Sieg. Er sprach vom Kreuz. Er sprach von einem König, der Gott gehorchte, und von einem Kaiser, der Gott gehorchte, und von Herzögen, die Gott gehorchten, und davon, dass Gott künftig hier geehrt würde. Jaromar stand neben ihm und hörte. Er hatte eben ein Zeichen gegeben, das schwerer war als die, die er in seinem Leben je gegeben hatte. Er stand und hörte.
Auf dem Boden, in einem Haus, das sich selbst Mönchsgut nannte, weil die Leute es so nannten, obwohl dort nur selten einer schlief, schlug Gerius von Rönne mit dem Zündstahl Funken in die Luft, obwohl er sie nicht mehr brauchte. Er schlug sie, damit er etwas tun konnte mit der Hand, die sonst nur mit Worten schlug. Er dachte nicht an die Frau auf dem Schemel. Er dachte an einen Platz aus Kreide, an flaches Land, an einen Pfahl, an ein Dach. Er sah schon in seinem Kopf eine Kirche aus Holz, die dort stehen musste, wo gestern das Rauchdach gestanden hatte. Er sah das Kreuz in seinem Kopf, bevor es dort stand. Und er sah Menschen, die das Kreuz sahen, bevor sie wussten, was es hieß.
Jalite saß, und der Rand des Schildes drückte ihr in den Rücken. Sie fühlte den Druck. Sie fühlte ihn genauer als alles andere. Er war nicht weich. Er war nicht hart. Er war da. Es war wie der Rand der Welt, auf dem man sitzt, wenn man noch nicht weiß, wohin das Meer fließt, wenn die Flut kommt.
Sie drehte den Kopf. Durch den Spalt in der Tür sah sie einen Streifen Himmel. Er war bleich. Ein Vogel zog hindurch. Sie dachte: Der Vogel kennt keine Götter. Und sie wusste nicht, ob das ein guter Gedanke war, oder ein schlechter.
„Jalite,“ sagte Osram noch einmal, wie einer, der einen Namen einübt, damit seine Zunge ihn nicht vergisst.
Sie schloss die Augen. Der Name war ein Segel. Vielleicht würde er sie tragen.
Noch am selben Abend, als der Rauch sich ein wenig gelegt hatte und die Kreide wieder weißer wirkte, als er in der Mittagshitze war, rief Absalon die Männer zusammen, die mehr Gehör hatten als der Rest. Jaromar war da, mit seinen Brüdern, die die Sippen an Land hielten, Skjalm und die Dänenführer, ein Mann mit einem Gesicht wie ein Holzblock, der sagte, er spreche für Heinrichs Leute, obwohl Heinrich selber nicht gekommen war, und eine Handvoll Priester, die wie Krähen in braunen Kutten wirkten, in deren Ärmeln Hände steckten, die Schwielen hatten vom Rudern.
„Das Heiligtum ist fortgenommen,“ sagte Absalon. „Der alte Götze ist gestürzt. Ich sage: Lanzet die Wunde, bevor ihr sie verbindet. Hier wird eine Kirche stehen. Nicht in drei Wintern. In einem. Der König will es. Der Kaiser will es. Und Gott will es.“
Jaromar stand, und seine Lippen bewegten sich nicht. Er sah die Felsen an. Sie zuckten nicht. Dann sagte er, in einem Deutsch, das man in Rostock verstand: „Meine Leute werden bauen, wenn Holz da ist. Aber Holz kommt aus Land, das der Pommer nimmt, wenn er kann. Gebt ihr mir eines, wenn der Pommer kommt? Gebt ihr mir Männer, wenn er kommt? Oder gebt ihr mir nur Zeichen und Worte? Worte halten keinen Speer auf.“
Absalon neigte den Kopf, und in der Neigung lag etwas, das ehrlich war: das Wissen um das Maß, in dem man etwas nur auf der Zunge halten konnte. „Ich gebe dir Männer. Nicht nur jetzt. Auch, wenn er kommt. Und ich gebe dir etwas, das mehr ist als Männer: Du wirst Vasall des Königs sein. Und damit nicht nur Mann des Königs. Du wirst auch Mann des Kaisers sein. Der Kaiser wird nicht zusehen, wenn sein Mann fällt. Und wenn der Löwe knurrt, höre auf ihn. Aber wenn der Löwe gegen den Kaiser knurrt – dann hör auf den König. Und wenn beide knurren – hör auf Gott.“ Er lächelte dabei. Es war ein Lächeln, das einem Messer glich, das in eine Hülle geschoben wurde, damit man es tragen konnte.
Jaromar nickte. Vielleicht verstand er alles. Vielleicht verstand er nur die Hälfte. Vielleicht verstand er nur, dass die Welt einen Zahn mehr bekam. Er hob die Hand. „Ich nehme den Mannschild unter dem Kreuz,“ sagte er. „Und ich gebe euch –“ er wandte sich dem Mann zu, der gestern in der ersten Reihe stand, dessen Schwert länger war als die meisten, dessen Schild randvoll mit Kerben – „Land. Ein Dorf. Zwei. Wenn er bleibt. Wenn er mit uns bleibt. Nicht nur heute.“ Seine Hand deutete auf Osram.
Osram blinzelte. Er war nicht sicher, ob er die Worte zur Gänze hörte. Der Schreiber kratzte auf der Wachstafel. Skjalm zwinkerte ihm zu, so kurz, dass es hätte ein Zucken im Auge sein können. Absalon sah ihn an, als sehe er einen Pfeiler, den man an die richtige Stelle setzen konnte. Gerius schnitt Funken in die Luft, obwohl keine Fackel mehr einzufangen war.
„Osram von Hauenfels,“ sagte Absalon. „Bleib. Nimm Land. Nimm Frau. Nimm die Last.“
Das Wort „Frau“ blieb wie ein Splitter im Fleisch. Osram sah, als hätte jemand ihm eine Tafel hochgehalten, die voll mit Zeichen war – und zwischen all den Zeichen war eines, das heller war als alle anderen. Ein Gesicht mit schwarzem Haar. Ein Name, der wie ein Segel war.
„Ich bleibe,“ sagte er.
Der Wind drehte wieder. Er kam nun vom Westen, und in ihm lag der Geruch von Erde, die nicht Kreide war. Von Land. Von Pflügen. Von Arbeit. Von Dingen, die nach Krieg falsch klangen, weil sie leise waren.
Auf dem Mönchsgut saß Jalite auf dem Schemel und hielt ihren Namen fest, als sei er eine Schale. Sie merkte, dass die Hände, die den Rand hielten, nicht mehr zitterten. Sie merkte, dass der Druck des Holzrandes in ihrem Rücken leichter wurde. Nicht, weil er nachließ. Weil sie Muskeln fand, von denen sie nicht wusste, dass sie dort waren.
Erland kam herein, ohne Geräusch zu machen. „Sie gehen,“ sagte er. „Die, die nicht bleiben. Einige bleiben.“ Er setzte sich auf den Boden, nicht auf den Schemel. „Morgen wirst du nicht hier sein. Du wirst gehen. Nicht über das Meer. Nicht heute. Du wirst zum Hof eines Mannes gehen, der nicht weiß, welche Last er damit nimmt. Du wirst nicht sein, was du warst. Niemand ist es. Und alles, was man sagt, über dich, werden sie mitnehmen, als wäre es eine Hacke, mit der man Löcher gräbt. Du wirst die Löcher nicht alle füllen können. Manchmal wirst du in eines fallen. Dann steh wieder auf. Das ist alles.“
Jalite hob den Kopf. „Du hast viel gesehen,“ sagte sie.
Erland zuckte die Schultern. „Mehr als nötig. Weniger, als ich glaubte.“ Er lächelte so schmal, dass man es für eine Furcht halten konnte. „Und ich habe gelernt: Die Götter mögen die Namen der Orte. Sie wechseln die Gesichter. Aber wenn ein Ort einen Namen hat, den sie kennen, kommen sie dort vorbei. Hier sollte eine Kirche stehen. Ich werde eine Tafel im Boden vergraben, auf der steht, dass ich das gesagt habe. Vielleicht findet sie jemand. Vielleicht nicht.“
Jalite sah ihn eine Weile an. Dann nickte sie. „Wenn ich gehe,“ sagte sie, „wird der Ort mich holen, wenn er will. Aber ich werde gehen.“ Sie dachte an Orlaw. An sein „Geh“. Es lag nicht mehr auf ihr wie ein Gewicht. Es lag neben ihr wie ein Stab, den man beim Gehen nahm.
„Dann geh,“ sagte Erland. „Bevor Gerius zurückkommt.“
In der Nacht, als die Sterne zwischen den Wolken Lücken fanden, die groß genug waren, um den Atem eines Mannes durchzulassen, hörte man in der Ferne ein Pferd schnauben. Es stand nicht mehr in der Halle. Es stand irgendwo in der Nähe des Waldrandes. Und wer sehr gut hinhörte, hätte schwören können, dass es ein helles Wiehern war. Als ob der, dem man gestern das Blut gegeben hatte, nicht gegangen war. Als ob Dinge mit vielen Gesichtern Wege fänden, wenn man ihnen Wege nahm.
Osram schlief in dieser Nacht nicht. Er saß vor dem Haus, das man Mönchsgut nannte, und hielt sein Schwert ausnahmsweise mit der linken Hand, damit die rechte frei war für etwas, das kein Griff brauchte. Er dachte an das Land, das ihm versprochen worden war. Er dachte an die Frau im Nebenraum, deren Name ihm auf der Zunge lag. Er dachte an einen Mann mit Funken in der Hand, der zurückkommen würde. Er dachte an einen Gott, dessen vier Gesichter nun in Brennholz verwandelt waren und an einen anderen, der sein Kreuz über die Kreide legen wollte. Er dachte an einen Fürsten, der Beine hatte, die ihn trugen, obwohl ihm jeder Schritt schwerer fallen würde. Er dachte an Heinrich, den er nie gesehen hatte, und an einen Kaiser, den er nicht sehen würde. Er dachte daran, dass die Welt größer war, als ein Mann sie an einem Tag begreifen konnte. Und er tat das, was Männer tun, wenn ihnen die Zeit durch die Hände rutscht: Er hielt die Hand eines Namens.
Als der Morgen kam, war der Wind milder. Die Möwen folgten einem Fischer, der hinausfuhr, als wäre gestern nichts geschehen. Am Strand lagen Holzsplitter. Unter ihnen lag ein Messergriff. Er hatte an einer Klinge gehangen, die sauber geblieben war, weil ein Mann sie gestern nicht gebraucht hatte, um seinem Gott zu dienen. Jemand hob den Griff auf, drehte ihn in der Hand, ließ ihn wieder fallen.
Jalite trat aus dem Haus. Erland gab ihr einen Mantel. Osram stand auf. „Es ist Zeit,“ sagte er.
Sie nickte. „Es ist Zeit.“
Er führte sie nicht zur Halle. Er führte sie nicht zum Wall. Er führte sie einen schmalen Pfad hinab, der zwischen Wacholdersträuchern nach Westen lief. „Dein Hof,“ sagte Erland hinter ihnen, „liegt nicht hier. Du wirst das Land erst sehen, wenn der Wind von Süden kommt. Er wird aus dem Land kommen. Und du wirst wissen: Dort ist dein Haus.“
„Es ist nicht mein Haus,“ sagte Jalite. „Noch nicht.“
„Noch nicht,“ wiederholte Osram. Er blickte nicht zurück.
Hinter ihnen schlug jemand mit einem Hammer einen Pfahl in die frische Erde. Er war nicht aus Kreide. Er war aus Eiche. Auf seiner Spitze war ein kleines Kreuz. Gerius hielt ihm die Nägel. Absalon sprach einen Segen, und Jaromar sah zu, wie der Hammer auf die Kante schlug. Und niemand von ihnen sah, wie ein Vogel in der Luft stehen blieb, so lange, dass es unnatürlich war, und dann seinen Flügelschlag änderte, als habe er die Richtung gewechselt, weil etwas am Boden sich geändert hatte.
