Das Leben des RD - Rudolf Dietz - E-Book

Das Leben des RD E-Book

Rudolf Dietz

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Trotzig wegen vieler Schläge des Vaters nutzt er die Chancen, die ihm geboten werden. Ein Buch, das einen eindrucksvollen Einblick in das harte Leben eines Kindes der Nachkriegszeit vermittelt und zeigt, wie es ihm gelingt, die Herausforderungen zu meistern. Die Geschichten ziehen den Leser in eine Epoche, die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Sie zeigen eindrucksvoll und lebendig die Lebensweise vergangener Generationen und sind mitreisend geschrieben

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



ERWIN RUDOLF DIETZ

DAS LEBEN DES RD ODER

Impressum:

Copyright: Erwin Rudolf Dietz (RD)

ISBN:

978-3-7345-0893-6 (Paperback)

978-3-7345-0894-3 (Hardcover)

978-3-7345-0895-0 (e-Book)

Technische Aufbereitung, Gestaltung des Covers und Text dazu, Walter Dietz- Bielefeld

http://walter-dietz.de

Quellen: Eigene Aufzeichnungen Erwin Rudolf Dietz, Zeitungsberichte Rhön-und Streubote (RS), Mainpost (MP) und Prüfberichte der Staatlichen Rechnungsprüfungsstelle, alle Quellen sind im Text eingefügt.

Bildnachweis Cover: Harald Ewald‚- Verabschiedung von Bürgermeister Rudi Dietz am 29.09. 1994 durch die Kinder der Grobschen Stiftung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Jugend und Kindheit

Geburt

Plötzlich wurde es dunkel

Kindergarten

Schule und Krieg 1

Meine Schwester Rita wird geboren

Schule und Krieg 2

Eine Notschlachtung

Mord oder Totschlag?

Das Ende des Krieges naht

Die Amerikaner kommen in unser Dorf

Mein Tag der ersten hl. Kommunion

Der Ministrant- die Ratschenbuben

Weiter mit der Schule 3

Sehnsucht nach Wärme

Politisches Neuland nach dem zweiten Weltkrieg

Dieb sein lohnt sich nicht- Ende der Schulzeit 1951

Meine Lehrzeit

Der Kirchweihbrauch.- Die Licht-oder Spinnstube

Jugend

Endlich verliebt

Der Beginn des eigenen Lebens

Die Hochzeit

Das alltägliche Leben

Die Zeit als zweiter Bürgermeister

Plötzlich Bürgermeister

Das Jahr 1977

Plötzlicher Tod von MdB Bürgermeister Alex Hösl

Der Amtsbeginn

Zur Situation im Gemeindeteil Neustädtles

Plötzlich war das, was gut war, nicht mehr gut

Die Schattenseiten des Amtes

Verbände und Vereine

Der Abwasserzweckverband Obere Streu

Der Schulverband Nordheim v.d. Rhön

Der Forstbetriebsverband

Die Entwicklung des Schuldenstandes der Gemeinde Nordheim v.d. Rhön von 1976 bis 1992

Vereine

Versetzung in den Ruhestand

Meine Rücktrittserklärung

Die 1200 Jahrfeier 1989

Eine Weihnachtsgeschichte

Erinnerungen

Die Lebenskreise schließen sich

Der erste Kreis schliesst sich

Der Waldruch- der zweite Kreis schliesst sich

Ein dritter Kreis schliesst sich

Der 30. September 1994 rückte unaufhaltsam näher

Meine Schriften

VORWORT

Mein Geburtsort ist Nordheim vor der (v.d.) Rhön. Er ist ein malerischer, typisch fränkischer Ort, eingebettet in das Tal der Streu. Diese entspringt am Ellenbogen in der thüringischen Rhön und teilt den Ort in zwei Teile. Die Streu abwärts rechts, die im Volksmund so bezeichnete Kleine Seite, und links, der eigentliche und weitaus größere Ortsteil mit dem Marktplatz. Neben anderen Fischarten, die die Streu beherbergt, ist besonders die Rhöner Forelle als Köstlichkeit bekannt.

Bis Christi Geburt war die Rhön von Kelten besiedelt. Nordheim zählt zu den sogenannten Windrosenorten. Nordheim- Norden, Ostheim- Osten, Sondheim- Süden und Stetten, nach dem Stand der Abendsonne- Westen. Das lernten wir schon in der Schule.

Erste urkundlich gesicherte Erwähnung von Nordheim vor der Rhön: „Die Urkunde des Klosters Fulda vom 27. Februar 789.“ (Stengel Nr. 183) Schreiben an die Gemeinde Nordheim v. d. Rhön.

Die Wiesen um das Streutal schmücken im Sommer die Landschaft mit einem satten Grün. Der Blick zum Mittel-Gebirge der Rhön zeigt eine abwechslungsreiche, teils kegelförmige Bergformation. Die in einem Rhönlied besungenen hohen Matten sind zu einem kleinen Teil sichtbar. Wie ein Schutzwall zieht sich streuabwärts, linker Hand der Hochwald von Fladungen, über Heufurt und Nordheim bis nach Ostheim, wo die Lichtenburg an längst vergangene Zeiten erinnert.

Ebenfalls linker Hand, zwischen Heufurt und Nordheim unterhalb der steinernen Brücke, nur von einem schmalen Pfad - dem Weingässchen - zur Streu getrennt, erhebt sich steil nach oben der Pfaffenberg, der einst ein Weinberg war. Während die Pest im Jahre 1635 und in darauffolgenden (Dr. F. Georg Benkert, die Kapelle zum heiligen Sebastian, Würzburg 1858) viele Bürger dahinraffte, gelobten die Nordheimer, eine Kapelle auf dem Pfaffenberg zu bauen. Sie wurde dem Pestheiligen Sebastian gewidmet. Die noch erhaltene Eremitage und die Kapelle grüßen die Menschen, die mit allerhand Verkehrsmitteln auf der B 285 unterwegs sind, die mitfahrenden Kinder und Erwachsenen in der Museumsbahn, die Wanderer und die frommen Pilger, die die 14 Stationen des Kreuzweges zum Kapellenberg betend hochwandern. Ja, so etwas gibt es noch.

Rechter Hand die Streu abwärts, fällt vom Kapellenberg ein besonders schöner Blick über meinen Heimatort, mit seiner herrlichen Dachlandschaft. Dann weiter zum Sommerberg und Osterberg. Die fruchtbare Acker- und Wiesenlandschaft nach Sondheim und Stetten ist durchschnitten von dem Bächlein Bahra, das unterhalb der Kirche von Urspringen seine Quelle hat. Vom Sondheimer Ortsteil Stetten fließt gemächlich, gleich einem Rinnsal, der Stettbach herunter. Er entspringt unter der Linde in der Mitte des Dorfes. Der Bach vereinigt sich auf der Nordheimer Flur „Bruchwiesen“ mit der Bahra und diese wird von der Streu, an der Bünd vorbei, rechts von der Au-Brücke, aufgenommen.

Geht man in meinem Heimatort abends oder des nachts entlang des Friedhofes und der Schulturnhalle spazieren, grüßt heute der Funkturm vom Kreuzberg und der vom Heidelstein. Bei klarer Sicht und ohne den Rhöner Nebel, erkennt man die roten Lichter, die wie Morsezeichen an den Sendemasten funkeln.

Die Höhenlage der Gemeinde liegt bei 314 Meter NN. Die höchste Erhebung ist die Königsburg mit einem kleinen Aussichtsturm und der beschriebenen Historie des Platzes mit 533 Meter NN. Höhenunterschiede in Nordheim bis zu 219 Metern. Auch das wurde uns in der Schule beigebracht.

Die alte Baustruktur der Gemeinde zum Zeitpunkt des Geschehens zeigt ein fränkisches Haufendorf. Enge Gassen und kleine Bauernhöfe. An dem Wohnhaus ist der Vieh- und Pferdestall angegliedert, vor dem Stall die Miste. Dann geht es weiter zu den Schweine-, Hasen- und Hühnerställen mit Durchgang zur Scheune. Mal sind die einzelnen Höfe in einem kleinen Viereck eng aneinandergebaut, mal mit einem sogenannten Handtuchgrundstück in die Länge gezogen. Das Rathaus, Pfarrhaus und Zehnthaus, das frühere Schulgebäude am Kirchberg, sowie der malerische Kirchaufgang, sind stattlich. Ebenso die Gebäude des Gelben und des Weißen Schlosses. Einstige Besitztümer der Herren von der Thann. Stolz grüßt der Kirchturm in das Land.

Die bereits erwähnte Streu führte im Jahr zweimal Hochwasser. Einmal im Herbst, wenn die Gräben in der Flur vom Regenwasser gefüllt waren und einmal nach der Schneeschmelze, im zeitigen Frühjahr. Zur damaligen Zeit war der Bach noch nicht in ein Mauerwerk eingezwängt. Das Vieh konnte am Rande der Streu im Ort noch getränkt werden. Enten- und Gänsefamilien watschelten, je nach Laune, aus den Höfen über die Straßen in das Wasser des Streulaufes. Eine einzigartige Idylle, die zur damaligen Zeit viele Maler, besonders wegen des Kirchaufganges, angezogen hat.

Das Hochwasser der Streu hatte zur Folge, dass Verluste an Vieh, und große Schäden an den Straßen und Bauten entstanden.

Das war offensichtlich auch im September 1780 oder 1782 so. Der Herzog Carl August von Weimar bereiste mit Johann Wolfgang von Goethe sein Hoheitsgebiet. Auf dem Weg nach Ostheim v.d. Rhön fuhren sie durch Nordheim. Die Kutsche von Goethe hatte einen größeren Schaden in Ortsmitte, der Furt der Streu, genommen. Dieser konnte nicht so schnell behoben werden. (Quelle: Bezüglich der Reise von Carl August, die Internetseite der Stadt Ostheim vor der (v.d.) Rhön. Angewidert soll Von Goethe gesagt haben: „Wann kommen wir endlich von diesem Drecknest fort?“ (Diesen angeblichen Ausspruch von Goethe berichtete mir der „Graumanns Friede“, so wurde dieser in Ostheim genannt, schon im Jahre 1954). Dort war ich zu der Zeit im dritten Lehrjahr bei der Firma Eugen Klee.

Ausgeprägt sind die Charaktere der Bevölkerung. Fleißig, ehrlich, fröhlich, herb, auch stur, zuweilen ein bisschen verschlagen und sprachfaul. Auch zu mir passt jede Einzelheit dieser charakterlichen Würdigung.

Der Dialekt beherrscht die Sprache. Onnä ist unten, und oowä ist oben. Hennä ist hinten, on vonnä ist vorne. Haaröm ist rechtsherum, und wiström ist linksherum. Mein Sohn ess mei Jong und meine Tochter ess mei Mädle. Meine Frau ess mei Fraa. Und mein Mann ess mei Moo. Das harte „T“ gibt es überhaupt nicht. Aus diesem wird ein dd. Und so könnte man unendlich fortfahren.

Die Nordheimer – Nuudemer - senn die Lensegööger, sind die Linsengöger (Gockelhähne). Warum? Es gibt zwei Möglichkeiten. Einmal die Möglichkeit, weil viele Linsen in vergangenen Zeiten angebaut wurden. Und zum Zweiten, die Nuudemer guggä, schauen gerne, bei den anderen in die Töpfe, sprich sie sind neugierig, senn neugierich, „boos annere so mache.“ Was andere tun.

Und in diesen wunderbaren Ort, in dem die Ortsvereine die Gesellschaft tragen, bin ich am 24. März 1937, in der Karwoche, hineingeboren worden, aufgewachsen und mache mich daran, nach einem erfüllten Leben nun auch hier zu sterben.

JUGEND UND KINDHEIT

GEBURT

„Flammen empor,“ sang der Männerchor des Gesangvereins Nordheim vor der Rhön zum Abschluss des Winterhilfswerkes 1936/1937 auf dem Horst-Wessel-Platz (Marktplatz) am Vorabend des 24. März 1937. Nur wenige Zuhörer fanden sich auf dem Platz ein. Als Grund gaben die Offiziellen nach der Veranstaltung die schlechte Witterung an. Max Dietz, mein Vater, sang beim ersten Bass mit. Er hatte sich in der hinteren Reihe der Bass-Stimmen aufgestellt. Der Chor, unter Dirigent Eugen Stoll, ließ gefühlvoll den letzten Ton des Liedes verklingen. Bürgermeister Albert Baier setzte an, ein salbungsvolles Schlusswort pro Hitler zu sprechen. Max entfernte sich eiligen Schrittes von der Veranstaltung. Seine Frau Rosa, meine Mutter, hatte ihm aufgetragen, die Hebamme, Eugenie Fischer, zu holen. Rosa erwartete ihr zweites Kind. Die Wehen setzten am Nachmittag ein, unregelmäßig zwar, aber doch kräftig. Sie ließen keine Zweifel aufkommen – die Geburt des Kindes war eingeleitet.

Auf dem Weg in das obere Dorf, wo die Hebamme wohnte, dachte Max an sein Leben zurück. Er war am 3. März 1902 in Nordheim vor der Rhön geboren. Seine Brüder Heinrich, geb. am 7. Januar 1899 und Georg (Schorsch) geb. am 15. Juni 1900, waren älter als er. Nach ihm kamen noch sein Bruder Ludwig, geb. am 24. Juni 1904, seine Schwester Monika, geb. am 15. August 1907 und seine Schwester Rosa, geb. am15. November 1912. Vater Stefan, geb. am 18. November 1878, war schon fünf Jahre tot. Seine achtköpfige Familie ernährte er mit einer kleinen Landwirtschaft und als Bader (Frisör) im Ort. Er war Mitbegründer des Gesangvereins, aktiver Sänger und spielte in der Musikkapelle das Tenorhorn; seine Frau Apollonia führte den Haushalt. Sie unterstützte das gesellschaftliche Leben in der Gemeinde in den Vereinen und war begeisterte Laienschauspielerin.

Als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg wurde sein Vater Stefan, mein Großvater, verschüttet und schwer verwundet. Ein Trauma begleitete ihn seit dieser Zeit. Mehr und mehr wandte er sich dem Alkohol zu. Er starb qualvoll am 20. Juni 1932 mit 53 Jahren, nachdem er sich an einem Stuhl stranguliert hatte. Seine Frau Apollonia, meine Großmutter, konnte das Drama nicht verhindern.

Die Geschwister verlangten nach dem Tod des Vaters ihr Erbe. Heinrich und Georg wollten je einen Bauplatz in der Siedlung. Monika, die in Landshut verheiratet war, und Rosa, die in Ostheim wohnte, erwarteten Geld. Um diese Wünsche zu erfüllen, mussten gute, ertragreiche Äcker verkauft werden. Ludwig, der das Schreinerhandwerk erlernt hatte, räumte die Werkstatt leer. Nur einen Hammer mit einem wackeligen Stiel, eine Beißzange und eine stumpfe Handsäge ließ er zurück. Die Festlegungen wurden am Beerdigungstag seines Vaters getroffen. Die Familie ging auseinander, seine Mutter Apollonia Dietz, geb. Gramm, geb. am 10. April 1879 lebte mit ihm im Haus, so auch deren Mutter, Martha Gramm, meine Urgroßmutter, geb. am 13. August 1860, die am 17.01.1936 verstarb. Martha war ledig geblieben.

Der Großvater von Max, Wilhelm Dietz, geb. am 1. Mai 1854, gestorben am 4. Mai 1918 in Nordheim vor der Rhön, Sohn der ledigen Tagelöhnerin Barbara Dietz, hatte ein Fuhrunternehmen. Die Bahn, die seit 1898 von Mellrichstadt nach Fladungen fuhr, hatte einen Bahnhof und eine Station in Nordheim. Dazu Rangiergeleise für das Basaltwerk. Von dort wurde der Basalt-Schotter und der Sand vom Basaltwerk, ebenfalls 1898 in Betrieb genommen, in das Land gebracht. Wilhelm Dietz bekam den Speditionsauftrag von der Bahn. Er fuhr die Waren vom Bahnhof Nordheim bis nach Oberelsbach, Stetten und Roth und hinüber nach Neustädtles und Willmars.

Wilhelm Dietz und seine Ehefrau Barbara Lukretia Dietz, geb. Hippeli, geb. am 20, Oktober 1849, gestorben am 5. Juli 1916, brachten es zu Ansehen im Ort. Wilhelm zählte mit seinem Sohn Stefan zu den Gründungsmitgliedern des Gesangvereins Nordheim vor der Rhön. Wilhelm war auch bei „den Vettern der Königsburg“, der besseren Gesellschaft (Honoratioren) im Ort, Mitglied.

Aus Anlass der Silberhochzeit mit seiner Ehefrau Barbara Lukretia wurden beide am Sonntag, den 1. Juli 1903 für 22 Jahre aktives Theaterspiel beim Dramaturgischen Club, geehrt.

Wilhelm Dietz vermachte sein Fuhrunternehmen nicht seinem Sohn Stefan, sondern seine Tochter Pauline Dietz; auch sie war eine leidenschaftliche Laienschauspielerin. Sie heiratete Josef Spiegel aus Leubach. Spiegel hatte die Spedition übernommen. Dazu gehörte auch der Personentransport in einer besonderen Kutsche. Diese Kutsche nutzten gerne die Pfarrer und Kaplane, wenn sie in den Nordheimer Kirchenfilialen, der Kaplanei Heufurt und in der Kaplanei Roth die Sonntagsmessen lesen mussten.

In dieser Kutsche, die auch als Schlitten im Winter verwendbar war, sind wir 1951-55 als Jugendliche noch nach Leubach, heute ein Stadtteil von Fladungen, kutschiert worden. Dort sind wir gerne zum Tanzen hin.

Max konnte keinen Beruf erlernen. Mit sechs Jahren bekam er eine Kieferhöhlenvereiterung. Der Arzt wurde zu spät geholt. Eine Operation in der Universitätsklinik Würzburg war unumgänglich. Eine Operationswunde entstellte sein Gesicht. Die Narbe zog sich quer vom linken Kinnansatz bis zum linken Auge. Als sein Vater noch lebte, wollte Max fort, nach Hamburg, zur Polizei. Dieser Plan scheiterte an der Tatsache, dass er nicht tauglich war.

Bis zum Tod seines Vaters, sieben Jahre lang, glaubte Max den Treueschwüren eines Mädchens. Über Nacht machte sie Schluss mit der Beziehung und heiratete kurze Zeit später einen anderen. Ihr angetrauter Ehemann hatte mehr zu bieten, war begütert und nicht so ein armer Tropf, wie er, „der Dietze Max.“ So nannte man ihn im Ort.

Täglich sah er seine verflossene Liebe, als sie in das Dorf ging. Ihr Weg führte dann zwangsläufig an dem Haus Nummer 25, seinem Elternhaus in dem er wohnte, vorbei. Seine Verflossene hatte nicht immer Besorgungen zu machen, wenn sie dem Dorf zustrebte. Sie plauderte oder tratschte gerne mit Josefine, auch „Eckfine“ genannt, weil sie an der Ecke Sondheimer Straße (Bahra-Tor), zur Hindenburg Straße (kleine Seite) wohnte. Dorf einwärts plauderte sie mit der Eckfine. Auf dem Rückweg dann, Dorf auswärts mit der „Schmieds-Regine“, der Tochter des Schmiedemeisters Heinrich Krämer, die gegenüber wohnte.

Die Trennung von seiner großen Liebe zehrte jahrelang an Max. Von einer neuen Verbindung wollte er nichts wissen. „Eine Frau muss her“, sagte seine Mutter Apollonia zu ihm und beauftragte den Viehhändler Gensler aus Fladungen zu kuppeln (zusammen zu schmusen), was zu dieser Zeit üblich war. Der Schmuser lenkte die Aufmerksamkeit von Max nach Oberstreu. Dort wohnten die Stiefeltern von Rosa Streit, seiner Auserwählten.

Rosa Streit war in Stellung auf einem Gut in Prosselsheim bei Volkach. Vorher schon in Heilbronn. Sie teilte das Schicksal vieler Mädchen dieser Zeit, die Arbeit auf einem Hof suchen mussten oder in ein Kloster abgeschoben wurden.

Der Viehhändler fuhr mit Max nach Prosselsheim. Der Umzug nach Nordheim wurde ausgemacht und ohne Umschweife heirateten beide am 12.08. 1934 in Nordheim vor der Rhön. Der Erstgeborene, Sohn Albin, kam am 27. Juni 1935 zur Welt. Er gedieh prächtig.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es kaum Arbeit für Max. Die Arbeitslosenzahl stieg ständig. 10.270 Menschen suchen Arbeit im Amtsbezirk Schweinfurt, meldete die Presse im August 1932. Das waren 20,7 Prozent mehr als 1931. Die Ziegelei Baier arbeitete nur kurze Zeit im Jahr. Die Gemeinden und Privatleute hatten nicht genügend Geld zum Bauen. Der Basaltwerkbetrieb ruhte mehrmals. 1918 war ein Basaltwerk-Unterstützungsverein gegründet worden. Besonders verdient machte sich der Ehrenbürger Kommerzienrat Stein für den Erhalt der Arbeitsplätze, war Mitbegründer der Basaltstein AG und gründete 1926 mit seinem Partner die Leimbach AG.

Nach der Heirat arbeitete Max abwechselnd in der Flurbereinigung und im Winter ein paar Wochen im gemeindlichen Wald. Bis zu sechzig Mann arbeiteten dort, entsprechend kurz war die Beschäftigungszeit. 1932 quetschte er sich im Wald bei einem Unfall die Finger der rechten Hand. Seither waren sie verunstaltet, recht klobig und krumm. Später kamen noch Gichtknoten dazu.

Seine Frau Rosa war nicht zufrieden mit ihrer Lage. „Zu wenig Geld“, jammerte sie. Auf den Gutshöfen im Land, gemeint sind die Höfe um Würzburg herum, hatte sie Wohlstand und gutes Auskommen gesehen. Die Äcker und Wiesen in Nordheim, die seit der Erbteilung mit seinen Geschwistern noch übrig waren, warfen zu wenig ab.

Hitler hatte 1933 die Macht übernommen. Schnell, ja zu schnell hatten sich im Dorf viele Bürger den neuen politischen Verhältnissen angepasst, die Fahnen gewechselt und nahmen kritiklos alles hin, was die Propaganda ihnen eintrommelte.

Die Parteibonzen und Anhänger hatten das Sagen im Dorf. Der amtierende Bürgermeister von der bayerischen Volkspartei wurde mit seinem Gemeinderat im Juli 1933 gezwungen, zurückzutreten, obwohl er erst im April desselben Jahres demokratisch gewählt worden war. Nach der Gleichschaltung im Gemeinderat waren die Ersatzleute der NSDAP plötzlich Mitglieder und es gab nur noch diese eine Partei, die mit ihren Beigeordneten nicht nur den Gemeinderat, sondern auch die Ortsvereine überwachte. Die braunen Machthaber boykottierten längst die jüdischen Familien im ganzen Land.

Diese verarmten, wurden verhöhnt und wanderten aus. Palästina oder Amerika waren das Ziel der meisten. Die Einwohner sahen nicht die Zeichen herannahenden Unheils, erkannten nicht die Zeichen der Zeit, oder wollten sie nicht erkennen. Sie schalteten auf Durchzug, wie man landläufig zu sagen pflegte. Hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt. Öffentlich etwas zu kritisieren, traute sich niemand mehr. Man wollte oder musste schweigen.

Die Arbeitslosen waren weniger geworden, seit Hitler an der Macht war. Und nur das zählte. Für die Landwirte gab es Förderprogramme, der Bau von Autobahnen von Norden bis Süden, von Osten bis Westen verringerte die Arbeitslosenzahlen um Hunderttausende. Der Wohnungs- und Siedlungsbau kam voran, die Partei propagierte das Ziel, Groß-Deutschland muss sich selbst ernähren können. Feste Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse gaben Sicherheit. Aufbruch Stimmung machte sich breit.

Max stolperte, als er an der Streu entlangging. Das Herbsthochwasser hatte tiefe Furchen in die Schotterstraße gerissen. Sie auszubessern lohnte sich für die Gemeinde nicht, denn das Frühjahrshochwasser würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Die Hebamme stand schon bereit. Es gab zwar keine Telefone unter den Familien, aber man kannte sich und wusste, wenn die Zeit da war. „Hoffentlich wird es ein Mädchen“, sprach Max zur Hebamme, als sie schnellen Schrittes in das Unterdorf eilten. „Du wirst nehmen müssen, was du kriegst“, kam es von ihr zurück. Inzwischen war es schon fast 20.30 Uhr.

Rosa mühte sich mit den Wehen ab und war ins Schwitzen geraten. Die Hebamme beruhigte sie und stellte nach kurzer Untersuchung fest: „Du hast noch Zeit, Rosa.“

Max hatte tagsüber das Ehebett seiner Frau vom Boden geholt und gleich links, hinter der lindgrün gestrichenen Eingangstür der guten Stube, aufgebaut. Beim Erstgeborenen Albin war es auch schon so gewesen. Über dem Bett, am Fußende, hing ein einfaches Holzkreuz, darunter, an einem krumm geschlagenen Nagel, ein kleiner aus Holz geschnitzter Weihwasserkessel. Mit dem letzten Osterwasser des Vorjahres füllte die Rosa den ausgetrockneten Behälter. Auch das war schon beim Erstgeborenen so gewesen.

Die Wand, an der das Bett aufgeschlagen war, beherrschte ein Ölgemälde von neunzig auf sechzig Zentimeter Größe. Es zeigte den Sohn Gottes mit einer Dornenkrone, dem mit einem Schwert das Herz durchstochen war. Blut tropfte aus dem Herzen. Die Inschrift lautete: „Jesus, Heiland, Seligmacher“. Runde zwei Meter vom Kopfende des Bettes entfernt stand ein graphitglänzender Kanonenofen. Auch diesen hatte Max tagsüber gerichtet. Die Ofenrohre, ebenfalls schwarz glänzend, führten nicht direkt in den Kamin, sie machten einen Knick von einem Meter, wurden nach oben geführt und vierzig Zentimeter unterhalb der Decke endeten sie im passenden, kreisrunden Schlotloch. Diese Anordnung brachte noch zusätzlich Wärme ins Zimmer. In genügendem Abstand zum Ofenrohr stand die Kommode. Darüber war die Wanduhr mit einem Gehäuse aus Holz angebracht. Sie schlug die vollen und die halben Stunden. Ihr Schlag war tief und angenehm. Das gleichmäßige „Tick-Tack“ beruhigte.

Eine Bank ohne Rückenlehne stand an der Längswand zur Hauptstraße. Der rohgezimmerte Tisch zog die Blicke auf sich. Drei Stühle, deren Sitzflächen aus feinen Weidefasern geflochten waren machten einen vornehmeren Eindruck, verkündeten jedoch, dass sie schon bessere Tage gesehen hatten. Die Möbelstücke hatten einen erdbraunen Farbton und waren handgemasert. Ein selbstgesticktes Deckchen verzierte den Tisch. Rechter Hand stand die Blumenkrippe mit weiß und grün bemalten Stäbchen. In dem Bodenbrett der Blumenkrippe lagerte das Strickzeug in einem Weidenkörbchen. Bis zuletzt hatte die Gebärende versucht, sich damit abzulenken. Auf dem obersten Brettchen der Blumenkrippe standen zwei Blumenstöcke. Ein fleißiges Lieschen und ein Blätterstock mit scharfen, grünen Blättern. Griff man unvorsichtig zu, hatte man Schnittwunden an den Fingern. Der Fußboden aus breiten Holzbrettern war ausgetreten, das billige Fußboden Öl stank beißend. Es verdunstete durch die Hitze der geheizten Stube.

Zur Hochzeit im August 1934 war das Zimmer letztmals gestrichen worden. Franz Suckfüll hatte damals die Decke gekalkt, jetzt waren einzelne Risse zu sehen, gelbe Stellen zeigten an, dass die Kalkfarbe vom Lehm der Decke abblätterte. Die Wände, ebenso mit gelber Kalkfarbe eingestrichen, hatten ein undefinierbares Wandmuster. Diese Wandmuster wurden mit in Farbe eingetauchten Lappen erzeugt. Auch heute wird diese Technik wieder angewandt. In der Mitte des Zimmers hing eine kleine emaillierte Lampe. Die fünfundzwanzig-Watt-Birne leuchtete spärlich. Wind kam auf.

An den winddurchlässigen Sprossenfenstern, drei an der Seite zum Hof und drei an der Hauptstraße entlang, waren kleine Vorhänge angebracht. Sie bewegten sich durch den Luftzug hin und her. So klapperig wie die Fenster waren auch die Holz-Läden an der Außenwand des Anwesens von Max, Haus Nr. 25, jetzt Hindenburgstraße, früher Kleine Seite. Mit einer Schnur nach innen zugezogen, schepperten sie munter im Einklang mit den Fenstern. Diese gingen aus dem Leim. Dadurch drang das Wehklagen der Mutter hörbar auf die nächtliche Straße. Dorflampen gab es damals noch nicht.

Stunden vergingen. Die Abstände der Wehen verminderten sich. Mit ihrer langjährigen Erfahrung ging die Hebamme zu Werke und arbeitete im Einklang mit der schwitzenden Mutter.

Dann, der letzte, langgezogene Schrei und genau am Mittwoch, den 24. März, in der Karwoche 1937, um eine Uhr dreißig, wurde ich geboren. Den Schlag der Uhr, der die halbe Stunde ankündigte, hörte niemand. Max, geweckt durch den Schrei, eilte aus der Küche herbei, wo er sich aufs Sofa gelegt hatte, schaute, und stellte fest: ich war kein Mädchen. Seine rechten Backenknochen fingen an, zu mahlen. Ohne mein Zutun hatte ich meine Eltern enttäuscht. Das Mahlen der Backenknochen meines Vaters habe ich erst später deuten können. Es hat mir, seit ich denken kann, Angst gemacht.

Etwas unförmig dick sei ich gewesen, konnte ich Jahre später von meiner Mutter erfahren, nicht groß aber acht ein viertel Pfund schwer. Irgendwie blau und nicht besonders lebensfähig. Am fünfundzwanzigsten März, dem Gründonnerstag 1937, noch bevor in der Liturgie der Karwoche die Grabesruhe einsetzte, wurde ich in der Kirche „Sankt Johannes der Täufer“, von Pfarrer Georg Lindner getauft und war nunmehr ohne zu wissen was mit mir geschah, ein römisch-katholischer Christ.

In meinem Geburtsregister wurde der Name Erwin Rudolf Dietz eingetragen, Rudolf deshalb, weil mein Taufpate Rudolf Spiegel hieß und Rudi genannt wurde. Meine Eltern: Vater, Maximilian Dietz, geboren am 3. März 1902 in Nordheim vor der Rhön, meine Mutter, Rosa Dietz, geborene Streit, geboren am 26. Mai 1905 in Oberstreu.

Erwin wurde ich nie gerufen. Fortan war ich der Rudi, der ein Mädchen sein sollte.

Die Sonne ging an meinem Geburtstag um fünf Uhr fünfundfünfzig auf, und um achtzehn Uhr neunzehn unter. Der Mond verabschiedete sich um vier Uhr dreiunddreißig. Nur im thüringischen Frankenheim lag um diese Jahreszeit eine dünne Schneedecke. Ansonsten war es dunstig und etwa fünf Grad warm in der Umgebung.

Am Sonntag vor meiner Geburt hatte die Deutsche Reichs-Fußballmannschaft in Stuttgart Frankreich mit 4:0 geschlagen. Die Presse veröffentlichte in dieser Woche Aufrufe zur Leistungssteigerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse: „Mehr Acker durch Grünlandumbruch.“

Reichsjugendführer Baldur von Schirach verordnete den Einsatz Jugendlicher in der Landwirtschaft unter dem Leitsatz: „Deutschlands Jugend hilft mit“. Die erste „Deutsche SS-Gepäckmarsch-Meisterschaft“ hatte stattgefunden. Es wurde weiter von „der Judenplage in Wien“ und von einem „jüdischen Bankbetrüger“ in Schweinfurt berichtet. Die erste Briefmarke mit dem Bild des Führers erschien.

Sehr gut besucht war der Schweinemarkt in Mellrichstadt. Vierhundertvierzig Jungschweine und neunundzwanzig Läufer wurden angeboten, ein Paar Läufer brachte vierzig bis neunzig Reichsmark, ein Paar Jungschweine fünfzehn bis fünfunddreißig Reichsmark. Das berichtete die Heimatzeitung „Rhön- und Streubote“ an meinem Geburtstag, Mittwoch, dem 24. März 1937.

Die näheren Umstände meiner Geburt habe ich von meiner Mutter im Laufe der Jahre erfahren. Sie erzählte mir auch, dass mich mein Vater gerne mit der Tochter einer bekannten Familie getauscht hätte, die Tage vorher geboren wurde.

Die gesellschaftlichen, informativen Tatsachen entstammen der Presse, der Heimatzeitung Rhön-und Streubote, die ich über die damalige Zeit durchforstet habe.

PLÖTZLICH WURDE ES DUNKEL

Über die ersten drei Jahre meines Lebens kann ich nichts berichten. Die Erinnerung darüber fehlt.

Doch plötzlich sah ich, schemenhaft, tiefe, schwarze Wolken weit entfernt von mir. Ein dumpfes, lähmendes Gefühl hatte von meinem vierjährigen Körper Besitz ergriffen. Ich spürte starke Schmerzen über meinem Nasenrücken, konnte kaum noch atmen, meine Rippen taten sehr weh. Langsam kehrte mein Vermögen zurück, sich zu erinnern, wer ich war.

Fratzenhaft sah ich das verformte Gesicht meines Vaters, es nahm langsam wieder normale Konturen an. Ich erkannte die Bartstoppeln in seinem Gesicht, die Operationsnarbe, und hörte, aus weiter Ferne kommend, die Worte: „Junge, was machst du denn?“ „Rudi, Rudi, bist du wieder da?“ fragte mich meine Mutter, deren Worte ich jetzt schon besser verstand. Sie saß auf dem linken Rand des Bettes im elterlichen Schlafzimmer, das ich wieder vollständig wahrnahm.

Es war Back Tag. Der Brotteig im hauseigenen Backtrog war schon geknetet. Und so hatte meine Mutter Teigreste an den Fingern, nahm die Schürze, die noch mit Mehl bestäubt war, trocknete ihre Tränen und streichelte mich leicht. Trotzdem zuckte ich vor Schmerzen zusammen. Mein Kopf und meine Nase taten sehr, sehr weh.

An das was geschehen war konnte ich mich nicht erinnern. Das grün gekalkte Zimmer nahm Konturen an, die großen, aufgerollten Blumenmuster sprangen mir in die Augen. Die Lehmdecken des Hauses waren nicht nach der Waage ausgerichtet. Sie wölbten sich mit der Balkenlage. In 40 cm Abstand von der Decke wurde deshalb eine Borte um die vier Wände des Zimmers gezogen. Das grelle Blau der Borte war mir sonst nie aufgefallen. In dem Spiegel der Kommode, die meinem Bett gegenüberstand, schaute mir ein verbeultes Gesicht mit einer unförmigen, dicken Nase entgegen.

„Du bist die Bodentreppe hinuntergefallen,“ sagte meine Mutter zu mir und schluchzte nochmals. „Warum?“ fragte ich zaghaft, bekam aber keine Antwort. (Später habe ich erfahren, dass mein Onkel Ludwig die Schuld an meinem Sturz hatte. Er soll mich aus seinem Zimmer verjagt haben, dabei sei es zu dem Treppensturz gekommen.)

Mir hat es gutgetan, im elterlichen Schlafzimmer zu liegen und so umsorgt zu werden. Dieser Zustand machte die Schmerzen erträglicher. Spät abends kam der Arzt, Dr. med. Calden aus Ostheim v.d. Rhön, drückte überall an mir herum, wobei ich ein paarmal aufschrie, und Dr. Calden schickte sich an, zu gehen. „Lassen sie ihn noch zwei bis drei Tage liegen, dann geht es wieder,“ hörte ich den Arzt sagen, als er mit meinen Eltern die Bodentreppe hinunterging. Wie es sich später herausstellte, hatte der Arzt übersehen, dass mein Nasenbein gebrochen war.

KINDERGARTEN

Seit meinem zweiten Lebensjahr wurde ich in die Kinder-Bewahranstalt geschafft. Einen dritten Tag konnte ich mich in meinem elterlichen Bett nicht ausruhen. Mein Bruder Albin zerrte mich wieder täglich in den Kindergarten. Von nun an mit Kopfweh ohne Ende. „Sauber“ sei ich noch nicht gewesen, sagte später meine Mutter zu mir.

Seit ich zurückdenken konnte, schleifte mich mein Bruder Albin in die Anstalt, so wurde sie auch im Dialekt genannt. Ich wollte da nicht hin, war trotzig und bäumte mich auf. Aber es hatte alles keinen Sinn.

Mein Mäntelchen, das aus der Bräutigam-Jacke meines Vaters geschneidert war und welches schon mein Bruder Albin getragen hatte, machte mich noch dicker. Darin sah ich aus wie ein Presssack, jene Hausmacherwurst, die immer im Sommer mit aufs Feld genommen wurde.

Der Gang zur Grobschen Stiftung, der Kinder-Bewahranstalt, begann in der Frühe um acht Uhr. Der Weg führte an der Streu entlang bis hinunter zu Haus Nummer 1, dem „Leiberschen Anwesen“. Dann musste der „Untere Steg“ überquert werden. Die Konstruktion war aus Eisen gefertigt, mit Querstreben vernietet und mit Holzbohlen belegt. Schmerzliche Erfahrungen machte ich im Sommer, wenn ich barfuß daherkam, nicht aufpasste, und mit dem großen Zeh an den ungleich dicken Bohlen anstieß. Einige waren lose oder gesplittert, so dass Holzschieber in die Fußsohlen eindrangen. Bis zur Mitte der Streu ging es auf dem Steg leicht bergauf. Dort lagerte die Konstruktion auf einem Postament aus Bruchsteinen, mit einem spitzen Bug gegen den Lauf der Bachrichtung angelegt.

Die Bugspitze hatte die Aufgabe, den Druck der Frühjahrs- und Herbst-Hochwasser zu mindern. Die Hochwasser richteten besonders im unteren Dorfbereich jährlich große Schäden an. Manchmal ertranken Schweine in ihren Ställen. Auch Kühe mussten bei Bekannten in höher liegenden Anwesen eingestellt werden. Zur anderen Seite ging es bergab, beide Fußenden des Steges waren höhengleich im Erdreich verankert.

Gleich rechts, noch zum „Unteren Torhaus“ gehörend, wohnte der Glaser, Richard Hippeli. Seine Werkstatt lag nicht höhengleich zur Straße, sondern eine Stufe tiefer. Dorthin brachte man nicht nur kaputte Fenster und eingeschlagene Fensterscheiben, sondern auch die gefüllten noch unverschlossenen Wurstbüchsen am Schlachttag.

Der „Glasers Richard“, so hieß er im Volksmund, stellte die mit Wurstteig gefüllten Büchsen auf eine Halterung. Obendrauf dann den mitgebrachten Deckel. Von Hand drehte dann der Richard die Maschine, die sich anhob und mit Gegendruck senkte. Durch den Drehschwung wurde der Deckel um gebördelt und die Büchse war verschlossen.

Das Torhaus hatte einen Rundbogen, aber kein Tor. Es führte zur Schafgasse.

Nach dreißig Metern linker Hand war das Anwesen unseres Hausmetzgers, der sein landwirtschaftliches Einkommen mit Hausschlachtungen aufbesserte. Nach fünfundvierzig Metern stand rechts das Anwesen vom Zahnarzt Gotthard, der wöchentlich dreimal von Ostheim nach Nordheim kam und praktizierte. Viele Jahre konnten alle Vorübergehende durch ein Fenster die Geräte sehen, besonders die Bohrmaschine, mit dem langen Seil, an dem der Bohrer befestigt war. Wenn der Zahnarzt bohrte, hörte man nicht nur das hohe „C“ singende Geräusch des Bohrers auf der Straße, sondern auch ganz besonders die Schreie der Patienten.

Nach weiteren vierzig Metern führte die Ostheimer Straße vorbei. Diese musste überquert werden. Rechts, in Richtung Ostheim, begrenzte der Gartenzaun die Straße und das Anwesen der Grobschen Stiftung. Am Eingang der Kinder-Bewahranstalt, von zwei großen alten Linden eingerahmt, stand auf einem wuchtigen Sockel ein hohes Steinkreuz mit dem Gekreuzigten. Ehrerbietig schaute ich jedes Mal auf, wenn ich vorbeikam. Das Kreuz beeindruckte mich sehr. Ich hatte Angst, der Heiland könne herunterfallen. An die Schmerzen des Gekreuzigten dachte ich dabei nicht.

Ca. dreizehn Meter lang war der Weg bis zur Steintreppe. Fünf Stufen führten hinauf zum Windfang, von da gelangte man in die Kinder-Bewahranstalt. Wer hinein wollte, musste läuten. Dazu diente ein Eisenstab – dessen Griff in Kreuzform – der von der Außenwand in das Innere des Hauses hinein gebogen war. Dort war eine Glocke angebracht.

Vom Frühjahr 1939 bis Ende August 1943 wurde ich geschleift, oder ich ging trotzig und langsam den Weg, weil ich einsehen musste, dass ich meine Haltung nicht durchsetzen konnte. Im Frühjahr, Sommer, Herbst und im Winter, ob es heiß war oder kalt, ob es regnete, stürmte oder schneite - es gab keine Ausnahme. Ich musste in die Kinder-Bewahranstalt. Eben nur diese zwei Tage nicht, wegen meines Treppensturzes.

Die Schwestern aus dem Orden der „Töchter des Allerheiligsten Erlösers“ – Erlöserschwestern -, in der Ebracher Gasse, Würzburg, betreuten die Anstalt seit dem 16. Dezember 1899, dem Einweihungstag der Stiftung.

Oft war ich über die Mittagszeit bei den Schwestern. Aber „sauber“ war ich noch nicht. Auch nicht, als ich in die Schule kam. Diese traurige Tatsache belastete mich sehr. Niemand kümmerte sich um das innere Leiden, das mich unsicher machte und ein Schamgefühl in mir weckte.

Die Schwester Oberin, Erwina mit Namen, hatte gütige Augen und war sehr klein von Wuchs. Störte sie etwas am Verhalten der Kinder, oder waren diese gar unruhig, verengten sich ihre Pupillen und die Schwester sah gar nicht mehr gütig aus.

Die Schwester und auch die Helferinnen waren nicht zimperlich, wenn die Hosen der Kinder nass und voll waren. Sie hielten den Betroffenen die Kleidungsstücke brutal vor das Gesicht, sie mussten daran riechen und sollten sich so diese unangenehme Schwäche abgewöhnen. Schwester Erwina erhielt auf Antrag des örtlichen Bürgermeisters einen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Das habe ich aber erst viel später erfahren.

Ganz schlimm war es für mich, wenn ich in den Kohlenkeller gesperrt wurde. Der Kohlenkeller war stockdunkel. Keine Hand sah man vor seinem Gesicht und konnte auch keine Konturen im Raum erkennen. Es raschelte, und abgeschlossen war der Raum. Vor lauter Angst leerte sich wiederholt meine Blase. Diese Angst prägte sich in meinem Inneren tief ein. Heute noch habe ich damit zu tun. Bekomme Raumangst, blicke mich unruhig um, weil ich denke, es kommt jemand von hinten und schlägt auf mich ein.

Lediglich bei den Katzen und Hunden ging man strenger vor. Diese wurden mit dem Kopf in ihre Exkremente gedrückt, bis sie die Stube nicht mehr vollmachten. Eine schlimme, eine brutale Zeit.

Schwester Erwina saß Tag für Tag am Tisch etwas erhöht auf einem Podium und konnte so den ganzen Saal übersehen, in dem die Kinder untergebracht waren. Ein langer Stock stand griffbereit in der Ecke am Einzäunungsgitter des schwarzen Kanonenofens, welcher rechter Hand an der Eingangstüre stand. Hinter Schwester Erwina, fast lebensgroß, in der Mitte an der Stirn-Wand angebracht, beeindruckte ein Holzkreuz. Es beherrschte den Raum, der vom Rauch des Ofens geschwärzt war. Die Einrichtung war karg. Die schmalen Bänkchen verursachten mir Qualen. Nur mit Mühe kam ich hinein und entsprechend wieder heraus. Mit aufschiebbaren Holztüren wurde die Bühne abgegrenzt. Sie war mit Stufen erhöht angeordnet. Dort wurden die Kinder nachmittags zum Schlafen hingelegt. Und wieder durften sie sich nicht bewegen. Die Bettchen waren wackelige Holzgestelle, mit Barchent bespannt. Das Kopfkissen stellten die Eltern der Kinder. Wehe, wenn nicht sofort Ruhe eintrat.

So klein wie Schwester Erwina war, so schnell war sie auch. Geschlagen hat sie nicht oft, aber den langen Stock gebrauchte sie meistens zu Drohgebärden. Ihr Blick drang tief ins Innere, machte mir Angst, und wenn sie den Stock hob, duckte ich mich.

Ich war der unruhigste Junge. Folglich musste ich immer auf dem ersten Bänkchen, ganz vorne links am Gang, Platz nehmen. Und bekam folglich so den Stock am meisten zu spüren. Denn der Zwischenraum vom Podium zu meinem Bänkchen war nur ca. 1,5 Meter breit. Der Stock der Schwester, ein Haselnussgewächs, war aber über 2 Meter lang. Ich fühlte mich eingezwängt in das Bänkchen. Mein Hinterteil war zu breit und ich entsprechend unbeweglich.

Kurz vor der Einschulung war ich schon ein „Größerer“, aber noch immer nicht „sauber“. Oft musste ich, so die Rangordnung in der Kinderbewahr-Anstalt, meine, und die vollen Hosen der kleineren Kinder zu den Eltern tragen, um frische Wäsche zu holen. Wenn ich zu Hause mit meiner vollen Hose ankam, setzte es jedes Mal fürchterliche Schläge. Meine Psyche war dadurch angeknackst und mein Kopfweh nahm nicht ab.

Viele Kindergebete, die vom Dank der Kinder gegenüber ihren Eltern und der Bitte um Gottes Schutz für sie handelten, mussten wir beten. „Gott gebe uns eine gute Nacht“ endete ein tägliches Gebet. Das Wort „Nacht“ alleine genügte, um bei mir Unruhe auszulösen.

Gerne beteiligte ich mich am täglichen Singen. Es befreite meine Seele von dem Frust meines jungen Lebens.