Das Jahr ohne Sonne - Therese Bichsel - E-Book

Das Jahr ohne Sonne E-Book

Therese Bichsel

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Beschreibung

1816 blieb der Sommer aus. Es regnete in Strömen, Unwetter führten zu Erdrutschen und Überschwemmungen, bis weit in den Juli hinein schneite es. Die Ernte fiel gering aus, die Preise stiegen. Die Menschen waren verunsichert, suchten nach Erklärungen. In Teilen der Schweiz kam es im Folgejahr zu Elend und Hunger. In ihrem Roman nähert sich die Autorin drei Frauen aus dieser Zeit. Der jungen Appenzellerin Anna Kathrin Diem droht Not, die Vorräte auf dem Bauernhof und der Verdienst aus der Weberei schwinden. Die Berner Pfarrfrau Elisabeth Kuhn erlebt die Krise im Emmental und versucht dort, das Leid zu lindern. Die englische Dichterin Mary Shelley hält sich am Genfersee auf. Aus der Vision des Dunklen entsteht ihr Schauerroman «Frankenstein». Therese Bichsel verwebt in ihrem Roman eng Geschichte und Fiktion zu einem eindringlichen Zeitporträt.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Impressum

Titel

Vorwort

Anna Kathrin

Sommer 1816

Mary

Mai 1816

Juni 1816

Die Chronisten I

Elisabeth

Januar 1817

Februar 1817

Anna Kathrin

Dezember 1816

Januar 1817

Die Chronisten II

Mary

Juli 1816

August 1816

Elisabeth

März 1817

April 1817

Die Chronisten III

Anna Kathrin

Juni 1877 / Juni 1817

Kurzbiografien

Dank

Literatur / Quellen

Über die Autorin

Backcover

Therese Bichsel

Das Jahr ohne Sonne

Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:

Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit ei‍n‍em Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.

© 2025 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Thomas GierlKorrektorat: Anna Katharina Müller

Therese Bichsel

Das Jahr ohne Sonne

Roman

Für Hannes

«Leider stieg die Not bisher immer! Mit Not ward hier das Korn eingebracht. Viel Haber und Erdfrüchte wurden eingeschneit und kümmerlich gerettet. Die Weinlese hat so total allerorten gefehlt, dass an vielen Orten gar nicht gelesen, und an andern die unreifen Trauben mit eisernen Heuschroten zermostet wurden. Man kann sagen: alles hat gefehlt.»

Gottlieb Jakob Kuhn «Chronik von Rüderswyl»

«Im November und December des Jahres 1816 war die Theurung das allgemeine Gespräch. ... die Noth wurde immer furchtbarer, und stieg ununterbrochen mit jeder Woche, mit jedem Tage, sogar mit jeder Stunde ...»

Peter Scheitlin «Meine Armenreise in den Kanton Glarus und in die Umgebungen der Stadt St. Gallen in den Jahren 1816 und 1817»

«Mir ward’ ein Traum, der völlig Traum nicht war:Erloschen war der Sonne Schein; die SterneBewegten trüb sich durch den ew’gen Raum,Strahllos und pfadlos; und die eis’ge ErdeTrieb blind und schwarz durch mondesleere Luft.Der Morgen kam und ging, doch ward’s nicht Tag;Der Mensch vergaβ die Leidenschaft aus AngstVor der Verödung rings, und alle HerzenErstarrten in dem heiβen Flehn um Licht.»

Lord George Byron «Finsterniβ»

Vorwort

1816 war das Jahr ohne Sommer: Es regnete fast pausenlos und war kalt, Schnee fiel noch im Juli. Die Leute waren verunsichert, manche glaubten an eine Strafe Gottes, einige befürchteten den Weltuntergang. In der Folgezeit kam es zu großer Not. Wir kennen heute die Gründe für unsere Klimakrise. Damals war die wichtigste Ursache unbekannt: Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 im weit entfernten Indonesien.

Vom extremen Wetter waren alle betroffen. Drei Frauen stehen im Zentrum des Romans: die junge Appenzellerin Anna Kathrin Diem (1803–1879), die Berner Pfarrfrau Elisabeth Kuhn (1783–1850) und die englische Schriftstellerin Mary Shelley (1797–1851).

In der Ostschweiz führte das Ausnahmewetter zu Missernte und Hungersnot. Wegen der gleichzeitigen Krise in der Textilbranche fehlten auch die wichtigen Einkünfte aus dem Weben. Die Bauernfamilie Diem aus Schwellbrunn – der Vater war Anfang 1816 gestorben – sparte an allen Ecken und Enden. Die 13-jährige Anna Kathrin (als Kind Hatili genannt) half tatkräftig mit im Kampf um die Existenz. Trotzdem war der Erhalt des Bauernbetriebs in Frage gestellt, die Familie suchte nach einem neuen Weg.

Mary Shelley verbrachte den dunklen Sommer 1816 am Genfersee. Die Tochter der englischen Feministin Mary Wollstonecraft und des Sozialphilosophen William Godwin war von den fortschrittlichen Ideen ihrer Eltern geprägt. Mary war erst neunzehn und Mutter eines unehelichen Jungen. Mit ihrem Geliebten, dem Dichter Percy Shelley, ging sie auf Rei‍sen. Den Freundeskreis am Genfersee dominierte der cha‍r‍i‍s‍matische Lord Byron. Die Düsternis inspirierte zum Schreiben – Mary begann ihren berühmten Roman «Frankenstein».

Im Winter 1817 war Elisabeth Kuhn 33-jährig, Mutter von drei Kindern und Pfarrfrau in Rüderswil im Emmental. Elisabeth war die Tochter eines Berner Zimmermeisters. Selbstbewusst hatte sie als Achtzehnjährige versucht, ihren Bekannten Gottlieb Kuhn, Vikar in Sigriswil, mit ihrer Freundin zu verkuppeln. Nach gescheiterten Liebschaften fanden Gottlieb und Elisabeth zueinander. Elisabeth wurde Pfarrfrau im Emmental mit vielfältigen sozialen Aufgaben. Die Not der armen Leute und die Dunkelheit der Zeit setzten ihr zu.

Eingestreut in den Roman sind Wetterbeobachtungen aus den Chroniken zweier Männer: Pfarrer und Volkslieddichter Gottlieb Jakob Kuhn (1775–1849), Ehemann von Elisabeth in Rüderswil im Emmental, und Landwirt Christian Hagmann (1784–1869) aus Sevelen, Rheintal.

Therese Bichsel

Anna Kathrin

Sommer 1816

Sie schlägt die Augen auf. Es ist düster in der Kammer, die sie mit der Mutter teilt. Ein Geräusch ist in ihrem Ohr. Der Regen. Er prasselt einmal mehr aufs Dach. Die Mutter ächzt im Schlaf. Anna Kathrin bewegt ihre steifen Hände. Es regnet nicht nur, es ist kalt.

Trotzdem erhebt sie sich von ihrem Lager, zieht das Nachtgewand aus, schlüpft in die Kleider. Mutter Elisabeth wird froh sein, dass das Feuer bereits brennt, wenn sie in die Küche kommt. Es ist der Mutter zu gönnen, dass sie auch einmal etwas länger schlafen kann, sonst ist sie immer die Erste. Rasch flicht Anna Kathrin den Zopf, geht nach unten. Vom Stall hört sie das Muhen der Kühe, die Brüder sind am Melken.

Anna Kathrin bläst in die Glut vom Vorabend, Flammen züngeln auf, und sie legt Holz nach. Ihr jüngster Bruder kommt mit einem Milchkessel herein, Stallluft schwappt in die Stube. Hans Conrad lässt sich auf die Bank fallen. Sie entschließt sich, Haferbrei zum Frühstück zu bereiten. Oft essen sie Erdäpfel aus dem Ofenrohr, die Brüder beklagen sich über die «ewigen» Erdäpfel. Alle brauchen eine Aufmunterung an diesem weiteren Schlechtwettertag. Es gibt so viele davon. Sie gießt Milch und Wasser in den Topf, kocht die Flüssigkeit auf, gibt etwas Zucker und eine Prise Salz zu und die Haferflocken. Nach kurzer Zeit ist der Brei fertig. Sie lässt ihn noch etwas ziehen.

«Dieser Sommer ist zum Verzweifeln. Es wächst nichts, wir können nicht heuen», sagt der sechzehnjährige Bruder, der ihr der Nächste ist, nicht nur altersmäßig.

«Ich weiß.» Anna Kathrin stellt den Topf auf dem Tisch, verteilt Löffel.

Mutter Elisabeth betritt die Stube, ihre Augen sind verweint. Wieder einmal hat Anna Kathrin sie in der Nacht schluchzen gehört, seit dem Tod des Vaters im Januar kommt das immer wieder vor. Einen Moment später treten die älteren Brüder ein, angeführt von Johannes. Schweigend sitzen alle um den Topf, die Mutter spricht das Gebet, sie tauchen die Löffel ein. Der Topf ist schnell leer.

Johannes schlägt mit der Faust auf den Tisch. «Das Wetter lässt uns diesen Sommer im Stich. Fast immer ist es nass, immer kalt. Das Gras ist kaum gewachsen. Letztes Jahr um diese Zeit waren wir fertig mit dem Heuet. Jetzt haben wir noch nicht einmal angefangen. Auch wenn Vater noch lebte, wären wir nicht weiter. Aber er hätte uns raten können, was zu tun ist in einem solchen Sommer, der keiner ist. Kennt man das von früher?»

Die Mutter schaut ihren ältesten Sohn an, Johannes ist fünfundzwanzig. Nach dem Tod ihres Mannes ist er in die Fußspuren des Vaters getreten. «Die letzten Sommer waren auch nicht besonders gut», stellt sie fest. «Einen Sommer wie diesen habe ich aber noch nie erlebt. Die Alten schütteln den Kopf und sagen, dass es das noch nie gegeben hat. Vielleicht hätte Hans Ulrich euch einen guten Rat geben können. Er ist nicht mehr unter uns.» Sie überlegt, blickt auf ihre Hände und dann auf ihre Kinder – Johannes, Friedrich, Hansueli, Bartholome, Hans Conrad und Anna Kathrin. «Wir müssen durchhalten und die Arbeiten erledigen, so gut es geht», sagt sie nachdrücklich. «Die Ernte dieses Sommers trägt uns durch den nächsten Winter.»

Johannes nickt, er scheint gestärkt, steht von der Bank auf. «Heute scheren wir die Schafe. Friedrich und Hansueli, ich brauche euch. Bartholome und Hans Conrad unterstützen Mutter und Anna Kathrin beim Spulen und Weben.»

Scharren der Füße, Getrappel, die älteren Brüder verlassen die Stube. Anna Kathrin wischt den Topf aus.

«Ich stelle das Webstück fertig, du kannst spulen», sagt Hans Conrad zu ihr. «Dann bist du dran mit dem Zetteln.» Er zwinkert ihr zu, streicht sich das helle Haar aus dem Gesicht, das ähnlich gekraust ist wie ihres.

Er folgt der Mutter über die Stufen nach unten in den Keller, wo zwei Webstühle nebeneinanderstehen. Sie kann Hans Conrad nicht böse sein. Er webt gut, wird das Stück zu Ende weben, dem Muster folgen. Der Bruder ist geschickt, er webt gern. Aber das Zetteln, das Befestigen der Längsfäden auf dem Webstuhl, mag er nicht, er überlässt es gern Mutter und Schwester.

Anna Kathrin und Bartholome setzen sich an die Spulräder. Der Vorteil ist, dass sie in der Stube in der Nähe des Ofens spulen und nicht im feuchtkalten Keller. Sie nimmt vom bereits gesponnenen Garn, wickelt es auf die Haspel, verbindet es mit der Spule. Dann setzt sie das Spulrad mit der Kurbel in Gang, dreht mit der Hand rundum und rundum und führt den Faden gleichmäßig auf die Spule. Wie immer gräbt sich das harte Leinengarn in ihren Finger, sie befeuchtet ihn. Lieber spult sie weiches Baumwollgarn.

Bartholome hat ebenfalls mit dem Spulen begonnen, sein Rücken ist gebeugt, das dunkle Haar fällt ihm ins Gesicht.

Das Spulen ist eintönig. Aber manchmal, wenn der Faden gleichmäßig fließt, kommt auch sie in Fluss. Sie dreht und dreht, der Faden fließt und fließt und die Gedanken auch, sie lösen sich in diesem Fluss auf, sie denkt nicht mehr über ihre Tätigkeiten nach, sie grübelt nicht mehr, alles ist im Fluss. So muss es sein, wenn man in einem Fluss schwimmt, das kann sie nicht und würde es nicht wagen, man wird vom Fluss getragen, ein wunderbares, erhabenes Gefühl, man ist leicht, schwerelos und ohne Sorgen.

Nach einiger Zeit wird sie aus ihrem Fluss gerissen. Das Surren an ihrer Seite hat aufgehört. Bartholome hält inne, er hat eine Spule voll, nimmt sie von der Winde, stützt den Kopf in die Hände. «Diese Arbeit ist so langweilig», murmelt er, «das Spulen hängt mir zum Hals raus.»

«Ich spule ja auch schon, seit ich siebenjährig bin. Jetzt bin ich zwölf und immer noch häufig am Spulrad», sagt Anna Kathrin.

«Du bist ein Mädchen, das ist üblich für dich, Hatili. Weil wir keine jüngeren Brüder haben und du die einzige Schwester bist, müssen Hans Conrad und ich auch spulen.»

Hatili – so nennt man sie in der Familie, seit sie sich erinnern kann. Sie verteidigt sich: «Mutter hilft auch mit beim Spulen, sie ist die beste Weberin. Aber ich weiß – ich würde auch lieber weben.»

«Weben? Ich würde gern hinter den Büchern sitzen, lernen, etwas werden. Aber das ist ja für unsereins nicht möglich, schon gar nicht jetzt, da Vater nicht mehr lebt.»

«Welchen Beruf würdest du wählen?»

Er schaut sie an. «Schulmeister möchte ich werden – das würde mir gefallen. Bücher würde ich lesen, ganz viele. Ich wäre so nett mit den Schulkindern wie Lehrer Grob, zu dem du in die Schule gehst. Ich vermisse die Schulstunden und auch den Konfirmandenunterricht beim Pfarrer. So viel haben wir gelernt. Und jetzt sitze ich da und spule und webe. Die Brüder und ich können doch nicht alle hierbleiben und vom Hof und Weben leben. Andere junge Burschen können einen Beruf erlernen, sie gehen fort von zu Hause. Das Leben ist ungerecht.»

Bartholome ist achtzehn. Sie versteht, dass er weggehen möchte. Aber der Vater ist gestorben, die Brüder werden gebraucht in Haus und Hof. Und jetzt mit dem schlechten Wetter, da das Gras und die Kartoffeln und Erbsen und Äpfel kaum wachsen, müssen sie mehr weben, die Mutter hat es deutlich gesagt. «Vielleicht kannst du später noch etwas lernen?»

«Später, später ...», äfft Bartholome sie nach. Aber er greift nach dem Leinengarn, wickelt es auf die Haspel und beginnt von Neuem mit dem Spulen.

Anna Kathrin, die während des Gesprächs weitergespult hat, nimmt nun auch ihre volle Spule ab, setzt eine leere ein, haspelt und beginnt wieder mit dem Drehen und Spulen, im Einklang mit dem Bruder.

Am Mittag versammeln sich alle um den Tisch. Die Mutter serviert eine dünne Gemüsesuppe und lässt aus der Kupferpfanne, die sie aus dem Ofenrohr nimmt, ein paar frühe Erdäpfel auf den Tisch kullern. Sie spricht das Gebet, dankt Gott für die Speisen.

«Diese Erdäpfel sind winzig klein», mault Hans Conrad und steckt sich einen in den Mund.

«Dafür kann Mutter nichts.» Johannes blickt streng. «Die frühen Erdäpfel sind dieses Jahr sehr klein, und wenn es mit dem Wetter so weitergeht, werden auch die Knollen der späteren Sorten nicht größer.»

Alle sind betreten, denn Erdäpfel kommen jeden Tag auf den Tisch, sie sind das wichtigste Lebensmittel im Bauernhaushalt. Die Mutter holt etwas Butter aus dem Keller und reicht kleine Stücke Brot dazu. Die Söhne und Anna Kathrin essen schweigend.

Nach dem Ende der Mahlzeit stellt sich Johannes ans Fenster, er schüttelt den Kopf. «Noch immer fällt Regen. Wir müssen froh sein, dass es nur noch nieselt und der Boden nicht weiter durchtränkt wird. Wir fahren mit dem Scheren fort», er nickt Friedrich und Hansueli zu, die auch schon über zwanzig sind und nur wenig jünger als er selbst. Sie sind gewohnt, dem ältesten Bruder mit der kräftigen Statur zu gehorchen, und zuckeln hinter ihm her. Bald hört man die Schafe blöken.

Es wird Arbeit geben, denkt Anna Kathrin, die abräumt: Das Waschen, Trocknen, Kämmen und Verspinnen der Wolle und schließlich das Stricken – das ist Frauenarbeit.

Sie müssen sich nicht absprechen, die Mutter und Hans Conrad übernehmen am Nachmittag das Spulen in der Stube, Bartholome und Anna Kathrin betreten den Webkeller.

Feuchtigkeit schlägt ihnen entgegen. Anna Kathrin setzt den Korb mit den Spulen ab. Ein Blick durchs Fenster zeigt ihr, dass der Säntis nicht zu sehen ist, der jetzt schwache Regen wird sich fortsetzen. Alle schauen zum hohen Berg, der aus dem Bauernhaus Zwicker gut zu sehen ist, wenn er sich nicht hinter Wolken verbirgt: Der Säntis zeigt das Wetter an. Auch wenn er nicht zu sehen ist, denkt Anna Kathrin, ist es gut zu wissen, dass er da ist. Niemand kann ihn wegnehmen, kein Unwetter kann ihn wegwaschen. Immer werden sie sich an diesem Berg festhalten können, früher oder später wird er sich wieder zeigen.

Bartholome hat sich an den zweiten Webstuhl gesetzt, die Spule im Schiffchen eingelegt. Er beginnt zu treten, wechselnd wird ein Teil der Zettelfäden durch den Tritt angehoben, er schießt das Schiffchen durch, zieht den Webkamm heran, um den Faden an die Webkante zu drücken. Bartholome ist ein zuverlässiger Weber, er arbeitet rasch, die Bewegungen sind fließend. Das Weben sagt ihm weit mehr zu als das eintönige Spulen.

Überrascht stellt Anna Kathrin fest, dass Hans Conrad nicht nur das Tuch fertig gewoben und abgeschnitten hat, sondern bereits einen größeren Teil des neuen Zettels eingerichtet hat. Zetteln ist eine Geduldsarbeit, die Längsfäden werden einzeln auf dem Webstuhl befestigt und gespannt. Trotzdem macht sie das Zetteln nicht ungern, sie arbeitet gern genau und sorgfältig. Mit dem Klacken und Klappern von Bartholomes Webstuhl im Ohr geht ihr die Arbeit leicht von der Hand. Im vergangenen Jahr hat ihr die Mutter das Zetteln beigebracht und sie gelobt, weil sie es rasch beherrschte.

Bartholome hat die Zeit vergessen, er staunt, als die Schwester nach wenigen Stunden mit dem Zetteln fertig ist. Nun setzt sich auch Anna Kathrin hin, sie wird ein Handtuch weben und dann noch eins und noch eins. Mit der Mutter will sie bald zum Markt in Herisau gehen, Handtücher lassen sich gut verkaufen. Anna Kathrin setzt die Spule mit dem Leinengarn ins Schiffchen und dann beginnt auch sie mit dem Weben. Das Schiffchen schießt hin und her, sie zieht den Webkamm und betätigt die Tritte. Sie kommt in einen Fluss und möchte mit niemandem tauschen, das Weben erfüllt sie, das Schiffchen fliegt fast, kaum kann sie ihm folgen mit den Augen, aber das muss sie auch nicht, es läuft wie von selbst, sie ist eins mit dem Webstuhl. Diese Arbeit ist schön und sinnvoll, sie wird ihnen Geld einbringen, aber es ist nicht nur das, sie liebt das Weben, sie liebt die Geräusche, das Klacken nun im Einklang mit Bartholomes Webstuhl, fast klingt es wie Musik in ihren Ohren – die Musik des Webens.

Da ist auch der Geruch des Leinengarns, sie mag ihn, es ist ein erdiger, frischer Geruch, sie hat frisch geschnittenes Gras und Heu vor Augen. Im Keller saugt das Leinen Feuchtigkeit auf, der Geruch verstärkt sich. Oft verweben sie Baumwollgarn, das sie vom Händler in Schwellbrunn erhalten. Auch dieser Geruch ist ihr angenehm, er erinnert an Holz, ist sanft und warm. Sie weiß nicht, wo die Baumwolle herkommt, wo sie wächst. Das weiche Garn ist schmiegsam, aus ihm entstehen kostbare Stoffe für feine Kleider. Sie sieht noble Damen vor sich, die sich in diese feinen Kleider hüllen in allen denkbaren Farben – moosgrün, eisblau und purpurrot. Die Damen stolzieren herum in diesen Kleidern. Und sie drehen sich im Tanz mit ebenso nobel gekleideten Herren. Der Tanz findet in einem Saal voller Spiegel statt, sie hat gehört, dass es solche Spiegelsäle gibt. Die Kleider sind Farbtupfer in den Spiegeln, die Augen der Tänzerinnen glänzen, sie wirbeln herum und fallen doch nicht hin, weil die Herren sie um die Taille fassen und sicher über das Parkett des Spiegelsaals geleiten.

Anna Kathrin nimmt erst wieder wahr, dass sie im feuchten Keller des «Zwicker» am Webstuhl sitzt, als ein Sonnenstrahl über ihre Schulter auf das dicht gewobene Tuch fällt. Sie hält inne, dreht sich um, geht zum Fenster und öffnet es weit. Die Sonne blendet, sie leuchtet die Landschaft aus, die nassen Wiesen und Felder und Wälder. Und dahinter sieht sie den Säntis, ihren Lieblingsberg. Er ist hervorgekommen und zeichnet sich trutzig vor dem plötzlich hellblauen Himmel ab, der nur noch von wenigen grauen Schlieren durchzogen ist.

Das Klappern im Keller hat ganz aufgehört, Bartholome tritt neben sie, geblendet hält er die Hand vor die Augen. «Das ist so schön, Hatili», sagt er, «man glaubt es kaum, dass es die Sonne noch gibt.»

Der Spiegelsaal, den sie eben noch vor sich gesehen hat, löst sich auf samt den Tanzpaaren, die Spiegel zerspringen in tausend Teilchen. Anna Kathrin wischt sich über die Augen und möchte nirgendwo anders sein als hier, im Bauernhaus ihrer Familie, das man «Zwicker» nennt. Sie hat die Hand auf die Fensterbank gelegt, spürt die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut, die von Laubflecken gesprenkelt ist.

«Du wirst noch mehr von diesen Flecken kriegen, wenn du deine Arme einfach so in die Sonne hältst», lacht Bartholome. «Komm zurück an den Webstuhl.»

Sie sitzen vom Licht abgewandt. Aber Anna Kathrin spürt die Sonne auf ihrem Rücken, er ist warm, und ihre Hände sind es auch. Wieder schießt sie das Schiffchen durch die Fäden, das Gewebe ist gewachsen und wird weiterwachsen. Das Klappern ist in ihren Ohren, die Wärme tut gut, es webt sich wie von selbst.

Das Hafermus vom Frühstück wärmt ihren Magen, rasch schreiten die Mutter und Anna Kathrin den Hügel hinauf, werfen einen letzten Blick zurück zum Hof. Friedrich und Hansueli sitzen heute an den Webstühlen, sie sind begabte Weber und froh, für einmal der Fuchtel des ältesten Bruders Johannes zu entrinnen. Dieser hat die jüngeren Brüder Bartholome und Hans Conrad mit zur Feldarbeit genommen. Mutter Elisabeth und Tochter Anna Kathrin haben Leinenhandtücher und Eier in ihren Tragkörben; die Eier sind in Stofffetzen gewickelt.

Der Himmel ist bedeckt, aber es ist trocken, das ist günstig für ihren Weg nach Herisau auf den Markt. Schwellbrunn taucht vor ihnen auf mit seinen spitzen Häusern und dem breiten Fabrikantenhaus Alder, wo sie die Baumwolle beziehen. Heute ist nicht das Fabrikantenhaus ihr Ziel, sie gehen weiter an den Wirts- und Geschäftshäusern entlang, gelangen zur Kirche.

Die Mutter hält inne. «Wir bitten Gott um seinen Segen», bestimmt sie.

Sie nehmen die Kopftücher ab, betreten die Kirche, helles Licht fällt durch die großen Fenster im Schiff auf die Holzbänke, sie sind ganz allein im Gotteshaus.

Die Mutter faltet die Hände und senkt den Kopf, Anna Kathrin tut es ihr gleich. «Lieber Gott im Himmel, das Wetter ist diesen Sommer sehr schlecht, wir haben mit ständiger Nässe, Reif und Unwettern zu kämpfen. Die Angst ist groß, dass die Ernte sehr schlecht ausfallen wird. Wir gehen nach Herisau mit unseren Webstücken. Bitte steh uns bei in diesen schwierigen Zeiten.» Sie fügt das «Vaterunser» an, ihre Stimme ist gepresst, wird aber allmählich gelöster.

Erhobenen Hauptes verlassen sie die Kirche, gestärkt, ihre Sorgen wiegen jetzt weniger schwer. Die Kopftücher sind schnell wieder über die sorgfältig geflochtenen Zöpfe gezogen und verknüpft.

Sechs Schläge erklingen aus dem hohen Glockenturm. Sie sputen sich, die Mutter kennt den Weg, rasch fällt er ab. Sie sind nicht allein unterwegs, es gibt andere Frauen und Mädchen und Mägde mit Körben am Arm oder auf dem Rücken und Männer und junge Burschen, die Rinder und Schafe mit sich treiben. Durch Felder und Wälder und Wiesen führt der Weg, über Stock und Stein, bis sie endlich die eng gedrängten Häuser Herisaus vor sich sehen. Durch die Schmiedgasse führt ihr Weg, Klopfen und Hämmern dringen an ihr Ohr, das Wiehern der Pferde, die beschlagen werden; Feuer lodern im Innern der Schmieden. Sie biegen ein auf den Platz vor der Kirche, die um einiges größer und stattlicher ist als jene in Schwellbrunn. Und wieder, wie beim letzten Marktbesuch, fällt ihr dieses Haus auf: Die grauen Fensterläden sind bemalt, rund um die Fenster gibt es Verzierungen, und über der Haustür prangen ein Löwenkopf und in Gold gefasste Wappen. Eine Marktfrau aus Herisau hat ihnen gesagt, dass das Haus einem noblen Herrn Wetter gehöre. Der Herr Wetter muss ein sehr reicher Mann sein, dass er ein solch kostbares Haus sein Eigen nennen kann.

«Komm, Hatili, staune nicht die Häuser an. Unser Ziel ist der Markt, wir wollen nicht die Letzten sein!», mahnt die Mutter.

Mitten im Strom der Leute erreichen sie den Obstmarkt. Ein buntes Durcheinander von Ständen ist hier aufgebaut. Obst und Gemüse werden angeboten, Kräuter und Honig, Käse und Ziger, Brot, Eier und Speck und auch Stoffe und Tücher. Neben einem großen Stand sind Kisten aufgestapelt, die Bäuerin aus Herisau, die selbst keine Textilien anbietet, gibt ihnen einige ab, sie dürfen darauf ihre Handtücher und die Eier auslegen.

Der Markt ist gut besucht, Menschen drängen an ihnen vorbei, einfach gekleidete Frauen und Bäuerinnen wie sie selbst und Mägde, aber auch Frauen in Tracht und solche mit vornehmen Kleidern, geschnürt unter der Brust. Eine solche Dame bleibt vor ihnen stehen, prüft die Handtücher zwischen den Fingern, lobt das feine Gewebe, riecht daran und befindet die Tücher für gut. Die Mutter nennt den Preis, fordert etwas mehr als gewöhnlich; die Dame will nur eine kleine Reduktion, weil sie gleich zehn Stück nimmt. Die Augen der Mutter glänzen, als sie die Geldstücke in ihren Beutel kullern lässt. Die Dame legt die Handtücher in ihren Korb und geht davon.

Die Bäuerin am Stand schaut ihr nach. «Das ist die reiche Frau Wetter aus dem schönen Wetterhaus», merkt sie an. «Meist schickt sie nur eine der Mägde auf den Markt. Aber ihr durftet die noble Dame selbst bedienen, offensichtlich ist sie mit eurer Ware zufrieden.»

Die Mutter errötet ob dem Kompliment. Wie wenn der Kauf durch die noble Kundin ein gutes Omen gewesen wäre, verkaufen sie nun ein Handtuch nach dem anderen. Es ist warm geworden auf dem Platz, Anna Kathrin zieht das Kopftuch von ihrem Haar, das kunstvoll geflochten und hochgesteckt ist. Diesen Morgen hat sie sich besonders Mühe gegeben mit der Frisur und dabei angespannt in den kleinen Wandspiegel gestarrt, die Mutter hat ihr geholfen.

Ein paar Burschen bleiben vor ihnen stehen. «Schau dir dieses Mädchen an! Gut gewachsen ist sie und sie hat Kraushaar in der Farbe von Weizen, in Zöpfen gebändigt. Sie gefällt mir!» Die Mutter hat die Burschen nicht gehört, sie treten heran. Der Anführer starrt unverhohlen auf Anna Kathrins Brust. «Dürfen wir deine Tochter zum Tanz bitten?», fragt er die Mutter. «Unten spielt eine Musik auf. Wir bringen sie bestimmt wieder zurück!»

Anna Kathrin spürt die Blicke auf sich, ihr wird heiß, die Blicke sind klebrig wie Honig.

«Wo denkt ihr hin», antwortet die Mutter resolut, «meine Tochter ist erst zwölf, sie wird von niemandem zum Tanz ausgeführt!»

«Schade», sagt der Bursche, «sie schaut viel reifer aus, ist größer als die Mutter und kräftig. Wir kommen wieder, wenn sie zu haben ist!»

Die Mutter stützt die Arme in die Seite. «Meine Tochter wird auch dann nicht einfach mit euch gehen.»

Die Burschen lüften den Hut. «Na ja, vielleicht ist die Tochter nicht so kratzbürstig wie die Mutter, wir werden sehen!»

Anna Kathrin verschränkt die Arme vor der Brust. Es ist nicht das erste Mal in der letzten Zeit, dass sie solche Blicke auf sich spürt. Ist das, weil ihr Körper jetzt Rundungen hat? «Ich bin ganz wie meine Mutter!», sagt sie bestimmt.

«Oh, das wollen wir doch nicht hoffen!», meint der Anführer und lacht. «Deine Gestalt und dein Weizenhaar gefallen, Mädchen – wir werden sehen, was aus dir wird.» Er verbeugt sich lachend, pfeifend ziehen die Burschen ihres Weges.

Anna Kathrin schaut nicht zur Mutter, sie verkauft die verbliebenen Eier an eine Magd, die für ihre Herrschaft auch noch das letzte Handtuch erwirbt.

Die Mutter wiegt den Geldbeutel in der Hand, sie strahlt, steckt ihn tief in die Rocktasche. Sie bringen die Kisten zum Stand der Nachbarn, schlüpfen in die Riemen ihrer Tragkörbe, die kaum mehr Gewicht haben. «Wir bedanken uns in der hiesigen Kirche für diesen segensreichen Markttag», sagt sie und strebt auf die Herisauer Kirche zu. Sie stellen die Tragkörbe neben die Eingangstür. Die Mutter nimmt das Kopftuch ab, sie betreten den Kirchenraum. Helles Licht fällt auch hier durch große Fenster auf der einen Seite, auf der anderen zieht sich eine Empore entlang. Vorne in der Kirche blickt man nicht auf eine Mauer wie in Schwellbrunn, sondern da ist ein Chor mit hohen Fenstern. An der Decke im Schiff, im Chor und um die Fenster gibt es graue und goldene Verzierungen. Anna Kathrin stockt der Atem, so fein sind diese und so kostbar. Diese Kirche und das Haus von Herrn und Frau Wetter und einige andere Häuser – sie sind so stattlich, da kann ihr Dorf nicht mithalten. Mutter und Tochter setzen sich auf eine der Holzbänke, sie falten die Hände. Die Mutter senkt den Kopf, dankt dem lieben Gott innig, dass er ihnen diesen erfolgreichen Markttag beschert hat, und bittet, dass doch vielleicht alles nicht so schlimm kommen möge, wie man denken könnte, dass es vielleicht auch mit dem Wetter bald besser werde. Wenigstens an diesem Tag ist kein Regen gefallen.

Sie verlassen die Kirche, ziehen durch die Schmiedgasse, wo immer noch eifrig gehämmert und geklopft wird und die Pferde tänzeln, und schlagen den Weg nach Schwellbrunn ein.

Ja, denkt Anna Kathrin, in Herisau ist vieles kostbarer, aber sie ist doch froh, dass sie den Ort jetzt verlassen, denn sie gehören nicht hierher. Ihr Dorf ist Schwellbrunn oben auf der Krete, sie müssen hinaufsteigen zu diesem einfacheren Ort, dort kennen sie alles, die schlichte Kirche, die Wirtshäuser. Das Geld zum Einkehren haben sie nicht, aber das gehört sich auch nicht für Frauen, die Männer vor den Wirtschaften werden ihnen zuwinken, man kennt sich. In Schwellbrunn werden sie den Säntis erblicken, dessen Gipfel heute in den Wolken steckt, dann durch den Wald hinauf und auf der anderen Seite hinunter bis zu ihrem Bauernhaus, dem «Zwicker», wandern. Dort sind sie daheim, der Säntis und die ganze Bergkette sind von ihrem Daheim noch besser sichtbar als von Schwellbrunn aus. Sicher warten die Brüder schon auf sie, sie werden große Augen machen, wenn sie die leeren Körbe sehen und den gut gefüllten Geldbeutel, den die Mutter auf dem Tisch ausleeren wird.

Das Gesicht der Mutter ist fröhlich, die Linien sind weniger tief als sonst, sie trällert ein Lied vor sich hin, das Anna Kathrin nicht kennt, aber sie stimmt trotzdem ein, lässt sich von der Melodie mittragen. Beschwingt schreiten sie aus.

Anna Kathrin folgt der Mutter über die Wiese, sie ziehen mit der Gabel das Gras auseinander, das sie an den beiden Abenden zuvor in Walmen zusammengenommen haben, um es vor der Feuchtigkeit des Taus zu schützen. Vor zwei Tagen haben die älteren Brüder die große Wiese gemäht – endlich traute Johannes dem Wetter. Seit zwei Tagen hat es nicht geregnet, sie hoffen sehr, dass sie das Heu trocken einbringen können. Allerdings versteckt sich die Sonne seit dem Morgen in den Wolken.

Anna Kathrin hat zugeschaut, wie die Brüder über die Wiese vorrückten. Im Dreiklang schwangen sie die Sensen, gingen nebeneinanderher und hielten den nötigen Abstand ein. Sie mag diese schwingende Bewegung, das Zischen der Sensenblätter im Gras – irgendwie klingt es wie Musik in ihren Ohren. In diesem Jahr steht das Gras nur halb so hoch wie üblich. Dennoch wollte es Johannes geschnitten, getrocknet und ins Tenn gebracht haben, denn er traut dem Wetter nicht; vor einer Woche überzog Reif die Wiesen, der Heuet hat bereits Verspätung.

Mit der Mutter und Hans Conrad ging sie hinter den älteren Brüdern her, Bartholome war am Webstuhl geblieben. Sie lockerten das geschnittene Gras mit der Gabel, zetteten es. Der aromatische Geruch, der vom Gras aufstieg, beflügelte Anna Kathrin. Sie brauchten ein paar Stunden für die Arbeit, kamen aber zügig voran, da die Grasmenge bedeutend kleiner war als in früheren Jahren. Am Nachmittag hatten sie das Heu gewendet und es am Abend zu Walmen zusammengetragen. Am gestrigen Tag hatten sie die Arbeiten wiederholt. Das Heu war recht trocken und leicht zu wenden, aber Johannes hatte noch warten wollen mit dem Einbringen.

Nach einer kleinen Stärkung am Mittag willigt Johannes ein, der Wagen steht bereit, sie beginnen mit dem Aufladen. Das Heu duftet, es ist voller Blüten, Kräuter und Blätter. Anna Kathrin schnuppert. Diesen warmen, würzigen Duft mag sie noch lieber als jenen des frisch geschnittenen Grases. Sie ist eifrig bei der Arbeit, sammelt auf der Gabel so viel Heu wie möglich, stemmt die Ladung zum Wagen hoch, immer von Neuem.

Als sie wieder einen großen Ballen Heu hochstemmt, verspürt sie ein Ziehen, ihr Bauch schmerzt. Sie lässt sich nichts anmerken, fährt fort mit der Arbeit. Das Ziehen wird immer stärker. Sie kennt Bauchweh nicht, die Mutter leidet manchmal darunter. Sie ist blass geworden, der Schmerz zehrt an ihr, aber sie stemmt weiter Heu auf den Wagen, bis er vollgeladen ist. Johannes lässt die Zügel auf dem Rücken des Pferdes tanzen, es zieht an, der Wagen ruckelt über die Wiese auf den Hof zu. Die Brüder fahren mit, um rasch abzuladen, denn die dunklen Wolken haben sich bedrohlich zusammengezogen. Sie stützen sich auf ihre Gabeln, ruhen einen Moment aus. Das Ziehen ist noch stärker geworden, Anna Kathrin stöhnt.

Die Mutter blickt ins blasse Gesicht der Tochter und erschrickt. «Was ist mit dir?»

Anna Kathrin spürt, dass ihr etwas das Bein hinunterläuft, sie hebt den braunen Rock an. Eine rote Blutbahn zieht sich über ihren Schenkel. Entsetzt schaut sie zur Mutter.

Diese atmet auf. «Das ist normal», sagt sie zur Tochter. «Du bist gewachsen, Hatili, bist ein großes Mädchen, bald eine junge Frau. Von jetzt an wirst du jeden Monat bluten.»

«Aber ich habe mich doch nicht verletzt?»

«Das Blut kommt aus deinem Inneren, es ist nicht gefährlich. Später, wenn wir zurück sind auf dem Hof, gebe ich dir einen Stofflappen, du wirst ihn an einem Gürtel festbinden und damit das Blut auffangen. Jetzt ist es wichtig, dass wir das Heu einbringen, ein Unwetter naht. Auf deinem dunklen Rock zeichnet sich das Blut nicht ab, lass es einfach fließen. Mach deine Arbeit, die Brüder werden nichts merken.»

«Aber dieses Ziehen im Bauch, dieser Schmerz?»

«Das gehört dazu, achte nicht darauf.» Die Mutter überlegt. «Vorhin habe ich gesagt, dass das monatliche Blut ungefährlich ist. Das stimmt nicht. Das Blut bedeutet, dass du Kinder empfangen kannst. Du darfst dich mit keinem Mann einlassen, hörst du?» Sie schaut drohend zu Anna Kathrin, so hat diese die Mutter noch nie erlebt. «Wenn du von einem Mann ein Kind erwartest, ohne verheiratet zu sein, wird große Unehre über dich kommen. Hab Gott vor Augen, geh den Männern vor der Heirat aus dem Weg.»

Anna Kathrin versteht nicht, was die Mutter meint. Manchmal begleiten sie ältere Schulkameraden über den Hügel – sind diese gefährlich für sie? Ist der Hausierer gefährlich, mit dem sie letzthin einen lustigen Schwatz hatte, als er neben ihr des Weges zog? Oder meint die Mutter die jungen Burschen, die ihr den Hof machen, wie letzthin auf dem Markt in Herisau? Was ist es denn, das diese Männer tun? Reicht es, wenn sie ihr nahekommen? Vor einiger Zeit hat sie ein junges Paar beobachtet, das sich geküsst hat. Ist es das, was die Mutter meint? Als sie neulich allein von Schwellbrunn nach Hause zurückkehrte, näherte sich ihr plötzlich ein unbekannter Mann von hinten und versuchte, unter ihren Rock zu greifen. Dem hat sie so fest auf die Hand geschlagen, dass er verblüfft zurückblieb. Rasch hatte sie zu Hans Jakob Rotach aufgeschlossen, der einige Wegbiegungen vor ihr gegangen war, von der Risi stammt und den gleichen Weg hatte wie sie. Oder kann ihr auch Hans Jakob gefährlich werden? Gern würde sie fragen, aber die Mutter hat sich abgewandt, sie lädt Heu auf ihre Gabel.

Die Brüder sind bereits zurück mit dem Wagen, eben fahren sie vor, von Neuem laden sie auf. Sie merkt, dass sie das Ziehen im Bauch und den Schmerz vergisst, wenn sie sich ganz der Arbeit hingibt, Ladung um Ladung stemmt sie hoch, ein Blutrinnsal fließt über ihre Beine, aber niemand schaut dorthin. Ein paar Regentropfen fallen, sie beeilen sich noch mehr, endlich ist das letzte Heu aufgeladen. Hans Conrad zieht sie hoch auf den Wagen, sie setzt sich neben ihn, spürt das Stechen der Halme nicht, aber wieder das Ziehen in ihrem Innern. Sie ruckeln mit dem Wagen auf den Hof zu.

Anna Kathrin ist in Gedanken versunken. Ist sie jetzt eine junge Frau und nicht mehr nur ein großes, kräftiges Mädchen? Ein Kind könnte in ihr wachsen, hat die Mutter gesagt. Auf einmal ist sie stolz: Ihr Körper kann ein Kind hervorbringen! Natürlich wird sie zusehen, dass es nicht zur Unzeit passiert. Sie wird in Erfahrung bringen, wie man es macht, damit man nicht unerwartet mit Kind dasteht. Wenn es aber einmal so weit ist, wenn sie einen Mann an ihrer Seite hat, wird sie sich freuen, Kinder zu bekommen. Die Mutter hat fünf Söhne und eine Tochter. Sie selbst wird auch viele Kinder haben, vielleicht noch mehr, davon ist sie überzeugt. Und heute ist der Anfang. Das Blut ist da, es macht sie zur jungen Frau. Ihr Körper strafft sich, sie fühlt sich sicher und stark, das Ziehen im Bauch und das Blut an ihrem Bein stören sie nicht mehr.

Tropfen fallen aus dem grauen Himmel, ein paar Blitze zucken, sie nimmt es gelassen. Johannes knallt mit der Peitsche, um das Pferd anzutreiben. Gerade noch rechtzeitig, bevor das Wasser wie aus Kübeln vom Himmel fällt, biegen sie unter das Vordach beim Tenn ein.

Als Anna Kathrin an einem frühen Morgen die Augen aufschlägt, ist es ungewöhnlich hell in der Kammer, das Licht ist weiß. Sie stößt das kleine Fenster auf und erstarrt: Die Wiesen und Hügel sind weiß, so weit sie blicken kann. Schneeflocken fallen vom Himmel! Zum Glück haben sie das wenige Heu dieses Sommers bereits eingebracht.

Die Mutter tritt neben sie und erschrickt. «Im Erntemonat August kann es frühen Schneefall geben. Aber Ende Juli, im Heumonat? Das habe ich noch nie erlebt.»

«Ist in diesem Sommer denn alles anders als sonst?»

Elisabeth nickt. Sie streicht sich das Kraushaar aus der Stirn, das jenem der Tochter ähnelt, aber braun ist. «Das Wetter war die letzten Jahre auch nicht besonders gut. Aber so schlecht wie diesen Sommer war es noch nie. Die sintflutartigen Regenfälle, die Erdrutsche, von denen man immer wieder hört, die wiederkehrenden Schneefälle, jetzt sogar Ende Heumonat.» Sie blickt Anna Kathrin an. «Bei uns kam der Verlust deines Vaters dazu. Ich bin nicht die einzige Frau, die in jungen Jahren Witwe wird. Aber sein Tod wiegt schwer, es braucht Mann und Frau in der Familie. Zum Glück übernimmt Johannes viel Verantwortung, auch für euch jüngere Geschwister. Er ist mir eine große Stütze, auch wenn er euren Vater nicht ersetzen kann.» Sie überlegt. «Meine jüngeren Söhne sind bald erwachsen, und du, Anna Kathrin, bist seit Kurzem eine junge Frau und schon größer gewachsen als ich. Im Herbst wirst du dreizehn!»

Anna Kathrin blickt verloren auf das Weiß, ihr ist kalt, auch innerlich. Das Hochgefühl, diese Stärke, die sie in sich spürte, weil sie jetzt auch zu den Frauen zählt, die Kinder gebären können, hat nicht angehalten. Es war mühsam, den Stoff auszuwaschen, der das Blut auffing. Sie weiß jetzt, wieso sich die Mutter manchmal absonderte, um in einem Becken solche Stoffresten zu schrubben. Jetzt machen sie das gemeinsam. Die Angst bleibt, dass Blut über ihr Bein rinnt, vielleicht, wenn nach Martini die Schule wieder anfängt, und alle auf ihre Beine zeigen und sie auslachen werden. Aber nein, die Mutter und alle anderen Frauen und einige Mädchen in ihrem Alter kommen damit zurecht – ihr wird es auch gelingen. Im Moment setzt ihr nur das Weiß zur Unzeit zu. Im Winter mag sie es, wenn der Schnee dicht fällt, sie im Haus bleiben und den ganzen Tag im Keller weben in den Stunden, in denen genügend Licht durch die Fenster fällt. Da ist der Schnee mit seinem strahlenden Weiß nützlich.

Die Kühe muhen laut im Stall, die Brüder sind schon tätig. Die Mutter hat sich die Kleider übergestreift, sie klatscht in die Hände. «Komm, es ist wichtig, dass das Hafermus bald auf dem Tisch steht, wenn die Männer aus dem Stall kommen. Der Schnee wird ihnen auch zusetzen.» Rasch flechten sie die Haare, winden sie um den Kopf, stecken sie fest.

Tatsächlich ist die Stimmung angespannt, als sie um den Tisch sitzen. Johannes schaut missmutig auf das Weiß draußen, schweigend löffelt er das Mus.

«Heute gibt es draußen nichts zu tun, alles ist mit Schnee zugedeckt», stellt Friedrich fest. «Hansueli und ich werden im Keller weben.»

«Das würde euch so passen», entgegnet Johannes giftig. «Ihr mistet am Vormittag den Stall aus, schichtet das Heu um und hackt Holz. Wir werden richtig anfeuern müssen, wenn wir an diesem kalten Sommertag ein bisschen Wärme ins Haus bekommen wollen.»

«Warum immer wir?», mault Hansueli. «Wir sind die besten Weber im Haus. Willst du unsere jüngeren Brüder Bartholome und Hans Conrad an den Webstuhl schicken? Sie werden die Webstücke verderben. Mindere Ware können wir nicht verkaufen.»

Johannes hat sich erhoben und baut sich streitlustig vor seinen Brüdern auf. «Ihr macht, was ich sage. Die jüngeren Brüder kommen mit mir, wir flicken die Zäune. Die Mutter und Anna Kathrin gehen am Morgen in den Keller, sie sind begabte Weberinnen. Am Nachmittag, wenn alles Holz gespalten ist, sind Friedrich und Hansueli dran mit Weben, Mutter und Anna Kathrin sind dann am Spulen.»

Jetzt schweigen die älteren Brüder, sie sind einigermaßen zufrieden mit der Zuteilung. Aber Bartholome und Hans Conrad grummeln, weil sie den ganzen Tag an der Seite von Johannes Zäune flicken sollen. Bei schönem Wetter sind sie gern draußen, aber jetzt ... Bartholome meint, dass er an diesem Tag sogar das eintönige Spulen der Arbeit draußen vorziehe.

Mutter Elisabeth erhebt sich nun ebenfalls, sie klopft auf den Tisch. «Mir gefällt nicht, was ich heute an diesem Tisch höre. Niemand von uns trägt Schuld am schlechten Wetter, das uns einmal mehr einholt. Auch wenn uns das Wetter bedrückt: Wir erfüllen unsere Pflichten. Anna Kathrin und ich werden weben und später spulen und dann bis weit in den Abend hinein flicken – ihr bringt uns eure Kleider und Strümpfe, an denen Flickarbeit nötig ist. Alle haben ihre Aufgaben. Johannes hat einen vernünftigen Tagesplan aufgestellt, er hat sich nicht ausgenommen von den schweren Arbeiten, im Gegenteil. Wir werden diesen Plan erfüllen. Vielleicht stehen uns noch härtere Zeiten bevor. Der Winter wird kommen nach diesem schlechten Sommer, vielleicht früher, als uns lieb ist. Wir halten zusammen.» Sie faltet die Hände, dankt Gott für die Speisen auf dem Tisch.

Die Worte der Mutter wirken. Alle senken die Köpfe, murmeln die Dankesworte mit, bitten um den Segen für das Tagwerk.

Im Webkeller fällt der Abglanz des Schnees durch die Fenster. Es fallen keine Flocken mehr, aber das Weiß wird nicht so schnell verschwinden, die Wolken hängen tief.

Anna Kathrin starrt auf die Wolkengebilde. «Wie schön wäre es, wenn wir diese Wolken einfach vom Himmel klauben könnten – fort und weg damit!»