Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel - Josef Winkler - E-Book

Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel E-Book

Josef Winkler

2,2
15,99 €

oder
Beschreibung

Nachdem Josef Winkler am 1. November 2008 in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis entgegengenommen hatte, hielt er zum Dank eine Rede, aus der dieses Buch entstand. Es gibt Antwort auf einige Fragen: Josef Winkler, wer ist das? Wo kommt er her? Was hat ihn geprägt? Wie ist er zum Schriftsteller geworden? Warum schämt er sich seit kurzem nicht mehr, wenn er nicht jeden Tag an Selbstmord denkt? Josef Winkler, der in einem kleinen katholischen Kärntner Dorf auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, in dem es – außer den alten, abgegriffenen schwarzen Gebetbüchern, auf denen reliefartig, also mit den Fingerkuppen berühr- und erfahrbar, ein goldenes, sich tief in den Kinderseelen verankerndes Kreuz eingraviert war – keine Bücher gab, nicht einmal die Bibel, erzählt von seiner frühen Sehnsucht nach Sprache und Bildern. Mit gestohlenem Geld kaufte er sich die Bücher von Camus, Hemingway, Sartre, Peter Weiss und Jean Genet. Er las diese Bücher, als ob er sie selber geschrieben hätte, und sagte sich, kaum hatte er den Ministrantenmantel abgelegt: »Eines Tages werde ich ein Buch schreiben!« Aus- und abschweifend entwirft Winkler ein Selbstporträt – auf dem auch zwei seiner Schutzheiligen, der Maler Chaim Soutine und der Schriftsteller und Dieb Jean Genet, Platz finden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 179




Josef Winkler

Die Realität so sagen,als ob sie trotzdemnicht wäroderDie Wutausbrüche der Engel

Suhrkamp

ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2011

© Suhrkamp Verlag Berlin 2011

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

eISBN 978-3-518-76910-2

www.suhrkamp.de

 

»In den Bekenntnissen der Schriftsteller müßte viel eher der Wunsch sein, ganz aufrichtig die Wahrheit zu sagen, als sich in seiner Wahrheit zu suhlen. Schreiben, nicht um sich zu zeigen, sondern um sich nicht zu verbergen, was überhaupt nicht dasselbe ist. Ich stelle mich nicht zur Schau. Ich ziehe vorbei, und wer will, sieht mich.«

Julien Green,Tagebücher

 

Das erste Kapitel

Das Buch . . . Irgendwann in der Frühe der Kindheit, im ersten Morgenrot des Lebens hatte sich der Horizont von seinem milden Licht erhellt. Es lag glorreich auf dem Schreibtisch meines Vaters, und dieser, still darin vertieft, strich mit spuckefeuchtem Finger geduldig über die Rückseiten von Abziehbildern, bis sich das blinde Papier allmählich vernebelte und trübte, bis es sich in seliger Vorahnung konturierte, sich plötzlich flockig wie Fließpapier schuppte . . .

Bruno Schulz

DIE GESCHICHTE VOM WIDERHALL DER KATHOLISCHEN LITANEIEN IM MIT BROMBEERMUSTER AUSTAPEZIERTEN TABERNAKEL, VON DEN VERGOLDETEN SCHUTZENGELN UND VOM ZERSTÜCKELTEN HOCHALTAR

Es gab in diesem im Winter tiefverschneiten, kreuzförmig gebauten Kärntner Dorf Kamering, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin und das im Jahre 1887 an einem windigen Spätsommertag nach der eingebrachten Heuernte von auf einer Tennbrücke zündelnden Kindern zur Gänze eingeäschert und danach wieder kreuzförmig aufgebaut worden war, keine Romane zu lesen, keine Kinderbücher, keine Bibel, nur Gebetsbücher mit Litaneien. Das Gebetsbuch meiner gläubigen Großmutter väterlicherseits mit dem reliefartig eingepreßten, vergoldeten Kreuz auf dem harten schwarzen Umschlagdeckel, einen »Trostreichen Himmelsschlüssel zum Gebrauche im Jammerthale des Lebens, und zum Nutzen an der Pforte der Ewigkeit – Ein katholisches Gebetsbuch für Christen aller Stände«, habe ich aufbewahrt und immer wieder in meinen Büchern daraus zitiert: »Ich eile zur Wunde und fliege hinein, du wirst mir ein Schirmer, ein Tröster mir sein.« Ein Schirmer und Tröster war damals der Engel, von dem uns der Pfarrer im Religionsunterreicht erzählte, daß ein Engel über jedes Kind und über jeden Erwachsenen ein Buch führe und alle guten und schlechten Taten, auch Phantasien, Träume und Gedanken aufzeichne und festhalte, bis zur Todesstunde, bis es soweit ist und der Engel, der Buchhalter unseres Lebens, die Entscheidung trifft, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen. Dieser Engel drückte mir Nacht für Nacht an der mit Efeu bewachsenen Friedhofsmauer im zweiten Gemüsegarten meiner Mutter die Spitze des Kirchturms mit der Totenglocke in meine Kinderbrust mit den Worten:   , so daß ich mit dem Rücken an die mit Efeu bewachsene Friedhofsmauer gedrängt wurde, mich widerstrebend mit ausgestreckten Händen an den Dolden der schwarzen, traubenartig herunterhängenden Holunderfrüchte festhielt, wobei mir der nach Schweiß und Blut riechende Engel den rauhen Kirchturm mit dem Kreuz an der Spitze noch tiefer in die Brust und ins Herz drückte mit den Worten: Während ich mit dem Rücken an der Friedhofsmauer zwischen hochgewachsenem Maggikraut und Petersilie stand, trieb mir der übermächtige, mit seinen violett-rosafarbigen Flügeln schlagende Engel den Kirchturm tief und tiefer in die Brust, schließlich durchs Herz, bis die Kirchturmspitze mit dem blutbeschmierten Kreuz neben meiner Wirbelsäule durch den Rücken stach, bis ich angenagelt war an die efeubewachsene Friedhofsmauer zu seinen Worten:   , so daß mich, Morgen für Morgen, schwarzbeschmiert mit den Früchten des reifen Holunders zwischen Maggikraut und Petersilie, meine Mutter auflas und wir, wenn sie unter dem großen Schutzengelbild an meinem Bett saß, gemeinsam dankbar das Morgengebet sprachen: »O Gott, du hast in dieser Nacht so väterlich für mich gewacht. Ich lob und preise dich dafür und dank für alles Gute dir. Bewahre mich auch diesen Tag vor Sünde, Tod und jeder Plag, und was ich denke, red und tu, das segne, bester Vater, du!«