Das Leben Dr. Martin Luthers - Johann Mathesius - E-Book

Das Leben Dr. Martin Luthers E-Book

Johann Mathesius

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Beschreibung

Die erste deutschsprachige Lutherbiographie - geschrieben anno 1565 von Luthers langjährigem Freund und Mitarbeiter Johann Mathesius. Diesem Buch liegt die 1817 anlässlich des Reformationsjahrs von Achim von Arnim herausgegebene Ausgabe zugrunde.

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Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Predigten alten Herrn Magister Mathesius über die Historien von des ehrwürdigen, in Gott seligen, teuren Mannes Gottes, Doktor Martin Luthers Anfang, Lehre, Leben und Sterben.

Mit einer Vorrede herausgegeben von

Achim von Arnim.

Johann Mathesius ward den 24. Januar 1504 zu Rochlitz geboren. Sein Vater, (ein Ratsherr) hielt ihn ernstlich zur Schule, seine Großmutter zum Rosenkranz und zum sonntäglichen Lesen der Legenden an. Er wünschte Bergmann zu werden, wurde aber zum Studieren bestimmt. Von Ingolstadt, wo er seine Studien anfing, mußte er sich aus Armut entfernen, um im Dienste eines vornehmen Mannes in München, und nachher einer edlen Frau auf dem Schlosse Odiltzhausen, sein Fortkommen zu suchen. Luthers Schriften veranlaßten ihn im Jahre 1529 nach Wittenberg zu gehen, wo er Theologie studierte, auch Magister der Philosophie wurde. Er unterrichtete einige Zeit in der Schule zu Altenburg und wurde 1532 nach der Bergstadt Joachimsthal in Böhmen als Rektor der Schule berufen. Aus Liebe zur Theologie begab er sich 1540 nach Wittenberg zurück, wurde aber 1541 in Joachimsthal als Diakonus und Pastor wieder eingeführt. Dort blieb er bis an sein Lebensende, ungeachtet mancher Berufung nach anderen Orten und starb am Schlage den 8. Dezember 1568, nachdem er drei Stunden vorher das Evangelium von der Witwe Sohn zu Nain abgehandelt hatte. Die große Zahl von seinen Predigten, die unter verschiedenen Titeln (s. Jöcher’s Gelehrtenlexikon und Georgi’s Europäisches Bücherlexikon unter dem fälschlich mit zwei „t“ geschriebenen Namen: Matthesius) sowohl bei seinem Leben, als nach seinem Tode erschienen sind, beweisen das allgemeine Interesse an denselben, und doch erzählt er von der großen Furcht, die ihn jedes Mal beim Predigen anwandle. Einst, als er zu Wittenberg in einer Predigt einige Mal stecken geblieben und zum drittenmal von der Kanzel heruntergestiegen war, trieb ihn Luther dennoch wieder hinauf, wo er sich denn endlich faßte und eine herrliche Predigt hielt.

Mit dem größten Eifer wurden vor allen seinen übrigen Werken die sechzehn Predigten gelesen, welche er bis zum Jahre 1564 zu Joachimsthal über Luthers Leben gehalten, zu Nürnberg 1566, 4to auf 59 Bogen zum erstenmal herausgegeben hat unter dem Titel:

Historien von des ehrwürdigen in Gott seligen theuren Mannes Gottes, Doktoris Martini Luthers, Anfang, Lehre, Leben und Sterben. Alles ordentlich der Jahrzahl nach, wie sich alle Sachen zu jeder Zeit haben zugetragen durch den alten Herrn M. Mathesium gestellt, und alles für seinem seligen Ende verfertigt. Ps. CXII. Des Gerechten wird nimmermehr vergessen.

Das Buch wurde mehrmals aufgelegt, noch öfter im Auszuge bekannt gemacht, auch fast bei jeder Reformationsgeschichte als Quelle genannt. Umso mehr war ich überrascht, als mir das Werk vor einer Reihe von Jahren bei einem Büchertrödler in die Hand fiel, so vieles mehr darin, als in allen mir bekannten Geschichtsschreibern zu finden, besonders aber schienen alle mir bekannt gewordenen Auszüge bemüht, das Lebendigste wegzuschneiden, um das trockene Gerippe der Begebenheiten ungestört übersehen zu können. Ich fühlte damals gleich, daß mir eine Arbeit an dem Buche obliegen würde und könnte mich leicht durch das Zeugnis meiner Freunde rechtfertigen, daß der äußere Anstoß der Säkularfeier unserer deutschen Reformation diesen neuen Auszug nicht veranlaßte wenn es gleich meine Unentschlossenheit über die Art der Bearbeitung bezwang, daß ich in diesem Jahre dem Werke die meisten teilnehmenden Leser versprechen konnte, auch wenn ich es nicht mit dem Reichtum ausstattete, den ich ihm, früher zugedacht hatte. Dieser Reichtum sollte in einer Zugabe des Lebendigsten aus Luthers eigenen und seiner Zeitgenossen Schriften bestehen, was uns seine Lebensweise, seine menschliche Eigentümlichkeit, seine Umgebung, überhaupt sein weniger beachtetes nicht theologisches Dasein und Wirken deutlicher vor Augen gestellt hatte. Solch eine Arbeit erscheint aber immer schwieriger, je länger man dazu sammelt, und so blieb mir für jetzt nur die Wahl, entweder das ganze Werk des Mathesius, oder einen Auszug mitzuteilen.

Dem vollständigen Abdrucke würde das Urteil der Gelehrten unfehlbar günstiger gewesen sein, da aber zum Gebrauche derselben noch eine hinlängliche Zahl Abdrücke der früheren Ausgaben auf Bibliotheken vorhanden sind, so entschied mich für die Erneuung, in Abkürzung des Unwesentlichen und Fremdartigen, der wohlbekannte Sinn der übrigen Lesewelt, die leicht an der redseligen Weitschweifigkeit über gewisse, damals noch sehr bestrittene, Religionsansichten ermüdet wäre; auch schien es nicht rätlich, in einer Zeit, wo die verschiedenen Richtungen der Reformation zur Vereinigung streben und sich in derselben versuchen wollen, den alten Groll, den unsere Zeit aufgegeben hat, wie ein Gespenst mit aller ausgestorbenen Unruhe wieder auftreten zu lassen. Ganz ausgeschnitten konnten diese Abendmahl-Streitigkeiten nicht werden, ohne Verletzung der Geschichte, auch mußte die Überzeugung Luthers und seines Biographen deutlich erscheinen, was aber bloßer unverarbeiteter Eifer geblieben, trat billig in diesem Auszuge zurück, so wie manche theologische Auseinandersetzung einzelner Lehren, die zu Luthers Zeit zwar viel betrachtet wurden, aber doch nicht eigentlich von ihm und den Seinen angegangen, noch weniger von ihnen zu hinlänglicher Deutlichkeit verklärt sind.

Vollständig suchte ich. das geschichtliche Bild Luthers zu bewahren, das uns Mathesius lebhafter als irgendein anderer Zeitgenosse mit der treuen Anhänglichkeit und dem starken Gedächtnis, die jener Zeit eigen waren, überlieferte, ähnlich in seinem Bemühen dem Lukas Cranach, der mit dem guten Auge und der geübten Malerhand jener Zeit uns das Angesicht Luthers in verschiedenen Altern mit gleicher Wahrhaftigkeit erhalten hat.

Die Eigentümlichkeit des Mathesius forderte hierbei ebenfalls ihr Recht, sie bekräftigt seine Angaben wie ein Handschlag an Eides statt: Noch am jüngsten Tage will er Rechenschaft von seinem Buche geben, mit seinen Wittenberger Tischgenossen will er wieder in der Ewigkeit zusammentreten. Seine Eigentümlichkeit besteht aber nicht allein in diesem zuverlässigen Glauben, in diesem genauen Aufzeichnen alles dessen, was er an Luthers Tische gehört hat (denn beides ist ihm gemeinschaftlich mit dem Herausgeber der nie genug zu rühmenden Tischreden Luthers), sondern auch in seiner Sprache. Er braucht hier, wie in seiner Bergpostille den Ausdruck seiner Bergleute, er verkettet ihnen auf diesem Wege die Glaubenslehren mit dem täglichen Geschäfte, uns aber mit einem neuen Bilde, während sie in der allgemeinen Sprache, in den abgenutzten Dekorationsansichten vieler Redner jener wie unserer Zeit, fast mit dem Augenblicke des Hervortretens wieder in dem allgemeinen Geisteselemente versinken. Freilich ist es unendlich leichter, einen Perioden zu runden, statt einen Gedanken eckig auskristallisieren zu lassen, aber hätte Luther so beschönigend und übereilend gedacht, wir würden nie seine Bibelübersetzung erhalten haben. Dieses strenge mühsam wiederholte Streben Luthers nach dem Eigentümlichen der Sprache, das sogar den Rat gemeiner Handwerker nicht verschmähte, ein Bemühen, das Mathesius mit inniger Bewunderung beschreibt, hat wahrscheinlich dem treuergebenen Schüler Mathesius den Anstoß gegeben, sich in die Sprache der Bergleute einzustudieren, diese Übung, seine frühere Liebe zum Bergbau und die Einsamkeit seiner Bergstadt, brachten ihn bald auch zur gründlichen Kenntnis seines Bergbaus, seine Bergpostille und Joachimsthalische Chronik werden wegen seiner Kenntnis des Bergbaus als eine höchst schätzbare historische Quelle benutzt. Was hindert andere Prediger mit gleicher Einsicht den Geschäftskreis ihrer Gemeinden zu überschauen; ist Landbau, Fischerei, Gewerbe und Handlung nicht gleicher Lebendigkeit in der Anwendung auf das Geistige fähig? Möchte sein tüchtiges Beispiel manchem ein Anstoß werden, das ewig wiederkehrende Sammelsurium eingelernter Redensarten aus alten Heften und neuen Literatur-Zeitungen, meistens über Dinge, die nur in höchster Stufe der Forschung eine Bedeutung haben, endlich einmal ganz abzulegen und zur Urquelle zurückzukehren, aus der alles Echte in unerschöpflicher Fülle fließt, zum demütigen Gebete um den rechten Geist, dem die ganze Welt in treuem Fleiße sich eröffnet. Lernen wir den Überdruß so vieler Prediger gegen den, ihnen vom Schicksal angewiesenen Wirkungskreis kennen, das falsche Bemühen, durch ein Entfernthalten von der Gemeinde, sich in Würden und Ansehen zu erheben, die vielen Streitigkeiten über manche durch schiedsrichterlichen Ausspruch zu vermittelnde äußere Verhältnisse, so wird uns die Zuneigung des alten Herrn Mathesius zu der Stadt, die ihn vor langer Zeit berufen, zu ihrem Gewerbe, das ihm weiter keine Vorteile bringt, um so schätzenswerter, auch kommen wir darauf, einen Teil dieser Zuneigung dem Orte zuzuschreiben, und den Bewohnern, da so etwas nicht leicht einseitig hervorgehen kann. Es war mir daher ein Festtag, als ich in diesem Jahre mit guten Karlsbader Frühstücksgenossen zwischen den hohen Wölbungen der Urgebirge1 nach Joachimsthal hinauf fuhr und endlich in der Bergspalte die Häuserreihe, welche die Stadt ist, von kleinen Gärten umgrünt, vom gewerktrüben und eiligen Bergwasser durchrauscht, vor mir erblickte: die Gebirge ziehen das Senkblei an, irren den Magnet, warum sollten sie nicht etwas Gewalt über unser Herz ausüben, das oft schwer, noch öfter magnetisch genannt werden kann, zur dunklen Tiefe und zum helleren Himmel in gleicher Lust getrieben wird. Dieser eigentümlichen anziehenden Kraft der Gebirge, ihren Luftströmen und Erzgängen mag wohl ein Teil der Liebe unseres Mathesius zu der Stadt gebühren, aber der Gebirge und Bergstädte gibt es mehrere und damals waren gewiß viele andere Ältere vor Joachimsthal ausgezeichnet, das erst so kurze Zeit vorher auferbaut worden, dennoch schlug er jeden Ruf nach anderen Orten aus, denn diesen hatte er nach allen seinen Verhältnissen kennen gelernt. Obgleich ich es voraus wußte, daß die harten Zeiten der Religionskriege die von Mathesius so mühsam hier begründete reine Lehre verdrängt hatten, dennoch war es mir etwas Seltsames, die Weiber, welche in den Arbeitsstunden als einzige Bewohner der Bergstadt erscheinen, neben dem Spitzenklöppeln mit ihrem Rosenkranz beschäftigt zu sehen, und an einer Betkapelle eine lateinische Inschrift zu entdecken, welche die Rückkehr zur katholischen Religion rühmte. Welch ein Zutrauen hatte Mathesius zum Glauben seiner Bergstadt. Noch steht die große Marktkirche, die zur Reformationszeit aufgerichtet, von der mächtigen Stimme des Bergpredigers ertönt hatte, auch stehen wohl einige ansehnliche alte Häuser am Markte umher, die vom ersten Glanze der Stadt zeugen; aber sein Name, sein Grab ist bei den Einwohnern vergessen, wie auch die reichen Gänge ausgebaut sind im Gebirge; die Bergleute stehen nahe der Tiefe, über die menschliche Kräfte nicht vorzudringen vermögen, über den Drang des täglichen Bedürfnisses haben sie die Stimme des ewigen Bedürfnisses nach Wahrheit längst vergessen; es gibt jetzt überall mehr Thaler (ursprünglich Joachimsthaler genannt) als da, woher sie stammen mit ihrem Namen und Wert; weder für das geistige, noch für das irdische Leben, ist die Arbeit und das Verdienst der Voreltern zu den Nachkommen übergegangen! Nicht die innere Wirkung anderer Überzeugung, sondern äußere Gewalt hat den geistigen Segen geraubt! Welch ein Grauen mag jeden, bei diesem Gedanken ergreifen, der mit Gemalt gerüstet, dem nicht bloß das Wohl dieser Welt, sondern auch die ewige Richtung des Geistes übergeben ist. Diese armen Seelen sind unschuldig, daß ihnen das wahre Licht verschlossen, und ihren Voreltern kann keine Zeit mehr den Segen rauben, diese aber werden einst, was ihren Nachkommen fehlt, von denen fordern, denen die Gewalt gegeben war. Wer das innig fühlt, wird gewiß die Gewalt auf das beschränken, wozu sie eingesetzt ist, auf die Sicherung des äußeren Lebens, auf die ruhige Gestaltung desselben durch den Geist; dies sei die Einsicht, durch drei Jahrhunderte der Reformation gewonnen, welche als letzter Segen Luthers zum vierten Jahrhunderte übergeht.

1 Erzgebirge.

Inhaltsverzeichnis

Erste Predigt.

Zweite Predigt.

Dritte Predigt.

Vierte Predigt.

Fünfte Predigt.

Sechste Predigt.

Siebente Predigt.

Erste Predigt.

Geliebte im Herrn! Heute am St. Martinstage (den 10. November) wollen wir der Geburt Martin Luthers, des deutschen Propheten, durch einen Berichte von dem Anfang seiner Lehre und seines Wandels feiern. Heilige Leute und selige Diener der Kirche sollen wir nicht leichtsinnig vergessen, denn sie bezeugen auch in uns ihren Beruf, fest und gewiß zu machen, ihr jüngeren Leute sollt aber vor allen mit Fleiß anhören, wie es vor Zeiten in der Christenheit gestanden und von wem eure Seelsorger, Obrigkeit, Schulmeister und Eltern die Lehre empfangen haben, in der ihr unterwiesen seid, ihr alle aber helft mir im Namen Christi herzlich beten, daß ich euch dies alles fein richtig und einfältig dargeben möge, was ich in der Kirche und Schule zu Wittenberg, auch an Luthers Tische von vielen guten Leuten mit Wahrheit vernommen habe. Die Wahrheit will ich euch melden, niemand zu Lieb und zu Leide, dazu helfe mir der wahrhaftige Sohn Gottes, vor dessen Angesicht ich einem jeden, so Gott will, dieser meiner Predigt wegen gute Antwort und Bescheid will geben, der mich allda wird darüber ansprechen, und zur Rede setzen.

Heute liebe Freunde, vor 79 Jahren, also im Jahre 1483, ist Martin Luther einem ehrlichen Bergmann, oder Schieferhauer, mit Namen Hans Luther, der vom Dorfe Möhra bei Schmalkalden gelegen, gegen Eisleben gezogen war, von seiner Frau Margarethe geboren und an demselben Tage in der St. Peterskirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit christlich getaufet worden. Da unser milder und reicher Gott des Vaters Bergarbeit segnete, und ihm zwei Schmelzöfen zu Mansfeld bescherte, hat Hans Luther sein Söhnlein mit Ehren von seinem wohlgewonnenen Berggut erziehen, und als es zu vernünftigen Jahren gekommen, in die lateinische Schule mit herzlichem Gebet gehen lassen, wo dies Knäblein seine zehn Gebote, Kinderglauben, Vaterunser, neben dem Donat2, Kindergrammatiken und christlichen Gesänge, fein fleißig und schleunig gelernt hat. Denn obwohl der leidige Satan die Schulen und ihre Diener verächtlich und gering hielt, dennoch sind alle großen und vortrefflichen Leute in geistlichen und weltlichen Ämtern in Schulen auferzogen worden.

Als dieser Knabe in sein vierzehntes Jahr ging, hat ihn sein Vater durch Johann Reineck nach Magdeburg in die Schule gesandt, welche damals vor vielen anderen weit berühmt war. Allda ist dieser Knabe, wie manches ehrlichen und wohlhabenden Mannes Kind, nach Brot gangen, und hat sein „Panem propter Deum3“ geschrien: Was groß soll werden, muß klein angehen, und wenn die Kinder von Jugend an so zärtlich und herrlich erzogen, schadet’s ihnen ihr lebelang.

Im folgenden Jahr hat sich dieser Knabe, auf Befehl seiner Eltern nach Eisenach begeben, wo seiner Mutter Freundschaft wohnte. Als er daselbst eine Zeitlang auch vor den Türen sein Brot ersang, nahm ihn eine andächtige Matrone zu sich an ihren Tisch, dieweil sie um seines Singens und herzlichen Gebets willen eine sehnliche Zuneigung zu dem Knaben trug.

Im Jahre 1501 sandten diesen jungen Gesellen seine lieben Eltern nach Erfurt auf die hohe Schule, und erhielten ihn dort von dem Segen ihres löblichen Bergguts: Gott wollte aus deutschen Bergleuten seine Kirche reinigen, durchs Feuer oder Ofen gehen, und wieder reinen Blick treiben und brennen lassen, darum mußte dieser geistliche Schmelzer in einer ehrlichen Bergstadt, von guten Bergleuten geboren, und vom löblichen Berggut erzogen worden.

In dieser Universität fängt dieser Student an, freie Schul- und Redekünste, so gut als man sie zu der Zeit lehrte, mit großem Ernst und Fleiß zu studieren, wie er denn auch eine Zeitlang der Juristerei obgelegen. Obwohl er von Natur ein hurtiger und fröhlicher junger Geselle war, fing er doch alle Morgen sein Lernen mit herzlichem Gebet und Kirchengehen an; wie denn dies sein Sprichwort gewesen: Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert. Er verschlief und versäumte keine Lektion, fragte gern seine Lehrer, und besprach sich in Ehrerbietigkeit mit ihnen, wiederholte oftmals mit seinen Gesellen, und wenn man nicht öffentlich las, hielt er sich allweg in der Universitäts-Büchersammlung auf.

Auf eine, Zeit, wie er die Bücher fein nacheinander besieht, auf das er die guten kennen lernt, kommt er auf die lateinische Bibel, die er zuvor, die Zeit seines Lebens nie gesehen. Da vermerkt er mit großem Verwundern, daß mehr Texte. Episteln und Evangelien darin wären, als man in gemeinen Postillen und in der Kirche auf Kanzeln pflegte auszulegen. Wie er im alten Testament sich umsieht, kommt er über Samuels und seiner Mutter Anna Historien, die durchliest er eilig, mit herzlicher Lust, und weil ihm dies alles neu war, fängt er an von Grund seines Herzens zu wünschen: unser getreuer Gott wolle ihm dermaleinst auch ein solches Buch eigens bescheren! Dieser Wunsch und Seufzer ist ihm reichlich wahr worden.

Nicht lange hernach, wie er allda in eine schwere Krankheit verfällt, darüber er sich seines Lebens gar verziehen, besucht ihn ein alter Priester, der spricht ihm tröstlich zu: „Mein Bakkalaureus4, seid getrost, Ihr werdet dieses Lagers nicht sterben, unser Gott wird noch einen großen Mann aus Euch machen, der viele Leute trösten wird, denn wer Gott liebt, und aus dem er etwas Seliges ziehen will, dem legt er zeitig das heilige Kreuz auf, in welcher Kreuzschule geduldige Leute viel lernen.“ Dies ist die erste Weissagung, die der Herr Doktor gehöret, welche ihm auch das Herz getroffen, wie er dieses Trostes auch oftmals erwähnet.

Unser Gott richtet selten etwas Wunderliches an, das er nicht zuvor verkündigen und offenbaren lassen. Hat doch der teure Märtyrer aus Böhmen Johann Huß auch von Luther hundert Jahr zuvor geweissagt, als ihn das Konzil zu Kostnitz5 wollte verbrennen lassen: „Heute bratet ihr eine Gans (denn das heißt Hußens Name auf Böhmisch), aber über hundert Jahr, da wird ein Schwan kommen, der wird euch ein anderes Liedlein singen.“ Huß wurde im Jahr 1415 verbrannt, und Luther fing an gegen den Ablaß zu disputieren im Jahr 1516.

Desgleichen war ein alter frommer Mönch mit Namen Johann Hilten, zu Eisenach im Kloster, den seine Brüder gefangen hielten zu seinem Kirchendiakon: „Im Jahre 1516 wird der kommen, der euch reformieren und meine Weissagung wider euch wahr machen wird.“ Dieser dreierlei Weissagung gedenke ich hier zum Zeugnis und Bekenntnis unseres lieben Herrn Doktors; denn man sagt so lang von einem Ding, bis es Gott einmal wahr macht.

Im Anfang des Jahres 1505 wird Martin Luther, der seine freien Künste, wie sie damals in Schulen waren, fein studiert, Magister zu Erfurt. Am Ende dieses Jahres, da ihm sein guter Freund erstochen und ein großes Wetter und greulicher Donnerschlag ihn hart erschreckt und er sich ernstlich vor Gottes Zorn und dem jüngsten Gericht entsetzt, beschließt er bei sich selbst und tut ein Gelübde, er wolle ins Kloster gehen, Gott allda dienen, und ihn mit Messehalten versöhnen, und die ewige Seligkeit mit klösterlicher Heiligkeit erwerben, wie denn solches eigentlich der frömmsten Klosterleute Lehre und Gedanke war. Nur aus Frömmigkeit ward er, nicht Faulheit, Ungeschicklichkeit oder Armut halber, ein Augustiner-Mönch zu Erfurt, doch ohne Willen und Wissen seines lieben Vaters, der ein herzliches Mißfallen darob getragen, und zwei Worte zu seinem Sohne gesagt: „Sehet zu, daß euer Schrecken nicht ein teuflischer Betrug gewesen; man soll dennoch den Eltern um Gottes Worts willen gehorsam sein und nichts hinter ihrem Wissen und Rat anfangen“, welches dem Doktor hernach ist stetiges Leid gewesen, bis er seine Mönchskappe wieder ausgezogen.

Ehe er im Kloster Profeß6 tut, gibt ihm der Konvent auf seine Bitte eine lateinische Bibel, die durchliest er mit höchstem Ernst und Gebete, und lernt viel davon auswendig. Es halten ihn aber die Klosterleute sehr gering und legen ihm viel auf, daß er Küster und Kirchner7 sein, und die unflätigsten Gemächer aussäubern mußte; wie sie ihm auch einen Bettelmönch zugaben, und sprachen unverhohlen: Cum sacco per civitatem.8 Mit Betteln und nicht mit Studieren dienet man dem Kloster.

Weil er aber ein löbliches Mitglied der Erfurtischen Schule und ein promovierter Magister war, nimmt sich die löbliche Universität ihres Gliedes an, daß man ihn zum Teil der unflätigen Beschwerung überheben mußte. Da er aber nun Profeß tat, die Kappe anzog, und folgend’s im Jahr 1507 Priester ward, wie ein Brief ausweiset, darin er zu seiner erste Messe gebeten, haben ihm seine Brüder die Bibel wieder genommen, und ihm ihre Sophisterei9 und Schullehre in die Hände gegeben, die er aus Gehorsam fleißig gelesen, doch wo ihm Zeit und Raum ward, hat er sich in des Klosters Büchersaal versteckt und zu seiner lieben Bibel stets und treulich gehalten, und daneben als ein frommer Mönch mit tiefster Andacht seine Messe 15 Jahre gelesen.

Weil er also Tag und Nacht im Kloster studieret und betete, und sich daneben mit Fasten und Wachen kasteit und abmergelt, war er stets betrübt und traurig, und all sein Messehalten wollte ihm keinen Trost geben. Da schickte Gott einen alten Bruder zu ihm ins Kloster zum Beichtvater, der tröstet ihn herzlich, und weißt ihn auf die Vergebung der Sünden, und lehrt ihm aus St. Bernhards Predigt: er müsse für sich selber auch glauben, daß ihm der barmherzige Gott und Vater durch das Opfer und Blut seines Sohnes Vergebung aller Sünden erworben. Dies ist unserem Doktor ein lebendiger und kräftiger Trost in seinem Herzen gewesen, wie er sich nachmals wieder zu Weihnachten tröstlich erinnerte, als er den Vers sang: Obeata culpa, quae talem meruisti redemtorem!10

Kurz vor dieser Zeit hatte der hochlöbliche Kurfürst Herzog Friedrich zu Sachsen, die Universität zu Wittenberg11auf Anhalten Bruders, des Bischofs zu Magdeburg, durch Dr. Martin Mellerstadt und Dr. Johann Staupitz, errichten lassen, und weil dieser Staupitz, der über 40 Augustiner-Klöster in Meißen und Thüringen die Aufsicht hatte, den Befehl erhielt, sich nach gelehrten Leuten umzusehen und sie nach Wittenberg zu fordern, so spürt dieser Mann die sonderliche Geschicklichkeit und ernste Frömmigkeit Luthers, und bringt ihn im Jahr 1508 ins Kloster nach Wittenberg, wo die Universität 6 Jahre früher gestiftet war.

Allda legt sich unser Bruder Martin auf die heilige Schrift, fängt an in der hohen Schule wider die Sophisten zu disputieren, auf die in jener Zeit der Grund des Christentums in Schulen, Klöster- und Predigtstühlen gelegt war: Er fragt nach dem rechten und gewissen Grunde unserer Seligkeit und hält der Propheten und Apostel Schriften, die aus Gottes Munde hervor gegangen, für höher, gründlicher und gewisser, denn alle Sophisterei und Schultheologie, worüber sich schon der Zeit treffliche Leute wunderten.

Dr. Mellerstadt, welcher damals Lux mundi12 oder ein Doktor in der Arznei, Juristerei und klösterlichen Sophisterei war, konnte des Mönchs Argumente auch am Tische nicht vergessen: „Der Mönch“, hat er oft gesagt, „wird eine neue Lehre aufbringen und die ganze römische Kirche reformieren, denn er steht auf Jesu Christi Wort, das kann keiner mit aller Philosophie, Sophisterei, Scotisterei, Albertisterei, Thomisterei und dem ganzen Tardaret13 umstoßen.“

Im Jahr 1510 sandte ihn sein Konvent in Klostergeschäften nach Rom. Da sieht er den heiligsten Vater, den Papst, und seine goldene Religion und ruchlose Kurtisanen und Hofgesinde, welches ihn hernachmals gestärkt hat, daß er so ernstlich wider die römischen Greuel und Abgötterei geschrieben, wie er sich denn an seinem Tische oft hat vernehmen lassen: er wollte nicht 1000 Gulden dafür nehmen, Rom nicht gesehen zu haben. Als er allda einen seiner Freunde aus dem Fegefeuer mit seinem Meßopfer erlösen wollte, wie damals Jedermann glaubte, und sehr andächtig und langsam seine Messe hielt, sah er, daß neben ihm auf einem Altar sieben Messen verrichtet wurden, ehe er mit einer fertig ward, auch mußte er hören, wie die römischen Meßknechte ihm sagten: „Passa, Passa, fort, fort, schicke unserer Frau ihren Sohn bald wieder heim.“ Andere ließen sich über Tische hören, was etlicher Priester Worte wären, womit sie ihr Brot und Wein einsegneten, nämlich: Panis es, et panis manebis, vinum es, et vinum manebis14.

Da ihm Gott nun wieder gen Wittenberg in sein Kloster half, fuhr er fort mit Studieren und Disputieren, so daß im Jahre 1512 sein Oberster samt dem Konvent beschlossen hat, Bruder Martin solle in der heiligen Schrift Doktor werden. Diesen Beschluß hielt ihm Doktor Staupitz zu Wittenberg unter einem Baum im Kloster vor, den er mir und anderen einst selbst zeigte. Da sich aber Bruder Martin auf’s demütigste entschuldigte, und unter anderen vielen Ursachen, auch diese zuletzt vorwendete, er sei ein schwacher und kranker Bruder, der nicht lange zu leben habe, man solle sich nach einem tüchtigeren und gesunden umsehen, antwortete Doktor Staupitz scherzweise: „Es läßt sich ansehen, unser Gott werde bald im Himmel und auf