Das Lächeln hinter dem Mond - Gudrun Leyendecker - E-Book

Das Lächeln hinter dem Mond E-Book

Gudrun Leyendecker

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Beschreibung

Jonas, ein bekannter Filmproduzent, sucht Schauspieler für einen neuen Film mit dem Titel "Die Suche nach dem Lächeln". Die beiden Freundinnen Serena und Tanja werden wie einige andere zu einem speziellen Casting zugelassen, das in den norditalienischen Alpen in der Nähe des romantischen Dorfs Mühlwald stattfindet. Da gibt es Überraschungen und Rivalität, aber auch Romantik im idyllischen Südtiroler Schneeparadies.

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Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren.

Siehe Wikipedia.

Sie veröffentlichte bisher circa 85 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein. Erfahrungen für ihre Tätigkeit sammelte sie auch in ihrer Jahrzehntelangen Tätigkeit als Lebensberaterin.

Inhaltsangabe:

Jonas, ein bekannter Filmproduzent sucht Schauspieler für den Film: „Die Suche nach dem Lächeln“. Die beiden Freundinnen Serena und Tanja werden wie einige andere zu einem speziellen Casting zugelassen, das in den norditalienischen Alpen in der Nähe des romantischen Dorfs Mühlwald stattfindet. Da gibt es Überraschungen und Rivalität, aber auch Romantik im idyllischen Südtiroler Schneeparadies.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 1

Als ich die Wohnungstür öffne, entdecke ich meine Freundin Tanja, die mir einen bunten Blumenstrauß in die Hand drückt.

Ich bitte sie herein und umarme sie zur Begrüßung. „Das sind so hübsche bunte Blumen, ein Biedermeierstrauß! Aber du weißt schon, dass ich keinen Geburtstag habe?!“

Sie folgt mir ins Wohnzimmer und schmunzelt. „Das weiß ich doch. Aber möglicherweise hast du das große Los gezogen, genau wie ich.“

„Du hast im Lotto gewonnen?“ frage ich ungläubig.

Sie setzt sich auf ihren Stammplatz, auf den großen Sessel vor dem Wohnzimmertisch, und streckt ihre Beine aus. „Viel besser! Ich hatte doch vor einiger Zeit die Bewerbungen für das Casting bei Raoul Burnaby abgeschickt, du erinnerst dich bestimmt, oder?“

Ich schenke ihr Kaffee ein und denke einen Augenblick nach. „Ach so, ja. Jetzt weiß ich wieder, was du meinst. Dieser immens reiche Produzent Jonas Coffee plant doch den neuen Märchenfilm, für den er noch Darsteller und Komparsen sucht.“

Tanja lässt mit Bedacht vier Stückchen Zucker in den Kaffee fallen. „Heute darf ich das noch einmal“, kommentiert sie ihr Handeln. „Aber ab morgen halte ich eine strenge Diät.“ Umgehend bedient sie sich von der Tortenplatte und wählt ein großes Stück Sahnekuchen.

„Genau darum geht es“, fährt sie fort. „Mit den Blumen will ich dir gratulieren. Wir dürfen beide am Casting teilnehmen.“

„Ich freue mich riesig“, bekenne ich. „Die Saison am Theater ist zu Ende, der Shakespeare hat jetzt seinen Sommernachtstraum ausgeträumt, und den Mephisto wollte ich nun wirklich nicht spielen. Wann und wo findet der spannende Moment statt?“

Sie wartet einen Moment, bis ich mich ebenfalls mit Kaffee und Kuchen versorgt habe, dann sagt sie etwas zögernd: „Es ist schon ein bisschen weiter weg, nicht gerade um die Ecke. Aber mach dir keine Sorgen! Es wird wie ein kompletter Urlaub, denn unsere Einladung umfasst alles: Unterbringung, Verpflegung und sogar die Hin- und Rückfahrt.“

Ich sehe sie skeptisch an. „Willst du mir etwa ganz vorsichtig beibringen, dass das Casting am Ende der Welt stattfindet?“

Sie nimmt noch einmal einen kräftigen Schluck Kaffee. „Also am Ende der Welt ganz bestimmt nicht. Wo ist das überhaupt? Nein, es ist in einem Lieblingsland der Deutschen, Italien, aber ganz im Norden.“

„Am Brenner?“ frage ich stirnrunzelnd.

„Am Rande der Dolomiten, im Mühlwalder Tal. Dort ist es wunderschön, im Sommer als fantastisches Wandergebiet mit Almwiesen und Kühen darauf und mit duftendem Tannenwald. Im Winter lockt dich das reinste Schneeparadies.“

„Und für ein Casting soll ich solch eine weite Fahrt machen?!“ gebe ich ihr skeptisch zu bedenken.

„Es ist nicht so, wie du denkst. Wir haben ja schon einen Platz in dem Film. Die Probevideos sind gut angekommen. Unsere Talente und unser Äußeres werden absolut gewünscht. Es geht jetzt nur darum, für welche Rolle wir uns qualifizieren. Sie sind alle noch unbesetzt, sogar die Hauptrolle ist noch frei.“

Ich horche interessiert auf und nehme jetzt auch einen Schluck Kaffee. „Das hört sich schon besser an. Können wir uns ein bisschen darauf vorbereiten? Was weißt du alles über die Handlung des Films?“

„Es geht um eine fast erwachsene Frau, die sich auf eine Suche begibt, um Orte und Menschen zu finden, die einem ein Lächeln entlocken. Der Produzent, der selbst das Drehbuch schrieb, hat von allem ganz feste Vorstellungen, aber der Regisseur meint, es gäbe genug Spielraum für eigene Interpretationen.“

„Ein junges Mädchen?“ Ich seufze leicht. „Dann sind wir schon ungeeignet. Wir sind ja nun doch schon beide weit über zwanzig, dann ist die Hauptrolle also nichts für uns.“

Tanja schüttelt leicht den Kopf. „Eben nicht. Das Team, das uns gecastet hat, fand, dass wir beide mit unseren sechsundzwanzig Jahren noch sehr jugendlich aussehen. Wir sind in der engeren Wahl. Sonst hätte man sich für uns auch nicht in diese Unkosten gestürzt.“

„Also, das hört sich wirklich ganz interessant an. Und du weißt ja, gegen eine Reise habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Wir können es einfach einmal als bezahlten Urlaub ansehen!“ schlage ich ihr vor.

„Genauso sehe ich das auch“, antworte sie fröhlich. „Und da wir uns schon so lange kennen, da ich dich so gut kenne, habe ich schon auf unsere Einladung geantwortet und zugesagt. Oder hätte ich das nicht tun sollen?“

„Das hast du gut gemacht“, finde ich und sehe sie vergnügt an. „Schließlich habe ich dir auch alle Bewerbungsunterlagen anvertraut, in der Hoffnung, dass du etwas Passendes für uns findest. Und ich freue mich riesig, dass es für uns beide gemeinsam geklappt hat.“

„Ich war kurz in Versuchung, uns mit einem Künstlernamen anzumelden“, teilt sie mir mit und lädt sich ein zweites Stück Kuchen auf den Teller. „Aber dann habe ich unsere Namen noch einmal genauestens überprüft. Dein Name, „Serena Nilo“ klingt doch wirklich schon ziemlich exotisch, und mein Name, Tanja Becks, passt doch auch ganz gut zu meinem flotten, sportlichen und spontanen Typ.“

„Wenn du das so siehst, das stimmt schon irgendwie“, finde ich. „Gibt es zu dem Casting jetzt schon Informationen? Müssen wir uns vorbereiten oder bestimmte Utensilien mitbringen?“

„Alle wichtigen Informationen bekommen wir in Mühlwald, mitbringen müssen wir nichts, außer warmer Kleidung. Da oben soll es schon ziemlich kalt sein, auch schon verschiedentlich schneien.“

„So hoch oben halten wir uns auf?“ wundere ich mich. „Müssen wir etwa Skifahren können?“

Sie beruhigt mich. „Nein, auch meine sportlichen Talente werden nicht gebraucht, da habe ich mich schon erkundigt. Aber wir dürfen keine Angst vor langen Wanderungen haben.“

„Oh, ich gehe gern spazieren, und solange man mich nicht über die Gletscher scheuchen will, mache ich alles mit. Jetzt musst du mir nur noch sagen, wann es losgeht. So wie ich dich kenne, hast du deine Klamotten bestimmt schon gepackt.“

Ihr schelmisches Lächeln lässt ihr Gesicht tatsächlich um Jahre jünger aussehen. „Natürlich, so viel Zeit haben wir nicht mehr. Und das ist auch gut so, ich bin nämlich schon ziemlich aufgeregt. Mit dieser Vorfreude könnte ich es nicht lange aushalten.“

„Jetzt sag schon!“ dränge ich sie. „Wie viel Zeit habe ich noch? Kann ich wenigstens noch in Ruhe alles zusammenpacken?“

„Genug Zeit“, findet sie. „Du darfst noch zweimal schlafen. Übermorgen geht es in aller Frühe los.“

Ich erschrecke leicht. „Oh! Das ist aber bald! Mit dem Flieger?“ erkundigte ich mich.

„Nein, ganz altmodisch mit der Eisenbahn. Unser Produzent meint, wir sollen uns langsam akklimatisieren, schon einmal von unserem Alltag lösen.“

Meine Augenbrauen heben sich. „Was ist das denn für ein Vogel? Weißt du mehr über ihn?“

Tanja nickt eifrig. „Ich habe mich im Internet ein bisschen schlau gemacht. Man sagt ihm nach, dass er unendlich viel Geld hat. Bisher hat er alle seine Träume und Spinnereien verwirklichen können, schrieb eine seiner Ex-Freundinnen über ihn. Also ist er der absolute Siegertyp. Furchtlos sollten wir uns auf einen Despoten vorbereiten! Aber das ist mir egal. Hauptsache, ich bin mit dabei.“

„So sehe ich das auch“, stimme ich ihr zu. „Wir sind schon mit einer Menge von außergewöhnlichen Regisseuren und Produzenten zusammengekommen. Bisher haben wir sie alle überlebt.“

Sie hebt die Tasse. „Und nicht nur das. Wir sind sogar bisher immer ganz gut mit ihnen zurechtgekommen. Und blamiert haben wir uns auch noch nicht, bis jetzt jedenfalls noch nicht.“

Ich sehe sie aufmunternd an. „Mach dir keine Sorgen! Bisher konnten wir uns noch in jede Rolle einfühlen. Und wenn es dieses Mal anders ist, nehmen wir einfach eine Komparsen-Rolle an und genießen einen wunderschönen Urlaub.“ Ich hebe ebenfalls die Tasse. „Auf uns und unser gemeinsames Abenteuer!“

Kapitel 2

Die mehrstündige Bahnfahrt genießen wir bereits als Urlaub, entspannen, erfreuen uns mehrmals an einem kleinen appetitlichen Imbiss und bestaunen bei Bahngeschwindigkeit den Übergang vom Flachland in die Alpen.

Maria, eine ältere Frau holt uns mit dem Kleinbus vom Brixener Bahnhof ab und erklärt uns das Nötigste. „Ich bin die Besitzerin der großen Berghütte, in der ihr alle untergebracht seid. Für die Zeit eures Aufenthalts betreue ich euch auch und bin eure Anlaufstelle bei Problemen. Und bei all dem steht mir meine Tochter Maffy, die für das Catering zuständig ist, eifrig zur Seite.“

Tanja stutzt. „Das ist alles sehr freundlich von Ihnen“, findet sie. „Aber habe ich Sie eben richtig verstanden? Wir sollen in einer Berghütte wohnen?“

Unsere Betreuerin nickt. „Ja, sie ist sehr schön, geräumig und besitzt alle Bequemlichkeiten. Ihr müsst euch also nicht draußen am Brunnen waschen, sondern habt ein Badezimmer zur Verfügung. Euch wird es also an nichts fehlen. Vielleicht nur eine Stadt in der Nähe, falls ihr daran gewöhnt seid.“

„Einen Urlaub in der Natur finde ich herrlich“, bestimme ich für mich. „Die Hektik und das Getriebe muss ich nicht immer um mich herumhaben. Ich habe in meinem Gepäck alles, was ich unbedingt brauche.“

Tanja ist noch nicht zufrieden. „Aber es wird doch irgendwo ein Dorf geben mit einer netten Kneipe oder einem Tanzlokal?! Eine kleine Bar wäre auch nicht schlecht.“

Maria lacht. „Ein Stückchen tiefer liegt der Ort Mühlwald, aber um diese Zeit ist da nicht viel los. Der Sommer ist vorbei, und die Wintersaison hat noch nicht angefangen. Wir haben selbst im Dorf noch nicht durchgehend Schnee. Sie sind also darauf angewiesen, sich da oben selbst ein bisschen zu vergnügen.“

„Genau genommen sind wir ja auch nicht zum Urlaub hier“, bemerke ich. „Wir wollen arbeiten. Sind Sie über den Grund unseres Aufenthalts informiert?“ wende ich mich an Maria.

Sie nickt eifrig. „Natürlich, euer Kameramann Gianni Rinaldi ist mein Neffe, und er hat mich gefragt, ob der Produzent Jonas die Hütte für seine Zwecke mieten darf. Sie ist sonst auch immer ausgebucht, meist von jungen Leuten, die hier Wandertouren in die Berge vornehmen. Von dort aus geht es nämlich nach allen Seiten in die Einsamkeit.“

„Oh!“ Tanjas Augen werden rund. Solange es dort noch fließend Wasser gibt, bin ich zufrieden.“

Maria schmunzelt. „Es kommt ja direkt vom Berg. So sauberes Wasser habt ihr selten, und es ist auch recht kalt. Aber im Badezimmer findet ihr auch warmes Wasser. Mein letzter Mann Toni, der war ein geschickter Handwerker, der hat die Hütte modernisiert.“

„Sie sind Witwe?“ fragt Tanja mitleidig.

„Schon dreimal“, plaudert unsere Betreuerin munter drauflos. „Der erste hat zu gern ins Glas geschaut, da ist er nicht sehr alt geworden. Der zweite ist in den Bergen abgestürzt, bei der Jagd, und der dritte, ein Grieche, kam bei einem Erdbeben ums Leben, als er seine Familie besuchte.“

Tanja erschrickt. „Das tut mir leid! Dann haben sie sehr viel mitgemacht. Was für ein schlimmes Schicksal!“

„Es ist halt so wie das Leben“, antwortet sie munter. „Meine Tochter Maffy hat auch kein Glück mit den Männern. Sie sind ihr immer davongelaufen. Und jetzt, mit Mitte Dreißig will sie lieber allein bleiben. Ihr werdet sie noch kennenlernen. Manchmal ist sie ein bisschen zickig, aber sonst ist sie ganz in Ordnung, ein fleißiges Ding.“

„Was macht sie denn sonst, wenn sie uns nicht zur Verfügung steht?“ erkundigt sich Tanja.

„Sie arbeitet in einem großen Hotel an der Rezeption. Im Augenblick hat das Hotel geschlossen, die Besitzer können sich nur zwischen den beiden Saisons einmal einen Urlaub leisten. Südtirol ist ein beliebtes Urlaubsland, zu uns kommen viele Touristen.“

„Sie ist wirklich ein fleißiges Mädchen, wenn sie sogar in ihrem Urlaub die Arbeit für die Filmgesellschaft übernimmt.“

„Ach, das ist doch keine Arbeit“, findet Maria. „Wir hier im Tal sind ein ganz anderes Arbeiten gewohnt. Mit dem Vieh hoch oben in den Bergen, den Alm-Betrieben und den kargen Ernten, harten Wintern und der Schneeschmelze sind wir andere Bedingungen gewohnt.“

„Das Bergbauernleben war bestimmt hart“, vermute ich. „Irgendwelche Vorfahren von mir lebten auch einmal in dieser Gegend. Ich glaube, von ihnen habe ich die Liebe zu den Bergen geerbt.“

Maria lacht. „Bleiben Sie doch hier! Auf unserem Hof gibt es immer genug Arbeit, besonders in der Käserei.“

Tanja kichert. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Serena daran Gefallen findet. Sie braucht ein Publikum, und wir Schauspieler wollen gesehen werden und nicht den ganzen Tag hinter einem Topf stehen. Ich bewundere Sie wirklich, dass Sie hier solch schwierige Arbeiten übernehmen, zu denen wenige Menschen Lust haben.“

„Wir sind es so gewohnt. Die Arbeit hält uns gesund, und wir freuen uns, wenn wir etwas geschafft haben. Wir sind oft glücklicher als die Leute, die irgendwelchen Träumen hinterherjagen. Maffy ist auch ein bisschen verrückt. Sie träumt immer noch von einer Million und anderen unmöglichen Dingen. Sie hat sich halt anstecken lassen von ihren Mitschülern, die alle hoch hinauswollen.“

„Manche Menschen haben eben hohe Ziele“, bemerkt Tanja. „Aber Hauptsache, man hat irgendwelche Ziele, Wünsche, an die man glaubt, und denen man hinterherjagt.“

Maria schmunzelt. „Hier können Sie hoch hinaus. Wenn man die Berge hinaufklettert und das Tal da unten sieht, da merkt man erst, was groß ist und was klein. Hier haben die meisten Menschen eine eigene Lebensweisheit, einige sogar, ohne viel studiert zu haben.“

„Ja, das merkt man“, finde ich. „Und dann geben Sie sich mit uns Schauspielern ab?! Wir sind doch ein lockeres Völkchen, oft ein bisschen oberflächlich und selbst beim Aussehen ist oft einiges noch Fassade.“

„Mir sind alle Leute recht“, behauptet sie fröhlich. „Und außerdem habe ich es meinem Neffen Gianni versprochen. Ich habe mich mit ihm ein bisschen unterhalten, und wir sind uns da einer Meinung, dass ihr nur euer Bestes geben könnt, wenn ihr hier gut versorgt seid. Davon hat auch Gianni etwas, denn er findet es gar nicht lustig, wenn man eine Filmszene unzählige Male neu drehen muss. Manchmal macht er sich ein bisschen lustig über die Schauspieler. Da sagt er immer, sie müssten auch mal die Klappe halten.“

Tanja und ich sehen uns irritiert an. „Was meint er denn damit?“ frage ich.

Sie lacht. „Na, natürlich die Filmklappe. Er sagt: Wenn sie wüssten, wie nervig es ist, eine Szene immer wieder neu zu filmen, dann würden sie sich mehr um ihre Texte und Anweisungen bemühen, als immer nur dummes Zeug zu reden.“

Ich stöhne gespielt. „Dann ist er aber ein strenger Kameramann.“

„Überhaupt nicht. Er ist sehr geduldig, höflich und freundlich. Da ist der Regisseur Raoul schon wesentlich strenger, Schlamperei mag er gar nicht. Und Jonas, der Produzent ist eine Art Herrgott in der Hierarchie. Er lässt gar nichts durchgehen, so gut wie er seine Millionen verwaltet, so exakt muss auch die Filmarbeit stattfinden. Da ist er ganz gnadenlos. Gianni hat mir nämlich schon viel von seinen beiden Freunden erzählt. Höflich und freundlich, ja, das können sie sein. Aber bei der Arbeit, da lassen sie nichts durchgehen.“

Tanja stöhnt leise. „Also doch kein Urlaub.“

Maria, die zügig die Serpentinen nach oben durchfahren hat, zeigt uns den Meggima-See, hinter dem sich auf einem Hügel ein kleines Bergdorf zeigt, dessen Kirchturmspitze mit seinem roten spitzen Dach fröhlich in den Himmel zeigt.

„Der See, der sich hier auf dem kleinen Plateau breitmacht, ist zwar künstlich angestaut, aber man sieht es ihm nicht an, so hübsch und natürlich, wie er es sich hier gemütlich macht. Der Ort, den wir gleich durchfahren, das ist hier Mühlwald, ein idyllischer Winkel, wo manche romantische Liebesgeschichte begann.“

„In einer Gebirgshütte ist es bestimmt romantischer“, überlegt Tanja. „Aber wahrscheinlich sind dort keine Männer zum Verlieben.“

Maria schmunzelt. „Eher nicht, ihr könnt euch also voll auf eure Arbeit konzentrieren. Außer euch beiden sind nämlich nur noch Babsi Kern und Yvonne Mikisch zur Auswahl für die Hauptrolle eingeladen. Und dazu ist der schon gewählte Hauptdarsteller Kevin Loyd anwesend, damit einige Szenen geprobt werden können.“

„Gibt es da oben wenigstens einen netten Oberförster oder Bergführer?“ fragt Tanja mit komischer Verzweiflung in Mimik und Stimme.

„Es gibt eine Menge netter Männer hier in der Gegend“, weiß unsere Betreuerin und amüsiert sich. „Unser Postbote wartet schon lange auf eine nette Touristin aus dem Ausland. Wenn du dir also mal einen Brief schreibst, wird er dich besuchen.“

„Und am besten lässt du ihn als Einschreiben transportieren“, rate ich meiner Freundin. „Den Brief meine ich.“

Kapitel 3

Die Berghütte ist größer, als ich sie mir vorgestellt habe, ein richtiges Chalet mit einer großen Terrasse, von deren Sonnenplatz aus die steinernen Gipfel ringsherum majestätisch grüßen. Vom Parkplatz aus sind es nur wenige Schritte bis zu dem hölzernen Gebäude, aus dem uns eine junge Frau entgegenläuft.

„Das ist meine Tochter Maffy“, verkündet Maria stolz und hilft uns beim Aussteigen. „Geht nur erst einmal mit ihr hinein! Um das Gepäck kümmern wir uns später!“

„Dann Willkommen auf der Alm!“ begrüßt uns die blonde, schlanke Frau. „Euer Zug hatte sicher Verspätung. Das Team ist unterwegs zu einem kleinen Spaziergang für Studienzwecke und ein paar Probeaufnahmen. Wegen des Lichts konnten sie nicht länger auf euch warten.“

Maria verteidigt uns. „Der Zug in Deutschland hatte tatsächlich Verspätung, da konnten unsere beiden Gäste den Anschluss nicht mehr erreichen. Am besten zeigst du ihnen erst einmal die Zimmer, während ich mich um das Essen kümmere.“

Es ist längst alles fertig“, sagt die junge Frau in leicht beleidigtem Ton. „Ich bin deswegen extra heute Morgen besonders früh aufgestanden.“

Wir begrüßen Maffy, stellen uns vor und lassen uns von ihr in das Zweibettzimmer führen, das wir in der nächsten Zeit gemeinsam bewohnen werden.

„Wie gemütlich!“ rufe ich erfreut aus, als ich die Bauern-Möbel entdecke.

Tanja sieht sich um. „Kein Fernseher und kein Radio“, bemerkte sie enttäuscht.

„Genau das stellte der Produzent bei der Vermietung zur Bedingung“, teilt uns die junge Frau mit. „In diesem Märchenfilm geht es um die einfachen Dinge, um natürliches Leben und ganz besonders die Natur selbst. Sicher habt ihr schon das Drehbuch gelesen.“

Wir schütteln den Kopf, und Tanja hebt die Augenbrauen. „Du etwa?“

„Nein. Aber der Kameramann Gianni ist mein Cousin. Er hat mir die Geschichte erzählt. „Die Suche nach dem Lächeln“ ist ein Märchenfilm. Die Hauptdarstellerin, Mira, das soll von dem lateinischen Wort Miraculum, das Wunder, kommen, soll ein natürliches, neugieriges, offenes Mädchen sein, dass sich ohne Vorurteile auf eine Reise begibt.“

„Dann wird das Team wohl sehr viel unterwegs sein“, vermutete ich.

Maffy schüttelt den Kopf. „Oh nein! Da wird überhaupt nicht gereist. Hier, in den Alpen, das sind die einzigen Außenaufnahmen. Der Rest wird im Studio gedreht und die ganzen Hintergründe der fremden Länder sind bereits separat abgedreht worden und werden dann mit den Studioszenen verknüpft, die Hintergründe werden hinterlegt, das Fachwort dafür kenne ich allerdings nicht.“

„Früher gab es die Studios mit den Greenscreens“, weiß Tanja aus Erfahrung. „So konnte dann die Landschaft die Studioszene komplettieren. Aber in der heutigen Zeit gibt es die Virtual Mixed Reality Studios, da werden dann die Darsteller ihre Szenen vor den fertigen Kulissen-Bildern drehen, die sich auf Knopfdruck hinter ihnen wechseln lassen.“

Ich staune. „Das passt aber nicht zu dem Film. Es soll doch alles so natürlich sein. Mit solch künstlichen Effekten kann ich mir kein gutes Ergebnis vorstellen.“

„Die Technik ist heute schon so weit, das merkt man gar nicht“, behauptet meine Freundin.

„Mister Coffee macht das aber, weil es so preiswerter ist“, weiß Maffy. „Mit dem Team überall herumzureisen, das ist viel teurer.“

Ich runzele die Stirn „Ich dachte, er sei mehrfacher Millionär. Warum gibt er für einen guten Film nicht genügend Geld aus?“

„Er ist total sparsam“, berichtet die junge Frau. „Gianni sagt sogar, er sei geizig. Sogar hier wäscht er sich nur mit kaltem Wasser, und er lehnt es ab, modische Klamotten zu tragen, sondern läuft wie der Kommissar Columbo herum, meist mit einem alten Regenmantel.“

Tanja grinst. „Es ist für die nächsten Tage hier Schnee gemeldet, und darauf freue ich mich schon riesig. Dann wird er wohl schon etwas anderes aus seinem Koffer zaubern müssen. Also kann ich mir diesen Millionär Jonas schon einmal aus dem Kopf schlagen. Das ist also auch kein Traummann für mich“, findet sie.

Maffy schenkt ihr einen spöttischen Blick. „Da hast du aber Glück! Alle anwesenden Männer hier haben momentan keine Partnerin. Der Schauspieler Kevin sieht natürlich umwerfend aus, ein schöner Mann und trotzdem ungeheuer männlich.“

„Mit Schauspielern spiele ich gern, aber ich würde nie einen heiraten“, gesteht ihr Tanja. „Was ist mit den anderen beiden? Was ist mit dem Regisseur Raoul? Ist er auch geizig oder in sich selbst verliebt?“

„Nein, absolut nicht. Er ist ein richtig netter Typ, nur eben sehr streng. Er verlangt viel von sich und von den anderen auch. Aber Jonas ist noch viel strenger, der lässt nichts durchgehen, was nicht 100-prozentig ist.“

Tanja stöhnt. „Dann bleibt ja nur noch dein Cousin. Auf jeden Fall scheint er gesprächig zu sein, wenn er dir schon so viel über den Film und das Team berichtet hat.“

„Gianni ist ein richtig netter Kerl“, gibt Maffy ihr Urteil über ihn ab. „Er redet eher zu viel als zu wenig, manchmal erzählt er mir auch von Dingen, die mich gar nicht interessieren. Dann muss ich ihn jedes Mal energisch stoppen.“

„Das hört sich vielversprechend an“, freut sich Tanja. „Und er ist auch ganz bestimmt solo? Oder trauert er irgendeiner Verflossenen nach?“

„Absolut nicht. Im Moment genießt er seine Freiheit und freut sich, hier wieder einmal in den Bergen zu sein und seine Verwandtschaft besuchen zu können. Er ist sonst viel in Rom, weil er da in den Filmstudios von Cinecittà arbeitet.“

Die Augen meiner Freundin leuchten. „In Rom habe ich noch nicht gedreht. Eigentlich haben wir bisher auch mehr Theater gespielt und nur kleinere Rollen in Filmen übernommen. Eine Hauptrolle hatten wir bisher beide noch nicht“, berichtet sie freimütig.

Maffy runzelt die Stirn. „Dann kommt ihr beide bestimmt nicht infrage. Jonas sucht erfahrene Schauspielerinnen.“

Tanja protestiert. „Wir haben beide schon als junge Mädchen angefangen und dann drei Jahre lang eine Schauspielschule besucht, die wir mit großem Erfolg absolviert haben. Rollen haben wir mehr als genug bekommen, und wenn wirklich mal eine Pause war, sind wir eben als Komparsen tätig gewesen. Wir sind nämlich mit Leib und Seele Schauspielerinnen.“

Maria betritt voll beladen mit unserem Gepäck den gemütlichen Raum. „Wo bleibt ihr denn alle so lange? Ich habe inzwischen einen frischen Kaffee gekocht, und der Kuchen steht auch schon auf dem Tisch. Wenn ihr nichts esst, brecht ihr nachher zusammen.“

„Allzu hungrig sind wir nicht“, bekenne ich ihr. „Wir haben schon im Zug allerlei gefuttert. Aber auf die Einladung zum Kuchen freue ich mich natürlich.“

„Aber sollten wir dann nicht lieber warten, bis die anderen auch da sind?“ schlägt Tanja vor.

„Die kommen jetzt erst einmal nicht wieder“, weiß Maffy. „Wenn die Drei erst einmal ein Projekt begonnen haben, sind sie so schnell nicht zu stoppen. Sie wollten bis an die Schneegrenze gehen und schauen, wie die Beleuchtung dort ist und wie sich Kevins Teint dort oben macht. Bei den Perfektionisten wird das bestimmt eine ganze Weile dauern. Bis dahin ist der Kaffee kalt.“

„Ja dann! Worauf warten wir noch?! Kaffee ist jetzt genau das Richtige.“ melde ich mich zu Wort.

Kapitel 4

Beim Kaffeetrinken erzählt uns Maffy ausgiebig von ihren schlechten Erfahrungen mit den Männern, aufmerksam und staunend hören wir ihr zu.

„Wie hast du nur immer solche Exemplare aufgetrieben?“ fragt Tanja verwirrt.

Die junge Frau zeigt ihr ein breites Lächeln. „Ihr sei zwar noch sehr jung, aber viel bessere Erfahrungen scheint ihr bisher auch noch nicht gemacht zu haben.“

Ich bin froh, dass sich in diesem Moment die Tür öffnet und ein junger attraktiver Mann mit zwei jungen Frauen den Raum betritt.

Er begrüßt uns mit einer freudigen Umarmung. „Wie ihr euch schon denken könnt, bin ich Kevin, euer Schauspielpartner, und ich habe euch gleich eure beiden Leidensgenossinnen mitgebracht, die schon ein bisschen gequält wurden.“

Nachdem wir uns aus seiner Umarmung gelöst haben, stellen sich die beiden jungen Frauen selbst vor.

Die kleinere, die mit ihrer zarten Figur und ihrem anmutigen Gesicht einer Porzellanpuppe gleicht, beginnt: „Ich bin Yvonne, meinen Nachnamen müsst ihr euch gar nicht erst merken, denn ihr wisst ja, beim Film gibt es immer nur das Du. Und wenn ich nicht so verrückt auf diese Rolle wäre, säße ich jetzt vermutlich schon wieder im Zug nach Hause, denn dieser raue Wind da draußen gefällt mir überhaupt nicht.“

Die etwas Größere mit der molligen Figur und einem Engelsgesicht fährt fort: „Ich bin die Babsi, aber glaubt der Yvi bloß nichts. Sie macht halt um alles nur ein bisschen Theater, weil sie eine Prinzessin auf der Erbse ist. Wenn es aber drauf ankommt, reitet sie durch das Feuer.“

„Wenn wir nicht Konkurrentinnen wären, würde ich euch richtig nett finden“, scherzt Tanja und schmunzelt. „Aber ich werde mich trotzdem bemühen, fair zu bleiben.“

Babsi und Yvonne antworten mit einem Lachen. „Wir werden schon miteinander klarkommen“, prophezeit die „Prinzessin auf der Erbse. „Und mit Kevin kann man gut arbeiten“ Sie sieht ihn herausfordernd an. „Er ist zwar ein Charmeur, aber wir sind nachsichtig mit ihm, weil er gut arbeitet. Eben haben wir schon eine winzige Szene mit ihm drehen dürfen.“

Tanja ist neugierig. „War das schon etwas aus dem Drehbuch?“

„Nein, wir haben etwas improvisiert, weil uns Jonas etwas genauer kennenlernen wollte, uns und unsere Fähigkeiten. Es wurde uns eine kleine Aufgabe serviert, wie das so bei einem Casting üblich ist.“

„Ihr könntet es uns ruhig verraten“, findet meine Freundin. „Hattet ihr beide die gleiche Aufgabe?“

Yvonne schüttelte den Kopf. „Nein, jeder wurde in eine andere Situation hineinversetzt, und für euch haben sich die Herren bestimmt auch noch etwas Spannendes ausgedacht.“

„Da ihr so fröhlich ausseht, hat es euch bestimmt Spaß gemacht“, versuche ich, die beiden aus der Reserve zu locken.