Die Zauberin von San Lorenzo - Gudrun Leyendecker - E-Book

Die Zauberin von San Lorenzo E-Book

Gudrun Leyendecker

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Beschreibung

In Norditalien, in dem kleinen Königreich von San Lorenzo, geschehen wundersame Dinge. Wer verunsichert die Bürger und gibt ihnen Rätsel auf? Wer steckt hinter den merkwürdigen Geschehnissen? Divina, die Zauberin oder Kronos, ihr Widersacher? Ein zauberhaftes Abenteuer voller Spannung und Überraschungen.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren.

Siehe Wikipedia.

Sie veröffentlichte bisher über 120 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein. Erfahrungen für ihre Tätigkeit sammelte sie auch in ihrer Jahrzehntelangen Tätigkeit als Lebensberaterin.

Inhaltsangabe:

In Norditalien, in dem kleinen Königreich von San Lorenzo, geschehen wundersame Dinge. Wer verunsichert die Bürger und gibt ihnen Rätsel auf? Wer steckt hinter den merkwürdigen Geschehnissen? Divina, die Zauberin oder Kronos, ihr Widersacher?

Ein zauberhaftes Abenteuer voller Spannung und Überraschungen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Unweit des Gardasees, mit den Brenta-Dolomiten im Rücken, finden aufmerksame Menschen ein kleines Königreich, das den Namen eines berühmten Ortes trägt: San Lorenzo.

Dieses besondere Fleckchen Erde liegt in einem romantischen Tal, umgeben von Hügeln, auf denen saftiges Gras wächst, und dehnt sich hoch über die grünen Almen hinaus bis hinauf zum ewigen Gestein der Alpen, das sich dort in den azurblauen Himmel erhebt.

Die Menschen in San Lorenzo sind sehr naturverbunden und bemühen sich, mit ihr und in ihr so zu leben, dass sie keinen Schaden nimmt. Doch zu allen Zeiten gab es Hexen und Magier, die dieses Miteinander störten, machtbesessen waren und Unheil stifteten.

Zu jener Zeit, da sich unsere Geschichte ereignete, lebte in San Lorenzo eine freundliche Zauberin namens Divina, die sich mit ganzer Kraft darum bemühte, in diesem Königreich den Frieden zu bewahren.

Kapitel 1

Es war einmal …

Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, streifte die Zauberin durch die stillen Straßen der Stadt San Lorenzo, um mit jedem Schritt ein wenig Sonnenschein zu verbreiten. Denn sie hatte eine besondere Gabe erhalten: So wie andere Menschen zuweilen einen Schatten hinter sich herziehen, ließ Divina ein sanftes Licht erstrahlen, das ihren Füßen folgte und den Tag erhellte.

An einem nebligen Morgen im Oktober hatte sich dichter Dunst zwischen den Häusern ausgebreitet, und die Zauberin ahnte, dass diesem Nebel ein unangenehmer Besuch folgen würde.

Tatsächlich sollte sie mit ihrer Ahnung Recht behalten, denn kurz darauf traf sie am Gänsebrunnen vor dem Rathaus den gefürchteten Magier Kronos, der schon lange ein Auge auf das Königreich geworfen hatte, weil er es in seinen Besitz bringen wollte.

Divina erkannte ihn an seiner dunklen Gestalt, seiner gebeugten Haltung und dem griesgrämigen Gesichtsausdruck. Das Wasser am Brunnen plätscherte munter dahin, und Divina fragte sich leise, welche düsteren Gedanken er wohl ausbrütete.

Kronos hob den Kopf, und als er die Zauberin erblickte, wandelte sich sein Gesichtsausdruck. Mit einem hämischen Grinsen sah er sie an und fragte in blecherner Stimme: „Bist du etwa gekommen, um mich aufzuhalten? Bildest du dir etwa ein, meine Pläne stören zu können?!“

Divina sah ihn mit unschuldigem Blick an. „Ich kenne deine Pläne gar nicht. Wie sollte ich da etwas gegen dich unternehmen?“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Das glaube ich dir nicht, denn jeder weiß, dass ich schon lange darauf aus bin, die Menschen dieses Landes für mich zu gewinnen, damit sie künftig gerne meinen Anweisungen folgen. Und weil ich weiß, dass du mich daran ohnehin nicht hindern kannst, verrate ich dir:

Ich fange bei den Kindern an. Denn wer die Kinder für sich gewinnt, dem gehört die Zukunft.“

Die Zauberin erschrak innerlich, denn sie wusste, dass auch ihre Kräfte begrenzt waren, doch sie ließ sich nichts anmerken. In unschuldiger Miene entgegnete sie: „Sicher hast du nur Gutes mit den Kindern und diesem Land vor.“

Sein Grinsen wurde noch breiter; er amüsierte sich sichtlich, als er hinzufügte: „Ich locke sie mit freundlichen Worten, süßen Dingen und Geschenken. Das wirkt immer, sogar noch bei Erwachsenen. Dann werden sie immer das tun, was ich mir wünsche.“

Divina tauchte ihre Hände in das kalte Wasser des Brunnens, ließ kleine Wellen entstehen und überlegte einen Augenblick. Das ist ja wie im alten Rom, dachte sie bei sich, Brot und Zirkusspiele.

Dann wandte sie sich zu Kronos. „Und wie willst du das anfangen?“

Der Magier kniff die Augen zusammen. „Zuerst werde ich einen Jahrmarkt errichten, und zwar auf dem großen Platz, mitten in San Lorenzo. Er wird so schön und so bunt und so lustig sein, dass jeder hingehen möchte.“

„Aber was ist daran so besonders?“ wollte die Zauberin wissen.

„Er wird an einem Mittwoch stattfinden“, erwiderte Kronos. „Die Kinder werden der Schule fernbleiben, und selbst mancher Erwachsene wird sich von seiner Arbeit fortstehlen. Und jene, die zu Hause bleiben oder an ihrem Platz verharren, werden doch immer an den Jahrmarkt denken — und er wird sie ablenken. Ich will in den Menschen neue Sehnsüchte wecken.“

Divina seufzte leise. „Ich sehe schon, du hast nachgedacht und genaue Pläne geschmiedet. Und es klingt, als könntest du damit Erfolg haben.“

Kronos grinste zufrieden, drehte sich wortlos um und stapfte davon.

*

Kapitel 2

Es war ein milder Herbstmorgen, und über San Lorenzo lag der silberne Dunst des frühen Tages. Doch aus dem Herzen der Stadt drang ein ungewohntes Murmeln, ein buntes Klingen, ein Lachen und Rufen, das sich über die Dächer legte wie ein aufgeregtes Raunen. Der Jahrmarkt war gekommen!

Schon von weitem sah man die bunten Wimpel flattern, hörte das Klappern der Wagenräder auf dem Pflaster und das Rufen der Händler, die ihre Stände aufbauten. Der große Platz hatte sich über Nacht verwandelt: in ein Reich aus Farben, Düften und Stimmen.

Da standen die Buden dicht an dicht – hier funkelte Glas in der Sonne, dort glitzerten Spiegel und bunte Tücher. Ein Mann mit breitem Hut bot Zinnsoldaten an, eine Frau mit rotem Kopftuch verkaufte Bonbons in schimmerndem Papier, und in der Luft lag der süße Duft von gerösteten Mandeln und Zuckerwatte.

Zwischen all dem Gedränge zog ein Feuerschlucker die Blicke auf sich: Er hob eine Fackel, atmete tief ein und blies eine goldene Flamme in den Himmel, die kurz aufleuchtete und dann im Morgenlicht verging. Ein Jongleur ließ bunte Bälle tanzen, während ein Musikant auf seiner Drehorgel ein fröhliches Lied spielte, das den zuschauenden Kindern in die Beine fuhr. Ein paar Schritte weiter standen die Kunstreiter: Ihre Pferde mit glänzenden Mähnen trabten stolz im Kreis, während eine junge Frau in funkelndem Kleid sich auf dem Sattel verneigte. Und ganz hinten, halb verborgen unter einem dunklen Baldachin, saß eine alte Wahrsagerin, die geheimnisvoll lächelte und die Zukunft in den Linien der Hand zu lesen versprach.

Mitten in diesem bunten Treiben standen zwei Kinder, Anna und Vicente. Eigentlich hätten sie in der Schule sein sollen, doch der Jahrmarkt hatte sie stärker gerufen als jedes Schulbuch. Sie hatten ihr Erspartes aus den kleinen Sparkästchen geholt und sich heimlich auf den Weg gemacht, das Herz klopfend, die Augen voller Neugier, aber im Gefühl mit einem schlechtem Gewissen.

„Schau, Vicente!“ rief Anna begeistert, „da gibt es Zuckeräpfel! Und dort Spielzeugpferde mit bunten Bändern!“ Vicente grinste, doch er sah sich vorsichtig um. „Wenn wir etwas kaufen, merken sie zu Hause, dass wir hier waren“, flüsterte er.

„Aber wenn wir gar nichts kaufen, war es doch umsonst, dass wir gekommen sind“, meinte Anna, die immer ein bisschen mutiger war als er.

Schließlich kauften sie sich doch etwas Süßes: ein Tütchen gebrannte Mandeln und zwei Lebkuchenherzen mit bunten Buchstaben.

Danach ließen sie sich von Stand zu Stand treiben, probierten Zuckerwatte, sahen dem Gaukler zu und hielten sich lachend an den Händen, als sie das Karussell entdeckten.

Sie gaben ihr restliches Geld für ein paar Attraktionen aus – warfen Ringe auf Flaschenhälse, gewannen eine kleine Pfeife und eine Glasmurmel und lachten, bis ihnen die Wangen glühten.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, verließen die Kinder den Platz. In ihren Taschen raschelte nur noch das Papier der Bonbons, und auf ihren Gesichtern lag ein Lächeln, das so hell war wie der Abendhimmel über San Lorenzo.

„Wir sagen niemandem etwas davon“, meinte Vicente leise.

Anna nickte. „Nein, das bleibt unser Geheimnis.“

Und während sie durch die Gassen nach Hause gingen, hörten sie hinter sich noch einmal das ferne Lachen, das Klingen und Rufen des Jahrmarkts — als flüstere er ihnen zu, dass Träume manchmal schöner sind, wenn man sie heimlich erlebt.

Kapitel 3

Am Nachmittag, als die Sonne milder schien und sich golden über die Dächer von San Lorenzo legte, mischte sich eine junge Frau unter das bunte Treiben des Jahrmarkts.

Niemand ahnte, dass es in Wahrheit die Zauberin Divina war. Sie hatte ihr Haar unter einem Tuch verborgen, trug ein einfaches Kleid und einen Korb am Arm, wie eine gewöhnliche Besucherin. So wollte sie selbst sehen, wie dieses Treiben auf die Menschen wirkte.

Die Gassen rund um den großen Platz waren voller Leben. U§ berall drangen Stimmen durcheinander: das Lachen von Kindern, das Rufen der Händler, das Klingen einer Drehorgel und dazwischen das laute Schnauben eines Pferdes. Bunte Bänder flatterten im Wind, und der Duft von gebrannten Mandeln, Bratäpfeln und heißem Honig zog durch die Luft.

Divina ging langsam, sah sich um und lauschte. Sie sah Kinder, die mit roten Wangen und glänzenden Augen an den Ständen standen und ihre Hände an Tüten voller Süßigkeiten pressten. Sie sah Frauen, die sich über die Auswahl an Töpfen, bunten Stoffen und feinen Schürzen freuten, miteinander lachten und eifrig feilschten. Und sie sah Männer, die an einer Bierbude standen, sich gegenseitig auf die Schultern klopften und lauthals sangen, während ihre Krüge klirrten.

Das bunte Leben war wie ein einziger Wirbel aus Farben, Klängen und Düften. Doch nicht alles war von Freude erfüllt: In einer schattigen Ecke stritten sich zwei Männer, und bald flogen die ersten Schimpfworte. An einer anderen Bude zankten sich zwei Frauen um ein besonders schönes Tuch, das beide haben wollten. Und unweit davon stand ein kleines Kind mit verweinten Augen, dem von all den Süßigkeiten übel geworden war.

Divina seufzte leise. So also wirkt es, dachte sie. Freude und Unruhe, beides wohnt hier nebeneinander.

Da blieb ihr Blick an einer kleinen Menschenmenge hängen. Eine Schar Kinder hatte sich vor einem bunten Zelt versammelt, über dessen Eingang ein Schild hing: „Das große Kasperletheater!“ Fröhliche Musik erklang, und die Kinder drängten sich erwartungsvoll näher.

Divina trat näher heran, und da sah sie ihn. Hinter der kleinen Bühne stand ein Mann mit freundlichem Gesicht, in buntem Wams und mit einer Schellenkappe auf dem Kopf. Niemand hätte geahnt, wer er wirklich war. Doch Divina erkannte ihn sofort: den Magier Kronos. Sein Duft verriet ihn: ein schwerer, herber Geruch nach Moder und Rauch, den keine Verkleidung verbergen konnte.

Er bewegte geschickt die Puppen, den Kasper, die Gretel, den Polizisten, und sprach mit verstellter Stimme, mal komisch, mal laut, mal schmeichelnd. Die Kinder lachten, klatschten und riefen durcheinander.

„Da ist er! Da ist der Kasper!“ jubelten sie.

Unter ihnen standen auch zwei kleine Mädchen, Zwillinge, die kaum älter als sieben Jahre waren. Sie hießen Marina und Lucia. Ihre Zöpfe wippten im Takt ihres Lachens, und sie hielten sich fest an den Händen, damit sie sich in dem Gedränge nicht verloren. Für sie war dies das Schönste, was sie je gesehen hatten.

Divina betrachtete die Szene schweigend. Kronos spielte seine Rolle so überzeugend, dass selbst die Erwachsenen lächelten. Nur sie allein spürte, dass hinter dem freundlichen Lächeln eine andere Absicht lauerte – eine, die dunkler war als alle Schatten, die über den Jahrmarkt fielen.

So stand sie eine Weile da, unbeweglich, und beobachtete das Spiel, während in ihrem Herzen ein stiller Entschluss wuchs. Ich darf den Magier nicht mehr aus den Augen lassen, schwor sie sich.

Kapitel 4

Nachdem sich der Kasper mit einem fröhlichen Winken von den Kindern verabschiedet hatte, öffnete sich der kleine Bühnenvorhang ein letztes Mal. Da trat Kronos hervor – doch nicht mehr als Gaukler. In der Gestalt eines freundlichen alten Mannes, mit schneeweißem Haar und einem Lächeln, das so warm wirkte wie Sonnenschein, stand er plötzlich zwischen den Kindern.

Er trug einen weiten, grauen Mantel, aus dessen Taschen kleine Wunder hervorglänzten: leuchtende A§ pfel, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten, duftende Küchlein, noch warm vom Backen, und knusprige Brezeln, die golden in der Sonne glänzten.

„Na, ihr lieben Kinder,“ sagte er mit weicher, singender Stimme, „habt ihr euch gefreut an unserem kleinen Spiel?“

Mit leuchtenden Augen und offenem Staunen umringten ihn die Kinder. Wie verzaubert nahmen sie alles an, was er ihnen reichte.

Jedes Geschenk duftete süß, fühlte sich warm und köstlich an, und wer hineinbiss, meinte, ein Stück Glück zu kosten.

Unter den Zuschauern standen auch Lucia und Marina, die Zwillinge. Ihre Augen funkelten wie zwei dunkle Edelsteine, als sie die Gaben entgegennahmen. Kronos lächelte ihnen besonders freundlich zu, beugte sich ein wenig zu ihnen hinunter und sprach jedes Mädchen mit Namen an – obwohl sie ihm nie genannt worden waren.

„Das ist wirklich ein netter Mann,“ flüsterte Lucia und strich sich das dunkle Haar aus der Stirn.

Marina nickte eifrig. „Ja, endlich einmal jemand, der versteht, was wir uns wünschen. Zu Hause müssen wir immer bescheiden sein und dürfen kaum Süßes essen.“

Lucia seufzte leise. „Hoffentlich bleibt der Jahrmarkt noch lange. Ich möchte jeden Tag wiederkommen.“

Kronos hatte die beiden Kinder schon eine Weile beobachtet. Er spürte, wie zutraulich sie waren, wie offen und vertrauensvoll. In ihren Augen spiegelte sich Sehnsucht – nach Freude, nach Zuwendung, nach etwas Besonderem.

Er trat näher, und seine Stimme klang so freundlich, dass selbst der Wind für einen Augenblick stillzustehen schien.

„Hat euch das Kasperlspiel gefallen?“ fragte er.

Die beiden nickten eifrig.

„Das war sehr lustig,“ sagte Marina und hielt die kleine Brezel fest in der Hand. „Das Zuschauen hat Spaß gemacht. Bleibt der Jahrmarkt noch lange hier?“

Kronos lächelte geheimnisvoll. „Wenn ihn recht viele Menschen besuchen, dann ja,“ antwortete er sanft. „Und wenn ihr morgen ein paar Freunde mitbringt, dann werden unsere Schausteller gewiss noch einige Tage bleiben.“

Lucia sah ihre Schwester an, und beide nickten gleichzeitig. „Dann bringen wir morgen alle unsere Freunde mit,“ versprach sie. „Ganz sicher wird es ihnen hier auch gefallen.“

Kronos legte ihnen die Hände auf die Schultern, als wolle er sie segnen, und sein Blick glitt kurz über die Menge. Für einen flüchtigen Augenblick schimmerte in seinen Augen etwas, das nicht mehr freundlich war – ein kaltes, silbriges Funkeln wie das Licht des Mondes auf Eis. Doch die Kinder bemerkten es nicht.

Etwas abseits, halb im Schatten einer Budenwand, stand Divina. Noch immer trug sie die Verkleidung der jungen Frau, und niemand achtete auf sie. Leise beobachtete sie die Szene, während in ihrem Herzen ein Gefühl zwischen Sorge und Entschlossenheit wuchs.

Sie wusste, dass Kronos nicht einfach mit Geschenken kam. Seine Freundlichkeit war wie süßer Wein – betörend und gefährlich zugleich.

*

Betörend und gefährlich zugleich – so war sein Wesen.

Als das Lachen der Kinder allmählich verklang und die Menge sich zerstreute, trat Kronos hinter die bunte Kasperbude. Dort, im Halbdunkel zwischen den hölzernen Stützen, zog er den freundlichen Mantel enger um sich, und sein Gesicht veränderte sich. Das Lächeln wich, die Falten wurden schärfer, und in seinen Augen glomm ein kaltes Licht auf.

Er blieb einen Augenblick stehen, lauschte dem entfernten Klang der Drehorgel, dann begann er halblaut zu murmeln – fast so, als spreche er zu jemandem, der unsichtbar neben ihm stand.

„So also beginnt es,“ sagte er. „Zwei kleine Seelen, offen und arglos – wie leicht sie sich gewinnen lassen. Ein paar freundliche Worte, ein Lächeln, ein süßer Duft – und schon öffnen sie ihre Herzen.“

Ein leises, zufriedenes Lachen entrang sich seiner Kehle.

„Doch das ist erst der Anfang. Kinder sind wie junge Zweige – biegsam, empfänglich, leicht zu formen. Aber auch die A§ lteren, die meinen, sie wüssten alles, lassen sich lenken, wenn man ihre Wünsche kennt.“

Er strich sich langsam über den Bart, während seine Stimme zu einem Flüstern wurde.

„Ich werde sie alle erreichen – die Kinder zuerst, mit Träumen und kleinen Gaben. Dann die Eltern, mit dem Versprechen auf Glück, Erfolg und Bequemlichkeit. Und schließlich die Alten, die sich nach Ruhe sehnen. Jeder Mensch hat seinen wunden Punkt. Man muss ihn nur finden.“

Er machte eine kleine Pause, als wolle er seinem eigenen Gedanken lauschen, dann lächelte er wieder – diesmal kalt, berechnend, ganz ohne jede Freundlichkeit.

„Bald wird niemand mehr an mir zweifeln. Sie werden mich lieben – und doch werde ich sie führen, wohin ich will.“

Während er sprach, stand im Schatten eines nahen Wagens Divina. Lautlos wie ein Windhauch war sie ihm gefolgt, und nun hörte sie jedes Wort seines Selbstgesprächs.

Die untergehende Sonne warf ein letztes rötliches Licht über den Platz, das sein Gesicht für einen Augenblick entlarvte – nicht mehr das eines gütigen Alten, sondern das eines Magiers, der von Macht berauscht war.

Divina spürte, wie sich eine tiefe Sorge in ihr Herz legte. Doch zugleich erwachte in ihr eine leise Entschlossenheit.

Er wird nicht gewinnen, dachte sie. Nicht, solange ich atme.

Sie wich zurück, bevor er sie bemerken konnte, und verschwand in der Menge, die noch immer träge zwischen den Buden umherzog. In ihrem Innern begann sich ein Plan zu formen – noch vage, wie ein fernes Licht im Nebel, aber mit jedem Schritt klarer.

Denn sie wusste: Gegen einen Magier wie Kronos konnte man nicht nur mit Zaubersprüchen bestehen. Man brauchte Herz, Klugheit – und Menschen, die das Gute noch erkennen konnten.

*

Kapitel 5

Als die Sonne hinter den Feldern versank und die Schatten des Abends über das kleine Dorf krochen, kam Vicente nach Hause. Der Duft von Erde und Heu hing noch in seinen Kleidern, und in seinen Ohren klangen die Melodien des Jahrmarkts nach – die Drehorgel, das Kinderlachen, das Klirren der Gläser.