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Kaum pensioniert, begann Edith Flubacher, die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Was als momentaner Zeitvertrieb gedacht war, entwickelte sich immer mehr zu einem Krimi. Es war vor allem die Person ihres Großvaters, die sie fesselte. Über ihn und sein Leben hatte ihr Vater kaum gesprochen. Nachdem sie seinem Geheimnis auf die Spur gekommen war, verstand Edith Flubacher schnell, warum er sich in Schweigen gehüllt hatte: Sein Vater, ihr Großvater, war katholischer Priester und hatte - von vier verschiedenen Frauen - acht Kinder. Mit Akribie und Enthusiasmus recherchierte und rekonstruierte Edith Flubacher das Leben des Mannes, der vor 150 Jahren sein Priesteramt ausgeübt hatte. Sie reiste immer wieder in den Schwarzwald, um die Gemeinden zu besuchen, in denen er tätig gewesen war, gab nicht auf, blieb hartnäckig. Edith Flubacher ließ sich von der kirchlichen Obrigkeit nicht abwimmeln, las zig aufschlussreiche Akten und Bücher und studierte das damalige Zeitgeschehen. So brachte sie langsam auch Licht in die dunkelsten Seiten seiner Geschichte. Doch erst Jahre nachdem sie der Wahrheit ganz nah gekommen war, war sie dazu bereit, die Geschichte ihres Großvaters an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn was sie herausgefunden hatte, war mehr, als sie anfänglich verdauen konnte. "Das gebrochene Gelübde" ist die dramatische und teilweise auch verstörende Geschichte eines Mannes, der nicht zum Priester geschaffen war. Es ist zugleich aber auch die tief greifende und berührende Geschichte seiner Enkelin, die sich der Wahrheit verschrieben hat und sich im hohen Alter noch mit einem der letzten Tabus konfrontiert sieht: Ihr Großvater, der Priester, war gleichzeitig auch ihr Urgroßvater.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Edith Flubacher
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2008 Wörterseh Verlag, Gockhausen
Bearbeitung: Marc Zollinger, LanuvioLektorat: Jürg Fischer, UsterKorrektorat: Claudia Bislin, ZürichHerstellung und Satz: Sonja Schenk, ZürichUmschlaggestaltung: Thomas Jarzina, KölnDruck und Bindung: CPI books, Ulm
ISBN Print: 978-3-03763-003-7ISBN E-Book: 978-3-03763-516-2www.woerterseh.ch
Man muss ihr begegnet sein, um es glauben zu können. Mit 85 Jahren noch so energiegeladen zu sein, ist bewundernswert. Edith Flubacher denkt schnell, denkt viel, erzählt gerne und lacht oft. Sie mag zwar wie eine ältere Dame aussehen, im Gemüt ist sie das quirlige Mädchen aus dem Schwarzwald geblieben, das damit zu leben gelernt hat, dass die Gedanken in ihrem Kopf wie Rennpferde herumgaloppieren und sich weder leicht zügeln noch lenken lassen. Wer ihr zuhört, sollte darum ziemlich beweglich sein. Edith Flubacher schafft es, innert kurzer Zeit in die unterschiedlichsten Gedankenwelten zu reisen. Dazu serviert sie Kaffee in vorgewärmten Tassen sowie Zwetschgenwähe und verfolgt nebenbei gelegentlich am Teletext die aktuellen Börsendaten.
»Zur Sache, Schätzchen«, würde sie jetzt wohl einwerfen. Edith Flubacher setzt gerne Akzente mit Zitaten oder Sprüchen.
Und sie mag es nicht, wenn man um den Brei herumredet.
Sache ist: Ihr Großvater hätte eigentlich ein friedlicher Vermittler zwischen Himmel und Erde sein müssen. Stattdessen gingen nicht nur die Gedanken mit ihm durch. Dieser Mann hätte nie Priester werden sollen – oder wenigstens hätte er das nicht bleiben dürfen. Doch die kirchliche Obrigkeit tat, was sie in diesen Fällen meistens tat: Sie versetzte ihn alle zwei, drei Jahre an einen neuen Ort; in der Hoffnung, er setze sich nun endlich die Scheuklappen auf, die jeder Hirte der katholischen Tradition seinem Gelübde gemäß zu tragen hat.
»Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht«, ist ein anderes Zitat aus dem Repertoire von Edith Flubacher.
Über viele Jahrzehnte hinweg hatte dieser Großvater keinen Platz im kollektiven Gedächtnis der weitverzweigten Familie. Oder anders gesagt: Der Priester und seine Taten waren zu einem Tabu geworden.
Sie wären schließlich ganz vergessen gegangen, wäre da nicht diese Enkelin gewesen. Als hätte sie ein Engel gestochen, heftete sie sich an die Fersen des Großvaters, reiste in längst vergangene Zeiten und brachte so Licht in ein Kapitel voller Schatten. Was als Zeitvertreib nach der Pensionierung begonnen hatte, wurde zu einem Krimi mit ungewissem Ausgang. Selbst als sie Dinge erfuhr, die sie nur schwer verdauen konnte, war Edith Flubacher nicht zu bremsen. Sie wollte mehr, wollte alles wissen – sie wollte verstehen. Über fast zwanzig Jahre zogen sich ihre Recherchen hin, die schließlich in ein Manuskript mit mehr als 260 dicht beschriebenen A4-Seiten mündeten.
Entstanden war eine Art historischer Roman mit fiktiven Elementen, basierend auf einer realen, durch viele Quellen belegten Lebensgeschichte. Der Text kam ihr allerdings allzu ausufernd vor, weshalb sie einer Schweizer Schriftstellerin den Auftrag erteilte, ihn zu kürzen und stringent zu machen.
Edith Flubacher war auch nach dieser Bearbeitung noch nicht zufrieden und wandte sich an das Literaturhaus Basel. Im Gutachten wurde ihr bestätigt, dass die Geschichte noch nicht die optimale Form gefunden hatte. Zugleich zeigte sich der Experte aber vom »Stoff« beeindruckt. Er schrieb: »Das Thema ist spannend, in seiner Potenzialität ergiebig, erzählerisch reizvoll und sowohl von politisch-sozialer also auch von literarischer Aktualität (…) Der Rezensent wagt die Behauptung, dass der Stoff – einmal in die geeignete Form gebracht und mit den gebührenden narrativen Mitteln behandelt – zum Bestseller taugen könnte.«
Die Fügung wollte es, dass das Manuskript bei der Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx landete, die schnell erkannte, dass sie einen Edelstein in die Hände bekommen hatte. Es blieb einzig, ihn zu schleifen und eine passende Struktur zu finden. Zu meiner Freude wurde mir, einem Historiker und Journalisten, die Rolle des Diamantschleifers zugewiesen. Es war eine Arbeit, die mich reich machte; wegen des reichhaltigen Materials an Geschichte und Geschichten, vor allem aber wegen der vielen bereichernden Begegnungen mit der Autorin. Offen, direkt und mutig, aber auch nachdenklich, verletzlich und zweifelnd – Edith Flubacher offenbarte mir vom ersten Moment an alle Facetten, in denen sich 85 dichte Lebensjahre spiegeln. Und sie zeigte mir, wie man die Wähe auch essen kann: mit den Händen.
Aus unserer Zusammenarbeit ist schließlich ein Buch entstanden, das in keine Schublade passt. Es ist eine spannende Biografie, ein historischer Roman, ein Krimi, eine Dokumentation und ein Sachbuch in einem. »Das gebrochene Gelübde« ist aber vor allem die persönliche Aufarbeitung und Verarbeitung einer schwierigen Familiengeschichte.
Edith Flubacher hat sich bei der Spurensuche ihrem Großvater zwar dicht an die Fersen geheftet. Im Text allerdings hält sie ihn und die anderen Personen stets auf Distanz. Nah dran, aber mit Abstand – diese Vorgehensweise lässt viel Raum, damit sich die Leserin, der Leser einen eigenen Zugang zur Geschichte verschaffen kann, die ganz bestimmt niemanden kalt lässt und eindrücklich vorführt, was Christian Morgenstern, einer der Lieblingsdichter von Edith Flubacher, festgehalten hat: »Beim Menschen ist kein Ding unmöglich, im Schlimmen wie im Guten.«
»Hoffen wir das Beste, geneigter Leser« – würde jetzt die Autorin anfügen. Und man müsste sie dabei sehen, um zu verstehen, wie sehr der Schalk aus ihr sprechen kann.
Marc Zollinger
Ich bin im Jahre 1922 an einem steilen Hang im Schwarzwald geboren worden, in einem kleinen abgelegenen Bauerndorf. Ich machte eine kaufmännische Lehre und besuchte die Handelsschule in Lörrach. Anschließend arbeitete ich als kaufmännische Angestellte. 1941 heiratete ich einen Schweizer, der in Weil am Rhein wohnte. Mit ihm flüchtete ich in den letzten Kriegstagen nach Basel. Kurz darauf kam unser Sohn zur Welt. 1955 zogen wir nach Liestal, wo ich bei der kantonalen Verwaltung als Büroangestellte arbeitete. Ich blieb dort, bis ich 62 Jahre alt war. Acht Jahre später verstarb mein Mann nach langer Krankheit.
Nach dem Tod meines Mannes war ich allein, allein mit viel unausgefüllter Zeit. Ich musste mir überlegen, wie ich meine Tage verbringen wollte.
Putzen und Haushalten für mich alleine genügten mir nicht. Man sagte mir, dass ich, nun im Alter angelangt, doch vermehrt an mich denken solle. Man riet mir, mich meiner Gesundheit zu widmen, mich viel zu bewegen, wandern zu gehen, beim Altersturnen mitzumachen, mich einem Seniorenverein anzuschließen. Doch das entsprach alles nicht so ganz meinem Charakter. Ich wollte endlich nicht mehr so viel müssen, sondern einfach das machen, was ich gerne mache. So setzte ich mich eben vor den Fernseher und verfolgte die mir interessant erscheinenden Sendungen.
Die meiste Zeit aber verbrachte ich mit Lesen. Ich wurde eine eifrige Benützerin der Bibliothek meines Wohnortes. Besonders die Regale mit zeitgeschichtlicher Literatur und jene mit Biografien bekannter Persönlichkeiten hatten es mir angetan. Es war Zeit, mein Wissen etwas zu verbessern.
Mein Interesse galt vor allem dem 19. Jahrhundert. Die Literatur dieser Epoche war und blieb für mich wohl deshalb so spannend, weil sie den damals herrschenden Zeitgeist und die Lebensverhältnisse der Menschen beschreibt. Dadurch wurde mir nämlich das Leben meiner Groß- und Urgroßeltern nähergebracht. Sie waren damals noch ein unbekanntes Kapitel für mich.
In dieser Zeit interessierte ich mich immer weniger für die Gegenwart, dafür immer mehr für die Vergangenheit. Fast alle meine Gedanken bewegten sich dorthin zurück, wo mein Leben begonnen hatte. Mein Sohn besorgte mir freundlicherweise einen Computer, für den ich mir in den letzten Monaten meiner Berufstätigkeit noch die wichtigsten Grundkenntnisse hatte aneignen können. Dann fing ich an, die Erinnerungen an meine Kindheit niederzuschreiben. Mir bedeutete dies ein großes Vergnügen. Und ich dachte, dass sich meine Nachkommen über meine Erzählungen später einmal freuen würden. Nachdem ich mich intensiv mit der Vergangenheit befasst hatte, zweifelte ich allerdings, ob meine Aufzeichnungen nur Freude bereiten werden. Schließlich war darin nicht nur Schönes, sondern auch viel Trauriges und Aufregendes beschrieben.
Meine Notizen wurden immer zahlreicher, die Seiten füllten sich. Und so drängte sich alsbald die Frage auf, ob ich aus meinen Erinnerungen nicht ein Buch machen sollte.
Zu meiner Überraschung zeigte sich ein Verlag bereit, meine Erinnerungen abzudrucken. In diesem Buch ging es nur am Rande um meine Vorfahren. Es war vielmehr ein dokumentarischer Bericht über die Zeit meiner Kindheit, über den Alltag in einem kleinen Dörfchen Süddeutschlands und im Basler Grenzland. Es ging um mich (Edith Flubacher, Das Bauerndorf im Schwarzwald. So haben wir gelebt. Geschichten aus Elbenschwand und aus dem Basler Grenzland, Verlag elfundzehn, 2007).
Ich realisierte damals, dass ich eigentlich nur sehr wenige Informationen über meine Vorfahren besaß. Unsere Familie hatte während meiner Kindheit kaum Kontakt mit Verwandten, und es wurde auch fast nicht über sie gesprochen. Mir kam es vor, als ob dichter Nebel über diesem Teil der Vergangenheit liege – insbesondere die Familie meines Vaters blieb mir ein Rätsel.
Ich habe zwar im Laufe meines Lebens gewisse Dinge aus dem Leben meines Vaters und seiner Eltern erfahren – unter anderem durch meine ältere Schwester, die einmal ein ganzes Jahr bei unserer Urgroßmutter verbracht hatte. Während jenes Aufenthalts bekam sie viele Einzelheiten mit, die sie mir dann weitererzählt hat. Aber ehrlich gesagt, interessierte mich dies alles lange Zeit nicht besonders.
Später jedoch, im Alter angelangt, interessierte mich diese Geschichte schon. Mehr als das, sie begann mich zu fesseln.
Das Leben meines Vaters stand schon bei seiner Geburt unter keinem guten Stern. Er wurde 1896 unter traurigen Umständen in einem Krankenhaus in Straßburg auf die Welt gebracht. Seine Mutter, noch ein Mädchen, hatte den eisernen Vorsatz gefasst, den Namen des Kindsvaters nicht zu nennen. Doch die Geburt war allzu schmerzhaft und schwer, und der Druck, den das Spitalpersonal auf das Mädchen ausübte, war zu groß, sodass es den Namen bekannt gab. Eine unglaubliche Familiengeschichte gelangte damit an die Öffentlichkeit. Sonst, wer weiß, wäre alles unter dem Mantel des Schweigens geblieben.
Da die Mutter meines Vaters sehr jung verstarb, wuchs mein Vater zuerst bei einer Großtante und später bei seiner Großmutter auf. So richtig daheim war er aber nirgends. Ich vermute, dass er sein ganzes Leben lang unter seiner Kindheit gelitten hat beziehungsweise unter den Gründen seines Daseins. Manchmal hat er mir dieses oder jenes von seiner Familie erzählt – zu wenig, wie ich feststellen musste. Nur einmal in meinem Leben machte er mit uns eine Reise in seine Heimat. Ich war damals aber noch klein.
Als ich beim Verfassen des Buches tief in die Vergangenheit eingetaucht war, kam mir eine Episode aus meiner Kindheit wieder in den Sinn:
Es muss etwa im Jahre 1932 gewesen sein, als eines Tages ein fremder Mann bei uns zu Hause anklopfte. Es war ein Hausierer, der über die Schwarzwaldhöhen zog und auch in unserem Haus seine Ware zum Verkauf anbot. Hausierer wussten durch ihre pausenlose Wanderschaft bestens Bescheid über alles, was in der Gegend lief. Und dieser Mann, Deckel hieß er, war besonders begabt, Geschichten zu sammeln. Er war besser informiert als jede Tageszeitung und verfügte über eine ausgezeichnete Spürnase, mit der er all die Geschichten aufstöberte, die das Leben schrieb.
Jenem Mann war sogleich unser Familienname aufgefallen, der in der Gegend sonst kaum vorkam. Er erzählte meiner Mutter, dass vor vielen Jahren, noch im vergangenen Jahrhundert, im Pfarrhaus seiner Heimatgemeinde zwei Frauen gleichen Namens gewohnt hätten, die mit dem Pfarrer verwandt und in einen von ihm verschuldeten Skandal verwickelt gewesen seien.
Es stellte sich im Verlauf des Gespräches heraus, dass es sich bei der älteren Frau um eine Urgroßtante handelte und bei der jungen, einem erst vierzehnjährigen Mädchen, um die Mutter meines Vaters.
Deckel konnte sich nur zu gut an die Empörung und Aufregung erinnern, als die Bevölkerung von der heimlichen Flucht des Pfarrers erfuhr. Wie ein Lauffeuer habe sich herumgesprochen, was dieser dem Mädchen angetan hatte.
Ich bekam von der ganzen Geschichte, die Deckel erzählte, nur wenig mit. Sie war ja auch nicht für meine Ohren bestimmt. Ich konnte aber an der Reaktion meiner Mutter erkennen, dass sie sehr bewegend sein musste.
Als ich mich mit der Niederschrift meiner Erinnerungen beschäftigte, wollte ich mehr über die geheimnisvolle Geschichte wissen, über die der Hausierer berichtet hatte. Ich begann, Informationen über das Leben meines Großvaters zu sammeln, und stellte dabei mit großem Erstaunen fest, wie viel in Urkunden, Kirchenbüchern, Archiven und Chroniken festgehalten wurde – in meinem Fall war es in gewisser Hinsicht mehr, als mir lieb war. Ich schrieb dennoch alles auf, was ich in Erfahrung brachte, und erkannte, dass sich die Einzelteile immer mehr zu einer Geschichte entwickelten, die möglicherweise ein weiteres Buch hergeben würde. Allerdings ein ganz anderes Buch als das erste.
Das fromme Elternhaus
Wie fast jeden Frühling strahlte auch im Jahre 1835 die fruchtbare Gegend des Kraichgaus in unbeschreiblich schönen Farben. Die Obstbäume, die Pflanzen auf den Feldern und in den Gärten blühten in voller Pracht. Und auch an den Rebhängen zeigte sich die Natur von ihrer besten Seite.
Als in den letzten Apriltagen auf dem Bauernhof der Familie Schreiber1 zu den sechs Geschwistern ein weiteres Kind dazukam, war die Freude groß. Für die strenggläubige katholische Familie bedeutete ein Kind ein Geschenk Gottes. Noch am Tag seiner Geburt ließ man das Büblein auf den Namen Antonius taufen.
Die Wohnverhältnisse im Bauernhaus der Schreibers waren eng. Wie die meisten Dorfbewohner in Rittersbach beherbergten auch sie unter ihrem Dach mehrere Generationen. Das Zusammenleben von Jung und Alt verlief nicht überall harmonisch, aber auf dem Schreiberhof blieb es vornehmlich ruhig, friedlich und gesittet. Vater und Mutter Schreiber hielten ihre Eltern und Großeltern in Ehren, so wie es die Gebote Gottes vorschrieben.
In aller Frühe standen die Kleinbauern auf, versorgten das Vieh und rackerten in den Weinbergen und auf den Äckern. Auch Anton ging schon als kleiner Bub mit aufs Feld, füllte Körbe mit Kartoffeln, pflückte Beeren am Waldrand, bündelte geschnittenes Rebholz und steckte Zwiebeln. Der Vater und die größeren Geschwister schonten den Kleinsten, so gut es ging, oft war er bei der Mutter in der Küche, sah zu, wie sie Kartoffelgerichte zubereitete, den Ofen feuerte, Kleider ausbesserte und den Fußboden schrubbte. Seit Mutter ihr letztes Kind, ein Mädchen, noch am Tage der Geburt verloren hatte, fielen ihr die Feldarbeiten schwer, doch Anton hörte sie nie klagen, sie trug das Schicksal tapfer, erzählte ihrem Jüngsten Geschichten aus der Bibel, beschrieb ihm arme Leute, die durch Feuer Hab und Gut verloren, berichtete von Hungersnöten, von Halodris, die Gottes Gebote missachteten und im Fegfeuer ausharren mussten.
Abends, wenn die Geschwister Hausaufgaben machten, nutzte Anton die Gelegenheit, dies und jenes aufzuschnappen; als er mit sechs eingeschult wurde, konnte er bereits lesen und beherrschte das Einmaleins.
Die Schule langweilte Anton dann aber, lieber heckte er Streiche aus, streifte durch den Wald, spielte mit seinen Geschwistern und ließ sich vom älteren Bruder historische Geschichten erzählen. Bald ließen seine schulischen Leistungen nach, und er wurde ermahnt, seine Hausaufgaben gewissenhafter zu erledigen. Er schade sonst dem guten Namen der Familie. Diese gehörte nämlich in der Gemeinde zu den angesehensten frommen Dorfbewohnern. Ihr Ruf beruhte auf der fleißigen, stillen, gottesfürchtigen Lebensweise.
Als Anton dreizehnjährig war, begann er sich überraschenderweise immer mehr für den Schulstoff zu interessieren. Aus einem nachlässigen Schüler wurde ein eifriger Streber. Zu Hause las er oft und stundenlang in der Bibel, um dann in seinem Lieblingsfach, dem Religionsunterricht, beim Gemeindepfarrer von Windeck-Rittersbach zu brillieren.
Die Mutter beobachtete mit wachsendem Stolz das Verhalten ihres Jüngsten. Sie nahm ihn mit auf Wallfahrten, ließ ihn das Vaterunser vorbeten und lobte seine Gottesfürchtigkeit bei jeder Gelegenheit.
Grund für diesen Wandel Antons war der neue Pfarrer in der Nachbargemeinde Neusatz. Dieser hatte in kurzer Zeit nach seiner Ankunft ein heiliges Feuer entfacht, das Gläubige aus der ganzen Region in Scharen anzog. Josef Bäder, so sein Name, war ein wortgewaltiger und extrem charismatischer Gottesmann, der zum bedingungslosen christlichen Leben aufrief. Er predigte: »Habt Ehrfurcht gegen euch selbst, arbeitet, gehet keine Stunde müßig, achtet euch als Christen, die Jesus in sein göttliches Wesen eingefriedigt hat, bleibt Maria, dieser starken Frau, empfohlen, kreuzigt euren Leib, damit er euch nicht kreuzigt!« Diejenigen, die sich von ihm angesprochen fühlten, verehrten Bäder wie einen Heiligen. Andere, die ihn gelinde gesagt für einen Übereifrigen hielten, schimpften über ihn.
Die Familie Schreiber zählte zu den größten Anhängern Bäders. Die Erwachsenen unter ihnen gingen regelmäßig zu ihm zur Beichte. Besonders Bernarda, eine der Schwestern von Anton, war dem Pfarrer zugetan. Sie legte bei ihm das Gelübde der Jungfräulichkeit ab – ein Ritual, das Bäder besonders am Herzen lag, die Kirchenoberen aber mit Misstrauen verfolgten. Die frischgebackene »Magd des Herrn« begab sich öfters mit ihrem kleinen Bruder ins Pfarrhaus, wo sie im Haushalt mithalf. Bei einem dieser Besuche führte Bäder mit dem jungen Anton ein längeres Gespräch und lehrte ihn eines seiner Gebete. Das helfe ihm, sittlich rein zu bleiben:
»O Gott, präge deine Furcht und Liebe mir ins Herz und stärke die schwache Natur wie den Felsen der Kirche. Nie will ich vom Gebete lassen, sondern in Andacht und Liebe fest an dir halten, o starker Gott! So oft ich zum Himmel blicke, will ich denken, dass dort nichts Unreines eingehen kann, und will so im Herzen ohne Flecken und Falten bleiben.
O mein Jesus, du hast meine Seele in deinem Blute abgewaschen, und ich sollte sie nun mit Sünde schänden! Du hingst für mich büßend und blutend am Kreuzesstamm, den Himmel mir zu öffnen, und ich sollte das Paradies wegwerfen und nach dem Apfel begehren!
O mein Jesus, Dir opfere ich mich ganz, bewahre mich rein an Leib und Seele bis ins tiefe Herz hinein.«
Mit der Zeit wurde das Leben im Bauernhaus zu Rittersbach ruhiger, was dem jungen Anton gar nicht gefiel. Seine Schwester Margaretha heiratete Timotheus Scherer, einen Bauernsohn des Nachbardorfes, und zog mit ihm in das alte Haus mit der kleinen Landwirtschaft seiner Großmutter. Sie pflegten die alte Frau und versuchten, von den erwirtschafteten Erträgen zu leben. Bot sich Gelegenheit, nahm Timotheus Arbeit als Taglöhner oder Holzmacher an.
Joseph und Amalia wanderten nach Amerika aus, Cäcilia und Kreszenzia heirateten Bauernsöhne des Dorfes.
Somit lebten außer den Eltern nur noch Bernarda und Anton auf dem Hof. An ihnen blieb die viele Arbeit hängen, denn der Vater hatte seit Jahren gesundheitliche Probleme, und der Mutter gingen die bäuerlichen Arbeiten über die Kräfte. Margaretha und Timotheus kamen oft mit ihren Kindern zu Besuch und halfen tatkräftig mit. Darüber freute sich auch Anton, der nicht viel älter war als die fünf Kinder von Margaretha, seiner Schwester. Karoline übertraf er um sieben Jahre, Juliana um neun, Anna um elf, Alphons um dreizehn und Theresa, die Jüngste, kam erst später, 1851, auf die Welt. Im Kreise seiner Nichten und Neffen ging es nicht so streng und fromm zu wie bei seinen älteren Geschwistern.
Am schönsten war es im Herbst, wenn gute Ernten eingefahren werden konnten und zur Weinlese die Burschen und Mädchen auf dem Schreiberhof eintrafen. Es musste zwar hart gearbeitet werden, aber es herrschte unter den jungen Leuten eine fröhliche Stimmung, insbesondere nach Feierabend. Da floss der Rebensaft jeweils in Strömen. Anton, kräftig gebaut und von eindrücklicher Statur, war stets unter jenen, die bis zum Schluss mithalten konnten.
Es sah damals so aus, als müsste Anton als jüngster Sohn seiner Familie, wie im Erbrecht vorgesehen, den elterlichen Bauernbetrieb übernehmen. Die Umstände machten das ohnehin bereits jetzt zur Realität. Der Gesundheitszustand des Vaters verschlechterte sich nämlich zusehends. Er war dringend auf die Hilfe des Sohnes angewiesen. Anton musste seinen Wunsch, eine höhere Schule zu besuchen oder einen Beruf zu erlernen, zurückstellen.
Seine Schwester Bernarda war inzwischen ihrem Herzen gefolgt und in ein Kloster eingetreten. Sie stand in regem Briefwechsel mit Anton. Immer wieder erinnerte sie ihn daran, wie schön es doch wäre, wenn er – wie sie es nannte – in den heiligen Stand treten würde. Sie war geradezu davon beseelt, den kleinen Bruder zum Priester zu machen. Dies insbesondere, weil sie eines Nachts einen Traum hatte. Darin kam ein für Anton bereitgestellter Kasten vor, der mit vielen Blumen ausgeschmückt war. Eine Stimme sagte, dass jetzt einige der Blumen gepflückt würden, die anderen würden jedoch für später aufgehoben. Bernarda deutete den Traum so: Die jetzt gepflückten Blumen seien ein Hinweis auf seine bevorstehende heilige Kommunion, und die aufgesparten Blumen würden bedeuten, dass er später in den heiligen Stand eintreten werde.
Einen Priester in der Familie zu haben – gäbe es etwas Ehrenhafteres?
Am Tage seiner ersten heiligen Kommunion war Anton sehr nervös. Er hatte sich gewissenhaft darauf vorbereitet. Besonders gespannt war er auf seine erste Beichte. So viel schon hatte er darüber gehört, und gerade bei Pfarrer Bäder konnte er beobachten, wie sichtbar verändert die Menschen nach dem Akt in die Welt schauten. Anton wollte es perfekt machen. Schon Wochen zuvor hatte er sich alles im Kopf zurechtgelegt. Doch dann, als er an der Reihe war, versagte ihm vor Aufregung die Stimme, weshalb er nicht alle Sünden bekennen konnte. Der Beichtvater, der annahm, dass alles ausgesprochen worden war, erteilte dem Jungen die Absolution.
Dieser Umstand führte bei Anton zu großen seelischen Nöten. Die innigen Briefe aus dem Kloster, in denen Bernarda einmal mehr betonte, dass er zum Priester berufen sei, legten weiteren Zunder in sein erhitztes Gemüt. Der Widerspruch zwischen dem, was er zu sein glaubte, und dem, was er in den Augen anderer sein sollte, kam ihm voll zu Bewusstsein.
Als der bald Sechzehnjährige mit seiner Mutter an einer von Pfarrer Bäder geführten Prozession nach Sasbachwalden teilnahm, wo ein junger Missionar eine Predigt hielt und die Beichte abnahm, ergriff Anton die Gelegenheit und schüttete sein übervolles Herz aus. Als er den Beichtstuhl verließ, fühlte er sich wie neugeboren. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er heftigste religiöse Gefühle. Er fühlte sich voll und ganz von der Gnade Gottes ergriffen – ja, es war, als sei er in ihr und von ihr richtiggehend umgestaltet worden. Auf einmal war alles anders geworden: Im Gebet wurde plötzlich jedes Wort zur Salbung, und wo früher Unruhe das Gewissen plagte, flossen Tränen aus Liebe zu Gott.
Kurze Zeit später hörte Anton durch Zufall von einem Pater, der junge Leute mitnahm nach Amerika, um sie dort für den geistlichen Stand heranzubilden. Er erbat sich von seinem Beichtvater ein Empfehlungsschreiben und begab sich nach Freiburg. Dort bekam er vom aufgesuchten Pater den Rat, zwei Jahre Lateinisch zu lernen und sich dann wieder zu melden. Seine Mutter unterstützte das Vorhaben und schickte ihn zu Pfarrer Bäder in den Privatunterricht.
Um im Dorf kein Aufsehen zu erregen, arbeitete Anton wie bisher auf dem Hof seiner Eltern und benützte die ruhigen abendlichen und nächtlichen Stunden, um zu studieren.
In dieser Zeit änderten die Eltern ihre Besitzverhältnisse. Sie verteilten einen großen Teil ihrer Grundstücke an die Kinder. Der verbleibende Teil musste weiterhin bewirtschaftet werden, sodass immer noch viel Arbeit übrig blieb.
Im Jahre 1853 ging für Anton der Wunsch, studieren zu können, endlich in Erfüllung. Seine Eltern wollten nicht, dass ihn die viele Arbeit auf dem bäuerlichen Hof noch länger davon abhielt, und verpachteten einen großen Teil ihres Acker-, Wiesen- und Reblandes. Anton musste nun keine Rücksicht mehr auf die Eltern nehmen. Als er sich aber in Bruchsal am Lyzeum anmelden wollte, wurde ihm mitgeteilt, dass das Gymnasium überfüllt sei und er als auswärtiger Schüler auch in Zukunft kaum eine Chance habe.
Er bewarb sich danach am Gymnasium von Offenburg. Ein Onkel mütterlicherseits lebte mit seiner Familie dort. Diese Offenburger Verwandten waren aufgeschlossene Leute, bei denen es frei und ungezwungen zuging. Onkel Albert gehörte – im Gegensatz zur mehrheitlich konservativen Sippe – zu den Liberalen und setzte sich, was die Kirche anbetraf, für die Religionsfreiheit ein. In politischer Hinsicht war er ein eifriger Verfechter der Revolutionsidee von Hecker und Struve, wie so viele seiner Offenburger Mitbürger.
Als man auf die Anfrage wegen einer Wohngelegenheit eine Zusage erhielt und nach kurzer Zeit auch die Aufnahmebestätigung vom Gymnasium eintraf, freute sich Anton zutiefst. Mit Hilfe des Dorfschneiders und der Störnäherin fertigte man ihm neue Kleider und Hemden an, die zusammen mit seinen Latein- und Griechischbüchern sowie anderen Habseligkeiten in einen Reisekoffer gepackt wurden. Von Vater und Mutter begleitet, setzte sich Anton erwartungsvoll auf die Kutsche, hinter ihm lag sein frommes Elternhaus im stillen Heimatdörfchen.
Anton und seine Mutter sprachen beim Direktor des Gymnasiums vor, überreichten ihm die Zeugnisse sowie den Heimat- und den Impfschein und brachten den Koffer ins Kosthaus. Mutter mahnte ihren Sohn, fleißig zu beten und zu lernen, baldmöglichst nach Hause zu schreiben, den Kleidern Sorge zu tragen.
Nie hatte sich Anton vorgestellt, dass das Leben an einem Gymnasium so hart sein könnte. Schon am ersten Tag musste er die harschen Umgangsformen des Lyzeumsdieners kennen lernen. Einige der Lehrer standen ihm darin kein bisschen nach.
Anton setzte sich in den ersten Wochen der Studienzeit oft am Abend nach der Schule ans Ufer des Rheins und kämpfte mit den Tränen. Jeder Bissen des im Kosthaus erhaltenen, dünn gestrichenen Butterbrotes würgte ihn im Hals. Er dachte an das bescheidene Daheim, die grünen Hügel, an Vater und Mutter, die lustigen Nichten und an die schönen friedlichen Nachhilfestunden beim verehrten Beichtvater. Wenn er sich nicht geschämt hätte, wäre er bereits nach einigen Wochen wieder nach Hause zurückgekehrt.
Nach und nach gewöhnte sich Anton allerdings an die Widrigkeiten, zumal er bald auch die Vorzüge seiner Situation schätzen lernte. Er begann die großen Freiheiten zu genießen, die Freizeit im Kreise von fröhlichen Studienkollegen, das Stadtleben, die Bierhäuser. Als Sohn eines Rebbauern liebte er zwar den Wein, aber seit er von daheim weg war, kam er vermehrt auch auf den Geschmack des Bieres. An Wirtshäusern fehlte es in Offenburg nicht. Hier war man nie allein, an den Stammtischen fehlte es kaum an Unterhaltung. Nicht immer ging es nur fröhlich zu. Es wurde auch sehr ernsthaft und feurig über alles Mögliche geredet. Nur mit politischen Diskussionen hielt man sich seit der Niederlage der Revolution zurück. Die Hoffnungen auf ein Leben mit mehr Freiheit und Demokratie hatten sich zerschlagen. Die Zeit sei eben noch nicht reif, sagte man sich und hoffte auf eine bessere Zukunft.
