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"Das Jahrhundert unseres Apothekers" beleuchtet unter ganz besonderen Blickwinkeln die Jahre 1904 bis 1986. Das sind die Lebensdaten des Apothekers Ludwig Herold, einem echten Original auf einem typischen Dorf im badischen Kraichgau. Der Protagonist des Romans, Dr. Jürgen Bauer, als "Babyboomer" auf dem Dorf aufgewachsen, rekapituliert anhand des Apotheker-Tagebuches die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel der Dorfbewohner und ihres Apothekers, aber auch die Erlebniswelt Heranwachsender in der badischen Provinz der 60er und 70er Jahre. Die spannende Rahmenhandlung knüpft an aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen an und mündet in der nahen Zukunft in einem destabilisierten Europa mit zunehmender Macht von Rechtspopulisten und einem regelrechten Bürgerkrieg in Deutschland. und deren Folgen. Auf drei Handlungsebenen zieht der Autor die Leser*innen in einen Bann aus historischen Tatsachen, überraschenden Zusammenhängen und blühender Fantasie. Und er setzt dem Apotheker und seinem Dorf eine Art literarisches Denkmal. Auf drei Handlungsebenen zieht der Autor die Leser*innen in einen Bann aus historischen Tatsachen, überraschenden Zusammenhängen und blühender Fantasie. Und er setzt dem Apotheker und seinem Dorf eine Art literarisches Denkmal.
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2022
Meinem Bruder Markus gewidmet
VORWORT
Die Quellen
Welche Diagnose stelle ich?
Babyboomer – unterschätzte Kinder des Umbruchs
Eine weitere Handlungsebene: Der „Rahmen“
Fakt und Fiktion
DR. MED. HEROLD
Québec, 176 Rue de la Tourelle, 23.12.2022
Im Jahr 2015 kamen die Flüchtlinge.
Im März und Dezember 2016 passierte Schlimmes.
Québec, Heiligabend
Das Jahr 2018 wurde sehr warm!
Dann kam Greta.
Dann kam Corona.
Québec
Die Bundestagswahl 2021 wurde anders als sonst.
Ein Atomkraftwerk geht in die Knie
Wieder ein Silvester-Chaos – nur anders
Wahlsensation und KONSEKO
Anarchie
Québec, noch immer 23.12.2022
Québec, 23.12.2022, abends
Mai-Umsturz - die Machtergreifung
Laß dich von dem Sotzen nicht mieshandeln!
Überfall
Québec, 26. Dezember 2022
Québec, 27. Dezember 2022
Der Container
Die Apotheker-Box
Das Tagebuch des Apothekers
Québec, 27.12.2022, abends in der Wohnung
Sedantag
Endlich Krieg
Québec: Gedanken über Karl May
Kaisers Geburtstag
Québec, Silvester 2022
Gymnasium Sinsheim
Québec, Anfang 2023
Québec, Januar 2023
Québec
Québec
Weimar wiederholt sich
Radio
Universitas Ruperto Carola
Québec: Zum Führen geboren?
Québec
Québec: www, Schlager und Kabarett
Zigarren
Reiner Glaube, reines Blut
Québec: Geschichte wiederholt sich nicht - oder doch!
Québec
Heilbronn
Québec: Wissenswertes aus Heilbronn
Die Amis kommen
Québec: Vertrieben und verraten
Bei Vertriebenen zu Hause
Persilschein
Québec: Ein Kriegsenkel versucht sich zu erinnern
Quebec: Dorfsport
Québec: Fußballfantasien
Dorfromanze 1957
Québec
Rock’n roll
Québec: Geboren unterm Steinsberg
Mauerbau
Québec: Forscher, Professoren, Pharmafirmen
Québec: Unabhängige Wissenschaft!?
Unser Apotheker macht Politik
Québec: nachts
Québec: Was erzählte man sich in den Sechzigern?
Lasst das alte Zeug ruhen!
Québec: als Knirps beim Apotheker
Québec: Ein Brüderchen und Kinderspiele
Québec: Feier bei den Ursulinen und wie es im Kindergarten war
Québec: Der kleine Jürgen muss zur Erholung
Kurzschuljahr
Québec: Schulzeit ohne Schule
Québec, École des Ursulines
Québec, am nächsten Morgen
Québec: Landadel und Konfession
Québec: Sex and Drugs and …?
Die Mutter stirbt
Auf Freiersfüßen
Auf zum Mond!
Bereinigt
Québec: Was geht dich die Landwirtschaft an?
Landkinder sind härter
Québec: Atomkriegsschauplatz Kraichgau
Schwarzer September
Québec: Cannabis in Kanada
Disco Queen
Tanzkurs
Dorf – Tanz
Abizeitung 1979
Stehblues
Québec: Weltmeister 1974!
Québec: Clemens Spieltiere
1975: Berlin-Urlaub
1976: Prag
1977: Berlinfahrt
Québec: Konzert im Wald
Frühkonzert im Haftenwald
Québec: Lust auf zwei Rädern
Maico und Kreidler
Québec: Noch ein sensationeller Originaltext
Apotheke
Die Pfeffermühle
Québec
Terror
Québec: Terror einst und jetzt
Québec
Herold und Wagner
Québec: Wagner, Hitler und Bayreuth
Québec: Maienständchen
Deutsches Wort und deutscher Sang
Quebec, im Februar 2023
Québec, an einem Samstag im Februar
Québec: Eine bedrohliche Gestalt
Québec
Québec
Québec: Neoliberalismus
Zwei gelbe Buttons
Die Seuche
Québec, abends
Der Apotheker und sein Rehlein
Diagnose: War er vielleicht Autist?
Québec
Québec: Der GAU
Québec
Québec: Die Agentin
NACHWORT
Ich nenne ihn jetzt einfach mal „den Apotheker“, denn als solcher – oder besser gesagt als „der Abodeeger“ war er im Dorf eine feste Größe und wurde durchaus legendär. 1904 geboren und 1986 gestorben, war er Zeitzeuge eines Jahrhunderts mit extremen Umbrüchen – die deutsche Wiedervereinigung aber, seinen Wunschtraum, durfte er nicht mehr erleben.
Die Kinder, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Welt kamen, mussten zwei große Kriege und die schlimmste menschenverachtende Diktatur erleben, dann das geteilte Deutschland, den kalten Krieg und die Umweltzerstörung. Zu diesen Kindern gehörten unser Apotheker – aber auch meine Großeltern. Die Großeltern väterlicherseits wuchsen in unserem badischen Kraichgau-Dorf auf, die Großeltern mütterlicherseits in Altrothwasser im Sudetenland, im ehemals deutsch-österreichischen Siedlungsgebiet rund um die „Tschechei“, wie es damals hieß.
So gesehen verdanke ich meine Existenz – zumindest genetisch - dem Krieg und der Vertreibung. Ein merkwürdiger Gedanke, den ich in diesem Buch indirekt aufgreifen werde.
Über die Kindheit des Apothekers „Louis“ hat mir meine Oma, die gleichaltrig war, einige Anekdoten erzählt. Zweifellos war der Apotheker auch mal Kind, natürlich, aber das kann sich keiner mehr so recht vorstellen. Kindheitsbilder sind verschollen, es gibt nur Fotos als mittelalter Mann oder als Greis mit weißem Bart und Glatze.
Unser Dorf hat einen Namen, aber ich schreibe öfter nur „das Dorf“, weil es für viele ähnliche Dörfer steht. Die Menschen hier waren (und sind) wahrscheinlich nicht besser und jedenfalls nicht schlechter als anderswo. Nur hatte nicht jedes Dorf einen Apotheker, und schon gar nicht so einen speziellen.
Die Namen? Na gut. Unser Dorf heißt Kirchardt. Es liegt im östlichen Kraichgau, direkt an der Grenze zwischen dem ehemaligen Großherzogtum Baden und dem Königreich Württemberg. Unser Apotheker hieß Dr. med. Ludwig Herold.
Das Jahrhundert unseres Apothekers. Mein Plan war, eine Art Parallelgeschichte über das Leben des Apothekers und über das Leben auf einem Dorf zu schreiben, Geschichte im Kleinen sozusagen, denn in den Geschichtsbüchern kommt die Landbevölkerung immer nur als Randerscheinung vor. Der Wandel der Zeit und der politischen Verhältnisse drückten natürlich auch auf das Dorfleben durch.
Ich wurde bei den Recherchen immer weiter in die Details und Zusammenhänge der Vergangenheit hineingezogen, die ich so zunächst gar nicht geahnt hatte. Ein Beispiel sind die Verflechtungen der Universität Heidelberg, der Professoren, des Studentenwerks und der Studentenverbindungen mit dem Nationalsozialismus. Oder die Ursprünge der grünen Partei, an denen Rechtsnationalisten beteiligt waren.
Ich habe viele Quellen genutzt. Die Lektüre von Zeitungsartikeln, Heften, Büchern, und – ja, zugegeben – Wikipedia ließ das zwanzigste Jahrhundert vor meinem inneren Auge wieder lebendig werden. Aber auch Filmdokumentationen waren teils berührend, teils befremdend, zum Beispiel die Filmaufnahmen aus der Zeit der Nazidiktatur mit ihrem Massenfanatismus, der edlen Olympia-Ästhetik einer Riefenstahl, dem harmlosen und doch subversiven Humor der „Feuerzangenbowle“ und dann wieder übelster primitiver Hetze in den Wochenschauen. Die dahintersteckende maßlose Menschenverachtung ist für mich noch immer unfassbar, aber sie war Realität in unserem Land.
Interessante Quellen waren die Festbücher zu diversen Dorfvereinsjubiläen, die mein Vater und ich all die Jahre archiviert haben. Dass die Zeit der Naziherrschaft darin nicht vorkommt, ist nicht spezifisch für meinen Heimatort, sondern ein generelles Phänomen. Das gilt auch für die beiden ansonsten recht ausführlichen Ortschroniken.
Mein ausführliches Quellenverzeichnis ist eine Fundgrube an Fakten und Zusammenhängen. Aus Platzgründen konnte ich es nicht ins Buch aufnehmen. Interessierte finden es unter meinem Blog www.dr-trunzer.de.
Wie schwierig eine Rückblende auf die Nazizeit im Dorf auch noch nach der Jahrtausendwende sein kann, zeigte die Aufregung um Gunter Haugs Tatsachenroman „Dieses eine Leben“, erschienen im Jahr 2006, in dem unter anderem Dorfnazis namentlich benannt werden – was zu einem Skandal führte. Aber auch heute noch, im Jahr 2021/22, warnen mich meine Schulfreunde, denen ich von diesem Buch erzähle:
»Oh Kerle, lass doch des weg mit denne Nazis, der Apotheker war ein guter Kerl. Uf den lasser mer nix kummer. Un wer will des heit noch wisser?«
Nicht zuletzt deshalb - weniger aus Angst, eher zur Konfliktvermeidung - habe ich Klarnamen in meinem Buch weitgehend vermieden, außer bei einigen wenigen bereits verstorbenen unverdächtigen honorigen Persönlichkeiten.
Viele – vor allem Einheimische - erwarten wahrscheinlich ein eher lustiges Buch über einen drolligen, verschrobenen, harmlosen und liebenswerten Dorfapotheker. Manche werden sich allerdings verwundert die Augen reiben: Ludwig Herold war während des „Dritten Reiches“, aber auch noch lange danach, ganz offensichtlich nationalistisch- rechtslastig unterwegs, und zwar nicht nur als ahnungsloser Mitläufer, sondern mit voller Begeisterung. Im Alter wurde er dann aber „grün“, ebenfalls mit Begeisterung, und auch Pazifist - mit „fliegenden Fahnen“, wie er es einmal ausdrückte.
Ja, er war irgendwie drollig – trotzdem bietet er ein sehr schillerndes Persönlichkeitsbild. Ich will „unsern Abodeeger“ keinesfalls an den Pranger stellen, ihm aber auch kein überhöhendes Denkmal setzen. Er war als Mensch außergewöhnlich, aber doch auch Kind seiner Zeit und kann deshalb perfekt als Vehikel dienen, um die vielschichtige Ereignis- und Erlebenswelt des vergangenen Jahrhunderts nachzuerzählen – mit besonderem Fokus auf das Dorfleben.
Bei der gedanklichen Beschäftigung mit Ludwig Herold kam mit der Zeit auch meine diagnostische Neugier als Arzt durch. Was war es eigentlich, was den Apotheker so anders machte als andere? Was war der Grund für sein nonkonformes Verhalten? Die spannende Antwort ist zwar nur eine retrospektive Diagnose – aber durchaus begründet. Der/ die Leser*in darf gespannt sein.
Übrigens: Das „Gendern“ werde ich im Folgenden der Lesbarkeit halber vermeiden. Gegebenenfalls sind immer alle in Frage kommenden Geschlechtsformen inbegriffen!
Historisch unterbelichtet und unterschätzt ist meiner Meinung nach die Generation der „Babyboomer“ mit ihrer speziellen Erlebniswelt in den 60er und 70er Jahren. Es war eine Zeit des Übergangs vom Autoritären zum Demokratischen, vom Chauvinismus zur Gleichberechtigung, eine Zeit stetig wachsenden „Wohlstands für alle“, eine Aufbauzeit, mit treuherzigem Fortschrittsglauben, aber auch eine Zeit, die vom Ost-West-Konflikt geprägt war, vom Terrorismus der 70er und in den 80er Jahren dann von der Friedens- und Umweltschutzbewegung. Und da war doch noch die 68er-Zeit? Und war da nicht auch der schleichend wieder aufkeimende Rassismus? Fand das alles auch auf dem Dorf statt? Das ausgehende Jahrhundert schließlich war von der Digitalisierung geprägt – meinen ersten Computer kaufte ich 1986 für meine Doktorarbeit, in dem Jahr, als Dr. Herold starb.
Die literarisch entworfene Erlebensebene des Apothekers in Form seines Tagebuches habe ich mit einer erfundenen Rahmenhandlung auf Basis aktueller politischer Entwicklungen ab 2015 ergänzt:
Jürgen Bauer, der fiktive Protagonist, erinnert sich im kanadischen Exil an das frühere Dorfleben im Kraichgau. Er ist ein typischer Vertreter meiner Generation der „Babyboomer“ (das sind die Geburtsjahrgänge von 1954 bis 1964, bis zum „Pillenknick“). Es sind die Kinder der Nachkriegs- und Aufbaugeneration, Kriegsenkel sozusagen. Jürgen hat bäuerliche Vorfahren, wie viele Dorfkinder. Er hat als Kind noch viele Erzählungen vom Kaiserreich, von der Weimarer Republik und der Naziherrschaft mitbekommen, aus den Gesprächen der Älteren. Jürgen hat den Apotheker in all seiner Schrulligkeit hautnah erlebt. Er ist ein Kind seiner Zeit – aus einfachen Verhältnissen auf dem Dorf hat er als erster in seiner Familie die Chance, durch Schule und Studium in die Welt der Eliten hineinzuschnuppern – die (Geld-) Eliten aber zeigten sich schon damals fast so undurchlässig wie heutzutage.
Jürgen ist keine bestimmte Person, er könnte auch Thomas, Martin, Michael, Hartmut, Wolfgang, Helmut oder Gerhard heißen. Seine Frau Gabriele hätte ich ebenso gut Sabine, Martina, Petra, Susanne, Monika oder Brigitte nennen können. Autobiografische Parallelen zu mir selbst sind im Konzept dieses Buches unvermeidlich – aber ich bin nicht Jürgen, und Gabi ist nicht meine Frau … oder etwa doch?
Gut, dass Fiktion und Realität verschwimmen, denn dieses Buch ist definitiv keine fundierte Dokumentation, sondern ein fantasiebereichertes Historiengemälde.
Es gibt in unserer Generation spannende Besonderheiten. Dazu gehören die Nachwirkungen der Diktatur und des Krieges wie auch die Scheinmoral und die rüde Erziehungsunkultur in einer sehr autoritären Nachkriegs-Gesellschaft.
Ich stieß bei meinen Recherchen auch auf die Traumatisierungen der Kriegsteilnehmer, der Heimatvertriebenen und der Ausgebombten. Unfassbar, aber neuere Forschungen zeigen, dass Traumatisierungen sich in der Epigenetik niederschlagen und so an die Nachfolgegenerationen weitergegeben werden können! Das ist ein einleuchtendes Erklärungsmodell für Ängste und Depressionen bei Kriegskindern und Kriegsenkeln – und vielleicht sogar noch für unsere Kinder relevant.
Wichtig waren mir auch die Blitzlichter auf das Medizinsystem, das unter den Nazis zum Selektionssystem degenerierte, mit Akteuren, die auch danach weiter die Medizin mitgestalten durften. Ebenso wichtig sind mir die Hinweise auf die Forschungs- und Arzneimittelskandale, die auf einem Grundfehler beruhen: Die Medizin wurde und wird von einem bestimmten Professorentypus vor allem als Vehikel für den eigenen Aufstieg in der Universitätshierarchie verstanden. Patienten sind für diese Karrieristen vor allem Fälle, die man halt für die Forschungsstatistiken braucht.
Freunde haben mich auch hier gewarnt:
»Leg dich bloß nicht mit den Professoren an!«
Das mache ich ja gar nicht, denn viele Professoren waren und sind klasse Ärzte und Wissenschaftler. Aber eben nicht alle. Und das Medizinsystem ist selber krank.
Ein potenzielles Konfliktfeld sind auch die Äußerungen und Gedanken des Apothekers bzw. von Jürgen Bauer zum Thema Landwirtschaft und Umweltschutz. Dieses Thema kann aber aus einer Dorf(!)historie nicht ausgeklammert werden. Gut wäre, wenn wenigstens für Deutschland und Europa, eine viel konsequentere Förderung einer kleinteiligen, familiengeführten Landwirtschaft käme, die traditionell nachhaltig und landschaftserhaltend denkt und handelt. Und wenn die schädliche Agrarindustrie eingedämmt würde.
Dass die Ansichten Jürgen Bauers nicht jeder und jedem gefallen werden, ist klar. Wenn das Buch zum Nachdenken anregt und zu einer konstruktiven und differenzierten Diskussionskultur beiträgt, bin ich froh. Polarisiert, vereinfacht und gespalten wird schon genug.
Dieses Buch basiert auf der realen Existenz von Dr. med. Ludwig Herold.
In Zeiten der völligen Unsicherheit, ob Informationen aus den „neuen Medien“ wahr sind oder nicht, habe ich versucht, die Vergangenheit so realistisch wie möglich zu beschreiben – es sollte aber auch nicht überkorrekt und damit langweilig werden.
Die Flucht Jürgen Bauers vor Bürgerkrieg und Gewaltherrschaft in Deutschland ist reine Fiktion – hoffentlich. Auch die Behauptung, dass Donald Trump mit Gewalt an die Macht zurückkehrt, ist reine Fantasie, hätte aber, wie man weiß, so passieren können.
Beängstigend ist allerdings, dass während des Schreibprozesses (ab 2019) schon manche scheinbar abstruse Idee Wahrheit wurde. … meine Frau sagte irgendwann halb im Spaß, halb ernst gemeint:
»Jetzt hör mal auf mit Schreiben, das geht ja alles in Erfüllung … oder schreib was Positives!«
Die Geschichten über den Apotheker sind literarisch ausgeschmückt, beruhen aber auf Erlebtem und im Dorf Erzähltem. Das wiedergefundene Tagebuch und die angeblichen Tagebucheinträge des Apothekers wiederum sind komplett fiktiv, aber sie hätten so oder so ähnlich existieren können und ich habe versucht, Sprache und Denken des Apothekers nachzuempfinden.
(Übrigens: die vielen „ß“ in den Texten sind keine Rechtschreibfehler, das war damals korrekt.)
Noch ein Wort zur Bundestagswahl 2021: Das Wahlergebnis war von mir lange zuvor erfunden, um die Entwicklung zur Anarchie in Deutschland herzuleiten. Dieses Buch wurde leider vor der Wahl nicht mehr fertig, meine fantasievolle Weissagung stimmt also (noch) nicht!
Nach Kanada wollte ich immer mal reisen. Zurzeit macht die Corona-Pandemie solche Pläne unmöglich. So lade ich die Leser wenigstens zu einer virtuellen Kanadareise ein.
Mein Dank gilt allen, die mich mit Material versorgten und vom Apotheker erzählten. Viele sind inzwischen verstorben.
Mein Buch kommt hoffentlich nicht zu spät.
Peter Trunzer, im August 2021 und Januar 2022
Foto: Dr. Ludwig Herold, ca. 1961
Ludwig Herold war Apotheker in Kirchardt, einem Dorf im östlichen Kraichgau, an der ehemals badisch-württembergischen Landesgrenze, früher dem badischen Landkreis Sinsheim zugehörig, heute beim Landkreis Heilbronn. Dieses Dorf war und ist nicht gerade reich an Besonderheiten, aber „Unsern Abodeeger“, wie er im Dialekt für gewöhnlich genannt wurde, war auf jeden Fall ein besonderer Mensch. Er war das, was man wohl ein „Original“ nannte. Originale gab es früher in jedem Dorf, das waren Menschen, die sich nicht in Normen pressen ließen, die deshalb aneckten oder zumindest nicht für voll genommen wurden, oder sich nicht darum kümmerten, was andere von ihnen dachten. Originale gibt es heute nicht mehr. Immerhin genoss Ludwig Herold als doppelt studierter und promovierter Arzt und Apotheker durchaus Respekt bei der Bevölkerung, auch wenn man sich hinter vorgehaltener Hand immer wieder über seine Marotten und Eskapaden lustig machte. Man sprach ihn grundsätzlich mit „Herr Dogder“ an. Im Volksmund allerdings hieß er auch der „Abodeegers Louis“ oder einfach der „Lui“.
Ludwig Herold kam am 8.11.1904 zur Welt. Die Eltern waren Berta Herold geborene Ott aus Niederlustadt/ Pfalz und Jakob Herold aus Bad Dürkheim/ Pfalz. Ludwig blieb Einzelkind.
Jakob Herold führte die Dorfapotheke in der Grombacher Straße. Die Familie wohnte im Obergeschoss des Hauses, unten war die Apotheke eingerichtet.
Der kleine Ludwig wird als kränkliches und asthmatisches Kind beschrieben, das sehr geschont wurde, häufig die Stube hüten musste und sich, ganz anders als die anderen Dorfkinder, die Zeit mit Lesen und Klavierspielen vertrieb. Als er zur Schule kam, so wurde erzählt, haben ihn das Dienstmädchen oder die Mutter oft zur Schule tragen müssen, auch noch, als er auf das Gymnasium nach Wimpfen wechselte. Über die Gymnasialzeit in Wimpfen ist wenig überliefert. 1924, kurz nach der Hyperinflation, stirbt der Vater. Die Mutter muss die Apotheke mit angestellten Pharmazeuten weiterführen. Ludwig entscheidet sich, Pharmazie in Heidelberg zu studieren. Offensichtlich genügt ihm dies nicht. Im Anschluss an das Pharmaziestudium absolviert er ein Studium der Humanmedizin. Auch über das Studentenleben ist wenig überliefert, ich habe mir aber einige mündliche Schilderungen seiner Studentenzeit notiert. 1936 promoviert er in Humanmedizin. Titel und Inhalt seiner Doktorarbeit sind nicht überliefert.
Die ärztliche praktische Tätigkeit scheint sich in einigen Landpraxen-Vertretungen und einem kurzen Lazarett-Einsatz in Wiesbaden zu Kriegsbeginn 1939 zu erschöpfen. Es ist anzunehmen, dass die sprichwörtliche Umständlichkeit und Langsamkeit des Apothekers eine Betätigung als Arzt, die schnelle Entscheidungen und rasches, zielgerichtetes Handeln erfordert, verunmöglichte.
Ab 1940 betrieb Ludwig Herold dann selber die Dorfapotheke in Kirchardt. Die Mutter Berta führte den Haushalt. Dr. Herold war zu dieser Zeit offensichtlich ein überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten, möglicherweise auch NSDAP-Mitglied, und jeder Kunde wurde lautstark mit dem Hitlergruß empfangen. Zum Wehrdienst wurde er, wohl wegen Unabkömmlichkeit, nicht einberufen. 1944 herrschte Ärztemangel. Der Dorfarzt war gestorben, Dr. Herold übernahm die Vertretung, die er nach einem Vierteljahr aber wieder abgab.
Nach der Naziherrschaft führte Ludwig Herold die Apotheke weiter. Er war früh für die rechtsnationalistische und revisionistische Partei „Deutsche Gemeinschaft (DG)“ tätig, auch als Landtagskandidat, wenn auch erfolglos. Später wechselte er zur Nachfolgepartei „Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher (AUD)“ und schließlich – im Rahmen eines Ideologiewechsels der AUD - bereits 1980 zur neu gegründeten Partei der Grünen.
Begeisterungsfähig war er, der Herr Doktor, nicht nur für politische Ideen, sondern vor allem auch für die schönen Künste der Musik und der Dichtung, außerdem war er in mehreren Fremdsprachen gebildet. Angetan hatte es ihm die mittelalterliche Sagenwelt, der Minnesang, das edle Rittertum. Er schwärmte für klassische Musik und hier vor allem für die Musik von Richard Wagner. In Kirchardt gründete er die „Richard-Wagner-Kulturkameradschaft“, die Fahrten zum Nationaltheater in Mannheim oder zum Theater Heidelberg unternahm.
Die Apothekenführung war sehr speziell, wahrscheinlich sogar einzigartig. Es gab die ein oder andere Apothekenhelferin, doch letztlich resignierten alle vor der Umständlichkeit und absolut unorthodoxen „Ordnung“ in der Apotheke, in der sich im Lauf der Jahre nur noch der Chef selber zurechtfand. Die langjährigste und ebenfalls in ihrer Art einmalige Mitarbeiterin bis zu seinem Tod war schließlich ein so genanntes Fräulein Huhn, vom Apotheker kurz „Mädi“ und manchmal auch „Rehlein“ gerufen. Das Verhältnis zu Fräulein Huhn bleibt ungeklärt, sie schien manchmal an seiner Umständlichkeit und Langsamkeit zu verzweifeln, blieb ihm aber unverbrüchlich treu. Ihr Ausspruch »Herr Dogder, derf ich’s geb’n, damit ’s net so lang dauert?« ist vielen früheren Kunden noch im Ohr.
Der Kundenkontakt gestaltete sich je nach individueller Aufnahmebereitschaft und Geduld recht originell. Es konnte vorkommen, dass der Apotheker eine oder zwei Stunden lang Gedichte rezitierte, Lieder vorsang oder, besonders gefürchtet, Wagner-Stücke auf dem Klavier vorspielte, das er in seinen späteren Jahren direkt in die Apothekenräume verfrachtet hatte, weil er die Treppe zur Wohnung im Obergeschoss kaum mehr hoch kam. Im Nebenraum der Apotheke schlief er in seinen letzten Jahren auch, zwischen Papieren und Verpackungen.
Die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten waren im Lauf der Jahre immer spartanischer geworden. Vom vielen Stehen hatten sich Krampfadern und schließlich offene Geschwüre an den Beinen gebildet. Dr. Herold bediente trotzdem noch lange seine Kundschaft, eisern und pflichtbewusst bis ins hohe Alter.
Am 4. August 1986 verstarb Dr. Ludwig Herold knapp 82jährig in einem Pflegeheim in Hüffenhardt.
Sein Nachlass, auch die Apothekeneinrichtung, wurde in alle Winde zerstreut. Sein Verwandter, der Apotheker Kissel aus Aglasterhausen, setzte ihm in seiner Kurzbiografie „Dr. med. Ludwig Herold – Origineller Landapotheker“ ein Denkmal. Darüber hinaus gibt es einige wenige Kopien seines literarischen Werkes, die in diesem Buch teilweise zitiert oder als Originalscan wiedergegeben werden.
Auch seine letzte Ruhestätte, das Elterngrab auf dem Kirchardter Friedhof, ist noch erhalten.
Grabstätte von Dr. Ludwig Herold und seiner Eltern in Kirchardt. Foto: P. Trunzer 2020
Die Vorweihnachts-Hektik flaut langsam ab, die Straßen werden ruhiger. Die winterliche Abenddämmerung setzt sich mit behutsamer Gewalt durch.
Jürgen hat es sich an seinem Lieblingsplatz am Fenster der kleinen Stadtwohnung bequem gemacht, in Sichtweite des Chateau Frontenac, das sich wohltuend backsteinfarben aus dem Wintergrau erhebt. Die Dächer der Stadt sind schneebestäubt, auf dem Sankt-Lorenz-Strom treiben große Eisschollen, die grellbunte Weihnachtsbeleuchtung der Altstadtgassen, die sich die Hügel hinaufschlängeln, spiegelt sich im Eis und im Wasser.
Im Grunde herrscht hier die gleiche pseudoromantische Weihnachtstimmung, denkt Jürgen, so herzerwärmend trist, wie wir sie auch in der Heimat gewohnt waren. Er gibt sich aber nur kurz dieser wehmütigen Heimwehstimmung hin, denn eines hat er sich vorgenommen: Keine Depression, keine Angst, kein Bedauern über zurückliegende Entscheidungen! Er hat auf jeden Fall schon einen kleinen Weihnachtsbaum besorgt. Nachher will er ihn aufstellen, natürlich zusammen mit seiner Frau Gabriele (die allerdings immer nur Gabi gerufen wurde). Jürgen stemmt seinen ungelenk und knochig gewordenen Körper noch einmal aus dem Armlehnstuhl heraus, schlurft durch die halbdunkle Wohnung und durchstöbert die Krimskrams-Kommode – eins der Möbelstücke, die er im Herbst auf dem Gebrauchtwarenmarkt ergattert hat.
Tatsächlich findet er eine nur wenig heruntergebrannte, dicke rote Kerze. Er stellt sie auf ein Porzellanschälchen, sucht die Streichhölzer in der Schublade des Küchentisches, freut sich, dass es so etwas Altmodisches wie Streichhölzer in Kanada überhaupt noch zu kaufen gibt, zündet die Kerze an und stellt sie auf das schlanke Schreibtischchen, das er sich als Mini-Büro ans Fenster gestellt hat. Kerzen-Kitschromantik hin oder her, er braucht das jetzt.
Jürgen ist knapp 63 Jahre alt. Bis vor einigen Jahren dachte er beim Blick in den Spiegel:
»Hast dich ganz gut gehalten, immer noch gut gebaut, wenig Speck, insgesamt jugendlich wirkend, wenn auch mit schütterem Haar…«
Jetzt allerdings fühlt er sich um Jahre gealtert. Der Gang schwerfällig, die Haltung vornübergebeugt, das Gesicht müde und die Wangen schlaff. Sämtliche Gliedmaßen fühlen sich steif an. Wenn er länger sitzt, sei es in der Ambulanz, in der er jetzt arbeitet, sei es im Kino oder auch hier am Fenster, braucht sein Körper erst wieder eine Anlaufphase, bevor er sich flüssig bewegen kann. Ja, in seinem vorigen Leben hat er viele Arzt-Vorträge gehalten, zu Themen wie „Schmerz und Stress“ oder „Trauma und Rheuma“ oder „Du bist so jung wie deine Muskeln“. Nun hat er den Eindruck, selber so eine Art Alterssteifigkeit oder Altersrheuma oder etwas in der Art zu entwickeln. Vielleicht muss er sich mal Blut abnehmen lassen, nicht dass es eine Polymyalgia rheumatica ist!
Es kommt ihm immer noch völlig unwirklich vor, hier im Osten von Kanada zu sitzen. Neues Leben, neue Sprache, neue Umgebung. Unglaublich schnell ging das, wie ein Erdrutsch waren die Probleme und die Auswanderung über sie beide gekommen, wie ein Alptraum, aber ohne Erwachen. Ja, wenn er mit Gabi als Touristenpaar hier wäre, gepflegt im Hotel, ein wohlsituiertes, leicht ergrautes Ehepaar, „best agers“ auf Rentnerreise, fänden sie es wahrscheinlich ganz nett hier. Aber so, als Flüchtlinge, als Asylbewerber, als Geduldete! Mit einem bitteren, gequälten Grinsen auf dem faltig gewordenen Gesicht schlurft er in seinen Hausschlappen in die kleine Küche, um einen Tee zu brühen.
Gabi ist noch unterwegs. Sie hatte die Idee mit Kanada, sie war die treibende Kraft gewesen, Süddeutschland und den Kraichgau zu verlassen, solange es noch ging. Jürgen hatte die Warnzeichen zwar wahrgenommen, sie aber anfangs nicht auf sich und seine Familie bezogen. Die Drohmails. Sein zerkratztes Cabrio. Als die Wände seiner Praxis in Kirchardt beschmiert worden waren, wurde es schon bedrohlicher. Als er schließlich überfallen und schwer verletzt wurde, war es fast schon zu spät zur Ausreise gewesen!
Es könnte schön sein hier in Vieux-Québec, in der Haute Ville mit den alten Gassen und den historischen Häusern. Das Heidelberg-Gefühl. Die Wohnung mitten in der Altstadt, in der Rue de la Tourelle. Geschäfte, Bistros, Bars, ein französisches Flair, sogar einige Parks, Büchereien und vor allem ihre beiden Arbeitsplätze – alles fußläufig erreichbar, par pieds, wie es hier heißt. Ein Glücksfall, denn sie haben die Wohnung über eine gute Bekannte bekommen, deren Onkel in Kanada lebt und der wiederum Freunde in Québec hat, nämlich das freundliche Ehepaar Degenoux, das im Erdgeschoss des schlichten, aber ordentlich gepflegten Stadthauses wohnt. Es ist eigentlich eine recht noble Adresse: Die Rue de la Tourelle durchquert die Haute Ville, hier leben fast nur wohlhabende Neubürger oder alteingesessene Familien in gediegenen Stadthäusern.
Marie und Eugène Degenoux gehören zu den alteingesessenen Frankokanadiern. Sie sind kinderlos und ganz gut situiert, wenn auch nicht wirklich reich: Eugène war Beamter bei der Stadt und Marie war früher Erzieherin. Sie haben Gabi und Jürgen herzlich aufgenommen und sind froh, noch andere Leute im Haus zu haben, wenngleich sie sich eigentlich jüngere Mieter gewünscht hätten.
Vieux Québec ist ein lebendiges Viertel mit einer Szene aus Bars und Kneipen und vor allem mit Menschen jeden Alters, die genießen können und entspannt sind. Der Corona-Lockdown hatte auch hier das öffentliche Leben lahmgelegt, aber inzwischen ging es wieder, wenn auch unter Vorsichtsmaßnahmen. Jürgen ist mit seiner Frau Gabi bisher nur ab und zu mal ein Bier trinken gegangen, aber so richtig Essen gehen – dazu hat ihnen die Muße gefehlt und sie müssen auch aufs Geld achten, ganz anders als in der alten Heimat, wo sie als Lehrerin und Arzt durchaus gut gelebt hatten, bis das alles passierte. Und schon kommt wieder das Heimweh wieder und andererseits die Angst, ob sie hier einen dauerhaft sicheren Unterschlupf gefunden haben und ob sie überhaupt bleiben können.
Wie so oft verfällt Jürgen ins Grübeln. Seine Gedanken schweifen ins Vergangene. Wie konnte es nur so weit kommen? Er hatte ein doch perfektes Leben? Hätte man die Vorzeichen erahnen können?
Der von Fachleuten lange vorhergesagte Flüchtlingsstrom setzte sich in Richtung Europa in Bewegung. ausgelöst durch – ja wodurch eigentlich? Wahrscheinlich durch die Gräueltaten des „Islamischen Staates“ und die brutalen Stellvertreterkriege vor allem in Syrien und in Afrika. Die Destabilisierung der Länder im mittleren Osten durch die USA hatte zum Gegenteil dessen geführt, was George W. Bush und Co. nach dem 9/11 – Desaster beabsichtigt hatten. Der gewalttägige Islamismus war explodiert, der „Islamische Staat“ war eine Langzeit-Folge des zweiten Irak-Krieges. Der „arabische Frühling“, ebenfalls angezettelt vom amerikanischen Geheimdienst, hatte ein Übriges getan, um die Länder rund ums südliche Mittelmeer ins Chaos zu stürzen. Dazu kamen die Stellvertreterkriege in Afrika, die das Leben dort immer unerträglicher machten. Die Flüchtlingsströme kamen aus dem Osten über die Türkei und aus dem Süden über Libyen und das Mittelmeer.
„Refugees welcome“ stand auf den Pappschildern, als die ersten Flüchtlinge aus Ungarn Anfang September im Münchner Bahnhof empfangen wurde. Die Kanzlerin ließ Selfies von sich und Geflüchteten machen. »Wir schaffen das – wer, wenn nicht wir?!« bekräftigte sie. In ganz Deutschland bildeten sich Flüchtlingsinitiativen, man beeilte sich, noch vor dem Winter Notunterkünfte in Sporthallen und Wohncontainern zu finden.
Gabi und Jürgen hatten zusammen mit einigen Nachbarn die Betreuung einer Flüchtlingsfamilie, Jesiden aus Nordsyrien, übernommen. Die Kinder sprachlos, traumatisiert, ebenso die Eltern. Ein Sohn verschollen, drei Töchter in einem Lager in der Türkei. Die Eltern, beide um die vierzig, sahen aus wie Greise. Die Hilfe, der menschliche Beistand, war mehr als nötig, von der Begleitung zu Ämtern, Hilfe bei der deutschen Bürokratie, Organisation der Einkäufe, über die Vermittlung von Arztkontakten bis zur Sprachhilfe. Jürgen versuchte, dem Jungen und dem Mädchen mit den großen angstvollen Augen ein Lachen abzugewinnen. Er schaffte es erst nach einiger Zeit, mit Zeichnungen, kleinen Spielen, Faxen und Zaubertricks, so dass sie ein wenig Vertrauen fassten. Die Eltern saßen wie versteinert dabei, der kleine zweijährige Bruder hing schlaff und erschöpft in den Armen der ausgemergelten Mutter. Die Hilfsbereitschaft in ihrem Dorf Kirchardt, wo Jürgen seine Hausarztpraxis hatte, war groß.
Kurzzeitig hatte Jürgen damals das Gefühl: Deutschland ist ein wunderbares Land, die Menschen haben sich gegenüber früher verändert, sind offen, hilfsbereit, solidarisch, liebenswert. Sogar die Verwaltungen funktionierten manchmal unbürokratisch. Er war richtig stolz auf sein Land.
Eine Fahrradwerkstatt und ein Begegnungscafé entstanden, eine Kleiderkammer und ein Beratungsbüro. Das meiste davon war ehrenamtlich organisiert, von „Gutmenschen“. Als „Gutmenschen“ wurden die Flüchtlingsinitiativen allerdings schon nach kurzer Zeit im Internet verächtlich gemacht, von Unzufriedenen und Verbitterten, die endlich ein Objekt für ihren diffusen Hass gefunden hatten.
Auf diese Strömung sprangen sehr rasch rechtsnationalistische Kreise auf, wobei rätselhaft blieb, woher all die Rassisten und Hetzer plötzlich kamen.
Eine ungute Rolle spielten die „sozialen Medien“, mit Trollen, Bots, hate speech, fake news und was sonst noch alles aufgeboten wurde, um Staatsverdruss, Fremdenangst und Hass zu schüren. Wer steckte dahinter? Offiziell niemand. Weder die „Alternative Partei“ noch Putin noch der Verfassungsschutz.
Eigentlich hatte man gedacht, die rechtsnationalistische Gewalt sei nach dem Auffliegen des „National-Sozialistischen Untergrund“ (NSU) zurückgedrängt.
Die öffentliche Stimmung schlug dann vollends nach Silvester um. Am Neujahrstag 2016 geisterten wackelige Handyvideos durchs Internet und dann auch durch die Fernsehsender. Die „BILD“ titelte:
Sexmob in Köln!
Waren die Täter wirklich Flüchtlinge?
Massenvergewaltigungen in Köln!!!!
Waren es Flüchtlinge?
Eigentlich sah man auf Fotos und Videos nur junge Männer, die auf dem Kölner Domvorplatz Raketen und Knallkörper zündeten. Beim Versuch der Ermittlungsbehörden, die „massenhaften sexuellen Belästigungen“ erkennungstechnisch und strafrechtlich aufzuarbeiten, kam sehr wenig Konkretes heraus. Die Kabarettistin Maren Kroymann, hat es später auf den Punkt gebracht: »Was in Köln auf der Domplatte und in der Fußgängerzone im Karneval völlig normal ist, nämlich Anmache und Bützje, ist an Silvester aber sexuelle Belästigung! Nur - wussten das die jungen Männer auch?«
Die Polizei sprach von der Problemgruppe der „Nafris“. Nafris? Nordafrikanische Immigranten? Nein, Nordafrikanische Intensivtäter! Meist waren sie schon länger in Deutschland und jedenfalls keine Angehörigen der syrischen, jesidischen oder kurdischen Familien, die den Hauptteil der Flüchtlinge ausmachten. 3 Monate später hatten sich die angeblich massenweisen Belästigungen und massenhaften Anzeigen nach ausgiebigen Ermittlungen kaum objektivieren lassen, doch das stand dann nur noch als Randnotizen in der Presse und allenfalls marginal im Netz.
Die später veröffentliche Statistik kam zu spät: Angeblich 1200 weibliche Opfer von Sexual- und Eigentumsdelikten durch 2000 Täter! Ermittelt werden konnten 120 Tatverdächtige. Verurteilt wurden davon 4 junge Männer. Diese Erkenntnisse nützten nichts mehr. Die Büchse der Pandora war geöffnet. Der Hass auf alles Fremde, jahrelang mühsam gezügelt, war losgetreten und wurde weiter gezielt befeuert, von wem auch immer, als ob man nur auf ein Signal gewartet hätte.
Im Jahr 2016 verstärkte sich in der EU ein muffiges rassistisches ausgrenzendes nationalistisches Klima, vielerorts in Europa traten Populisten und Nationalisten in Erscheinung, immer unverhohlener, immer primitiver, mit rückwärtsgewandten Parolen. Polen, Ungarn, Frankreich, England, Holland. Es war schaurig. Der Gipfel: die Trump-Wahl!
Doch am Ende des Jahres passierte Grausames. Am Abend des neunzehnten Dezember 2016 ermordete der radikalisierte, vorbestrafte und behördenbekannte tunesische Islamist Anis Amri einen LKW-Fahrer und fuhr mit dem gekaperten Riesenlaster mit voller Wucht in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, direkt neben der Gedächtniskirche. Er war mörderisch effektiv und gilt, nachdem er in Italien erschossen wurde, wahrscheinlich als einer der größten Helden und Märtyrer des angeblich so heiligen Kriegs der Islamisten.
Hinterher kam heraus, dass dieser extrem brutale Typ schon lange unter Beobachtung des Verfassungsschutzes gestanden hatte; ein V-Mann hatte mehrfach vor ihm gewarnt, aber man hatte ihn »leider aus den Augen verloren«. Als vier Jahre später ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss den entscheidenden V-Mann verhören wollte, verweigerte der Verfassungsschutz die Zeugenvernehmung, warum auch immer.
Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf war nur scheinbar absurd gewesen. Trotz oder gerade wegen seiner Lügen, seines Sexismus, seiner Betrügereien, seiner Rücksichtslosigkeit und seines Rassismus wurde ein Mann mit schwerer Persönlichkeitsstörung zum US-Präsidenten gewählt. Psychiater sprachen von schwerem Narzissmus. Doch im März 2016 stand fest: Donald Trump, ein rücksichtsloser Immobilienerbe mit zweifelhafter Vergangenheit, hatte die Wahl gewonnen. Jürgen erinnerte sich an die Spiegelausgabe mit dem Titel:
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen
Ein Trump-Kopf rast als Meteorit auf die Erde zu. Ja, so war das.
Später kam zwar heraus, dass von amerikanischen Milliardären finanzierte „think tanks“ massiv Einfluss genommen hatten, um die „sozialen Medien“ und die Gemütsverfassung der amerikanischen Nation zu manipulieren. Verschleiert blieb auch, was Russland für eine Rolle im schmutzigen Wahlkampf spielte. Doch Trump war Präsident und mit atemberaubender Geschwindigkeit machte er das, was die Milliardäre von ihm erwarteten: Unternehmenssteuern runter, Umweltstandards runter, Waffenlieferungen rauf, Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, internationale Abkommen kündigen, Waffenlobby stützen.
Amerika spaltete sich in ungeahntem Ausmaß. Die Rassismusdebatte schlug in Straßengewalt um, bürgerkriegsähnliche Zustände kamen auf, Trump setzte die Nationalgarde gegen die eigene Bevölkerung ein und ließ einen gnadenlosen „law and order“-Wahlkampf inszenieren.
Jürgen schüttelt sich. Damals hatte er noch gedacht: »Verrückte Amerikaner, die haben total die Realität verloren!« Dass es in Deutschland ähnlich, eher noch schlimmer, kam – er kann es immer noch nicht fassen.
2017 wurde der Bundestag neu gewählt und die SPD machte doch wieder mit!
Unter dem Schock der Trump-Wahl jubelten noch im März viele Begeisterte dem SPD-Kandidaten, einem gewissen Martin Schulz, zu! Die traditionsreiche antifaschistische SPD schien vielen als altgedientes Bollwerk gegen den polternden Populismus, der übers Internet auch in Deutschland Fuß fasste. Doch es kam anders, die SPD verlor zuerst in Nordrhein-Westfalen, womit keiner gerechnet hatte, und Hannelore Kraft verschwand in der Versenkung. Der gehypte Martin Schulz verblasste irgendwie und so verlor die SPD im September auch bei der Bundestagswahl massiv. Die JUSOS gaben der „GroKo“, der großen Koalition, die Schuld.
Danach wollte die SPD nicht weiter mitregieren, tat es aber dann doch. Der grünschwarzgelbe Begriff „Jamaika-Koalition“ war aufgekommen, vom smarten Vorsitzenden der FDP aber rasch und brutal zerstört. Die SPD sprang recht widerwillig erneut in die ungeliebte GroKo, um »aus staatstragender Verantwortung« heraus keine Regierungskrise entstehen zu lassen. Und um dann Zug um Zug bei jeder Wahl immer weiter Stimmen zu verlieren. Im Internet brandeten immer mehr Hassposts gegen „das Merkel“ und „das System“ auf. Im Bundestag zog mit der „Alternativen Partei“ eine Rüpeltruppe ein, die das gleiche Vokabular benutzte wie die Beschmutzer auf Twitter und Facebook.
Jürgen muss vormittags arbeiten, sie haben einen Weihnachts-Bereitschaftsdienst eingerichtet, zu dem jeder Patient als Notfall ohne Termin kommen kann. Als er die Patienten alle abgearbeitet hat, ist es schon 16 Uhr. Müde geht er den Nachhauseweg zu Fuß. Gabi wartet zuhause mit einem kleinen Weihnachtsmenu auf ihn. Lachssteaks mit Rosmarinkartoffeln. Gemütlichkeit bei Kerzenschein. Ihr Sohn Jakob ruft per Skype an und wünscht frohe Weihnachten. Seine Freundin Alisia mit den Zwillingsbabies Paula und Cecile auf dem Arm sieht man im Hintergrund. Alisia versucht zaghaft zu winken. Die Zwillinge sind noch viel zu klein, um zu verstehen, dass da auf dem Bildschirm ihre Großeltern zu sehen sind, denen man möglichst fröhlich zuwinken sollte.
Es scheint ihrer Familie in Deutschland gut zu gehen, stellen sie erleichtert fest, aber Gabi und Jürgen spüren beide diesen unbestimmten, drückenden Schmerz hinter dem Brustbein, eine Last, die den Brustkorb zusammendrückt, denn sie vermissen ihre Familie sehr.
Nach dem Skypen machen sie es sich so gemütlich, wie es in der kleinen Wohnung eben geht, zünden etliche Kerzen an und dann kommen sie wieder auf ihr – im Grunde ständiges - Gesprächsthema: Wie konnte es nur so weit kommen?
Es war das Jahr, in dem sich alle Dorfbewohner erst einmal über die „Akzeleration“ freuten - ein Phänomen, das es so noch nie gegeben hatte: Früchteüberschuss! Die Aprilfröste, die im Vorjahr noch Obstbaumblüten und Baumtriebe absterben ließen, waren ausgeblieben. Kirschen, Birnen, Äpfel, Zwetschgen – alles blühte fast gleichzeitig und fast alle Blüten setzten an. Das Frühjahr war trocken und fast sommerlich warm. Es versprach ein paradiesisches Jahr zu werden, mit einer überreichen Ernte.
Es wurde dann aber das erste Jahr der übergroßen Hitze. Es gab Temperatur-Extremwerte und die längste Trockenheitsperiode, seit man sich auf dem Dorf erinnern konnte. Getreide und Wein wurden vorzeitig reif, Mais und Zuckerrüben vertrockneten. Der Kraichgau, bekannt für seinen fruchtbaren Boden, den man hier „Löß“ nennt, verfärbte sich schon im Juli steppengelb, jede Feldarbeit wurde zu einer Staubschlacht. Ein neuer Begriff entstand: „Staubteufel“, ockerfarbene Wolken aus Lehmstaub, die über die kahlen Felder tanzten und Schmutzschleier über Blätter und Autos legten.
Wochenlang gab es Temperaturen über 30 Grad. Die alten Menschen konnten gar nicht mehr aus dem Haus, die Berufstätigen schmachteten in den überhitzten Städten und die Landwirte bekamen immer tiefere Sorgenfurchen in den Gesichtern, so ähnlich wie ihre Äcker, auf denen sich tiefe Risse im Lößboden bildeten. Die Nachfrage nach Klimaanlagen stieg sprunghaft, Mineralwasserkästen wurden rationiert. Im Dorf hieß es:
»Der Klimawandel ist da, wer hätte das gedacht?«
»Schuld sind die Chinesen mit ihren Abgasen! Und die Amerikaner mit ihren riesigen Rinderfarmen, alles voller Kühe, die Unmengen Methangas pupsen! Was können wir kleinen Europäer da schon tun?«
Auf facebook formierten sich aber gleich die „Leugner“ des Klimawandels -und erst recht in den USA, allen voran der toupierte US-Präsident. In Brasilien legten die Freunde des korrupten Rechtspopulisten Bolsonaro jetzt richtig los mit dem Abholzen des Regenwalds.
In dieses Klima der Verunsicherung fielen einige Ereignisse, die vielleicht auch anders hätten laufen können, zum Beispiel die deutsche Blamage bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Totalversagen der verwöhnten Luxuskicker, lustlose Gleichgültigkeit beim Bundestrainer. Die Deutschen waren schlecht gelaunt.
Greta Thunberg, eine zierliche Schülerin aus Schweden, hatte schon vor Längerem damit begonnen, jeden Freitag statt in die Schule zu gehen mit einem selbstgepinselten Plakat aus Pappkarton gegen die Klimakatastrophe zu protestieren. Irgendwie schaffte das sonderbare Mädchen eine Art Weckruf bei den jungen Menschen – und sie rüttelte auch deren Großeltern auf, die das schlechte Gewissen plagte, weil sie sich vom Begriff „Umweltsau“ zwar gekränkt, aber rückblickend doch auch getroffen fühlten. Die exzessiven Reisen auf meeresverpestenden Kreuzfahrtschiffen und mit kerosinfressenden Flugzeugen! Das hemmungslose Autofahren in übertrieben riesigen Benzinschluckern, die ironischerweise „Sports Utility Vehicles (SUV)“ hießen, aber in den Parkhäusern mindestens zwei Plätze brauchten. Der Flächenverbrauch, weil man immer großzügiger wohnen wollte und weil die ausufernden Gewerbegebiete den Kommunen Steuergelder brachten. Der riesige Konsum spottbilligen Fleisches auf Kosten der Regenwälder und der Billiglohnkräfte in den Schlachthöfen. Und so weiter. „Man“ – wer genau eigentlich? – hatte über seine Verhältnisse gelebt und bekam nun die Klima-Quittung. Das heißt, die Großeltern-Generation würde es ja kaum noch treffen, aber ihre Enkelkinder dann mit voller Wucht. Das hielt ihnen Greta schonungslos und aggressiv vor Augen.
Die „Alternative Partei“ und ihre Gesinnungsgenossen allerdings hatten mit Greta erst einmal ein neues Hassobjekt: Was erlaubt sich so ein halbwüchsiges Mädchen aus Schweden, die Schulschwänzerin, die ist ja krank, autistisch, fremdgesteuert, unglaubwürdig … und so weiter. Greta bekam im Internet die volle Breitseite ab.
Der Funke sprang trotzdem auf junge Menschen in Europa über und auch in Deutschland fingen die Kinder massenweise zu demonstrieren an. Jeden Freitag waren sie auf der Straße, es wurden immer mehr, und sie forderten eine neue Klimapolitik ein. Das gute Abschneiden der Grünen bei der Europawahl war kein Zufall gewesen. Die Grünen mit ihren beiden smarten Vorsitzenden, einer hübschen Frau mit etwas zu kleinen, eng zusammenstehenden Augen und einem intellektuell wirkenden Mann mit Dreitagebart wurden zu Hoffnungsträgern. Allerdings nur in Deutschlands Westen. Im Osten dominierte die „Alternative Partei“ ganze Landstriche.
Das Jahr 2019 trippelte so dahin. Man hatte sich an vieles gewöhnt: An die Sommerhitze, an die Verrücktheiten des amerikanischen Präsidenten. Man gewöhnte sich auch an die wüsten Lügen und Schimpftiraden der „Alternativen Partei“, die ihre Chefin Frauke Petry, vor kurzem noch als Merkel-Meuchlerin gehypt, einfach absägten, aber ihrer neuen, stets indigniert wirkenden Chefin Alice Weidel verziehen, dass sie mit ihrer Freundin steuergünstig in der Schweiz lebte und geheime Geldgeber hatte. Ein gewisser Bernd Höge und der bei der Hessen-CDU bereits in den 90er Jahren Skandal-umwitterte Alexander Gauland spielten eifernd und geifernd ihre Rollen als Scharfmacher gegen alles, was zum „Altsystem“ gehörte.
Die Gesellschaft schien sich zunehmend in Gruppen zu polarisieren, die in ihren jeweils eigenen Welten lebten und nur das wahrnahmen, was in ihr eigenes Weltbild passte. Irgendwann kam der Begriff „Filterblasen“ auf.
Die in Deutschland lebenden Muslime waren gespalten. Die meisten hatten sich an die Annehmlichkeiten des westlichen Lebensstils gewöhnt, genossen die lockeren Umgangsformen, die Freiheit und die Bildungschancen. Andere aber fühlten sich missachtet, sie fremdelten mit der westlichen, „unmoralischen und zügellosen“ Gesellschaft. Sie organisierten sich, inoffiziell und im Verborgenen, angestachelt durchs Internet, durch den türkischen Ministerpräsidenten und durch selbsternannte Prediger des rechten Glaubens, die in Wirklichkeit Hassprediger waren. Diese Gruppe sah Frauen als Eigentum des Mannes an, die gefälligst fast alles zu verhüllen hatten, was andere Männer nicht sehen sollten, was aber Mohammed gar nicht verlangt hatte. Sie verachteten einerseits die freiheitlichdemokratische Grundordnung, nutzten aber geschickt das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht.
Ein Teil der von der „Alternativen Partei“ mit „alternativen Fakten“ beeinflussten Russland-Deutschen, die man auch „Spätaussiedelr“ nannte, fühlten sich ebenfalls irgendwie gekränkt und benachteiligt, und der Sender „Russia Today“ forderte sie zum Widerstand gegen „die Merkelkratur“, gegen die „Islamisierung“ und zum „Kinderschutz gegen kranke Homos“ auf. Sie organisierten im März 2016 ebenfalls wütende Demonstrationen, angeheizt vom „Fake-Fall Lisa“, einer frei erfundenen Geschichte von Entführung und Vergewaltigung.
Die rechtsnationalen Demos und die „PEGIDA“-Demos, die mit ihren immer gleichen Parolen eigentlich schon sehr gelangweilt hatten und kaum noch beachtet worden waren, bekamen plötzlich wieder Zulauf, besonders in Sachsen geschützt und gefördert durch Ordnungskräfte und Ministerien.
Immer wieder ergossen sich wahre Hasslawinen über das Land, genüsslich aufgegriffen und weiter gefüttert von der „Alternativen Partei“ und Facebook- Menschen - oder waren es Maschinen? -, die alles, was nach ihrer eigenen Definition „undeutsch“ oder „volksfremd“ war, mit nie gekannter Häme überzogen. So lange, wie sich Angela Merkel als Kanzlerin noch behaupten konnte, wurde sie immer wieder als „das Merkel“, „die Rautenmutti“ und als „Volksverräterin“ beschimpft.
Jürgen versucht sich zu erinnern, was PEGIDA eigentlich heißen sollte. Wikipedia weiß es: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Schon der Name ein Witz, so dachte man, doch die Bewegung griff um sich, vor allem im (gefühlt und tatsächlich) abgehängten Osten Deutschlands.
Neu und zaghaft waren die Wortmeldungen der „linksökologischen Sammlungsbewegung“. Die einen wollten billigere Wohnungen, die anderen mehr Sozialhilfe oder höheren Mindestlohn, am besten ein gerechtes allgemeines Grundeinkommen und eine Reichensteuer. Dieses „Bündnis für soziale Ökologie“ (BSÖ) wollte Grüne, SPD, Linke und ökologische Splitterparteien gerne zusammenführen, doch die Einzel-Parteiinteressen waren stärker.
So ruhte die Hoffnung vieler Menschen mehr und mehr auf der Fridays for Future – Bewegung. Die jungen Menschen hatten Angst vor dem offensichtlichen Klimawandel, aber auch Angst vor dem grassierenden Geldkapitalismus, der Umweltzerstörung, der Klimakatastrophe, und auch Angst vor dem um sich greifenden Nationalismus. Sie träumten von mehr Gerechtigkeit, von mehr Menschlichkeit, mehr Bildung, Chancengleichheit und vor allem einem Stopp der Umweltzerstörung, die aus reiner Profitgier großer Konzerne immer schlimmer geworden war. Mit 18 Jahren durften sie wählen – nur wen?
Aggressive Ablehnung jeder ökosozialen Denkweise kam natürlich von allen Gruppierungen, die sich vom ungezügelten Markt, von der Entstaatlichung und der Anfütterung weniger reicher Familien, also vom Neo-Kapitalismus, eine bessere Welt versprachen – obwohl dies historisch noch nie funktioniert hatte. Deren Sprachrohr – die „Libertären“, ein Ableger der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM), wurde großzügig von Firmen und privaten Geldgebern angefüttert.
Aber auch die „Alternative Partei“, die sich so zornig über die „Altparteien“ hermachte, übernahm sehr schnell deren Selbstbedienungsmentalität und saugte Parteispenden, Staatspöstchen und Staatsknete an. Später zeigte sich, dass die „Alternativen“ schon länger geheime Spenden vom Großkapital und von sehr reichen Familien erhalten hatten, großteils über Strohmänner aus der Schweiz, doch das störte mittlerweile niemanden mehr.
Massenweise waberten Droh-Posts aus nationalistischen Quellen durchs Internet, gerichtet an wohlmeinende menschenfreundliche Bürger, die als „Gutmenschen“ bezeichnet wurden, denen man aber unterstellte, es eher schlecht zu meinen.
„Listen der Gegner der Bewegung“ tauchten im Internet auf, mit Kommentaren wie „Wir sind überall und wir kriegen euch alle“ „Wir jagen euch“. „Wir herrschen bald in ganz Europa, dann könnt ihr nirgends mehr hin fliehen“. Dass diese Texte teils vom Verfassungsschutz selbst lanciert worden waren, stellte sich erst heraus, als es zu spät war und die Gewaltdrohungen Wirklichkeit wurden.
Die Dinge beschleunigten sich, als in Chemnitz, dem ehemaligen sächsischen Industriestandort, der schon mal kurz „Karl-Marx-Stadt“ geheißen hatte, ein Iraker einen Rivalen im Streit erstach. Wie auf Kommando marschierten die „Alternative Partei“, die „PEGIDA“ und rechtsradikale Hooligans gemeinsam und massenhaft durch die Chemnitzer Straßen – sie kamen von überall her. Die Messerstecherei schien ihnen wie gerufen zu kommen.
Beim betroffenheitstriefenden, aber kühl inszenierten „Trauermarsch“ stolzierten sie mit weißen Rosen am Revers vorneweg. Hinter ihnen reckten sich Hände zum Hitlergruß und es kam zu Verfolgungsjagden: selbsternannte Volksverteidiger, also nationalistische Schlägerbanden, gegen Menschen, die irgendwie südländisch aussahen. Pogromstimmung. Aufregung um Aufregung wurde in dieser Zeit durch die Medien getrieben. Mal ein nicht abgeschobener gewalttägiger Asylbewerber, mal ein türkischstämmiger deutsch-türkischer Nationalfußballer, der sich als Speichellecker des türkischen Präsidenten anbiederte, mal der Dieselskandal, mal der angebliche Elektroauto-Skandal.
Ein dubioser Verfassungsschutz-Präsident war untragbar geworden, man feuerte ihn, weil er nicht nur auf dem rechten Auge blind, sondern mehr als wohlwollend gegenüber dem aufkeimenden Nationalismus war. Doch Karl-Günther Haasen schaffte es, nach seiner Zwangspensionierung bei vollen Bezügen, Mitglied der CDU zu bleiben. Er dominierte zuerst die „Werte-Union“ und später, als er den Umsturz vorbereitete, spaltete er aus der CDU die „Rechtsunion“ ab, unterstützt von weiteren alten weißen Männern der CDU, Friedhelm Nerz und Moritz Otter.
Der Vorsitzende der „Alternativen Partei“ mit seiner gelben Hundekrawatte, aber auch die sauertöpfische Co-Vorsitzende mit Lebensgefährtin in der Schweiz konnten ihr triumphales Grinsen kaum noch unterdrücken.
Das alles führte zu einer Stimmung, als ob nichts mehr steuerbar sei. Die Bürger wurden immer mürrischer, auf Behörden wurde nur noch geschimpft, Polizei, Rettungskräfte, Feuerwehr und Krankenhauspersonal wurden zunehmend zur Zielscheibe gröbster Respektlosigkeit.
Die Fernseh-Talkshows diskutierten immer hysterischer die Frage, ob Deutschland im Chaos versinken könnte. Der schmächtige, aber stets gut in enge Anzüge gekleidete sozialdemokratische Außenminister fand deutlichere Worte, aber seine Forderung nach »Haltung zeigen« wurde nicht ernst genommen, nicht einmal von seiner eigenen Partei. Der Bundespräsident erhob, bedächtig wie ein alter Uhu, seine mahnende Stimme, sie verhallte jedoch ungehört wie ein nächtlicher Eulenruf.
Die Schülerproteste „Fridays for Future“ (FFF) waren immer noch bunt und fröhlich, aber auch zäh und hartnäckig, und die Argumente begannen zu wirken, aber sie fanden im März 2020 ein jähes Ende, so wie viele andere Demonstrationen auch, denn …
Schon im Dezember hatte man Nachrichten aus der chinesischen Riesenstadt Wuhan gehört, über eine rasch um sich greifende Infektionskrankheit, ausgelöst durch ein „neuartiges Coronavirus“. Schon im Januar gab es erste Fälle in Südeuropa und mit der Skisaison, oder besser gesagt Après-Ski-Saison, und spätestens mit der Faschingssaison waren die „Superspreader“ unterwegs, die ein unglaublich ansteckendes Virus verbreiteten.
In Italien waren schlagartig die Krankenhäuser überlastet und viele ältere Menschen, aber auch einige jüngere, starben im Lungenversagen. Ab März gab es kein anderes Thema mehr in Deutschland.
Aerosole, Inzidenz, Lockdown, Social distancing, AHA plus L – Regel, nutzlose Corona-Warnapp, Homeschooling, Homeoffice, Maskenpflicht, Coronaleugner, Querdenker, Lockerung, britische Mutante, zweite schlimmere Welle, dritte Welle, halbherziger Lockdown, keine Schulschließungen, dritter Lockdown an Weihnachten, , weitere Virusmutanten, Zusammenbruch der Innenstädte, Höhenflug von Amazon, Verordnungschaos, Ausgangssperre, Überforderung der Krankenhäuser, Überforderung der Eltern, Überforderung der Polizei, Überforderung der Politik, verzögerte Coronahilfen, leere Staatskassen, Betriebsinsolvenzen, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, ermüdete ratlose überreizte Bürger, die indische Variante, Impfstoffmangel, Impfchaos, Impfneid, Impfprivilegien, Impfverweigerer, 3 G-Regel , die Deltavariante, die vierte Welle, die Epsilon-, Omikron-, Lambda- und Omega-Variante …
Das gesellschaftliche Klima, ohnehin schon vergiftet, heizte sich nach langen „Corona-Maßnahmen“ so richtig auf, nach dem „Impfdesaster“ (viel zu langsame und zu bürokratische Impforganisation) erfuhr man von Maskenbetrügern aus CDU/CSU und dann kam es zum kollektiven Aufbegehren der Impfgegner, die eine riesengroße Manipulation am gesamten Volke witterten.
Es gab noch mehr Schwierigkeiten, die es neben Corona aber kaum in die Schlagzeilen schafften: Das wirtschaftliche Chaos, das der “Brexit“ und dann die Corona-Pandemie ausgelöst hatten, war schlimmer als befürchtet. Ungarn, Polen und Italien nannten sich plötzlich „Europa-Reformstaaten“ und verweigerten der EU-Kommission die Gefolgschaft. Die massive rechtsnationalistische Gruppierung im Europaparlament nutzte jede Gelegenheit, um gegen Brüssel zu stänkern und blockierte fast alle Gesetze, ohne Alternativen aufzuzeigen. Die Null-Zins-Politik führte zu explodierenden Immobilienpreisen und Mietpreisen. Als die Staats- Hilfsgelder erschöpft waren, kam es europaweit zu einem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Türkei lenkte neue Flüchtlingsströme nach Europa. Nach dem Afghanistan-Desaster fürchtete man sich vor noch mehr Flüchtlingen. Angst ging um.
Jürgen erinnert sich gut: Er war als Hausarzt in der Corona-Hochphase in seiner Praxis extrem gefordert gewesen. Die positiven Fälle häuften sich, er musste viel melden, viel testen, massive Hygienestandards einhalten. Die von ihm betreuten Menschen in Altersheimen vereinsamten wegen der grausamen Besuchsverbote. Zeitweise schien es außer Covid-19 keine anderen Krankheiten mehr zu geben. Dann kam der Stress mit den Impfwilligen bei zu wenig Impfstoff. Dann gab es Impfstoff im Überfluss, aber keine Impfwilligen mehr.
Eine Zeitlang hatte er in all dem Stress die politischen Entwicklungen aus den Augen verloren, eingesponnen in die Coronawirrnis, quasi in einer Pandemietrance wie viele andere Ärzte damals auch. Erst im Frühjahr 2022 kam es zu einer gewissen Entspannung, die Inzidenzen gingen zurück, die Erkrankungen verliefen weniger schwer und trafen vor allem Jüngere und Ungeimpfte. Nun konnte sich Jürgen wieder vermehrt „normalen Krankheiten“ wie Diabetes, Krebs, Herzinsuffizienz, Rückenschmerz, Arthrose oder Demenz widmen.
Der Sommer 2021 war nass und brachte die Sturzflut
Jürgen war schon oft mit ihm verglichen worden, offensichtlich sah er ihm ähnlich. Sven Plöger, Jahrgang 1967, Meteorologe der ARD, stets mit Jeans, offenem Hemd und Jackett gekleidet, spärliches Haar, schlank und schlaksig, machte am 13. Juli eine ungewöhnlich ernste Miene.
»Wenn man Richtung Ruhrgebiet übers Rheinland Richtung Eifel guckt … am Nachmittag kommen kräftige, teils unwetterartige Gewitter mit Regenmengen bis 160 Litern, vielleicht auch mehr…«
An den Tagen danach gab sich Sven Plöger selbstkritisch: »Ich hätte vielleicht eindringlicher warnen müssen!«
Eigentlich hatte er schon seit längerer Zeit immer wieder vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Nun waren die schlimmsten Sturzfluten aller Zeiten über beschauliche Dörfer hereingebrochen, Häuser, Straßen, ganze Berge wurden wie Spielzeug weggespült, schwere Kanalsegmente purzelten wie Legosteine herum. Es gab viele, sehr viele Tote, zerstörte Landschaften, Entsetzen.
Die zynischen Reaktionen aus der einschlägigen Ecke im Internet ließen nicht lange auf sich warten:
„Was ist jetzt mit dem Klimawandel? Von wegen Dürre!“
„Da kann Merkel ihre Flüchtlingsfreunde zum Aufräumen hinschicken! Die schaffen das!“
„Was ist jetzt mit euch Schulschwänzern? Hopp, hopp an die Ahr zum Schlammschippen!“
„Und wer hilft jetzt beim Aufräumen? Bagger, Raupen, Schlepper – alles Dieselfahrzeuge. Und die wollen den Diesel verbieten! Geht’s noch?“
Vernünftige Leute hatten nun keinen Zweifel mehr: Der Klimawandel schlägt auch bei uns zu! Die Wetterextreme waren genau so vorhergesagt, nur hatte niemand gedacht, dass sie das malerische deutsche Binnenland so schnell betreffen würden.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident war CDU-Kanzlerkandidat, denn die Bundestagswahlen standen an. Bei der Trauerrede des Bundespräsidenten stand er feixend im Hintergrund, warum auch immer und auch nur ganz kurz, aber diese Sekunde kostete ihn alle Wahlchancen.
Die Wahlen Ende September 2021 verliefen desaströs für die CDU. Nur die CSU in Bayern holte noch einmal ein gutes Drittel der Stimmen. Wahlgewinner wurden mit Abstand die Grünen, deren Kanzlerkandidatin einen spektakulären Wahlkampf hingelegt hatte. Zu den Gewinnern gehörte auch die „Alternative Partei“. Die SPD konnte sich wenigstens einigermaßen halten. Die Linkspartei und die FDP schafften es auch wieder in den Bundestag. Natürlich hatte keine Partei für sich allein eine Regierungsmehrheit. Es kam zur hektischen Auslotung der verschiedensten Varianten für kleinere oder größere Koalitionen in allen Farbkombinationen. Die CDU/CSU biederte sich sogar der „Alternativen Partei“ als Koalitionspartner an, doch die Alternativen winkten ab, sie forderten frühzeitig eine Wahlwiederholung. Diverse Koalitionsverhandlungen wurden aufgenommen und wieder abgebrochen, schließlich raufte man sich zusammen und einigte sich zwischen Grünen, CDU und FDP zur „Jamaika-Koalition“. Die hübsche Grünen – Vorsitzende mit der spitzen Nase, den kleinen Augen und der Gießkannenstimme wurde Bundeskanzlerin, ihr smarter Co-Vorsitzender Finanzminister. Angela Merkel zog sich in ihr Häuschen in der Uckermark zurück. Die Erleichterung, den Kanzlerinnen-Job los zu sein, war ihr anzumerken.
Die CDU/ CSU schickte ihre besten Minister, vor allem Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) und Andreas (Andi) Scheuer ins Rennen. Armin Laschet, der vielversprechende Kanzlerkandidat, wurde mit dem Landwirtschaftsministerium abgespeist. Bei der FDP lief der Vorsitzende Patrick Lindner mit stolzgeschwellter Brust umher – er hatte das Wirtschaftsministerium ergattert. Die Jamaika-Koalition startete mit dem Regieren und wurde sofort zur Zielscheibe für die vielen Protestbewegungen im Land.
Mitten in die vierte Corona-Welle platzte die Nachricht, dass das Kernkraftwerk in Neckarwestheim bei Heilbronn eine Menge sehr poröser Rohre („Dampferzeuger-Heizrohre“) besaß, die jeden Augenblick reißen könnten und zu einem GAU führen könnten. Diese Meldung wurde von einer Handvoll Atomkraftgegner, allen voran der Arzt Franz Hagner, an die Öffentlichkeit gebracht, mit der Forderung, das Atomkraftwerk, das im Neckartal idyllisch zwischen den Steillagen der Weinberge versteckt lag und nur an der gewaltigen Dunstfahne aus dem Kühlturm zu erkennen war, umgehend herunterzufahren und stillzulegen.
Franz Hagner stand vor den Kameras der „Landesschau“ und wetterte durch seine Corona-Maske hindurch:
»Zehn Jahre nach Fukushima ist es geradezu bestürzend, dass ausgerechnet ein grün geführtes Umweltministerium in Stuttgart nun die akute Gefahr im AKW Neckarwestheim ignoriert!«
Hagner wurde weder ernst genommen, noch wurden die Warnungen öffentlich groß wahrgenommen, denn Corona beherrschte seit mehr als einem Jahr fast alle Nachrichten. Die Behörden nahmen die Erkenntnisse der neuen Risiko- Studie zur Kenntnis und gingen zur Tagesordnung über, die vor allem darin bestand, Corona-Regeln aufzustellen und wieder aufzuheben und zwischendurch den ein oder anderen Coronafrevler zu bestrafen.
Als am elften November 2021 (die Jamaika-Regierung und die erste Trotz-Corona-Faschingskampagne waren gerade gestartet) dann tatsächlich hunderte Rohrleitungen brachen, merkte zunächst keiner, dass eine große Menge Kühlwassers austrat. Eine riesige Dampfwolke entwickelte sich, in der sich massenhaft radioaktive Partikel angefacht durch den leichten Südwestwind nach Nordosten ausbreiteten. Heilbronn, Neckarsulm, Weinsberg und große Teil Hohenlohes mussten evakuiert werden. Die Einwohner sollten gemäß eines Katastrophenplans aus den siebziger Jahren geordnet auf umliegende Gemeinden verteilt werden, doch das funktionierte nicht, weil die Menschen in ihren Autos panisch dahin flohen, wo es ihnen am sichersten erschien, und das war so weit weg wie möglich.
Die Polizei konnte nur versuchen, die endlosen Autoschlangen zu dirigieren und Verstopfungen der überlasteten Straßen zu verhindern. Währenddessen stieg die Radioaktivität aus dem ausgetretenen Wasserdampf, die Dampfwolke reicherte sich mit radioaktiven Teilchen an und die teilchenbeladenen Wolken wurden wieder und wieder auf die Städte und Dörfer zu getrieben.
Jürgen erinnert sich an die endlosen Schlangen von Autos, die durch Kirchardt donnerten und sich weder an die Tempobeschränkung noch an Vorfahrtsregeln hielten. Er erinnert sich an die Unfälle und die wütende Panik, mit der die Menschen aufeinander losgingen, wenn die Straße verstopft war.
Alle strebten nach Westen, um weit weg vom Kernkraftwerk und möglichst in den Windschatten des Fallouts zu kommen. Erste Schätzungen gingen von 500000 Menschen aus, die innerhalb eines Tages die Region verlassen hatten. Ein Wunder, dass in dieser Massenpanik nur 3 Kinder ums Leben gekommen waren, erdrückt auf dem Heilbronner Bahnhof, als Massen in einen Zug Richtung Mannheim drängten. Keine Chance zur Flucht hatten die Menschen in Altersheimen, im Heilbronner Gefängnis und in den Kliniken. Sie bekamen hohe Strahlendosen ab, direkte Strahlentote gab es aber nicht, denn die Strahlenspätschäden würden erst in einigen Jahren auftreten.
Die Industriestädte waren leergefegt, die Gewebegebiete verwaist. Aus der gerade eben noch aussichtsreichsten Wirtschaftsregion in Baden-Württemberg war eine Geistergegend geworden. Keiner wusste, wie lange es dauern würde, bis man die Gegend wieder betreten konnte. Die neu gebauten Krankenhäuser wurden schließlich doch noch evakuiert. Der schicke, von Peter Weiß, dem WEDL-Besitzer, gestiftete Bildungscampus in Heilbronn glich einer spukhaften Filmkulisse. Die nagelneue Deutschland-Zentrale des WEDL-Konzerns, auf einer großen Obstwiese in Bad Wimpfen aus dem Boden gestampft, stand ein halbes Jahr nach ihrer Einweihung leer. Die riesige AUDI-Fabrik lag öde und verlassen.
