Das kleine Buch vom Ruhegebet - Peter Dyckhoff - E-Book

Das kleine Buch vom Ruhegebet E-Book

Peter Dyckhoff

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Beschreibung

In vielen Werken hat Peter Dyckhoff Wegweisung und Orientierung zum Ruhegebet gegeben – mit der vorliegenden Neuerscheinung fasst er die Summe seiner Erkenntnisse und Erfahrungen kompakt zusammen. Für interessierte Beter bietet er einen bewährten Leitfaden, anhand dessen sie sich für Gott und die Seele Zeit nehmen und sich selber tiefer erfahren können. Biblisch fundiert, von Johannes Cassian geprägt: Auch für Fortgeschrittene ein Gewinn!

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Originalausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: wunderlichundweigand,

Stefan Weigand

Umschlagmotiv: Hammershöi, Vilhelm: Zimmer in der Strandgade, 1901, Öl auf Leinwand, Statens ­Museum for Kunst, Kopenhagen, Dänemark

Die Bibeltexte sind entnommen aus:

Die Bibel. Die Heilige Schrift

des Alten und Neuen Bundes.

Vollständige deutsche Ausgabe

©Verlag Herder, GmbH, Freiburg im Breisgau 2005

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

eBook-Konvertierung: Arnold & Domnick, Leipzig

ISBN Print 978-3-451-03174-8

Inhalt

Einführung

Gegen die Ruhelosigkeit

Gottes Wille und Eigenwille

Entstehung des Ruhegebetes

Hinführung zur Gebetspraxis

Hingabe üben

Aufruf zum Aufbruch

Zur Mitte finden

Bereitung zum Gebet

Das Gebet Jesu am Ölberg

Wer sollte noch nicht mit dem Ruhegebet beginnen?

Persönliche Anleitung zum Ruhegebet

Auswahl des persönlichen Gebetswortes

Das Gebetswort

Richtiger Gebrauch des Gebetswortes

Stufen des Ruhegebetes

Anrufung Gottes

Das Geheimnis des Gebetswortes

Wenn sich das Gebetswort verändert

Das Ruhegebet beginnen und beenden

Hingabe

Prüfen der rechten Praxis

Was die Erfahrung lehrt

Rechte Zeit und rechtes Maß

Körperhaltung und Himmelsrichtung

Anzeichen für die rechte Ausübung des Ruhegebetes

Konzentration, Betrachtung und Ruhegebet

Sich in Gott fallen lassen …

Bereitung zum Ruhegebet

Neue Eindrücke meiden

Körperliche Voraussetzungen

Der Weg wird frei

Geduld

Wege ins Licht

Der Seele Flügel verleihen

Worte sind überflüssig

Ausnahmen

Das Ruhegebet unterstützen

Umgang mit Gedanken

Unverarbeitete Eindrücke

Störende Gedanken

Eindrücke ausdrücken

Viele Gedanken während des Betens

Unruhe während des Betens

Gute und schlechte Gedanken während des Gebetes

Zum Ruhegebet zurückkehren

Müdigkeit und Schlaf während des Ruhegebetes

Das Ruhegebet ebnet den Weg zum „Himmel“

Auswirkungen

Wunderbare Veränderungen

Hingabe und Demut

Mögliche körperliche Auswirkungen

Mögliche psychische Auswirkungen

Mögliche religiöse Auswirkungen

Ruhegebet und Liebe

Sterben um zu leben

Auswirkungen des Ruhegebetes verstärken

Ziel: kein Gebetswort, keine Gedanken

Gottesbewusstsein

Erfahrung der Ewigkeit

Weiterführende Literatur

Einführung

Gegen die Ruhelosigkeit

Das Ruhegebet hat seinen Ursprung im Neuen Testament und basiert zudem auf den Erfahrungen der frühchristlichen Mönchsväter. Diese Gebetsweise wurde erstmals von Johannes Cassian (360–435) aufgezeichnet und somit für alle zugänglich gemacht. Gerade in der Ruhelosigkeit unserer Zeit bietet dieses Gebet – auf heutige Erfordernisse hin aktualisiert – einen bewährten Weg zu innerer Ruhe und tieferer Erfahrung des Glaubens.

Bei der enormen Reizüberflutung, der wir ständig ausgesetzt sind, muss zur Ruhe der Nacht eine weitere, geistige Erfahrung der Stille kommen, damit wir nicht krank werden. Es muss Zeiten der Stille und des Schweigens geben, in denen wir uns von allem Sichtbaren und Hörbaren lösen und uns dem „Unsichtbaren“ zuwenden. Wenn wir unser Leben entsprechend einrichten, werden wir von dem Zuviel und der damit verbundenen Dunkelheit befreit, sodass uns das Licht, Christus, einleuchten kann.

Möchten wir, dass unsere Innerlichkeit schneller zur Entfaltung kommt und wir mehr aus unserer Mitte leben, so ist es ratsam, sich wiederholt in die Stille zurückzuziehen. Dies kann durch das Ruhegebet geschehen. Wenn Jesus immer wieder in die Einsamkeit ging, um im Gebet mit seinem himmlischen Vater allein zu sein, um wie viel mehr haben wir es nötig, das Eine, die Stille, immer wieder dem Vielen vorzuziehen?

Doch wo bleibt in unserem Leben Raum und Zeit für das Gebet, für das Schweigen und die Ruhe, von der Gott am siebten Schöpfungstag spricht, der auch uns bittet, diesen Tag durch Ruhe zu heiligen? Um in ein gesundes Gleichgewicht zu kommen oder in ihm zu bleiben, ist es neben unseren Aufgaben notwendig, etwa ein Siebtel unserer Zeit in der von Gott geheiligten Stille und Ruhe zu verbringen. Die tiefe Ruhe für Körper, Geist und Seele, die sich dem Betenden im Ruhegebet schenkt, befreit uns von schmerzhaften, im Wege stehenden Eindrücken und bringt uns dem Urgrund der Schöpfung, Gott, näher.

Wir dürfen und müssen uns in der Begrenztheit unseres menschlichen Wesens immer wieder in die Stille zurückziehen, um nicht leer und krank zu werden. Es darf nicht sein, dass wir in Spannungen hineingeraten, die uns dem wahren Leben mehr und mehr entfremden.

Wie ein lebendiger Organismus die Möglichkeit bietet, von jedem Teil seiner Oberfläche zu der ihn durchflutenden Lebensenergie zu gelangen (wie bei der Pflanze der Saft), so ist für Cassian das Ruhegebet ein umfassendes Gebet, das ständig – immer und überall – einen Zugang zu Gott ermöglicht. Das tiefste Anliegen Cassians ist es, dass der Betende in allem und durch alles in seinem Leben eine Begegnung mit dem Schöpfer erfährt, dem Urgrund allen Seins, mit Gott, der die Liebe ist. Cassian möchte seine Schüler in eine solche Weite des Bewusstseins führen, in der jede Wahrnehmung zu einer Gottesbegegnung wird. Wie Cassian in seiner Zeit durch seine gelebte Spiritualität und seine Werke, die Wissen und Erfahrung verbinden, für viele ein großer Anstoß war, so dürfte auch heute sein Ruhegebet eine Herausforderung sein, aus der Grauzone, der Routine des Alltags und der Mittelmäßigkeit des Glaubens herauszutreten, um Entgrenzung zu erfahren.

Gottes Wille und Eigenwille

Nachdem der Engel Gabriel in Nazaret Maria die frohe Botschaft verkündet und ihr die Geburt Jesu verheißen hatte, antwortete Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort (Lukas 1,38). Mit dieser Antwort nimmt Maria die dritte Vaterunser-Bitte vorweg. Der Gottsuchende und auf Gott Hörende übt im Gebet der Hingabe, seinen eigenen menschlichen Willen zurückzunehmen und letztlich sogar aufzugeben. Damit gewährt er dem Willen Gottes und seiner Gegenwart in sich Raum. Gott möchte aus Liebe zu seinen Geschöpfen und der gesamten Schöpfung seinen Heilswillen allen kundtun, damit nichts und niemand verloren geht.

Der Betende, der noch in der Begrenztheit von Raum und Zeit lebt, lernt durch das Ruhegebet seine eigenen Grenzen auf Gott hin transparent werden zu lassen. Dem äußeren und inneren Schweigen folgt eine tiefe Ruhe der Seele, in der Gott seinen wohlwollenden Willen dem Menschen offenbaren kann.

Jesus hat durch sein Wort und sein Leben den Menschen gezeigt, wie es möglich ist, den Willen Gottes zu erkennen, zu bejahen und auszuführen. Gott selbst ist der Handelnde und dem Menschen kommt es zu, Empfangender zu werden, um seinen eigenen Willen im Willen Gottes aufgehen zu lassen. Daher muss es im menschlichen Leben Pausen geben, die er mit dem Gebet der Hingabe füllt, um jenseits allen eigenen Tuns zum Empfangenden zu werden.

Durch das Ruhegebet, das die Haltung „Dein Wille geschehe“ einübt, erfolgt der Aufbruch zu Gott schrittweise und nicht so schmerzhaft wie oft inmitten des Lebens, wenn Gott einen Menschen mehrmals rufen muss. Das Gebet der Ruhe verspricht die beste Übung, gelassen, frei und „willenlos“ zu werden und den Willen Gottes geschehen zu lassen oder gar noch geduldig auf ihn zu warten. Der Eigenwille eines Menschen kann wie eine Mauer zwischen ihm und Gott sein, ein Fels, an dem alles von Gott Kommende abprallt. Wenn er nun seinen verhärteten Eigenwillen aufgibt, dann kann er sagen: Mit meinem Gott erstürme ich Mauern (Psalm 18,30).

Da jedoch der Eigenwille dem Menschen überaus lieb ist, fällt es ihm schwer, ihn aufbrechen zu lassen oder ihn wie eine Mauer zu überspringen. Es kann daher vorkommen, dass das Ruhegebet, das uns für den göttlichen Willen öffnet, zeitweilig als schmerzhaft empfunden wird.

Der Betende legt im Gebet der Ruhe seinen Willen in die Hände Gottes – darauf vertrauend, dass nur etwas unendlich Gutes mit ihm geschehen kann. Durch Christus, den er in seinem Gebet immer wieder anruft, steuert er auf eine langsame, endgültige Überwindung von Zeit und Tod. Lassen wir den Willen Gottes durch uns lebendig und wirksam werden, entwickelt sich schon sehr bald „das Bild des Himmlischen“ in uns.

Nur zu gut wissen wir aus eigener Erfahrung, dass der Wille Gottes nicht in jedem und allem pulsiert, sondern dass immer wieder finstere und zerstörerische Kräfte am Werk sind, die das aufstrahlende Licht unserer Seele überschatten und auslöschen wollen. Durch Christus jedoch sind wir fähig geworden, den alten Menschen in uns abzulegen, um zu einem neuen Menschen zu werden, der nach dem Bild unseres Schöpfers erneuert wird, um ihn zu erkennen und eins mit ihm zu werden.

Entstehung des Ruhegebetes

Als heilendes Mittel, um allen dunklen und versucherischen Kräften entgegenzutreten, praktizierten und lehrten die frühen Wüstenväter das Ruhegebet, eine Gebetsweise, die sie aus dem Verhalten Jesu gegenüber dem Versucher in der Wüste entwickelten. Dieses Gebet besteht im einfachen Wiederholen bestimmter Verse aus der Heiligen Schrift. Es ist eine Art Stoßgebet, das oftmals rezitiert und dann langsam verinnerlicht wird.

Am Ende seines Aufenthaltes in der Wüste begegnet Jesus dem Widersacher, der ihn in Versuchung führen will. Jesus lässt sich jedoch nicht auf Diskussionen mit ihm ein, sondern antwortet ihm jeweils mit einem Wort Gottes, das für den Widersacher eine Absage bedeutet.

Die Väter wussten um die Gefährlichkeit und die verheerenden Folgen, wenn sie einer Versuchung erlagen. Jede Versuchung wird für sie zur Verführung und führt damit zum Abfall von Gott. Um nicht zu erliegen, nahmen sie das Verhalten Jesu zu ihrem Vorbild, indem sie jeder versucherischen Situation mit einem Wort Gottes begegneten, das sie oftmals wiederholten. Das Verhalten Jesu am Ende seiner Fastenzeit, die wiederholte Absage an das Böse und die mit dem Schriftwort verbundene Ausrichtung auf Gott wurde von den Vätern zu einem allgemeinen Prinzip erhoben.

Diese Gebetsweise, die sich zuerst „Widerspruch“ oder „Widerrede“ nannte, bildete die Grundlage für das spätere Ruhegebet, das dann regelmäßig gebetet wurde und nicht nur in einer versucherischen Situation. Es sind nur wenige, aber oft wiederholte Worte, die zum Ruhegebet werden. Dadurch werden negative, zerstörerische und ungute Kräfte abgebaut und ein Schutzwall gebildet, dass sie den Menschen nicht mehr zerstörerisch überfallen und keinen Einlass in sein Inneres finden. Auf diesem Weg findet der Betende die der Seele innewohnende Ruhe und kann sie mehr und mehr stabilisieren. Durch dieses so einfache Gebet wird die Seele frei von allen Dunkelheiten und zum Licht in die Nähe Gottes geführt; der ständig fließende Gedankenstrom wird durch die Wiederholung ein und desselben Verses aus der Heiligen Schrift unterbrochen, sodass sich Frieden und Ruhe in der Seele ausbreiten können.

Hinführung zur Gebetspraxis

Hingabe üben

Das Ruhegebet ist eine besondere Gebetsweise, die sich vom Lobgebet, der Fürbitte und der Danksagung unterscheidet. Der Betende hat hier jeweils ein besonderes Anliegen, das er vor den Herrn bringt. Im Ruhegebet dagegen geht es nicht um eine bestimmte Thematik, um kein Singen oder Sprechen, um kein bewusstes Denken oder Fühlen, auch um kein inneres Formulieren und auch um kein Gespräch mit Gott. Alles, was in Bewegung ist, kommt mehr und mehr zum Schweigen – sei es die Sprache des Körpers, des Geistes oder die der Seele.

Das Ruhegebet ist eher mit einem Opfer zu vergleichen, bei dem ich abgebe, um es dem Herrn zu übergeben. Hieraus entsteht Hingabe, letztlich die Hingabe meines Selbst, damit ich empfänglich werde für die Liebe Gottes, seine Gnade und für seinen Willen. Da unser kleines Ich mit seinen vielen Vorstellungen und Gedanken, Bildern, Wünschen und Erwartungen uns vorerst immer wieder daran hindert, still zu werden und ein von Gott erfülltes Schweigen zu erfahren, muss das Ruhegebet in mehreren Schritten eingeübt werden. Dazu bedarf es weiterhin mancher Erklärungen durch den geistlichen Begleiter oder die Literatur.

Das Tun, Treiben und Toben der Welt lassen wir hinter uns, wenn wir uns für die Zeit des Gebetes in die Stille zurückziehen. Hier stehen wir direkt in der Nachfolge Jesu Christi, denn es heißt in der Schrift immer wieder von ihm, dass er sich in die Einsamkeit zurückzog, um zu beten. Für ihn war das Eine von höchster Wichtigkeit: die Gemeinschaft mit dem Vater. Und dazu legte er sein Wollen, seine Liebe, sein ganzes Sein in die Hände des Vaters, um von ihm neue Kraft, Einsicht, Auftrag und Gnade zu erhalten.

Da das Ruhegebet uns auf Gott hin entgrenzt, finden in diesem Gebet bestimmte Anliegen oder gar Betrachtungen keinen Platz. Unser Tun und Wollen, ja, die gesamte Vielfalt unseres Ichs stirbt förmlich in Gott hinein, um mit Jesus Christus aufzuerstehen. Wenn wir die ersten Erfahrungen mit diesem Sterben in Gott und gleichzeitig mit der Auferstehung in Jesus Christus gemacht haben, schenkt sich uns eine neue Tiefe unserer Religiosität und damit verbunden eine schrittweise Offenbarung des Geheimnisses des Glaubens.

Unsere Innerlichkeit richten wir im Ruhegebet immer wieder auf Gott und seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus aus. Dies geschieht nicht nur für das Nervensystem, um wach und aufmerksam zu bleiben, sondern insbesondere für unsere Seele, damit sie – angezogen von der Herrlichkeit Gottes – ihrer Sehnsucht folgen kann, Gott zu berühren und in ihm zu wohnen.