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Dieses Buch erzählt in Romanform etwas über das Leben eines DDR Bürgers beginnend mit dem Mauerbau am 13. August 1961 den er als 14 jähriger erlebt hat, bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989 über die schwierige Nachwendezeit bis in die Gegenwart des Jahres 2020. Das Leben in einer Diktatur die in Folge der vorangegangenen gescheiteten Diktatur entstand, wird aus Sicht eines DDR Bürgers geschildert. Das was der Autor in 58 Jahren seit Mauerbau erlebt hat ist nicht nur geschichtlich interessant sondern kann auch als Abenteuerroman bezeichnet werden, dessen Grundlagen weit vor der Geburt des Autors begann. Der Autor bezieht seine Familie und zahlreiche Menschen in das Geschehen mit ein, die seinen Lebensweg gekreuzt und beeinflusst haben. Es gab in der DDR nicht nur schwarz und weiß sondern auch alle Zwischentöne die das Leben in einer Diktatur erträglich ja für manch einen Bürger sogar angenehm machte. Der Spruch "es war nicht alles schlecht" ist folgerichtig und stammt im wesentlichen von Menschen die sich an das System einigermaßen angepasst und möglicherweise mit dem neuen Nachwendesystem ihre Probleme hatten. Dreißig Jahre nach Mauerfall beginnt einerseits eine Verklärung des sozialistischen Systems der DDR und andererseits eine Verteufelung. Beides ist falsch und da in den nächsten Jahren davon auszugehen ist, dass immer mehr Zeitzeugen versterben, möchte ich aus meiner Erlebniswelt diese Zeit beschreiben. Es gab in der DDR Menschen denen es gut ging und Menschen denen das System fürchterliches angetan hat. Das ist wichtig zu wissen wenn man das Buch liest.
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ralf Schubert
Ein deutsches Nachkriegsschicksal
Alle Rechte vorbehalten:
Text: © Copyright by Ralf Schubert
Umschlaggestaltung: © Copyright by Ralf Schubert
Bilder: © Copyright by Ralf Schubert
E-Mail: [email protected]
Verlag: c/o Autoren Services .de
Birkenallee 24, 36037 Fulda
Es gibt Ereignisse im Leben eines jeden Menschen, die wie Weichenstellungen in verschiedene Richtungen wirken. Man weiß nicht wohin der Weg führt und muss sich doch entscheiden.
Einige Weichenstellungen erbt man allerdings auch, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können und ohne, dass es einem bewusst wird.
Das was die Eltern einem nach der Geburt geben können, kann Zuneigung, Liebe, Geborgenheit, eine gute Erziehung oder nur einiges davon sein.
Es kann aber auch das Gegenteil sein.
Man erbt aber auch einen Teil des Lebens seiner Eltern und deren Probleme, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne es beeinflussen können.
Vertreibung, Krieg, Schulden, Reichtum, Armut, Verwandtschaftsfehden und vieles mehr beeinflussen unser Leben.
Ich habe den größten Teil meines Lebens hinter mir. Wie viel noch vor mir liegt, weiß ich zum Glück nicht. Es ist viel passiert und irgendwann wollte ich es aufschreiben. Anfangs nur für mich, um einiges zu verarbeiten. Später dann auch damit meine Kinder Ereignisse und mein Verhalten in dieser Zeit besser verstehen.
Genauso wie ich meine Eltern auf Ereignisse im 3. Reich und ihre Rolle darin angesprochen habe, werden meine Kinder und Enkel kaum nachvollziehen können, warum ich die „Mauer“, die „Stasi“ und vieles an Unrecht zugelassen, ertragen und mitgemacht habe, was in der DDR passiert ist.
Auch meine Enkel werden irgendwann ihre Eltern fragen warum es in der Bundesrepublik Deutschland so viel Unrecht gibt.
Da werden Verbrecher gehätschelt und Opfer verhöhnt. Menschen, die nie gearbeitet haben, bekommen mehr Zuwendungen vom Staat als Menschen, die immer gearbeitet haben.
Politiker stopfen sich die Taschen voll, verschwenden Steuergelder, brechen ihr gegebenes Wort, zahlen in keine Rentenkasse ein und bekommen weit mehr Rente, als ein Arbeiter in zwei Leben erarbeiten kann.
Eine Quote für Frauen, denen es schon immer gut ging, für höchste Ämter in der Wirtschaft, wird von Politikern als Meilenstein der Gleichberechtigung gefeiert, während die Unterdrückung von millionen Mädchen und Frauen, im Namen des Islams, negiert und als Glaubensfreiheit im Namen des Grundgesetzes akzeptiert wird.
Bürger, die logische Fragen stellen, werden als Rassisten gebrandmarkt, mit Nazis gleichgestellt und mit Rufmord mundtot gemacht.
Auch in der DDR konnte man seine Meinung frei äußern. Man musste dann nur mit den Konsequenzen klarkommen.
Heute in der Bundesrepublik ist es nicht anders.
Der Rechtsstaat verdient diesen Begriff erst, wenn er vom Bürger auch als solcher empfunden wird.
Jede Zeit hat ihre Täter, Mitläufer und Opfer. Dennoch ist dieses Deutschland, in dem wir leben, bei allen unnötigen Mängeln, das beste Deutschland, dass unsere Nation je hervorgebracht hat.
Dieses Buch erzählt etwas, von dem was ich erlebt habe. Die wesentlichen Teile der Handlungen sind so, oder so ähnlich passiert. Die meisten Namen und Daten wurden verändert.
Es beschreibt aber auch Menschen und ihr Schicksal, die meinen Lebensweg gekreuzt und beeinflusst haben.
Ich war zu DDR-Zeiten nie ein Held oder Widerstandskämpfer, aber schon kleine Abweichungen von der gewünschten Norm konnten verheerende Folgen, für das weitere Leben, mit sich bringen.
Der Stab über andere Menschen ist schnell gebrochen. Lernt man sie näher kennen, kann aus Ablehnung Zustimmung und aus Feindschaft Freundschaft werden.
Die besten Geschichten schreibt das Leben. Diese Aussage trifft mit Sicherheit zu. Allerdings muss man sich dann auch aufraffen, die Geschichte aufzuschreiben.
Ich habe mich jetzt aufgerafft und möchte auf diese Art auch etwas von dem Erlebten verarbeiten.
Wie soll ich beginnen oder besser wann? Vieles bewegt mich in diesem Moment, denn mein Leben hat sich radikal verändert – mein Leben? Ja mein Leben und das ist das Wichtigste, ich habe überlebt.
Aber der Reihe nach. Am besten beginne ich mit dem Jahr 1961, konkret mit dem 13.August 1961 in Ostberlin.
Ich heiße Ralf Schubert war damals 14 Jahre alt, Schüler der achten Klasse und das erste Mal verliebt.
Meine Angebetete hieß Gabriele Volkert, aber alle nannten sie nur Gabi.
Gabi war 15 Jahre alt und nahm von mir keine Notiz.
Sie ging in die 9. Klasse interessierte sich für einen Jungen aus ihrer Klasse der
schon ein Moped besaß. Dieser Junge hieß Franz und war mein Bruder.
Für mich ein unlösbares Problem wäre da nicht dieses geschichtsträchtige Datum gewesen, das mein Leben und das Leben vieler Menschen nachhaltig verändern sollte.
Weder meine Eltern noch ich begriffen so recht was gerade passierte.
Wir wohnten im Stadtbezirk Prenzlauer Berg in der Bornholmer Straße, etwa 300 Meter vom Stadtbezirk Wedding entfernt der schon zu Westberlin gehörte.
Vor unserem Fenster fuhren an diesem Tag, mit ohrenbetäubendem Krach, Panzer vorbei Richtung Westberlin. Die Strasse war mit Rauchschwaden übersäht und es stank nach Abgasen.
Die Erwachsenen waren aufgeregt und ängstlich. Ein bisschen übertrug sich diese Stimmung auch auf uns Jugendliche. Trotzdem hielt uns nichts – wir mussten raus, um die Ereignisse aus der Nähe zu betrachten.
Die Grenze zwischen Ost und Westberlin war die Bornholmer Brücke. Sie überspannte in großem Bogen die Gleise der Reichsbahn und einen Bahnhof.
Vor und auf der Brücke bezogen die Panzer Stellung. Einige Panzergeschütze waren gen Westen andere auf uns gerichtet.
Nach dem gleichen Prinzip wurden auch die MG, s in Stellung gebracht. Soldaten der Nationalen Volksarmee, zu diesem Zeitpunkt noch alles Freiwillige, bezogen Stellung und ließen die Menschen nicht mehr durch.
Das galt sowohl für die Richtung von Ost nach West als auch umgekehrt.
Wir (das waren einige aus unserer Klicke und ich) standen den Soldaten nur wenige Schritte entfernt gegenüber. Viele Menschen standen ebenso wie wir vor den Soldaten und stellten Fragen zu Sinn und Zweck der Aktion und der möglichen Dauer der Grenzschließung.
Ich glaube zu diesem Zeitpunkt war kaum einem klar was hier geschah und welche Auswirkungen das Geschehen auf die Menschen in Ost und West, und dass nicht nur im geteilten Deutschland, haben würde.
Der eiserne Vorhang begann hier sichtbar zu werden und wie sich später noch herausstellen sollte, waren wir auf der falschen Seite der Grenze, nämlich in Ostberlin, in der Sowjetischen Besatzungszone unserer geteilten Stadt.
Für mich war die Teilung Berlins bis zu diesem Tag kein Problem, denn wir konnten uns in der Stadt frei bewegen.
Mein Schulfreund Micha fragte mich, ob wir jetzt noch nach drüben ins Kino gehen könnten und ich antwortete ihm mit ja, denn aus meiner Sicht konnte die Grenzschließung nur eine vorübergehende Maßnahme sein. Mein Vater bestärkte mich in dieser Ansicht. Seiner Meinung nach würden sich die Amerikaner eine Grenzschließung nie gefallen lassen.
Wir hatten Ferien und so hatten wir Zeit, auch in den nächsten Tagen das Geschehen an der Grenze zu beobachten.
Hier wurde eifrig gebaggert gebohrt und gemauert. Jede Menge Stacheldraht wurde verlegt und mit rasender Geschwindigkeit wurden Lücken und Löcher im Grenzsystem, durch die immer noch Menschen von Ost nach West flüchteten, geschlossen.
So langsam begriff auch ich, dass hier ein wesentlicher Teil meines bisherigen Lebens zugemauert wurde.
Fast alle meine Verwandten wohnten in Westberlin oder Westdeutschland. Eine Oma wohnte in Köln die Andere nur eine Straße von uns entfernt.
Wir waren gewohnt hinzufahren, oder von ihnen besucht zu werden. Das sollte nun vorbei sein? Allem Anschein nach ja.
Erst zwei Jahre zuvor sind wir aus Westberlin nach Ostberlin gezogen, weil wir hier eine schöne große Fünfzimmerwohnung für wenig Geld mieten konnten.
Die Grenzen waren offen also alles richtig gemacht? Allem Anschein nach nicht, denn jetzt saßen wir hier fest.
Wut kam in mir hoch und so ging es vielen Menschen.
Einige schimpften unauffällig und andere ziemlich laut. Letztere konnten sehr schnell unangenehmen Besuch von der Polizei oder der „Stasi“ erhalten.
Zu dieser Zeit wurden neue Karrieren gegründet und viele Karrieren beendet.
Man musste sich anpassen und seine Bekanntschaft und Freundschaft neu ordnen.
Meinen Vater hatte es auch erwischt.
Er hatte in Westberlin ein kleines Fuhrgeschäft und in Ostberlin ein Antiquariat oder besser gesagt einen Trödelladen.
Die offenen Grenzen erlaubten ihm einen kleinen Warenaustausch (nicht immer ganz legal) von Ost nach West und umgekehrt.
Von seinem Fuhrgeschäft in Westberlin war er jetzt abgeschnitten und von dem Trödelladen konnte er unsere Familie nicht ernähren.
Die Stimmung zu Hause war gereizt und so verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit mit Freunden auf der Straße.
Wir hingen rum und überlegten, wie wir doch noch nach Westberlin ins Kino und zu unseren Freunden gelangen konnten.
Mein Bruder Franz hatte eine Idee, die zwar abenteuerlich aber durchführbar klang.
Unter der Bornholmer Brücke, die Ost – mit Westberlin verband, verlief ein Wartungstunnel.
Der Einstieg war außerhalb der Sperranlagen und nur wenigen bekannt.
Ende August machten wir uns auf den Weg beseitigten etwas losen Schutt und schlichen gebückt durch den schmalen Tunnel unterhalb der Brücke Richtung Westen.
Der Tunnel roch modrig und mich überkam so ein komisches Gefühl zwischen Angst und Abenteuerlust. Wir waren zu viert und keiner sprach ein Wort. Mein Bruder lief mit einer Taschenlampe vorne weg. Nach etwa achtzig Meter standen wir plötzlich vor einer Mauer aus Klinkersteinen.
Wir wussten nicht ob wir schon im Westen waren oder nicht. Unverrichteter Dinge kehrten wir um und traten vorsichtig den Rückzug an. Wir vergatterten uns gegenseitig zu Stillschweigen und wollten am nächsten Tag einen erneuten Versuch dann mit Werkzeug starten.
Pünktlich nach Einbruch der Dämmerung stiegen wir wieder in den Schacht ein.
Wir wussten inzwischen an Hand des zurückgelegten Weges, dass die Mauer auf Westberliner Seite war.
Vorsichtig und mit möglichst wenig Lärm fingen wir an die Fugen auszukratzen und Stein für Stein zu lockern.
Wir kamen mit der Arbeit erstaunlich gut voran und schon nach einer halben Stunde sahen wir den schwachen Lichtschein einer Straßenlaterne.
Unser Tun blieb jedoch nicht unentdeckt. Mit einem Mal leuchtete jemand von außen in den Tunnel hinein.
Uns rutschte das Herz in die Hose und fast noch etwas anderes. Wir waren nicht mal in der Lage wegzurennen.
Die energische Stimme eines Mannes polterte uns an – wer ist da? geben sie sich
sofort zu erkennen. Wir gaben uns zu erkennen und auf einmal ging alles sehr schnell.
Von außen wurden recht zügig die Steine weggebrochen und nach wenigen Minuten standen wir auf Westberliner Seite drei Schutzpolizisten gegenüber.
Einen der Polizisten kannte ich. Er hatte mich mal ermahnt, meinen Kaugummi nicht auf den Gehweg zu spucken.
Die Polizisten redeten auf uns ein. Sie machten uns klar in welche Gefahr wir uns begeben hatten, es klang aber auch ein Hauch von Bewunderung in ihren Worten.
Einer der Polizisten sagte er müsse seinem Revierleiter über den Vorfall in Kenntnis setzen.
Uns riet er, schleunigst und möglichst ruhig den Rückzug anzutreten oder in Westberlin zu bleiben – man würde unsere Eltern dann informieren.
Wir traten den Rückzug an und kamen wohlbehalten und unentdeckt im Ostteil an.
Mein großer Bruder vergatterte mich noch zum Stillschweigen auch gegenüber unseren Eltern und dann knatterte er mit seinem Moped davon.
In der Folgezeit sprach sich der Fluchtweg rum. Irgendjemand muss wohl gequatscht haben.
Das Unvorstellbare war jedoch, dass über viele Tage Menschen den Tunnel zur Flucht nutzten und die Grenzer, zumeist Sachsen und Thüringer, die Fluchtmöglichkeit erst Mitte September entdeckten und den Tunneleingang schlossen.
Einer der Letzten denen die Flucht in den Westen gelang, war mein Bruder Franz, der weder mir noch unseren Eltern etwas von seinem Vorhaben erzählt hatte.
Dementsprechend geklatscht waren wir und meine Mutter weinte vor Kummer.
Ich wusste, dass ein junger Mann mit vierzehn Jahren nicht weint, aber einen Kloß im Hals hatte ich trotzdem. Jetzt erst stellte ich fest wie wichtig Franz für mich war und wie sehr er mir jetzt fehlen würde.
Auch Gabi weinte um Franz und so konnten wir uns gegenseitig trösten.
Das wiederum war der Vorteil der ansonsten schlimmen Situation und so lernte ich, dass jedes Ding zwei Seiten hatte.
Gabi war schlank, hatte dunkle lange Haare, die sie meist zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte und wenn sie lief wippte ihr Pferdeschwanz (und nicht nur der) im Rhythmus ihrer Schritte.
Sie war eine sehr gute Turnerin und oft in Wettkämpfen ihres Sportvereins eingebunden. Dadurch kam sie viel rum und wirkte erwachsener als ihre Klassenkameradinnen.
Den Verlust von Franz schien sie langsam zu überwinden und eines Abends faste ich den Mut sie in meine Arme zu nehmen. Sie ließ es geschehen und wir küssten uns heftig und leidenschaftlich.
Leider erwischte uns dabei meine Mutter und machte mir eine Szene, die mich vom 7. Himmel auf den harten Boden der Wirklichkeit schmetterte.
Ich brachte Gabi nach Hause und entschuldigte mich für die Peinlichkeit meiner Mutter. Sie lachte nur und sagte – das nächste Mal treffen wir uns bei mir.
So langsam normalisierte sich unser Leben wieder. Franz hatte uns einen Brief aus Köln geschrieben und wohnte jetzt bei unserer anderen Oma.
Meine Eltern hatten inzwischen eine Arbeit angenommen. Den Trödelladen musste mein Vater aufgeben. Er war jetzt beim Magistrat von Berlin tätig und meine Mutter im Finanzamt.
Meine Eltern gingen ihrer Arbeit nach und grübelten wie wir abhauen konnten.
Sie sprachen zwar nicht mit mir darüber, aber ich bekam ihre Gedanken trotzdem mit.
Ich flüchtete mich in meinen Radsport und so oft es ging in die Arme von Gabi.
Meine schulischen Leistungen waren ganz gut und so konnte ich auf einen Abiturplatz hoffen.
Wir schrieben das Jahr 1963 es war kurz vor den großen Ferien also Juni.
Gabi war mit den Abschlussprüfungen der 10. Klasse beschäftigt und hatte kaum Zeit für mich.
Ich war kurz vor meinem 16. Geburtstag mit einem Problem beschäftigt, das mich in einen Konflikt mit der Schulleitung bringen sollte.
Wir hatten für unsere Klasse sieben Abiturplätze erhalten, die auf die Schüler, mit dem besten Zensuren durchschnitt aufgeteilt werden sollten.
Vom Zensuren Schnitt war ich die Nummer sechs in unserer Klasse.
Theoretisch hatte ich einen Abiturplatz sicher.
Theorie und Praxis gingen in der DDR aber oft getrennte Wege und so erhielt ich meine erste Lektion in Demokratie und Aufrichtigkeit.
Unser stellvertretender Schuldirektor Herr Petrikowsky war nicht nur Staatsbürgerkundelehrer, sondern auch Parteisekretär für das Lehrerkollegium.
Er war klein, dafür aber sehr beleibt, und hatte einen übertriebenen Geltungsdrang. Überall witterte er Verrat, und ständig fiel ihm etwas Neues ein. Meist nichts Gutes.
An einem Samstag, kurz vor den großen Ferien, klopfte es mitten im Physikunterricht an der Klassentür. Ohne ein „herein“ abzuwarten wurde die Tür aufgerissen und „Kugelblitz“, wie wir ihn heimlich nannten, stand mit breitem Grinsen in unserem Klassenraum.
Er bat die Störung zu entschuldigen und kam sofort zum Thema.
Er fing an zu reden und steigerte sich über sein Lieblingsthema „Klassenkampf“ über „Frontstadt“ (damit war Westberlin gemeint) in eine heroische Stimmung zu Vorbereitungen der Feierlichkeiten des 13. August, dem zweiten Jahrestag der Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“ so nannten Typen wie er die Mauer die nicht nur unser Land und unsere Stadt teilte, sondern auch Millionen Menschen trennte.
Mein Banknachbar tippte sich an die Stirn und hatte Glück, dass Kugelblitz die Geste nicht mitbekam.
Nach etwa zehn Minuten langweiligem Gefasel kam er auf den Punkt.
Es wäre nötig, dass die Schüler unserer Schule ein Zeichen setzen um eindeutig Stellung für den Sozialismus, und gegen den Klassenfeind zu beziehen.
Bisher hatten wir als Klassenfeind, die Schüler unserer Parallelklasse angesehen, die nichts ausließen, uns zu ärgern (umgekehrt genauso).
Die meinte er aber nicht, sondern die Menschen in Westdeutschland und Westberlin.
Den Einwand eines Mitschülers, dass wir fast alle Verwandte dort hätten und die Menschen dort sicherlich nichts Böses gegen uns im Schilde führten, ließ er nicht gelten, sondern wurde noch giftiger.
Jetzt ließ er die Katze aus dem Sack. Er hatte ein Schriftstück vorbereitet, das jeder Schüler, natürlich auf freiwilliger Basis, unterschreiben sollte.
Vereinfacht gesagt verpflichtete sich jeder der unterschrieb in Zukunft kein Westfernsehen und keine westlichen Rundfunksender mehr zu sehen oder zu hören.
Mit leuchtenden Augen, von seiner eigenen Größe überwältigt, ging Kugelblitz durch die Reihen und sammelte Unterschriften ein. Klaus mein Banknachbar, sagte noch “das kann keine Sau kontrollieren“, und unterschrieb den Wisch, ohne mit der Wimper zu zucken.
Heike, ein Mädchen, das vor mir saß, unterschrieb nicht und zu meiner eigenen Verwunderung verweigerte auch ich die Unterschrift.
Kugelblitz verabschiedete sich noch mit den Worten, dass sich jetzt die Spreu vom Weizen trenne, ohne jedoch zu erläutern wer Spreu und wer Weizen
sei, und watschelte aus dem Klassenraum.
Nach dem Unterricht stand ich noch lange mit den Mitschülern auf der Strasse und wir diskutierten das Geschehen.
Ich wusste, dass alle meine Mitschüler Westsender sahen und hörten und dass auch weiterhin vorhatten.
Klaus brachte es auf den Punkt. Man muss sich anpassen. Tu ihnen doch den Gefallen und du hast deine Ruhe.
Nach wenigen Tagen gingen wir in die Ferien und vergaßen diesen Vorfall.
Gabi war für drei Wochen in ein Trainingslager gefahren und ich war begeisterter Radsportler.
Wir hatten täglich Training oder auch Wettkämpfe und so konnte von Langeweile keine Rede sein.
Klaus verreiste mit seinen Eltern nach Bulgarien und mein bester Freund Peter war mit seinen Eltern an der Ostsee.
Mein Bruder Franz schrieb immer seltener was insbesondere meine Mutter hart traf.
Eigentlich passierte nichts Aufregendes und so war ich sogar froh, als Ende August, die Schule wieder begann.
Ich war jetzt 16 Jahre alt und Schüler der 10. Klasse.
Mit Gabi lief es ganz gut. Mich störten jedoch die vielen begehrlichen Blicke, die sie teilweise auch von älteren Männern erhielt.
In diesen Momenten war ich eifersüchtig und auch wütend. Für mich stand fest, wir bleiben ein Paar und später heiraten wir.
Die ersten Schultage brachten außer einem neuen Chemielehrer, der die Nase von Charles de Gaulle und die Ohren von Dumbo hatte, nichts Neues.
Der Neue hieß Arthur Gaul und ich verpasste ihm den Spitznahmen „Klepper“, weil ich meinte, das passt zu ihm.
Wir konnten uns von Anfang an nicht leiden. Leider sitzt so ein Lehrer ja am längeren Hebel und so wäre es sicherlich klüger gewesen, ich hätte mich etwas zurückgehalten.
Zu allem Unglück steckte ihm ein Klassenkamerad, dass der Spitzname „Klepper“ meine Idee war, und das dämpfte seine Begeisterung für mich noch mal erheblich.
Eines Tages, zu Beginn der letzten Unterrichtsstunde, kam unser Klassenlehrer mit wichtiger Miene und noch wichtigerer Liste in den Unterricht und verkündete die Namen der sieben Schüler die im nächsten Jahr zur erweiterten Oberschule durften, um ihr „Abi“ zu machen.
Nach dem er die Namen der sieben Glücklichen verlesen hatte, war ich der festen Auffassung, er hätte meinen Namen vergessen vorzulesen.
Zu meinem Entsetzen stellte sich jedoch heraus, dass ich von der Liste gestrichen wurde und stattdessen mein Banknachbar Klaus meinen Abiturplatz bekam.
Für mich stürzte eine Welt zusammen. Das war jetzt wohl die Quittung für meine fehlende Unterschrift auf der Liste von Kugelblitz.
Abitur, Studieren, Aufstieg, tolle Zukunft, all das schien jetzt für mich in weite Ferne gerückt. Dazu noch das breite Grinsen von Klaus und einigen anderen.
Ich war fertig und wusste nicht, wie ich diese Nachricht meinen Eltern und auch Gabi vermitteln sollte.
Gabi war inzwischen auf einer speziellen vom Staat geförderten Sportschule.
Hier konnte sie in Abstimmung mit Training, s - und Wettkampfterminen ihr Abitur und gleichzeitig auch eine Lehre absolvieren.
Am selben Tag trafen wir uns. Sie versuchte mich mit den Worten zu trösten, aufgeschoben ist nicht aufgehoben und jeder kriegt eine zweite Chance aber so recht gelang ihr das nicht.
An diesem Abend kam mir Gabi viel reifer und erwachsener vor als ich.
Meine schulischen Leistungen ließen etwas nach. Insbesondere im Fach Chemie hatte ich Schwächen, die von „Klepper“ noch forciert wurden.
Wusste ich mal was, dann nahm er es zur Kenntnis, wusste ich nichts bekam ich eine Zensur.
So langsam aber sicher wurde Chemie zum Albtraum für mich. Sollte ich dieses Fach nicht bestehen, dann hätte ich nicht mal den Abschluss der 10. Klasse erreicht.
Der Zufall kam mir zu Hilfe. Die Abschlussprüfung im Fach Chemie stand kurz bevor.
Ich hatte eine Sportstunde geschwänzt, um mich besser auf die Prüfung vorzubereiten.
Im Chemielabor studierte ich das was mir fehlte und das war eine ganze Menge.
Auf einmal hörte ich wie die Tür zum Nachbarraum geöffnet und wieder geschlossen wurde.
Dann waren undeutlich Stimmen zu hören. Meine Neugier war geweckt und ich konnte nicht anders ich musste lauschen.
Zwei Männer redeten heftig auf einander ein. Ich erkannte die Stimmen von Kugelblitz und Klepper. Kugelblitz sagte zu Klepper, dass es im Sinne der fortschrittlichen Erziehung besser wäre, wenn der Schubert (das war ich) die Chemieprüfung nicht bestehen würde und damit ohne Abschluss wäre. Er kann sich dann als Bauhilfsarbeiter oder in der Landwirtschaft bewähren.
Klepper antwortete, dass er die Prüfung ja schon im weitesten Sinne mit der Klasse vorbereitet hätte und ich bei guter Vorbereitung möglicherweise doch bestehen würde.
Kugelblitz entwickelte einen teuflischen Plan. Der sah wie folgt aus.
Wir geben Schubert eine Prüfungsaufgabe vom letzten Jahr. Kein Schüler rechnet damit und kein Schüler wird darauf vorbereitet sein. Klepper gab zu bedenken, was ist, wenn er doch besteht? Dann erklären wir seine Prüfung für ungültig und schicken ihn zur Nachprüfung.
Auf die Fragen der Nachprüfung wird keiner vorbereitet, also ist er so oder so chancenlos.
Mich überkam eiskalte Wut. Am liebsten wäre ich auf die beiden losgegangen, aber ein Rest von Vernunft hielt mich davon ab.
Den restlichen Tag und die halbe Nacht zermarterte ich mir mein noch in der Entwicklung befindliches Gehirn, ohne eine Lösung zu finden.
Am nächsten Morgen auf dem Klo hatte ich einen Einfall, der mir gefiel und nicht mehr los lies.
Ich bat Gabie mir die Chemieprüfungsaufgaben vom letzten Jahr zu geben. Sie gab mir die Aufgaben mit den Worten „das kannst du vergessen, die haben noch nie die Aufgaben vom Vorjahr genommen“.
Den Prüfungsbogen schrieb ich ab und schickte das Original anonym an das Ministerium für Volksbildung mit dem Hinweis das die Herren Petrikowsky und Gaul bestechlich seien.
Das Schwerste stand mir noch bevor. Ich musste mir unbemerkt Zutritt zum Büro des Direktors verschaffen, denn hier wurden die Umschläge mit den Prüfungsfragen gelagert.
Für jeden Schüler war ein Umschlag mit Prüfungsfragen vorbereitet.
Zugang hatte nur der Direktor und Kugelblitz.
Einerseits war ich verzweifelt und andererseits so voller Wut, dass ich zu Mitteln griff, die schon jenseits eines Dummen-Jungen-Streiches waren.
Die Aufgabe hieß: Raus mit dem Direktor und seiner Sekretärin aus dem Büro und Vorzimmer des Direktors ohne, dass die Räume abgesperrt wurden.
In der zweiten Stunde hatten wir Sport. Ich sagte dem Sportlehrer, dass ich dringend aufs Klo müsse und hatte dadurch ein paar Minuten gewonnen.
Das Physiklabor war leer und das gab mir die Gelegenheit, zwei Metalleimer mit Papier und alten Zelluloidfilmen zu füllen.
Dann zündete ich den Inhalt der Eimer an, lies alle Türen des Labors offen und rannte Richtung Keller.
Nach zwei Minuten wurde der Qualm von einer Lehrerin bemerkt nach einer weiteren Minute schrillten die Alarmglocken das allen bekannte Zeichen für Feuer. Nun liefen alle durcheinander.
Es war ein geordnetes Chaos. Letztlich versammelten sich Lehrer Schüler und sonstiges Personal, so wie geübt, auf dem Schulhof.
Das war für mich die Gelegenheit, das Büro des Direktors ungestört zu betreten.
Nach wenigen Augenblicken fand ich im Schreibtisch des Direktors die gesuchten Prüfungsumschläge, beschriftete den von Klaus und mir neu und kreuzte die richtigen Antworten im Umschlag von Klaus an. Jetzt waren in seinem Umschlag die Prüfungsfragen des Vorjahres und die Lösungen ebenfalls.
Meinem Vater hatte ich zwei gute Flaschen französischen Conag geklaut, die ich jetzt in einem Schrank von Kugelblitz deponierte.
Um die Sache rund zu machen, packte ich noch ein paar Pornohefte dazu, von denen ich mich nur schweren Herzens trennte.
Inzwischen war die Feuerwehr eingetroffen. Für mich hieß das, weg so schnell es ging.
Über den Keller gelang ich auf den Hof, wo ich mich in das Durcheinander einreihte.
Wenig später gab es Entwarnung und einen vor Wut bebenden Direktor.
Außer, dass es noch tagelang nach Qualm roch, war kein Schaden entstanden.
Am Tag der Chemieprüfung kamen, völlig unangemeldet ein Schulrat sowie eine streng dreinblickende ältere Dame, die sich nicht vorstellte, zur Hospitation in die Chemieprüfung.
Wir waren alle aufgeregt, denn wer hier durchfiel dem half auch eine gute Vorzensur nichts.
Bleibt festzustellen, dass neben den Prüflingen auch Klepper und Kugelblitz etwas nervös waren.
Ich spürte förmlich ihr Unwohlsein ob des unerwarteten Besuchs.
Wir wurden einzeln in den Prüfungsraum gerufen und bekamen jeder einen Tisch zugewiesen, auf dem ein Umschlag mit den Prüfungsfragen lag.
Nachdem zwölf Delinquenten Platz genommen hatten wurden wir ermahnt, nicht zu sprechen und in den nächsten 90 Minuten, die Fragen der Prüfung zu beantworten.
Anschließend sollten wir einzeln der Prüfungskommission für mündliche Nachfragen zur Verfügung stehen.
Es kam ganz anders. Wir öffneten unser Kuvert und lasen die Fragen durch. Einige fingen an sich Notizen zu machen andere grübelten etwas ratlos vor sich hin.
Klaus der zwei Tische vor mir saß, wedelte mit der Hand aufgeregt hin und her und wurde von Kugelblitz zur Ruhe ermahnt, da sonst die Prüfung für ihn ungünstig bewertet würde.
Klaus war derart aufgeregt, dass ihm alles egal erschien. Er erwiderte, dass die Prüfungsaufgaben in keiner Weise etwas mit den Themengebieten zu tun hätten, die uns zur Vorbereitung auf die Prüfung genannt wurden.
Noch ehe Kugelblitz etwas erwidern konnte, war der Schulrat aufgesprungen und ließ sich den Prüfungsbogen von Klaus aushändigen. Natürlich sah er auch das Blatt mit den Lösungen.
Danach ging alles sehr schnell. Die ältere Dame stellte sich im besten sächsischen Dialekt als Mitarbeiterin des Innenministeriums vor und beendete die Prüfung.
Bis auf Klaus wurden wir alle nach Hause geschickt.
Wenige Minuten später kamen zwei Autos vorgefahren aus denen Männer in zivil ausstiegen.
Die ältere Dame gab Anweisungen zur Durchsuchung der Büros von Klepper und Kugelblitz und es dauerte nicht lange da wurden die Herren fündig.
Bleibt noch zu erwähnen, dass die Beiden mit auf die Dienststelle der „Genossin Oberleutnant“ mussten, wo sie sicherlich unangenehme Fragen zu beantworten hatten.
In den nächsten Tagen wurden wir darüber informiert, dass die ausgefallene Prüfung umgehend wiederholt wird, der stellvertretende Direktor und unser Chemielehrer in eine Dorfschule versetzt wurden, und wir sehr wachsam sein sollten, denn der Klassenfeind schläft nie.
Der Einzige, der überhaupt begriffen hatte, was passiert war, das war ich.
Kurz vor den Ferien wiederholten wir die Chemieprüfung, an der auch Klaus teilnahm, und bestanden sie alle.
Damit war das Kapitel Schule für mich vorerst erledigt.
Sieben Schüler (darunter auch Klaus) gingen nach den Ferien zur erweiterten Oberschule, um dort ihr Abitur zu machen und wir Anderen hatten einen Ausbildungsplatz in Betrieben und Verwaltungen.
Vorerst aber durften wir zum letzten Mal die Ferien genießen.
Gabi fuhr wieder in ein Trainingslager und ich fuhr mit meinen Eltern ins Gebirge.
Der Urlaub war langweilig deshalb war ich zufrieden, als wir wieder nach Hause fuhren.
Zuhause angekommen, erlebten wir eine böse Überraschung. Während unserer Abwesendheit hatte jemand unsere Wohnung durchsucht ohne dass an der Eingangstür Einbruchsspuren ersichtlich waren.
Meine Mutter hatte einen ziemlichen Ordnungsfimmel und entdeckte zuerst, dass verschiedene Sachen nicht an ihrem Platz waren.
Aufgeregt versuchten wir festzustellen, ob etwas fehlte. Letztlich stellten wir mit Erleichterung fest, dass nichts gestohlen wurde.
Selbst die goldene Taschenuhr meines Vaters und der Schmuck meiner Mutter waren - obwohl leicht zu finden an ihrem Platz.
Meine Mutter bestand darauf die Polizei zu holen, um den Einbruch anzuzeigen.
Die Polizisten nahmen den Vorfall zu Protokoll wobei ich den Eindruck gewann, dass sie uns nicht glaubten.
Ein Einbruch ohne Spuren und ohne Diebstahl kam ihnen wohl mehr als merkwürdig vor.
Obwohl mein Vater die Schlösser der Eingangstüren auswechseln lies, fühlten wir uns in unserer Wohnung unwohl.
Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass der Einbruch uns noch Jahre später beschäftigen würde.
Inzwischen schrieben wir den 1. September 1964. An diesem Tag stieg ich ins Berufsleben ein.
Ich begann eine zweijährige Lehre in einem großen Maschinenbau-Betrieb.
Gabi und meine Eltern begleiteten mich zu einer Feier aus Anlass des Lehrbeginns.
Ich war mächtig stolz, nicht so sehr auf meine Eltern, die ich lieber zu Hause gelassen hätte, sondern auf Gabi.
Die Blicke der anderen Jungs und teilweise auch ihrer Väter, konnte ich förmlich spüren.
Es begann eine Feierstunde mit viel bla-bla und politischen Phrasen, die wir schon kaum noch hören konnten.
Zum Schluss wurden alle Lehrlinge namentlich aufgerufen und mussten nach vorne gehen.
Manchmal wenn ein komischer Name genannt wurde, musste ich das Lachen unterdrücken, um nicht aufzufallen.
Als der Nachnahme „Wichsmann“ aufgerufen wurde, konnte sich Gabi nicht beherrschen und prustete in ihr Taschentuch. Der junge Herr Wichsmann bekam das mit und lief rot an.
In diesem Moment tat er mir leid. Ich glaube er hatte seinen Namen schon oft verflucht. Nach der Feierstunde luden meine Eltern uns in eine Gaststätte ein, um meinen Lehrbeginn zu feiern.
Meine Mutter hatte sich damit abgefunden, dass ich eine Freundin hatte und es gab zwischen den beiden so eine Art Burgfrieden.
Gabi sagte auf einmal, sie müsse uns etwas mitteilen. Hoffentlich etwas Gutes, sagte mein Vater mit leicht ironischem Unterton.
Gabi eröffnete uns, dass sie sich für die Europameisterschaft der Turnerinnen qualifiziert hatte, und diese würden im Oktober in Frankreich stattfinden.
Meine Eltern waren begeistert und gratulierten ihr. Da darfst du ja ins kapitalistische Ausland fügte mein Vater noch bewundert hinzu. Ich war weniger begeistert aber gratulierte ihr auch. Ich wusste aus meiner eigenen sportlichen Karriere, wie dünn die Luft da oben war und konnte ähnliche Erfolge im Radsport nicht vorweisen.
Ich war ein guter Radsportler, aber eben nicht gut genug. Möglicherweise war ich auch ein wenig neidisch auf Gabis Erfolg, in jedem Fall aber bedeutete es wieder eine Trennung für mehrere Wochen.
Dementsprechend gedämpft war auch meine Stimmung auf dem Nachhauseweg.
Am nächsten Morgen wurde es ernst. Der Wecker klingelte um halb fünf und ich dachte an einen Irrtum, als plötzlich meine Mutter im Zimmer stand und mir die Bettdecke wegzog begriff ich, es ist ernst.
Ich hatte Frühschicht und die begann um sechs Uhr. Du willst doch am ersten Tag nicht zu spät kommen? sprach meine Mutter mit bösem Unterton.
Ich wollte – aber es half nichts sie hatte schon das Fenster aufgerissen und die Bettdecke lag außer Reichweite.
Todmüde stand ich auf, machte mich fertig und war nach zweimaligem Umsteigen pünktlich in der Firma.
Hier wurden uns die Lehrmeister vorgestellt und wir erhielten eine erste Einweisung in die vor uns liegenden Aufgabegebiete.
Wir wurden in Schichten und Gruppen eingeteilt. Meine Gruppe bestand aus acht Lehrlingen und Wichsmann war auch dabei.
Wichsmann hieß mit Vornamen Bernd, war groß und kräftig und anscheinend ein netter Kerl. Gleich in der ersten Pause saßen wir beide auf einer Bank, aßen unser Pausenbrot und genossen die Herbstsonne.
Wir stellten viele Gemeinsamkeiten fest und bemerkten die vier Lehrlinge aus einer anderen Gruppe erst als sie vor uns standen.
Einer sprach Bernd in rüdem Tonfall an. Sag mal bist du jetzt ein Wichser oder ein Mann oder wirst du erst durchs wichsen zum Mann?
Mir war Bernd sympathisch und ich erwartete, dass er aufstand und dem Großmaul eine aufs Maul schlug. Zu meiner Verwunderung sagte er „such dir was aus“ und wandte sich wieder mir zu.
Feige bist du auch noch provozierte das Großmaul weiter.
Ich sah mir diesen Typen genauer an und spürte Wut in mir aufsteigen.
Der Bursche war nicht groß und ziemlich dünn. Aber er sah drahtig aus und meine Erfahrung riet mir, den nicht zu unterschätzen. Außerdem fielen mir die Worte meines Trainers ein, sich nicht provozieren zu lassen. Zu meiner Schulzeit war ich seit der sechsten Klasse der Klassenstärkste. Ich war zwar mobbingresistent, aber wenn es doch mal jemand darauf anlegte mich zu ärgern, konnte er sich nicht sicher sein, ob ich ihn nicht doch verdrosch. Schon aus diesem Grunde hatte ich meist meine Ruhe. Im Sportverein hatte ich keinen guten Ruf wegen einiger Raufereien, auf die ich mich viel zu schnell einließ. Ich suchte keine Prügeleien, aber ich ließ auch keine aus.
Meinem Trainer hatte ich es zu verdanken. dass ich in letzter Zeit gelassener reagieren konnte. Das alles war jetzt vergessen. Ich stand auf sah das Großmaul von oben herab böse an und bat ihn, sich zum Teufel zu scheren.
Ein anderer aus der Gruppe mischte sich ein und riet mir, mich ganz schnell wieder zu setzen, sonst würde mir „Hotte“, wie sie das Großmaul nannten eine verpassen.
Erklärend fügte er noch hinzu, Hotte ist Boxer und gegen den hast du doch keine Chance.
Ich wurde ruhiger denn erstens war es von Vorteil, die Stärken seines Gegners zu kennen und zweitens hatte ich durchaus eine Chance.
In unserem Vereinslokal war nicht nur unser Sportklub, sondern auch ein Boxsportverein ansässig. Ich hatte mehr als einmal Zoff mit gleichaltrigen Boxern und entsprechende Erfahrungen. Ich wusste, dass die meisten Boxer, wenn sie gut trainiert waren, schnell und präzise zuschlagen konnten doch sie waren in der Regel keine unfairen Schläger.
Bei mir war das etwas anders. Ich wollte bei einer Schlägerei gewinnen und da konnte es vorkommen, dass ich nicht nur meine Fäuste benutzte.
Das alles ging mir blitzschnell durch den Kopf, als ich Hotte gegenüberstand.
In diesem Moment geschah es auch schon, Hotte kniff die Augen etwas zusammen, täuschte mit der Linken einen Schlag an und traf mit der Rechten ins Leere.
Ich hatte mich blitzschnell geduckt, trat ihm mit meinem Arbeitsstiefel gegen sein Schienbein und mit meinem rechten Knie in den ungeschützten Bauch. Der Schlag mit meiner Faust gegen seinen Kopf war dann reine Formsache und wäre wahrscheinlich nicht mehr notwendig gewesen.
Der Kampf war kurz und für Hotte schmerzhaft im doppelten Sinn.
Neben den Schmerzen hatte er auch ein bisschen sein Gesicht verloren. Er hatte einfach die Regel Nr. 1 vergessen: „Unterschätze niemals einen Gegner“.
Bernd meinte noch, dass das nicht nötig gewesen wäre und man Differenzen auch anders klären könnte.
Ich war nicht seiner Meinung und erwiderte, dass dazu ja immer zwei gehörten.
Die kleine Rauferei hatte für mich noch ein Nachspiel. Mein Lehrobermeister trug den Vorfall in mein Lehrbegleitheft ein und meinte nur lakonisch – am ersten Tag hat das noch keiner geschafft.
Der Vorteil war ich hatte mir Respekt verschafft. Der Nachteil war, fast jeder kannte jetzt meinen Namen.
Mit der Zeit entwickelten sich Freundschaften unter den Lehrlingen. Seltsamerweise war nach anfänglichen Schwierigkeiten auch Hotte, der eigentlich Arthur Nagel hieß dabei. Wir hatten gleiche Interessen nämlich unseren Sport und nebenbei auch noch Motorsport.
Er gestand mir einmal, dass die anderen drei ihn damals angestachelt hätten und er sich auf so einen Blödsinn nicht mehr einlassen würde.
Gleichzeitig bot er mir an, im Ring einen fairen Boxkampf mit ihm auszutragen. Obwohl ich zwei Gewichtsklassen höher war als er, lehnte ich dankend ab. Damit war die Sache dann auch erledigt.
Die nächsten Wochen waren interessant. Die Lehre machte mir Spaß und selbst an den Schichtbetrieb hatte ich mich gewöhnt.
Ich kam immer mehr zu der Überzeugung, dass ich mir den richtigen Beruf ausgewählt hatte und das mit dem Abitur, würde ich auch noch in den Griff bekommen.
Mitte Oktober brachte ich Gabi zum Flughafen wo sie schon von ihrem Trainer und anderen Sportlerinnen erwartet wurde.
Eine Sondermaschine sollte sie und andere Sportler nach Frankreich bringen. Ich wäre gerne mitgeflogen aber das war im real existierenden Sozialismus nicht möglich.
Nur Spitzensportler und einige Staatsfunktionäre durften mit. Es war ein offenes Geheimnis, dass auch die Staatssicherheit immer mit dabei war.
Gabi verabschiedete sich von mir als ob sie zum Mars flog. Sie drückte mich und küsste mich immer wieder. Es war das erste Mal, dass ich sie bei einem Abschied weinen sah. Meine Gabi die sonst immer etwas überlegen und gefasst war hatte anscheinend noch mehr Abschiedsschmerz als ich.
Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es ist ja nur für zwei Wochen. Ein Irrtum wie sich herausstellen sollte.
Sie ging als Letzte durch den Abfertigungsschalter. Wenige Minuten später rollte das Flugzeug zum Start und erhob sich mit ohrenbetäubendem Getöse in die Lüfte.
Traurig und nachdenklich fuhr ich nach Hause wo meine Eltern mit einer Neuigkeit auf mich warteten. Wir hatten ein Telegramm aus Köln erhalten.
Die jüngste Schwester meiner Mutter lag im Sterben. Meine Kölner Oma hatte uns die traurige Mitteilung gesandt. Wenn du Gittel noch einmal lebend sehen möchtest, musst du bald herkommen.
Seltsam, obwohl sie wissen mussten, was im Osten nach dem Mauerbau los war, dachten sie immer noch wir könnten reisen. Zumindest in Richtung Westen war das für den Normalbürger so gut wie unmöglich.
Meine Mutter wollte es trotzdem probieren. Sie stellte bei der Polizei den Antrag auf eine Reisegenehmigung in dringenden Familienangelegenheiten und legte das Telegramm vor. Der Polizist erklärte ihr, dass so ein Telegramm ja jeder senden könnte und als Nachweis nur ein amtsärztliches Attest gelten würde.
Mein Vater versuchte in Köln anzurufen und erhielt nach einigen Stunden Wartezeit sogar eine Verbindung.
Zwei Tage später lag das Attest vor. Nach einem weiteren Tag erhielt meine Mutter einen ablehnenden Bescheid vom Ministerium des Innern.
Sie war am Boden zerstört und weinte bitterlich. Meine Mutter tat mir leid und ich fing an den DDR – Sozialismus noch kritischer zu sehen als bisher.
Was meine Eltern nicht wussten, ich hatte einen Trumpf im Ärmel und der sollte jetzt stechen.
Der Vater von Hotte war Leiter eines Berliner Polizeireviers. Hotte rief ihn an, und er schien tatsächlich helfen zu wollen.
Eine Stunde später saß ich an seinem Schreibtisch und schilderte ihm die verfahrene Situation.
Erst sehr freundlich wurde sein Tonfall jetzt dienstlicher. Dafür bin ich zu klein und sitze auch auf dem verkehrten Platz, sagte er mit ernster Miene. Er sah mir meine Enttäuschung an und sprach plötzlich von einer winzigen Möglichkeit, in der Sache doch noch voran zu kommen.
Er verabschiedete mich mit den Worten du bekommst heute Abend einen Anruf von mir oder von „Hans“. Auf meine Gegenfrage wer ist Hans antwortete er Hans ist Hans und nichts weiter.
Zu Hause angekommen saß ich wie auf Kohlen. Die Zeit verging nicht und meine Stimmung schwankte zwischen Hoffnung und Zweifel.
Meine Eltern waren inzwischen von der Arbeit gekommen. Mein Vater saß im Wohnzimmer und las Zeitung. Meine Mutter stand in der Küche und bereitete das Abendessen vor. Sie war traurig, und durch nichts aufzumuntern.
Ich wusste wie sehr sie an ihrer kleinen Schwester hing und wie sehr sie sich gewünscht hätte, ihre kleine Schwester noch einmal zu sehen.
Wir saßen beim Abendbrot als es klingelte. Es war jedoch die Türglocke und nicht das Telefon, mit dem ich gerechnet hatte.
Mein Vater sah in die Runde und fragte erwartet jemand von euch noch Besuch?
Wir verneinten.
Er stand auf und öffnete die Eingangstür. Guten Abend, ich bin Hans stellte sich ein uns unbekannter Mann vor. Er war groß und kräftig, trug einen Ledermantel und war etwa so alt wie mein Vater. Sie wünschen fragte mein Vater. Ich würde gern Frau Schubert sprechen, es geht um ihren Reiseantrag sagte er knapp.
Mein Vater bat ihn herein und meine Eltern verschwanden mit ihm in das Arbeitszimmer meines Vaters.
Ich war enttäuscht, denn letztlich hatte ich doch die Sache angeschoben und sollte jetzt nicht dabei sein? Genau so war es aber.
Nach einer knappen Stunde klappte die Wohnungstür und Hans war gegangen.
Meine Eltern erzählten mir gar nichts. Selbst auf meine Fragen und dem Hinweis, dass Hans auf meine Initiative gekommen sei erwiderten sie nichts. Wenn der mal nicht von der „Stasi“ war sagte ich noch und verschwand ziemlich sauer in mein Zimmer.
Am nächsten Tag packte meine Mutter ihren Koffer und Vater brachte sie zur Bahn.
Mama ist auf dem Weg nach Köln, sagte mein Vater, als er wieder nach Hause kam.
Weitere Erklärungen erhielt ich nicht. Obwohl ich vor Neugierde fast platzte war ich zu stolz, meinen Vater erneut zu fragen. Er hätte mir sowieso nichts erzählt. Egal, was zählte war das meine Mutter fahren durfte.
Sie hatte natürlich auch die Hoffnung meinen großen Bruder Franz nach vielen Jahren der Trennung wiederzusehen.
Wir hörten eine Woche nichts von ihr. Dann hielt eine Taxe vor unserer Tür und meine Mutter stieg aus.
Ich raste die Treppen runter und half ihr das Gepäck hoch zu tragen. Sie war mit einem kleinen Koffer gefahren und kam mit drei Koffern wieder. Das nährte in mir die Hoffnung, dass auch für mich etwas Brauchbares dabei war.
Mein Vater war ebenso gespannt auf ihre Schilderung wie ich.
Zuerst aber drückten wir unsere Mutter das ihr fast die Luft weck blieb.
Es ist seltsam, dass Mutter da war und neben der Arbeit für uns sorgte war für uns selbstverständlich.
Als sie fort war, wenn auch nur für eine Woche, funktionierte nichts bei uns.
Wir verschliefen, das Essen schmeckte nicht, die saubere Wäsche ging zur Neige und die Stimmung war eher gereizt.
Mutter fing an zu erzählen. Sie schien mir verändert – nicht mehr dieselbe zu sein.
Ihre Schwester starb einen Tag vor ihrer Ankunft in Köln. Sie starb an Leberkrebs im Alter von 34 Jahren. Meinen Bruder Franz hatte sie nicht getroffen.
Ihre Mutter freute sich am meisten sie nach vielen Jahren einmal wieder zu sehen. Auch ihre anderen Geschwister (zwei Schwestern und zwei Brüder) traf sie in Köln.
Mutter sagte, ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie die sich im Westen weiterentwickelt haben. Die haben einen Lebensstandard und Reisemöglichkeiten, von denen wir nur träumen können. Wir werden hier verarscht – sagte sie wörtlich und fügte noch hinzu wir im Osten haben den Krieg zweimal verloren. Die drüben nur einmal.
Vater unterhielt sich mit ihr noch sehr lange. Ich hatte noch eine Verabredung mit einigen Freunden in der Disco und machte mich auf den Weg.
In der Disco spielte laute Musik. Eine Berliner Rockband hatte tolle Technik auf die Bühne gestellt und konnte auch damit umgehen.
Meine Freunde amüsierten sich bei Tanz und hübschen Mädchen und ich sah zu und blies Trübsal. Mir fehlte Gabi, und ihr fröhliches Lachen. Wir hatten uns ewige Treue geschworen und im Moment war ich auch fest entschlossen mich daran zu halten.
Hotte hatte eine Eroberung auf der Tanzfläche gemacht und brachte Britt und ihre Freundin Tanja mit an unseren Tisch. Es war unschwer zu übersehen das Tanja ein Auge auf mich geworfen hatte.
Sie fing sofort ein Gespräch mit mir an das allerdings sehr einseitig verlief.
Sie quasselte und ich hörte zu. Eigentlich war Tanja ein hübsches Mädchen aber erstens wollte ich ja treu sein und zweitens mochte ich keine Quasselstrippe dazu noch eine die ständig an ihrer Zigarette nuckelte.
Ein langsamer Titel wurde angesagt und zu allem Unglück noch Damenwahl.
Tanja legte ihre Zigarette beiseite und forderte mich auf.
Bei Damenwahl durfte man sich nicht verweigern und so stand ich auf und tanzte mit Tanja.
Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und kam meinem Gesicht gefährlich nahe. Möglicherweise hätte ich meine guten Vorsätze vergessen aber als ihre Lippen in Reichweite meiner Lippen waren rettete mich meine Nase.
Tanja roch ziemlich unangenehm nach Tabakqualm und das konnte ich nicht ab.
Ich drückte sie etwas von mir weg und hätte ihr wahrscheinlich genauso gut ein Messer in die Rippen stechen können.
Sie war beleidigt und nur die Angst vor Peinlichkeit hielt sie davon ab mich allein auf der Tanzfläche stehen zu lassen. Ihre Augen funkelten mich böse an und sie fragte ob ich vielleicht schwul wäre. Ich antwortete, dass sie ein hübsches Mädchen sei aber der Qualmgeruch keine gute Basis zum Küssen.
Es änderte nichts, sie war beleidigt.
Ich brachte sie zum Tisch zurück und verabschiedete mich höflich.
Früher als beabsichtigt traf ich zu Hause ein. Meine Eltern schliefen schon und so schlich ich auf leisen Sohlen nach hinten in mein Zimmer.
Müde war ich noch nicht und so schrieb ich einen langen Brief an Gabi. Sie hatte mir die Anschrift ihres Hotels in Frankreich mitgeteilt, in dem die DDR – Sportler untergebracht waren.
In der Hoffnung, dass der Brief sie noch vor ihrer Heimreise erreicht, gab ich den Brief am nächsten Tag bei der Post auf.
Ich hatte Nachmittagsschicht und traf mich vor Arbeitsbeginn mit Hotte in der Firma, um für unseren Motorradführerschein zu lernen.
Wir hatten uns neben unseren eigentlichen Sport einem Motorradverein angeschlossen der unter anderem auch Schulungen für den Motorradführerschein anbot.
Hotte begrüßte mich mit den Worten „Da hast du wohl gestern was verpasst“. Mensch Ralf das war doch eine hübsche Braut und heiraten musste die ja auch nicht gleich.
Ich sagte ihm, dass ich Gabi nicht enttäuschen wolle und deshalb keinen Bock auf solch ein Abenteuer hatte. Hotte erwiderte, man ist nur einmal jung, und außerdem weist du doch gar nicht ob Gabi nicht auch ein Abenteuer hat. Ich merkte wie die Wut in mir hochkam und antwortete, er soll das Thema mal ganz schnell lassen. Gabi wäre mir bestimmt treu.
Die restliche Zeit bis zum Schichtbeginn vermieden wir das Thema und übten fleißig für die theoretische Führerscheinprüfung.
Mein Lehrmeister hieß Herr Jonatzky war sehr beleibt und schwitzte dauernd.
Er war für mich mit seinen 46 Jahren uralt was durch sein Doppelkinn noch verstärkt wurde.
Jonatzky war der Typ Sesselsportler schlechthin. Er interessierte sich für Fußball aber seine große Leidenschaft war eindeutig der Radsport. Ich hatte allein wegen meines Sports einen großen Stein bei ihm im Brett.
Ständig fragte er mich wie ich im Wettkampf abgeschnitten habe und hatte zahlreiche gute Ratschläge für mich parat.
Ich spielte dieses Spiel mit und zog meinen Nutzen daraus. Meine praktischen Zensuren waren oft geschmeichelt und spiegelten nicht mein Leistungsvermögen wider. Die anderen aus meiner Gruppe beneideten mich ob meiner Sonderstellung, ließen sich jedoch nichts anmerken.
Ich trainierte hart für die Berliner Winterbahn-Meisterschaft und hatte wegen meiner Sonderstellung so manche Freistunde zusätzlich für mein Training.
Morgen habe ich ein wichtiges Training auf der Radrennbahn – darf ich eine Stunde später kommen, fragte ich Jonatzky. Mein Lehrmeister sah mich nachdenklich an, runzelte die Stirn und antwortete „nein“ morgen auf keinen Fall da sei mal lieber überpünktlich.
Warum fragte ich noch aber Jonatzky hüllte sich in Schweigen.
Das war mir noch nie passiert und in mir kam der Verdacht auf, dass eine Kontrolle oder eine ähnliche Schweinerei vor der Tür stand.
Bei Schichtende teilte ich den anderen meinen Verdacht mit.
Zu Beginn der nächsten Schicht standen wir alle in vorschriftsmäßiger Arbeitsschutzkleidung vor unseren Maschinen.
Und tatsächlich die Sirene tönte die Nachmittagsschicht ein und der Lehrobermeister erschien zusammen mit dem stellvertretenden Direktor und dem Parteisekretär zu einer außerordentlichen Kontrolle.
Um es vorweg zu nehmen wir schnitten gut ab und wurden später als gutes Beispiel gelobt.
Wie haste das bloß gerochen wurde ich von den anderen gefragt. Tja man hat so seine Quellen gab ich an.
Mit der Lehre hatte ich im Moment keine Probleme aber mit dem Radsport dafür umso mehr.
Mein Trainer wollte endlich eine Meisterschaft für unseren Verein. Ich war aus seiner Sicht einer der Favoriten für die Berliner Winterbahnmeisterschaften im Sprint. Er scheuchte mich von Training zu Training und war fast nie zufrieden.
Können allein reicht nicht sagte er zu mir. Du musst auch Biss haben, den absoluten Siegeswillen und natürlich Ellenbogen, um dich zu wehren.
Sieger sind aggressiv und lassen das den Gegner auch spüren.
Das waren für mich völlig neue Töne von Heinzi, wie wir unseren Trainer Herrn Heinzelmann heimlich nannten.
Um mir eine Lektion in Härte zu erteilen musste ich einige Trainingsläufe gegen die erwachsenen Radsportler unseres Vereins fahren. Das war zwar nicht üblich aber wie Heinzi sagte der Zweck heiligt die Mittel.
Die Trainingläufe waren tatsächlich die Härte. Von Fairness keine Spur. Die Burschen fuhren schon im Training, als ob es um die Meisterschaften ginge.
Es war ein Gerangel und Geschubse, das mir Hören und Sehen verging.
Als ich mich bei Heinzi beschweren wollte, schnitt er mir abrupt das Wort ab.
Er sah mich nachdenklich an, als ob er überlegte was er mir sagen sollte.
Dann zeigte er auf den Ausgang.
Dort ist der Weg für die Weicheier, einfach und problemlos.
Der Arm wanderte rum und zeigte jetzt auf die Tür zum Trainingsraum. Dort ist die Tür für die, die es schaffen wollen und dieser Weg ist nicht einfach. Du hast gute Anlagen bist durchtrainiert und könntest es bis ganz nach oben schaffen. Wenn das bei dir im Kopf aber nicht klar ist, wähle den einfachen Weg nimm den Ausgang.
Vergiss bitte nicht, dass auch ich einen Haufen Zeit und viel Arbeit in dein Training investiere und Investitionen müssen sich irgendwann auszahlen.
Hätte er mir eine Keule auf den Kopf gehauen, hätte die Wirkung nicht schlimmer sein können. Ich war blass geworden und in meinem Kopf schwirrte alles durcheinander. Keiner – nicht mal mein Vater hatte je so mit mir gesprochen. Ich und ein Weichei, das war für mich bisher so undenkbar, wie die Republikflucht von Walter Ulbricht.
In mir dämmerte es, dass weit mehr zu einem ganzen Kerl gehörte, als die Fähigkeit Raufereien für sich zu entscheiden und Mädchen zu erobern.
Mein Trainer sah mich immer noch fragend an. Mit sehr leiser Stimme antwortete ich, ich bleibe.
Heinzi stand auf gab mir die Hand zeigte auf den Trainingsraum und verschwand.
An diesem Tag fing ich an auch Übungen zu Trainieren auf die ich sonst keinen Bock hatte.
Nachts im Bett lag ich noch lange wach und grübelte über das was mein Trainer mir gesagt hatte.
Ich glaube es war der erste ernsthafte Anstoß für mich erwachsen zu werden.
Die nächsten Tage vergingen mit Training und Lehre. Ich zählte die Tage bis zur Rückkehr von Gabi. Heute Abend wurde der Finalwettkampf der Turnerinnen im Fernsehen übertragen.
Die Übertragung begann um 19,00 Uhr und wurde sowohl vom Ost – als auch vom Westfernsehen gesendet. Mein Vater wollte Osten sehen mir wäre das Westfernsehen lieber gewesen, weil die Kommentare objektiver waren.
Natürlich setzte sich Vater durch. Die Turnwettkämpfe waren spannend. Als Favoriten galten die Turnerinnen aus der Sowjetunion und aus Rumänien. Unsere Turnerinnen galten als Geheimtipp.
Gabi war als vorletzte dran. Die Favoriten wurden ihrer Rolle gerecht. Sie erhielten Punktzahlen, die kaum zu Toppen waren. Hoffentlich hat deine Flamme gute Nerven sagte mein Vater nervös. Selbst meine Mutter war aufgeregt und drückte Gabi die Daumen.
Dann war Gabi dran. Sie ging an den Stufenbarren und ich hätte den dicken Kerl killen können, der um ihre Taille griff und sie hochhob.
Gabi war für mich die schönste Turnerin des ganzen Wettkampfes und hatte anscheinend auch mit, die besten Nerven.
Ihre Schwierigkeitsgrade waren hoch und ihre Übung fehlerfrei.
Dementsprechend hoch war auch ihre Punktzahl. Zum Schluss wurde gerechnet und Gabi wurde zur Überraschung der Favoriten Vizeeuropameisterin.
