Das Gleichgewicht der Seele - Eva Gütlinger - E-Book

Das Gleichgewicht der Seele E-Book

Eva Gütlinger

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Beschreibung

Schuld, schlechtes Gewissen, Verpflichtungen, Vergebung - große Worte, die wir oft lieber meiden. Doch sie verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren. Sie melden sich in Form von Selbstzweifeln, innerem Druck, unausgeglichenen Beziehungen, familiären Loyalitäten oder dem Gefühl, "es allen recht machen zu müssen". Dieses Buch lädt dazu ein, diesen Themen mutig und zugleich liebevoll zu begegnen. Denn echte Leichtigkeit und Lebensfreude entstehen nicht durch Verdrängen, sondern durch Klarheit. Was uns anfangs schwer erscheint, birgt eine überraschende Kraft: Aus unangenehmen Gefühlen können Würde, Stärke und innere Harmonie wachsen. Mit einem Blick auf die Ursprünge unserer Schuldgefühle - kulturell, familiär und persönlich - verbindet das Buch verschiedene Perspektiven: die christlich geprägte Moraltradition, buddhistische Ansätze und die weite Sicht schamanischer Lehren. Gemeinsam eröffnen sie einen neuen Zugang zu Fragen von Schuld und Ausgleich, von Verantwortung, Scham und Vergebung. Als alltagstauglicher Weg durch diese anspruchsvollen Themen dienen die Systemischen Ausgleichsprinzipien. Sie zeigen, wie aus Schuld neue Verantwortung entsteht, aus schlechtem Gewissen ein Impuls zum Guten und aus innerer Schwere neue Energie. Übungen und geführte innere Reisen - auch als Download verfügbar - unterstützen den Ausgleichsprozess auf bewusster und unbewusster Ebene. Sie helfen, das seelische Gleichgewicht zu finden und zu halten: nicht als einmaliges Ziel, sondern als lebendigen Weg. Dieses Buch ist eine Einladung zu innerer Klarheit, emotionaler Reife und mehr persönlicher Freiheit. Ein Weg, der Freude, Fülle und ein gutes Gewissen wachsen lässt - und dessen Erkenntnisse gerne geteilt werden dürfen, damit das Gute sich vermehrt.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Schuld und Schuldgefühle

Überlebensschuld und Loyalität

Gemeinschaft

Seele

Vergebung und Ausgleichsanspruch

Unbewusste Schuld-Signale

Der Anfang eines Weges

Schlechtes Gewissen

Das schlechte Gewissen als Motivkonflikt

Das schlechte Gewissen als Wertekonflikt

Das entgleiste schlechte Gewissen

Aus-Wirkung

Reise: Schlechtes Gewissen

Gutes Gewissen

Das Gewissen als Leitbild

Übung: Die Schatzkiste des guten Gewissen

Die Katholischen Wurzeln

Sünde

Die zehn Gebote

Die sieben Todsünden

Erbsünde

Schuldbekenntnis

Vater unser

Das Fegefeuer und die Hölle

Das Jüngste Gericht

Reise: Vergebungsraum der Seele

Buddhistische Zugänge zu Schuld und Ausgleich

Karma

Die Dämonen füttern

Reise: Dämonen integrieren

Bardo

Übung: Zwischenräume

Schuld und Ausgleich im Schamanismus

Das Prinzip der Gegenseitigkeit

Seelenrückholung

Schuld in Wertschätzung verwandeln

Die Geschichte vom ausbleibenden Regen

Prinzipien des Gleichgewichts

Übung: Die 7 Huna-Prinzipien – Impulse für Schuld und Ausgleich

Ho’o’ponopono

Reise: Ho’o’ponopono

Opfer und Täter

Komplexe Beziehungen zwischen Opfer und Täter

Dramadreieck

Verantwortung in der Gemeinschaft

Ausgleich auf einer höheren Ebene

Das Gute und das „Böse“

Vergeben heißt nicht vergessen

Radikale Vergebung

Versöhnung im großen Stil

Systemische Ausgleichsprinzipien

Die Umwandlung von Schuld in Schulden

Zinsen

Erstes Ausgleichsprinzip: Der Ausgleich im Guten sollte ein vermehrter sein

Zweites Ausgleichsprinzip: Der Ausgleich im Üblen sollte ein verminderter sein

Drittes Ausgleichsprinzip: Ein allzu exakter Ausgleich sollte vermieden werden

Viertes Ausgleichsprinzip: Der Schuldner hat ein Recht auf Mahnung

Fünftes Ausgleichsprinzip: Der Ausgleich des Schuldners sollte in der „Währung“ des Gläubigers erfolgen

Sechstes Ausgleichsprinzip: Der eigentliche Ausgleich liegt in der Anerkennung der Ausgleichsverpflichtung

In guter Verbindung

Reise: Seelenentwicklung

Danke!

Literatur

Einleitung

Schuld, schlechtes Gewissen, Ausgleichsverpflichtungen und Vergebung – große Worte mit schwerem Klang. Viele von uns würden sie am liebsten vermeiden. Warum sich damit beschäftigen, wenn wir doch nach Leichtigkeit suchen?

Zugleich nagen diese Themen ohnehin in uns. Zum Beispiel dann, wenn wir uns immer nur mit schlechtem Gewissen etwas Gutes gönnen. Oder wenn wir uns aus Loyalität mit unausgeglichenen Familienthemen unbewusst selbst sabotieren. Wenn wir uns wieder mal schlaflos wälzen, weil uns das erlittene Unrecht beschäftigt. Oder wenn wir wie automatisiert erneut in die gleichen destruktiven Beziehungsmuster rutschen. Ungelöst und unbearbeitet holen uns diese Themen immer wieder ein.

Wir finden echte Leichtigkeit und Lebensfreude – im Gegensatz zum oberflächlichen Spaß – nur, wenn wir ein wenig tiefer graben und uns auch mit Fragen bzw. Aufgaben auseinandersetzen, die zumindest auf den ersten Blick unangenehm erscheinen. Schuld und Ausgleich, schlechtes Gewissen und Verpflichtungen und Vergebung klingen nicht nach Wunschprogramm. Nähern wir uns diesen Herausforderungen aber lösungsorientiert und tiefgründig, wird es ein unendlich spannender Entwicklungsprozess, der uns innerlich zu mehr Selbstverantwortung und Lebensfreude wachsen lässt.

Schuldgefühle, der Eindruck, etwas übersehen oder unterlassen zu haben, Selbstabwertung, emotional gespürte Verpflichtungen, unbewusste Lasten, das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben, schlechtes Gewissen und Scham – das alles gehört zum Menschsein. Nicht als Makel, sondern als Einladung zur Klärung. Diese Themen zeigen sich verlässlich auf die eine oder andere Weise. Es geht also darum hinzuschauen, um darin sogar Geschenke zu entdecken: Klarheit, Würde, Stärke und innere Harmonie. Denn genau aus dem vorerst Unangenehmen kann wiederum etwas wachsen, das erstaunlich leicht und erfüllend ist.

Wer sich dem Dunklen stellt, öffnet sich dem Licht. Aus der Auseinandersetzung mit den eigenen Tiefen erwächst Reife. Ein gutes Leben lebt sich nicht durch Vermeidung, sondern durch Verbindung: Mit sich selbst, mit anderen, mit dem, was größer ist als wir – einem Sinn, einer Aufgabe und unserem Platz in der Gemeinschaft.

In diesem Buch widmen wir uns daher zuerst den Ursprüngen von Schuld(-gefühlen) und dem allgegenwärtigen schlechtem Gewissen. Viele dieser Prägungen kommen in unserer Kultur auch aus der katholischen Tradition. In jüngeren Jahren habe ich all diese „moralischen“ Vorschriften kategorisch abgelehnt, aus heutiger Sicht und mit Hilfe moderner Interpretationen, kann ich darin durchaus aktuelle Anregungen finden. Außerdem ist es ein Stück Kulturgeschichte, das uns alle bewusst und unbewusst geprägt hat. Ob es uns nun gefällt oder nicht.

Verbunden mit buddhistischen Traditionen, die mir – aufgrund der nicht-vorhandenen persönlichen Geschichte damit – oft leichter zugänglich sind, bieten die religiösen Vorschriften einen spannenden Hintergrund für die Auseinandersetzung mit Schuld und Ausgleich. Ergänzend dazu kommt die schamanische Weltsicht, die Anregungen für einen ganz anderen Umgang mit uns selbst, persönlichen und familiären Erfahrungen und gemeinschaftlichen Verpflichtungen hat.

Keine Auseinandersetzung mit Schuld und Ausgleich, ohne die Dynamik von Opfern und Tätern zu beleuchten. Auf die eine oder andere Weise finden wir uns ab und an in beiden Rollen wieder. Schaffen wir es aus alten Mustern auszusteigen und zu vergeben, öffnet sich das Leben für eine positive und konstruktive Gestaltung der Zukunft. Transformierte Rollen schaffen neue Freiheitsgrade.

Als praktischer und auch im Alltag umsetzbarer Lösungsansatz, um über all diese gewichtigen Themen hinauszuwachsen und das Beste daraus zu entwickeln, bieten sich die Systemischen Ausgleichsprinzipien an. Sie liefern Anregungen, um aus der Schwere der Schuld die Tatkraft der Verantwortung zu machen und aus dem nagenden schlechten Gewissen einen Impuls das Gute zu vermehren. Damit können wir sinnvolle Antworten auf familiäre und persönliche Lasten finden, die uns möglicherweise schon lange in der Seele schmerzen. Die Ausgleichsprinzipien richten den Blick aufs Positive und vergrößern dabei Fülle und persönliche Freiheit.

Übungen und geführte Reisen ins Innere (die auch zum Download zur Verfügung stehen) bringen den angestrebten Ausgleichsprozess auf einer bewussten und unbewussten Ebene in Einklang. Das Gleichgewicht der Seele ist gleichermaßen ein Ziel und ein Weg. Eine Auseinandersetzung mit sich selbst und den großen Themen der Menschheit, die uns ein gutes Stück mehr Freude, Fülle und gutes Gewissen bringen kann.

All die Erkenntnisse, Übungen und geführten Reisen aus diesem Buch dürfen gerne geteilt werden. Denn der Ausgleich im Guten sollte ein vermehrter sein und damit den Fluss der Fülle stärken.

Schuld und Schuldgefühle

Das Bewusstsein von Schuld und dem dazugehörigen Ausgleich ist tief in unserer menschlichen Natur verankert. Schon die biblische Erzählung von Adam und Eva im Garten Eden erzählt sinnbildlich davon: Der Moment, in dem sie vom Baum der Erkenntnis essen, markiert nicht nur den sogenannten „Sündenfall“, sondern auch den symbolischen Beginn eines menschlichen Bewusstseins von Gut und Böse. Und damit von Schuld, Scham, schlechtem Gewissen und der Sehnsucht nach Wiedergutmachung und Ausgleich. Diese uralte Symbolik drückt aus, was oft unbewusst in uns wirkt: Schuldgefühle, übergroße Verantwortung oder ein tiefer innerer Druck, etwas wiedergutmachen zu müssen, manchmal sogar für etwas, von dem wir gar keine bewusste Kenntnis haben.

Unsere Persönlichkeit beruht auf einem früh gelernten und tief empfundenen familiären und kulturellem Wertesystem. Unsere Seele sorgt in der Verbindung zu einem größeren Ganzen für eine größere Perspektive. Auch wenn es manchmal so scheint, als ob die Egoismen und Rücksichtslosigkeiten stärker denn je sind, prägt uns langfristig immer das Streben nach Balance. Eine Balance, in der Schuld ausgeglichen werden muss und die Sehnsucht nach einer höheren Form der Gerechtigkeit spürbar ist. Wir alle haben „Schuld“ auf uns geladen. Ob durch Taten oder Unterlassungen, ob durch Vererbung oder Zufall. In der Seele fühlen wir das Ungleichgewicht.

Die Gefühle von Schuld, ständigem schlechten Gewissen, Scham und das Gefühl von Unzulänglichkeit brauchen aber keine immerwährende Last zu bleiben. Sie können zur Einladung werden, Verantwortung zu übernehmen und positive innere Ausgleichsbewegungen anzustoßen. Prozesse die für uns selbst und für unser Umfeld heilsam sind.

Der Begriff Schuld stammt ursprünglich vom althochdeutschen Wort "sculda" und bedeutet „Schuldigkeit“, „Verbindlichkeit“ oder „Pflicht zur Rückgabe“. Diese ursprüngliche Bedeutung deutet bereits auf die komplexe Natur von Schuld hin, die über einfache rechtliche oder moralische Kategorien hinausgeht. Und sie beinhaltet bereits die Möglichkeit zum Schuldausgleich, auf den in den nächsten Kapiteln noch ausführlich eingegangen wird.

Es geht also darum, Schuld, Scham und schlechtes Gewissen in einen größeren Zusammenhang zu stellen, jenseits von moralischer Wertung oder religiösem Zwang. Abseits von Gehorsam oder Strafe geht es um Entwicklung. Um die Möglichkeit, zu erkennen, dass hinter Schuldgefühlen – so schwer sie sich auch anfühlen mögen – oft eine gute Absicht steckt: der Wunsch nach Zugehörigkeit, Ordnung, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Wenn wir diese Dynamik verstehen, können wir die alten Lasten in neue Handlungsspielräume verwandeln.

Psychologisch betrachtet sind Schuldgefühle ein innerer Zustand des Bedauerns oder der Reue, der entsteht, wenn man gegen eigene oder gesellschaftliche Werte verstoßen hat. Diese Gefühle können sehr intensiv sein und sind oft mit einem tiefen Gefühl der Verantwortung verbunden. Schuldgefühle tauchen auf, wenn man anderen bewusst oder unbewusst geschadet hat – oder es zumindest so empfindet. Manchmal sind sie jedoch auch ohne klaren Auslöser vorhanden und werden fast ständige Begleiter, ohne dass wir uns ihres Ursprungs bewusst sind. Gerade diese unbewussten Schuldgefühle können tief in unserer Psyche verwurzelt sein und unser Verhalten und unsere Entscheidungen auf subtile Weise beeinflussen.

Schuldgefühle wirken blockierend oder destruktiv– insbesondere wenn sie übersteigert, unbewusst oder vererbt sind. In solchen Fällen können sie zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Selbstsabotage und Hilflosigkeit führen und uns daran hindern, ein wahrhaft freies und erfülltes Leben zu führen. Das wird erst wieder möglich, wenn wir die Schuld ausgleichen und die Schuldgefühle integrieren, indem wir uns mit ihnen auseinandersetzen und Wege finden, sie zu überwinden.

All diese unangenehmen Gefühle und Botschaften der Seele können dann produktiv genutzt werden, wenn sie zu Einsicht, Wiedergutmachung oder Verhaltensänderung führen. In solchen Fällen sind sie Motor für persönliches Wachstum und positive Veränderungen. Sie bringen uns dazu, unser Handeln zu reflektieren und Verantwortung für unser Wohlergehen und die Harmonie in der Welt zu übernehmen. Dies kann zu einer tieferen Einsicht in unsere eigenen Werte und Überzeugungen führen und helfen, unsere Beziehungen zu anderen zu verbessern.

Unser Gewissen, unsere Verhaltensmuster und unsere automatisierten Reaktionen auf Ereignisse sind neben der kulturellen Überlieferung vor allem auch durch familiäre Prägungen geformt. Manche Schuldgefühle und alte Lasten wurden uns bereits sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Wir haben sie aus Loyalität zu früheren Generationen übernommen. Aus einem tiefen Bedürfnis nach Zugehörigkeit tragen wir weiter, was dort nicht gelöst wurde.

Vererbte Last

Familien geben nicht nur Namen, Traditionen oder Werte weiter – auch unbewältigte Schuld, Versäumnisse oder ungeheilte Verletzungen können über Generationen hinweg fortwirken. Wenn frühere Generationen in schwerwiegende Geschehnisse verstrickt waren – etwa in Kriegshandlungen, Unrecht oder ethisch-moralische Grenzüberschreitungen –, kann sich diese Schuld auch in späteren Generationen auf subtile Weise bemerkbar machen. Häufig wurde über solche belastenden Ereignisse zudem geschwiegen, sodass in der Kinder- oder Enkelgeneration oft nur ein diffuses, belastendes Gefühl zurückbleibt.

Hier geht es zum einen um tatsächliche Schuld, wie etwa die Taten von Soldaten in den Kriegen, die als unbewusste Last an die Nachkommen weitergegeben werden. Und zum anderen um gefühlte Schuld, die vielleicht durch Unterlassung, emotionale Kälte und Vernachlässigung von Fähigkeiten und Möglichkeiten entstand. All das kann sich in nächsten Generationen zeigen. Oft überspringt ein offenes Thema sogar eine bis zwei Generationen und wird dadurch nur mehr schwer fassbar, wenn es wieder auftaucht.

Vererbte Schuld ist nicht immer direkt erkenn- und nachvollziehbar, da sie tief in unserem Unbewussten verankert ist und sich auf subtile Weise in unserem Denken und Handeln äußert. Dennoch ist sie wirksam und wird unser Leben auf vielfältige Weise beeinflussen, indem sie uns mit einem Gefühl der Verantwortung und Verpflichtung belastet, das wir nicht verstehen oder erklären können.

Neben den psychologischen Aspekten lohnt sich auch ein Blick auf die biologischen Mechanismen, durch die sich Schuld und Trauma über Generationen auswirken können. Neuere Erkenntnisse aus der Epigenetik und der Forschung zu transgenerationalen Folgewirkungen bieten faszinierende Einblicke in die Mechanismen, durch die solche emotionalen und psychologischen Lasten über Generationen hinweg weitergegeben werden können. Die Epigenetik untersucht, wie Umwelteinflüsse die Genexpression beeinflussen können.

Studien haben gezeigt, dass traumatische Erfahrungen, wie Krieg, Gewalt oder extremer Stress, epigenetische Marker hinterlassen können, die an die nächste Generation weitergegeben werden. Diese Marker können damit das Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen oder problematische Verhaltensweisen erhöhen.

Die Forschung zur transgenerationalen Traumatisierung hat auch gezeigt, dass die Kinder und Enkelkinder von Menschen, die schwere Traumata erlebt haben, oft unter den psychologischen und emotionalen Folgen dieser Traumata leiden, obwohl sie die Ereignisse selbst nicht direkt erlebt haben. Dies kann sich in Form von Angstzuständen, Depressionen, einem erhöhten Stresslevel oder anderen psychischen Belastungen äußern. Schuld – ob tatsächlich schuldhaftes Verhalten oder die gefühlte Schuld dem Leben gegenüber – kann ähnlich wie Trauma wirken, da auch sie einen massiven Einschnitt in die Psyche darstellt. Die Weitergabe von Schuldgefühlen und seelischen Lasten kann somit als ein komplexes Zusammenspiel von psychologischen, sozialen und biologischen Faktoren gesehen werden, von dem wir erst einen Bruchteil verstehen.

Viele von uns – wenn nicht wir alle – haben die Schuld und die seelischen Schulden, oder anders gesagt, die Sünden und Verfehlungen unserer Vorfahren in uns gespeichert. Ebenso tragen wir die Traumata und Opfer unserer Eltern und Großeltern in unseren Genen. Diese vererbte Last kann sich auf verschiedene Weise manifestieren. In meiner CoachingPraxis begegne ich immer wieder Menschen, die – meist unbewusst – versuchen, altes familiäres Unrecht auszugleichen. Manche tun dies, indem sie sich übermäßig für Gerechtigkeit einsetzen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigen. Andere leben – ebenfalls unbewusst – Muster nach, die eine Art symbolischer Wiedergutmachung oder Reinszenierung darstellen. So etwa jemand, der eine alte, als ungerecht empfundene Erbschaftsgeschichte durch eigene unfaire Geschäftsentscheidungen unbewusst „fortschreibt“. Oder jemand, der sich in der Erfüllung eigener Wünsche boykottiert, weil die Schuld oder der Schmerz der Familie auf ihm lastet. Solche Wiederholungen zeigen, wie tief sich familiäre Prägungen einbrennen – auch wenn der ursprüngliche Zusammenhang längst vergessen oder nie bewusst war.

Überlebensschuld und Loyalität

Noch weit über diese persönlichen und familiären Schuldgefühle hinaus wirkt eine Form von größerer Balance, die ebenso kippen kann.

Ein Beispiel dafür ist die sogenannte "Überlebensschuld". Wenn Menschen extreme oder traumatische Situationen überleben, während andere Menschen – etwa Familienmitglieder, Freunde oder Mitmenschen – zu Tode gekommen sind oder schwer gelitten haben, können sie das Gefühl haben, eine innere Verantwortung dafür zu tragen. Bei manchen entsteht dadurch der Eindruck, dass das bloße Leben schon eine Art von Schuld bedeutet. Es hat den Anschein, dass man dafür "büßen" muss oder dass eine Form von Ausgleich für die "Ungerechtigkeit" des eigenen Überlebens gebracht werden muss. Aus Loyalität wird das eigene Leben erschwert oder abgewertet.

Überlebensschuld empfinden z.B. Heimkehrer:innen aus Kriegen, Überlebende von Naturkatastrophen oder auch Überlebende von Verfolgung und politischer Gewalt. Menschen, die aus ihren Heimatländern geflüchtet sind, können Überlebensschuld spüren, weil es den Menschen, die noch im Ursprungsland leben, schlecht geht. Sie kann auch durch kollektive Traumata entstehen (wie die Beteiligung unserer Vorfahren am Holocaust). Sogar Überlebende von schweren Erkrankungen (wie z.B. Krebs) können an Überlebensschuld leiden. So viele andere haben es nicht geschafft. Ein anderes Beispiel für Auslöser von derart wirksamen Loyalitäten könnten auch beeinträchtigte oder früh verstorbene Geschwister sein oder Kinder, die in früheren Generationen nicht anerkannt wurden.

Wie andere Schuld und Schuldgefühle können auch Überlebensschuld und verdeckte Loyalitäten vererbt werden. So entstehen transgenerationale Formen von schlechtem Gewissen, Selbstboykott und manchmal sogar destruktivem Verhalten, um das Gefühl der Schuld abzuwehren oder auszugleichen.

Im öffentlichen Rechtssystem gilt eine Person als nicht schuldig, wenn man nicht anders handeln konnte, auch wenn Schaden oder Verletzung verursacht wurde. Das entbindet aber nicht notwendigerweise von den Schuldgefühlen, die in der Persönlichkeit bzw. Seele entstehen. Auch wenn ich objektiv gesehen ohne Schuld bin, kann ich mich schuldig und verantwortlich fühlen. So entwickeln bereits Kinder Schuldgefühle für Situationen und Gegebenheiten im Familiensystem, für die sie keine Verantwortung haben, zum Beispiel für Krankheit oder Konflikte der Eltern. Der gut gemeinte Satz „daran bist du nicht schuld“, hilft nicht, denn er erreicht die unbewussten Überzeugungen nicht.

Besonders tief wirken Erlebnisse, die dem Leben oder der Würde von Menschen zuwiderlaufen – sei es durch aktive Beteiligung oder durch das Unterlassen notwendigen Handelns. Denken wir hier an unterlassene Hilfeleistung, den Umgang mit Menschen auf der Flucht, Profite aus ausbeuterischen Wirtschaftssystemen, Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit und vieles mehr. Jeder Mensch besitzt ein feines, inneres Wertesystem. Wird dieses verletzt, hinterlässt das Spuren – nicht nur im eigenen Leben, sondern oft auch über Generationen hinweg. Starke Erfahrungen verändern epigenetische Marker, die an die Nachkommen weitervererbt werden. Während also der konkrete Inhalt in Vergessenheit geraten kann, bleiben die Muster erhalten – oft in Form unerklärlicher Schuldgefühle, innerer Unruhe oder eines nicht greifbaren „Falschfühlens“.

Die Lösung solcher Verstrickungen liegt dabei nicht in der genauen Analyse oder im zwanghaften Aufdecken der Vergangenheit. Vieles ist ohnehin nicht mehr rekonstruierbar, und die Geschichte der eigenen Familie oder Gesellschaft ist selten neutral überliefert.

Auch wenn es im Außen oder in unserem Alltagsverständnis keine Ausgleichsverpflichtung dafür gibt, am Leben oder gesund zu sein, eine Situation besser als andere überstanden oder es gut zu haben: Das Leben strebt nach einer größeren Balance. Diese Balance kann am besten mit bewusstem Ausgleich wieder hergestellt werden: Wie kann ich – als Dank für mein gutes Leben – möglichst viel Gutes in die Welt bringen?

Gemeinschaft

Als Menschen sind wir Teil einer größeren Gemeinschaft oder Gesellschaft, denn kein Mensch kann für sich allein überleben. Damit das Zusammenleben und -wirken funktioniert, gab es immer schon Regeln und Gesetze. Angefangen bei den Stammeskulturen mit ihren Ritualen und spirituellen Hierarchien, weiter zu den zehn Geboten, die uns seit Tausenden von Jahren prägen, bis hin zur modernen Gesetzgebung und den Ordnungssystemen unserer Gesellschaft. Nicht immer gelingt es uns, alle Gebote und Gesetze einzuhalten, nicht immer leben wir ethisch und moralisch völlig korrekt – nicht einmal nach den eigenen Ansprüchen. Jede Handlung und jede Unterlassung hat Auswirkungen: Bei Vergehen gegen menschliche Gesetze droht uns Strafe vom Gesetzgeber. Bei moralisch-ethischem Unrecht meldet sich die Seele bzw. das schlechte Gewissen.

Ein Verstoß gegen die Regeln wurde immer schon mit Strafe geahndet. Als stärkste Konsequenz wurde mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft gedroht (was dem Tod gleichkam) oder über das Leben hinaus mit Fegefeuer oder gar Hölle. Klingt antiquiert, funktioniert aber in der modernen Gesetzgebung nicht so viel anders. Auch heute arbeiten wir mit Schuldprinzipien, Sanktionen und dem Ausschluss aus dem System – ob durch Gefängnisstrafen, soziale Ächtung oder bürokratische Strukturen, die Fehlverhalten unnachgiebig ahnden. Der Fokus liegt hierbei selten auf Heilung oder Ausgleich, sondern auf Abschreckung und Kontrolle.

Dabei zeigt sich aber immer wieder, dass die dadurch entstehende Angst vor Strafe das Verhalten nur oberflächlich verändert. Sie schafft Gehorsam, aber keine echte Einsicht. Was fehlt, ist ein Raum für echte Verantwortung – jenseits von Schuldzuweisungen. Ein Raum, in dem Fehler, Irrtümer, Nachlässigkeiten und sogar Schuld als Teil des Menschseins gesehen werden dürfen, um daraus zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Es braucht weniger Strafe – ob vom Staat oder von der Religion – und mehr Bewusstsein. Weniger Autorität und mehr Selbstverantwortung.

In der jüngeren Vergangenheit hat auch die Corona-Zeit ein schlechtes Bild unserer Gesellschaft gezeichnet. Allzu strenge Regelungen „von oben“ und teilweise radikaler Widerstand „von unten“ haben zu extremen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Menschen geführt, Freundschaften und Familien entzweit und Unverständnis gesät. Der Egoismus und die unerbittliche Verteidigung der eigenen Standpunkte sind in der Zeit der Krise noch stärker geworden.

Das müsste nicht so sein. Berichte aus Krisenregionen zeichnen zum Glück auch ein ganz anderes – positiveres – Bild der Menschheit. Zwar berichteten während der Flutkatastrophe in New Orleans die Medien vorerst massenhaft von Plünderungen und Gewalttaten. Bei anschließender Analyse kam es zu überraschenden Ergebnissen: Die Plünderungen fanden statt, die gestohlenen Lebensmittel wurden jedoch meist an die hungernde Bevölkerung verteilt. Die Gewalttaten waren in Relation zu all den Hilfeleistungen und solidarischen Handlungen unter den betroffenen Menschen nur gering. Das Buch „Im Grunde gut“ des Historikers Rutger Bregman zeichnet in zahlreichen Beispielen aus aller Welt ein hoffnungsvolles Bild.

Vielleicht ist es eine Utopie von einer Gesellschaft zu träumen, die ohne Strafe auskommt und in persönlicher und globaler Verantwortung handelt. Eine Gemeinschaft von Menschen, die aufeinander achten und bestehendes Ungleichgewicht ausgleichen. Das wird wohl – selbst in Ansätzen – nur zu realisieren sein, wenn wir uns wieder auf unsere innersten Seelenqualitäten besinnen.

Seele

Im Alltagsverständnis sprechen wir von der Seele, wenn es um unser innerstes Erleben, unsere Empfindungen, unsere Verletzlichkeit und unser ureigenstes Wesen geht. Seele ist ein Wort, das für Lebendigkeit, Gefühlstiefe und innere Wahrheit steht. In diesem Sinne meint die Seele mehr als Gedanken und Emotionen. Sie ist das, was in uns schwingt, wenn Worte fehlen. Sie ist der Teil von uns, an dem wir tiefste Trauer empfinden, höchste Freude spüren, Verbundenheit erleben, lieben, hoffen, leiden – und manchmal auch einfach nur sind.

In vielen religiösen Traditionen gilt die Seele als das göttlich Inspirierte im Menschen, das Unvergängliche, das den Tod überdauert. Im Christentum etwa ist die Seele ein von Gott geschaffenes, einzigartiges Wesen, das in Beziehung zu ihm steht. Sie ist die Trägerin von Bewusstsein und Gewissen, aber auch von Freiheit und Verantwortung.

Im Islam gilt die Seele als Prüfstein für das moralische Handeln und als Verbindung zum Schöpfer. In östlichen Religionen wie dem Hinduismus oder Buddhismus ist die Seele Teil eines größeren Ganzen und im Zyklus von Geburt und Wiedergeburt eingebunden.

In einer allgemeinen spirituellen Sichtweise – die ich hier vertiefen möchte – ist die Seele unser innerstes Wesen, unser Kern. Sie ist jener Teil von uns, der in tiefer Verbindung mit allem Lebendigen steht – mit der Natur, dem Universum, dem großen Ganzen, einem höheren Sinn. Spirituelle Philosophien sprechen davon, dass wir eine Seele sind, die für die Zeit unseres Lebens in einem Körper wohnt. Die Seele ist damit Trägerin unserer Lebensaufgabe, unserer Einzigartigkeit und unserer Echtheit. Sie zeigt sich meist nicht laut, sondern oft leise: im Mitgefühl, in Momenten stiller Klarheit oder tiefer Sehnsucht nach Ausgleich und Verbundenheit.

Auch in der Psychologie ist der Begriff Seele präsent, wenngleich etwas vorsichtiger verwendet. Im klassischen Sinn meint „Psychologie“ ursprünglich die Lehre von der Seele.

Heute spricht man meist von Psyche, wenn man kognitive, emotionale und unbewusste Prozesse beschreibt. Dennoch: Auch die moderne Psychotherapie geht davon aus, dass Menschen nicht nur „funktionieren“, sondern sich seelisch entwickeln.

Die Seele im spirituellen Sinn unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, zwischen schwierig und leicht, zwischen angenehm und unangenehm. Sie ist – und sie macht Erfahrungen. Für das menschliche Bewusstsein, unsere Persönlichkeit mit ihren Vorlieben, Wünschen und Verletzbarkeiten sind diese Erfahrungen mitunter schmerzhaft und belastend. Gerade diese Herausforderungen tragen aber möglicherweise besonders viel zum Wachstum der Seele bei.

Das menschliche Leben ist wohl ohne Schuld, schlechtes Gewissen, Kränkung, Enttäuschung und Schmerz nicht erfahrbar. In den konkreten Umständen und mit den betreffenden Menschen ist auch nicht immer alles davon zu lösen und zu heilen. Dennoch können wir selbst mit all dem in einen inneren Ausgleich kommen. Tiefer innerer Frieden, Verbundenheit mit sich selbst und der Welt ist möglich und unabhängig von äußeren Gegebenheiten für uns erreichbar. Dazu braucht es allerdings zuerst eine Hinwendung zu uns selbst und all den schmerzhaften Themen, die noch auf Erlösung warten. Eine Hinwendung zum Gleichgewicht der Seele.

Vergebung und Ausgleichsanspruch

Sprechen wir über Schuld gibt es auch immer die andere Seite: Jene, die gelitten haben und an denen Schuld erzeugt wurde. Solange hier kein Ausgleich geschieht, bleibt die Balance der Seele unausgewogen.

All jene, die Schuld auf sich geladen haben, schlechtes Gewissen spüren oder das Gefühl haben, etwas ausgleichen zu müssen, können Anregungen in den systemischen Ausgleichsprinzipien finden. Dazu noch mehr an einer späteren Stelle. Dazu ist es nicht nötig, tatsächlich etwas „Böses“ getan zu haben. Positiver und freiwilliger Ausgleich bringt Fülle ins Leben und nährt eine höhere Ebene in uns selbst.

Aber auch jene, die unschuldig sind und Verletzungen tragen, müssen oft selbst für Ausgleich sorgen. Wer lange anhaltenden inneren Groll in sich trägt, vergiftet sich von innen. Manche Taten sind kaum verzeihbar und dennoch können wir in Frieden damit kommen. Die eigene Geschichte, all die Wunden die uns geprägt haben und all die Erfahrungen machen uns zu dem, was wir heute sind. Ich kann es für mich so sehen, dass ich nichts davon in meinem Erfahrungsschatz missen möchte und zugleich vieles nicht noch einmal erleben will.

Bleibe ich in der Wut und in der Abwertung jener, die mir etwas angetan haben, bin ich an das Vergangene gebunden. Meine Persönlichkeit und meine Seele können die Essenz der Lernerfahrung erst dann nützen, wenn wir vergeben, ausgeglichen und losgelassen haben. Bleibe ich im Schmerz hängen, verliere ich anhaltend an Kraft und Gestaltungsmöglichkeiten.

Zugegebenerweise ist das nicht immer einfach. Daher hier nur der erste Hinweis auf die Balance der Seele, die auch die Vergebung einschließt. Auch dazu an einer späteren Stelle noch mehr.

Unbewusste Schuld-Signale