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Wie der Taucher auf dem berühmten Fresko im süditalienischen Paestum, das einen Mann zeigt, der kopfüber von einer Säule springt, hat Claude Lanzmann sich in jedes Abenteuer gestürzt. Alle wichtigen Entscheidungen seines Lebens, so schreibt er, waren wie Kopfsprünge ins Ungewisse. Lanzmann wurde berühmt als Regisseur des epochemachenden Films «Shoah». Zugleich hat er zeitlebens als Publizist gearbeitet. Dieses Buch versammelt Reportagen, Erzählungen, Porträts und kämpferische Artikel, die er seit 1947 unter anderem für die von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift «Le Temps Modernes» geschrieben hat. Mal kritisiert er harsch, mal ist er voller Begeisterung; polemische Texte und politische Interventionen stehen neben einfühlsamen Nahaufnahmen und gesellschaftlichen Tiefenbohrungen. Immer sind die Texte unkonventionell, eigensinnig und frei. Lanzmann porträtiert Serge Gainsbourg, Richard Burton und Jean-Paul Belmondo, schreibt über den Dalai-Lama und Israel, über «Schindlers Liste» und Rainer Werner Fassbinder. Lanzmann gehört zu den wichtigsten europäischen Intellektuellen der Gegenwart. Einmal mehr erweist er sich nun als unverzichtbarer und mutiger Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts.
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Seitenzahl: 689
Veröffentlichungsjahr: 2015
Claude Lanzmann
Ausgewählte Texte
Wie der Taucher auf dem berühmten Fresko im süditalienischen Paestum, das einen Mann zeigt, der kopfüber von einer Säule springt, hat Claude Lanzmann sich in jedes Abenteuer gestürzt. Alle wichtigen Entscheidungen seines Lebens, so schreibt er, waren wie Kopfsprünge ins Ungewisse.
Lanzmann wurde berühmt als Regisseur des epochemachenden Films «Shoah». Zugleich hat er zeitlebens als Publizist gearbeitet. Dieses Buch versammelt Reportagen, Erzählungen, Porträts und kämpferische Artikel, die er seit 1947 unter anderem für die von Jean-Paul Sartre gegründete Zeitschrift «Le Temps Modernes» geschrieben hat. Mal kritisiert er harsch, mal ist er voller Begeisterung; polemische Texte und politische Interventionen stehen neben einfühlsamen Nahaufnahmen und gesellschaftlichen Tiefenbohrungen. Immer sind die Texte unkonventionell, eigensinnig und frei. Lanzmann porträtiert Serge Gainsbourg, Richard Burton und Jean-Paul Belmondo, schreibt über den Dalai-Lama und Israel, über «Schindlers Liste» und Rainer Werner Fassbinder.
Lanzmann gehört zu den wichtigsten europäischen Intellektuellen der Gegenwart. Einmal mehr erweist er sich nun als unverzichtbarer und mutiger Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts.
Claude Lanzmann, geboren 1935 in Paris, studierte Philosophie und war Lektor an der Freien Universität Berlin. Viele Jahre arbeitete er als Journalist, vor allem als Mitarbeiter der Zeitschrift «Le Temps Modernes», deren Herausgeber er inzwischen ist. Sein Dokumentarfilm «Shoah» (1985) machte ihn weltberühmt. 2009 erschienen seine Erinnerungen «Der patagonische Hase» und wurden auch in Deutschland zum Bestseller. Er lebt in Paris.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2015
Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Die französische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel "La tombe du divin plongeur" bei Èditions Gallimard, Paris © Éditions Gallimard, Paris, 2012
Umschlaggestaltung ANZINGER WÜSCHNER RASP, München
Illustrationsnachweis Grab des Tauchers, Paestum, Italien. 480-470 vor Chr. © imageBROKER/BAO
ISBN 978-3-644-05171-3
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Juliette
Vorwort
Der Priester von Uruffe und die Kirchenraison
Die Flucht des Dalai-Lama
Die erste Israel-Reise eines Papstes seit der Staatsgründung
Porträts
Edwige Feuillère in Die Irre von Chaillot
Sami Frey
Der Pantomime Marceau
Soraya, ein Winter auf Capri
Richard Burton
Jacques Tati
Antoine, mein Freund Colbert
Charles Aznavour
Jean-Paul Belmondo
François Périer
Serge Gainsbourg, die Anfänge
Marcel Cerdan Junior
Claude Jaccoux, Bergführer von Chamonix
Die Halbstarken
Jean-Paul Sartre: Engagiert euch und engagiert euch wieder
Claire Etcherelli, Elise oder Das wahre Leben
Albert Cohen, Die Schöne des Herrn
Papillon
Erzählungen
Der Diebstahl im La Colombe D’or
Zarthan: Die Bibel ist wahr
Der Schatz des Tutanchamun
Gebet für die Akropolis
Nie wieder Agadir
Politische und polemische Kämpfe
Der Humanist und seine Hunde
Der Hungerstreik
Das Humanitäre und das Tragische in der Geschichte
Der Krieg hat stattgefunden
Die Schrecken vergleichen
The Disaster
Präventivkrieg oder Apokalypse
Die Anerkennung: François Mitterrand in Israel
Der Urhass
Ariel Scharon Und Mahmud Abbas: Der gleiche Mut
Arthur Koestler: Botschaft aus dem Jenseits
Nacht und Nebel: Entgegnung an Gilles Deleuze betreffend Fassbinders und Schmids Schatten der Engel
Der eigentliche Angeklagte ist Vergès
Raymond Barre, ein «Unschuldiger Franzose»
Rund um Shoah
Einführung in das Werk: Zum Thema Shoah. Der Film von Claude Lanzmann
Hier ist kein Warum
Dieses Wort «Shoah» … Erwiderung an Henri Meschonnic
Vom Holocaust zu Holocaust oder Wie man sich seiner entledigt
Vorwort zu Sonderbehandlung: Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz von Filip Müller
Die Juden haben die Schlacht um den Karmel von Auschwitz verloren
Holocaust, die unmögliche Darstellung. Zu Schindlers Liste
Die wahre Vergessensmaschine: Antwort an Anne Sinclair und Alain Minc
Erwiderung an Jacques Henric und Philippe Forest
Würdigungen und Grabreden
Ein Brief an Noriaki Tsuchimoto
Für Bernard Cuau
Hazkarah. Die Auferstehung des Namens
Paulette de Boully. Trauerrede am Grab meiner Mutter
Literaturnachweise
Für Juliette
Zum ersten Mal bin ich in den fünfziger Jahren nach Paestum gereist. Gemeinsam mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre verbrachte ich fast einen ganzen Tag dort; von der harten Mittagssonne bis zum Einbruch der Dunkelheit ließen wir den dorischen Tempelsäulen Zeit, knochenweiß zu werden. Und immer wieder bin ich im Lauf meines Lebens nach Paestum zurückgekehrt. Erst gestern fand ich die alte, unangetastete Empfindung aufs Neue in mir vor, eine Mischung bis zum zerreißen gereizter Nerven und ungekannter Ruhe, das Gefühl, eine vor dem Leben und vor dem Tod geschützte Oase des Friedens erreicht zu haben. Die Gegenwart der drei Tempel, der Umstand, dass sie die Jahrhunderte überdauert haben, schien mir eine Gewähr für meine eigene Existenz zu sein. Ich wusste alles über die dorischen Säulentempel, über das Parthenon, über den Tempel von Segesta oder jene von Agrigento auf Sizilien und einen anderen, dem Apollon geweihten kleinen Tempel auf der Peloponnes. Um dorthin zu gelangen, musste man warten, bis der Weg mit Dynamit freigesprengt war: So sehr hatte ihn der Krieg in Vergessenheit geraten lassen. Beim Schreiben dieser Zeilen fällt selbst mir sein Name nicht mehr ein – und doch, plötzlich weiß ich ihn wieder: Es ist der Tempel von Bassai! Mit Simone de Beauvoir hielt ich mich tagelang im Umkreis des Parthenon auf, den Guide Bleu in der Hand. Ich lernte gern und überprüfte an ihrer Seite die Genauigkeit meines Wissens: über die Geisa, die Mutuli, die Friese, die Triglyphen, die Metopen, die Architrave. Ich hatte viel gelesen und verdankte meine Kenntnisse damals jenen dicken blauen Reiseführern, die nie in Gefahr gerieten, uns mit ihren Belehrungen lästig zu fallen; sie kannten ihre Leser. Ich erinnere mich noch, wie ich mit Hilfe eines Guide Bleu in Italien die Straße wählte, die den Ufern des Gardasees folgt. Ich war begeistert, als ich las: «Herrliche Landschaften, Tunnel»!
Das Grab des göttlichen Tauchers habe ich, da es erst 1968 entdeckt wurde, viel später kennengelernt. Dann allerdings habe ich mich nicht davon losreißen können. Oft blieb ich zu lange im Tempelbereich und erreichte das Museum erst, als es bereits geschlossen war; ein anderes Mal konnte ich es mehrere Wochen, ja Monate nicht besuchen, weil dort gebaut wurde. Und nie hätte ich gedacht, dass mein Herz so berührt, dass ich im tiefsten Inneren so erschüttert sein könnte wie an dem Tag, als der Taucher mir schließlich erschien: ein vollkommener Bogen; es war, als spränge er endlos hinein in den Raum zwischen Leben und Tod. Ein ergreifendes Tauchmanöver, denn tatsächlich befindet er sich im Leeren, und vielleicht wird sein Fallen nie enden. Man begreift nicht: Von wo ist er abgesprungen, wohin stürzt er sich? Vielleicht fällt er auch gar nicht? Er scheint zu schweben.
Wenn ich nach etwas Beständigem suche, nach einem Zusammenhang, einer meinem Leben oder den hundert Leben, die ich, wie manche sagen, gelebt habe, innewohnenden Einheit, dann nimmt der göttliche Taucher – so heißt im Museum von Paestum das Fresko, das die Decke seines Grabmals schmückte – eine zentrale Stelle ein. Das Fresko hat nicht nur eine ästhetische Bedeutung für mich wie die Betrachtung von Kunst, von jedwedem Schönen, für mich ist es darüber hinaus auch tröstend, ja: schön und tröstend zugleich. Und wie es Nachfolger Jesu Christi gibt, so bin ich dem göttlichen Taucher von Paestum gefolgt. Die Nachfolge aber barg ein Gebot, das zu missachten mir unmöglich war, dem ich mich allerdings auch erst nach vielen Jahren ganz unterwerfen konnte. Die Leere stieß mich ab und zog mich an: Ich musste warten, bis ich über siebzig war.
Heute taucht man in Paestum nicht mehr, die Küste dort ist sandig und flach, aber genauso gefährlich wie die weiter im Norden gelegene Amalfiküste. Damals hingegen war es nicht die vollkommene Schönheit des Hotels hoch oben auf der schwindelerregend steilen, sich hundert Meter über das Mittelmeer erhebenden Kliffküste, welche die stärkste Anziehungskraft auf mich ausübte, sondern ein Felsvorsprung, von dem aus man aus vier Metern Höhe ins Meer springen konnte. Sommer für Sommer habe ich mich auf diesem Felsvorsprung aufgehalten, habe mich behutsam an seinen äußersten Rand vorgewagt, bin dann aus Furcht vor der Leere und Transparenz des Wassers – die Sonne vervielfachte die Tiefe noch – wieder zurückgewichen: Nicht aus vier Metern Höhe sprang man in Wahrheit, eher aus acht, zehn, vielleicht sogar zwölf. Nur wenige Schwimmer trauten sich das zu. Und die meisten von ihnen machten keinen Kopfsprung, sondern sprangen mit den Füßen voraus. Nach langem Nachdenken schwor ich mir und dem göttlichen Taucher eines Tages, es trotzdem zu tun. Ich kam aus Paestum zurück und sprang. Ein schlechter Kopfsprung; ich war zu angespannt, um nach vorne abzuspringen, ich fiel eher mit dem Kopf voraus, aber sobald ich den festen Boden verlassen hatte, spürte ich, dass es zu spät war, meinen Entschluss rückgängig zu machen. Bei einem Sprung aus vier Metern Höhe hat man genug Zeit, sich in der Leere schweben zu fühlen: Die Fallgeschwindigkeit ist sogleich hoch, man fällt so schnell, dass das Wasser dem tauchenden Anfänger eine Ohrfeige verpasst und seine Arme – er hält sie straff gespannt – brutal zusammenstaucht. Trotzdem war ich wie verrückt vor Stolz und entschlossen, sofort noch einmal zu springen. Ich wollte meine innere Lockerheit, die Anspannung der Beine und Arme steigern und den Kopf wie geschützt in der Wiege der Armmuskeln halten.
Heute ist es zwölf Jahre her, dass ich den ersten Sprung tat: Seitdem bin ich mehrmals an diesem Ort gewesen, um zu springen, ja ich reiste immer nur mit dieser einen Absicht dorthin, sogar im vergangenen Sommer noch. Mich in die Leere zu werfen ist mir ein Bedürfnis geworden; fast bin ich süchtig danach. Außerdem bewunderte ich die Klippenspringer, die sich in jener Gegend von Felsvorsprüngen zwanzig oder dreißig Meter nach unten stürzen, und einmal konnte ich bei so einer Gelegenheit den Sprung eines Italieners beobachten: Anfangs gekrümmt wie der göttliche Taucher, streckte er seinen Körper ganz kurz vor dem Eintauchen fast senkrecht aus. Ich hoffte, ihn wiederzusehen. Schon am nächsten Tag hatte ich Glück. In einem Fischerboot näherte er sich der Stufenleiter, über die er auf den Felsvorsprung gelangte, auf dem ich mich befand. Er durchmaß ihn mit Riesenschritten, ohne Augen für irgendwen, bis er zu einer in den Felsen gehauenen, kaum erkennbaren Treppe kam. Außer Atem, mit Herzklopfen folgte ich ihm: Er ging sehr schnell, als wollte er nicht nachdenken müssen. Schließlich erreichte er den Felsvorsprung, den er sich ausgesucht hatte, eine schwindelerregend steil abfallende Kante, in etwa dreißig Meter Höhe. Ich blieb in der Nähe, freilich hinter ihm, weil ich fürchtete, andernfalls unwillkürlich zu zittern und so die äußerste Konzentration zu stören, deren Zeuge ich war. Ich weiß nicht, ob er mich bemerkte; um zu tun, was er vorhatte, musste er allein sein. Und doch konnte ich nicht weggehen, es war, als hätte man mir befohlen, bis zum letzten Augenblick bei ihm zu bleiben, als gäbe es eine Pflicht, der ich mich nicht entziehen durfte. Alles an dem Mann war vollkommen: die Silhouette, die Muskulatur, das ungemein schöne, vergeistigte Gesicht, das ihm vielleicht dieses Zwiegespräch mit dem Tod ermöglichte, das in jedem seiner Züge erkennbare Bewusstsein der bösen Folgen jedes noch so geringen Zögerns. Draußen auf dem Meer wartete das Fischerboot, das ihn gebracht hatte. Er sammelte sich lange, sehr lange, bis er die nötige Gewissheit, die Selbstsicherheit erlangt hatte und der nicht zu errechnende, nur für ihn erkennbare Moment gekommen war, in dem er sich entspannt und mit weit geöffneten Armen horizontal in die Luft schwang.
Es mag überraschen, dass ich das Vorwort zu einer Sammlung von Texten auf diese Weise beginne. Ich habe sie in verschiedenen Phasen meines Lebens zu ganz unterschiedlichen Anlässen geschrieben und in Zeitschriften, Illustrierten und Tageszeitungen veröffentlicht, die mittlerweile verschwunden, vergessen oder doch nicht mehr allgemein bekannt sind. Da ich mich gegen das Sammeln wehre und mich eher der Zukunft als der Vergangenheit zuwende, hatte ich nie daran gedacht, sie in einem Buch zusammenzustellen, und noch weniger daran, ihnen ein neues Leben zu verleihen. Erst meine Memoiren Der patagonische Hase – und die Art, wie sie von der Öffentlichkeit aufgenommen wurden – brachten mich darauf, meine Vergangenheit als Schreiber unter die Lupe zu nehmen. Ich sage bewusst «Schreiber», weil viele erstaunt gewesen sind, dass der Regisseur von Shoah tatsächlich auch schreiben konnte. Entscheidender jedoch war: Der Hase wurde als das Buch eines Schriftstellers, als ein literarisches Werk gesehen. In der verbreiteten Neigung, Menschen und Dinge einzuordnen und zu kategorisieren, wird gern geglaubt, es sei unnatürlich oder nicht angemessen, wenn jemand mehrere Eisen im Feuer hat.
Im Grab des göttlichen Tauchers finden sich Artikel wie Der Priester von Uruffe und die Kirchenraison, die mich viel Zeit und Arbeit gekostet haben. Den Wert dieses Stücks erkannte ich auf Anhieb. 1958 in Les Temps Modernes veröffentlicht, erschien es vierzig Jahre später ein zweites Mal in L’Infini, einer Zeitschrift von Philippe Sollers, der den Essay für sich entdeckt hatte. Doch nicht allein solche Texte – es gibt mehrere dieser Art – haben mich veranlasst, das Buch zu veröffentlichen. Bevor ich anfing, Filme zu drehen, habe ich zwanzig Jahre lang, von 1950 bis 1970, vom Schreiben gelebt, indem ich praktizierte, was man «Brotjournalismus» nennt, den die «ernsthaften», die etablierten Journalisten, die jede Woche wenigstens von einer großen Idee heimgesucht werden, verachten. Albert Cohen, den ich jeden Monat für einen Tag in seiner Wohnung in Genf besuchte, hat mir in diesem Zusammenhang einmal von einem kurzen Wortwechsel zwischen Paul Valéry und Albert Einstein erzählt. Valéry war immer mit einem Notizbuch ausgerüstet, in das er knauserig jeden Einfall hineinschrieb. Er fragte Einstein: «Wie gelingt es Ihnen nur, Meister, Ihre Ideen nicht zu vergessen?» – «Ach, Monsieur, Ideen hat man selten», antwortete Einstein. Auch ich hatte nicht jede Woche eine Idee: So kam es, dass ich zwanzig Jahre lang für France-Soir als «rewriter», anders gesagt: als Ghostwriter gearbeitet habe. Ich schrieb die Artikel anderer Leute anonym noch einmal. Für einen Nachmittag, manchmal auch noch für die darauf folgende Nacht verlangte diese geheime Arbeit Konzentration und Schnelligkeit. Die Ghostwriter von France-Dimanche erlebten anstrengende, bisweilen aber auch fröhliche Nächte; ich erinnere mich, ein Gespräch zwischen der britischen Königin Elisabeth II., Nikita Chruschtschow und dem damaligen Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Marschall Nikolai Bulganin – beide auf Staatsbesuch in London – nicht redigiert, sondern vollständig erfunden zu haben. Die Begegnung hatte sich gewiss nicht so zugetragen, wie ich sie erzählte, doch meine Geschichte war immerhin lebendig und witzig; leider habe ich sie verloren. Wie auch immer, auf diese Weise bestritt ich damals meinen Lebensunterhalt, wobei ich über den Rest der Zeit frei verfügen konnte, und diese Freiheit war mir wichtiger als alles andere. Der Chef der Verlagsgruppe war Pierre Lazareff, genannt «Pierre Hosenträger». Nach ungefähr zehn Jahren machte mir seine Frau Hélène Lazareff, die Gründerin und Chefredakteurin von Elle, den Vorschlag, für ihr Blatt jeden Monat einen umfangreichen Artikel zu schreiben, und ich nahm das Angebot an. Mit viel Phantasie und beträchtlicher Schreibanstrengung – um den oft mageren Informationen auf die Sprünge zu helfen –, erzählte der erste dieser Beiträge, wie der Dalai-Lama 1959 vor der chinesischen Armee geflohen war, die Tibet und die Hauptstadt Lhasa überfallen hatte. Der Artikel erschien unter meinem Namen. Daneben allerdings gab es viele Texte, unter die ich meinen Namen nicht setzen wollte und für die ich mir in letzter Minute, schon in der Setzerei, ein Pseudonym ausdenken musste. Ein unbegreiflicher Geistesblitz machte mich dergestalt zu Jean-Jacques Delacroix! Der Vorname kam mir gewiss wegen Jean-Jacques Servan-Schreiber in den Sinn, der damals viel von sich reden machte, Delacroix vermutlich wegen des Malers Eugène Delacroix oder auch wegen Jean de la Croix, wer weiß? Es wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Warum veröffentlichte ich unter einem Pseudonym? Ich schrieb auch für Les Temps Modernes, ja gehörte ihrer Redaktion an, wobei weder ich noch Simone de Beauvoir oder Sartre den geringsten Widerspruch darin sahen, dass ich gleichzeitig für beide Zeitschriften tätig war, ermöglichte mir die eine doch, unbezahlt für die andere zu arbeiten. Und Marcel Péju, seinerzeit Mitherausgeber von Les Temps Modernes, war selbst Ghostwriter bei Samedi-Soir, dem Konkurrenten von France-Dimanche. Während des Algerienkrieges unterstützten wir die Nationale Befreiungsfront (FLN), mit der wir auch in direktem Kontakt standen, und so wurde Les Temps Modernes wiederholt zensiert oder beschlagnahmt. Die Aktivisten der FLN hatten freilich ihrerseits strenge moralische Vorstellungen, deren Einhaltung sie auch von ihren Unterstützern erwarteten, und Frantz Fanon – wenig später habe ich ihn in Tunis kennengelernt und maßlos bewundert, neben tausend anderen Gründen vor allem für die Art, in der er sein Leben mit seinen Überzeugungen zur Deckung brachte – soll es mir, wie ich später erfuhr, verübelt haben, dass ich auf diese Weise mein täglich Brot verdiente (auch wenn wir nicht großzügig bezahlt wurden, bewahrte ich mir so immerhin meine Freiheit), und hat, auf mich gemünzt, zu einem seiner Vertrauten gesagt: «Aber was ist mit der Einheit des Ich?» Das hat mich berührt; ich verspürte wenig Lust, ihm die dunklen Verflechtungen meiner Existenz zu erklären, und außerdem verstand ich ihn: Als Ghostwriter zu arbeiten oder über Schauspielerinnen zu schreiben musste ihm frivol, ja wie ein Widerspruch zum radikalen Engagement erscheinen. Lebten wird doch in einer totalitären, vom Kalten Krieg geprägten Zeit: Man hatte sein Handeln zu verantworten, und für mich war es nun mal einfacher, meinen Namen zu wechseln. Dennoch bildeten Lanzmann und Delacroix eine Einheit: Sie waren in jedem Augenblick derselbe Mensch, und der eine wie der andere begann seine Artikel angesichts der leeren Seite mit Bangigkeit im Herzen. Beide gingen mit der gleichen Ernsthaftigkeit ans Werk, beide schrieben nie etwas schlampig hin, beide fanden immer wieder bestätigt, was für ein unvergleichliches Vergnügen das Geschriebene bereitet und wie viel Stolz und Freude das Wiederlesen einer gelungenen Schilderung schenkt.
Nachdem Der patagonische Hase veröffentlicht war, machte ich mich zufällig und ohne bestimmte Absicht an ein anderes Wiederlesen: Ich nahm mir einige Texte vor, die aus der Feder meines Alter Ego Delacroix stammten, alle vor vierzig Jahren in Elle erschienen. Von Delacroix wechselte ich zu Lanzmann und seinen Arbeiten für dieselbe Zeitschrift und fand mehr als nur eine Familienähnlichkeit; ich konnte zwischen den einen und den anderen nicht den Hauch eines Unterschiedes ausmachen, konnte nicht erkennen, wer was geschrieben hatte. Die Einheit des Ich, die Fanon so kostbar gewesen war, stellte sich vor meinen Augen her … die Einheit des Ich war ich! Daraufhin habe ich systematisch alle von mir verfassten Arbeiten wiedergelesen. Und lesend staunte ich, wie viel Freude ich empfand, denn die Texte sind jung geblieben und ohne Falten, was am Ende dazu führte, dass ich nicht mehr begreifen konnte, warum ich mir damals eine Maske aufgesetzt und welche Scham in jenen fernen Zeiten von mir Besitz ergriffen hatte. Mehr noch, die Verwandtschaft zwischen dem Stil der Texte und dem des Patagonischen Hasen war offenkundig: Es war die gleiche Handschrift; Der Hase steckte schon ganz und gar in dem, was ich meinen «Brotjournalismus» genannt habe. Und so traf ich die Entscheidung, das vorliegende Buch zu veröffentlichen.
Allein bin ich, es sinkt der Abend mir herab,
und meine Seele neigt, o Herr, sich auf das Grab,
so wie des Ochsen Haupt zur Wasserkühle strebt.
Diese Verse aus Victor Hugos Gedicht Der Schlaf des Boas bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf, sie kursieren in meinem Schädel, sie tauchen mehrmals am Tag oder in der Nacht, sogar wenn ich nicht allein bin, plötzlich wieder auf. Mich bewegt das Thema des Grabes zutiefst – und zusehends häufiger. Ich wage nicht zu glauben, dass jemand, wenn es so weit sein wird, auf die Idee verfallen könnte, meinem Körper oder der Erinnerung an mich das Adjektiv «göttlich» beizufügen, aber ich fordere den Rang des Tauchers für mich ein. Mein ganzes Leben habe ich nach der Wahrheit getaucht, und nicht nur im Meer. Alle wichtigen Entscheidungen, die ich zu treffen hatte, waren wie Kopfsprünge, Sturzflüge ins Leere, sämtlicher Sicherheiten ledig, und ich war genötigt, erfolgreich oder doch zumindest bereit zu sein, jene schwerwiegenden Folgen auf mich zu nehmen, die ein Misslingen bedeutet hätte. Wie viele Unbekannte haben mir seit dem Erscheinen des Patagonischen Hasen und dem Gerede von meinen hundert Leben geschrieben oder gesagt: «Ach Monsieur, was für ein Glück Sie gehabt haben, mein Leben wird nie wie Ihres sein.» Ich bedankte mich; ich konnte meinem Gesprächspartner indes keinen Ratschlag geben. Ich war zu überzeugt, dass sie recht hatten: Das heutzutage zur Regel gewordene umfassende Nivellieren und nörgelnde Kleinhalten allen Daseins hat die Zahl der Kopfspringer beträchtlich reduziert. Eher fügt man sich, passt sich vorgegebenen Mustern an, marschiert im Gleichschritt … es sind unerbittliche Forderungen, die all jene, die um die erträumte oder erahnte, aber nie erlebte Freiheit trauern, in den Selbstmord treiben. Ich werde hier nicht versuchen, eine Liste der Kopfsprünge meines bewegten Lebens zu erstellen, deren Prinzip und Grundgefühl immer gewesen ist, die Angebote, die Gelegenheiten zum Wagnis nicht zurückzuweisen, sie vielmehr nach Möglichkeit zu suchen und sich zugleich sehr elend und schuldig zu fühlen, wenn man der Vorsicht, den Sicherheiten und dem häuslichen Glück den Vorzug gibt. Es stimmt: Die Zeiten waren günstiger, und ich habe meine Chancen genutzt. Die Résistance, die Widerstandsbewegung, Berlin während der Blockade, meine illegale Reise nach Ostdeutschland, die mir Jahre im Gefängnis hätte einbringen können, das gewaltige Abenteuer von Shoah, von tausend Gefahren beschwert, und schließlich Der patagonische Hase, auch er ein Kopfsprung, weil ich die Arbeit in der Gewissheit, dass ich mich schon noch eines Tages daranmachen würde, endlos hinauszögerte, genauso wie damals hoch über dem Meer, als es mir nicht gelang, meine Angst vor der Leere zu überwinden. Ich könnte weitere Beispiele aufzählen, aber es reicht.
In diesem Buch finden sich nicht nur die für den Brotberuf verfassten Schriften, Reportagen, Porträts von Schauspielerinnen und Schauspielern, Autoren, Sängern und Halunken, sondern auch Artikel, die in Les Temps Modernes, in France-Observateur oder in Le Monde erschienen sind und die den wichtigen, die Zeitgenossen fesselnden Ereignissen des Jahrhunderts gewidmet sind: politische und polemische Texte, viele davon rund um Shoah entstanden, Vorworte, Trauerreden, Vorträge etc. Altes und Neues, in den letzten Jahren Entstandenes vermischt sich. Manches Stück steckt die vergehende Zeit und die langsamen Veränderungen ab, die sich im Inneren einer Epoche ereignen, uns aber erst aus der Distanz erkennbar werden. Andere Texte haben mir ein echtes Problem bereitet: Ich würde sie heute nicht mehr schreiben, aber ist das ein Grund, sie nicht in einem Buch zu veröffentlichen, das von meinem Leben, vom vergangenen Jahrhundert Zeugnis ablegen will, ohne zu lügen oder meine damaligen Wahrnehmungen zu vertuschen? Mitten im Kalten Krieg habe ich zum Beispiel in Les Temps Modernes einen sehr bösen Artikel über den Petit Guide des névroses politiques von Arthur Koestler geschrieben, der damals wie ein Rasender dem Antikommunismus verfallen war. Ich hatte den Autor von Ein spanisches Testament und Diebe in der Nacht wie einen Bruder geliebt, hatte Sonnenfinsternis bewundert und später den Doppelselbstmord von Koestler und seiner Frau in ihrer Londoner Wohnung als niederschmetternd empfunden. Heute würde ich gegen Koestler nichts mehr schreiben, in meinem persönlichen Pantheon nimmt er einen bedeutenden Platz ein. Aber ich habe den Artikel verfasst und publiziere ihn deshalb auch, denn er entspricht einer Zeit, in der auch ich ein Rasender war, und vielleicht bilden unsere Rasereien zusammen die Vernunft der Epoche. Was im Mittelpunkt steht, ist indessen die Frage der Weitergabe: Unser Gedächtnis wird immer schlechter, und mit dem Erinnern dürfen wir es uns nicht leichtmachen. So habe ich beim Lesen der verschiedenen Übersetzungen des Patagonischen Hasen – von gelegentlichen, in so langen Übertragungen unvermeidlichen Sinnwidrigkeiten einmal abgesehen – feststellen müssen, dass manche Fehler der Tatsache geschuldet waren, dass das Wissen um die jüngere Geschichte schwindet. Ich schrieb beispielsweise – und es ist wirklich so gewesen (ich war zur Zeit der deutschen Besatzung selbst Mitglied der kommunistischen Jugendbewegung): «Die Kommunisten waren von Fallschirmabwürfen angloamerikanischer Waffen ausgeschlossen, die allein der gaullistischen Résistance vorbehalten blieben.» Die Übersetzung lautete: «Die Kommunisten waren von den Fallschirmabwürfen angloamerikanischer Waffen ausgeschlossen, die allein der französischen Résistance vorbehalten blieben»! Nach der Befreiung bezeichnete sich die Kommunistische Partei Frankreichs als «Partei der 75000 Erschossenen», und wenn die Zahl in dieser Höhe auch ein wenig Propaganda gewesen sein mag, standen die Kommunisten doch ohne Zweifel an der Spitze des Kampfes gegen die Nazis und hatten die größten Opfer auf sich genommen. Was in den letzten siebzig Jahren geschehen ist, der Niedergang des Kommunismus, der Fall der Berliner Mauer etc., hat in den heutigen Generationen bestimmte Erinnerungen fast völlig getilgt, die für die an den Ereignissen Beteiligten noch ganz lebendig sind; sie wurden buchstäblich von einem Tsunami hinweggefegt, der die Gegenwart entwurzelt, ihr die Geschichte nimmt und mit allem reinen Tisch macht, was unser eigentliches Leben war und bleibt.
Noriaki Tsuchimoto, der begabte japanische Filmemacher, bei uns unbekannt, in seinem Land aber sehr berühmt, der sein Leben damit verbrachte, der Minamata-Krankheit auf den Grund zu gehen (auf Kyūshū, der südlichsten Insel des Archipels, leitete der 1906 gegründete Chemiekonzern Chisso ohne irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen Quecksilber ins Meer und zerstörte dadurch auf Jahrzehnte die gesamte Nahrungskette und alle an ihr Beteiligten von den Fischen bis hin zu denen, die sie verzehrten: Zuerst erkrankten die Katzen und führten rätselhafte, entsetzliche Veitstänze auf, dann wurden in Fischerfamilien, die glaubten, Gott wolle sie strafen, missgebildete und degenerierte Kinder mit Kröpfen geboren) und mit der Kamera bis zu seinem Tod gegen die offizielle Leugnung dieses Verbrechens anzugehen, schickte mir, nachdem er Shoah gesehen hatte, einen brüderlichen Brief: «Die Zeit zwingt uns, alles zu vergessen.» Doch auch wenn das Vergessen am Ende unvermeidlich ist, kämpfe ich mit Das Grab des göttlichen Tauchers vorsichtig, wie ich es immer getan habe, gegen alle Tode. Und darum findet sich in dieser Sammlung der Shoah gewidmete Satz: «Für mich hat die Zeit nie aufgehört, nicht zu vergehen.»
Nachdem Guy Desnoyers, der Priester von Uruffe in Lothringen, eine Frau aus seiner Gemeinde ermordet hatte, die von ihm schwanger und deren Entbindung näher gerückt war, schnitt er ihr den Bauch auf, entfernte den Fötus und erteilte ihm die Sterbesakramente. Diese beispiellose Tat erschütterte das Frankreich der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zutiefst. Im Januar 1958 war ich beim Prozess gegen den Priester von Uruffe in Nancy.
Hinten im Saal schrie jemand auf. Andere überraschte Ausrufe folgten. Der Vorsitzende Richter Facq hob nicht einmal den Kopf, unbeirrt verlas er das Urteil. Er musste es zu Ende bringen. Die vier Anklagepunkte – das doppelte Verbrechen, den Kindesmord und die Vorsätzlichkeit – hatten die Geschworenen und das Gericht mehrheitlich anerkannt, dem Angeklagten zugleich allerdings mildernde Umstände zugebilligt. Dem Recht war Genüge getan: Man entließ den Pfarrer von Uruffe und die sieben Geschworenen, die ihn soeben zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt hatten. Die Geschworenen konnten den Gerichtspalast durch eine Hintertür verlassen. Doch obwohl der Pfarrer längst mit einem Gefangenenwagen abtransportiert und in seine Zelle zurückgebracht worden war – drei Polizeiketten hatten den Wagen abschirmen müssen –, herrschte bei der Menschenmenge auf dem Gerichtsvorplatz noch große Aufregung.
Die versammelten Menschen waren eher überrascht als empört; angesichts der Einzelheiten dieses Zerrbilds von einem Urteilsspruch wirkten sie wie aus allen Wolken gefallen. Mildernde Umstände hatten dem Pfarrer das Leben gerettet, sie standen jedoch – ganz wie der deus ex machina in einem Theaterstück – in keinerlei Verhältnis zu dem, was im Gerichtssaal gesagt worden war. Die Umstände nämlich, die das Verbrechen des Pfarrers Desnoyers «milderten» – es gab sie durchaus –, waren zu keinem Zeitpunkt des Prozesses zur Sprache gebracht worden: weder vom Angeklagten noch von den Zeugen, weder von Seiten der Anklage noch vom Gericht, kaum auch von der Verteidigung. Auf diesen merkwürdigen Vorgang werde ich später zurückkommen. Man hätte dem Verbrechen des Pfarrers zumindest eine Bedeutung beimessen müssen; man hätte es in die Geschichte seines Lebens einordnen und sich entschließen müssen, den Mann und sein Verbrechen ganz zu verstehen. Das hätte jedoch bedeutet, ein Urteil zu fällen, und gerade das sollte unbedingt vermieden werden.
Nach zehn Verhandlungsstunden unter dem Vorsitz eines Richters, der die eigentlichen Fragen nicht zur Sprache gebracht sehen wollte, war der Priester von Uruffe nicht wirklich verurteilt worden: Der milde Schuldspruch war skandalös, er war ungerecht. Auch das Todesurteil wäre ungerecht gewesen. Doch weil man sich den eigentlichen Prozess erspart hatte, weil man sich dazu entschlossen hatte, nicht verstehen zu wollen, schien dieses Urteil die folgerichtige Strafe zu sein. Es gab keine Entschuldigung für das Verbrechen: Nach allen Debatten blieb es auf wundersame Weise undurchsichtig, obwohl die äußeren Gegebenheiten eindeutig und bekannt waren. Bis zum Urteilsspruch folgte der Prozess von Nancy der goldenen Regel aller Strafprozesse. Also musste man die Konsequenz daraus ziehen, musste bestrafen, die Todesstrafe verhängen.
Drei Tage später erlitt der Staatsanwalt Parisot im gleichen Verhandlungssaal des Schwurgerichtes im Département Meurthe-et-Moselle einen Herzinfarkt. Er weigerte sich, die Todesstrafe für den zweiten Mörder der Verhandlungsperiode zu fordern. Sein eisernes Herz kam ohne Zittern mit der fahlen Morgendämmerung der Guillotine zurecht; dass ein Gericht eine strafrechtliche Verfolgung verweigerte, war jedoch ganz offensichtlich ein Skandal.[1] Die Erklärungen des Vertreters der Staatsanwaltschaft boten der Massenpresse in ihrer üblichen Überstürzung einmal mehr Gelegenheit, die verstaubte akademische Debatte um das Für und Wider der Todesstrafe auszugraben – ohne zu sehen, dass es der denkbar schlechteste Zeitpunkt dafür war. Die Strafmilderung an sich empörte den Staatsanwalt nicht: Natürlich war es in den dreißig Jahren seiner Karriere – und ohne dass sein Herz deshalb versagt hätte – vorgekommen, dass ihm ein Kopf, den er gern hätte rollen sehen, nicht gewährt worden war. Und umgekehrt hatte die Presse andere, durch und durch widerwärtige Gerichtsurteile hingenommen. Nein, es war eine Art Evidenz, die Parisot wie ein Dolch mitten ins Herz traf: Dass der Prozess und das Urteil von Nancy die Ausübung des Richteramtes in Zukunft grundsätzlich unmöglich machten, war nicht zu übersehen. Indem sich die Geschworenen im katholischen Lothringen weigerten, den Pfarrer von Uruffe zu verstehen und zu bestrafen, hatten sie die französische Strafjustiz (die zwischen den Polen der nackten strafrechtlichen Verfolgung und des Verständnisses für den Straftäter oszillierte) der Möglichkeit beraubt, Recht zu sprechen – ob es nun um einen Freispruch oder um eine Verurteilung ging.
In jedem ähnlich gelagerten Prozess hätten die Geschworenen keine zehn Minuten gebraucht, um einen beliebigen Angeklagten aufs Schafott zu schicken. Aber der Prozess um den Pfarrer war anders: Wie aufsehenerregend sein Verbrechen auch gewesen sein mochte, gegenüber einem weltlichen Angeklagten hätte die Justiz wenigstens funktioniert, ohne sich selbst zu schaden. Jetzt waren sie anfangs wie gelähmt, dann klammerte sie alles aus, was dabei hätte helfen können, die Person des Verbrechers und seine Motive zu beleuchten. Und wenn man die mildernden Umstände gelten lässt, bedeuten sie immerhin, dass es für wichtig erachtet wurde, die Beweggründe des Angeklagten mit allen verfügbaren Mitteln zu verstehen. Gewiss, das «Verstehen» zieht nicht unbedingt einen gnädigen Urteilsspruch nach sich: Man hat Jacques Fesch[2] unter die Guillotine geschickt, obwohl alle Gründe, die für seine Begnadigung sprachen, im Verlauf seines Prozesses präsentiert worden waren. Dass auch dieses Urteil skandalös war, ist bekannt.
Doch dabei handelt es sich um einen gewöhnlichen Skandal, wie er sich an Geschworenengerichten jedes Jahr mehrmals ereignet, ohne die Grundlagen unserer Justiz zu erschüttern. In der französischen Strafjustiz ist die Todesstrafe als schlimmster Ausgang immer eine Gewissheit. Sie ist maßgebend. Wenn der Staatsanwalt einen Kopf fordert, verlangt er nie mehr, als das Gesetz zulässt, er verlangt die strenge Anwendung des Gesetzes. Jacques Fesch war voll und ganz verstanden worden, aber letztlich sagte sich jeder: «Ich will es gar nicht so genau wissen», und man vollstreckte das Todesurteil, um im Namen der Ordnung, der zu schützenden Gesellschaft ein Exempel zu statuieren. Wo würde das hinführen, wenn man Polizistenmörder nicht hart bestrafte? In einem solchen Falle geben sich die Geschworenen taub und blind: Sie bestrafen den Verbrecher für das Verbrechen und lassen dem Automatismus der Gesetze ihren Lauf. Es scheint, als würde man allein aufgrund der Tatsachen urteilen, wie es in den meisten Strafprozessen getan wird, wenn der Richter mit dem Strafgesetzbuch in der Hand über das Strafmaß entscheidet. Das ist strafrechtliche Verfolgung in ihrer ursprünglichen Form. Diese Art von Rechtsprechung ist abstoßend, und das Todesurteil gegen Jacques Fesch war ein Skandal. Aber im Unterschied zu dem, was in Nancy geschah, bestand der Skandal nur im Hinblick auf eine andere Art von Rechtsprechung. Man wollte den Verbrecher Jacques Fesch und seine «gesellschaftliche Prägung» nicht vollständig erfassen. In der unterhöhlten bürgerlichen Gesellschaft, die nicht, oder nur um den Preis von Heuchelei, dazu imstande ist, die Prinzipien und Institutionen, an die sie sich früher gebunden fühlte, aufrechtzuerhalten, stehen sich heute diese beiden Auffassungen von Rechtsprechung gegenüber – und existieren dennoch nebeneinander. Darin liegt ja gerade der Sinn mildernder Umstände, die selbst vor den Augen des strengsten aller Staatsanwälte im Prozess zugelassen werden können: Sie sind in Wahrheit nicht weniger oder mehr als das Gesetz selbst, sie stehen nicht im Widerspruch zu diesem und verweisen im Grunde auf eine andere Gerechtigkeitsvorstellung, auch wenn sich ihre Fürsprecher dessen nicht bewusst sind. Eine nicht zwingend auf eine Bestrafung ausgerichtete Rechtsprechung, die sich am Horizont jedes milden Urteils abzeichnet, kann zwar jene andere Form der Rechtsprechung radikal in Frage stellen, widerspricht ihr aber nicht im eigentlichen Sinn. Der Staatsanwalt – das ist für ihn das Entscheidende – behält stets das Recht, den Kopf eines Angeklagten zu fordern. In einem anderen Fall mag er also durchaus auf dem höchsten Strafmaß bestehen.
In Nancy ist dieses Recht verlorengegangen. Die Geschworenen und die Richter haben sich nicht für eine andere Rechtsprechung entschieden, indem sie dem Pfarrer von Uruffe in einem verpfuschten Prozess, in welchem vom Angeklagten gar nicht die Rede war, mildernde Umstände zuerkannten; sie wollten sich nicht grundsätzlich gegen die Todesstrafe aussprechen, sondern haben, weil der Angeklagte Priester war, willkürlich ein gnädiges Urteil verhängt. Im Jahr der Begnadigung, 1958, verzichtet die republikanische Justiz lieber auf ein Urteil und begeht Selbstmord, anstatt sich den Problemen zu stellen, die ihr das Verbrechen eines Priesters bereitet.
Das Paradoxe an diesem schändlichen und aufregenden Prozess war, dass die Beteiligten sich sowohl vor dem Begreifen als auch vor dem Bestrafen fürchteten und das gnädige Urteil lediglich gewährten, weil sie sich geweigert hatten, zu verstehen. So viel ist sicher: Wenn nur ein einziges erklärendes Wort, wie zaghaft auch immer, gesprochen worden wäre, hätte man gegen den Pfarrer von Uruffe ohne das geringste Zögern die Todesstrafe verhängt. Dass er seinen Kopf behalten durfte, verdankte er nur dem Schweigen, zuallererst seinem eigenen – das bewundernswert war –, dann auch dem Schweigen aller. Wenn jemand gesprochen hätte, wäre er verloren gewesen. Zwischen dem Angeklagten, der Staatsanwaltschaft, der Verteidigung, dem Gericht und den Geschworenen bestand das unausgesprochene Einverständnis, die Kirche um jeden Preis aus der Affäre herauszuhalten, also das Wesentliche zu verbergen, nichts von dem auszusprechen, was in unser aller Augen hätte rechtfertigen können, dass man dem Pfarrer Desnoyers mildernde Umstände zubilligte: Auswahl und Ausbildung der Priester, strenge Disziplin in den Seminaren, Zölibat, Keuschheitsgebot, Verhältnis zwischen dem Landpfarrer und der Kirchenhierarchie, keine Möglichkeit, Schwierigkeiten mit einem Vorgesetzten zu besprechen, usw. Niemand wollte verstehen, wie das Leben eines Priesters auf dem Land, in Lothringen, in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aussieht, oder sich die Frage stellen, was «Glauben» für diesen Gottesdiener bedeuten mochte, der dazu imstande war, verbissen und tüchtig sein Priesteramt auszuüben und sich zugleich mit hochgezogener Soutane unter dem Familientisch von der Hand eines dreizehneinhalbjährigen Kindes, der Schwester des Mädchens, das er ermorden würde, masturbieren zu lassen.
Es geht nicht darum, ein Exempel zu statuieren oder die Ungeheuerlichkeit des Verbrechens zu leugnen. Doch Maître Gasse, der Verteidiger des Pfarrers von Uruffe, bewahrte in seiner Akte schöne und pathetische Briefe anderer Priester auf, die er nach der Verhaftung Desnoyers’ erhalten hatte. Sie forderten, ohne ihr Entsetzen über den Mord an Régine Fays zu verbergen, Gnade für ihren Bruder und baten den Anwalt, die römisch-katholische Kirche anzuklagen, um Desnoyers besser verteidigen zu können. Er solle der Kirchenhierarchie den Prozess machen, die das Verbrechen von Uruffe hauptsächlich zu verantworten habe. In den Briefen hielten die Priester ihre Erfahrungen und ihr eigenes Versagen nicht zurück, beklagten, dass ein junger Bauernsohn den Zwängen und dem Räderwerk der Kirche nicht hatte entkommen können. Sie zeigten die wirklichen Probleme auf und die – ob nun absichtlich oder nicht – allgemein verbreiteten Widersprüche, gegen die der Priester Desnoyers über zehn Jahre angekämpft hatte. In den Händen eines Anwalts, der verrückt genug und bereit gewesen wäre, um der Wahrheit willen seinen Mandanten unter die Guillotine zu schicken, wären solche Bekenntnisse Dynamit gewesen. Einige Priester, die mit der Kirche brechen wollten, boten sogar an, im Prozess auszusagen. Aber Maître Gasse war ein bedachter Verteidiger, er brach den Schweigepakt nicht: Die Briefe dieser Radikalen blieben in seiner Aktentasche.
Der Mörderpfarrer hätte auf seiner Anklagebank zu Recht meinen können, dieser Prozess rechtfertige nachträglich sein Verbrechen: Auch er versuchte die Kirche außen vor zu lassen. Der Mord an Régine Fays bleibt – wie wir sehen werden – unverstanden, wenn man glaubt, der Pfarrer habe nur sich selbst schützen wollen. Desnoyers versuchte zuerst, seinen eigenen Ruf, die Würde des Priestertums und paradoxerweise seine Ehre als Geistlicher zu retten. Die Staatsraison, eine höhere «Kirchenraison», eignete sich in seinen Augen dazu, das zu schützen, als dessen Richter und Werkzeug er sich verstand, sie stärkte ihn, den verschreckten und allmächtigen Bauern. So gesehen, hatte man dem Pfarrer von Uruffe tatsächlich nur für sein eigenes Verbrechen den Prozess gemacht: Es war, als ob sich die Darsteller der Komödie von Nancy miteinander verschworen, als ob sie beschlossen hätten, ein Urteil zu fällen, ohne die Kirche auch nur mit einem Wort zu erwähnen.
Doch es handelte sich nicht um eine gewöhnliche Verschwörung; es war kein Komplott. Die Verschworenen hatten nicht im Voraus eine Entscheidung gefällt, um dann zynisch die ihnen zugewiesene Rolle zu spielen. Im Gegenteil, diese gewaltige Verschwörung des Schweigens war nicht vereinbart, sie war weder zynisch noch machiavellistisch: Sie war buchstäblich von niemandem gewollt. Auch wenn offensichtlich alle etwas zu verlieren und gute Gründe für ihr Schweigen hatten, unterschieden sich die Gründe doch. Die Verteidigung, die Kirche und die – durch die Staatsanwälte vertretene – politische Rechte verfolgten in diesem Prozess verschiedene Ziele. Über das zu fällende Urteil – Tod oder Nachsicht – war keine Verabredung getroffen worden. Die Verteidigung und die Kirche schwiegen, um so vielleicht den Priester zu retten, die Rechte hingegen schwieg, um ihn umso gewisser verurteilt zu sehen. Allein der Verteidiger, der sein Metier beherrschte, hatte ein unmittelbares Interesse daran, den Pfarrer zu retten. Die Rechte und die Kirche hatten ein anderes Ziel, das gleiche. Sie wollten die Kirche retten. So versuchte die Rechte, die Kirche in Schutz zu nehmen, diese hingegen wollte sich eigenständig und auf ihre Weise schützen. Alle diese Absichten erforderten Stillschweigen. Es waren jedoch drei sehr redselige Arten Schweigen. Für die Rechte – und damit ist vor allem das katholische Großbürgertum gemeint – bestand die Rettung der Kirche darin, alle Bindungen zu durchtrennen, die den Mörderpriester an sie knüpften, die Wesensgleichheit zwischen dem Pfarrer und der Kirche zunichtezumachen, die Kirche aus dem Geistlichen und den Geistlichen aus der Kirche zu vertreiben. Im äußersten Falle sollte der Priester Desnoyers nie ein Priester gewesen sein, denn sonst hätte in seiner Person die gesamte Kirche auf der Anklagebank gesessen.
Die Zeitung Le Figaro brachte dieses schwierige und wundersame Unterfangen auf einen Nenner und schreckte nicht vor der Schlagzeile «Guy Desnoyers, der Mörder von Uruffe, wird heute verurteilt» zurück. Ein vulgärer Säufer, ein dahergelaufener Übeltäter war dieser Desnoyers, der zehn Jahre lang die Schäflein dreier Pfarreien getauft, verheiratet und begleitet hatte! Um die Kirche zu retten, beginnt die Rechte skeptisch und stupide damit, sie auf ihre Funktion als «Säule der Gesellschaft» zu reduzieren, verwirft fröhlich den Wert der Sakramente und bemerkt nicht, dass unter diesen Bedingungen die Säule nur noch auf Sand gebaut ist. Die Leute der Partei der Ordnung, die Wohltäterdamen, die sich an die ihnen anvertrauten Armen und ihre guten Werke halten, kümmert das allerdings nicht: Es gibt keine bösen Priester. Entweder ist ein Priester gut, oder er ist gar kein Priester. Der Skandal darf nicht auf die Kirche zurückfallen, ihre Hände sollen unbeschmutzt bleiben. Doch das hätte nur gelingen können, indem man die Hände des Pfarrers Desnoyers völlig beschmutzt hätte, und das war unmöglich.
Hier greift die entzaubernde und retroaktive Logik des Manichäismus: Sich zu fragen, wie man ein böser Priester, ein Mörderpriester wird, oder dem Pfarrer von Uruffe, der mit dreizehn Jahren in die Priesterseminare geworfen wurde und bis zum sechsundzwanzigsten Lebensjahr jungfräulich geblieben ist, zuzugestehen, dass er seine eigene Geschichte haben könnte, das hieße anerkennen, dass es ungewisse, erzwungene oder gar nicht vorhandene Berufungen gibt, dass die Kirche Menschen in Verbrecher verwandeln kann und für die Verwandlungen auch verantwortlich ist; es hieße, diese Probleme wenigstens aufzuwerfen und zu akzeptieren, dass die Kirche verhört werden soll. Aber wenn der Pfarrer Desnoyers bereits schuldig war, bevor er Priester wurde, wenn er schon immer kriminell war, so wie andere Verräter oder Polizisten sind, wenn er nichts als ein Fremdkörper ist, ein Blendwerk, ein Albtraum, der eines Tages die Gestalt eines Priesters annahm, hat die Kirche damit nichts zu schaffen, und die schöne Ordnung hat nie zu herrschen aufgehört. Und dann ist es nicht nur erlaubt, sondern notwendig, ihn zu köpfen: Wenn das Band zwischen diesem Priester und seiner Kirche erst einmal magisch zerschnitten ist, sollte es auch tatsächlich durchtrennt werden. Das ist der Zweck des Fallbeils. Es verstößt den Priester aus der Kirche, es stellt die Ordnung wieder her. Zugleich beweist es die Andersartigkeit des bösen Pfarrers und besagt, dass er nie Geistlicher gewesen ist und die Ordnung sozusagen im Vorhinein hergestellt war, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Formel dieser Chirurgie lieferte der Staatsanwalt in seiner Anklage. Er deutete mit dem Zeigefinger auf den mageren Hals des Bauchaufschneider-Pfarrers und donnerte: «Schneidet den verfaulten Ast vom Baum, und er wird umso höher wachsen!» Eine starke Metapher. Wenn man sie wörtlich nimmt, führt sie zu endlosen Widersprüchen. Aber ihre Bedeutung war klar: Zum Schutz der Kirche musste man Desnoyers köpfen.
In Wahrheit schützte die Rechte jedoch weniger die Kirche als sich selbst und die allgemeine Ordnung. Oder genauer: Für sie ist es ein und dasselbe, sie kann die Kirche nicht von sich trennen, sie handelt, als ob sie die Kirche wäre. Sie nimmt ihre Position ein und stellt sich vor, dasselbe wie die Kirche zu wollen, weil sie begonnen hat, ihre eigene zynische und kurzsichtige Ideologie auf die Kirche zu übertragen. Der Standpunkt der Rechten ist schlicht: Die Landpfarrer – das weiß man ja – schlafen mit ihren Dienstmädchen; Jahr für Jahr, auch das ist bekannt, werden Priester wegen Vergehen gegen die Sittlichkeit verurteilt (aber die Presse berichtet darüber kaum), über die Bordelle für Kardinäle wird in bürgerlichen Salons gern gescherzt. Wenn niemand öffentlich darüber spricht, entstehen auch keine Schwierigkeiten. Nun aber macht der Pfarrer von Uruffe durch sein Verbrechen, durch die seltsame Taufe des dem Bauch seiner Mutter entrissenen Neugeborenen und durch sein bestürzendes Leben den Skandal nicht nur öffentlich, sondern offenbart ihn in einer bisher ungeahnten Tiefe. So einen Menschen kann es doch nur geben, wenn die Kirche selbst verdorben ist! Gott, Glaube, Sünde, Priestertum, Beziehungen zu Vorgesetzten, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass sie den Priester nicht schon lange vor dem Verbrechen seines Amtes enthoben haben, weil das Verhalten von Desnoyers doch allgemein bekannt war und man sie immer wieder davon in Kenntnis gesetzt hatte, usw. – der Pfarrer von Uruffe stellt alles in Frage.
Wie verhält sich die Rechte zu dem Skandal? Sie schweigt und richtet hin, sie verstößt das Ungeheuer. Die Staatsraison befiehlt, alles zu leugnen: So etwas gibt es nicht. Und sie weiß genau, dass die Rechtsprechung dergestalt nichts als ein Zerrbild abgeben wird. Aber was sein muss, muss sein: entweder so oder der endgültige und tiefgreifende Skandal. Die Partei der Ordnung kennt keinen Mittelweg. Aber die Rechte ist nur ein Maulwurf, der genau das Gegenteil von dem tut, was er zu tun glaubt. Um einen Skandal zu unterdrücken, schafft die Rechte einen anderen, der in den Augen der Kirche unerträglich ist, auf jeden Fall unendlich unerträglicher als der erste; indem sie tatsächlich alle Bindungen des Pfarrers von Uruffe zur Kirche löst und ihn unter die Guillotine schicken will, kündigt sie auf aufsehenerregende Weise ihre eigenen Bindungen an die Kirche auf, spricht die Wahrheit über die Beziehungen zu ihr aus, über die Klassenstruktur der Kirche und macht sie zu einem bloßen Satelliten der Macht, zu einem Gerippe, das die bürgerliche Ordnung stützt.
In diesem abgekarteten Spiel kann die Kirche alles verlieren, ihre Daseinsberechtigung und ihr Ansehen, das die Rechte sich einbildet zu retten. Der Pfarrer von Uruffe hat sie bloßgestellt, doch sie will sich nicht mit der Rechten verbünden, denn ihr ungeschickt schwerfälliges Schweigen ist noch kompromittierender. Die Kirche will auch schweigen: will nicht öffentlich Stellung beziehen, ihre innere Fäulnis und die wahren Beweggründe des Priesters nicht enthüllen. Aber sie wird mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln deutlich machen, dass ihr Schweigen eine völlig andere Bedeutung hat als das Schweigen der Rechten. Und sie wird, was auf dasselbe hinausläuft, den Priester zu retten versuchen.
Die Kirche, das ist das Wesentliche, präsentiert sich hier als unabhängige Macht, die ihre eigene Ordnung bewahrt: Der Tod des Priesters hätte für sie in jeder Hinsicht schwerwiegende Folgen. Sie will Desnoyers aus genau den Gründen retten, aus denen die Rechte ihn unter der Guillotine sehen will: weil sie schuldig ist und es einsieht, weil es sich bei Desnoyers, was für ein schlimmer Verbrecher er auch sein mag, nur um einen unwichtigen kleinen Mann handelt und seine Schuld die Schuld der gesamten Kirche ist – der Bischöfe, der Kardinäle, der Jesuiten und des Papstes; kurz, weil sie weiß, dass dieser Prozess ihr Prozess ist. Wenn die Kirche, wie es der Rechten gefallen würde, Desnoyers zum Sündenbock, zum schwarzen Schaf machte, wenn sie ihn trotz der Tatsachen aus ihrem Schoß verstoßen und sich die Hände vom Verbrechen reinwaschen wollte, würde sie ihre Schuld nicht nur enthüllen, anstatt sie zu verbergen, sie würde ihm etwas Irdisches, Menschliches, nahezu Liederliches verleihen, das wiederum die Kirche der menschlichen Rechtsprechung ausliefern würde. Sich von Desnoyers, dem elenden Landpfarrer, tatsächlich loszusagen und ihn widerstandslos dem Henker auszuliefern würde nichts anderes heißen, als ihn «zu opfern», so wie man einen Komplizen ausliefert, um sich selbst der Justiz zu entziehen. Zugleich würde die Kirche damit anerkennen – wie die Armee oder Polizei –, einem menschlichen Tribunal zu unterstehen, und nicht anders als Desnoyers der weltlichen Rechtsprechung unterworfen zu sein. Das Verbrechen Desnoyers’ zu säkularisieren, den Mörder zu entweihen, würde die gesamte Kirche entweihen, die Institution schwächen, ihre Schuld verweltlichen. Es wäre, als vergäße man Gott und gäbe sich den Atheisten und Marxisten preis. Anders ausgedrückt: Wenn die Kirche jede Mitwirkung am Verbrechen von Uruffe leugnet, wenn sie die Verantwortung für den Mord allein Desnoyers anlastet, wenn sie auf nicht schuldig plädiert, wird sie sich paradoxerweise der Gerichtsbarkeit unterwerfen. Wenn sie aber damit anfängt, in allen Kirchen und Kathedralen zu verkünden, dass der Mann, den man verurteilen wird, sehr wohl ein Priester ist und auch Priester bleibt, wenn sie über tausend Kreuz- und Sühnewege ihre Solidarität mit ihm bekundet und betont, dass sie ihn nicht verlassen wird, wenn sie sich also neben ihm auf der Anklagebank niederlässt und mit ihm, wegen ihm, durch ihn, in ihm leidet, zeigt sie, dass die Schuld des Pfarrers auch ihre Schuld ist. Doch das verändert die Bedeutung der Schuld: Das schwarze Schaf wird zum verlorenen Schaf, und die gesamte Kirche verliert sich in Guy Desnoyers. Gewiss, Desnoyers ist schuldig, und ihr könnt Recht über ihn sprechen, aber was auch immer ihr tun werdet, er ist eurer Gerichtsbarkeit nicht unterworfen. Die Schuld eines Priesters kann nie die Schuld eines gewöhnlichen Menschen sein. Der Beweis dafür ist unser Bestehen, und wenn ihr ihn verurteilt, verurteilt ihr die Kirche. Indem sie das Verbrechen des Pfarrers von Uruffe auf sich nimmt und sich gemeinsam mit ihm anklagen lässt, weist sie die weltliche Gerechtigkeit radikal zurück. Mehr noch: Sie macht sich selbst zum Richter, spielt sich als Gericht auf, das allein befähigt ist, das Herz zu prüfen, oder vielmehr: das an der Unergründlichkeit des Herzens Maß nimmt und der Rechtsprechung das «Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet» der Evangelien entgegenhält.
Geheimnis und Entsetzen. Während die Rechte den Skandal unterdrückt, hypostasiert ihn die Kirche.
Der Skandal des Priesters ist ein Skandal der Kirche, ein Skandal aller Menschen. Die Schuld des Priesters wächst ins Unendliche, sie wird undurchsichtig. Die Kirche selbst wird undurchsichtig, in ihrem Herzen gibt es Abgründe, Schwindel, schreckliche Schattenseiten, unendliche Möglichkeiten der Sünde, die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt. Es gibt Böses, das gut ist, und Gutes, das böse ist. Der reinigende Manichäismus der Rechten ist davon weit, sehr weit entfernt. Das Sakrale – das Mysterium von Sündenfall und Erlösung – wird vollständig wiedererlangt: In ganz Lothringen war es nie so gegenwärtig wie an jenen Tagen. Man könnte fast sagen, es lag Zauberei in der Luft. Verdorben, lasterhaft, leidend, siegreich, prachtvoll – so versammelte und mobilisierte sich die gesamte Kirche, vereinigten sich ihre Bischöfe, ihre Landpfarrer, ihre Diakonen und Hilfsdiakonen, ihren Legionen von Gläubigen, ihre guten Hirten, ihre Marienkinder, ihre Frömmler, ihre Scheinheiligen, ihre heldenhaften Heiligen und alle ihre Wunderseher um das magere und blasse Gesicht des Mörderpriesters. Salbungsvolle Kniefälle auf den eisigen Steinplatten der Kathedrale von Nancy, auf der Stelle tretendes, frommes, ungeduldiges Innehalten an allen Stationen des Kreuzweges («eine Stimmung des Irrsinns», schrieben die Zeitungen), und dazu die Chöre, die reinen Stimmen der Töchter Mariens der Pfarrgemeinde von Uruffe, die, versammelt um ihren neuen, noch jüngeren und noch viel besser als sein Vorgänger aussehenden Priester, in der von einem aktivistischen Pfarrer, wie auch Desnoyers es gewesen ist, eigenhändig wiederaufgebauten kleinen Kirche für diesen sangen und büßten.
Um zu verstehen, dass die Kirche ihren Priester nicht unter die Guillotine schicken lassen konnte, musste man nur den beiden Bäuerinnen zuhören, Régine Fays’ Mutter und Michèle Léonard, der Desnoyers noch vor dem Mord an Régine ein Kind gemacht hatte. Ihr Leben war durch ihn buchstäblich zerbrochen worden. Unter Tränen, von Schluchzen geschüttelt, hatten beide ihn während der Verhandlung weiterhin ganz selbstverständlich «Herr Pfarrer» genannt, ob sie ihre Worte an den Vorsitzenden Richter oder an Desnoyers richteten. Sein Ansehen als Priester war für sie unberührt geblieben. Er trug Zivilkleidung, sie aber sahen ihn in der Soutane. Für sie war unvorstellbar, dass er nicht seine alte Kleidung tragen könnte. Der einzige Zeuge aus Uruffe, der es, abgesehen von den Gendarmen, wagte, Desnoyers ganz einfach «Desnoyers» zu nennen, war der Bürgermeister, eine angesehene Persönlichkeit. Und selbst er tat es mit einer seltsamen Verlegenheit in der Stimme, als wäre er sich nicht sicher, ob er sich diese Kühnheit erlauben durfte. Der Hochmut der Zeitung Figaro fehlte ihm ganz. Desnoyers unter der Guillotine, ein guillotinierter Priester, der auf keinen Fall zum Märtyrer gemacht werden durfte, denn das wäre für die ländlichen Gegenden Frankreichs, wo die Kirche in unserem Land noch wirklich mächtig ist, ein wahrlich tödlicher Schlag gegen das Ansehen aller Soutanen gewesen, das hätte bedeutet, alle Priester als zur Enthauptung geeignet einzustufen, ihre göttliche Immunität aufzuheben, gegen die Sakramente anzugehen, das Tu es sacerdos in aeternum der Priesterweihen ins Wanken zu bringen. Es hätte, kurz gesagt, das Ende der Sakralität bedeutet. Aus gutem Grund dachte die Kirche zuerst an ihre ländlichen Pfarrgemeinden.
Aber sie dachte auch an ihre Landpfarrer, an den niederen Klerus. Und der war völlig solidarisch mit Desnoyers. Sobald das Verbrechen bekannt geworden war und noch während der Mörder vor seiner Verurteilung vierzehn Monate im Gefängnis saß, erhielt dieser in einem fort Briefe von Mitbrüdern aus sämtlichen Pfarrgemeinden Frankreichs. Es waren keineswegs Briefe von Linken, von einflussreichen Ketzern oder von Rebellen gegen die Kirchenhierarchie. Sie stammten nicht von ihres Amtes enthobenen Priestern oder von solchen, denen das bevorstand. Nein, die wendeten sich ausschließlich an den Anwalt, sie schlugen vor, sie könnten selber als Zeugen aussagen, und wünschten, dass der Kirche öffentlich der Prozess gemacht werden sollte. Andere wiederum sprachen gar nicht erst davon: Sie redeten von Liebe, sie hielten Desnoyers zum inbrünstigen Gebet an. In der wunderlichen, sowohl vergeistigten als auch sachbezogenen Sprache von Gläubigen, die sich ihres Glaubens sicher sind, erzählten sie ihm von der Messe, die sie am vergangenen Sonntag gefeiert hatten, einer «schönen Messe»; sie redeten in seiner ureigenen Sprache, der einzigen, die er in Wahrheit je gesprochen hatte, und auch der einzigen, die er je zu verstehen fähig gewesen war. Wie Desnoyers, so zählten auch diese Priester zu den Ehrerbietigen. Sie griffen nicht die Kirche an, sie protestierten nicht, sie waren mit dem Verbrechen weder einverstanden noch verdammten sie es, sie schwiegen sich darüber aus. Niemand hat je ein Wort der Erklärung von Desnoyers gefordert. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder von ihnen Régine Fays mit den eigenen Händen hätte töten können, aber sehr wohl, dass sie alle in diesem Verbrechen ein Priesterverbrechen sahen, also ein Verbrechen, das einer ihresgleichen begangen hatte. Desnoyers’ Tat konnte sie nicht so tief entsetzen, wie sie etwa weltliche Laien erschütterte, weil sie ihnen gewissermaßen vertraut war. Und diese Vertrautheit, die sie alle – nicht alle gemeinsam, aber jeder für sich – mit dem Verbrechen verband, bedingte das Schweigen. Hätten sie darüber sprechen können, falls sie das Bedürfnis empfunden hätten, dem Verbrechen einen Namen zu geben, wäre genau diese Vertrautheit zerbrochen worden. Eine Erklärung fordern, wie zaghaft auch immer, würde bereits bedeuten, sie auch zu erhalten, mit der Herrschaft der Einsamkeit und der Geheimnisse Schluss zu machen, sich zu wundern, dagegen anzugehen, sich zu distanzieren: Es würde bedeuten, dass zwei Priester es wagen, einander in die Augen zu sehen, sich ihren Schwierigkeiten zu stellen und eine neue Sprache zu finden; mit einem Wort, es wäre ein auflösendes, ein trennendes Handeln.
Diese Ehrerbietigen verstanden Desnoyers, ohne dass er sich hätte erklären müssen. Auch vor seinen Richtern sollte er nicht sprechen: «Mein Sohn», schrieb ihm einer von ihnen, ein alter, erfahrener, gläubiger Priester, «füge nun deinem Fehltritt nicht die Sünde des Hochmuts hinzu, indem du dich zu erklären versuchst.» Sie fühlten sich von ihm bedroht, nicht so sehr in ihrem Ansehen, in ihren Privilegien oder in ihrer materiellen Existenz, sondern in ihrer intimsten Wirklichkeit, auf der Ebene, auf der sie fast alle, um weiterhin leben und die tatsächlichen Schwierigkeiten des Priestertums ertragen zu können, im Geheimen und in der Einsamkeit Übereinkünfte mit dem Himmel eingehen müssen, die bei den meisten den militanten Glauben unabwendbar in Unaufrichtigkeit verwandeln. Eine unnötige Furcht, denn Desnoyers gehörte nicht zu den Redenden. Die Briefe wollten einen bereits Bekehrten missionieren. Sie bewirkten nichts anderes, als den Menschen zu stärken, der er immer gewesen war, und bereiteten ihn noch besser darauf vor, der Angeklagte zu sein, der gebraucht wurde, damit die Kirche ihre gefährliche Rettungsaktion erfolgreich bestehen konnte.
Und doch waren die Briefeschreiber, Desnoyers’ Mitbrüder, unterworfene Priester, die sein Verbrechen verstanden, für die Kirche gefährlicher als die Häretiker, die sich entschlossen zeigten, von den Grauen des Priesterstandes Zeugnis abzulegen. Das Fallbeil hätte buchstäblich den erstarrten niederen Klerus getroffen. Die Guillotine hätte diesen Bauern, die wissen, dass das Gute, streng genommen, unmöglich und trostlos ist, und die die Vergebung ihrer Sünden genauso nötig haben wie ihre Gläubigen, plötzlich ein prometheisches und Furcht erregendes Bild ihres Staates vermittelt, das die Ausübung ihres Priesteramtes unmöglich gemacht und sie aufgebracht hätte. Denn sie hätten zu Recht oder Unrecht gespürt, dass man mit diesem Verbrechen noch etwas anderes bestrafte, nämlich das, was Desnoyers zum Mord getrieben hatte: Unzucht, Zärtlichkeit, verstohlene Küsse in einer Ecke des Pfarrhauses, kurz, ihre eigenen Sünden und Stürze, das über sie alle verhängte Geschick, ihre tägliche Existenz. Wenn sie sich am Horizont ihrer Verfehlungen, die bislang je nach Fall im Austausch gegen heruntergeleierte Rosenkränze, Vaterunser und Ave-Maria, Fasteneinlagen oder Bußgewänder bestraft oder vergeben wurden, künftig im Schatten des Schafotts wandeln sehen müssten, wäre es dann nicht unmöglich, Priester zu sein, weil «die Natur», wie einer von ihnen schrieb, «sich nicht ändert»? Gefährliche Lebensläufe: Man stelle sich vor, wie vierzigjährige Priester, die siegreich das Kap der Versuchungen hinter sich gelassen haben, junge büßende Geistliche und Spirituelle, denen die Wollüste des Beichtstuhles das Herz entflammt hat, ihren Bischofspalast belagern und einen Risikozuschlag fordern.
Selbst wenn der höhere Klerus keine Gründe hatte, Desnoyers zu retten, machte die Verbundenheit des niederen Klerus mit ihm es unumgänglich. Die Haltung der Kirche muss also als Aussöhnung des höheren und des niederen Klerus über die Köpfe der Bourgeoisie hinweg verstanden werden. Aber da war noch etwas anderes: Desnoyers war weder ein Lüstling noch ein Zyniker; er war ein gläubiger Mensch, ein Landpfarrer, bis aufs Herz von Unaufrichtigkeit zerfressen, und gerade weil er gläubig war, war er weniger als alle anderen dazu imstande, sich mit seinen Sünden abzufinden. Er sündigte, er hörte nicht auf zu sündigen, aber er leugnete, wie wir sehen werden, mit all seiner Kraft die Existenz der Sünde, er ertrug es nicht, seine Schwächen anzuerkennen, er konnte sich nicht zu der Entscheidung durchringen, dass in seinen Bedürfnissen etwas Legitimes steckte. Wäre er in der Lage gewesen, sich zu sagen: «So ist es eben, mein Freund, du bist ein Priester, der Frauen braucht, also steh dazu und unternimm das Nötige», hätte er genauso gut in Zivilkleidung Präservative in einer Apotheke kaufen können, er hätte Karriere machen und Papst werden können. Dieser Zynismus, diese Freiheit sich selbst gegenüber ist ein Vorzug, den man in den Priesterseminaren für kleine Bauern nicht erwerben kann: Geistliche, die auch die Rolle des Teufels spielen können, sind zuerst einmal Kinder der Bourgeoisie. Der Kirche konnte überhaupt nicht daran gelegen sein, dass ihre Landpfarrer plötzlich dächten, die Straflosigkeit der Privilegierten der Kirchenhierarchie rühre daher, dass diese, von sich selbst niemals so sehr in die Enge getrieben, nie Verbrechen begehen würden.
Die Kirche hatte also gute Gründe, Desnoyers zu retten. Nun soll untersucht werden, wie ihr das gelungen ist, denn der Urteilsspruch war nicht vorauszusehen. Die Rechte wollte das Todesurteil, der Staatsanwalt hatte sich gleich zu Beginn seiner Anklagerede gegen ein Gnadenurteil ausgesprochen. Entschieden hatte er den Kopf des Priesters gefordert. Doch gerade dank des Staatsanwaltes konnte Nachsicht geübt werden, dank eines Mannes, der offensichtlich bereits alles verstanden hatte, weshalb er den Zeugen während der Verhandlungen keine einzige Frage stellte; dank der Art und Weise, wie der Prozess von den französischen Richtern vorbereitet worden war; dank des Vorsitzenden Richters, auch er ein Mann der Ordnung, der, um die Kirche «zu schützen», mit bemerkenswerter Lebhaftigkeit die spöttischste Vernehmung führte, die es wohl je in einem Geschworenengericht gegeben hat; schließlich dank der gesamten Rechten, die es eilig hatte, den «bedauerlichen» Prozess hinter sich zu bringen.
Die Rechte glaubte, der Kirche zu dienen: Doch die Kirche hat sich der Rechten über die ganze Debatte hinweg bedient, sich buchstäblich die Bedeutung ihrer Handlung angeeignet und diese verfremdet, sie hat ihrem Schweigen eine völlig andere Bedeutung verliehen. In diesem Sinne hat die Rechte der Kirche gedient. Ihr geplantes Vorgehen lag auf der Hand, war aber nicht zu verwirklichen: Desnoyers sollte so verurteilt werden, als ob er kein Priester wäre, das Leben des Angeklagten sollte mithin unterschlagen, die wahren Beweggründe des Verbrechens verschwiegen und vor allem, das war besonders wichtig, es sollte jenes Abenteuer vermieden werden, das Psychologie genannt wird.
Der Prozess dauerte insgesamt, mit den Plädoyers der Verteidigung und allen Vernehmungen, nur zehn Stunden – ein Rekord –, dennoch musste man sie füllen, von irgendetwas reden. Doch wovon? Vom Verbrechen natürlich, aber vom bis auf die Knochen entblößten, das heißt auf die bloßen Sachverhalte – Lage des Körpers, Größe der Wunden, Richtung des Schlitzes, Zeit, Ort etc. – reduzierten Verbrechen. Es war verblüffend, wie man versuchte, ähnlich wie Alain Robbe-Grillet, die kriminelle Handlung in einen Zufall, in eine Gelegenheitsuntat zu verwandeln. Ewig hielt man sich mit all den bestens bekannten Aussagen auf, die der Angeklagte längst zu Protokoll gegeben hatte. So befand man sich
