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Ines Kiefer ist 19, begeisterte Tänzerin und gerade dabei, das Leben zu entdecken. Doch dann wird bei ihr ein Rippentumor diagnostiziert, der alles für immer verändern wird: Bei der Operation treten Komplikationen auf, und als Ines aus der Narkose erwacht, spürt sie ihre Beine nicht mehr. Sie ist querschnittgelähmt, alle ihre Zukunftsträume scheinen auf einen Schlag zerplatzt. Doch Ines gibt nicht auf. Mutig erobert sie sich Stück für Stück ihren selbstbestimmten Alltag zurück und sucht ihr Glück – nun eben auf Rädern. Sie erlebt die Höhen und Tiefen der Liebe, bekommt ein Kind, das sie alleine erzieht, und erfüllt sich einen langgehegten Traum: Sie nimmt an einem Modelwettbewerb teil. Das Glück geht nicht zu Fuß von Ines Kiefer: bewegende Biografie im eBook!
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2011
Ines Kiefer / Shirley Michaela Seul
Wie mein Leben ins Rollen kam
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Mit 19 Jahren reißt die Diagnose »Rippentumor« die begeisterte Hobbytänzerin Ines Kiefer aus ihren Zukunftsträumen. Kurz darauf wird ihr Lebensmut auf eine weitere harte Probe gestellt. Denn bei der operativen Entfernung des Tumors treten Komplikationen auf: als Ines aus der Narkose erwacht, ist sie querschnittsgelähmt. Doch schon bald erkennt sie, dass sie weiterhin ein selbstbestimmtes Leben voller Glück führen kann – eben nur auf Rädern. Sie erlebt die Höhen und Tiefen der Liebe und meistert den Alltag als alleinerziehende Mutter. Ines lernt das Leben lieben – und bewirbt sich bei einem Modelwettbewerb!
Für Tim und Erik
Mein Leben auf Beinen
Planwirtschaft
Drei rothaarige Orgelpfeifen
Liebe auf den ersten Blick
Keine Zugabe für Dani
Vier Sterne
Von Teddybären und richtigen Männern
Freiheit für die Füße
Glück auf 7,5 Quadratmetern
Die Hundehütte
Schnabelwaid
Das Ding in meiner Brust
Erdbeerzeit
Von einem Piks zum nächsten
16. Juni 1999
Nebelbänke
Fingerspiele
Mein Leben auf Rädern
Im Korsett
Ohne Befund
Die Postbotin
Survival Training
Heimaturlaub
Das schwarze Cabrio
Startpunkt
Weidenberg
Die Rettung
Erste Hilfe
Geheime Zeichen
Hochzeit auf Rädern
Rendezvous mit Anstandsdame
Zug um Zug: Umzug
Privileg Behinderung
Mein Bein steht nicht auf Tattoos
Neustart mit Hindernissen
Das dunkle Zimmer
Von der Reha ins Wirtschaftsministerium
Der überfahrene Schleier
Männer sind anders. Frauen auch.
Sitzstreik
Der Herzenswunsch
Das Traumhaus
Nestbau
Tim ist da!
Baby an Bord
Der Rasen, der Müll, der Mann
Frei!
Chefallüren
Die Nummer eins: Tim
Punkte zählen
Zeit der Abschiede
Model auf Rädern
Tim und Herr Krupp
Beautys in Motion
Die Gespenstheuschrecke
Spielraum
Der Nachbar
Das Finale
Der nervöse Nikolaus
Der perfekte Mann
Wenn ein Pullover Wunder bewirkt
Noch mal von vorne
Die Familienzusammenführung
Die Elternzusammenführung
Nie mehr Schule!
Das Rätsel Frau
Das Paradies ist normal
Erik ist da!
Glück im Doppelpack
Happy End
Danksagung
Für Tim und Erik
Wenn ich im Rollstuhl sitzen würde, ich glaube, ich würde mich umbringen«, sagte ich zu meiner Freundin Manu.
Sie nickte. »Ich mich auch. Das ist doch kein Leben. Wir könnten nicht mehr tanzen!«
»Das will ich mir gar nicht vorstellen«, erwiderte ich und schaute dem alten Mann nach, der mit seinem Rollstuhl mühsam über den schlammigen Parkplatz fuhr. Ein kleiner grauer Terrier mit einem violetten Halstuch – Clubfarbe von Dynamo Dresden – trottete neben ihm her.
Manu, die ich schon seit dem Kindergarten kenne, zupfte mich ungeduldig am Ärmel meines funkelnagelneuen weißen T-Shirts. »Komm, lass uns endlich reingehen!«
Das Wummern des Basses drang bis vor die Tür des Ballhauses Tivoli und vibrierte leicht in meinem Bauch wie zuvor das Grollen des weiterziehenden Sommergewitters. Manu warf einen prüfenden Blick in eine Fensterscheibe und stöhnte auf.
»Guck dir mal meine Haare an, wie die runterhängen. Gerade erst gewaschen und geföhnt, und jetzt schlabbert das alles schon wieder. Wenn der Große mit den blonden Haaren da ist! Was soll der denken?«
»Du siehst toll aus!«
»Ne, das denkt der bestimmt nicht!«
»Aber ich!«, blieb ich hartnäckig.
»Ich glaube, ich geh noch mal föhnen. Oder hast du Haarspray dabei?«
»Quatsch! Wir gehen jetzt da rein.«
»Du willst ja nur so schnell auf die Tanzfläche, weil du hoffst, dass er wieder da ist.« Manus braune Augen blitzten mich herausfordernd an.
»Kann schon sein«, grinste ich. Irgendeinen »Er« gab es immer, aber diesen hier gab es schon ziemlich lange. Mindestens drei Wochen, eine beachtliche Zeitspanne für eine Sechzehnjährige.
Manu kramte in ihrer Tasche nach ihrem Toupierkamm, und ich stand mir die Beine in den Leib. Tänzerinnenbeine. Lange Beine. Schöne Beine. Muskulöse Beine. Manu und ich waren beide Gardetänzerinnen. Das Tivoli – Ballhaus ließen wir weg – war unsere Stammdisco. Viel Auswahl hatten wir in Freiberg nicht, obwohl die Stadt rund 50 000 Einwohner zählt. Freitagabend gehörte das Tivoli der Jugend, Samstagabend nahmen es die Alten zwischen 25 und 35 in Beschlag. Hier hatten schon die Puhdys gespielt, das hatten Manu und ich uns natürlich nicht entgehen lassen. Und hier traten wir auch als Gardetänzerinnen mit dem FKK, dem Freiberger Karneval Klub, auf und warfen unsere Beine hoch in die Luft beim Cancan.
Ein seltener Moment im Tivoli: Ich bin nicht auf der Tanzfläche.
Stark waren meine Beine. Und unermüdlich. Die konnten sprinten wie verrückt. Und 1000 Meter laufen in einer Superzeit. In meiner Klasse war ich die Schnellste und ließ auch ein paar von den Jungs auf der Aschenbahn im roten Staub hinter mir.
Launisch waren meine Beine. Nicht, dass ich überall Sonnenbrand gekriegt hätte, ne, immer zuerst auf den Knien. Die leuchteten dann knallrot. Und das, wo ich doch so gern Hot Pants trug. Röcke eher weniger, außer in der Disco. Miniröcke, na klar, mit braunen Strumpfhosen drunter für den Bronzeteint.
Für die nötige Bodenhaftung beim Tanzen sorgten meine Füße. Schöne, schmale Füße, Schuhgröße 36, mit zehn Zehen, die ich spreizen konnte und rauf und runter bewegen. Als Kind hatte ich eine Weile am Ballettunterricht teilgenommen. Seither musste mir nie jemand sagen »Spitz die Füße«, die waren immer gespitzt bei mir. Automatisch. Ich mochte das Graziöse, das Muskulöse. Wenn ich mit dem großen Zeh irgendwo dranstieß, dann spürte ich das. Ich spürte es auch, wenn ich meine Füße zu sehr malträtierte. Ich liebte High Heels – je höher, desto besser. Bei einer Körpergröße von 1,62 Meter konnte es mir gar nicht hoch genug sein.
Manchmal habe ich meine Beine eingecremt. Gedankenlos, so vermute ich heute, denn ich erinnere mich nicht richtig daran, wie das ist, wenn man seine Beine eincremt und das auch spürt. Wie sich das anfühlt, wenn man mit frisch rasierten Beinen im Sommerwind steht. Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn noch Härchen dran sind … oder? Ich glaube schon. Jeden Frühling das Glücksgefühl, wenn man das erste Mal kurze Sachen anziehen und mit nackten Füßen in Sandalen schlüpfen kann. Freiheit für die Zehen! Barfuß durch nasses Gras laufen und durch flaches Wasser am Ufer und auch mal in eine Pfütze springen. Überhaupt: Barfuß laufen! Piksende Kieselwege entlang. Rennen, rennen, rennen, bis es in der Lunge sticht.
Oder Muskelkater vom Training. Wenn ich kaum mehr auftreten konnte, weil ich zu viel fürs Auftreten im Tivoli geprobt hatte. Und manchmal ganz müde Beine. Eingeschlafene Füße, und wenn sie aufwachen, dieses Kribbeln. Das alles und noch viel mehr hatte ich mit meinen Beinen erleben dürfen. Sechzehn Jahre schon trugen sie mich durchs Leben. Die Treppe hoch in die Wohnung meiner Eltern. Wie oft habe ich mich über diese Stufen geärgert, weil ich sie mit dem schweren Schulranzen hochstürmen musste. Schnell weg damit und raus. Wenn Manu und ich mal wieder abnehmen wollten, gingen wir im Wald joggen oder radelten durch das hügelige Umland. Zur Belohnung für die verlorenen Pfunde bummelten wir durch die Stadt, und hin und wieder kauften wir uns auch etwas. Für modebewusste junge Frauen wie uns war die Mauer gerade zur rechten Zeit gefallen.
Das Theater, in dem der FKK trainierte, befand sich mitten in der Stadt. Freiberg liegt am Fuße des Erzgebirges. Die nächstgrößeren Städte sind Chemnitz und Dresden, aber das war schon fast eine Weltreise. Im Sommer ging ich mit Manu gern ins Schwimmbad. Wir sprangen ins Becken, dass es nur so spritzte, und natürlich standen wir viel zu nah am Rand, damit uns die Jungs hineinschubsten. Dann tauchten wir tief unter, und unsere Beine paddelten uns wieder nach oben. Wir kraulten um die Wette und schluckten vor Lachen literweise Chlorwasser.
Das Leben war schön. Im Sommer vielleicht ein bisschen schöner als im Winter, dafür begann im Winter der Karneval, und das war das Schönste überhaupt. Auf der Bühne stehen, marschieren und die Beine hoch in die Luft werfen. Und tanzen. Und rennen. Und gehen. Einfach nur gehen. Zur Toilette zum Beispiel. Dazu braucht man Beine. Was bleibt übrig, wenn die Beine fehlen? Aber wer denkt schon an so was? Ich bestimmt nicht! Was sollte mir passieren? Ich war ein Glückskind!
Mitten im Sommer geboren, am 5. Juli 1979, und von allem die Sahne abgeschöpft. Zehn Jahre lang DDR: viel Gemeinschaft und jede Menge Unternehmungen mit anderen zusammen, tolle Basteleien mit meinem Vati und sonnige Tage in unserem Schrebergarten. Nach dem Mauerfall dann alle Vorteile des Westens: Barbie-Puppen, ein Fahrrad, Fernsehen, schöne Kleider. Und endlich mal woanders hin in den Urlaub fahren als an die Ostsee – obwohl wir damit privilegiert gewesen waren. Jetzt flogen wir. Griechenland. Zypern. Das Meer war warm und blau, und ich blieb im Wasser, bis meine Haut schrumpelig wurde und meine Knie mit den saftigen Strauchtomaten um die Wette leuchteten.
Zwei Jahre nach der Hochzeit meiner Eltern erblickte ich das Licht der Welt. Als Wunschkind! Mein Vater arbeitete in Muldenhütten, einem Ortsteil von Freiberg, als Elektriker. Meine Mutter hatte studiert und arbeitete in der Staatsbank. Geschwister habe ich keine. Dafür hatte ich immer einen Wellensittich, und heute habe ich sogar mehrere in einer großen Voliere. Als kleines Kind wünschte ich mir Geschwister; als ich älter wurde, war ich froh, dass ich nicht ständig auf die Kleinen aufpassen musste wie einige meiner genervten Freundinnen, die ihre quengelnden Schwesterchen und Brüderchen immer im Schlepptau hatten.
Ein historischer Moment: Das erste Mal alleine stehen.
Meine Mutter gab mich, wie das in der DDR üblich war, mit eineinhalb Jahren in die Krippe. Mir wurde erzählt, dass es mir dort gut gefallen hat. Ich erinnere mich vage an einen blauen Kipplastwagen, den ich unermüdlich über den Hof schob. Danach besuchte ich den Kindergarten, dann die Schule und den Hort. Was kann einem Einzelkind Besseres passieren, als in der Gesellschaft vieler Kinder aufzuwachsen! Ich konnte mich aber auch gut mit mir selbst beschäftigen. Spielsachen hatte ich nicht so viele, da meine Eltern eher sparsam wirtschafteten und bei jeder anstehenden Neuanschaffung gründlich überlegten, ob man sie wirklich brauchte. Da zog Spielzeug naturgemäß den Kürzeren. Puppen interessierten mich wenig. Erst später, als wir Zugriff auf Barbie hatten. Ich bevorzugte Autos. Unsere Verwandtschaft in Westberlin schickte hin und wieder ein Matchboxauto.
Ganz in meinem Element war ich beim Basteln und Handwerken. Mit dem Holzbaukasten baute ich Garagen für meine Spielzeugautos und mit dem Elektro- und Metallbaukasten einen fahrtüchtigen Lkw. Mein Vater, ein begnadeter Bastler, half mir gern. Baukästen zählten übrigens nicht zum Spielzeug, sondern zu den wesentlichen Dingen – deshalb wurde hier nicht so streng gespart, was sicherlich auch an dem kleinen Jungen lag, der in meinem Vater steckte. Ich glaube nicht, dass er sich einen Sohn gewünscht hat – und wenn doch, habe ich mein Bestmögliches gegeben, ihm den herbeizubasteln.
Unser Schrebergarten war unterteilt in zwei Hoheitsgebiete: die Laube als Wohnbereich – hier regierte meine Mutter – und den Schuppen mit dem Plumpsklo. Dort war alles untergebracht, was wir für die Gartenarbeit benötigten, außerdem die Werkbank mit allen Werkzeugen und so wunderbare Dinge wie der Schraubstock und die Drechselbank. Ich war gern im Schuppen, hier konnte ich viel abstauben: Holzreste oder andere Überbleibsel. Stets hielt ich die Augen offen, wo etwas für mich abfallen könnte. Und dann überlegte ich: Wofür kann ich das gebrauchen? Möbel für die Puppe einer Freundin? Oder eine Kiste zusammennageln? Hämmern war mir überhaupt das Liebste. Mein Vater brachte mir den Umgang mit Hammer und Nagel früh bei. So waren wir beide beschäftigt, jeder arbeitete vor sich hin. Ab und zu brauchte ich jedoch Hilfe.
»Vati guck mal, das passt nicht, kannst du mir das absägen?«, fragte ich dann.
»Gleich Ines, wenn ich das hier fertig habe«, bat er und unterbrach seine Arbeit meistens doch sofort. Später forderte er mich manchmal auf, geduldiger zu sein. Das hat er mir allerdings nicht wirklich beigebracht, weil er immer gleich da war. Sogar, wenn er vorher »Warte mal« sagte.
Zu Hause saß ich stundenlang neben ihm und beobachtete, wie er etwas reparierte, klebte oder lötete.
»Was ist das?«, fragte ich ihm ein Loch in den Bauch, während er Löcher flickte, und er erklärte mir alles wohlüberlegt, ruhig und mit für mich gut verständlichen Beispielen.
Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Handwerkliches Wissen erleichtert den Alltag enorm. Aber natürlich weiß ich längst nicht so viel wie mein Vater. Er ist sehr erfinderisch, und Probleme werden stets sofort gelöst. Heute noch rufe ich ihn oft an, und am Telefon erklärt er mir, wie ich beispielsweise eine Lampe anschließen soll.
»Das Kabel teilt sich in drei Drähte: gelb-grün, blau und schwarz oder braun. Hast du die Sicherung draußen?«
»Natürlich, Vati. Das habe ich als Erstes gemacht.«
»Sehr gut, Ines. Hast du auch die Lüsterklemme parat?«
»Klar, Vati.«
»Dann gehen wir nun Schritt für Schritt vor. Bist du bereit?«
»Bin ich, Vati.«
Einmal reparierte ich sogar einen Fernseher unter seiner Anleitung. Mein Vater ist meine Hotline. Er gibt mir nie das Gefühl, etwas nicht zu können. Er sagt »Ich würde das so machen …«, und dann bekomme ich einen Tipp. Auch von meiner Mutter hätte ich bestimmt viele Tipps bekommen, doch die Abteilung Haushalt/Kochen/Ordnung interessierte mich nicht besonders. Ich habe lieber gehämmert als gerührt.
Meine Mutter managte unsere kleine Familie. Vor der Wende kamen wir alle um 16 Uhr nach Hause, Vati von Muldenhütten, Mutti von der Bank, ich vom Hort. Um 17 Uhr stand das Abendessen auf dem Tisch. Wurst, Käse, Butter, Brot.
Am Wochenende wurde samstags nach dem Frühstück die Wohnung geputzt. Zuerst wischte meine Mutter Staub. Danach saugte sie. Sie wusch auch die Wäsche, mein Vater hängte sie auf – je nach Wetter entweder im Hof oder auf dem Dachboden. Um 12 Uhr gab es Mittagessen, meistens ein einfaches Gericht: Suppe oder Nudeln.
Nach dem Essen ging mein Vater zum Rauchen in den Keller. In der Wohnung durfte er das nicht. Im Keller roch es nach Staub, Kartoffeln und Kohlen – wir hatten ja alle Kohleöfen und schleppten die schweren Eimer nach oben. Meine Mutter musste meinen Vater nicht an den Müll erinnern. Er nahm ihn unaufgefordert mit nach unten. Kam er zurück, war meine Mutter schon dabei, die Küche zu wischen. Mein Vater wischte – wenn unsere Familie an der Reihe war – das Treppenhaus.
Im Anschluss legten sich meine Eltern zu einem Mittagsschläfchen hin. Mutti ins Bett, Vati auf die Couch im Wohnzimmer. Als ich klein war, musste ich auch schlafen. Später durfte ich mit Kopfhörer im Wohnzimmer fernsehen, während Vati schlief. Manchmal zuckten seine Füße im Schlaf. Das fand ich lustig. Noch lustiger fand ich es, wenn er von seinem eigenen Schnarchen erschrocken hochfuhr.
Alles war bei uns geregelt. Alles verlief nach Plan. So war man vor Überraschungen sicher. Irgendwie gruselig, irgendwie aber auch schön. Nach dem Schläfchen war Freizeit. Na ja, die Großeltern oder andere Leute besuchen – oder eben ab in den Garten. Sonntags kochte hin und wieder mein Vater, dann gab es Fleisch: Schnitzel oder Gulasch oder Rouladen. Fleisch kam bei uns nur sonn- und feiertags auf den Tisch. Vati und Mutti aßen werktags in der Kantine und ich in der Schule. Mein Vater half viel im Haushalt mit. Ich hätte mehr helfen sollen. Meistens gelang es mir, mich zu drücken. Nur beim Abtrocknen klappte das nicht. Da gab es kein Entkommen.
Am Abend sahen wir manchmal fern. Auch als ich größer war, guckte ich das Sandmännchen noch gerne. Zehn vor sieben konnte ich als Erstes an den Uhrzeigern ablesen. Als ich älter wurde, wollte ich danach natürlich nicht gleich ins Bett. Ich probierte es mit allen möglichen Tricks. Vati konnte ich manchmal erweichen, Mutti nie. Bei ihr musste immer alles nach Plan laufen.
Um Dani bin ich lange herumgeschlichen. Es gab im Tivoli einen Rang, von dem aus man die Tanzfläche hervorragend beobachten konnte. Es war ein bisschen wie Ansitzen auf einem Jägerstand. Nun, auf der Pirsch waren wir auch, Manu und ich und alle anderen. Dani trug sein braunes Haar glatt und dazu einen goldigen Schnauzer. Er war groß und schlank, und stets hing ein offenes Hemd über T-Shirt und Jeans. Mit den Händen in den Hosentaschen balzte er am Rand der Tanzfläche. Ich behielt ihn gut im Visier.
Eines Tages dachte ich: So kann es nicht weitergehen. Ich stöckelte ein paar Mal an ihm vorbei, ließ meine Hüften schwingen, fasste Mut und sprach ihn einfach an.
»Dass du dich das traust!«, staunte Manu später. »Ich würde das nie wagen.«
»Sonst wird’s ja nix!«
Es wurde was. Allerdings nur bis Mitternacht, denn da wartete mein Vati im Toyota vor dem Tivoli. Und ich stolzierte hinaus auf meinen schönen Beinen. Freitag für Freitag. Manchmal verspätete ich mich ein bisschen. Vati hatte Geduld mit mir. Einmal ließ ich ihn aber sehr lange warten, und da war er sauer. Aber das machte mir gar nichts aus. Ich war nämlich verliebt, zum ersten Mal hatte es mich richtig erwischt.
Dani fuhr auch einen Toyota. Er war sogar Elektriker. Ich weiß nicht, ob diese Ähnlichkeit mit meinem Vater dazu beitrug, dass Dani nach einem Jahr bei mir übernachten durfte und ich bei ihm. Er wohnte mit seiner Mutter und drei Schwestern in einem kleinen Dorf, in dem es alles gab, was dazu gehört. Haus, Hund, Kirche, und auf der Straße kannten sich alle. Es begeisterte mich, dass ich die Tür öffnen konnte und sofort draußen war, ohne dreitausend Treppenstufen runterzuspringen – was für eine Zeitverschwendung! Große Freude bereitete es mir, den Hund in der schönen Natur Gassi zu führen.
In Danis drei kleine Schwestern war ich fast so verliebt wie in ihn. Nebeneinander sahen sie aus wie die berühmten Orgelpfeifen. Alle drei hatten feuerrotes Haar. Einmal war ich mit Dani und den drei Kleinen beim Rummel in Freiberg. Manche Leute starrten uns entgeistert an. Sie hielten uns für die Eltern und rechneten angestrengt, wie wir das geschafft haben mochten mit den Zwergen im Alter von zwei, vier und fünf Jahren.
Dani und ich konnten nicht voneinander lassen. Die meiste Zeit verbrachten wir in seinem Zimmer. Manchmal holte er mich von der Schule ab. Das gefiel mir gut: ein volljähriger Freund mit Auto, der vor dem Schultor wartete. Manu fand ihn auch ganz nett. Ihre Meinung war natürlich wichtig. Bei ihr schüttete ich zuweilen mein Herz aus, in dem leider manchmal ein giftiger Stachel steckte: Danis Ex-Freundin. Auf die war ich eifersüchtig. Sie tanzte in der Garde im Nachbardorf, und das wurmte mich. Dani war aber nicht weniger eifersüchtig. Einmal fuhren zwölf Mädchen aus der Garde bei einer Werbeaktion als Osterhasen verkleidet in sechs Cabrios durch Freiberg. Dani behauptete, er habe die Wagen gezählt, und »mein« Cabrio habe gefehlt.
»Es waren nur fünf, und du warst nicht dabei! Wo hast du dich rumgetrieben mit dem Fahrer? Was habt ihr gemacht?«
»Du spinnst doch!«, war alles, was ich auf diesen Unsinn erwidern konnte.
»Ne! Ich bin nur nicht blöd!«, beharrte er stur.
Solche Szenen stressten mich. Höchstens im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, mit einem Cabrio-Fahrer durchzubrennen. Ich war Dani treu, der doch eigentlich wissen sollte, dass eine Gardetänzerin als Freundin und Eifersucht nicht zusammenpassen. Da wird Mann sonst verrückt.
Gardetänzerinnen sehen toll aus. Alles glitzert. Sie haben eine gewichtige Portion Selbstbewusstsein, denn sie müssen es aushalten, bewundert zu werden. Sie verkleiden sich gern. Röcke, Oberteile, hohe Stiefel zum Schnüren oder auch mal mit Reißverschluss. Eine Gardetänzerin hat viel Energie und Kondition, denn nach dem Auftritt mischt sie sich unter das Volk – und das feiert im Fasching bis zum Umfallen.
Gardetänzerin in Gardeuniform.
Ich habe diese Veranstaltungen geliebt. Das ganze Drumherum. Raus aus dem Alltag. Die Aufregung davor. Sich verkleiden. Die Perücken. Die Schminke. Dezent war hier nicht gefragt. Und dann der Rhythmus der Musik, der mir direkt in die Beine fuhr. Alle machen das Gleiche, und jede in der Gruppe weiß, was sie zu tun hat – und dann der Applaus. Das Schönste war, wenn das begeisterte Publikum »Zugabe!« rief.
Manche Jungs warteten am Ausgang der Garderobe auf die Tänzerinnen: »Darf ich bitten?«
Neugierig probierte ich aus, wie weit ich gehen konnte. Mit Vergnügen brachte ich manches Jungmännerherz zum Rasen, und hin und wieder endete ein nettes Gespräch mit einer einseitigen Verliebung. Bei mir gab es aber nichts zu holen. Ich war mit Dani zusammen, und Treue war mir wichtig. Ich genoss es einfach, jung, attraktiv und voller Lebensfreude zu sein. Ich genoss es, auf der Bühne zu stehen. Zu flirten, zu tanzen, zu lachen und zu springen. Ich genoss es, Teil einer Truppe zu sein, dabei als Einzelne mein Bestes zu geben, aber eben nur gemeinsam wirklich gut zu sein. Allein auf der Bühne? Lieber nicht.
Beim Rentnerfasching saßen meine Großeltern im Publikum, und ich bildete mir ein, meiner Oma von den Lippen ablesen zu können. Sie deutete auf mich und sagte zu ihrer Sitznachbarin: »Das ist meine Enkelin. Da oben, das ist die Ines.«
Mein Opa hatte ein ganz rotes Gesicht, weil er so stolz auf mich war.
»Ines, du machst deinen Weg«, sagte er manchmal zu mir.
»Ich hoffe es«, erwiderte ich dann auf diesen Erwachsenenspruch. Insgeheim hoffte ich es nicht nur, ich wusste es.
Mit drei oder vier Jahren nahm ich eine Weile am Ballettunterricht in unserem Theater teil. Ich war die Kleinste in der Gruppe. Einmal wurde im Theater Gräfin Mariza, eine Operette in drei Akten, aufgeführt, und da wurde auch der Nachwuchs eingespannt. Leider war ich bei den Proben krank und bekam deshalb bei der Premiere eine Sonderrolle. Ich durfte auf den Schultern des Hauptdarstellers sitzen. Das fand ich klasse!
Unsere Tanzlehrerin sah genauso aus, wie man sich eine ehemalige Primaballerina vorstellt: mager und sehnig, ihr langes graues Haar hatte sie stets zu einem festen Zopf geflochten – und sie war streng.
»Bauch rein, Po raus!« Ihre Stimme kann ich noch immer hören, auch wenn ich ihren Namen vergessen habe. In dem hellen Ballettsaal mit dem glatten Holzboden gab es die klassische Spiegelwand mit Stange und einen Flügel. Manchmal lagen in einer Ecke Ballerinaschuhe für Spitzentanz. Diese Schuhe faszinierten mich. Ich hätte mich allerdings nie getraut, mal hineinzuschlüpfen, und als ich alt genug dafür gewesen wäre, war ich dem Ballett bereits entsprungen. Meiner Tanzlehrerin verdanke ich, dass ich bis heute die anmutige Fingerhaltung vom Ballett beherrsche. Kaum strecke ich meine Arme aus, formen sich meine Finger in Grazie. Wahrscheinlich könnte ich sogar noch die Fußhaltung einnehmen … wenn ich könnte.
Als sich dann in der Schule herausstellte, dass ich eine hervorragende Sprinterin und 800-Meter-Läuferin war, tauschte ich das Ballett gegen die Leichtathletik. Auch hier gab es Auftritte für mich, nur dass die jetzt Wettkämpfe hießen. Doch die Leichtathletik machte mich nicht so froh wie das Ballett. Da meinte meine Mutter, ich solle mir doch mal die Funkengarde anschauen. Es war Liebe auf den ersten Blick, kurz nach der Wende, und ich blieb dabei. Auch wenn der Karneval nur rund vier Monate dauert: Nach der Saison ist vor der Saison.
Wir studierten das ganze Jahr über Tänze ein. Zuerst war ich bei den Kleinen, da ging es vor allem ums Marschieren und In-der-Reihe-Tanzen. Am 11.11. auf dem Marktplatz durften wir dann nach Herzenslust herumhampeln und aus der Reihe tanzen. Als wir größer waren, nahmen wir an den Abendveranstaltungen teil. Es gab dort die üblichen Büttenreden, und unsere Truppe lockerte das Programm mit Garde- und Showtänzen auf. Natürlich zeigten wir auch einen Cancan. Hoch die Beine! Schneller! Höher! Alle zusammen. Beim Tanzen war ich immer glücklich.
Für Dani und mich gab es nach zwei Jahren keine Zugabe. Ich war nicht traurig darüber, dass es zwischen uns vorbei war: Ich war eher traurig, dass ich auch seine wunderbare Familie verlor. Die drei Zwerge waren mir sehr ans Herz gewachsen. Doch wenn man schon mit frischgebackenen 18 Jahren anfängt, wegen Kindern – und noch nicht mal den eigenen – eine Beziehung aufrechtzuerhalten, stimmt etwas nicht.
Dani und ich waren zu verschieden, und ich ertrug seine Eifersucht nicht mehr. Der Abschied fiel mir leicht, weil ich einen neuen Verehrer hatte, der mir dabei half, mich von Dani zu lösen. Es war nichts Ernstes, doch meinem Selbstbewusstsein tat es gut. Ich hatte keine Angst, dass ich nie mehr einen abkriegen würde – ganz im Gegenteil. Vor Angeboten konnte ich mich kaum retten.
Heute vermute ich, dass ich damals auf einem ziemlich hohen Ross geritten bin. Ich habe mal hier geschnuppert und mal da, ausprobiert und gekostet. Ich musste nie allein sein, wenn ich das nicht wollte – ich kannte viele Jungs, die sich darüber freuten, mit mir einen Abend zu verbringen. Und ich hatte einen sehr treuen Freund, Rainer, der mich immer mit offenen Armen aufnahm. Die Welt lag mir zu Füßen. Vor allem die Männerwelt. Das war wunderbar. Ich weiß nicht, ob ich es damals so empfand, aber im Nachhinein bin ich unendlich dankbar dafür. Dass ich die zwei, drei Jahre unbeschwerter Jugend einfach genießen konnte. Dass ich mich sorgenfrei des Lebens freuen konnte, anstatt mich zu dick oder zu dünn, zu groß oder zu klein zu finden. Ich mochte mich.
Probleme hatte ich höchstens, wenn sich ein Junge in mich verliebte, von dem ich nichts wollte. Das tat mir aufrichtig leid. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass ich mich angestrengt hätte, es zu verhindern. Dazu machte mir Flirten einfach viel zu viel Spaß. Es freute mich, wenn ich gut ankam und meine kurzen Röcke den einen oder anderen Pfiff provozierten. Das alles war ein Spiel für mich. Ein schönes und aufregendes Spiel. Es ging immer so lange gut, bis sich ein Junge ernsthaft in mich verliebte. Weh tun wollte ich keinem.
Mancher Verehrer ließ Blumen sprechen.
»Du bist eine richtige Aufreißerin, du wickelst jeden um den Finger«, sagte Manu ein klein wenig vorwurfsvoll zu mir.
»Ja, und es macht mir einen Riesenspaß!«, grinste ich.
Manu seufzte: »Ehrlich gesagt, beneide ich dich. Aber du hast auch eine bessere Figur als ich.«
»Darauf kommt es doch gar nicht an.«
»Ja worauf denn sonst?«
»Wie es in den Wald reinruft, so schallt es zurück.«
»Welcher Wald?« In Manus braunen Augen blinkten Fragezeichen, und wie immer, wenn sie mich direkt anschaute, musste sie auch mit sehr hohen Schuhen den Kopf heben: Sie ist acht Zentimeter kleiner als ich – und eine ganz große Gardetänzerin!
»Ich genieße die Momente«, versuchte ich es erneut.
Manu schüttelte den Kopf: »Du klingst wie aus der Werbung.«
»Ich liebe Werbung!«, rief ich übermütig.
Ich konnte es nicht erklären. Ich dachte, ich sei einfach besonders nett. Mit mir könne man sich gut unterhalten. Und hässlich war ich bestimmt auch nicht. Dafür wohl recht charmant. Andere fühlten sich wohl bei mir, und ich fühlte mich wohl mit anderen. Ich mag Menschen. Und ich mag es, wenn es allen gutgeht.
Als ich ein Jahr später von einer jungen, lebenslustigen Frau, die mit beiden Beinen fest in ihrem Leben stand, zu einer Rollstuhlfahrerin geworden war, dachte ich zuerst, alles sei vorbei, und war froh, dass ich mir ein Polster schöner Erinnerungen zugelegt hatte. Nie mehr Flirten. Nie mehr Freude. Alles aus. Doch im Grunde sollte es genauso weitergehen wie vorher.
Bis zu dem Tag, der mein Leben verändern würde, hatte ich nicht die geringste Vorahnung über mein Schicksal. Ich fühlte mich bärenstark. Krank war ich nie, abgesehen von gelegentlichen Erkältungen, Heuschnupfen und Zahnschmerzen. Ich bin auf einer gesunden Welle dahingesurft und war stolz darauf, mir noch keinen Knochen gebrochen zu haben. An mir war alles dran. Mandeln, Polypen, Blinddarm. Ich fühlte mich absolut gesund und fit. Ich spürte nichts. Alles ist in Ordnung, wenn man nichts spürt. Aber wenn man dann plötzlich nichts mehr spürt, dann ist nichts in Ordnung.
Mit 18 und kurz vor dem Abitur stand mir die Welt offen – wenigstens fühlte es sich so an. Wo war der Wald zum Bäumeausreißen? Ich war zwar nicht mehr Klassenbeste wie in den ersten vier Schuljahren, doch ich würde einen guten Schnitt schaffen. In der Grundschule hatte ich nie lernen müssen. Mir war immer alles zugeflogen. Auf dem Gymnasium kamen die guten Noten nicht mehr von ganz alleine, und ich musste lernen zu lernen. Besonders Physik, Chemie und Mathe. So was würde ich auf keinen Fall studieren. Aber was dann? Oder erst mal ins Ausland? Aber wohin?
Wir hatten plötzlich so viele Wahlmöglichkeiten. Am liebsten hätte ich Industriedesign studiert. Doch ich brauchte erst mal Geld, für den Start. Also beschloss ich, mit einer Ausbildung zu beginnen. Studieren könnte ich später noch immer.
Nur eines war wirklich klar: Ich wollte weg aus Freiberg. So kam mir die Idee, mich bei Hotels zu bewerben. Ich schrieb zwei an, von denen ich zufällig gelesen hatte, und beide luden mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Das eine lag an der belgischen Grenze, was mir zu weit weg war. Deshalb vereinbarte ich den ersten Termin lieber mit dem anderen Hotel in Bayreuth.
Dorthin chauffierte mich mein Vater. Als ein Wegweiser zum Vier-Sterne-Schlosshotel auftauchte, deutete ich zu einem kleinen Waldstück: »Vati, da vorne kannst du anhalten, da ist es gut zum Umziehen.«
Während sich mein Vater die Beine vertrat, schlüpfte ich flink in eine Bluse – die wollte ich nicht verknautschen auf der Fahrt – und in schicke Schuhe. Ich hob einfach die Beine hoch und streifte mir die Pumps über die Füße. Meine schwarze Hose hatte ich schon an. Aufgeregt zwitscherten die Vögel in den Bäumen. So was bekamen sie nicht oft zu sehen. Ein Steinchen pikste mich am rechten großen Zeh, und ich balancierte auf einem Bein, während ich den Schuh ausschüttelte. Ich schlüpfte wieder hinein, strich mir noch mal über die Haare und drehte mich vor meinem Vater.
»Geht’s so?«, fragte ich sicherheitshalber nach.
»Sieht toll aus«, kam prompt die Bestätigung.
»Vati, ich bin ganz schön aufgeregt.«
»So schlimm wird’s schon nicht werden«, meinte er locker.
»Das ist mein erstes Vorstellungsgespräch. Ich wäre froh, wenn ich es schon hinter mir hätte.«
»Das machst du schon, Ines!«, sagte Vati mit voller Überzeugung und fragte: »Soll ich im Auto warten oder mit reinkommen?«
»Ist mir egal«, erwiderte ich schon ein bisschen entspannter.
»Dann warte ich draußen. Du schaffst das. Und wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm. Es gibt viele Hotels, überall. Du hast prima Noten – mach dir mal keinen Kopf.«
Mein Vater hielt vor dem Jagdschlösschen, das beeindruckend nobel in einer gepflegten Gartenanlage auf Golfrasen thronte. Ich stieg manierlich aus dem Auto, obwohl ich mir am liebsten die Pumps von den Füßen gerissen hätte und über den Rasen gerannt wäre, und ging die ersten Schritte in meine berufliche Zukunft auf eigenen Beinen.
Die Zusage für den Ausbildungsplatz bekam ich gleich am Ende des Gesprächs. Ich raste, nein, ich flog zurück zu meinem Vater. Der verlor auch in der Freude seine Fassung nicht.
»Na siehste«, sagte er. »Hat doch alles gut geklappt.«
Auf dem Rückweg durfte ich an das Steuer des elterlichen Toyota. Das erste Mal – eine große Ehre. Aber ich war jetzt auch ein großes Mädchen. Meine Füße betätigten Gas und Kupplung, und ich dachte gar nicht darüber nach. Die machten das ganz automatisch. Beugen und strecken. Irgendwo in meinem Kopf entstand der Befehl, und der wurde durchs Rückenmark geleitet und funkte Beine und Füße an. Die fragten nicht lange nach, sondern taten dienstbeflissen, was von ihnen verlangt wurde. So normal war das, dass keiner auch nur ein Wort darüber verloren hätte.
Außerdem war mein Vater anderweitig beschäftigt. Er gab sich Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen, doch ein klein wenig nervös war er schon. Als ich eine Weile hinter einem Golf im Schneckentempo klebte und mir überlegte, ob ich ihn überholen sollte, meinte er betont nebensächlich: »Ach, hast du ein Glück, dass der vor uns fährt, da kannst du schön gemütlich hinterherfahren.«
»Mach ich, Vati.«
»Was, dein Vater hat dich zu dem Vorstellungsgespräch chauffiert?« Manu konnte es nicht fassen. »Du hättest doch auch mit dem Zug fahren können!«
»Ja, hätte ich«, erwiderte ich ein klein wenig pampig. »Aber ich war heilfroh drum, dass jemand dabei war. Ich finde das viel schöner so. Sonst hätte ich niemanden zum Reden gehabt. Ist doch doof, wenn man was Tolles erlebt und es keinem erzählen kann!«
So war es auch, als ich meine Führerscheinprüfung am 11.11. bestand. Ich bettelte meinen Fahrlehrer an, der erste Prüfling sein zu dürfen, denn ich wollte nach der Prüfung so schnell wie möglich auf den Marktplatz, wo die Garde ihren ersten Auftritt der Saison – und meinen Führerschein – feierte.
Seit ich den Schein selbst in der Tasche hatte, fand ich nicht mehr, dass mein Vater der beste Autofahrer der Welt war, wie ich als Kind vermutet hatte. Ich bremste an Kreuzungen jedenfalls weicher und gefühlvoller als er, und wenn ich ein Kind gehabt hätte, wäre das bestimmt nicht nach vorne gekippt, sondern butterweich gewiegt.
Zu den Bayreuther Festspielen im Sommer 1999 begann ich meine Ausbildung zur Hotelfachfrau im Vier-Sterne-Schlosshotel Thiergarten. Wegen meines Abiturs war die Lehrzeit auf zwei Jahre verkürzt. Ich machte mir keine Gedanken, ob und was ich später studieren würde, ich wollte mich erst mal auf meine Ausbildung konzentrieren. Meine Mutter fand für mich in Bayreuth ein 15-Quadratmeter-Zimmerchen inklusive Bad, und ich mietete es. Was für ein Aufstieg! Jetzt hatte ich auch vier Sterne, mindestens, denn mein Zimmer zu Hause war bloß neun Quadratmeter groß.
Meine Eltern halfen mir beim Umzug. Alle meine Habseligkeiten passten in den Toyota und in meinem möblierten Zimmer in den Schrank. Ich fand es sehr gemütlich und konnte es kaum erwarten, mein Leben nun ganz allein zu managen. Selbst einkaufen. Selbst waschen. Selbst kochen. All das, was meine Mutter bislang für mich getan hatte. Ich freute mich riesig auf diesen neuen Lebensabschnitt und konnte mir nicht im Traum vorstellen, dass Wäschewaschen, Staubsaugen und Einkaufen schon bald kaum zu meisternde Herausforderungen für mich darstellen sollten.
In einem Möbelgeschäft in Bayreuth kauften wir ein Regal für meine Bücher und CDs.
»Lass stecken«, sagte mein Vater, als ich mein Erspartes zückte.
»Danke!«
»Dann haben wir ja jetzt alles erledigt und können essen gehen«, meinte meine Mutter.
»Sag mal, Mutti, was denkt ihr, wie lange ihr noch bleiben wollt?«, fragte ich.
»Warum?«
»Der Andi würde gern kommen, und deshalb wollte ich wissen, wann ihr nach Hause fahrt.«
Meine Mutter verdrehte die Augen: »Andi hier, Andi da, Andi, Andi, Andi!«
Mit Andi war ich seit einigen Monaten zusammen. Wir lernten uns über Ecken und Kanten kennen. Ich hatte einen Schwarm, mit dem es nicht klappte, der stellte mir seinen Kumpel Ralf vor, den ich in einer Disco zufällig wiedertraf. Wir gingen eine Weile miteinander. Ralf war befreundet mit Andi, und der lebte als Einziger aus meinem Bekanntenkreis in einer eigenen Wohnung. Klar hatte er oft die Bude voll. Als Ralfs Freundin war ich häufig mit von der »Party«, aber anstatt mit Ralf und den anderen Formel 1 zu gucken, was mich langweilte, stand ich bei Andi in der Küche. Andi kochte sehr gern und gut, und der Gesprächsstoff ging uns nie aus. Auch wenn wir Dart spielten oder in Kneipen hockten, zog es mich zu Andi. Als ich ihn kennenlernte, kleidete er sich am liebsten komplett in Weiß. Ihn mit einer Engelserscheinung zu vergleichen, wäre übertrieben, doch er hob sich von den anderen ab, und das gefiel mir.
Als ich mich von Ralf trennte, verlor ich dadurch auch den Kontakt zu Andi – bis wir uns eines Tages im Tivoli erneut über den Weg liefen. Wir freuten uns beide sehr und quatschten, bis das Tivoli schloss. Erst dann küssten wir uns. Von dieser Nacht an waren wir ein Paar.
Andi war groß, blond und muskulös – ein richtiger Mann. Er war sechs Jahre älter als ich und hatte eine dreijährige Tochter. Das machte mir zu schaffen. Ich wollte nicht, dass mein Freund Vater ist. Familiengründung wollte ich als Erstes mit ihm erleben, irgendwann einmal. Obwohl mir das Kind von Andi bei meiner eigenen Familienplanung nicht im Weg stand, haderte ich damit und hoffte inständig, ich würde das in den Griff kriegen. Man kann manche Sachen über Bord werfen – wenn man kann.
Meine ersten Nächte allein in Bayreuth waren nicht schön. Ich war so was nicht gewöhnt, allein in diesem Riesenzimmer. Niemand da. Niemand atmete nebenan. Ich hatte bisher noch nie mutterseelenallein irgendwo geschlafen. Immer war jemand Vertrautes in der Nähe gewesen. Ach, wäre das schön, wenn ich meine Mutti nachts zur Toilette tapsen hören könnte. Sie hatte in ihrer Studienzeit auch lange allein gelebt und drei Jahre auf meinen Vater gewartet, der bei der Armee diente. Drei Jahre! Das würde ich nicht aushalten!
Über die Einsamkeit half mir ein Plüschtier von Andi. Ein kleiner Bär mit blau-weiß gestreiftem Pullunder, auf dem in Rot Ich hab dich lieb gestickt stand. Bis heute schlafe ich mit Plüschtieren. Ich mag es gern, etwas Kleines im Arm zu haben.
Meinen ersten Teddy halte ich noch immer in Ehren. Er ist rosa. Besser gesagt: Er war mal rosa. Meine Mutter besorgte ihn irgendwie »unterm Ladentisch«. Ein Teddybär war was Besonderes in der DDR, und meiner musste überallhin mit. Wegen ihm besuchte ich Oma und Opa väterlicherseits nicht gern, weil er anschließend so nach Rauch stank. Seine Arme waren wie geschaffen zum Tränentrocknen. Wenn die Arme nass waren, kamen die Beine dran, und auch die Ohren spendeten mir Trost. Manchmal war der Teddy klatschnass. In der Schule strickte ich einen Pullover für ihn. Unten ein ordentliches Bündchen, zwei rechts, zwei links, dann weiter mit einer Reihe rechts und einer links und oben noch eine Kordel für den Kragen, die mir meine Oma drehte. Wegen der starken Belastung, die mein Teddy aushalten musste, wurde er mehrfach operiert. Das Nähen übernahm meine Mutter. Die Narben unter seinem linken Arm und am Rücken erinnern mich noch heute daran. Leider wusch meine Mutter ihn auch und hängte ihn an den Ohren an der Wäscheleine auf. Das fand ich furchtbar. Das tat ihm doch weh!
Die neuen Azubis wurden zur Festspielzeit ins kalte Wasser geworfen. Wir hatten keine Ahnung von Gastronomie und sollten abends trotzdem im gerammelt vollen Restaurant mithelfen, sogar servieren, wenn mal Not am Mann war – und das war zu dieser Zeit ständig. Solche Situationen hasse ich. Und ich liebe sie. Zuerst denke ich: Das schaffe ich nie. Hoffentlich ist es bald vorbei. Dann überwinde ich mich, lege los, habe Spaß, und ich kriege gar nicht genug davon. Spät nachts fiel ich wie ein Stein ins Bett und schlief sofort ein. Das war ein deutlich anderes Leben als in der Schule! Das war richtig Arbeit.
Meine Füße schmerzten höllisch. Über Gesundheitsschuhe hatte ich noch nie nachgedacht, obwohl ich mir über Schuhe natürlich schon oft Gedanken gemacht hatte. Im Hotel hatte irgendjemand zu uns neuen Azubis gesagt: »Besorgt euch schwarze Schuhe.«
Also kaufte ich mir schwarze Schuhe – billige natürlich, finanziell konnte ich mir keine Sprünge erlauben. Und das musste ich nun büßen, denn meine Füße schmerzten so sehr, wie ich ihnen das nie zugetraut hätte. Im Nachhinein kam es mir manchmal fast so vor, als hätten sie sich damit eindrucksvoll von mir verabschiedet. Sobald ich das Hotel verließ, riss ich mir die Schuhe von meinen armen Füßen, lief barfuß und fuhr auch barfuß mit dem Auto nach Hause. Der weiße Nissan Micra war ein Geschenk meiner Eltern – das teuerste meines Lebens. Ohne Auto wäre ich gar nicht ins Hotel gelangt.
Das Problem mit den Schuhen löste sich erst in dem Moment, in dem ich meine Füße nicht mehr spürte. Aber das war keine Freude, so oft ich mir auch gewünscht hatte, dass der Schmerz verschwindet. Bis dahin war ich den ganzen Tag auf den Füßen und rannte, rannte, rannte. In der Ausbildung zur Hotelfachfrau sollte ich drei Abteilungen durchlaufen. Das Restaurant, das Housekeeping und die Rezeption. Auf die Rezeption freute ich mich am meisten, und diese Aussicht half mir, so manch harten Tag inklusive Überstunden durchzustehen.
Zu Beginn wurde ich im Restaurant eingesetzt und hetzte kilometerweit von der Küche ins Restaurant. Eindecken, begrüßen, Bestellungen aufnehmen, Getränke raus, Bestellungen, servieren, Sonderwünsche, abtragen. Wenn ich nicht lief, stand ich hinter der Theke und kümmerte mich um die Getränke. Das war auch nicht besser für die Füße. Hinsetzen konnte ich mich nur auf der Toilette. In meiner Anfangszeit ging ich öfter als ich musste, denn so einen Trubel war ich von meiner gemütlichen Schulzeit, wo ich den ganzen Tag entspannt in meiner Bank saß, nicht gewöhnt. Doch trotz der Erschöpfung am Abend kam es mir nie in den Sinn, die Lehre abzubrechen. Was ich anfange, bringe ich auch zu Ende.
»Und wie war es heute?«, fragte Andi am Telefon.
»Es wird immer besser«, erwiderte ich. »Wenn ich doch bloß öfter sitzen könnte!«
Bald würde ich so viel sitzen können, wie ich es mir in meinen, schlimmsten Träumen nicht vorgestellt hätte.
Andi war erst einmal für drei Tage bei mir gewesen – nun kam er mit einem Rucksack voller Zeit: drei Wochen! 15 Quadratmeter geteilt durch zwei macht 7,5. Ich würde mich verkleinern unter das Maß meines Kinderzimmers – und das freute mich auch noch! Als Andi vor der Tür stand, fielen wir uns in die Arme und ließen uns lange nicht los. Wie sehr hatte ich mich nach ihm gesehnt! Wie sehr hatte ich ihn vermisst! Die Stunden hatte ich gezählt, bis er endlich kommen würde … und das feierten wir leidenschaftlich.
Danach kochte Andi Spaghetti mit meiner Lieblinssauce. Ganz unkompliziert: Tomaten. Die hatte Andi gleich mitgebracht und Basilikum dazu. Ich lag im Bett und schaute ihm zu. Alles war perfekt. Ich war nicht mehr allein. Andi war da und kochte für uns. So sah Glück aus. Hin und wieder kam er zu mir, küsste mich, ließ mich einen Löffel von der Sauce probieren.
