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Die kleine Stadt Hoym im heutigen Sachsen-Anhalt wird im Zweiten Weltkrieg von Luftangriffen und schweren Kampfhandlungen verschont. Nach Kriegsende jedoch gibt es einschneidende Veränderungen durch die sowjetische Besatzungsmacht und die neuen deutschen Verwaltungen. Eine folgenreiche Maßnahme ist die Umverteilung von Land im Rahmen der Bodenreform. Während ein Teil der Bevölkerung dadurch gewinnt, bedeutet es für die Menschen, denen ihr Besitz genommen wird, Angst, Schmach und Ausweisung. Gisela Nordmann ist 1945 ein neunjähriges Mädchen. In »Das Haus an der Selke« zeichnet sie das Bild ihrer bewegten Kindheit und lässt die Geschichte ihrer Familie wiederaufleben. Besonders eindringlich schildert sie die Enteignung von Haus und Hof – damit nicht vergessen wird, was damals geschah.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Einführende Gedanken
Hoym 1944
Mein Zuhause
Mutters 45. Geburtstag
Weihnachten 1944
Hoym 1945
Die Zeit bis zum Kriegsende
Unter amerikanischer Besatzung
Maikäfer flieg
Ankunft der Russen
Die Enteignung
Hoym 1946
Die Ausweisung
Ausgewiesen
Tante Gertrud
Briefe in die Verbannung
Mit Onkel Heinrich in Burg
Ostern 1946
In der Gefangenschaft
Irmgard wird Neubäuerin
Hoym 1947
Schlachtfest
Rund um die Zuckerrübe
Die Silberhochzeit der Eltern
Hoym 1948
Ereignisse im Winter 1948
Die Rückkehr
Himbeersaft auf kaltem Wege
Hoym 1949
Abschied von Hoym
Neubeginn
In Aschersleben
Die Deckelvasen
Wenn es anders kommt
Die Werbung
Mutters Tod
Nach Dresden
Wendezeiten
Abgelegen
Die Autorin
Quellen und weiterführende Literatur
Meinen Eltern und meiner Schwester gewidmet
und
Gertrud Ehlers
Das Leben – ein Haus aus Büchern,
jedes Buch ein Schicksal und
Quelle weiterer Schicksale.
Der Friedhof – Lebensort,
jedes Grab ein Buch und
gewesenes Schicksal.
Das Schicksal der Vorfahren – sinngebend
auch dem Leben derer,
die nach ihnen kommen.
Jedes Schicksal – nur ein kleiner Abschnitt
auf dem unendlichen Gleise
der Zeit.
Am Ortsausgang von Hoym, einer kleinen anhaltischen Stadt im nördlichen Harzvorland, lag unser Grundstück dort, wo die Selke einen Bogen macht. Hinter der Brücke bewachten zwei hohe Pappeln den Weg, der zwischen Garten und Wiese zum Hof führte. Kein Unwetter hatte diesen Bäumen bisher geschadet. Der Hof wurde nach drei Seiten rechtwinklig von Wohnhaus und Stallungen begrenzt, die vierte Seite war offen und gewährte den Blick auf kleinere Gebäude, Weideland und Felder. Drei mächtige Kastanien spendeten an heißen Tagen Schatten, und der Rasen auf dem unbewirtschafteten Hof lud zum Barfußgehen ein. Das war mein Zuhause.
Den Sommer über stromerte ich, wie meine Mutter es nannte, den ganzen Tag über draußen herum. Mal war ich unten an der Selke, um Steinchen ins Wasser zu werfen oder von den Weiden eine Gerte abzubrechen, mal im Garten, um von den Sträuchern Beeren zu naschen oder die leuchtend roten Tomaten zu probieren, die damals viel stärker dufteten als heute.
Bei Regen spielte ich allein oder mit einer Freundin im Gartenhaus. Gelegentlich durchforsteten wir auch den Dachboden. Er barg viele Geheimnisse, hatten doch schon mehrere Generationen in dem betagten Haus gewohnt und Spuren zum Beispiel in Gestalt von Spielzeug oder Kinderbüchern hinterlassen, die wir nun in dem Giebelstübchen und Kammern fanden: ein altes Schaukelpferd, Puppenstubenmöbel und auch den Struwwelpeter. Den habe ich heute noch.
Wir waren acht Jahre alt und genossen die Ferien in diesem Sommer des Jahres 1944.
Das kleine Anwesen war nach dem Tod des Großvaters in den Besitz meiner Großmutter und meiner Mutter übergegangen. Großvater hatte auf diesem herrlichen Fleckchen Erde – wie davor schon sein Vater – eine Ziegelei betrieben. Außerdem war Großvater Hobbyarchäologe gewesen und hatte bei Ausgrabungen manchen achtbaren Erfolg erzielt. 1903 erschien in Köthen seine geschichtliche Beschreibung »Hoym« im Rahmen der Beiträge zur Anhaltischen Geschichte. Er wurde auch nach seinem Tode noch sehr geschätzt, wiesen seine Arbeiten doch auf eine uralte Besiedelung der Gegend hin.
Manchen Fund aus heidnischen Begräbnisstätten, wie zum Beispiel die Hoymer Hausurne, hatte er in Ton nachgebildet und gebrannt und diese Kopien zierten Hügel in unserem Garten und Mauernischen.
Mein Vater hatte nach der Inflation auf dem Grundstück seiner Schwiegereltern eine Hühnerfarm eingerichtet, den »Hoymer Hühnerhof«. Doch das Geschäft ging schlecht und so folgte er 1936 dem Ruf der Mobilmachung und trat als Offizier in den Dienst der Wehrmacht. Er hatte bereits im Ersten Weltkrieg gedient.
War er auf Urlaub da, dann wich ich ihm nicht von der Seite und begleitete ihn auf seinen Rundgängen – wie ein Dackel, meinte meine Mutter.
Manchmal sammelten wir Schmetterlingsraupen. Vater wusste, dass diese in großer Zahl an Brennnesseln zu finden waren. Zu Hause setzten wir sie in eine alte Stalllaterne, gaben Blattwerk hinzu und warteten, ob sie sich verpuppten. Wenn das dann eines Tages geschehen war und nach einer weiteren spannenden Wartezeit sogar ein Schmetterling, zum Beispiel ein kleiner Fuchs, schlüpfte und sich entfaltete, war die Freude kaum zu beschreiben.
Die Eltern waren bei Verwandten und Freunden gern gesehen und auch selbst oft Gastgeber geselliger Zusammenkünfte.
Mein Vater war außerdem sehr musikalisch. Er spielte Violine in einem Streichquartett. Von der Zuneigung meiner Eltern zueinander zeugt ein kleines, von meiner Mutter gefertigtes Kinnkissen, auf das sie mit Feder und Tusche unser malerisches Gartentor, auf dem eine Nachtigall sitzt, gezeichnet hatte. Die Eltern mochten die Gedichte von Theodor Storm …
Meine große Schwester hatte einen eigenen kleinen Garten. Ein Foto zeigt uns auf der Bank vor ihrer Laube, wir haben Kirschen in den Händen und auch unsere Ohren mit den roten Früchten behängt. Wir waren sehr vertraut miteinander, trotz des Altersunterschieds von zwölf Jahren. Auf dieser Vertrautheit beruhte wohl auch das folgende Ereignis:
Meine Schwester besuchte die Lehrerbildungsanstalt in Oranienbaum und machte Praktikum im Heimatort, ausgerechnet in meiner Klasse, einem 3. Schuljahr! Ich erinnere mich an ein wunderschönes Bild, mit bunter Kreide auf die Tafel gemalt: wogendes reifes Korn – Kornblumen –, Roter Mohn (den hat sie ihr ganzes Leben lang geliebt), musizierende Käfer und Grillen. Es ging um das Gedicht: »Ein Leben war’s im Ährenfeld« von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben.
Da stand ich auf, ging vor zum Katheder und sagte: »Irmgard binde mir bitte mal die Zöpfe zu!« Sie tat es anstandslos und fuhr fort im Unterricht.
Meine Schwester hatte da bereits ihren ersten Freund verloren. Den mochte ich sehr, hatte er mich doch das Laufen auf Stelzen gelehrt, als er einmal bei uns in Hoym auf Urlaub da war. Mein Vater hat uns dabei fotografiert. Das Foto zeigt unseren Gast in Uniform, Pfingsten 1943. Wenig später ging Irmgard weinend mit einem Brief in der Hand umher. André war in Russland gefallen, mit 21 Jahren. Irmgard war damals 19. Was blieb: ein Fotoalbum, Briefe und ein Notizbuch. Wir fanden diese Dinge 2015 in ihrem Nachlass!
Zu unserer Familie gehörte auch Tante Gertrud, eine Halbschwester meines Großvaters. Sie hatte ihr gesamtes Erbe für die Schulden ihres Lieblingsbruders, einem Spieler, geopfert. Nur ein lebenslanges Wohnrecht in unserem Haus war ihr geblieben. Ihren Lebensunterhalt hatte sie als Säuglingsschwester verdient. Nun im Ruhestand trug sie aber immer noch die Tracht ihres Verbandes. Sie war für Handarbeiten zuständig und brachte mir das Häkeln und das Stricken bei. Zeitweise nähte sie für die Junkerswerke Fallschirme.
Meine greise Großmutter saß an warmen Tagen meistens auf dem Hof. Manchmal lockte sie die Hühner mit ein paar Körnern heran und sah den Tieren beim emsigen Picken zu. Wohl gefiel ihr auch der prächtige bunte Hahn, der inmitten seiner rebhuhn-farbenen Hennen sich mächtig aufplusterte und laut krähte. Auch hatte sie es gern, wenn die grau getigerte Katze sich an sie schmiegte oder miauend um sie herumschlich.
Großmutter war immer schwarz gekleidet. Oft trug sie auch ein gehäkeltes schwarzes Kopftuch über dem spärlichen Haar, das zu einem kleinen Knoten am Hinterkopf zusammengesteckt war. Meine Mutter frisierte sie jeden Morgen. Das war ein Ritual.
Ob Großmutter je krank war, weiß ich nicht. »Ein Arzt kommt mir nicht ins Haus«, soll sie immer gesagt haben.
Oft unterhielt sie sich auch mit den geistig Behinderten aus der Landessiechenanstalt. Von 1855 bis 1863 hatte hier sehr zurückgezogen Herzog Alexander Karl von Anhalt-Bernburg gelebt. Er soll geisteskrank gewesen sein und hatte seinen Wohnsitz in Ballenstedt am Harz verlassen. Sein Kammerherr war der aus Dresden stammende Maler Wilhelm von Kügelgen. Nach dem Tod von Alexander Karl wurde das Schloss während des Krieges 1870 / 71 als Lazarett genutzt. Spätere Herzöge übereigneten das Gebäude dann 1878, wohl im Gedenken an ihren Vorfahren, der Landesdirektion mit der Bestimmung, hier eine Siechenanstalt einzurichten.
Die Landessiechenanstalt hatte unsere Scheune gepachtet und beschäftigte die armen Menschen in ihr zum Beispiel damit, Wagen mit Heu oder Stroh zu be- oder entladen, sofern ihr Geisteszustand das zuließ. Die Kranken waren glücklich, wenn Großmutter ihnen zuhörte, voller Barmherzigkeit und Güte.
Ab und zu rief sie nach mir und nannte mich »Röschen«. Das war der Kosename meiner Mutter, die eigentlich »Therese« hieß.
Für mich war es eine heile Welt, in die ich da hineingeboren worden war. Ich war glücklich mit Vater, Mutter, Schwester, Tante und Großmutter. Niemand hatte ein besseres Zuhause als ich – und ich glaubte, dass das immer so bleiben würde.
Auch meine Schwester liebte die heimatliche Idylle, in der sie eine schöne Kindheit verlebt hatte. Davon hat sie immer wieder geschwärmt. Diese Zeit hat sie wohl auch gestärkt für das weitere Leben.
Nach dem Abitur und dem Arbeitsdienst leistete sie 1944 im Staßfurter Rundfunkwerk Kriegshilfsdienst. Ich habe einen Brief von ihr gefunden, den sie im März 1944 aus Staßfurt an unsere Mutter schrieb und aus dem ich unbedingt zitieren muss:
Meine liebe Mutter, übermorgen ist nun Dein Geburtstag, und Deine Große kann diesmal nicht bei Dir sein … Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute und – wenn möglich – noch einiges mehr. Ob es der letzte Geburtstag im Kriege ist? Diesmal sieht es ja wirklich danach aus, denn außer Deiner Großen ist ja auch Vater nicht da. Weißt Du, Mutter, erst nachdem ich von zu Hause fort bin, habe ich erkannt, wie es ist, ein Zuhause zu haben und vor allem eine Mutter, die einem dies Zuhause so schön macht …
Vater schickte mir Andre’s letzten Brief. Ich will nachher an seine Mutter schreiben, weil doch Sonntag Heldengedenktag ist …
Nun herzliche Grüße und Dir einen dicken Kuss »Marke Geburtstag«.
Deine Große
Übrigens habe ich den Brief im Luftschutzkeller geschrieben.
Dieses Schreiben hatte Irmgard noch liebevoll umrahmt mit Sonnenblumen und Rosen und an der unteren Kante ein kleines Bild von ihr und mir in Form eines Medaillons eingefügt.
Am späten Nachmittag des Heiligen Abends gingen meine Schwester und ich in jedem Jahr zur Christvesper. Diese fand in der Kapelle der Landessiechenanstalt statt, weil unsere Kirche nicht geheizt werden konnte. Die Kapelle war immer gut besucht, und wenn man zu spät kam und hinten sitzen musste, bemerkte man kaum, was vorn geschah. Aber wenn der Pfarrer die Weihnachtsbotschaft verlas und »Stille Nacht, Heilige Nacht« angestimmt wurde, dann war Weihnachten. Wir umarmten unsere Cousinen, die auch immer da waren, und wünschten uns gegenseitig ein »Frohes Fest«. Dann eilten Irmgard und ich durch die Gassen, am Mühlgraben entlang, an der Wiese vorbei über die Selkebrücke zu unserem Hof. Über uns funkelten die Sterne, sie waren gut zu sehen in der Dunkelheit. Unser Elternhaus ließ Wärme ahnen. Licht drang nur spärlich durch die geschlossenen Fensterläden. Man hatte sich an die strengen Verdunklungsregeln gewöhnt.
Unsere Mutter empfing uns. Sie war elegant gekleidet und sah sehr hübsch aus in dem dunkelblauen Jackenkleid. Die rosa Seidenbluse mit dem Bubikragen stand ihr ausgezeichnet. Meistens sah man sie ja nur in Arbeitskleidung und mit vorgebundener Schürze.
Die Küche war aufgeräumt. Nichts erinnerte mehr an die aufwendigen Weihnachtsvorbereitungen. Die von meiner Mutter im Herbst auf Wunsch meines Vaters, aber dennoch widerwillig, mit Maiskörnern gestopfte Gans befand sich bratfertig im Keller. Vater hatte ja Kindheit und Jugend im Elsass verbracht und dort war das grausame Stopfen von Mastgänsen lange Tradition.
