Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Das Komplott - John Grisham

Wenn nichts ist, wie es scheintMalcolm Bannister, in seinem früheren Leben Anwalt in Winchester, Virginia, sitzt wegen Geldwäsche zu Unrecht im Gefängnis. Die Hälfte der zehnjährigen Strafe hat er abgesessen, als sich das Blatt wendet. Ein Bundesrichter und seine Geliebte wurden ermordet aufgefunden. Es gibt weder Zeugen noch Spuren, und das FBI steht vor einem Rätsel – bis Bannister auf den Plan tritt. Als Anwalt mit Knasterfahrung kennt er viele Geheimnisse, darunter auch die Identität des Mörders. Dieses Wissen will er gegen seine Freiheit eintauschen.Er hat schon bessere Tage gesehen. Einst ein glücklich verheirateter Kleinstadtanwalt, findet sich Malcolm Bannister im Gefängnis Frostburg wieder, wegen angeblicher Geldwäsche zu zehn Jahren Haft verurteilt. Fünf davon hat er bereits abgesessen. Lange Jahre, die ihn seine Zulassung als Anwalt, seine sozialen Kontakte, seine Ehe und die Beziehung zu seinem Sohn kosteten. Die Zeit im Gefängnis vertreibt Bannister sich als Bibliothekar und juristischer Ratgeber für andere Insassen. Erfüllt ist er von diesen Aufgaben nicht, ihn beschäftigt nur ein einziger Gedanke: so schnell wie möglich raus aus dem Knast. Die Gelegenheit dazu bietet sich, als der betagte Bundesrichter Ray Fawcett mit seiner jungen Freundin erschossen aufgefunden wird. Die Ermittler stehen unter Druck. Genau auf diesen Moment hat Malcolm Bannister gewartet. Er bietet dem FBI einen Deal an: Er liefert den Namen des Mörders und wird im Gegenzug sofort freigelassen. Das FBI nimmt das Angebot an. Bannister beginnt ein neues Leben. Und damit nimmt eine teuflische Intrige ihren Lauf.

Meinungen über das E-Book Das Komplott - John Grisham

E-Book-Leseprobe Das Komplott - John Grisham

JOHNGRISHAM

DAS KOMPLOTT

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Bea Reiter und Imke Walsh-Araya

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Die Originalausgabe erschien unter dem TitelThe Racketeer bei Doubleday, New York

Copyright © 2012 by Belfry Holdings, Inc.Copyright © 2013 der deutschen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.Redaktion: Oliver NeumannUmschlaggestaltung: David Hauptmann, HAUPTMANN & KOMPANIEWerbeagentur, Zürich, unter Verwendungeines Fotos von © Elisa Noguera / Trevillion ImagesHerstellung: Helga SchörnigGesetzt aus der 12/14,7 Punkt Bembovon C. Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-10950-9V002

www.heyne.de

Inhaltsverzeichnis

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

ANMERKUNGEN DES AUTORS

1

Ich bin Anwalt und sitze im Gefängnis. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte.

Ich bin dreiundvierzig Jahre alt und habe die Hälfte einer zehnjährigen Haftstrafe abgesessen, die mir von einem charakterschwachen, scheinheiligen Richter in Washington, D. C., aufgebrummt wurde. Sämtliche Berufungen, die ich eingelegt habe, wurden abgelehnt, und in meinem vollständig geplünderten Arsenal ist kein Prozedere, keine obskure Gesetzesbestimmung, keine Formsache, kein Schlupfloch und kein Ave-Maria mehr übrig. Ich habe nichts mehr. Da ich mich mit dem Gesetz auskenne, könnte ich das tun, was viele Häftlinge tun: die Gerichte mit Stapeln sinnloser Anträge, Schriftsätzen und anderen Eingaben blockieren. Aber das würde mir auch nicht helfen. Mir wird nichts mehr helfen. Ich habe keine Hoffnung, dass ich vor Ablauf der fünf Jahre aus dem Gefängnis komme, es sei denn, mir werden am Ende meiner Haftstrafe ein paar lausige Wochen wegen guter Führung erlassen. Bis jetzt ist mein Verhalten mustergültig gewesen.

Eigentlich sollte ich mich nicht Anwalt nennen, da ich es genau genommen nicht bin. Kurz nach meiner Verurteilung trat die Anwaltskammer von Virginia in Aktion und entzog mir die Zulassung. Der Grund dafür ist schwarz auf weiß nachzulesen: Eine Verurteilung wegen eines schweren Verbrechens zieht automatisch den Ausschluss aus der Anwaltskammer nach sich. Diese Disziplinarmaßnahme wurde ordnungsgemäß im Anwaltsregister von Virginia veröffentlicht. In jenem Monat wurden drei von uns ausgeschlossen, was in etwa dem Durchschnitt entspricht.

In meiner kleinen Welt bin ich jedoch als Knastanwalt bekannt, und als solcher verbringe ich mehrere Stunden am Tag damit, meinen Mitgefangenen bei deren rechtlichen Problemen zu helfen. Ich analysiere ihre Berufungen und stelle Anträge. Ich verfasse einfache Testamente und die eine oder andere Besitzurkunde. Ich sehe Verträge für Häftlinge durch, die wegen Wirtschaftsverbrechen einsitzen. Ich habe den Staat wegen berechtigter Beschwerden verklagt, aber nie wegen ungerechtfertigter. Und es gibt eine Menge Scheidungen.

Acht Monate und sechs Tage nachdem ich meine Strafe angetreten hatte, bekam ich einen dicken Umschlag. Häftlinge lechzen geradezu nach Post, aber auf dieses Päckchen hätte ich verzichten können. Es kam von einer Anwaltskanzlei in Fairfax, Virginia. Sie vertrat meine Frau, die sich – was für eine Überraschung – scheiden lassen wollte. Innerhalb weniger Wochen war Dionne von einer treu sorgenden Gattin, die für immer bei mir zu bleiben versprochen hatte, zu einem flüchtenden Opfer mutiert, das seine Ehe so schnell wie möglich beenden wollte. Ich konnte es nicht glauben. Fassungslos las ich die Unterlagen, mit weichen Knien und feuchten Augen, und als ich befürchtete, in Tränen auszubrechen, rannte ich in meine Zelle zurück, um ungestört zu sein. Im Gefängnis gibt es eine Menge Tränen, die aber stets im Verborgenen vergossen werden.

Als ich von zu Hause wegging, war Bo sechs Jahre alt. Er war unser einziges Kind, aber mehr waren in Planung. Die Rechnung ist ganz einfach, und ich habe sie zigmal gemacht: Wenn ich rauskomme, wird er sechzehn Jahre alt sein, ein Teenager mitten in der Pubertät, und ich werde zehn der wichtigsten Jahre, die ein Vater mit seinem Sohn verbringen kann, verpasst haben. Bis sie zwölf Jahre alt sind, beten kleine Jungs ihre Väter an und glauben, dass die nichts falsch machen können. Ich habe Bo in T-Ball und Fußball trainiert, und er ist mir wie ein junger Hund nachgelaufen. Wir sind angeln und zelten gegangen, und samstagmorgens, nach einem Frühstück unter Männern, hat er mich manchmal in die Kanzlei begleitet. Er war meine Welt, und ihm erklären zu müssen, dass ich sehr lange weg sein würde, hat uns beiden das Herz gebrochen. Sobald ich im Gefängnis war, habe ich ihm verboten, mich zu besuchen. Sosehr ich ihn auch an mich drücken wollte, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass der kleine Junge seinen Vater hinter Gittern sehen würde.

Wenn man im Gefängnis sitzt und so schnell nicht wieder rauskommen wird, ist es nahezu unmöglich, eine Scheidung zu verhindern. Von unserem ohnehin nicht sehr großen Vermögen war nach achtzehn Monaten Dauerbeschuss durch den Staat nichts mehr übrig. Bis auf unser Kind und unser Eheversprechen hatten wir alles verloren. Das Kind war Gold wert, das Eheversprechen einen Dreck. Dionne versprach, die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten, doch als ich weg war, setzte die Realität ein. Sie fühlte sich in unserer kleinen Stadt einsam und isoliert. »Wenn die Leute mich sehen, fangen sie an zu tuscheln«, schrieb sie in einem ihrer ersten Briefe. »Ich bin so einsam«, jammerte sie in einem anderen. Es dauerte nicht lange, bis ihre Briefe deutlich kürzer und immer seltener wurden. Genau wie ihre Besuche.

Dionne ist in Philadelphia aufgewachsen und hat sich nie mit einem Leben auf dem Land anfreunden können. Als ihr ein Onkel einen Job anbot, hatte sie es plötzlich sehr eilig, wieder nach Hause zu kommen. Vor zwei Jahren hat sie erneut geheiratet, und Bo, der inzwischen elf ist, wird von einem anderen Vater trainiert. Auf meine letzten zwanzig Briefe an meinen Sohn habe ich keine Antwort bekommen. Ich bin sicher, dass er sie nie zu Gesicht bekommen hat.

Ich frage mich oft, ob ich ihn je wiedersehen werde. Ich glaube, ich werde es versuchen, obwohl ich diesbezüglich noch unentschlossen bin. Wie tritt man einem Sohn gegenüber, den man so sehr liebt, dass es wehtut, der einen aber gar nicht erkennen wird? Ich werde nie wieder wie ein normaler Vater mit ihm zusammenleben. Wäre es Bo gegenüber fair, wenn sein verloren geglaubter Vater plötzlich auftaucht und darauf besteht, ein Teil seines Lebens zu werden?

Ich habe entschieden zu viel Zeit, um darüber nachzudenken.

Ich bin Häftling Nummer 44861-127 im Gefängniscamp in der Nähe von Frostburg, Maryland. Ein »Camp« ist eine Strafvollzugseinrichtung mit minimaler Sicherheitsstufe für jene von uns, die als nicht gewalttätig gelten und zu zehn Jahren oder weniger verurteilt wurden. Aus Gründen, die ich bis heute nicht kenne, habe ich die ersten zweiundzwanzig Monate meiner Strafe in einem Bundesgefängnis mit mittlerer Sicherheitsstufe in der Nähe von Louisville, Kentucky, verbracht. In diesem Gefängnis, das für Gewalttäter gedacht ist, die mehr als zehn Jahre absitzen müssen, ging es völlig anders zu als im Camp. Das Leben dort war erheblich härter, aber ich habe überlebt, ohne zusammengeschlagen worden zu sein. Dass ich ein Marine war, hat mir dabei immens geholfen.

Was Gefängnisse angeht, ist ein Camp so etwas wie ein Urlaubshotel. Es gibt keine Mauern, keine Zäune, keinen Stacheldraht, keine Wachtürme und nur ein paar Wachen mit Waffen. Frostburg ist relativ neu, und die verschiedenen Einrichtungen sind schöner als die meisten öffentlichen Highschools. Warum auch nicht? In den Vereinigten Staaten geben wir pro Jahr vierzigtausend Dollar für die Inhaftierung eines Häftlings und achttausend Dollar für die Ausbildung eines Kindes an einer Grundschule aus. Im Camp gibt es Therapeuten, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Sekretärinnen, Assistenten aller Art und Dutzende von Verwaltungsbeamten, die in Verlegenheit kämen, wenn sie wahrheitsgemäß erklären müssten, was sie acht Stunden am Tag tun. Aber die Gehälter werden ja vom Staat bezahlt. Auf dem Mitarbeiterparkplatz am Haupteingang stehen jede Menge gepflegte Autos und Pick-ups.

In Frostburg sitzen sechshundert Männer ein, und bis auf ein paar Ausnahmen benehmen wir uns alle sehr gesittet. Die Häftlinge mit einer gewalttätigen Vergangenheit haben ihre Lektion gelernt und schätzen die zivilisierte Umgebung. Andere, die den größten Teil ihres Lebens im Gefängnis verbringen mussten, haben endlich so etwas wie ein Zuhause gefunden. Viele dieser Berufskriminellen wollen nicht mehr weg von hier. Sie sind so ans Gefängnisleben gewöhnt, dass sie in Freiheit nicht mehr leben können. Ein warmes Bett, drei Mahlzeiten am Tag, medizinische Versorgung – auf der Straße draußen können sie auch nicht mehr erwarten.

Das soll nicht heißen, dass das Camp ein angenehmer Ort zum Leben ist. Das ist es nicht. Es gibt hier viele Männer wie mich, die nicht im Traum daran gedacht haben, dass sie eines Tages so tief fallen könnten. Männer mit ordentlichen Berufen, Karrieren, eigenen Firmen, mit Geld und netten Familien und Mitgliedschaften in Country Clubs. In meiner weißen Gang sind Carl, ein Optiker, der seine Medicare-Rechnungen ein bisschen zu stark frisiert hat, Kermit, ein Grundstücksspekulant, der dieselben Immobilien zwei- oder dreimal an verschiedene Banken verpfändet hat, Wesley, ein ehemaliger State Senator aus Pennsylvania, der sich bestechen ließ, und Mark, ein Hypothekengeber aus einer Kleinstadt, der es mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat.

Carl, Kermit, Wesley und Mark. Alle weiß, durchschnittliches Alter einundfünfzig. Alle geben ihre Schuld zu.

Und dann gibt es noch mich. Malcolm Bannister, schwarz, dreiundvierzig, verurteilt für ein Verbrechen, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es begangen hatte.

In Frostburg bin ich zurzeit der einzige Schwarze, der wegen eines Wirtschaftsverbrechens sitzt. Eine Auszeichnung, auf die ich verzichten kann.

In meiner schwarzen Gang lassen sich die Mitglieder nicht ganz so eindeutig definieren. Die meisten sind Jugendliche aus Washington, D. C., und Baltimore, die im Zusammenhang mit Drogenkriminalität verhaftet wurden. Wenn man sie auf Bewährung rauslässt, werden sie auf die Straße zurückkehren, wo sie eine Chance von zwanzig Prozent haben, einer weiteren Verurteilung zu entgehen. Wie sollen sie ohne Schulbildung, ohne Ausbildung und mit mehreren Vorstrafen sauber bleiben?

In Wahrheit gibt es in einem Gefängniscamp weder Gangs noch Gewalt. Wenn man eine Schlägerei anzettelt oder jemanden bedroht, wird man sofort in eine andere Strafanstalt verlegt, in der es erheblich schlimmer zugeht. Es gibt zwar jede Menge Streitereien – vor allem wegen des Fernsehprogramms –, aber bis jetzt habe ich noch nie jemanden zuschlagen sehen. Einige der Jungs haben schon in Gefängnissen mit einer höheren Sicherheitsstufe gesessen und erzählen Grauenhaftes darüber. Niemand will das Camp gegen einen anderen Knast eintauschen.

Und deshalb benehmen wir uns wie Musterknaben, während wir die Tage zählen, die wir noch absitzen müssen. Für die Wirtschaftskriminellen bedeutet die Haftstrafe eine Demütigung und den Verlust von Status, Ansehen, Lebensstil. Für die Schwarzen ist das Leben im Camp sicherer als dort, wo sie hergekommen sind und wieder hingehen werden. Für sie bedeutet die Haftstrafe einen weiteren Eintrag in ihrem Vorstrafenregister, einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Berufsverbrecher.

Deshalb fühle ich mich eher weiß als schwarz.

In Frostburg sitzen noch zwei andere Exanwälte. Ron Napoli war viele Jahre lang ein etwas exzentrischer Strafverteidiger in Philadelphia, bis er sich sein Leben mit Kokain ruinierte. Er hatte sich auf Drogendelikte spezialisiert und viele der umsatzstärksten Dealer und Händler an der mittleren Ostküste von New Jersey bis hinunter nach North Carolina und South Carolina vertreten. Sein Honorar nahm er vorzugsweise in Form von Bargeld und Koks entgegen. Schließlich verlor er alles. Das Finanzamt bekam ihn wegen Steuerhinterziehung dran, inzwischen hat er die Hälfte seiner neunjährigen Haftstrafe abgesessen. Ron geht es nicht gerade gut. Er wird zunehmend schwerer, langsamer, reizbarer und kränker. Früher hat er immer spannende Geschichten über seine Mandanten und deren Abenteuer im Drogenhandel erzählt, doch jetzt sitzt er nur noch im Gefängnishof herum, isst eine Tüte Chips nach der anderen und wirkt völlig orientierungslos. Irgendjemand schickt ihm Geld, das meiste davon gibt er für Junkfood aus.

Der dritte Exanwalt ist ein Schlitzohr aus Washington namens Amos Kapp, ein mit allen Wassern gewaschener Insider, der jahrelang im Dunstkreis jedes politischen Skandals auftauchte. Kapp und ich standen zusammen vor Gericht, wir wurden zusammen für schuldig erklärt und von demselben Richter zu jeweils zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Es waren acht Angeklagte gewesen – sieben aus Washington und ich. Kapp war immer wegen irgendetwas schuldig, und in den Augen unserer Geschworenen war er definitiv schuldig. Er wusste und weiß, dass ich mit der Verschwörung nichts zu tun hatte, aber er war zu feige und zu verlogen, um etwas zu sagen. Gewalt ist in Frostburg strikt verboten, doch falls ich irgendwann einmal fünf Minuten mit Amos Kapp allein sein sollte, breche ich ihm das Genick. Das weiß er, und ich vermute, dass er es dem Gefängnisdirektor vor langer Zeit gesagt hat. Er ist im Westteil des Camps untergebracht, so weit weg von meiner Zelle wie möglich.

Von diesen drei Anwälten bin ich der Einzige, der gewillt ist, anderen Häftlingen bei deren Rechtsangelegenheiten zu helfen. Die Arbeit gefällt mir. Sie ist anspruchsvoll und sorgt dafür, dass ich etwas zu tun habe. Außerdem komme ich so nicht aus der Übung – obwohl ich bezweifle, dass ich als Anwalt eine Zukunft habe. Wenn ich meine Strafe abgesessen habe, kann ich versuchen, meine Zulassung wiederzubekommen, doch das ist mitunter ein mühsames Verfahren. Die Wahrheit ist, dass ich als Anwalt nie Geld verdient habe. Ich habe in einer Kleinstadt praktiziert – noch dazu als Schwarzer –, und nur wenige Mandanten waren in der Lage, ein anständiges Honorar zu zahlen. In der Braddock Street waren zahllose weitere Anwälte mit ihrer Kanzlei vertreten, die alle dieselben Mandanten haben wollten; der Konkurrenzkampf war hart. Ich weiß noch nicht, was ich machen werde, wenn das hier vorbei ist, aber ich bezweifle, dass es etwas mit Jura zu tun haben wird.

Ich werde dann achtundvierzig, ledig und – hoffentlich – bei guter Gesundheit sein.

Fünf Jahre sind eine Ewigkeit. Jeden Tag mache ich einen langen Spaziergang, allein, auf einem nicht asphaltierten Joggingpfad, der sich um das Camp herumzieht und dem Grundstücksverlauf folgt, der auch »Grenze« genannt wird. Überquert man diese Grenze, zählt das als Fluchtversuch. Obwohl hier ein Gefängnis gebaut wurde, ist es ein wunderschöner Flecken Erde mit einer spektakulären Aussicht. Wenn ich bei meinen Spaziergängen die Hügellandschaft in einiger Entfernung sehe, muss ich mich beherrschen, damit ich nicht einfach weitergehe, nicht die Grenze überquere. Es gibt keinen Zaun, der mich aufhalten würde, keinen Wärter, der meinen Namen rufen würde. Ich könnte im dichten Wald verschwinden, für immer untertauchen.

Ich wünschte, es gäbe eine Mauer, eine solide, drei Meter hohe Mauer aus Ziegelsteinen mit Stacheldrahtrollen obendrauf, eine Mauer, die mich davon abhalten würde, die Hügel anzustarren und von der Freiheit zu träumen. Das ist ein Gefängnis, verdammt noch mal! Wir können nicht von hier weg. Baut endlich eine Mauer und hört auf, uns in Versuchung zu führen.

Die Versuchung ist immer da, und sosehr ich auch dagegen ankämpfe, sie wird jeden Tag stärker.

2

Frostburg liegt nur ein paar Kilometer westlich von Cumberland, Maryland, mitten in einem Zipfelchen Land, das Pennsylvania im Norden und West Virginia im Westen und Süden aufgrund ihrer schieren Größe noch mehr zusammenschrumpfen lassen. Sieht man sich das Ganze auf einer Karte an, springt einem sofort ins Auge, dass dieser Wurmfortsatz das Ergebnis einer dilettantischen Landvermessung war und überhaupt nicht zu Maryland gehören sollte, wobei allerdings auch nicht klar ist, wo er besser aufgehoben wäre. Ich arbeite in der Bücherei, und über meinem kleinen Schreibtisch hängt eine große Landkarte der Vereinigten Staaten an der Wand. Ich verbringe viel zu viel Zeit damit, sie anzustarren, mit offenen Augen zu träumen, mich zu fragen, wie aus mir ein verurteilter Straftäter werden konnte, der im äußersten Westen Marylands in einem Bundesgefängnis sitzt.

Knapp hundert Kilometer von hier liegt Winchester, Virginia, fünfundzwanzigtausend Einwohner, der Ort, in dem ich geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Der Ort, in dem ich als Anwalt gearbeitet habe. Der Ort meines Untergangs. Man hat mir erzählt, dass sich nicht viel verändert hat, seit ich nicht mehr dort bin. Die Kanzlei Copeland & Reed hat ihre Räumlichkeiten immer noch in dem Ladengeschäft, in dem früher auch ich gearbeitet habe. Es liegt in der Braddock Street, im Stadtzentrum, direkt neben einem Diner. Der in schwarzen Buchstaben auf das Fenster gemalte Name lautete früher Copeland, Reed & Bannister, und es war die einzige Kanzlei im Umkreis von hundert Kilometern, in der ausschließlich schwarze Anwälte arbeiteten. Man hat mir erzählt, dass Mr. Copeland und Mr. Reed ganz gut zu tun hätten, sicher nicht so viel, dass sie reich werden würden, aber immerhin genug, um ihre beiden Sekretärinnen und die Miete zu bezahlen. So ging es auch schon, als ich dort einer der Partner war – wir kamen gerade über die Runden. Zum Zeitpunkt meines Untergangs hatte ich ernsthafte Zweifel daran, in einer so kleinen Stadt überleben zu können.

Man hat mir erzählt, dass Mr. Copeland und Mr. Reed sich weigern, über mich und meine Probleme zu sprechen. Um ein Haar wären sie ebenfalls angeklagt worden, und ihr guter Ruf litt sehr darunter. Der Staatsanwalt, der mich festgenagelt hat, schoss mit der Schrotflinte auf jeden, der auch nur im Entferntesten etwas mit seiner grandiosen Verschwörung zu tun hatte, und fast hätte er die ganze Kanzlei ruiniert. Mein Verbrechen bestand darin, den falschen Mandanten zu vertreten. Meine beiden ehemaligen Partner haben sich nichts zuschulden kommen lassen. Das, was passiert ist, bedauere ich in vielerlei Hinsicht, doch dass meine ehemaligen Partner verleumdet wurden, hält mich nachts immer noch wach. Sie sind beide Ende sechzig, und als junge Anwälte mussten sie sich nicht nur abrackern, um eine »Feld, Wald und Wiesen«-Kanzlei zum Laufen zu bringen, sondern auch einige der letzten Kämpfe der Ära der Rassendiskriminierung ausfechten. Manchmal gingen Richter so weit, dass sie sie im Gerichtssaal ignorierten und aus keinem triftigen juristischen Grund gegen sie entschieden. Andere Anwälte waren ihnen gegenüber oft unhöflich und unprofessionell. Die Anwaltskammer des Countys wollte sie nicht als Mitglieder haben. Mitarbeiter am Gericht verlegten ihre Anträge manchmal. Jurys, die ausschließlich aus weißen Geschworenen bestanden, glaubten ihnen nicht. Und das Schlimmste war, dass sie keine Mandanten bekamen. Schwarze Mandanten. In den 1970ern wollte kein Weißer einen Schwarzen als Anwalt haben, jedenfalls nicht im Süden, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. In der Anfangsphase wäre Copeland & Reed fast pleitegegangen, weil die Schwarzen dachten, weiße Anwälte wären besser. Das änderte sich durch harte Arbeit, fachliche Qualifikation und viel Engagement, aber nur langsam.

Winchester war nicht meine erste Wahl, als ich mich nach einem Ort umsah, an dem ich Karriere machen konnte. Ich studierte Jura an der George Mason University, die im Norden von Virginia am Stadtrand von Washington, D. C., lag. Im Sommer nach meinem zweiten Studienjahr hatte ich Glück und ergatterte ein Praktikum bei einer Großkanzlei in der Pennsylvania Avenue, nicht weit von Capitol Hill entfernt. Es war eine dieser Kanzleien mit tausend Anwälten, Niederlassungen in der ganzen Welt, ehemaligen Senatoren im Briefkopf, Spitzenmandanten und einem hektischen Tempo, das ich in vollen Zügen genoss. Das Highlight war die Zeit als Laufbursche bei einem Prozess gegen einen ehemaligen Abgeordneten (unseren Mandanten), dem vorgeworfen wurde, mit seinen verbrecherischen Brüdern zusammen Bestechungsgelder von einem Rüstungsunternehmen angenommen zu haben. Der Prozess war der reinste Zirkus, und ich war begeistert, dass ich ganz vorn mit dabei sein konnte.

Elf Jahre später betrat ich denselben Gerichtssaal im E. Barrett Prettyman U.S. Courthouse mitten in Washington, um meinen eigenen Prozess durchzustehen.

In jenem Sommer war ich einer von siebzehn Praktikanten. Die anderen sechzehn, alle von den zehn besten juristischen Fakultäten des Landes, bekamen ein Jobangebot. Da ich alles auf eine Karte gesetzt hatte, verbrachte ich mein drittes Studienjahr damit, sämtliche Kanzleien in Washington abzuklappern, doch ich fand keine Stelle. In Washington müssen ständig mehrere Tausend arbeitslose Anwälte auf Jobsuche sein, und es dauert nicht lange, bis man in Verzweiflung versinkt. Irgendwann weitete ich meine Suche auf die Vorstädte aus, wo die Kanzleien erheblich kleiner und die freien Stellen noch seltener sind.

Schließlich gab ich auf und kehrte nach Hause zurück. Meine Träume von einer Karriere in einer bekannten Kanzlei waren geplatzt. Mr. Copeland und Mr. Reed hatten nicht genug Mandanten und konnten es sich eigentlich nicht leisten, einen Anwalt einzustellen. Aber sie erbarmten sich meiner und räumten eine Abstellkammer im ersten Stock der Kanzlei leer. Ich arbeitete so hart, wie es ging, obwohl es bei so wenigen Mandanten häufig eine Herausforderung war, Überstunden zu machen. Wir kamen gut miteinander aus, und nach fünf Jahren waren sie so nett, mich als Partner in die Kanzlei aufzunehmen. Mein Einkommen erhöhte sich dadurch nicht nennenswert.

Während der Ermittlungen gegen mich musste ich hilflos mit ansehen, wie ihr guter Name in den Dreck gezogen wurde. Es war alles so sinnlos. Als ich schon am Ende war, teilte mir der leitende FBI-Beamte mit, dass man Mr. Copeland und Mr. Reed anklagen werde, wenn ich mich nicht schuldig bekennen und mit dem Bundesanwalt zusammenarbeiten würde. Ich hielt es für einen Bluff, hatte aber keine Möglichkeit herauszufinden, ob das stimmte. Ich sagte ihm, er solle sich zum Teufel scheren.

Zum Glück bluffte er.

Ich habe ihnen geschrieben, lange, weinerliche Briefe voller Entschuldigungen, aber sie haben nicht geantwortet. Ich habe sie gebeten, mich zu besuchen, damit wir uns von Angesicht zu Angesicht unterhalten können, aber sie haben nicht reagiert. Obwohl meine Heimatstadt nur knapp hundert Kilometer von hier entfernt ist, habe ich nur einen Besucher, der regelmäßig kommt.

Mein Vater war einer der ersten schwarzen State Trooper, die vom Commonwealth of Virginia eingestellt wurden. Dreißig Jahre lang fuhr er auf den Straßen und Highways rund um Winchester Streife, und er liebte jede Minute davon. Er mochte die Arbeit an sich, die Aura von Autorität und Tradition, das Gefühl, Hüter des Gesetzes zu sein, die Möglichkeit, denen zu helfen, die in eine Notlage geraten waren. Er liebte seine Uniform, den Streifenwagen, alles, bis auf die Pistole an seinem Gürtel. Ein paarmal hatte er seine Waffe ziehen müssen, doch abgefeuert hatte er sie nie. Er ging immer davon aus, dass Weiße aufgebracht reagierten und Schwarze Nachsicht von ihm erwarteten, und war fest entschlossen, allen gegenüber fair zu sein. Er war ein strenger Polizist, für den die Gesetze keine Grauzonen hatten. War etwas nicht legal, dann war es mit Sicherheit illegal. Spielraum und juristische Feinheiten gab es für ihn nicht.

Vom Moment meiner Festnahme an glaubte mein Vater, dass ich schuldig war, wegen irgendetwas. Dass man bis zu einer Verurteilung als unschuldig gilt, war ihm egal. Meine wortreichen Beteuerungen, unschuldig zu sein, waren ihm egal. Nachdem er ein Leben lang Polizist gewesen war, hatten die vielen Jahre, in denen er Gesetzesbrechern hinterhergejagt war, wie eine Art Gehirnwäsche gewirkt. Wenn das FBI mit seinen Ressourcen und seiner Weisheit der Meinung war, ich sei eine Anklageschrift mit hundert Seiten wert, dann hatte das FBI recht und ich unrecht. Ich bin sicher, dass er mich bedauert und darum gebetet hat, ich würde irgendwie aus diesem Schlamassel herauskommen, aber es fiel ihm schwer, das zuzugeben. Das Ganze war eine Demütigung für ihn, und das machte er mir gegenüber auch deutlich. Wie konnte sich sein Anwaltssohn nur auf einen Haufen schmieriger Gauner einlassen?

Diese Frage habe ich mir selbst tausendmal gestellt. Es gibt keine gute Antwort darauf.

Nachdem Henry Bannister die Highschool so gerade eben geschafft hatte, geriet er wegen ein paar Bagatelldelikten mit dem Gesetz in Konflikt und trat mit neunzehn Jahren ins Marine Corps ein. Die Marines machten im Handumdrehen einen Mann aus ihm, einen Soldaten, der nach Disziplin lechzte und stolz auf seine Uniform war. Er wurde dreimal nach Vietnam geschickt, wo er angeschossen wurde, Verbrennungen erlitt und für kurze Zeit in Gefangenschaft geriet. Seine Orden hängen in seinem Arbeitszimmer an der Wand, in dem kleinen Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Er lebt dort allein. Meine Mutter wurde zwei Jahre vor meiner Festnahme von einem betrunkenen Autofahrer getötet.

Henry fährt einmal im Monat zu einem einstündigen Besuch nach Frostburg. Er ist im Ruhestand und hat nicht viel zu tun, daher könnte er, wenn er wollte, auch jede Woche kommen. Aber er will nicht.

Eine langjährige Haftstrafe hat viele grausame Seiten. Eine davon ist das Gefühl, mit der Zeit von der Welt und denen, die man liebt und braucht, vergessen zu werden. Die Post, die in den ersten Monaten noch in dicken Bündeln eintraf, hat sich inzwischen auf ein, zwei Briefe in der Woche reduziert. Freunde und Familienangehörige, die früher anscheinend ganz wild darauf waren, mich zu besuchen, sind seit Jahren nicht mehr aufgetaucht. Mein älterer Bruder, Marcus, kommt zweimal im Jahr vorbei und bringt die Stunde Besuchszeit damit rum, mich über seine neuesten Probleme zu informieren. Er hat drei Kinder im Teenageralter, alle in unterschiedlichen Etappen der Jugendkriminalität, dazu eine Frau, die verrückt ist. Ich glaube, ich habe überhaupt keine Probleme. Trotz seines chaotischen Leben freue ich mich über seine Besuche. Marcus macht schon sein ganzes Leben lang den Komiker Richard Pryor nach, und jedes Wort, das er von sich gibt, ist zum Schießen. In der Regel lachen wir die ganze Stunde lang, während er auf seine Kinder schimpft. Meine jüngere Schwester, Ruby, lebt an der Westküste, und ich sehe sie einmal im Jahr. Jede Woche schreibt sie mir pflichtbewusst einen Brief, was ich sehr zu schätzen weiß. Ich habe einen entfernten Cousin, der sieben Jahre wegen eines bewaffneten Raubüberfalls abgesessen hat – ich war sein Anwalt – und zweimal im Jahr kommt, weil ich ihn besucht habe, als er im Gefängnis war.

Nach drei Jahren hier bekomme ich oft monatelang keinen Besuch, abgesehen von meinem Vater. Die Justizvollzugsbehörde versucht, alle Häftlinge nicht weiter als achthundert Kilometer von ihren Heimatstädten entfernt unterzubringen. Ich habe Glück, dass Winchester so nahe ist, aber es hätte genauso gut tausend Kilometer weit weg sein können. Mehrere meiner Freunde aus Kindertagen haben es bis heute nicht geschafft herzufahren, und von anderen habe ich seit zwei Jahren nichts mehr gehört. Die meisten meiner Anwaltsfreunde von früher haben zu viel zu tun. Der Kumpel, mit dem ich während meines Jurastudiums immer joggen war, schreibt alle zwei Monate, hat aber keine Zeit für einen Besuch. Er lebt in Washington, zweihundertvierzig Kilometer Richtung Osten, wo er angeblich sieben Tage die Woche in einer großen Kanzlei arbeitet. Mein bester Freund vom Marine Corps lebt in Pittsburgh, zwei Stunden von Frostburg entfernt, und ist genau ein Mal hier gewesen.

Vermutlich sollte ich dankbar sein, dass mein Vater mich besucht.

Wie immer sitzt er allein in dem kleinen Besucherzimmer, eine braune Papiertüte vor sich auf dem Tisch. Es sind entweder Cookies oder Brownies von meiner Tante Racine, seiner Schwester. Wir geben uns die Hand, umarmen uns aber nicht – Henry Bannister hat noch nie in seinem Leben einen anderen Mann umarmt. Er mustert mich von Kopf bis Fuß, um sich zu vergewissern, dass ich nicht zugenommen habe, und fragt, wie viel Sport ich gemacht habe. Mein Vater hat in vierzig Jahren kein einziges Pfund zugelegt und passt immer noch in die Uniform aus seiner Zeit im Marine Corps. Er ist fest davon überzeugt, dass weniger essen gleichbedeutend mit länger leben ist. Henry hat Angst davor, jung zu sterben. Sein Vater und sein Großvater sind mit Ende fünfzig tot umgefallen. Er geht jeden Tag acht Kilometer spazieren und ist der Meinung, ich sollte das Gleiche tun. Inzwischen habe ich akzeptiert, dass er nie aufhören wird, mir zu sagen, wie ich mein Leben zu führen habe, egal, ob ich hinter Gittern sitze oder nicht.

Er tippt auf die braune Tüte. »Die sind von Racine.«

»Sag ihr Danke von mir«, erwidere ich. Wenn er sich solche Sorgen um meine Figur macht, warum bringt er mir dann jedes Mal, wenn er mich besucht, fettiges Gebäck mit? Ich werde zwei oder drei Stück davon essen und den Rest verschenken.

»Hast du in letzter Zeit mal mit Marcus geredet?«, fragt er.

»Nein, seit einem Monat nicht mehr. Warum?«

»Es gibt Probleme. Große Probleme. Delmon hat ein Mädchen geschwängert. Er ist fünfzehn, sie vierzehn.« Er schüttelt den Kopf und runzelt missbilligend die Stirn. Delmon war zehn, als er das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt geriet, und die Familie ist immer davon ausgegangen, dass er dauerhaft auf die schiefe Bahn gerät.

»Dein erster Urenkel«, antworte ich in dem Versuch, witzig zu sein.

»Ja, darauf kann ich stolz sein, was? Ein fünfzehnjähriger Idiot, der zufällig Bannister heißt, macht einem vierzehnjährigen weißen Mädchen ein Kind.«

Wir bleiben eine Weile bei diesem Thema. Seine Besuche werden häufig nicht nur durch das definiert, was gesagt wird, sondern durch das, was wir beide tief in unserem Innern vergraben haben. Mein Vater ist jetzt neunundsechzig, und anstatt den Herbst seines Lebens zu genießen, verbringt er die meiste Zeit damit, seine Wunden zu lecken und sich selbst leidzutun. Woraus ich ihm keinen Vorwurf machen kann. Seine Frau, mit der er zweiundvierzig Jahre lang verheiratet war, wurde ihm im Bruchteil einer Sekunde genommen. Während er noch um sie trauerte, kam heraus, dass sich das FBI für mich interessierte, und nach kurzer Zeit wurden wir von den Ermittlungen überrollt. Mein Prozess dauerte drei Wochen, und mein Vater war jeden Tag im Gerichtssaal. Mit ansehen zu müssen, wie ich vor einem Richter stand und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hat ihm das Herz gebrochen. Und jetzt sind Marcus’ Kinder alt genug, um ihren Eltern und der ganzen Sippe ernsthaft Sorgen zu machen.

Unsere Familie hat etwas Glück verdient, aber es sieht nicht so aus, als ob es klappen würde.

»Ich habe gestern Abend mit Ruby geredet«, informiert er mich. »Es geht ihr gut, und ich soll dir Grüße von ihr ausrichten. Sie sagt, dein letzter Brief sei sehr lustig gewesen.«

»Bitte sag ihr, dass mir ihre Briefe viel bedeuten. In den letzten fünf Jahren ist keine Woche vergangen, in der sie mir nicht geschrieben hat.« Ruby ist der Lichtblick in unserer zerfallenden Familie. Sie ist Eheberaterin und mit einem Kinderarzt verheiratet. Die beiden haben drei wohlgeratene Kinder, die von ihrem verrufenen Onkel Mal ferngehalten werden.

»Danke für den Scheck, wie immer«, sage ich nach einer langen Pause.

Er zuckt mit den Schultern. »Gern geschehen.«

Henry schickt mir jeden Monat hundert Dollar, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Geld geht auf mein Konto und erlaubt mir, Sachen wie Stifte, Notizblöcke, Taschenbücher und genießbares Essen zu kaufen. Die meisten Mitglieder meiner weißen Gang erhalten Schecks von zu Hause, aber in meiner schwarzen Gang bekommt so gut wie niemand auch nur einen Penny. Im Gefängnis weiß man immer, wer Geld bekommt und wer nicht.

»Du hast fast die Hälfte hinter dir«, meint er.

»In zwei Wochen sind es fünf Jahre«, erwidere ich.

»Die Zeit geht sicher schnell vorbei.«

»Draußen vielleicht. Ich kann dir versichern, dass die Uhren auf dieser Seite der Mauer erheblich langsamer laufen.«

»Trotzdem ist es schwer zu glauben, dass du schon seit fünf Jahren sitzt.«

Allerdings. Wie überlebt man jahrelang im Gefängnis? Man denkt nicht über Jahre oder Monate oder Wochen nach. Man denkt an heute – wie man den Tag durchsteht, wie man ihn überlebt. Wenn man morgens aufwacht, liegt wieder ein Tag hinter einem. Die Tage summieren sich, die Wochen laufen zusammen, die Monate werden zu Jahren. Irgendwann wird einem klar, dass man zäh ist, dass man funktionieren und überleben kann, weil man keine andere Wahl hat.

»Weißt du schon, was du machen wirst?«, fragt er. Inzwischen stellt er mir diese Frage jeden Monat, als würde es nicht mehr lange dauern bis zu meiner Entlassung.

Geduld, ermahne ich mich. Er ist mein Vater. Und er ist hier! Das zählt viel. »Eigentlich nicht. Es ist noch zu weit weg.«

»Ich würde langsam mal anfangen, darüber nachzudenken, wenn ich du wäre.« Er weiß natürlich ganz genau, was er an meiner Stelle tun würde.

»Ich habe gerade einen Fortgeschrittenenkurs in Spanisch abgeschlossen«, berichte ich nicht ohne Stolz. In meiner braunen Gang habe ich einen guten Freund, Marco, der ein ausgezeichneter Lehrer ist. Er sitzt wegen einer Drogensache.

»Bald werden wir ja wohl alle Spanisch sprechen. Sie kommen an die Macht.«

Henry hat nicht viel Geduld mit Einwanderern, Leuten mit Akzent, Leuten aus New York und New Jersey, Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen. Außerdem ist er der Meinung, dass man Obdachlose zusammentreiben und in Camps internieren sollte, die seiner Ansicht nach schlimmer als Guantánamo aussehen müssten.

Vor ein paar Jahren sind wir uns deshalb einmal in die Haare geraten, und er hat gedroht, mich nicht mehr zu besuchen. Es ist Zeitverschwendung, mit ihm zu streiten. Ich werde ihn nicht mehr ändern. Er ist so nett, hierherzufahren; mich zu benehmen ist das Mindeste, was ich tun kann. Ich bin der verurteilte Straftäter, nicht er. Er ist der Gewinner, ich der Verlierer. Das scheint Henry wichtig zu sein, obwohl ich nicht weiß, warum. Vielleicht, weil ich aufs College gegangen bin und Jura studiert habe, etwas, wovon er nicht einmal geträumt hat.

»Ich werde wahrscheinlich das Land verlassen«, sage ich. »Irgendwo hingehen, wo ich mein Spanisch brauchen kann, Panama oder Costa Rica vielleicht. Warmes Klima, Strände, Leute mit einer dunkleren Hautfarbe. Sie kümmern sich nicht um Vorstrafenregister oder darum, ob jemand mal im Gefängnis gewesen ist.«

»Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner, stimmt’s?«

»Richtig, Dad. Wenn man im Gefängnis sitzt, ist das Gras überall grüner. Was soll ich denn machen? Wieder nach Hause gehen und als Anwaltsassistent ohne Zulassung für eine winzige Kanzlei arbeiten, die es sich nicht leisten kann, mich einzustellen? Soll ich vielleicht Kautionsagent werden? Wie wäre es mit Privatdetektiv? Es gibt nicht viele Möglichkeiten.«

Er nickt. Über dieses Thema haben wir schon mindestens ein halbes Dutzend Mal gesprochen. »Und du hasst den Staat«, sagt er.

»O ja. Ich hasse den Staat, das FBI, die Bundesanwälte, die Bundesrichter, die Idioten, die die Gefängnisse betreiben. Ich hasse das alles. Ich sitze hier zehn Jahre ab, für ein Verbrechen, das keines ist, weil irgend so ein karrieregeiler Bundesanwalt etwas für seine Erfolgsbilanz tun musste. Und wenn mich der Staat schon ohne Beweise für zehn Jahre hinter Gitter schicken kann, möchte ich mir nicht vorstellen, was mir jetzt, wo auf meine Stirn ›Verurteilter Verbrecher‹ tätowiert ist, noch alles blühen kann. Nein, Dad, sobald ich den Absprung schaffe, bin ich weg.«

Er nickt und lächelt. Ja, klar, Mal.

3

Angesichts der Bedeutung dessen, was sie tun, ihrer häufig umstrittenen Entscheidungen und der äußerst gewalttätigen Menschen, denen sie manchmal gegenüberstehen, ist es bemerkenswert, dass in der Geschichte der Vereinigten Staaten bis jetzt erst vier amtierende Bundesrichter ermordet wurden.

Der Ehrenwerte Raymond Fawcett ist gerade Nummer fünf geworden.

Seine Leiche wurde in dem kleinen Keller einer Blockhütte gefunden, die er selbst gebaut hatte und häufig an den Wochenenden nutzte. Als er am Montagmorgen nicht zu einer Verhandlung erschien, gerieten seine Referendare in Panik und alarmierten das FBI. Schließlich entdeckten die Beamten den Tatort. Die Blockhütte liegt in einem Waldgebiet im Südwesten von Virginia, an einem Berghang, am Ufer eines kleinen Gewässers mit glasklarem Wasser, das von den Einheimischen Lake Higgins genannt wird. Auf den meisten Straßenkarten ist der See nicht verzeichnet.

Es gab keine Anzeichen für einen Einbruch, einen Kampf oder einen Streit, nur zwei Leichen, die beide Einschusslöcher im Kopf aufwiesen, und einen leeren Safe im Keller. Richter Fawcett, dem man zweimal in den Hinterkopf geschossen hatte, wurde in der Nähe des Safes auf dem Boden liegend gefunden, in einer großen Lache aus getrocknetem Blut. Der erste Experte am Tatort schätzte, dass der Richter seit mindestens zwei Tagen tot war. Einem seiner Referendare zufolge hatte Richter Fawcett sein Büro etwa um drei Uhr am Freitagnachmittag verlassen und vorgehabt, direkt zur Blockhütte zu fahren und das Wochenende über dort zu arbeiten.

Die zweite Leiche war die von Naomi Clary, einer vierunddreißig Jahre alten, geschiedenen Mutter zweier Kinder, die von Richter Fawcett vor Kurzem als Sekretärin eingestellt worden war. Der Richter, der sechsundsechzig Jahre alt war und fünf erwachsene Kinder hatte, war nicht geschieden. Er und Mrs. Fawcett lebten seit mehreren Jahren getrennt, wurden aber immer noch zusammen in Roanoke gesehen, wenn der Anlass es erforderte. Es war allgemein bekannt, dass sie sich getrennt hatten, und da Richter Fawcett in der Stadt zur Prominenz gehörte, gab es eine Menge Klatsch wegen ihrer Wohnverhältnisse. Beide hatten ihren Kindern und Freunden anvertraut, dass sie sich nicht zu einer Scheidung überwinden könnten. Mrs. Fawcett hatte das Geld, Richter Fawcett den Status. Beide schienen mit dieser Situation relativ zufrieden zu sein, und beide hatten versprochen, keine außerehelichen Affären zu pflegen. Ihre Vereinbarung sah vor, eine Scheidung voranzutreiben, wenn einer der beiden einen neuen Partner hatte.

Offenbar hatte der Richter eine Frau kennengelernt, an der er Gefallen gefunden hatte. Fast unmittelbar nachdem Ms. Clary ihre Stelle angetreten hatte, machten im Gericht Gerüchte die Runde, dass der Richter wieder einmal eine Affäre habe. Einige seiner Mitarbeiter wussten, dass er jedem Rock hinterherjagte.

Die Leiche der Sekretärin fand man auf einem Sofa in der Nähe der Stelle, wo der Richter ermordet worden war. Naomi war nackt, die Fußknöchel mit silbernem Klebeband zusammengebunden. Sie lag auf dem Rücken, die Handgelenke hinter sich gefesselt, ebenfalls mit Klebeband. Jemand hatte ihr zweimal in die Stirn geschossen. Ihr Körper war mit kleinen Brandwunden übersät. Nach einigen Stunden Diskussion und Analyse waren sich die leitenden Ermittlungsbeamten einig, dass sie vermutlich gefoltert worden war, um Fawcett dazu zu zwingen, den Safe zu öffnen. Was offenbar auch funktioniert hatte. Der Safe war leer, die Tür stand offen, und es war absolut nichts zurückgelassen worden. Der Dieb hatte alles mitgenommen und anschließend seine beiden Opfer hingerichtet.

Richter Fawcetts Vater war Zimmermann gewesen, und als Kind hatte er ihn oft zur Arbeit begleitet, immer mit einem Hammer in der Hand. Ständig baute er etwas – eine neue Veranda hinten am Haus, eine Terrasse, einen Vorratsschuppen. Als seine Kinder klein waren und seine Ehe noch glücklich, hatte er ein stattliches altes Haus im Stadtzentrum von Roanoke entkernt und vollständig saniert, wobei er die Funktion des Generalunternehmers übernommen und jedes Wochenende auf einer Leiter stehend verbracht hatte. Jahre später renovierte er ein Loft-Apartment, aus dem zuerst sein Liebesnest und dann seine Wohnung wurde. Für ihn war es wie eine Therapie, wenn er hämmern, sägen und schwitzen konnte, eine geistige und körperliche Flucht vor dem Stress, mit dem sein Amt verbunden war. Die Blockhütte am See – ein Nurdachhaus – hatte er selbst entworfen und über einen Zeitraum von vier Jahren auch zum größten Teil eigenhändig gebaut. In dem Keller, in dem er starb, standen an einer Wand Bücherregale aus Zedernholz, die mit dicken Jurabüchern vollgestopft waren. In der Mitte der Regale gab es eine Geheimtür: Eines der Regale ließ sich aufklappen, und dahinter war der Safe versteckt. Am Tatort war er knapp einen Meter aus der Wand herausgezogen und dann leer geräumt worden.

Der Safe aus Metall und Blei war auf vier zwölf Zentimeter große Räder montiert. Er war von der Vulcan Safe Company in Kenosha, Wisconsin, hergestellt und über einen Onlineshop an Richter Fawcett verkauft worden. Der Beschreibung zufolge war er hundertfünfzehn Zentimeter hoch, neunzig Zentimeter breit, einen Meter tief, hatte ein Fassungsvermögen von zweihundertfünfzig Litern, wog zweihundertdreißig Kilo, wurde für zweitausendeinhundert Dollar verkauft und war – wenn er ordnungsgemäß verschlossen war – hitzebeständig, wasserdicht und einbruchsicher. Zum Öffnen des Safes musste auf einer Tastatur an der Tür ein sechsstelliger Code eingegeben werden.

Warum ein Bundesrichter, der hundertvierundsiebzigtausend Dollar im Jahr verdiente, einen derart gesicherten und versteckten Geldschrank zur Aufbewahrung seiner Wertsachen brauchte, war dem FBI ein Rätsel. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Richter Fawcett fünfzehntausend Dollar auf einem Girokonto, sechzigtausend Dollar auf einem Sparkonto, das weniger als ein Prozent Zinsen im Jahr brachte, einunddreißigtausend Dollar in einem Anleihefonds und siebenundvierzigtausend Dollar in einem Anlagefonds, der seit fast einem Jahrzehnt schlechter als der Markt abgeschnitten hatte. Außerdem besaß er einen Rentenplan und die zahlreichen Arbeitgeberleistungen für Spitzenbeamte auf Bundesebene. Schulden waren praktisch keine vorhanden, sodass er unterm Strich ein recht ordentliches Polster besaß. Die beste Altersversorgung war jedoch sein Job. Da die Verfassung vorsah, dass Bundesrichter bis zu ihrem Tod im Amt bleiben konnten, würde sein Gehalt bis dahin weiterlaufen.

Mrs. Fawcetts Familie besaß eine ganze Zugladung voll Bankaktien, doch der Richter hatte es nie geschafft, auch nur in ihre Nähe zu kommen. Und da er sich von seiner Frau getrennt hatte, waren sie unerreichbar für ihn. Er hatte sein Auskommen, war aber alles andere als reich und nicht der Typ, der einen verborgenen Safe brauchte, um seinen Sparstrumpf zu verstecken.

Was war in dem Safe? Oder direkt gefragt: Weshalb ist der Richter umgebracht worden? Bei der Vernehmung von Familie und Freunden sollte sich herausstellen, dass er keine teuren Hobbys hatte, er sammelte weder Goldmünzen noch seltene Diamanten noch sonst etwas, das derartige Sicherheitsmaßnahmen erforderte. Bis auf eine beeindruckende Baseballkarten-Sammlung aus seiner Jugendzeit gab es keinerlei Hinweise darauf, dass der Richter ein Sammler war.

Die Blockhütte lag so versteckt in den Bergen, dass sie fast nicht zu finden war, und war auf allen Seiten von einer überdachten Veranda umgeben, von der aus man weder andere Menschen noch Fahrzeuge, Hütten, Häuser, Schuppen oder Boote sehen konnte. Völlige Abgeschiedenheit. Im Keller fand das FBI ein Kajak und ein Kanu. Der Richter war bekannt dafür, dass er viele Stunden auf dem See verbrachte, in denen er angelte, seinen Gedanken nachhing und Zigarren rauchte. Er war ein ruhiger Typ, nicht einsam oder schüchtern, aber ein Kopfmensch und ernst.

Für das FBI war es nur zu offensichtlich, dass es keine Zeugen gab, weil im Umkreis von mehreren Kilometern keine anderen Menschen lebten. Die Blockhütte war der ideale Ort, um jemanden zu töten und sich anschließend so weit wie möglich vom Tatort zu entfernen, bevor das Verbrechen entdeckt wurde. Schon bei ihrer Ankunft wussten die Ermittlungsbeamten, dass sie bei diesem Fall weit hinterherhinkten. Und es wurde noch schlimmer. Es gab keine Finger- oder Fußabdrücke, Faserspuren, Haarfollikel oder Reifenspuren, die ihnen weitere Hinweise liefern konnten. Die Blockhütte war nicht mit einer Alarmanlage gesichert und auch nicht mit Überwachungskameras ausgestattet. Warum auch? Der nächste Polizist war eine halbe Stunde Fahrt entfernt, und selbst wenn es dem Richter gelungen wäre, das Revier zu finden, was hätte er dort tun sollen? Bis dahin wäre selbst ein gehirnamputierter Einbrecher längst verschwunden gewesen.

Drei Tage lang sahen sich die Ermittler jeden Zentimeter der Hütte und der sechzehntausend Quadratmeter in der Nähe an. Sie fanden nichts. Die Tatsache, dass der Mord so umsichtig und methodisch ausgeführt worden war, trug nicht gerade dazu bei, die Stimmung im Team zu verbessern. Sie hatten es hier mit einem echten Könner zu tun, einem talentierten Killer, der keine Spuren hinterließ. Wo sollten sie anfangen?

Vom Justizministerium in Washington wurde bereits spürbar Druck ausgeübt. Der Direktor des FBI war gerade dabei, eine Taskforce zusammenzustellen, eine Art Spezialeinheit, die in Roanoke einfallen und das Verbrechen lösen sollte.

Wie zu erwarten, waren die brutalen Morde an einem ehebrecherischen Richter und seiner jungen Geliebten ein gefundenes Fressen für die Medien und die Boulevardpresse. Auf Naomi Clarys Beerdigung – drei Tage nachdem man ihre Leiche entdeckt hatte – musste die Polizei von Roanoke Barrikaden aufstellen, um Reporter und Neugierige vom Friedhof fernzuhalten. Am Tag darauf, bei der Trauerfeier für Raymond Fawcett, die in einer brechend vollen Episkopalkirche stattfand, schwebte ein Hubschrauber über dem Gebäude und übertönte die Musik. Der Polizeichef, ein alter Freund des Richters, musste einen seiner Helikopter in die Luft schicken, um den anderen zu verscheuchen. Mrs. Fawcett saß mit starrem Blick in der ersten Reihe, umgeben von ihren Kindern und Enkeln, und weigerte sich, Tränen zu vergießen oder den Sarg anzusehen. Es wurden viele freundliche Worte über den Richter gesagt, doch einige der Trauergäste, vor allem die Männer, fragten sich: Wie hat es der alte Knabe geschafft, sich so eine junge Freundin anzulachen?

Als beide unter der Erde waren, richtete sich die Aufmerksamkeit schnell wieder auf die Ermittlungen. Das FBI wollte kein Wort in der Öffentlichkeit sagen, was vor allem daran lag, dass es nichts zu sagen hatte. Eine Woche nachdem man die Leichen gefunden hatte, waren die Ballistikgutachten die einzigen Spuren. Vier Kugeln, Hohlspitzgeschosse, abgefeuert aus einer Handfeuerwaffe Kaliber .38, eine von einer Million anderen im Umlauf und jetzt vermutlich auf dem Grund eines großen Sees irgendwo in den Bergen von West Virginia.

Andere Motive wurden in Erwägung gezogen. 1979 wurde Richter John Wood vor seinem Haus in San Antonio mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Sein Mörder war ein Profikiller, beauftragt von einem mächtigen Drogendealer, den Richter Wood verurteilen wollte, weil er Drogenhandel und alle, die in dieser Branche arbeiteten, hasste. Bei einem Spitznamen wie »Maximum John« war das Motiv ziemlich offensichtlich. In Roanoke sahen sich die FBI-Teams jeden Fall – sowohl Straf- als auch Zivilsachen – auf Richter Fawcetts Prozessliste an und erstellten eine Liste mit Verdächtigen, die als Täter infrage kamen. So gut wie alle hatten etwas mit Drogenhandel zu tun.

1988 wurde Richter Richard Daronco erschossen, während er im Garten seines Hauses in Pelham, New York, arbeitete. Der Mörder war der wütende Vater einer Frau, die gerade einen Fall vor dem Richter verloren hatte. Der Vater erschoss den Richter und beging dann Selbstmord. In Roanoke wühlte sich das FBI durch sämtliche Akten von Richter Fawcett und vernahm seine Referendare. Es gibt immer ein paar Durchgeknallte, die mit ihrem Mist vor ein Bundesgericht gehen und haarsträubende Forderungen stellen. Langsam füllte sich die Liste. Namen, aber keine richtigen Verdächtigen.

1989 wurde Richter Robert Smith Vance in seinem Haus in Mountain Brook, Alabama, getötet, beim Öffnen eines Päckchens, das eine Briefbombe enthielt. Sein Mörder wurde gefunden und schließlich in die Todeszelle geschickt, doch das Motiv blieb im Unklaren. Die Staatsanwälte glaubten, er wäre wegen eines noch nicht lange zurückliegenden Urteils von Richter Vance wütend gewesen. In Roanoke vernahm das FBI Hunderte Anwälte, deren Fälle gerade von Richter Fawcett verhandelt wurden oder in der jüngeren Vergangenheit von ihm entschieden worden waren. Jeder Anwalt hat Mandanten, die entweder verrückt oder niederträchtig genug sind, um sich rächen zu wollen, und einige von ihnen hatten in Richter Fawcetts Gerichtssaal gestanden. Sie wurden aufgespürt, vernommen und von der Liste gestrichen.

Im Januar 2011, einen Monat vor dem Mord an Fawcett, wurde Richter John Roll in der Nähe von Tucson erschossen, bei dem Anschlag, bei dem auch die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords verwundet wurde. Richter Roll war zur falschen Zeit am falschen Ort und nicht das Ziel. Sein Tod war dem FBI in Roanoke keine Hilfe.

Mit jedem Tag wurde die Spur kälter. Da es keine Zeugen, keine verwertbaren Beweise vom Tatort, keinen Fehler des Mörders, nur eine Handvoll nutzloser Hinweise und sehr wenige Verdächtige aus der Prozessliste des Richters gab, traten die Ermittlungen auf der Stelle.

Als medienwirksam eine Belohnung von hunderttausend Dollar ausgesetzt wurde, trug das nur wenig dazu bei, Anrufe bei den Hotlines des FBI zu generieren.

4

Da Frostburg ein Camp mit geringen Sicherheitsmaßnahmen ist, haben wir mehr Kontakt zur Außenwelt als die meisten anderen Gefangenen. Unsere Post kann geöffnet und gelesen werden, was aber nur selten passiert. Wir haben Zugang zu E-Mail, aber nicht zum Internet. Es gibt Dutzende Telefone und eine Menge Regeln für ihre Benutzung, doch im Grunde genommen können wir so viele R-Gespräche führen, wie wir wollen. Mobiltelefone sind strikt verboten. Wir können Dutzende Zeitschriften von einer genehmigten Liste abonnieren. Jeden Morgen werden mehrere Zeitungen geliefert, die in einem abgetrennten, »Kaffee-Ecke« genannten Teil der Kantine ausliegen.

Und dort fällt mir eines Morgens die Schlagzeile in der Washington Post ins Auge:BUNDESRICHTER IN DER NÄHE VON ROANOKE ERMORDET.

Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Das ist der Moment, auf den ich gewartet habe.

Seit drei Jahren bin ich besessen von Raymond Fawcett. Ich kenne ihn nicht persönlich, ich habe nie seinen Gerichtssaal betreten, nie eine Klage in seinem Zuständigkeitsbereich – dem südlichen Bezirk von Virginia – eingereicht. Meine Fälle habe ich fast ausschließlich vor lokalen Gerichten verhandelt. Nur selten einmal habe ich mich auf die Bundesebene gewagt, und wenn, war es immer im nördlichen Bezirk von Virginia, der alles im Norden von Richmond umfasst. Der südliche Bezirk besteht aus Roanoke, Lynchburg und dem dicht besiedelten Großraum Virginia Beach und Norfolk. Vor Fawcetts Ableben gab es zwölf Bundesrichter, die für den südlichen Bezirk zuständig waren, und dreizehn für den nördlichen.

Hier in Frostburg habe ich mehrere Gefangene kennengelernt, die von Fawcett verurteilt worden sind, und ohne allzu neugierig zu erscheinen, habe ich sie über ihn ausgefragt. Dazu gab ich vor, ihn zu kennen und mehrere Fälle in seinem Gerichtssaal verhandelt zu haben. Diese Gefangenen hassten ihn ohne Ausnahme und waren der Meinung, dass er es mit der Länge ihrer Gefängnisstrafen übertrieben habe. Es schien ihm besonders viel Spaß zu machen, Wirtschaftsverbrechern einen langen Vortrag zu halten, bevor er seine Entscheidung verkündete und sie hinter Gitter schickte. Bei diesen Verhandlungen war immer mehr Presse als sonst anwesend, und Fawcett hatte ein gewaltiges Ego.

Der Richter hatte sein Grundstudium an der Duke University in North Carolina absolviert und dann Jura an der Columbia University in New York studiert, anschließend arbeitete er einige Jahre bei einem Finanzunternehmen der Wall Street. Seine Frau und ihr Geld stammten aus Roanoke, wo sie sich auch niederließen, als er Mitte dreißig war. Er ging zur größten Anwaltskanzlei der Stadt und arbeitete sich rasch und skrupellos nach oben. Sein Schwiegervater unterstützte die Demokraten seit Jahren mit großzügigen Spenden, und 1993 ernannte Präsident Clinton Fawcett zum Bundesrichter auf Lebenszeit am Bezirksgericht für den südlichen Bezirk von Virginia.

In der amerikanischen Justizwelt ist ein solches Amt mit immensem Ansehen, aber nicht gerade viel Geld verbunden. Damals betrug sein neues Gehalt hundertfünfundzwanzigtausend Dollar im Jahr, etwa dreihunderttausend Dollar weniger als das, was er als fleißiger Partner in einer florierenden Kanzlei verdient hatte. Mit achtundvierzig war er einer der jüngsten Bundesrichter des Landes und – mit fünf Kindern – äußerst knapp bei Kasse. Als sein Schwiegervater begann, ihm unter die Arme zu greifen, ließ der finanzielle Druck nach.

In einem langen Interview in einer dieser juristischen Fachzeitschriften, die kaum jemand liest, beschrieb er einmal seine frühen Jahre auf der Richterbank. Ich fand das Heft durch Zufall in der Gefängnisbücherei, in einem Stapel Magazine, die weggeworfen werden sollten. Es gibt nicht viele Bücher und Magazine, die meinen neugierigen Augen entkommen. Häufig lese ich fünf oder sechs Stunden am Tag. Die Computer hier sind Desktop-Geräte, technisch gesehen seit ein paar Jahren veraltet und leicht ramponiert, da sie praktisch im Dauereinsatz sind. Aber weil ich der Bibliothekar bin, habe ich fast unbegrenzten Zugang. Das Camp abonniert zwei digitale Jura-Datenbanken, die ich genutzt habe, um jede Urteilsbegründung zu lesen, die jemals von dem verstorbenen Richter Raymond Fawcett veröffentlicht wurde.

Um die Jahrtausendwende herum, irgendwann im Jahr 2000, ist etwas mit ihm passiert. Während der ersten sieben Jahre im Amt war er ein linksgerichteter Verfechter der Individualrechte, voller Anteilnahme für arme und in Schwierigkeiten geratene Angeklagte, schnell dabei, den Vertretern des Gesetzesvollzugs auf die Finger zu klopfen, kritisch gegenüber großen Konzernen und allem Anschein nach darauf bedacht, jeden außer Kontrolle geratenen Prozessführer in äußerst scharfem Ton zu tadeln. Doch innerhalb eines Jahres veränderte sich etwas. Seine Urteilsbegründungen wurden kürzer, waren nicht mehr so gut durchdacht, manchmal sogar ausgesprochen gehässig, und er tendierte eindeutig nach rechts.

Im Jahr 2000 wurde er von Präsident Clinton für einen frei gewordenen Sitz im Vierten Bundesberufungsgericht von Richmond nominiert. Ein solcher Karriereschritt ist der logische berufliche Aufstieg für einen talentierten Richter an einem Bezirksgericht – oder einen mit den richtigen Verbindungen. Am Berufungsgericht wäre er einer von fünfzehn Richtern gewesen, die ausschließlich Berufungsverfahren bearbeiten. Die einzige höhere Ebene ist der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten, und es ist nicht klar, ob Fawcett derartige Ambitionen hatte. Die meisten Bundesrichter haben sie, jedenfalls gelegentlich. Doch Bill Clintons Amtszeit ging zu Ende, und das nicht ganz unumstritten. Seine Nominierungen hingen im Senat fest, und als George W. Bush gewählt wurde, war klar, dass Fawcett auch in Zukunft in Roanoke bleiben würde.

Er war fünfundfünfzig. Seine Kinder waren bereits erwachsen oder gerade dabei, das Haus zu verlassen. Vielleicht erlag er einer Art Midlife-Crisis. Vielleicht war seine Ehe kaputt. Sein Schwiegervater war gestorben und hatte ihn in seinem Testament nicht bedacht. Seine ehemaligen Partner wurden reich, während er sozusagen für einen Hungerlohn arbeitete. Was auch immer der Grund dafür war, Fawcett wurde ein anderer Mann auf der Richterbank. Bei Strafsachen urteilte er zunehmend willkürlich und weitaus weniger mitfühlend. Bei Zivilsachen zeigte er weniger Verständnis für den kleinen Mann und schlug sich immer wieder auf die Seite mächtiger Interessengruppen. Richter ändern sich häufig, wenn sie älter werden, doch nur bei wenigen geht es so schnell und abrupt wie bei Raymond Fawcett.

Der größte Fall seiner Karriere war ein Krieg um Uranabbau, der 2003 begann. Damals praktizierte ich noch als Anwalt, ich kannte den Sachverhalt und die wichtigsten Details. Der Rechtsstreit war nicht zu ignorieren; fast jeden Tag stand etwas darüber in der Zeitung.

Durch die Mitte und den Süden Virginias verläuft ein riesiges Uranvorkommen. Da der Abbau von Uran ein ökologischer Albtraum ist, wurde ein Gesetz erlassen, das ihn untersagt. Die Grundeigentümer, Lizenzinhaber und Bergbauunternehmen, die diese Uranvorräte kontrollieren, wollten natürlich so schnell wie möglich mit dem Schürfen beginnen und gaben Millionen für Lobbyarbeit aus, um den Gesetzgeber dazu zu bringen, das Verbot aufzuheben. Doch die Legislative von Virginia widersetzte sich. 2003 reichte ein kanadisches Unternehmen namens Armanna Mines im südlichen Bezirk von Virginia Klage ein und bezeichnete das Verbot als verfassungswidrig. Es war ein Frontalangriff mit allen Mitteln, unter der Führung von Anwälten, welche zu den teuersten gehörten, die man sich mit Geld kaufen konnte.

Bald kam heraus, dass Armanna Mines ein Konsortium aus Bergbauunternehmen aus den Vereinigten Staaten, Australien, Russland und Kanada war. Schätzungen zufolge betrug der Wert der Uranvorkommen in Virginia allein fünfzehn bis zwanzig Milliarden Dollar.

Nach dem Zufallsprinzip, das damals in Kraft war, wurde der Fall Richter McKay in Lynchburg zugewiesen, der vierundachtzig Jahre alt war und an Demenz litt. Er führte gesundheitliche Gründe an und gab den Fall weiter. Als Nächster war Raymond Fawcett an der Reihe, der keinen triftigen Grund hatte, um abzulehnen. Die beklagte Partei war der Commonwealth of Virginia, doch bald schon weitete sich das Verfahren auf Städte, Gemeinden und Countys aus, unter denen sich Uran befand, sowie einige wenige Grundbesitzer, die nichts mit der Zerstörung der Umwelt zu tun haben wollten. Die Klage blähte sich zu einem gigantischen, unübersichtlichen Verfahren mit über hundert beteiligten Anwälten auf. Richter Fawcett lehnte die Anträge auf Klageabweisung ab und ordnete eine umfassende Offenlegung aller prozesswichtigen Dokumente an. Binnen Kurzem musste er neunzig Prozent seiner Zeit für dieses Verfahren aufbringen.

2004 trat das FBI in mein Leben, und ich verlor jedes Interesse an der Uranklage. Plötzlich gab es andere, wichtigere Dinge, mit denen ich mich beschäftigen musste. Mein Prozess begann im Oktober 2005 in Washington, D. C. Das von Armanna Mines angestrengte Verfahren wurde seit einem Monat in einem brechend vollen Gerichtssaal in Roanoke verhandelt. Zu diesem Zeitpunkt war mir schlichtweg egal, was mit dem Uran passierte.

Nach einem dreiwöchigen Prozess wurde ich schuldig gesprochen und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. In Roanoke entschied Richter Fawcett nach einem zehnwöchigen Prozess zugunsten von Armanna Mines. Zwischen den beiden Prozessen gab es keine Verbindung, so dachte ich jedenfalls, als ich ins Gefängnis ging.

Doch bald lernte ich den Mann kennen, der Richter Fawcett später töten sollte. Ich weiß, wer der Mörder ist. Und ich weiß, welches Motiv er hatte.

Was das Motiv angeht, steht das FBI vor einem Rätsel. In den Wochen nach dem Mord konzentriert sich die Taskforce auf den Prozess von Armanna Mines und vernimmt Dutzende Leute, die etwas mit dem Prozess zu tun haben. Am Rand des Verfahrens hatten sich damals einige radikale Umweltschutzgruppen gebildet, die unter scharfer Beobachtung des FBI standen. Fawcett hatte Morddrohungen erhalten, und während des Prozesses war Personenschutz für ihn angeordnet worden. Die Drohungen wurden gründlich untersucht und als nicht glaubwürdig eingestuft, doch die Personenschützer ließen den Richter nicht aus den Augen.

Einschüchterung als Motiv erscheint unplausibel. Fawcett hatte sein Urteil gefällt, und obwohl sein Name für Umweltschützer ein rotes Tuch ist, war der Schaden längst angerichtet. Seine Entscheidung wurde 2009 vom Vierten Bundesberufungsgericht bestätigt; der Fall ist jetzt auf dem Weg zum Obersten Gerichtshof. In Erwartung der Berufungen ist das Uran nicht angerührt worden.

Rache ist ein mögliches Motiv, obwohl das FBI nichts dazu sagt. Von einigen Reportern wird der Begriff »Auftragsmord« verwendet, doch bis auf die Professionalität, mit der die Morde ausgeführt wurden, haben sie anscheinend nichts, mit dem sie ihre Vermutung begründen könnten.

Angesichts des Tatorts und des leeren Safes, der so sorgfältig versteckt wurde, scheint Raub das wahrscheinlichere Motiv zu sein.

Ich habe einen Plan, den ich seit Jahren ausarbeite. Er ist meine einzige Möglichkeit, hier vor der Zeit rauszukommen.

5

Jeder körperlich gesunde Insasse eines Bundesgefängnisses muss einen Job haben; die Höhe des Lohns wird von der Justizvollzugsbehörde bestimmt. Seit zwei Jahren arbeite ich als Bibliothekar, für dreißig Cent die Stunde. Ungefähr die Hälfte dieses Geldes sowie die Schecks meines Vaters gehen in ein Programm, das die Gefangenen zu finanzieller Verantwortung erziehen soll. Die Justizvollzugsbehörde nimmt das Geld und bezahlt damit das für eine schwere Straftat festgesetzte Bußgeld, Geldstrafen und Entschädigungen. Zusätzlich zu meiner Haftstrafe von zehn Jahren wurde ich dazu verurteilt, hunderttausend Dollar für verschiedene andere Bußgelder zu zahlen. Bei dreißig Cent die Stunde werde ich bis zum Rest dieses Jahrhunderts und noch ein paar Jahre mehr brauchen, um meine Schulden zu begleichen.

Andere Jobs hier sind zum Beispiel Koch, Tellerwäscher, Tischputzer, Bodenreiniger, Klempner, Elektriker, Zimmermann, Schreibkraft, Krankenpfleger, Wäschereihilfskraft, Maler, Gärtner und Lehrer. Ich habe Glück gehabt. Mein Job ist einer der besten und zwingt mich nicht dazu, hinter anderen Leuten herzuputzen. Hin und wieder unterrichte ich Geschichte für Gefangene, die ihren Highschool-Abschluss nachholen. Als Lehrer verdient man fünfunddreißig Cent die Stunde, doch der höhere Lohn ist kein Anreiz für mich. Angesichts des geringen Bildungsniveaus der Gefängnispopulation finde ich Unterrichten ziemlich deprimierend. Schwarze, Weiße, Braune – egal. Viele der Gefangenen können kaum lesen und schreiben, und ich frage mich, was mit unserem Bildungssystem nicht stimmt.

Doch ich bin nicht hier, um die Mängel im Bildungssystem zu beheben, was auch für das Justiz-, das Rechts- und das Strafvollzugssystem gilt. Ich bin hier, um einen Tag nach dem anderen zu überleben und dabei so viel Selbstachtung und Würde wie möglich zu behalten. Wir sind Abschaum, wir haben nichts zu melden, wir sind gewöhnliche Kriminelle, die vor der Gesellschaft weggesperrt werden, und die Gefängniswärter, die uns das unter die Nase reiben, sind nie weit weg. Allerdings sollte man sie nie als Wärter bezeichnen, wenn sie einen hören können. O nein. Sie sind »Correction Officers«, also muss man sie mit »Officer« ansprechen, was natürlich erheblich besser klingt. Die meisten Wärter sind ehemalige Polizisten, Deputies oder Soldaten, die in diesen Jobs nicht weit gekommen sind und jetzt im Gefängnis arbeiten. Ein paar von ihnen sind ganz in Ordnung, doch die meisten sind Verlierer und so dumm, dass sie nicht mal das merken. Aber das können wir ihnen natürlich nicht sagen. Schließlich sind sie uns weit überlegen, obwohl sie strohdumm sind, und sie genießen es, uns ständig daran zu erinnern.

Die Wärter wechseln in einem festen Turnus, damit verhindert wird, dass sie sich mit einem Gefangenen anfreunden. Ich vermute mal, dass so etwas trotzdem passiert, aber eine der Kardinalregeln im Strafvollzug lautet, dass man seinem Wärter so gut wie möglich aus dem Weg geht. Behandle ihn mit Respekt, tu genau das, was er sagt, mach ihm keinen Ärger, aber vor allem: Geh ihm aus dem Weg.

Mein aktueller Wärter gehört nicht zu den besseren. Darrel Marvin ist ein stämmiger weißer Junge mit Kugelbauch, der nicht älter als dreißig sein kann und ständig versucht, lässig zu gehen, was aber nicht klappt, weil ihm zu viel Speck auf den Hüften sitzt. Er ist ein ignoranter Rassist und kann mich nicht leiden, weil ich zwei College-Abschlüsse habe, also zwei mehr als er. Jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, ihm in den Arsch zu kriechen, fechte ich einen heftigen inneren Kampf mit mir aus. Aber ich habe keine Wahl. Jetzt brauche ich ihn.

»Guten Morgen, Officer Marvin«, begrüße ich ihn mit einem falschen Lächeln, als ich ihn vor der Kantine aufhalte.

»Was gibt’s, Bannister?«, knurrt er.

Ich gebe ihm