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»Ich schreibe dich – / Zur Welt bist du wieder gekommen / mit geisternder Buchstabenkraft«, heißt es in einem der Gedichte von Nelly Sachs, das Josef Winkler in seinem neuen Roman zitiert, in dem er seine fünf Jahre ältere, mittlerweile verstorbene Schwester Maria, die sich in ihrer gemeinsamen Kindheit auf dem Bauernhof vor allem um den rebellischen Josef gekümmert hat, in die Welt zurückschreibt. Für eine Ausbildung zur Konditorin verlässt sie das Dorf, arbeitet jahrelang in den verschiedensten Hotels, kehrt nach Ausbruch ihrer seelischen Erkrankung und nach dem ersten Selbstmordversuch in ihr Elternhaus zurück, wo sie auf ihren Bruder Josef trifft, der nach dem Skandal um sein erstes Buch ebenfalls dort Zuflucht sucht.
Der Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht, der mit Josef Winklers »Buchstabenkraft«, auch in surrealen Bildern, andeutet, welche ungeheuerlichen Vorkommnisse das Dasein seiner Schwester bis in den Tod verdunkelt haben mögen, verschränkt die Heimkehr der verlorenen Tochter und die Rückkehr des verlorenen Sohns ineinander. Wie Josef Winkler seelische und körperliche Gewalt der dörflichen Umwelt zur Sprache bringt, ist in der deutschsprachigen Literatur unvergleichlich.
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Seitenzahl: 496
Veröffentlichungsjahr: 2026
Josef Winkler
Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
Roman
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2026.
Originalausgabe© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026
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Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
Umschlagabbildung: Gemälde von Siri Winkler
eISBN 978-3-518-78693-2
www.suhrkamp.de
Wenn ich sterbe, dann als Schlange, die sich nach einer neuen Haut verzehrt.
Marina Zwetajewa, »Ich sehe alles auf meine Art«
Ein in der Luft schwebendes Haus, das mit Seilen an einem Stern hängt.
Giacomo Leopardi, »Zibaldone«
Ich bei Tag und du bei Nacht mit dem Kindergrabmuster an der Innenseite und mit dem Sumpfdotterblumenmuster an der Aussenseite der Bettdecke
Wie eine Muschel ist mein Herz,
das Bild des Freundes ist die Perle;
nun hab ich keinen Platz mehr drin,
weil Er dies Haus erfüllt.
Mit seiner Botschaft Süße spaltet
die Nacht die Lippen meiner Seele …
Dschalal ad-Din Rūmī
Beim langen, langen Hinschauen gab ich der nach Mehlspeisen duftenden Konditorgesellin von der »Patisserie Chaim Soutine« zu verstehen, daß meine siebente Herzkammer keine Süßigkeitenkantine für die Liebe ist, mich die Nacht immer erwartete und ich gerne ihr teigiger, nach Mehlstaub riechender Kirschgärtner geworden wäre, als sie aus einem Urnengrab einen Korb stierblutroter Kirschen herausgenommen und mir zum Namenstag geschenkt hatte. Keine einzige Kirsche war wurmstichig.
Lauter winzige Kupfersärgchen als Schmuck im Geflecht der Zöpfe ihrer kastanienbraunen Haare, als sie einmal mit Augenzwinkern, aber ohne Worte andeutete, daß sie den hauchdünnen Sichelmond vor Sehnsucht nicht mehr erwarten könne und auf ihm als tödlicher Gillette durch die finstere Nacht reiten möchte. Nach André Breton ist ihre gespaltene Zunge eine vom Kärntner Bischof DDr. Joseph Köstner erdolchte, blutleere Hostie als Leib Christi und ihre geschwungenen Augenbrauen sind der Rand eines Schwalbennestes. Ihr verwundetes Geschlecht ein Mississippi-Goldgräberort und ein Schnabeltier, das in seiner Trostlosigkeit auch nicht verhindern kann, wenn unter den gläsernen Gräsern ihrer dünnen Haut Skelette aus Elfenbein randalieren, sobald der besagte Kleine Tod – er ist »besagt!« – eintritt und sich die Zehen der Liebenden im Ausklang der Lust verkrampfen und sich blutig kratzen, gegenseitig und fürseitig. »Die wahren Liebesbriefe, die du schreibst, versiegle mit einer geschändeten Hostie.« Steht in »Die unbefleckte Empfängnis«, dem Buch der »idealen Besessenheit«.
Wie oft sind wir in der Hitze des Tages gebückt und Heiligensprüchlein betend mit unseren affenartig herunterhängenden Armen durchs reife Getreidefeld gelaufen, haben unsere Wangen von den Ähren kitzeln und aufritzen lassen und wollten schwungvoll die an unseren Körpern angewachsenen Arme himmelwärts werfen, immer wieder weg und weit hinaufwerfen, weit über die von einem farbigen Regenbogen durchschnittenen Wolken, aber unsere Arme haben sich nicht und nicht als Wurfgeschoß losreißen lassen von unseren verfluchten zweiblättrigen Schultern, von denen man uns seit frühester Kindheit prophezeite, daß eines Tages schwarze Teufelsflügel draus wachsen würden.
Wenn die Konditorgesellin und meine imaginäre Zuhörerin von der Patisserie Chaim Soutine in der rue Chabrol vor dem Dorfkruzifix ihre verschwitzten, nach überreifem Roggenfeld (im Hochsommer) riechenden nackten Arme in die Höhe riß und spöttisch mit ihren schwulstigen Lippen Heiligensprüche malträtierte, öffneten sich mit einem Male im dichten, feuchten, schwarzbehaarten und nach Moschus duftenden Gebüsch ihrer Achseln die Mäuler hungriger Mehlschwalben, die sich an der Außenmauer der Patisserie Chaim Soutine eingenistet hatten mit den Worten: »DEINER ernsten Engel einen / stell am Rand der Sehnsucht hin / und befiehl ihm, daß er meinen / Schwestern sagt: Ihr werdet weinen – / Denn es sind die Rosenreinen / allen Prüfungen und Peinen / wie ein Spiel von Anbeginn.«
Die duftende Teigware aus Wasser, Mehl und Vanille in der Patisserie Chaim Soutine muß zuerst »Atem holen«, hat es geheißen, dann kann der Leib Christi »gehen«, mit oder ohne Füße, und erst dann kann die Hostie zu Sprache kommen und geknetet und von niemand anderem als von der Konditorgesellin aus der Patisserie Chaim Soutine zu mit Eiklar glasierten Mehlspeiszöpfen mit runzeligen, aber süßen Rosinen aus den ehrwürdigen Familien der Sultanina und der Korinthiaki geformt werden! Ich habe das Glück, ein verruchtes, handtellergroßes Vierklee aus Marzipan zu sein, das später zu zwei Marzipanpferdchen geknetet und meiner Schwester Maria auf dem Totenbett von drei Engelsgestalten, schönen Jünglingen mit großen Flügeln und mit Rosenkränzen auf den Köpfen, zwischen ihre kalten, zum Gebet geschlossenen Hände gesteckt wird, »Mutter!« ruft das Mitzele, »in deinem Gaumen wachsen Maiglöckchen!« »Das sind die Himmelschlüssel, mein Kind!« Die Schlüssel zum Himmel!
Eingeeiste Blut- und Wasserlachen werde ich für meine verstorbene Schwester Maria auf meinem Rücken tragen – immer noch ohne schwarze Teufelsflügel –, zur Schau nämlich! Ich trage ihren toten Engel auf meiner Schulter, schlaff hängen seine Flügel über meine Brust, denn Gottes Engel laden dich ein, öffnen die Tür und rufen: Komm herein! Ich hab nur ein einziges Herz, mit und ohne Mördergrube, für deine vielen, ach so warmen und salzigen Tränen jenseits der Bitternis, unser bedauernswertes, nach zerriebenen Mandeln duftendes, in der Fettecke aus Butterschmalz der Patisserie Chaim Soutine verloren gegangenes Ich und Du! Ich bei Tag und du bei Nacht!
Denk dran, wir waren die schwarzpelzigen Maulwürfe des Unterirdischen mit den rosaroten Händen und rochen nach frisch aufgeworfener Friedhofserde, besonders einmal, als die blaurosa Vergißmeinnicht den gelben Sumpfdotterblumen im Frühjahr am »rauschenden Bach« in die Arme liefen nach einem schauerlichen Unfall, als ein Kind von einer schlampig verankerten hundert Kilo schweren Holzstatue erschlagen wurde, die keine Heiligenstatue mit oder ohne Heiligenschein war, sondern ein in der Gestalt eines Bären zurechtgeschnitzter Holzstamm, der das Kind nicht »unter sich begraben«, aber plattgedrückt und getötet hat! »Mach dir, ohne mit der Wimper zu zucken, eine mögliche Vorstellung von den Schwalben!«
In der Unordnung meines Seelenscheiterhaufens kann ich kein Feuer mehr für dich entfachen, verehrte Konditorgesellin von der Patisserie Chaim Soutine in der rue Chabrol, in meinem rußigen Herzen, das mutter- und vaterseelenallein und immer noch auf dem Sprung ist, himmel- oder höllenwärts, das weiß der Teufel! Kein Engel kann es besser wissen, weder ein toter noch ein lebendiger, hängt er auch noch so lange über meiner Schulter oder über meiner Brust! Keiner weiß es, geschweige denn besser! Wie oft haben wir gehört, daß ES und was immer ES ist und war, nur der Teufel weiß – Das weiß der Teufel! –, und niemand außer dem Teufel, der sich aus der Jauchegrube erhebt und sich selber an die Wand malt, am liebsten duckmäuserisch hinter einem Heiligenbild, unter dem sich ihre Menschenseele auf der Roßhaarmatratze ausbreitet, auch dann, wenn nur von der heißen Schere die Rede war, die eine Nabelschnur der wahren siamesischen Zwillinge, nämlich von Engel und Teufel, hätte durchtrennen sollen.
Nicht selten habe ich, wenn sich mir wieder der leibhaftige, in der Jauchegrube auferstandene Teufel in meinen Albträumen eingenistet hat, den weißhaarigen Kopf der toten Enz’n Oma geschüttelt, so lange gerüttelt und geschüttelt, bis die Alte heißhungrig aufgewacht und sich mit den Worten: »Das weiß der Teufel!« selber in den eigenen Totenschädel gebissen hat, um mich, ihren Enkelsohn, in der Plage seiner Albträume, mit Haut und Haar und mitsamt dem roten Ministrantenkittel vor dem Aufwachen zu verschlucken mit der langen, brennenden Erstkommunionkerze in meiner Hand, mit dem Scheitel in meinem brünetten Haar. Aber ich bin »unbeschadet« wieder aufgewacht und habe die Bettdecke mit dem Kindergrabmuster auf der warmen Innenseite und mit den Sumpfdotterblumen auf der kalten Außenseite zurückgeworfen, um in die imaginäre Patisserie Chaim Soutine zu meiner Zuhörerin zu gelangen und ihr sagen zu können, daß in den frühen Morgenstunden die Lämmerherden im Aufbruch sind.
Hör mir zu, meine aufmerksame und bezaubernde Zuhörerin von der Patisserie Chaim Soutine, ich erzähl dir meine Geschichte, die auch die deine ist! Mach die Ohren auf und die Augen zu und erinnere dich wenigstens schemenhaft an unsere gemeinsame Vergangenheit! »Der wird nie sterben, der kann gar nicht sterben!« hast du als Kind immer wieder über den Stimniker gesagt, wenn du von unserem ehrenwertesten Leichenbestatter gesprochen hast, der einst unsere gemeinsamen Großeltern, den Enz’n Opa mit der ewigen Leichenbittermiene (und bösem Blick) und die vom Totenvogel, vom Eichelhäher, gemarterte Enz’n Oma, eingesargt hat, der Stimniker mit seiner dicken Havanna-Zigarre im schiefen Mund, der sich vom qualmenden Tabak einnebeln ließ mit seinen ständig vom scharfen Rauch blinzelnden Augenlidern, wenn er das Sargoberteil auf dem Sargunterteil festschraubte und dabei einen Schluck Vogelbeerschnaps aus dem silbernen Flachmann mit dem Totenkopf getrunken hat. »Hast du gesehen, der Stimniker ist durchs Dorf gefahren!« hat es öfter hinter vorgehaltener Hand geheißen, im Jahr ein paarmal, man hat es nur leise gesagt, mit leicht zitternder Stimme, ohne Hand vor dem Mund.
Wenn die kleinste Kirchenglocke »Zügen« läutete und damit ein »Sterbefall« angekündigt wurde, hoben alle Dorfbewohner ihre Köpfe und fragten sich, wer denn nun wohl an der Türschwelle des Jenseits steht oder sie überhaupt schon überschritten hat. Der hochnäsige Stimniker konnte außerdem nicht grüßen, er war erhaben über Leben und Tod, er war schließlich der Bestatter, der die Toten, von denen man nicht wußte, ob sie in den Himmel oder in die Hölle fahren werden, in einen vom Tischler »Obermann« gezimmerten Sarg hineinlegte. Der wird in den Himmel »kommen« hat es immer geheißen oder der wird in die Hölle »kommen« hat es ebenso geheißen, aber von in den Himmel oder in die Hölle »fahren« war nie die Rede. Der unhöfliche Stimniker sagte nie »Grüß Gott!«, auch nicht »Grüß Teufel!« Wortlos schritt er zur Tat, sein Lebensinhalt und sein »Geschäft« war das Einsargen und Bestatten. Wir nannten ihn den »Leichenheini vom Drautal«, der immer mit einem eleganten, langgestreckten Mercedes mit Milchglasfenstern unterwegs war und der auch noch Geld dafür bekam, wenn er einen Verstorbenen in den Sarg legte und in einem Aufbahrungszimmer drei Tage mit pompöser, schwarzer Dekoration und mit einem großen silbernen Kreuz am Kopfende des Verstorbenen für die »Hinterbliebenen« zur Schau stellte.
Wie oft setzte ich mich, »Old Surehand« lesend, in meinem Elternhaus auf die sechzehnstufige Stiege, über die mein Vater und der angestrengt an seiner dicken Havanna-Zigarre paffende Stimniker den Leichnam der Enz’n Oma in einer Wolldecke, die in der Küche auf dem Diwan lag, nach unten getragen und in der von meiner Schwester Maria gesäuberten Knechtstube in den bereitgestellten Sarg gelegt hatten. Sie schruppte im zukünftigen Aufbahrungszimmer den hölzernen Boden mit den schiefen Brettern, aus denen da und dort die Nägel hervorstanden, und putzte die eingegitterten Fenster. Es sollte alles frisch und sauber sein, wenn das Sargober- und das Sargunteil, der Leichnam, die Kerzen, Totenkränze und ein großes, silbernes Kruzifix kämen. Danach wurde die Wolldecke, in die der Leichnam der Enz’n Oma eingeschlagen und über die Stiege getragen worden war, wieder auf den Küchendiwan geworfen, wo wir uns einkuscheln konnten in den Leichengeruch und die rostigen Drähte beim Niedersetzen auf der gepolsterten Ottomane ein paar Sekunden lang aufgeigten und uns an die verstorbene Enz’n Oma erinnerten.
Heute noch habe ich den Geruch der Havanna-Zigarre in der Nase und das Schnaufen des Vaters und des Leichenbestatters Stimniker im Ohr, als sie die schwere verblichene Enz’n Oma ganz vorsichtig über die sechzehnstufige Stiege trugen. Ich hatte Angst und gleichzeitig die Hoffnung, daß die beiden Atemlosen auf der abgetretenen Stiege ausrutschen und über die Tote herfallen würden. In der Knechtstube packten sie die Verstorbene an Händen und Füßen und hoben die mit ihrem Kopf hin und her wackelnde Enz’n Oma in den Sarg. Erst als wir keine schlurfenden Geräusche und kein auffälliges Schnaufen der beiden Leichenträger mehr hörten, gingen meine Schwester Maria und ich langsam und bedächtig, Hand in Hand, den engen Flur des Hauses entlang, blieben neugierig an der Türschwelle der Knechtstube stehen und schauten auf den Leichnam der dicken Großmutter, der den ganzen schwarzen, mit Trauerflor drapierten Sarg ausfüllte. Eingekleidet wurde die Tote von ihrer Tochter, der Ragatschnig Tresl, der Konditormeisterin, der »Guten Haut«, wie sie genannt wurde, die besonders zu Festen das ganze Dorf mit Erdbeer- und Schokoladetorten, Schwarzwälder-Kirsch und Buttercremetorten, Malakofftorten und mit Bischofsbrot versorgte.
Die Dorfleute hoben im Schlaf ängstlich die Köpfe von ihren Polstern, wenn sie das Bimmeln der Sterbeglocke, das sogenannte »Zügenläuten« hörten. An den heißen Sommernachmittagen richteten sich auf den Feldern beim Binden der Getreidegarben die Gestalten auf und schauten zum Kirchturm, der beim Läuten leicht ins Schwanken geraten war. Sie drehten sich mit der Getreidegarbe in der Hand im Kreis, blickten auf ihre Beine und auf ihr Schuhwerk, um sich zu vergewissern, daß sie selber noch am Leben waren und das Läuten nicht ihnen galt. Sie sahen die Gesichter von fünf, zehn Lebenden aus der Dorfgemeinschaft vor sich, nicht alle konnten mehr am Leben sein, einer von ihnen war tot, einer mußte der Tote sein.
Vielleicht ist ein Verkehrsunfall passiert, vielleicht ist wieder ein Kind von einem Auto überfahren oder von einem umkippenden Traktor erdrückt worden oder es hat sich wieder ein Jugendlicher aufgehängt in einem Heustadel, an einem kotbefleckten Kalbstrick mit dem eingetrockneten Geburtsschleim, mit dem noch Tage zuvor in den frühen Morgenstunden ein Kalb auf die Welt gezogen worden war, oder vielleicht läutete die Totenglocke für die Magd, die vor ihrem Selbstmord fein säuberlich ihre Stallarbeit verrichtet hatte, um nach ihrem Ableben keine üblen Nachreden mehr zu bekommen. »Vorher« hat sie noch ganz sauber den Stall ausgekehrt! Die Milchkannen hat sie »vorher« noch ausgewaschen! Den Fuchs hat sie auch noch »vorher« gestriegelt und ihm aus einer alten Leibschüssel, an der stellenweise das weiße Email abgebleckt war, Hafer in den Trog geschüttet, hat es lobend geheißen. Und erst dann hat sie den Anstand gehabt, sich aufzuhängen! Und sich wegzuräumen! »Sie hat alles anständig hinterlassen!« Unser Vater erzählte mir einmal, daß ein Bauer eine Magd geschwängert habe und sie danach vom Hof gejagt haben soll. »Du sollst am lebendigen Leib verfaulen!« rief die Magd, als sie ihr Bündel packen und den Hof verlassen mußte. Tatsächlich verfaulte der Bauer von seinen Zehenspitzen weg. Zuerst soll er schwarze Zehen, dann schwarze Füße bekommen haben …, so der Vater.
Und der, dem die röm.-kath. Dorfleute den Tod wünschten, der hat sich als Leichnam, ob er nun tatsächlich einer war oder nicht, in das Gehirn der Dorfleute eingeschlichen am frühen Abend beim Kuhmelken oder an einem heißen Sommernachmittag bei der Heu- oder Getreideernte, bis das Rätsel gelöst wurde, der Name des tatsächlich Verstorbenen als Lauffeuer durchs Dorf geisterte und bereits wenige Stunden später der an einer Havanna-Zigarre paffende Stimniker zur Stelle war mit seinem Leichenwagen mit den eingeschliffenen Kreuzen an den Milchglas-Fensterscheiben, der rückwärts in den Hof einfuhr, um unmittelbar vor der Eingangstür des Hauses dezent den schwarzen, noch leeren Sarg ausladen zu können, den er auf Schienen aus dem Auto zog, senkrecht auf den Boden stellte, um ihn vor sich, am Schrein links und rechts vorbeischauend, ins Sterbehaus hineinzutragen, wo er von einem Familienmitglied empfangen wurde, das ihm das Aufbahrungszimmer zuwies. Danach holte er das schwarzlackierte Gehölz des Katafalks aus dem Auto und stellte es mit routinierten Handbewegungen – er konnte schließlich mit einem Sarg umgehen! – im Aufbahrungszimmer auf die Beine.
»Mitzele! Putz für’n Opa die Schuhe!« sagte der Vater zu seiner gerade das Geschirr abwaschenden Tochter. Meine dreizehnjährige Schwester Maria durfte die Dose der Schuhcreme öffnen, auf der ein roter, eine Krone tragender Frosch abgebildet war, und mit der schwarzen Schmiere die Totenschuhe des verstorbenen Enz’n Opa einpastern. Mit einer Pferdehaarbürste glänzte sie das Schuhwerk so lange, bis sie die Konturen ihres dunkel spiegelnden Gesichts auf dem Leder von Opas Totenschuhen betrachten konnte. Reste der schwarzen Schuhcreme, auf deren Deckel »Erdal Rotfrosch altbewährt« stand, verbargen sich nach dem Einpastern und Glänzen des Schuhwerks noch mehrere Tage unter ihren Fingernägeln. Wenn sie nach dem Begräbnis in der Schule in ihr Schulheft schrieb und auf die noch von der schwarzen Schuhpasta schmutzigen Fingernägel schaute, erhob sich der in der Bauernstube auf der Bahre liegende Alte vor ihr und versuchte die Schnüre seiner auf Hochglanz gebrachten Schuhe zu lösen. »Wo drückt dich denn der Schuh?« fragte die Konditormeisterin, die Ragatschnig Tresl, die Tochter des Toten, immer wieder meine Schwester Maria. »Mach dir keine Sorgen, eines Tages wird dir der Knopf schon noch aufgehen!«
An der Türschwelle stehend, sah man vom aufgebahrten Enz’n Opa zuallererst als höchste Erhebungen die spitzen, von der »Erdal Rotfrosch Creme« glänzenden Schuhe, seine bläulich gewordene Nasenspitze und in den immer größer werdenden, sich ausbreitenden und das ganze Aufbahrungszimmer verschluckenden Schlund der behaarten Nasenlöcher, an denen sich die ersten Würmer in Stellung brachten. Der im Sarg liegende Körper war abgedeckt mit einem schwarzen, durchsichtigen Bahrtuch, in das silberne Kruzifixe und Engel eingeprägt waren, die im windigen Durchzug der ausgehängten Aufbahrungszimmertür und des offenen Fensters einmal tanzten, einmal Kopf standen und dabei ihre Flügel schlugen. Am schlimmsten und am köstlichsten war der Schweiß der unsichtbaren, rund um den Sarg herumgeisternden Todesengel mit ihren blutunterlaufenen Augen, die immer wieder flüsterten: »Widersagst du dem Teufel! Widersagst du dem Teufel!« Während aus dem Mundwinkel des Toten gelbe Flüssigkeit rann.
»Für den Opa!«, hat es geheißen, und nicht für den Leichnam, soll meine dreizehnjährige Schwester Maria seine Totenschuhe mit der »Erdal Rotfrosch«-Schuhcreme putzen, als wäre der Enz’n Opa mit dem weißen Oberlippenbart auf Teufel komm raus! noch am Leben. Jedes Mal, wenn der Vater seine Hofarbeit unterbrach und den drei Tage und drei Nächte lang in der ehrwürdigen Bauernstube aufgebahrten Toten besuchte, mit ihm in einer mir vollkommen unverständlichen Sprache redete, das Vaterunser betete und dabei verzweifelt seine kalten, zum Gebet geschlossenen Hände streichelte und jammerte und danach wieder an seine Arbeit ging, hörte man keine zwei, drei Stunden später wieder seine Schritte im Flur. Er wollte wieder und wieder in großer Dankbarkeit Abschied nehmen von seinem verstorbenen Vater, der ihm und nicht seinem ältesten Sohn Pepe, von dem noch die Rede sein wird, die Hube vererbt hatte.
Das ganze Haus roch nach der dahinmodernden Leiche des Alten und nach verwelkenden Nelken und Rosen, Gladiolen und Astern aus Mutters gepflegtem Garten. »Buamen! Dirndle! Geht’s in den Garten und bringt’s dem Opa noch ein paar Blumen!« rief der Vater. Die Buamen, der Gottfried, der Hansl, der Seppl, der Peter und das Mitzele, meine dreizehnjährige Schwester Maria, nahmen Messer aus der Küchenschublade, gingen in den Garten und schnitten weinend die letzten Astern ab. Der Vater steckte dem im Sarg liegenden Toten die Schuhe an, die das Dirndle sorgfältig mit der »Erdal Rotfrosch altbewährt« gepastert und geglänzt hatte. Die Füße des Toten rutschten geschmeidig und wie geschmiert mit den schon blau gewordenen Zehenspitzen ins Lederwerk hinein, als hätte man seine Socken eingeseift. Meiner Schwester Maria wurde auch die Ehre zuteil, die Bänder seiner Totenschuhe zusammenzuschnüren und eine schöne Schleife zu fabrizieren und in diesen »Klang« wie es genannt wurde, die trompetenden Himmelschöre und den Radau der Höllenchöre in die Schlaufen hineinzuverwickeln. Sie zog die schwarzen, dünnen, von ihren Handrücken herunterpendelnden Lederschuhbänder durch die Ösen und band eine Schleife, die sich in ihrem Kopf in Sekundenschnelle zu einer tödlichen Schlinge verwandelte und dem Alten um den Hals legte, als sie die Angst überkam, daß der Tyrann wieder erwachen und am Morgen nach dem Aufwachen wieder zu ihr kommen könnte mit seinen kalten, zitternden Händen, um ihren eingeweidegrauen Flanellnachtanzug aufzuknöpfen, ihr »helfen« könnte, die Unterwäsche und den Kittel anzuziehen, und um ihre Haare, zwei lange, über ihre Brust hängende Strähnen, zu Zöpfen zu binden. »Umärmle mich, mein nasses Sonnenlicht. Der Wanderstab hat sich im Aug verlaufen. Der Schläfer borgt den Obstbäumen die Kalkmilch unserer Unschuld. Leise knacken im Ofen die Wörter.«
Die durchschnittene Nacht, der in der Spiegelglasscheibe steckende Stein und ›Trauerpferde wollt ich nicht‹
»Bruder! Wo warst du? Ich habe es gewußt:
Einst schlägt die glückliche Stunde!«
»Schwester, wende dich ab: Diese Brust
Ist eine einzige Wunde.«
Anna Achmatowa
In der dritten Volksschulklasse stellte sich meine Schwester Maria beim strengen, kleinwüchsigen Lehrer Franz Berghuber, den wir respektvoll »Herr Oberlehrer« nannten, im Klassenraum an die Tafel und rezitierte ein Gedicht, das sie auch noch über sechzig Jahre später im psychiatrischen Pflegeheim in Möllbrücke bei meinen Besuchen aus dem Gedächtnis aufsagen konnte. »Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis. Das Büblein steht am Weiher und spricht zu sich ganz leis: ›Ich will es einmal wagen, das Eis, es muß doch tragen. Wer weiß!‹ Das Büblein stapft und hacket mit seinem Stiefelein. Das Eis auf einmal knacket, und krach! Schon bricht’s hinein …« Ging ich als Volksschüler mit den Schlittschuhen über der Schulter unter dem Weiherbichl aufs Feld meines Vaters zu einem großen Eisfleck – der Dorfbach trat immer wieder breitflächig übers Ufer und überschwemmte das halbe Dorf –, begleitete mich meine Schwester Maria. Sie setzte sich unweit der Kirche unter dem beschneiten Friedhofsabfallhaufen auf einen Baumstumpf und schaute mir gespannt zu, wenn ich auf den Schlittschuhen versuchte, den österreichischen Eiskunstlaufweltmeister Emmerich Danzer nachzuahmen. Wenn es mich nach einem Ausrutscher auf den Boden setzte, ich mit meinem Steißbein auf dem harten Spiegeleis aufschlug und mir mit schmerzverzerrtem Gesicht meinen Hintern hielt, lachte meine Schwester Maria keck, ermutigte mich aber, weiter auf den Schlittschuhen meine Pirouetten zu drehen, denn es gefiel ihr, wenn ich mich mit ausgestreckten Händen, zu ihr hinschauend, auf den Kufen der Schlittschuhe im Kreis drehte, bis mir schwindelig wurde und ich wieder aufs Eis fiel. Mein Ziel, so erklärte ich es meiner Schwester, war die berühmte »Todesspirale« des Eiskunstlauf-Olympiasiegerpaars Ljudmila Beloussowa und Oleg Protopopow, die ich im Fernsehen im Zimmer vom Eichholzer Opa gesehen hatte, als die beiden 1964 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck gegen die Deutschen Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler gewannen.
Bevor wir uns auf den Weg nach Hause machten, stiegen wir, zwischen den vermoderten Totenkränzen einsinkend, auf den beschneiten Friedhofsabfallhaufen, rissen rote Plastiknelken aus den vereisten Kränzen und steckten sie einander ins Knopfloch. Meine Schwester Maria schulterte, als würde sie eine Trophäe tragen, meine an den Schnürsenkeln zusammengebundenen Schlittschuhe, hielt sie auf ihrem Schlüsselbein fest und lachte mich immer wieder an, wenn wir an den mißtrauischen, verächtlich auf unsere im Knopfloch steckenden Plastiknelken schauenden Dorfleuten vorbeigingen, die uns als Friedhofsplünderer ertappt hatten.
Wenige Tage vor Weihnachten brachten meine Schwester Maria und ich dem Lehrer Franz Berghuber einen Christbaum, den sie und der Vater, gemeinsam durch den Tiefschnee stapfend, mit einer Fuchsschwanz-Säge im Wald abgeschnitten hatten. Wir gingen mit der Fichte über den senkrechten Balken des kreuzförmig gebauten Dorfes hinunter zur Schule, wo der Lehrer mit seiner Frau und mit seinen beiden Söhnen, dem Lehrer-Klaus und dem Lehrer-Achim, wie wir sie nannten, im ersten Stock wohnten. Meine Schwester Maria hielt das über zwei Meter lange Bäumchen am Wipfel fest, ich am harzigen Stamm mit den dünnen, in die Finger stechenden Nadeln. An der Türschwelle übergaben wir dem überraschten Lehrer, dessen Augengläser glitzerten und spiegelten, das Weihnachtsbäumchen. Niemals durften wir die Wohnung der Lehrerfamilie betreten. Keiner wußte, welche Möbel in ihren Räumlichkeiten standen, welche Bilder an den Wänden hingen, welche Tapeten oder ob sie überhaupt einen Herrgottswinkel hatten. Wir wußten nur, daß die Familie im Gegensatz zu uns Katholischen evangelisch war.
Ab und zu brachte meine Schwester Maria der Frau des Lehrers zum Dank ein paar Pfaufedern mit noch warmem Federkiel, die sie vom gegenüberliegenden Hof, von ihrem Großvater, dem Eichholzer Opa, bekommen hatte, weil ihre geliebte Tant’ Nane als Jugendliche immer wieder beim Lehrerehepaar vor der Trostlosigkeit der eigenen Familie Zuflucht finden konnte, denn ihr Vater, der Eichholzer Opa, der im Zweiten Weltkrieg drei Söhne im jugendlichen Alter verloren hatte, sprach oft den ganzen Tag lang kein Wort. Auch seine Frau, die Eichholzer Oma, verlor nach dem Tod ihrer drei Söhne die Sprache und starb zehn Jahre nach dem Krieg an gebrochenem Herzen. Nach einer, wie gemunkelt wurde, überdosierten Herzspritze vom Hausarzt Doktor Plank fiel sie in der Küche, mit dem Kochlöffel in der Hand, tot um.
Wenn in unserem Elternhaus ein Schwein geschlachtet wurde, brachte meine Schwester Maria der Lehrersfrau ein frisches Stück Fleisch. Da der Vater mit dem Pfarrer Franz Reinthaler oft im Streit lag – dem Vater war die Pacht des »Kirchenfeldes«, das an die Friedhofsmauer grenzte und Eigentum der Diözese Gurk war, immer zu hoch –, bettelte ich hinter seinem Rücken die Mutter an, ob ich auch dem Pfarrer und der Pfarrermarie ein Stück Fleisch bringen dürfte. Ich ging in den Heustadel oder in den Stall und versicherte mich, ob der Vater weit genug entfernt war von der Küche, wo die Mutter das Fleisch des frisch geschlachteten Schweins auseinanderteilte. Im Haus roch es nach Frischfleisch, Blut, Knoblauch und Pfeffer. Manchmal gab sie es gerne, manchmal stöhnte sie leise, ich spürte ihren Widerwillen, aber ich blieb hartnäckig. Ich lief mit dem ins nach Druckerschwärze riechende Papier der »Volkszeitung« eingewickelten, noch schlachtwarmen Fleisch über den Pfarrhofhügel hinauf, drückte auf den Tag und Nacht rot leuchtenden Klingelknopf, so daß es im breiten Flur des Pfarrhofes laut schrillte, bis ich auf dem Steinboden hallende Schritte hörte und wußte, daß nun die Pfarrermarie am mannsgroßen, armlosen, an der Wand hängenden Jesus vorbei, der wegen der schrillen Glocke jammerte, zur Tür kommen würde: »Das schickt die Mame!«
In dieser Zeit bekam ich im Jahr zweimal oder dreimal im Gesicht einen eitrigen Hautausschlag, immer an derselben Wange, manchmal kleiner, manchmal größer. »Vielleicht ist es Krebs?« meinte zu meinem Schrecken einmal die Pfarrermarie, als wir über den Pfarrhügel hinaufgingen, sie neben dem violetten Fliederbusch stehenblieb und mir lange und neugierig, auch ein wenig verächtlich und schadenfreudig, als wäre ich ein Aussätziger, ins Gesicht schaute. Ich kannte die Krebse vom Dorfbach, die ich dann und wann mit meiner Schwester Maria fing, ich betrachtete und beobachtete meinen Hautausschlag lange im Spiegel, ob denn der Auswuchs eine krebsartige Gestalt mit großen, hervorstehenden Augen annehmen und mir lange, zitternde Antennen und zwei Spaltbeine aus meiner Wange wachsen würden, mit denen ich alle nicht nur zwacken, sondern auch mit einer Todeskrankheit anstecken könnte. Die Mutter konnte mir die Angst auch nicht nehmen, sie wußte nicht, was das ist, eine Krebserkrankung, meine Schwester Maria auch nicht, sie hatten nie davon gehört, es gab im Dorf niemanden, der an Krebs erkrankt und daran gestorben wäre, jedenfalls war nie die Rede davon. Die Mutter stöhnte leise, schaute ängstlich auf meine Wangen, drehte sich mehrmals nach mir um, wenn ich mich wieder zu meinem Karl-May-Buch setzte und fabrizierte in sich versunken an der Anrichte schweigend die Marillenknödel. »Das Büblein platscht und krabbelt als wie ein Krebs und zappelt mit Arm und Bein. ›O helft, ich muß versinken in lauter Eis und Schnee! O helft, ich muß ertrinken im tiefen, tiefen See!‹« Meine Schwester Maria strich, wenn sich wieder ein Krebs auf meiner Wange breitmachen wollte, mit ihrer Fingerspitze Nivea-Creme auf meinen eitrigen Ausschlag, jeden Morgen und jeden Abend vor dem Schlafengehen, bis die juckende, eitrige Wunde zu heilen begann und ich die trockenen Krusten immer viel zu früh abkletztelte und dadurch zum Ärger meiner fürsorglichen Schwester die Heilung verzögerte.
Einige Jahre später, als ich nach der achtklassigen Dorfvolksschule in die erste Klasse der Handelsschule in Villach ging, mir meine Schwester Maria beim Erlernen der Italienisch-Vokabeln half, mich immer wieder, wo immer wir waren, ob auf dem Friedhof oder bei der Feldarbeit, auch abfragte und ich von einem hochnervösen Deutschlehrer, vom Hans Wedenig, der beim Unterrichten ständig einen altrosafarbenen Kunststoffmantel trug, »Die schwarze Spinne« von Jeremias Gotthelf als Redeübung zugeteilt bekam, lasen wir gemeinsam zur Vorbereitung auf meinen Vortrag in der Schule die Geschichte von der Bauerntochter Christine, die von einem aufdringlichen grünen Teufel mit einem roten Bärtchen, gebogener Nase und einem zugespitzten Kinn mit einem Kuß auf die Wange überrascht wurde. Der Teufel versprach Christine, daß er für die Bauern, die vom herrischen »Gutsherrn von Stoffeln« ständig erniedrigt und in ihrer Existenz bedroht wurden und die unlösbare Aufgabe von ihm bekamen, innerhalb kürzester Zeit eine Buchenallee auf seinem Schloßgelände anzulegen, die Arbeit schnell und unauffällig erledigen würde, verlangte aber dafür ein ungetauftes Kind.
Ein »unschuldig Bübchen«, wie es in der Erzählung »Die schwarze Spinne« von Jeremias Gotthelf heißt, lief einmal um Mitternacht, in der sich wegen der Vereinbarung mit dem Teufel von den Dorfbewohnern niemand mehr außer Haus traut, durch den Sumiswald, um den Pfarrer wegen der letzten Ölung für seinen sterbenden Vater aufzusuchen, und sah, daß sich die Buchen von selber entwurzelten und die Stämme von zwei »feurigen Eichhörnchen« durch die Luft getragen wurden. Schließlich wurden als Schattenallee über hundert Buchen auf dem Gelände des Schlosses eingepflanzt, von denen keine einzige verrottete oder verdorrte.
Als im Dorf wieder ein Kind auf die Welt kam, eilte der Priester, der jede Kindesseele retten wollte, zur Wöchnerin und taufte das Neugeborene, kaum hatte es den ersten Schrei ausgestoßen. Gleichzeitig befühlte Christine immer wieder die Stelle an der Wange, wo sie vom Teufel mit einem Kuß überrascht worden war, und bemerkte einen sich immer weiter vergrößernden Fleck, auf dem eine giftige Wespe zu sitzen schien, die ihr einen glühenden Stachel bis ins Mark hineinbohrte, wie es in der Schwarzen Spinne heißt, die meine Schwester Maria und ich uns, Kapitel für Kapitel, gegenseitig vorlasen, meistens auf der Rastbank, die zwischen Haus und Stall unmittelbar neben dem Plumpsklo und der blühenden und stark duftenden Hollerstaude stand.
Je näher der Tag einer Geburt im Dorf kam, desto schrecklicher wurde der Brand auf Christines Wange, sie fühlte, daß der Teufel das verheißene, ungetaufte Kind einforderte. Der schwarze, brennende Punkt auf ihrer Wange vergrößerte sich, dehnte sich immer weiter aus, bis die Haut aufplatzte und behaarte Beine und ein Spinnenkopf mit zwei glänzenden und giftig dreinschauenden Augen aus ihrem Gesicht schlüpften. Die auf der Wange weiterwachsende Spinne wurde immer größer, schwoll an, bis sie bei Blitz und Donner platzte und unzählige langbeinige, schwarze, giftige Spinnen herausliefen, sich im Dorf verbreiteten und als »schreckliche Alpenblumen« mit Mensch und Tier in Berührung kamen und alle töteten. Wenn sich jemand irgendwo versteckte und sich in Sicherheit glaubte, hockte schon eine Spinne auf seiner Schulter oder starrte ihn mit ihren übergroßen, glänzenden Augen an. Am liebsten lauerte die Schwarze Spinne einem Begräbniszug auf, sprang auf den mit Blumen dekorierten Sarg, glotzte mit übergroßen Augen auf die Trauergäste und fiel über sie her, bis keine Toten mehr zur letzten Ruhe auf den Friedhof begleitet wurden und die von den Spinnen getöteten Leichen der Dorfbewohner irgendwo, ob im Stall, im Haus, auf dem Feld oder am Wegrand, liegen blieben und verwesten, bis die Raben, Füchse und Wölfe kamen.
Manchmal gingen meine Schwester Maria und ich beim Eichholzer auf Pfaufedernjagd, fanden die eine und andere unter der Tennbrücke, wo jahrelang ein rostiger Pflug stand und der Pfau oft in einer warmen Staubmulde hockte, oder wir versuchten uns an den über den Hof stolzierenden Pfau von hinten heranzuschleichen und ihm eine Feder auszureißen. Erfaßten wir von der langen Schleppe des fliehenden Pfaus ein paar Federn, stieß er einen durch und durch dringenden Schmerzensschrei aus und hüpfte beim Weiterlaufen, während wir ein Büschel Pfaufedern in der Hand hielten und Blutstropfen auf den Hofboden fielen. Den Pfau bekam der Eichholzer Opa, der vor dem Einmarsch der Nazis Bürgermeister in der Gemeinde Paternion gewesen war, für seine Verdienste als Vorstand der Oberkärntner Molkerei. Eines Tages, zu einem runden Geburtstag, stand eine große Holzkiste im breiten Flur des Bauernhauses, aus der wir ein mysteriöses Kratzen hörten. Als Lieblingsenkelkind vom Eichholzer Opa durfte meine Schwester Maria die hervorstehenden Nägel mit einer Beißzange aus der Kiste ziehen. Während die silbernen Nägel beim Herausziehen knarrten und quietschten, verstummte das unheimliche Kratzen im Inneren der Kiste. In dem Moment, als meine Schwester den verrutschenden Deckel der Holzkiste hob, streckte, irritiert mit bleckenden Augen um sich schauend, ein Pfau auf seinem blauen, langen Hals den Kopf heraus. Wir wichen überrascht und erschrocken zurück, der verängstigte Pfau sprang mit einem Satz aus der Kiste, eilte mit zuckendem Kopf, die Schleppe seiner langen Federn immer wieder leicht anhebend, den Flur entlang, rutschte mehrmals auf dem glatten Holzboden aus, taumelte und flog, sobald er die Steintreppen des Hauseinganges erreicht hatte, mit einem Schrei in die Hofmitte hinaus, ehe er aufs offene Stalltor zulief. Alle eilten wir hinterher, meine Schwester Maria an der Hand vom Eichholzer Opa, und blieben, nach dem Pfau Ausschau haltend, an der Steintreppe stehen.
Pünktlich um sieben Uhr abends, als der Mesner, der auch die Orgel spielte, am Glockenstrick zog, stieß der Pfau mehrere im ganzen Dorf hörbare, laute, durchdringende Schreie aus, bei denen es mir, wie es heißt, durch und durch ging und ich als Widerhall in meiner Brust den Anfang und das Ende der Welt zu spüren glaubte. Mit einem Pfauenschrei hat die Welt begonnen, dachte ich damals als Kind, und so wird sie auch aufhören, mit dem Schrei des Teufels. »Fragt nicht, was die Nacht durchschneidet, / denn es ist ja meine Nacht / und mein großer Pfauenschrei / und ganz innen drin die Zunge / mit der Botschaft nur für mich.« Las ich zehn Jahre später in einem Gedicht der aus Kärnten stammenden Dichterin Christine Lavant.
Meine Schwester Maria, die nach der Grundschule in unserem Heimatdorf Kamering beim Lehrer Franz Berghuber den sogenannten »B-Zug« der Hauptschule in Dechantskirchen an der Drau besuchte – im »A-Zug«, für den sie nicht geeignet schien, wurde auch Englisch unterrichtet – und sich oft über den strengen Lehrer Oscar Dorner beklagte, der den Schulkindern immer wieder drohte, sollten sie nicht »parieren«, würden sie einen »Karzer« bekommen, also zur Strafe mehrere Tage und Nächte an einem unbekannten Ort eingesperrt werden, mußte manchmal von unserer Mutter überredet oder zur Omnibushaltestelle begleitet werden, damit sie nach Dechantskirchen in die Schule fahren konnte. Sie ging nach Abschluß der Hauptschule in die Haushaltungsschule Litzlhofen, wo sie sich, ganz nach dem Vorbild ihrer beiden Tanten, der in unserem Dorf wohnenden Zuckerbäckerin Ragatschnig Tresl und der Konditormeisterin Tant’ Mitze von der Konditorei Rabitsch in Klagenfurt, zur Konditorin ausbilden ließ.
Der Lehrer Emil Hofmann, der aus dem Lavanttal gekommen war, gründete, mit Hilfe des Kärntner Landesschulrates, in der Kameringer Dorfvolksschule eine Oberstufe. Er unterrichtete die Schulkinder von der vierten bis zur achten Klasse, die junge Lehrerin Waltraud Stoxreiter aus Villach, die mir das erste Karl-May-Buch von der Buchhandlung Pfanzelt brachte, unterrichtete in der Unterstufe die Schulkinder. Seine eigenen, ebenfalls in diese Schule gehenden Söhne schickte der Lehrer Emil Hofmann anschließend aufs Gymnasium, während wir Arbeiter- und Bauernsöhne acht Jahre in einem einzigen Raum in der Dorfvolksschule bleiben mußten, Monat für Monat wurden wir abwechselnd am Vormittag oder am Nachmittag unterrichtet. Unsere Eltern übertölpelte der Lehrer mit den Worten: »Besser ein gutes Volksschulzeugnis als ein schlechtes Hauptschulzeugnis!«
Zuerst setzte er mich, nachdem er aus meinem Zeugnis von der dritten Klasse gelesen hatte, daß ich ein Vorzugsschüler mit lauter Einsern sei, neben seinen ältesten Sohn, den Emil, in den ich mich verliebt hatte, aber als er nach wenigen Monaten bemerkte, daß des Schneiders Sohn, der Laber Fredi, der bessere Schüler war, mußte ich die Schulbank, in der sein talentierter Sohn saß, verlassen und mich neben meinen Cousin, den Bauernsohn Hans setzen. Das war die erste schwere seelische Verletzung, die mir der Lehrer Emil Hofmann zufügte. Diese Wunde heilte erst, als Emil nach einem Jahr die Volksschule verließ und nach Villach ins Gymnasium fuhr. Erst vor wenigen Jahren erzählte mir mein damaliger Freund und Schulkollege Emil, der in der Wiener Akademie für Wissenschaften über Jahrzehnte lang als Experte für Wasserzeichen auf Papier angestellt und auf der Suche nach Wasserzeichen auf der halben Welt unterwegs war, daß sich sein Vater deshalb die Dorfvolksschule in Kamering im Drautal und nicht in einer Ortschaft im weitentfernten Gailtal oder im Lesachtal ausgesucht hatte, weil seine eigenen Söhne bequem mit einem Omnibus von Kamering ins zwanzig Kilometer entfernte Villach ins Gymnasium fahren konnten.
Einmal mußten der Erlacher Hans und der Erlacher Siegfried vor die Tafel treten und ihren Hals entblößen. »Schaut euch einmal den schmutzigen Hals von den beiden an, sie waschen sich nie«, rief der Lehrer Emil Hofmann höhnisch in die Klasse hinein. Mit hochrotem Kopf standen die beiden Gedemütigten aus der ärmsten Familie des Dorfes, die lange kein Bad in ihrem Haus hatten, vor der Tafel und schlichen wie »geschlagene Hunde« in ihre Bänke zurück.
Manchmal hatte ich Angst, daß meine Schwester Maria in Dechantskirchen an der Drau vom Lehrer Oscar Dorner in ein Verlies gesperrt, bei Wasser und Brot ausgehungert werden und tagelang nicht mehr nach Hause kommen würde. Selbst für »Betragen« gab es damals in der Volks- und Hauptschule eine Note. Ein Zweier im Betragen war schlimmer als ein Vierer oder Fünfer im Rechnen oder Schreiben, denn eine Note in diesen Fächern konnte man ausbessern, ein schlechtes Benehmen dagegen war unverbesserlich oder nur mehr mit Gewalt aus den Kindern herauszuprügeln. Ich orientierte mich an dem Stundenplan meiner Schwester, den sie mit einem Klebestreifen auf die mit eingeschliffenen Maiglöckchen geschmückte, verschiebbare Glasscheibe der Küchenanrichte geklebt hatte, ging rechtzeitig zur Haltestelle und wartete, bis die Schnauze des orangefarbenen Omnibusses von den Sautratten auftauchte, immer größer wurde und näher kam. Den mit scharfem grauem Kies bestreuten Straßenrand entlangtänzelnd – ich trug ihren hellbraunen Schweinsleder-Schulranzen –, gingen meine Schwester Maria und ich am väterlichen Obstgarten und am Heustadel, auf dessen Wand die Werbeplakate für den Zirkus KRONE aufgepickt waren, vorbei, bis wir am Schnittpunkt des kreuzförmig gebauten Dorfes ankamen, über den Hügel hinunter aufs Elternhaus zuliefen und bereits das zufriedene Gesicht der besorgten Mutter hinter der mit Fliegenkot punktierten Küchenfensterscheibe sahen. »Wär nicht ein Mann gekommen, der sich ein Herz genommen, o weh! Der packt es bei dem Schopfe und zieht es dann heraus, vom Fuße bis zum Kopfe wie eine Wassermaus. Das Büblein hat getropfet, der Vater hats geklopfet zu Haus.« Heißt es im Gedicht »Das Büblein auf dem Eise«, das meine Schwester Maria auch noch über ein halbes Jahrhundert später im psychiatrischen Pflegeheim auswendig aufsagen konnte.
Auch vom Vater bekam ich oft zu hören: »Wirst du wohl parieren, du Zigeuner, du?« Oder: »Wehe, du folgst nicht!« Oder er drohte: »Ich werde dich durchsalfen!«, nämlich mit einer Weidenrute schlagen, die mit einem roten Band quer über den Kleiderhaken in der Küche lag. Als ich wieder einmal nicht parierte und nicht folgsam war oder eine Schandtat begangen hatte, schlug er mir in der Küche seine große, grobe Hand so wuchtig ins Gesicht, daß Blut aus meiner Nase spritzte und dann auf den Boden hinunterrann. Sternförmig sprangen die großen Blutstropfen auf meinen nackten Füßen und auf dem neuen Küchenboden auseinander. Die Mutter, die an der Anrichte das Mittagessen zubereitete und Zwiebeln schnitt, stellte sich mit dem Messer in der Hand zwischen mich und den Vater und schrie: »Wirst du den Buben erschlagen?!« Meine Schwester stand weinend und zitternd hinter dem Rücken des Vaters an der Türschwelle. Mit erschrockenem und verängstigtem Gesichtsausdruck zog der Vater die Fledermaus seines steifen, zerknitterten Taschentuchs, das er einen Monat nicht gewechselt hatte, aus seiner Hosentasche und wischte mir damit hilflos über das Gesicht.
Den Geruch von seinem Rotz habe ich, wenn beim Schreiben der Sturzbach der Bilder aus der Vergangenheit wieder über mich kommt, heute noch in der Nase. Meine Schwester Maria lief in die schwarze Küche, kam mit der Waschschüssel, die einen blauen dünnen Rand hatte, und mit einem feuchten Putzfetzen wieder und wischte mein Blut auf. Während sie, auf dem Boden kniend, den Putzfetzen mehrmals in die Waschschüssel tauchte und das rot gefärbte Wasser auswrang, weinte sie bitterlich und flüsterte: »Tate! Warum hast du dem Seppl das angetan?« Ich legte mich, immer noch schluchzend, vollkommen erschöpft auf den Diwan und schlief sofort ein. Als ich in der Dämmerung aufwachte, saß meine Schwester mit geschwollenen Augen neben mir, spielte mit meinen nackten Zehen, spuckte in ihr Stofftaschentuch, auf dem ein blaues Veilchen eingestickt war, und wischte die getrockneten Blutflecken von meiner Oberlippe und von meinem Kinn.
Ich haßte es, wenn meine Mutter, die mich manchmal, wenn ich wieder bockig oder unfolgsam war, anschrie: »Mir rutscht gleich die Hand aus«, oder: »Du bekommst gleich eine Verkehrte!«, in ihr Taschentuch spuckte und damit meinen verschmierten Mund säuberte, wenn wir gemeinsam unterwegs waren oder jemand überraschend zu Besuch kam. Und wenn ich dann nach einer Schandtat oder nach einer Lüge mit ihrer rechten Hand eine »Verkehrte« bekam, schlug ihr goldener Ehering schmerzhaft an einen Oberkieferzahn.
Eines Tages kam der Vater, nachdem er von einem Kind der Gasthausfamilie Gfrerer vulgo Knap, zum Telefon gerufen worden war, mit eingefallenen Wangen und weit aufgerissenen Augen zur Küchentür hereingestürzt und rief entsetzt mit hocherhobenen Händen, die schließlich hilflos auf seine Oberschenkel hinunterfielen: »Die Tant’ Mitze is gstorbn!« Sie sei hinter der Konditortheke umgefallen, Herzinfarkt. »Sie war auf der Stelle tot«, so der Vater, tot auf der Stelle! Von der Konditorei Rabitsch in Klagenfurt, von der Tant’ Mitze und vom Onkel Hans, dem Bruder meines Vaters, bekamen wir Jahr für Jahr, solange jedenfalls die Enz’n Oma und der Enz’n Opa lebten, rechtzeitig zu Weihnachten ein Paket mit Christbaumschmuck aus Schokolade, Lebkuchenherzen, auf denen farbiger Streuselzucker klebte, und ihr in der eigenen Konditorei am Neuen Platz in Klagenfurt angefertigtes, filigranes, rosarotes, zwischen den Zähnen knirschendes Windgebäck, das mit goldenen Fäden an die in alle Richtungen stehenden Äste des Christbaums gehängt wurde. Meine Schwester Maria besorgte im Kameringer Kaufhaus »Deutsch« neben den Sternspritzern die verschiedenfarbigen Kerzen für den Christbaum und die schmalen, dünnen, glitzernden Lametta-Metallstreifen, die sich, wenn die Kerzen auf dem Christbaum brannten, von der Wärme ständig bewegten, alles andere fanden wir im Weihnachtspaket von der Konditorei Rabitsch aus Klagenfurt.
Als die junge Verkäuferin, eine Schulkollegin, die ihr Haar, das sie ständig auftoupiert und mit der aufdringlich riechenden Frisiercreme FLOT von Schwarzkopf eingefettet hatte, meiner Schwester Maria auch Engelshaar anbot, weigerte sie sich und meinte, daß es »so komisch« an den Fingern klebe und sie nicht möchte, daß den Engeln im Himmel für unseren Weihnachtsbaum die Haare abgeschnitten werden. »FLOT macht ihr Haar gefügig«, hieß es im Beipackzettel, »die Dame massiert einfach FLOT ins Haar. FLOT bändigt das Haar und macht es zugleich so geschmeidig, daß es sich bis in die Spitzen formen läßt …«
Wir waren vom unerwarteten Tod der Tant’ Mitze vollkommen überrascht und weinten bitterlich. Der Onkel Hans und die Tant’ Mitze, die kinderlos geblieben waren, brachten uns erst im vergangenen Sommer in einer großen, dickbäuchigen Thermoskanne das erste Speiseeis unseres Lebens mit Vanillegeschmack. Vanille kannten wir bis dahin nur vom Staubzucker, den die Mutter zu Ostern auf die Krapfen streute. Einmal lagen in einem Paket aus der Konditorei Rabitsch auch mehrere schmale Dosen, deren Deckel wir mit einem angelöteten Schlüssel durch Aufdrehen öffneten, mit in Öl liegenden Sardellen, in die Kapern eingerollt waren, die wir, lachend und aufjauchzend, vorsichtig kosteten und wieder ausspuckten. Ein anderes Mal bekamen wir aus der Konditorei Rabitsch in größeren, schmalen und gebogenen orangefarbenen Dosen die ersten »Original Wiener Zuckerln« von der Firma Heller. Die Mutter spülte, nachdem die Zuckerln ungerecht verteilt und von den Kindern vernascht worden waren, die innen klebrigen Dosen mit heißem Wasser aus, bevor sie die kleinen, weichen Knäuel ihrer verschiedenfarbigen Stopfwolle hineinsteckte.
Meine Schwester Maria und ich bekamen Angst, daß wir in Zukunft vor dem leeren Christbaum stehen müßten, das aus dem Universum segelnde Christkind, dem wir die Haare gelassen hatten, auch keine Schokoladefrösche, Vierklee, Rauchfangkehrer, silberne und goldene Schokoladetannenzapfen mit Nußfüllung an die Äste hängen würde. Vom Onkel Hans, der auffällig dem Alkohol zugeneigt war und dicke kubanische Zigarren rauchte, konnten wir nichts erwarten, denn die gutmütige und großzügige Tant’ Mitze, die Konditorin, war tot. Und damit war auch meine heimliche Hoffnung gestorben, daß ich vielleicht eines Tages, weit weg von meinem kreuzförmig gebauten Heimatdorf Kamering, eine Konditorlehre in Klagenfurt in der Konditorei Rabitsch am Neuen Platz beginnen und bei meinen Verwandten wohnen könnte. Wenn der Onkel Hans wieder einmal seine Eltern besucht hatte, die Enz’n Oma und den Enz’n Opa – die Tant’ Mitze und ein vornehmes ungarisches Ehepaar waren bei diesem Fest immer dabei –, und ein paar kalte, zusammengedrückte Zigarrenstummel im klobigen Aschenbecher zurückblieben und wir wußten, daß die Luft rein war, zündeten meine Schwester Maria und ich heimlich die Tabakreste hinter dem Plumpsklo, im Schutz der Holunderstaude, neben dem Misthaufen an und begannen, heftig hustend, zu paffen und daran zu saugen und uns, neckisch kichernd, gegenseitig den Zigarrenrauch ins Gesicht zu blasen.
Nach dem Tod seiner Frau, der dicken und allseits beliebten Tant’ Mitze, verpachtete der Onkel Hans die Konditorei. Von nun an trug die berühmteste Konditorei von Kärnten, die Konditorei Rabitsch vom Neuen Platz in Klagenfurt, die gegenüber vom Lindwurm stand, den Namen des Pächters »Liebhardt«. Der Name Rabitsch stand nur mehr auf einem großen, pompösen, mit einem Gitter eingefaßten Grabstein auf dem Annabichler Friedhof, wo auch die Ingeborg Bachmann begraben liegt. Mein Vater, der die Trauerfeierlichkeiten für die Tant’ Mitze organisierte, wollte seinen Bruder zum Begräbnis seiner Frau in der Wohnung am Neuen Platz abholen, aber er fand ihn schwer betrunken in seinem Bett vor. Der Begräbniszug bestand nur aus ein paar Leuten, meinem Vater, dem ungarischen Ehepaar, meiner Schwester Maria, die neben dem Pfarrer mit einer brennenden Kerze den Leichenzug anführte, und den vier noch lebenden Geschwistern des Vaters, dem dicken, kleinwüchsigen Onkel Pepe, dem SS-ler Onkel Franz, der Konditormeisterin Ragatschnig Tresl und der Tant’ Heide.
Später war der einst so stolze Konditormeister, der mein Chef hätte werden können, mit dem ich mir vorstellte in den frühen Morgenstunden gemeinsam Torten und Schaumrollen zu backen und der in einer Verschnaufpause gerne am Straßenrand vor dem Geschäft stand und seinen Zigarrenrauch genußvoll auf den Lindwurm hinblies, nicht selten in einem zerknitterten blaugestreiften Schlafanzug im nahe gelegenen Gasthaus »Zum Lindwurm« anzutreffen und torkelte, nachdem er sich mit Wein vollgeschüttet hatte, über den Neuen Platz zurück in die Wohnung, die das Konditorehepaar im ersten Stock des Hauses, direkt über der Konditorei, von einer Bank gemietet hatte. Als ich mich im Alter von neunzehn Jahren auf den Weg machte und das Dorf Kamering verließ, in die Abendhandelsakademie gehen wollte, um die Matura nachzuholen, aber noch keine Bleibe in der Landeshauptstadt vorbereitet war, rief mein Vater seinen Bruder an und fragte ihn, ob ich vielleicht ein paar Tage oder Wochen, bevor ich ein Zimmer gefunden hätte, bei ihm einziehen könnte.
Am Morgen erschien der Onkel Hans unrasiert in seinem nach Urin stinkenden Schlafanzug, öffnete den muffigen Kühlschrank, stellte lieblos die schon halb ranzige Butter auf den Tisch und rief vorwurfsvoll mit seiner rauhen, unfreundlichen Stimme: »Do is die Butta!« Und: »Geh obe in die Konditorei und hol dir ein paar Semmeln und a Nußkipferl, wenn du willst! Do host dos Geld!« Nach zwei, drei Nächten auf seinem durchgelegenen Diwan ohne Bettwäsche, nachdem ich die Launen des mürrischen, alten, ständig im Schlafanzug und mit einer Weinflasche durch die Wohnung taumelnden, ungepflegten Mannes hatte ertragen müssen, floh ich Hals über Kopf aus seiner Wohnung am Neuen Platz, ich hatte im Klagenfurter Kolpingheim ein Zimmer gefunden.
Nach dem Tod der Tant’ Mitze lebte der Onkel Hans, der seinem Bruder auf dem Bauernhof, in seinem Elternhaus, nie mehr einen Besuch abstattete, noch über fünfzehn Jahre lang. Auch am Grab seiner Eltern ließ er sich, in meiner Erinnerung, nur mehr selten blicken. Wenn sich meine Schwester Maria dann und wann in Klagenfurt aufhielt und ihren Onkel besuchen wollte, läutete sie mehrere Male an seiner Tür. Manchmal hörte sie das Knistern des alten Parkettbodens, als ob jemand an die Tür herangehen und durchs Guckloch schauen würde, aber sie stand immer vor geschlossener Tür und trippelte enttäuscht über die knarrende, breite Stiege hinunter, ging in die Konditorei Liebhardt, aß ein Stück Malakofftorte oder eine Vanillecremetorte, trank einen Kaffee und schlenderte am Lindwurm vorbei über den Neuen Platz. Die Haushälterin vom Onkel Hans, die ihn einmal wöchentlich aufsuchte, fand ihn eines Tages tot in seiner Wohnung. Er soll unrasiert in seinem Schlafanzug auf dem Rücken in einem großen Urinfleck vor seinem Bett auf dem Boden gelegen haben.
Das Begräbnis vom Onkel Hans organisierte ebenfalls unser Vater. Er hatte sein ganzes Hab und Gut versoffen, von seinem verbleibenden Bargeld auf der Bank konnte gerade noch das Begräbnis bezahlt werden. Nach den notariellen und gerichtlichen Abhandlungen, bei denen seine anderen beiden Brüder, der Onkel Franz, der dicke Onkel Pepe mit den auffällig klumpigen Ohrläppchen, und seine Schwestern, die Tant’ Heide und die Ragatschnig Tresl, aufs Erbe, das es bis aufs veraltete Mobiliar gar nicht gab, verzichtet hatten, brachte der Vater mit seinem Traktor und einem Anhänger die Überbleibsel des Verstorbenen nach Hause ins sechzig Kilometer weit entfernte Kamering, ein paar Anzüge, altmodische Hemden, zwei Schränke, ein Doppelbett, ein paar schwarze, nagelneue Lederschuhe, mit denen der Vater Jahrzehnte später selber in den Sarg gelegt wurde, einen wuchtigen Ölofen und einen Schreibtisch mit Aufsatz. Den Ölofen stellte er in unser ehemaliges Kinderzimmer, in dem zu dieser Zeit ich schlief und an meinem Roman »Der Leibeigene« schrieb.
Den Schreibtisch, das einzige wertvolle Stück, das im Nachlaß des Konditormeisters gefunden wurde, teilte der Vater mir zu. Es war keine Rede davon, daß den Schreibtisch ein anderer von meinen Geschwistern bekommen sollte. Eifersüchteleien wehrte er mit einer Handbewegung ab. Meine Arbeit, das wußte und respektierte der Vater, war die Schreibarbeit, und ich brauchte das Werkzeug, dazu gehörte der Schreibtisch. Eine Zeitlang schlief ich im Totenbett des Konditormeisters, vielleicht war es auch das Totenbett der Konditormeisterin, ehe mir der Vater – ich war schon dreißig Jahre alt – ein eigenes Bett in Paternion beim kleinwüchsigen und gehbehinderten Tischler »Obermann« anfertigen ließ und es für mich mit Traktor und Anhänger nach Hause brachte.
Von Saison zu Saison arbeitete meine Schwester Maria als Konditorin in den verschiedensten Hotels in Kärnten und Salzburg, kehrte zu Saisonende in ihr Elternhaus zurück, wo sie sich ins ehemalige Schlafzimmer vom Enz’n Opa und der Enz’n Oma einquartierte und auf der großväterlichen Seite auf den harten Roßhaarmatratzen schlief, die ein halbes Jahrhundert nicht ausgetauscht worden waren. Auch wenn sie dann und wann die Möbel im Zimmer umstellte, schlief sie nie im ehemaligen Bett der Großmutter, immer im Totenbett vom Enz’n Opa. Die harten Roßhaarmatratzen hatten gelbe Flecken und waren durchgelegen. Brach die Saison wieder an, packte meine Schwester Maria ihren Koffer, setzte sich in den Omnibus und in den Zug und fuhr zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Selten blieb sie mehrere Jahre bei einer Arbeitsstelle. Einmal war sie in Döbriach am Millstätter See, dann im katholischen Wallfahrtsort Maria Luggau, in der Wintersaison in den Skiorten Bad Kleinkirchheim und Bad Gastein … Einen Winter lang verbrachte sie bei der Tant’ Nane, der Schwester unserer Mutter, die auch ihre Taufpatin war, im tiefverschneiten Urlaubsort Lech am Arlberg, wo sie als Zimmermädchen arbeitete und viele ihrer Arbeitstage mit Schneeschaufeln begannen.
Einerseits mißfiel ihr die Arbeit als Zimmermädchen, andererseits liebte sie ihre Taufpatin, die Tant’ Nane, wohl immer als Verwandte, aber nicht als Chefin, von der sie dann und wann auch ermahnt und gescholten wurde. Meine Schwester Maria teilte die Tant’ Nane, wenn sie von ihr sprach, in zwei Personen auf, in die Verwandte und in die Chefin. Lieber setzte sich meine Schwester die weiße, geplusterte Kochmütze der Konditormeisterin auf ihren Kopf und präsentierte den Hotelgästen, vor allem den Kindern, im Speisesaal ihre Tortenkunst und stellte ihre neuen Eiskreationen vor. »Es ist kein ›Machen‹ bei den Verwandten!« sagte sie einmal zu mir, »man macht nichts richtig!« Und: »Überall sieht man in den Hotelbetten lauter Flecken in den Leintüchern! Ich möchte nie mehr als Zimmermädchen in einer Pension oder in einem Hotel arbeiten!«
Ein Jahr vor ihrem Tod im psychiatrischen Pflegeheim in Möllbrücke meinte sie zu mir mit traurigem Stolz: »Mich hat keiner berührt! So werde ich wohl eines Tages auch ›gehen‹!« Im Pflegeheim sang sie in der Weihnachtszeit, wenn die indische, aus Kerala stammende Pflegerin, eine Katholikin, mit einem Teller voll Vanillekipferln kam und ihn meiner Schwester und mir reichte, ein Weihnachtslied im Kärntner Dialekt, das sie noch aus der Volksschule vom strengen Lehrer Franz Berghuber kannte, der uns öfter androhte, daß wir zur Strafe auf einem Holzscheit knien müßten, manchmal stand ich auch eine Stunde lang mit ausgestreckten Händen, über denen ein Stock lag, vor der Tafel: »Es wird schon glei dumper, es wird schon glei Nocht, drum kimm i zu dir her, mein Heiland, auf d’Wocht …«
Jahrzehntelang stellte sich meine Schwester Maria vor, daß sie nachts – auch bei geschlossenem Fenster – von einem »älteren, graumelierten Herrn« besucht werde. Im Winter stellte sie im ehemaligen großelterlichen Schlafzimmer, in dem sie hauste, einen gebrannten, löchrigen Mauerziegel vor das unverriegelte Fenster, legte auf einer frischen Leinenserviette ein Stück Gitterkuchen oder eine dicke Scheibe Biskuitroulade, aus der die Marillenmarmelade herausquoll, manchmal auch ein großes Stück von der Malakofftorte auf die Fensterbank. Oft aß sie ein paar Tage später die Mehlspeise beim Frühstück zu ihrem Linde- und Melanda-Kaffee oder warf sie, wenn das Backwerk schon über eine Woche alt und unansehnlich geworden und von ihrem heimlichen Gast, der sich zierte, nicht angerührt worden war, in der Schwarzen Küche in den Abfalleimer, in dem die Lebensmittelreste für die Schweine gesammelt wurden.
»Der graumelierte Herr«, so erzählte sie mir, stellt im Winter eine Leiter an die Hausmauer, drückt von außen das von einem Ziegel geschlossen gehaltene Fenster auf und steigt in ihr Zimmer. Der auf dem Nachttisch stehende, aufziehbare, kleine, silberne, seine Arme überkreuzt auf der Brust haltende Blechengel, der seine Flügel bewegen kann und der zwei Gesichter hat, an der Vorderseite ein malträtiertes Engelsgesicht und an seinem Hinterkopf ein Totenkopfgesicht, macht keinen Mucks, er weiß sich zu benehmen, wenn der heimliche und lang ersehnte Gast meiner Schwester Maria den mitternächtlichen Besuch abstattet.
»Die glauben wohl, ich bin eine Damische!« sagte sie immer wieder über ihre Mutter und über unsere Geschwister, denen sie dann und wann, obwohl ich meiner Schwester immer wieder abgeraten hatte, doch von ihrem nächtlichen Besucher erzählte. Auch der Vater wußte davon, es gehe ihm aber, wie sich die Mutter öfter ausdrückte, beim einen Ohr hinein und beim anderen Ohr hinaus. Er verlor nie ein höhnisches Wort darüber und stellte die Existenz ihres heimlichen Besuchers auch gar nicht erst in Frage und nannte sie in ihrer Abwesenheit manchmal eine »Arme Haut«. Entweder wollte der Vater nichts davon hören oder wissen oder ES ging ihm unter die arme Haut seiner Tochter, die er abwechselnd »Mitzele« oder »Dirndle« nannte.
»Er ist wieder dagewesen, ich habe einen Fleck auf meinem Nachthemd!« – »Du spinnst wohl!« antwortete die Mutter. – »Es ist Sperma! Ich habe auch noch ein Leben in mir, verstehst!« fauchte meine Schwester Maria ihre Mutter an, die ihr daraufhin mit keinem Wort widersprach, sich mit einem kleinen Bastkorb in der Hand umdrehte, in die kühle Speisekammer ging und in der Stellage die faulen von den gesunden Äpfeln trennte. Wortlos kam sie mit dem Bastkorb voller brauner Äpfel, die von lauter graugelben Pilzpolstern übersät waren, aus der Speis’, ging achtlos an ihrer den Kopf schüttelnden und ihre Mutter verächtlich anschauenden Tochter vorbei in den engen Hausflur und in den Hof hinaus und warf das faulende Obst auf den Misthaufen.
Jedesmal, wenn der Vater im Beisein von Verwandten und unter allgemeinem Gelächter erzählte, daß er damals beim Eichholzer über eine Leiter neben einem Marillenbaum ins Zimmer seiner zukünftigen Frau gestiegen sei und dann, wie es hieß, »das Mitzele geworden« sei, wurde die Mutter krebsrot im Gesicht, ging in die Speisekammer, setzte sich zwischen den selbstgemachten, einen halben Meter langen, an einer Stange hängenden geräucherten Salamis auf einen Hackblock, auf dem ein Beil lag, nieder und kam lange nicht wieder.
Auch in den städtischen Psychiatrien, in Villach oder in Klagenfurt, wurde meine Schwester mehrfach von einem »älteren, graumelierten Herrn« aufgesucht: »Er findet mich überall, er weiß immer, wo ich bin!« Vielleicht waren es im Laufe der Jahrzehnte mehrere graumelierte, ältere Herren, vielleicht war es der vornehme Herr aus Graz, der ihr in einer Konditorei, in der sie sich um eine Stelle beworben hatte und auf den Chefkonditor wartete, einen Enzian in die Schürze gesteckt und der sie im Krankenhaus aufgesucht hatte. Der Mann, der offenbar kein Fleisch aß, von dem sie sich angezogen und abgestoßen fühlte, den sie fürchtete und nach dem sie manchmal wohl auch Sehnsucht hatte, den sie »Vegetarier« nannte, tauchte erst in den letzten zwei Jahren im psychiatrischen Pflegeheim in Möllbrücke auf, vorher war nie von ihm die Rede. Ich fragte meine Schwester Maria einmal, ob es immer derselbe ist, der in der Nacht zu ihr kommt, aber ich bekam keine Antwort, sie schaute mich lange schweigend und fragend an oder sie wendete sich von mir ab und gab mir damit das Zeichen, daß sie nicht darüber reden wolle. In diesen sieben Jahren ihres Aufenthaltes im Pflegeheim sprach sie nie mehr davon, daß auch er bei ihr Sperma hinterlassen hatte, über ein halbes Jahrzehnt lang war keine Rede mehr von einem »Fleck«, den ein männlicher Besucher in der Nacht auf ihrem Nachthemd hinterlassen hätte. »Mein Wort ist Nahrung für / die Engel: sag’ ich nichts, / dann sagen sie ganz hungrig: ›Sag doch was, was schweigst du?‹ / Du bist kein Engel, was / weißt du von Engelsnahrung?«
Oft griff sie zum Telefonhörer und rief mich weinend in Klagenfurt an: »Der Vegetarier, dieses Schwein, läßt mich nicht in Ruh! Komm, hilf mir, Seppl!« Ich stieg noch am selben oder am nächsten Tag in den Zug. Fuhr der Zug am anderen Ufer der Drau durch die Ortschaft Ferndorf – Ferndorf war auf der Sonnseite, unser Heimatdorf Kamering auf der Schattseite –, stellte ich mich ans Fenster und schaute auf die Sautratten, wo in einem Getreidefeld die schwarze Leiche des Judenmassenmörders Odilo Globocnik im Moor dahinmodert. Ich sah, besonders im Winter, wenn die Bäume entlaubt waren, die Kirchturmspitze und den Pfarrhof, der am Kopf des kreuzförmig gebauten Dorfes auf einem Hügel steht.
Nachdem 1897 das Dorf zur Gänze abgebrannt war, wurde es zur Jahrhundertwende kreuzförmig wiederaufgebaut. Bauernkinder, die zusahen, wie die Erwachsenen das trockene Erdäpfelkraut auf den Feldern verbrannten, zogen an einem windigen Oktobernachmittag ein Bündel Heu aus dem Stadel und zündeten es an der Tennbrücke an. Der Wind trieb die Flammen in den Heustadel und setzte das Gebäude in Band. Das Feuer griff auf die anderen Heustadel, Ställe, Bauernhäuser und Gesindehütten über und ließ einen dorfgroßen Aschehaufen zurück. 26 Objekte wurden eingeäschert. Vom anderen Ufer der Drau, von Ferndorf und vom höher gelegenen Dorf mit dem Namen »Glanz«, schauten die Leute auf ein riesiges, brennendes Kreuz.
Im Kameringer Pfarrhof stand ein armloser Jesus, der vor dem Zweiten Weltkrieg von ein paar Frevlern, wie sie der Pfarrer Franz Reinthaler nannte, über einen Wasserfall gestürzt wurde, dem bei dieser Schandtat die Arme abgebrochen waren, die aber nie mehr gefunden wurden, und den meine Schwester Maria in ihrer Kindheit mit selbstgepflückten Glockenblumen und Margeriten, mit blaurosa Vergißmeinnicht und gelben Himmelschlüsseln schmückte. Die beiden Frevler, die den Jesus über einen Wasserfall hinunterstürzten, so erzählte es der Pfarrer im Religionsunterricht immer wieder, haben zur Strafe für ihren Frevel und für die Gotteslästerung ihre beiden Arme im Krieg verloren und mußten von ihren Verwandten gefüttert werden.
