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Das Junker-Buch ist ein Tagebuch, ohne Tagebuch zu sein, und ein Kalenderroman, ohne ein Roman zu sein. Es ist Autobiographie, ohne Anspruch großen Wahrheitsgehaltes und doch das Bekenntnis eines Spätgetauchten. Es geht auf ein Wortspiel zurück und ist doch auch - unabhängig von seiner Unernsthaftigkeit - ernst gemeint. Was das alles soll? - Lesen und urteilen Sie selbst...
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Buch
Dieses dritte Buch des Autors erscheint außer der Reihe. Eigentlich sollte die Serie der Gedichtbändchen mit Prosa-Anhang und philosophischem Abschlusstext fortgesetzt werden, was noch zu leisten ist. Dabei entstand das Manuskript des vorliegenden Bandes früher als viele Texte aus den beiden ersten Taschenbüchern. Ja, aber es brauchte in seiner Entstehung etliche Jahre und ist dabei sprunghaft und lückenreich in seinem Erzählfluss. Es ist vielleicht mit Robert Walsers „Der Räuber“ zu vergleichen, nicht in der Qualität, das maßt sich der Autor nicht an, aber in seiner schlawinerhaften Unernsthaftigkeit. Urteilen Sie, als Leser, selbst, ob es einen Wert an sich hat – oder besser unveröffentlicht geblieben wäre…
Autor
Bezi von Böhmlach ist ein frühes, wenig benutztes Pseudonym von Bernhard J. P. Zimmer, geboren am 16. Mai 1968 in Erlangen, und von keinem Tropfen blauen Blutes geadelt. Der Adelstitel ist vielmehr eine Anspielung auf den Namen der Straße, in der er seit seiner Geburt wohnt, die allerdings bei der Eingemeindung des Erlanger Vorortes Tennenlohe umbenannt wurde, weil im Nachbarort eine Straße gleichen Namens existierte. Er schreibt seit der 11. Klasse Prosatexte und schon ein wenig länger Lyrik. Das Junkerbuch ist ein Nebenwerk, das längere Zeit in Anspruch nahm und mehr verbirgt, als es offenlegt.
Die Stoßstange ist aller Laster Anfang.
Volksmund
Wie beginnt man ein Buch? Man
fängt ganz einfach zu schreiben an.
Man wagt einen ersten zagenden
Anstrich; ein erstes Aufflackern;
und dann: geht es...
...irgendwie ganz bestimmt
weiter. Man macht diesen oder
jenen Versuch; bricht ihn wieder
ab und so weiter usf.
So vergeht ein Monat, ein Jahr,
eins ums andere.
Sonntag 1. Januar
Und es geht etwas flotter weiter. Man
ziert sich nicht mehr. Es hat einen
besonderen Elan. Eine natürliche
Unbeschwertheit greift dann um sich.
Man wiederholt sich immer weniger
und schreibt mit
immer weniger Kanten und
Fehlern.
Montag 2. Januar
Ein Auf und ein Hinab gibt es in
jedem Leben eines ehrlichen
Junkers; gerade in seinem. Er
verzehrt sich oft und gerne in
heißester Lyrik und Phantasei.
Dienstag 3. Januar
Er ist voller halbgarer Ideen und
unvertrauter Illusionen. Ein
Schlimmer ist er ganz gewiß.
Seine Pläne sind, da er selten Zeit
und Muße zur Absprache mit
Nebenmenschen findet, so
unausgewogen und spintisant, daß
man sich nur recht eigentlich
wundern kann.
Mittwoch 4. Januar
Der rechte Junker macht alles was er
macht aus vollster Brust und tiefster
Überzeugung. Er läßt sich nur ungerne
lumpen und Lumpen
überhaupt rechts liegen;
Donnerstag 5. Januar
denn er ist oft und gerne ein
Links- vielleicht gar
Beidhänder; ...und er ist ein
schrecklicher Pedant. Ein Pendant
zu ihm ist vielleicht im
naturalischen nur das
kleingewitzte, possierlich-
sammelfreudige
Freitag 6. Januar Heilige Drei Könige
nord-süddeutsche Wald-, Wiesen- und
Friedhofseichhörnchen. Es kennt alle
Schliche der Versteckungskunst und
hat seine Rast- und Lagerstätten an so
vielerlei Orten angebracht, daß es die
Hälfte davon vergessen hat, bevor es
die
Samstag 7. Januar
andere leergegessen hat. Es ist ein
Spielkind unter den gottgegebenen
Wesen. So auch der rechte Junker, er
ist ein freundlicher Fopper und
leichtsinniger Musikant. Ein
Ichweißnichtwie, weil er sich in seinen
Einzelexemplaren
Sonntag 8. Januar
von Landstrich zu Landstrich und von
Gegend zu Ungegend so
unterschiedlich ausprägt und gestaltet.
Er ist einfach. Und
unbeschreiblich unberechenbar.
Der deutsche Junker insbesondre:
er ist ein Dichterling und
Denkerlein.
Montag 9. Januar
Ein querer Krausen- und Brausenkopf.
Auch ich bin - leider noch - ein Junker
und ich bin es äußerst gerne und mit
Eifer: ich glaube es gibt nur wenige
Menschen, die so täglich und anhaltend
aufräumen und putzen wie ich.
Dienstag 10. Januar
Das ist nun so eine Marotte von mir,
ein kleiner harmloser Tick und es gibt
schlimmere. Ich habe noch und mache
gerne: Kinderaugen. Ebenfalls: schöne
Augen, all' den hübschen Mädchen auf
dem Globus. Ich bin ein Schnöderian
und
Mittwoch 11. Januar
eitler Fatzke. Ich könnte noch
viele tadelnde Worte für mich
finden, bin es indes leid und
außerdem ein faulpelziger Strick.
Ich mache grundentsetzlich alles
und auf eine unausstehliche
Weise: das ist u.a. auch das so
besonders
Donnerstag 12. Januar
junkerhafte an mir. Ich fühle mich in jedem
Winkel unseres ganzen Hauses wie
eingeboren und benehme mich
entsprechend, obwohl ich doch nur ein
einziges kleines, noch dazu schallundichtes
Zimmerlein besitze (noch nicht mal
tatsächlich
Freitag, 13. Januar
„eigne“, da Eigentum mehr ist als
Besitz: nach BGB nämlich!)
Nebenher bin ich noch sehr unproduktiv.
Ich beende nie, was ich nie anfange. Und
ich erwähne mich zu oft. Lassen wir das!!
Was ist z.B. mit diesem Buch? Besteht
gerechte Hoffnung auf einen end-
Samstag 14. Januar
gültigen Abschluß? Etwa eine
Entjungferung?! Sie besteht tatsächlich.
Da nämlich meine Hochzeit meinerseits
bereits beschlossene Sache ist, es also
nurmehr von der mir noch nicht
persönlich vorgestellten Partnerin
abhängt, ob sie
Sonntag 15. Januar
etwa einwilligen möge. Ich höre
gerade in einem alten Radio den
Liebestraum Franz Liszts, und bin
wieder einmal mehr von der
Kongenialität meiner
Mitschöpfung beeindruckt. Das
„Cantabile“ von Paganini ertönt
nun merkwürdig brav und züchtig,
Montag 16. Januar
so, wie ich es gerne wäre, und es
doch nicht annähernd zu sein
erreiche. Auf dem Giebeldache,
meinem Balkon gegenüber gurren
zwei Tauben und flattern dann zu
dem meinen herüber; die eine ist
nahezu friedenstaubenweiß. Kein
ernstzunehmender Traum!
Dienstag 17. Januar
So sitzt man wohl gelegentlich
oder angelegentlich, wohl auch
manchmal fast strebsam und
fleißbewußt, um nur irgendwas
Schaffensfrohes der lieben
Nachwelt hinterlassen zu können,
etwas Kleines, ein wenig nett-
zum Verliebendes; etwas, daß man
Mittwoch 18. Januar
gerne wieder anschaut oder zur Hand
nimmt, vielleicht mit allerlei Bildern
versetzt, damit es auch noch optisch
erfreuen möge. Ein kleiner
Zeitvertreib soll es halt sein, beim zur
Hand nehmen, wie beim Bereiten.
Vom Junker - für Junker und
Jungfern.
Donnerstag 19. Januar
Insbesondere letztere! Denn nichts
zieht einen gestandenen Junker
mehr an. Höchstens vielleicht
Geschiedene oder Verwitwete, mit
drei drolligen, leider bereits zu
lang geratenen Bengelchen, von
welchen der Älteste sein
heulendes Moped, die Mittlere
klimpernden Schmuck und
Freitag 20. Januar
das Jüngste hämmernde Pop-
Musik bevorzugen. Wenn man erst
einmal erkannt hat, daß das beste
Arbeitsvermeidungsverhalten
andere, leichtere Arbeit ist, scheut
man sich nicht mehr vor der
Arbeit, sondern erleichtert
Samstag 21. Januar
sie sich zunehmend. So wurde z.B.
vorhin in diesem Hause, das ich heute
nicht verlassen habe, ein weiteres
kleines Haus, allerdings aus Pappe, das
dem kleinsten hierwohnenden Menschen
geschenkt worden war, zerlegt. Dabei
half ich. Daraufhin spielte ich
Sonntag 22. Januar
mit einem ebenfalls diesem Kinde,
meiner Nichte, gehörenden
Musikinstrument - trotz seiner
erstaunlich geringen Größe Akkordeon
genannt (nicht etwa bloß
Ziehharmonika). Die Mutter der
Akkordeonistin, also meine
Schwester, fand sowohl die Art
und Weise der Hauszerlegung wie
auch jene meines musikalischen
Improvisierens angemessen
Montag 23. Januar
und hübsch. Dennoch schlug sie
mir vor, das Instrument mit auf
den sonnendurchfluteten
Dachboden zu nehmen, was ich
aus „Sättigungs- oder
Zufriedengestelltheitsgründen“
dankend ablehnte. Ebendiese
Schwester sah vorhin zu mir ins
hochgelegene, nicht oder besser,
noch
Dienstag 24. Januar
nicht mir gehörende Zimmer
hinein, nur um mir freudig
zuzuzwinkern.
Seltsam, was jugendliche
Junggesellen alles erleben dürfen.
Durch die vielen Arbeiten indes
und darauf wollte ich eigentlich
hinaus,
Mittwoch 25. Januar
hatte ich schließlich den Nerv und
auch die Stirn meinem eignen
Vater dankend abzulehnen, als er
mir anbot, vor dem Haus mit dem
Besen zu kehren, wissend, daß
dann er es tun müßte. Soll ich
sagen: „Man wird
Donnerstag 26. Januar
selbstbewußt!“ oder doch wohl
eher „... man wird aber ganz schön
frech!“; ich weiß es nicht... Aber
fast scheint mir wiedermal beides
zu passen. Naja, wer weiß.
Irgendwie jedoch muß sich jeder
Mensch darauf einrichten, mit
seiner Erdenschwere
Freitag 27. Januar
hienieden irgendwie fertig zu werden.
Zumindest komme ich mir
wenigstens jetzt im Moment nicht
eigentlich sehr frech vor, sondern
sehr praktikabel und brauchbar. Denn
schreiberisch bin ich tätig und wie!
Samstag 28. Januar
Ich muß staunen. Schreibend im
Sitzen, im Hocken, vielleicht nicht
gerade auch noch im Stehen, jedoch
immer lustbetont und recht froh und
engagiert. Weltmännisch heiter und
nahezu allwissend muß ich
zwangsläufig mir vorkommen, wenn
ich so
Sonntag 29. Januar
über Gott und alle Welt
Weltweisheiten loslasse und
freigebe, aus meinem geladenen
Gedächtnis heraus- und
hinwegspule und -spüle.
Den Januar wenigstens will ich
heute noch „garschreiben“, das
wird bei dieser Zeilenbreite keine
Schwierigkeiten haben.
Montag 30. Januar
Und ich forciere auch nichts, ich
lasse kommen. Überhaupt die
Haupttätigkeit eines Junkers: „das
Erwarten“.
Ich bewundere zwischendrein das
erstaunliche Wechsellichtspiel vor
meiner Balkontüre und genieße
die Freiheit meiner
Dienstag 31. Januar
nackten Beine. Da es ja Mai ist, ist
das Genießen so besonders
einfach für mich, zumal der 90er
Mai ein treibhausklimatisch
herausragend warmer Monat
später einmal genannt werden
muß. So, nun schließe ich den
kalendarischen Januar, diesen
kalten Jahreserstlingsmonat ab.
Mittwoch 1. Februar
Nun, ich trinke gerade Malventee
zum Abschluß des Abendbrotes,
zum Teil auch gemischt mit
Orangensaft und genieße das
Herannahen des Abends. Unterdeß
beginne ich den Monat Februar
des letzten Kalenderjahrs
kalendarisch, zeilentreu vollzu-
Donnerstag 2. Februar
schreiben. Und ich mache mir gar
nichts daraus, daß ich fettige
Finger habe und es dadurch
fraglich ist, ob das Buch nicht
darunter leiden könnte. Nein, es
kann auch nicht leiden. Es kann
bloß „reifen“. Es muß - wohl oder
übel.
Freitag 3. Februar
Man wirft mir mal wieder vor, ich
spielte, wenn ich schreibe. Man
sieht den tiefsinnigen Ernst nicht,
mit dem ich dieses hier betreibe.
Aber man ist das als Schriftsteller
ja gewöhnt, mißverstanden zu
werden. Ach ja, Gutenachtküsse!
Samstag 4. Februar
Fernsehen, ja; das ist etwas so
recht Lustiges: Es wird auf der
Fernbedienung herumgedrückt
und man schaut gar nicht so
schnell, wie sich die
Programmbilder verändern.
Gelegentlich bleibt man aus
Langeweile beim leidigen Sport
hängen:
Sonntag 5. Februar
Da kann man dann schreiben! Ich
habe mir heute schnurstracks die
Uhrzeit verklebt mit einer
Chiquita-Plakette, von einer
Bananenschale abgezogen. Früher
glaubte ich im Bild der Plakette
ein Bananenmonster zu erkennen
und sah das verführerische,
Montag 6. Februar Rosenmontag
südamerikanische Mädchen nicht. Tja,
so täuscht man sich, doch der
Junkerblick wird schärfer ... und
„stierender“! Zumal ich ein Kind des
Mai’s bin, ein sternemäßiger Stier.
Jetzt zeigen sie was von Berlin, eine
Lieblingsstadt von mir.
Dienstag 7. Februar Fastnacht
Sie ist etwas ordentlich Gemischt-
Interessantes und wird noch
komplizierter, freuen wir uns darauf. -
Die Edlen machen ihre Arbeit
unsichtbar, das merk ich immer wieder.
Nur Faulpelze zeigen sich stets
fleißbeseelt. Sie faulen heimlich
Mittwoch 8. Februar Aschermittwoch
desto mehr. - Morgenstund’ hat
goldene Ohren. Man weiß es, es
ist kein großes sondern eher
kleines Geheimnis, daß Sonntag-
morgende gerne sinnvoll genutzt
werden wollen. Störungen werden
da nicht mehr als solche
empfunden.
Donnerstag 9. Februar
Es gibt für einen Junker nicht Vieles,
daß schöner wäre, als auf einer
sonnigen Terrasse in einem
gepolsterten Stuhl zu sitzen. Er
genießt dies vor allem, wenn seine
Familienmitglieder drinnen im Hause
wilde Gefechte ausführen. Er hält
sich gerne raus.
Freitag 10. Februar Steuertermine: Umsatzsteuer,
Lohn- mit KiSt. etc. Vergnügungssteuer (Ende der Schonfrist: 15.2.89)
Der dteutsche Junker ist entweder ein
Fleißbolzen oder ein Faulinchen,
besonders wohl der süddeutsche,
warum, weiß ich nicht. Bei uns wird
derzeit ein Hummelnest zerstört. Da
nämlich der Asthaufen, in dem sie
nisten, entfernt werden soll.
Samstag 11. Februar
Das mag nun sehr traurig sein, ich
mache mir aber keine Sorgen:
letztes Jahr nisteten sie in einem
alten Komposteimer, bis der
entleert wurde. Ich finde das ganz
in der Ordnung. So soll’s wohl
auch sein.
Sonntag 12. Februar
Man schreibt ja nicht umsonst so ein
Buch; man will sich damit vom
Streunen und von anderen
Dummheiten fernhalten. Es bedeutet
das Einlegen einer gedachten Bremse,
ein internes Stopp-Schild.
Montag 13. Februar
Die Hummeln schwärmen derzeit
aus und suchen Neubauten zum
baldigen Bezug. Ich lasse ihnen
die denkbar freieste Wahl, keine
Beschränkung meinerseits sei
ihnen auferlegt. Ich wünsche
lediglich rechtzeitig gewarnt zu
werden, daß ich mich darauf
Dienstag 14. Februar
einrichten kann. Wir besuchen unsere
Verwandten in Neunkirchen. Sie haben
gerade genug damit zu tun, sich in
ihrem Neugebauthaus richtig
einzunisten. Ich habe mir den
Kulturteil der Frankfurter
Allgemeinen mitgenommen, mit
einem grünen
Mittwoch 15. Februar Steuertemine Gewerbesteuer, Grundsteuer (Ende der Schonfrist: 20.2.89)
Allzweckgummi habe ich ihn an
meinem rechten Handgelenk
festgemacht. Jetzt sind wir mit Oma in
einem Gasthof in der
