Das Leben ist ein Film - Thomas Christ - E-Book

Das Leben ist ein Film E-Book

Thomas Christ

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Beschreibung

"Ich glaube, ich bin im falschen Film!" Wie oft ist Ihnen dieser oder ein ähnlicher Gedanke schon einmal durch den Kopf geschossen? Manchmal sind es tragische, manchmal eher komische, zumeist aber hoch emotionale Momente, in denen man sich diese Frage stellt. Bisweilen braucht es einen Einschnitt im Leben, möglicherweise aber auch nur einen Augenblick, in dem man einmal vom Alltag entschleunigt, um sich den elementaren Fragen zu widmen: "Was mache ich hier eigentlich? Und: Wie bin ich bloß bis hierhin gekommen?" Den von einer leichten Midlife-Crisis gequälten Familienvater treffen diese Fragen eines Tages urplötzlich auf dem Weg zur Arbeit. Die Moseltalbücke auf der Autobahn A61 zwischen Koblenz und Mainz, 136 Meter über dem Talgrund, an einem trüben Herbstmorgen. Langsam steuert der nicht mehr ganz aktuelle Familien-Van auf den Standstreifen und bremst ab. Als er zum Stillstand gekommen ist, steigt der Fahrer vorsichtig aus. Auch er ist nicht mehr ganz aktuell. Thorben Willems ist ein Mann in den besten Jahren, Anfang Fünfzig. Er ist müde, sehr müde. Eigentlich ist er auf dem Weg zur Arbeit, aber schon die ganze Fahrt über spürt er, wie seine Energie mehr und mehr schwindet. Er braucht eine Pause, er muss erstmal Kraft tanken. Flusslandschaften hat er immer so geliebt und hier hat man einen grandiosen Blick auf die Weinterrassen der Mosel. Bedächtig steigt er über die Leitplanke und tritt an das Geländer der Brücke. Bilder, Gedanken und Gefühle strömen auf ihn ein. Sein privates Kopf-Kino lädt zur Vorstellung: Ein Leben in Kurzfilmen.

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Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über das Buch

„Ich glaube, ich bin im falschen Film!“

Wie oft ist Ihnen dieser oder ein ähnlicher Gedanke schon einmal durch den Kopf geschossen? Manchmal sind es tragische, manchmal eher komische, zumeist aber hoch emotionale Momente, in denen man sich diese Frage stellt. Bisweilen braucht es einen Einschnitt im Leben, möglicherweise aber auch nur einen Augenblick, in dem man einmal vom Alltag entschleunigt, um sich den elementaren Fragen zu widmen: „Was mache ich hier eigentlich? Und: Wie bin ich bloß bis hierhin gekommen?“

Den von einer leichten Midlife-Crisis gequälten Familienvater Thorben Willems treffen diese Fragen eines Tages urplötzlich auf dem Weg zur Arbeit. Mitten auf einer viel befahrenen Autobahnbrücke hält er spontan auf dem Seitenstreifen an, um Rückschau auf das eigene Leben zu halten.

In kleinen Filmsequenzen läuft sein eigenes, mitunter hoch emotionales Episoden-Kino vor seinem inneren Auge ab.

Über den Autor

Thomas Christ, geboren 1965, arbeitet als Lehrer für Maschinenbautechnik und Deutsch an einer Berufsschule am Mittelrhein. Obwohl er immer mal wieder mit dem Schreiben angefangen hat, ist „Das Leben ist ein Film“ sein erstes Buch.

Auch wenn Teile des Inhaltes und einige Filmsequenzen älteren Ursprungs sind, gab den Anstoß zu diesem Buch letztlich eine eher zufällige Begegnung.

Der Autor lebt mit seiner Familie im nördlichen Rheinland-Pfalz.

„Das Leben, ein autobiografischer Film – vieles wird gut in Szene gesetzt, manches wird unterbelichtet und ständig gerät das Schicksal dazwischen. Das Wichtigste aber, man sollte immer selbst Regie führen.“

Helmut Glaßl (*1950),

Diplom Ingenieur, Aphoristiker

Zitiert nach der Internetseite www.aphorismen.de

Für meine Familie. Daniela, Basti, Max, Ben und David – und nicht zu vergessen: Lucy.

Ich liebe Euch.

Und für meinen Mentor und guten Freund Swen Artmann, der mich an die Schreibfeder in meiner Hand erinnert hat.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Film ab!

Die erste Filmsequenz

Der beinahe pensionierte Schulleiter

Der cholerische Schulleiter

Der (relativ) junge Mann und die russische Pädagogik

Des Rätsels Lösung

Der (relativ) junge Mann und die Abschlussrede

Der richtige Umgang mit einem cholerischen Schulleiter

Der profilneurotische Schulleiter

Der Aufbruch: Zwei Leben enden, zwei neue beginnen.

Herbst … oder eigentlich

Sommer … oder eigentlich

Frühjahr

Winter – ein Albtraum

Der Alltag ist ein Film, aber wer dreht ihn?

Der mittelalte Mann, der Hund und der Tod

Der Vermieter des Grauens ...

Der Vermieter des Grauens ...

Der Vermieter des Grauens ...

Der gute Grund

Bläck Poppes

Cojones [spanisch: Eier]

Der Gott in Weiß

Der Urlaubsfilm: Der (mittel-)alte Mann und das (Mittel-)Meer

Traumfrau will in den Süden

Ankunft beim Hans

Spanien oder Katalonien? – Wo sind wir denn nun?

Die improvisierte Kreuzfahrt und die kleine Heldin auf vier Pfoten

Der mittelalte Mann und die Badehose ... oder: Eltern sind ja sooo peinlich!

Heute ist nicht alle Tage ...

Urlaub mit Hindernissen ...

Urlaub mit Hindernissen ...

Die große Film-Dokumentation

Die Hürden der Bürokratie

Zwei Dickschädel on Tour

Der Drill-Sergeant Frau R.

Die Eltern-Kind-Interaktion

Die Super-Mamas – erster Teil: Grau ist alle Theorie

Die Super-Mamas – zweiter Teil: Die Entzauberung in der Praxis

Der Abschied von der Schwäbischen Alb

Das Nachspiel ... oder: Zurück ins (Berufs-)Leben

Das offizielle Nachspiel ... oder: Die ZMU

Das offizielle Nachspiel vom Nachspiel ...

Epilog: Das Leben ist trotzdem schön.

Der alte Mann und die letzte Filmvorführung

Nachwort

Prolog

Das Leben ist ein Film ... Wenn ich den erwische, der das Drehbuch geschrieben hat!

Der alte Mann ist auf dem Weg zur Arbeit, falls man das überhaupt so bezeichnen möchte, was er macht. Thorben Willems ist Lehrer. Wie jeden Morgen befährt er die Autobahn A61 in südlicher Richtung. Er ist müde, so furchtbar müde. Der Akku ist leer, es fehlt ihm an jeglicher Energie.

Da ist die Brücke. Er mag sie nicht. Sicher, er liebt Flusslandschaften und nirgendwo hat man einen so grandiosen Blick über das Moseltal und seine Weinterrassen wie hier auf der Moseltalbrücke auf der A61.

Aber 136 Meter über dem Fluss sind einfach zu viel ihn. Er leidet seit frühester Jugend unter einer nur teilweise irrationalen Höhenangst. Oft verfolgt sie ihn bis in den Schlaf, bis in seine Träume. Er fällt. Lang andauernd und immer schneller werdend strebt sein Körper, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, zu Boden. Wo er abgestürzt ist, weiß er selten. Aber er schlägt niemals irgendwo auf. Immer erwacht er unmittelbar vor dem Aufprall schweißgebadet.

Er ist so unendlich müde. Und dann ist da plötzlich dieser Entschluss. Irgendein Teil seines Hirns hat sich mal wieder ungefragt verselbstständigt. Völlig unvorbereitet trifft ihn ein Gedanke: Er wird heute nicht bis zur Schule fahren.

„Der Unterricht ist und bleibt das Kerngeschäft der Schule. Sie und ihre Lehrerinnen und Lehrer sind Dienstleister der Bildung!“ So hatte es ein früherer Schulleiter ihm und dem gesamten Kollegium stets gebetsmühlenartig gepredigt.

Heute muss er warten, der Unterricht.

Heute ist er kein Lehrer, sondern nur leer. Zumindest sein Akku. Er wird ihn zunächst einmal aufladen müssen. Auf der Brücke lenkt er seinen Wagen auf den Standstreifen der Autobahn, schaltet den Warnblinker an und steigt langsam und bedächtig aus. Ein Blick in den Rückspiegel hat ihm versichert, dass dies gerade im Moment gefahrlos möglich ist. Gefahrlos? Was ist in diesem Leben schon gefahrlos? Er wird frische Luft tanken und die Aussicht genießen, Höhenangst hin oder her. Mühsam klettert er über die Leitplanke und tritt an das Geländer heran.

Er wird seinen Akku wieder aufladen und sich vor seinem inneren, geistigen Auge einen Film anschauen. Den Film seines Lebens, das nun immerhin schon bald 53 Jahre andauert. Vermutlich werden es einzelne Film-Sequenzen sein. Eine ganze Filmreihe mit vielen kleinen und einigen etwas größeren Kurzfilmen, mit tragischen und komischen Elementen. Schade nur, dass er kein Popcorn dabei hat. Einen Jumbo-Eimer. Und eine große Cola. Quatsch! Er mag doch viel lieber Nachos. Mit scharfen Peperoni und einer dickflüssigen Käsesauce.

Naja, dann muss es eben so gehen. Vielleicht kann er ja etwas entspannen während des Films. Kino hat er meist als unterhaltsam, fast immer aber als wohltuend entspannend empfunden. Wahrscheinlich, weil man da so schön abtauchen kann. Abschalten. Sich ausklinken aus dem Alltag. Für ein paar Stunden mal ganz woanders sein. Fast wie bei einem guten Buch.

Es ist so weit, der imaginäre Vorhang in seinem ganz persönlichen Programmkino gleitet mit einem leisen Rauschen auf, die erste Filmsequenz erscheint vor seiner inneren Leinwand ...

Film ab!

Der Schul-Film: Ein Leben als Berufsschullehrer

„Also lautet ein Beschluß:

Daß der Mensch was lernen muß.“

Wilhelm Busch (1832 – 1908),

deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller.

Quelle: Busch, Bildergeschichten.

Max und Moritz, 1865. Vierter Streich.

Zitiert nach der Internetseite www.aphorismen.de

„Non vitae, sed scholae discimus.“

(„Nicht für das Leben,

sondern für die Schule lernen wir.“)

Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v.Chr. – 65 n.Chr.),

genannt Seneca der Jüngere, war ein römischer Philosoph,

Stoiker, Schriftsteller, Naturforscher und Politiker;

Selbsttötung auf Geheiß seines ehemaligen Schülers Nero

(Römischer Kaiser von 54 – 68 n.Chr.)

Quelle: Seneca, Briefe an Lucilius.

(Epistulae morales ad Lucilium), 62 n. Chr.,

106. Brief. Übersetzt von Otto Apelt (1924)

Zitiert nach der Internetseite www.aphorismen.de

Die erste Filmsequenz: Das Medieninstitut der Länder präsentiert pädagogisch wertvolle Filme für Wissenschaft und Unterricht (FWU)

Kleine Typenkunde

Kaum hat der leise öffnende Vorhang die Leinwand freigegeben, da erscheint auch schon die offizielle Internetseite des Medieninstituts der Länder in seinem Blickfeld. Das kreisrunde, orangefarbene FWU-Logo erfüllt seinen gesamten inneren Bildschirm. Als es endlich langsam und fließend ausgeblendet wird, beginnt eine rasante filmische Flugreise durch die deutsche (Bildungs-)Landschaft. Durch das Objektiv einer Kameradrohne blickt der einzige Zuschauer dieses Kopfkinos auf den deutschesten aller Flüsse. Im pfeilschnellen Überflug schießt die Drohne den gesamten Flusslauf, vom Rheinfall bei Schaffhausen ausgehend, nordwärts. Untermalt von klassischer Musik überfliegt die kleine Maschine mit ihrer Kamera den Oberrhein und schießt dann förmlich das schöne Mittelrheintal entlang, biegt endlich kurz vor Köln links ab und steuert auf eine Universitätsstadt zu.

Seine Universitätsstadt. Die Türen des bekannten altehrwürdigen Hauptgebäudes am Aachener Templergraben schwingen auf und lassen das langsam abbremsende Fluggerät passieren. Doch im Inneren des Foyers hat sich etwas verändert, auf einem Sockel vor dem Treppenaufgang zur Aula, der Aachener und Münchner Halle, grüßt die Büste eines altrömischen Philosophen den Besucher. Aus dem Off erklingt nun die sonore Stimme eines Moderators:

„´Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.´ Kaum eine andere pädagogische Weisheit wurde, teils bewusst und in voller Absicht, teils einfach aus Unkenntnis des originalen Textes, so oft und so gern so falsch zitiert wie diese hier und an dieser Stelle. Dabei sind die Worte des Lucius Annaeus Seneca aus seinem 106. Brief an Lucilius aus dem Jahr 62 n. Chr. klar und sehr eindeutig überliefert: ´Non vitae, sed scholae discimus.´“

Der mittelalte Mann ist der Verzweiflung nahe, seine Gedanken überschlagen sich. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Typisch Lehrer. Kopfgesteuert bis zum bitteren Ende. Da hocke ich hier 136 Meter über dem Talgrund der Mosel und warte auf den Film meines Lebens und dann kommt mir die Regie mit einem pädagogischen Schulungsfilm, denkt er. Ich ticke wirklich nicht mehr ganz sauber.

Doch der Sprecher seines persönlichen Lehrfilmes fährt erbarmungslos fort:

„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir, heißt es also im Original. Klar, dass dies in den Ohren von idealistischen, neue Theorien zur Schule und zum Lernen zu verbreiten sich anschickenden Pädagogen nicht ganz so schön klingt. Bedauerlicherweise aber steckt im eigentlichen Ausspruch Senecas auch 2000 Jahre später noch mehr Wahrheit, als Lehrerinnen und Lehrern lieb ist. Dabei ist das geringfügig nach Resignation klingende Original-Zitat des altrömischen Oberlehrers sicherlich teilweise durch das zumindest als angespannt zu beschreibende Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Seneca und Nero zu erklären.“

Erst recht, wenn man die Umstände des Todes des Urhebers dieser antiken pädagogischen Bestandsaufnahme bedenkt, ergänzt Thorben Willems im Geiste. Gerade einmal drei Jahre nach seinem berühmten Zitat beging Seneca nämlich auf Geheiß seines ehemaligen Schülers und inzwischen zum Kaiser aufgestiegenen Imperators Nero Selbstmord, wohl um seiner bevorstehenden Verhaftung und einem mutmaßlich noch schlimmeren Schicksal zu entgehen. Insofern erscheint es dem angeschlagenen Pädagogen fraglich, inwieweit dieser pädagogische Extremfall verallgemeinert werden kann. Trotzdem veranschaulicht der persönliche Briefwechsel des römischen Philosophen sehr plastisch, dass Schule schon vor knapp 2.000 Jahren durchaus reformbedürftig war und wahrscheinlich heute noch ist, denkt Thorben leicht frustriert. Es ist schon ein relativ ernüchterndes Fazit angesichts zweier Jahrtausende pädagogischer Reformbemühungen.

Noch immer aus dem Off setzt der Moderator seine Erläuterungen inzwischen beinhart fort:

„Dabei könnte es so einfach sein. Ein Blick in die Natur zeigt, dass viele Tierkinder hauptsächlich im und durch das Spiel lernen, beispielsweise ein Wurf junger Katzen. Im Herumtollen lernen sie alles, was sie für ihr späteres Leben brauchen. Jagdinstinkt mag angeboren sein, Strategien zur Jagd hingegen muss der Beutegreifer erst einmal trainieren. Auch die Einordnung in eine Rangordnung und die Interaktion mit Artgenossen will geübt sein. Das gesamte Sozialverhalten, von der Auseinandersetzung um die Eroberung eines Reviers über die Brautwerbung bis hin zu den Vorgängen, die letztlich die Erhaltung der Art sichern und die Aufzucht des Nachwuchses gewährleisten. All das wird im Spiel erlernt.

Lernpsychologen haben diese Zusammenhänge natürlich längst erkannt und ausführlich beschrieben, dass auch das Gehirn des Menschen ähnlich wie das der Katze in einer spielerischen und stressfreien Atmosphäre tatsächlich den effektivsten Lernzuwachs realisieren kann.“

Das klingt ja alles ganz stimmig, kommentiert Thorben bei sich, aber wenn man das Jagdverhalten der Katze näher betrachtet: Das Spiel mit der Maus erscheint aus menschlicher Perspektive schon ein wenig grausam. Die Maus sieht das vermutlich ähnlich. Insofern ist der räuberische Stubentiger wohl doch kein so gutes Beispiel, verehrter Herr Kollege von der Moderation. Andererseits ist auch meine Bewertung des Verhaltens der Katze beim Beuteschlag letztlich ungerecht, möglicherweise gar allzu überheblich, kommt sie doch von einem Vertreter jener Gattung, die für die Erfindung des Stierkampfes, der Religionskriege, der Hexenverbrennungen, des Rassenhasses und nicht zuletzt für einige der krassesten Reality-Formate im TV, wie etwa Frauentausch und Dschungelcamp, verantwortlich zeichnet.

Sichtlich unbeeindruckt von der Reaktion seines Ein-Mann-Publikums kehrt der Moderator hingegen thematisch zur Schule zurück:

„Ganz anders sieht die Lernwelt in deutschen Schulen aus. Diese sind nämlich allzu oft ein Ort verbissener Ernsthaftigkeit und des immensen Leistungsdruckes – und zwar nicht nur für die Schülerinnen und Schüler. Höchste Zeit also für eine kleine anthropologische Klassifizierung der verschiedenen Vertreter der mithin zweitwichtigsten Hominiden innerhalb unserer Schulen, der Lehrerinnen und Lehrer. Dazu also jetzt ein kurzer Blick auf die Gattung Mensch als solche …“

Au weia, das kann ja heiter werden: Lehrer unter dem Mikroskop der Wissenschaft. Sokrates, steh mir bei, denkt Thorben noch.

Aber da zitiert der gnadenlose Moderator bereits aus dem Schatz der Weisheit, aus dem allwissenden Internet-Lexikon:

„Der Mensch (lateinisch: Homo sapiens - also: verstehender, verständiger oder weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch) ist nach der biologischen Systematik ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten, das zur Unterordnung der Trockennasenprimaten und dort zur Familie der Menschenaffen gehört.“

Zitiert nach der Internetseite www.wikipedia.de

Okay, das mit den Trockennasenprimaten kann ich aus mehr als fünfzig Jahren Lebenserfahrung und nach fast fünfundzwanzig Jahren im Schuldienst nun wieder durchaus bestätigen, ergänzt der Lehrer auf der Brücke leise. Mittlerweile macht sich bei ihm ein bisschen Sarkasmus breit, während der Moderator seine Analyse fortsetzt:

„Nach wissenschaftlicher Genealogie wäre demnach der lehrende Mensch (lateinisch: Homo sapiens pädagogis) eine Untergattung dieser Hominiden, innerhalb derer man wiederum verschiedene Arten und Sektionen differenzieren kann. Beginnen wir also mit unseren Betrachtungen an der Spitze der schulischen Hierarchie, bei den Schulleiterinnen und Schulleitern. Der Schulleiter, wissenschaftlich korrekt gern als Homo sapiens pädagogis directoris klassifiziert, stellt beiderlei Geschlechtes die höchste Sektion, wenn auch bedauerlicherweise nicht immer die höchste Entwicklungsstufe innerhalb der Gattung des lehrenden Menschen dar.“

Ups, denkt Thorben, die gehen aber ran! Hier müsste doch nun eigentlich ein rechtlicher Hinweis folgen, in etwa so: Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen realen Personen und Handlungen sind durchaus nicht zufällig, sondern absolut gewollt und für die Betroffenen bisweilen schmeichelhaft, in Einzelfällen möglicherweise aber auch höchst bedauerlich und verstörend.

Andererseits stimmt es ja schon: Der Fisch stinkt vom Kopf! Thorben hat es in Berufsleben mit sechs oder sieben Vertretern der Sektion des Homo sapiens pädagogis directoris zu tun bekommen, sie alle hatten ihre Eigenheiten. Wenn die Wissenschaft nun also folgerichtig gleich mehrere Unterarten, die sich durch zum Teil sehr spezifische Besonderheiten auszeichnen, unterscheidet, so hat sie vermutlich Recht. Wenigstens drei davon wüsste er auf Anhieb zu benennen.

Sein personalisiertes Kopfkino läuft jetzt erst richtig an. In der Folgezeit spielt es ihm die nächsten Kurzfilme ein, in denen drei Untersektionen des Homo sapiens pädagogis directoris dramaturgisch herausragende Rollen übernehmen, freilich ohne dass damit ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird:

Der Homo sapiens pädagogis directoris ante pensionem ist der Dinosaurier unter den Schulleitern. Er gilt gemeinhin und meist auch zurecht als umgänglich, mit einem leichten Hang zur Gemütlichkeit, und er erweist sich weitestgehend als ungefährlich.

Im Umgang mit dem Homo sapiens pädagogis directoris cholericus hingegen spielt ein gelungenes Timing eine wesentliche Rolle, weil er nur innerhalb sehr kurzer Zeitfenster als einigermaßen verträglicher Zeitgenosse durchgeht.

Beim Homo sapiens pädagogis directoris profilneuroticus, schließlich ist jedwedes Timing zweitrangig, sofern es nur gelingt, seinen Public-Relations-Reflex anzutriggern.

Der beinahe pensionierte Schulleiter

[lat.:Homo sapiens pädagogis directoris ante pensionem]

Den ersten Vertreter der Sektion Homo sapiens pädagogis directoris lernt der noch relativ junge Thorben Willems als angehender Berufsschullehrer gleich in seinem Referendariat kennen.

Herr Gellert ist ein dienstälterer Schulleiter mit langjähriger Erfahrung mit all seinen Pappenheimern – und zwar sowohl unter den Schülern als auch unter den Lehrern. Ein freundlicher älterer Herr, der seine Schule in einer Stadt des östlichen Ruhrgebietes, die von ihren Nachbarn und fußballerischen Rivalen gern ein bisschen abfällig Lüdenscheid-Nord genannt wird, schon seit langer Zeit und mit väterlichem Wohlwollen souverän leitet. Ende des folgenden Schuljahres wird er in den wohlverdienten Ruhestand treten. Es handelt sich folgerichtig um einen typischen Vertreter der Unterart Homo sapiens pädagogis directoris ante pensionem.

An einem trüben, verregneten Novembermorgen lässt Herr Gellert Thorben, der inzwischen seit beinahe einem Jahr an besagter Schule sein Referendariat absolviert, in sein Büro rufen. Dieser war zwar ein wenig irritiert, als das Schulbüro ihn über den bevorstehenden, etwas überraschenden Termin in Kenntnis gesetzt hat, verzichtete aber auf eine entsprechende Nachfrage zum Inhalt. Angesichts der Ereignisse der letzten Tage ist vieles in den Hintergrund getreten, gegen diese Tragödie verliert alles Schulische selbst in den Augen eines viel gestressten Referendars schnell an Bedeutung. Der Anlass ist, sofern überhaupt möglich, noch viel trauriger als die aktuelle nasskalte Wetterlage.

„Guten Morgen, Herr Gellert. Sie wollten mich sprechen?“ Nach kurzem Anklopfen und einem knappen „Herein!“ aus dem Inneren des Raumes betritt er das Büro des Schulleiters, der offenbar noch jemanden zu diesem Gespräch hinzugebeten hat. Etwas überrascht setzt Thorben schnell hinzu: „Ihnen auch einen guten Morgen, Herr Schmidt.“

Der solcherart angesprochene Schulbereichsleiter der gymnasialen Oberstufe ist ebenfalls ein erfahrener dienstälterer Kollege, wenn auch weniger der väterliche, sondern vielmehr der Typ strenger Schulmeister. Er nickt kurz zum Zeichen der Begrüßung.

Der Referendar rätselt inzwischen mehr denn je über den Anlass für dieses Gespräch. Der Schulleiter scheint den Gedanken aufgreifen zu wollen:

„Guten Morgen, Herr Willems. Bitte nehmen Sie Platz. Sie wissen, warum ich Sie zu mir gebeten habe?“

„Wenn ich ehrlich sein soll, tappe ich ein wenig im Dunkeln.“

„Nun, die Nachricht vom plötzlichen und tragischen Tod des Kollegen Maier ist bestimmt auch zu Ihnen vorgedrungen“, hakt der Schulleiter nach und ergänzt: „Schlimm so etwas. Es hat uns alle tief erschüttert. Wie ich höre, war er so etwas wie Ihr Mentor?“

„Ja, vermutlich kann man das so sagen. Herr Maier war einer meiner Ausbildungslehrer hier. Ich habe in den letzten Monaten vermehrt in seinen Klassen unterrichtet. Ich habe gern mit ihm gearbeitet, ich konnte was von ihm lernen.“ Der Referendar ist wirklich betroffen. Nach kurzem Luftholen fährt er fort: „Ich kann das noch gar nicht so richtig fassen, er war doch bestimmt kaum über Vierzig und Familie hatte er doch wohl auch.“

„Er ist vor Kurzem 42 Jahre alt geworden, ja. Nur gegen ein plötzliches Herzversagen ist leider niemand gefeit, so einfach in der Nacht, furchtbar. Herr Maier hinterlässt Frau und zwei Kinder, zehn und zwölf Jahre alt. Das ist alles sehr traurig. In zwei Tagen ist die Beerdigung, das Kollegium und einige Schüler werden natürlich dort sein.“ Auch dem Schulleiter ist ehrlich gemeinte Betroffenheit anzumerken. „Aber so schlimm das alles ist. Deswegen habe ich Sie nicht rufen lassen.“

Der Direktor macht eine kurze Pause und spricht erst nach einem Seitenblick zu dem Schulbereichsleiter für den gymnasialen Zweig der Berufsschule weiter.

„Herr Schmidt hat mir berichtet, dass Sie mit Herrn Maier unter anderem in der Oberstufe zusammengearbeitet haben. Deutsch im Leistungskurs in der Abiturklasse. Ist das korrekt?“

„Das stimmt. Ich habe Anfang des Schuljahres ein paar Mal bei Herrn Maier in dieser Klasse hospitiert und dann selbst ab Ende September dort unterrichtet. Das tue ich im Moment noch, zuletzt gestern Morgen.“

„Und wie läuft´s? Macht Ihnen der Unterricht dort Freude, sind Sie mit Ihrer Arbeit selbst zufrieden?“ Der Chef will es aber ganz genau wissen.

Sein erneuter Seitenblick zum Kollegen Schmidt ist Thorben nicht entgangen. Dieser ist ihm auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Fachkonferenz Deutsch freilich nicht unbekannt, aber er ist für ihn kaum einzuschätzen, bisher hat er nicht allzu oft mit ihm zusammengearbeitet. Gestern hatte Herr Schmidt dann plötzlich in der besagten Klasse gestanden und gesagt, er wolle gern einmal quasi inoffiziell in seinen Unterricht reinschauen, wenn das möglich sei. Als könnte ein Referendar einen – wenn auch inoffiziellen – Unterrichtsbesuch ablehnen. Also Zähne zusammenbeißen, Augen zu und durch.

Sein vorsichtiger, beinahe zaghaft innovativer Ansatz zur Erschließung von Literatur durch kreatives Schreiben aber schien bei dem mutmaßlich recht konservativen Kollegen nicht sonderlich gut anzukommen. Die Schüler hatten zu der Kurzgeschichte vom Mechanischen Doppelgänger von Hermann Kassack zwar teilweise wirklich kreative, alternative Fortsetzungen geschrieben, aus denen sich im Nachhinein gute Ansätze für die traditionelle Interpretation des literarischen Textes ergeben hatten. Von Herrn Schmidt dagegen hatte er außer einem Stirnrunzeln und einer hochgezogenen Augenbraue bisher noch keine Rückmeldung erhalten. Dessen Miene bleibt ansonsten auch jetzt weitgehend undurchdringlich, ein Statement im Anschluss an den Unterricht steht noch immer aus. Okay, genug gegrübelt, Zeit für eine Antwort, der Chef wartet.

„Ich denke, es läuft recht gut. Der Unterricht ist produktiv, die Schüler arbeiten gut mit. Soweit ich das aus den Unterrichtsgesprächen und den ersten schriftlichen Arbeiten ersehen kann, scheinen die meisten auch was gelernt zu haben. Und für mich ist es thematisch und methodisch eine schöne Abwechslung zum technischen Unterricht, beispielsweise bei den Industriemechanikern.“

„Wenn ich Sie recht verstehe, bedeutet das ein Ja? Das freut mich, sehr schön“, fasst der Schulleiter zusammen. Und an den Fachkonferenzleiter: „Was kannst du mir noch sagen? Wie ist deine Einschätzung?“

„Ich selbst habe bis jetzt wenig mit Herrn Willems zusammengearbeitet, Frau Baum ist seine Ausbildungslehrerin. Neben Herrn Maier natürlich.“ Herr Schmidt lässt sich etwas Zeit, bevor er ergänzt: „Frau Baum hält große Stücke auf Herrn Willems, von Herrn Maier war zeitlebens auch nichts Negatives zu hören.“ Der Schulbereichsleiter atmet kurz durch, fast ein kleines Seufzen. Der Anlass dieser Unterredung geht offenbar auch ihm an die Nieren. „Ich hatte bisher nicht allzu oft Gelegenheit, den Unterricht zu besuchen, aber wenn, dann war er in Ordnung. Solide vorbereitet, sicheres Auftreten. Das war mein Eindruck.“

Hört sich ja ganz toll an, Begeisterung klingt auch anders, denkt der Referendar, worauf wollen die eigentlich raus?

„Ich war gestern noch einmal im Unterricht in der zwölften Klasse“, fährt der Kollege fort. „Ich muss sagen, das läuft wirklich gut. Kreativer, wenn auch nicht mutiger Ansatz. Phantasievolle Schreibansätze der Schüler, interessant und effektiv genutzt zur Entwicklung einer herkömmlichen Interpretation. Insgesamt eine schöne Doppelstunde.“

Ich werd´ nicht mehr! Das scheint dem Fachkonferenzleiter ja echt gefallen zu haben, denkt Thorben. Nicht dass der sich am Ende noch überschlägt vor Enthusiasmus. Aber gut, ich dachte schon, jetzt werde ich gebürstet. Hätte nicht geglaubt, dass dieser Unterricht methodisch bei ihm ankam. Nur, wo soll das alles hinführen?

„Herr Willems. Sie fragen sich vermutlich, was der Zweck dieser Unterredung ist“, reißt ihn der Schulleiter aus seinen Gedanken.

„Meine Position bringt mich manchmal in die unangenehme Lage, Entscheidungen treffen zu müssen und Abläufe zu planen, wenn man eigentlich trauern sollte. Ich will nicht pietätlos sein, aber das Leben und auch der Unterricht müssen mittelfristig weitergehen, so banal das klingt.“ Eine kleine Pause gibt allen Beteiligten die Gelegenheit, das erstmal sacken zu lassen. Dann fährt der Chef fort:

„Wir müssen die Unterrichtsstunden von Herrn Maier auf andere Schultern umverteilen. Aber die Mehrarbeit je Kollegin oder Kollege ist begrenzt. Und da kommen Sie ins Spiel. Daher meine direkte Frage an Sie mit der Bitte um eine ehrliche Antwort: Trauen Sie sich zu, die Klasse in Deutsch bis zum Abitur im selbstständigen Unterricht weitgehend allein weiterzuführen?“

„Ja, ich denke schon, Herr Gellert. Ich unterrichte gern in dieser Klasse. Ich würde das wirklich gern weiterführen“, lautet die klare Ansage des Referendars. „Darf ich das denn einfach so, ich meine, ohne Ausbildungslehrer?“

„Sie dürfen aus rechtlichen Gründen als Referendar nur keine Abiturklausur oder Abschlussprüfung erstellen beziehungsweise durchführen. Das wird Herr Schmidt übernehmen müssen. Aber da werden Sie involviert sein. Oder, Heinz?“, meint der Direktor und wirft erneut einen kurzen Seitenblick zum Kollegen.

„Sicher, da sprechen wir uns ab. Ist vielleicht ganz gut, das müssen Sie ja schließlich auch mal lernen, wie man eine Prüfung plant und durchführt.“ Herr Schmidt sieht immer auch den praktischen Nutzen.

„Ansonsten stehen in den Anforderungen für das zweite Jahr des Referendariates sowieso schon mehr Unterricht als Hospitation und ein ausgewiesener Anteil an selbstständigem Unterricht auf dem Plan“, merkt der Schulleiter noch an. „Und sowohl Herr Schmidt als auch Frau Baum werden Ihnen bei Bedarf sicherlich jederzeit hilfreich zur Seite stehen!“

„Das werde ich gern in Anspruch nehmen, danke“, hört Thorben sich schnell antworten.

„Gut, dann wäre das geklärt. Schön. Jetzt können wir uns wieder auf unsere traurige Pflicht und auf das Wesentliche konzentrieren. Die Teilnahme der Schule an der Beerdigung muss organisiert werden, und wir sollten vor allem an Herrn Maier und an seine Familie denken. Die bewusste Klasse geht geschlossen mit?“ Der Schulleiter lenkt die Gedanken der Beteiligten zurück ins Hier und Jetzt.

„Die Schüler haben sich in dieser Richtung geäußert, ja“, erklärt der Referendar.

„Gut, Herr Willems. Dann werden Sie an diesem Tag auch bitte die Führung Ihrer Klasse übernehmen. Ich hätte gern, dass die beteiligten Klassen immer mindestens einen oder zwei Lehrer an ihrer Seite haben“, sagt Herr Gellert.

Es ist wirklich nicht leicht, sich in einer solchen Situation dermaßen auf seine Aufgaben zu konzentrieren und zugleich am Schicksal eines Mitmenschen bewusst Anteil zu nehmen. Der Direktor meistert diesen Spagat scheinbar souverän. Vermutlich macht das die Lebenserfahrung, denkt Thorben. Merkwürdig, bis vor kurzem war er in seinem – wenn auch nicht mehr ganz so – jugendlichen Leichtsinn immer davon ausgegangen, sich mit dem Tod einfach nicht auseinandersetzen zu müssen. Junge Menschen halten sich gern mal für unsterblich. Und dann war vor anderthalb Jahren sein bester Freund mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Brutal war dieser junge Mensch aus dem Leben gerissen worden und brutal hatte die Realität damit auch im Leben von Thorben Einzug gehalten und ihn ziemlich gnadenlos zerlegt. Als er das Büro des Schulleiters verlässt, kommt ihm noch ein Gedanke.

„Herr Gellert, wir sprechen doch über die 12. Die machen ihr Abitur doch erst in anderthalb Jahren. Ich meine, jetzt mal abgesehen von denen, die uns im Sommer mit dem Fachabitur verlassen. Mein Referendariat endet aber schon nächstes Jahr vor Weihnachten.“

„Richtig, Herr Willems. Sie und ihre Referendarskollegen sind erstmal bis 15.12. nächsten Jahres bei uns. Wir werden leider nicht alle übernehmen können, und normalerweise geschehen Neueinstellungen in das Lehramt in Nordrhein-Westfalen immer zum 1. August. Also mit Beginn des neuen Schuljahres“, erwidert der Direktor.

„Ist mir bekannt. Deshalb meine ich ja, dass ich vermutlich gerade dann nicht mehr da bin, wenn diese Klasse ins Abitur geht.“ Thorben ist noch immer etwas verwirrt.

Der Schulleiter kann oder will dem Referendar diese Verwirrung nicht ganz nehmen, entgegnet aber:

„Naja, ich bin kein Freund davon, kurz vor dem Ziel die Pferde zu wechseln. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich bevorzuge das Klassenlehrerprinzip. Aber ich habe da so eine Idee. Lassen Sie mich mal machen, ich komme zu gegebener Zeit auf Sie zu.“

Zwei Tage später findet die Beerdigung unter großer Anteilnahme auch der Schulgemeinschaft auf dem Hauptfriedhof statt. Es herrschen allenthalben große Betroffenheit und viel Mitgefühl. Auch der Schulleiter hält eine kurze Trauerrede. Ein schwerer Tag für die Schule, aber natürlich ein ungleich furchtbarer für die Familie und die Freunde des viel zu früh verstorbenen Kollegen.

In den nächsten Monaten findet die Schulgemeinde im Allgemeinen und natürlich auch Thorben Willems im Besonderen irgendwie wieder in die Spur, es hilft ja nichts. Tatsächlich muss das Leben weitergehen, so abgedroschen die Phrase auch klingen mag. Und es findet immer seinen Weg, das Leben.

Auch das stressintensive Referendariat setzt sich fort, mit all seinen Höhen und Tiefen. Diplomatisch ungeschickt, wie er nun einmal ist, hat Thorben immerhin Zeit und Gelegenheit genug, sich ganz gepflegt mit seinem Fachleiter für Maschinenbautechnik zu überwerfen.

Im Anschluss an einen Unterrichtsbesuch eröffnet Studiendirektor Ebert die Nachbesprechung ohne Begrüßungsfloskel, ohne Punkt und Komma und ohne jeden Anflug von Höflichkeit mit den Worten:

„Sagen Sie mal, Herr Willems, haben Sie diesen Unterrichtsbesuch eigentlich gar nicht vorbereitet?“

Gut, konstruktive Kritik geht anders. Und man kann einen Unterricht immer so oder so beurteilen. Vielleicht ist das tatsächlich nicht sein bester Auftritt gewesen. Aber Mühe gegeben hat Thorben sich in der Vorbereitung, da braucht er sich nichts nachsagen zu lassen. Trotzdem könnte seine Antwort taktisch etwas intelligenter ausfallen. Aber nicht zum ersten Mal in seinem Leben ist seine große Klappe schneller als sein rhetorisch geschultes Sprachzentrum im Gehirn. Die Antwort jedenfalls kommt wie aus der Pistole geschossen: „Tja, Herr Ebert, ich dachte, ich nehme mir mal ein Beispiel an Ihnen!“

„Wie bitte? Was?“, stottert der Studiendirektor.

„Nun, einige bereiten manchmal ihren Unterricht nicht sorgfältig genug vor, andere ihre Fachseminare offenbar niemals“, setzt der Referendar noch eins drauf.

Fast wäre ihm das zum Verhängnis geworden, bei seinen weiteren Unterrichtsbesuchen und natürlich auch im Examen. Clever geht anders, aber sowas von. Trotzdem absolviert Thorben Anfang September sein Zweites Staatsexamen. Vielleicht ein bisschen holprig, aber es geht. Mit dem Tag der vorgezogenen Abschlussprüfung ist der Spuk plötzlich einfach so vorbei. Die würdelose Zeit hat ein erfolgreiches Ende.

Dummerweise rückt damit ein anderes Problem näher. Das Referendariat endet pünktlich zum 15.12., auf den Tag genau nach Ablauf von zwei Jahren. Und dann? Arbeitslosigkeit bis zu einer erhofften Neueinstellung als Lehrer in den glorreichen Schuldienst des Landes Nordrhein-Westfalen zum August nächsten Jahres? Super. Vor allem, weil man als Referendar den Status eines Beamten auf Widerruf genießt und demzufolge keinerlei Beträge zur Arbeitslosenversicherung zahlt. In der sozialpolitischen Realität der Zeit bedeutet dieser Umstand, für fast acht Monate auf die Leistungen der Sozialhilfe angewiesen zu sein. Schöne Aussichten nach fast sechs Jahren des Studiums und zweien des Referendariates.

Da ereilt den Exaministen Ende September erneut der Ruf der Schulsekretärin, die ihn in das Büro des Schulleiters bestellt. Letzterer kommt diesmal im Anschluss an die Begrüßung umgehend zur Sache.

„Herr Willems. Ich habe Ihnen doch einmal angedeutet, dass ich da so eine Idee verfolge. Die Angelegenheit ist inzwischen konkreter geworden. Wie Sie vielleicht wissen, hat die Landesregierung ein Programm aufgelegt, das dem akuten Lehrermangel entgegenwirken soll. In der Presse ist dies unter dem Namen Geld statt Stellen bekannt geworden.“

„Ja, ich kenne das Programm. Lehrkräfte werden auf eine bestimmte Zeit befristet als Lehrer in Anstellung beschäftigt, um beamtete Lehrer, die vorübergehend ausfallen, mittelfristig zu vertreten. Und was ist damit?“ Thorben ist ehrlich interessiert.

„Nun, genau so ein Fall ist bei uns eingetreten. Eine Kollegin wird in Schwanger- beziehungsweise Mutterschaftsurlaub gehen. Und ich freue mich, Ihnen eine solche Vertretungsstelle anbieten zu können“, antwortet der Direktor.

„Wie genau funktioniert das?“

„Die Kollegin hat hier eine etwas gekürzte Stelle. Zwanzig Unterrichtsstunden pro Woche statt der sonst üblichen fünfundzwanzig. Im gleichen Umfang kann die Schule eine Lehrkraft als Ersatz einstellen. Als Angestellter auf Zeit. In diesem Falle bis zum November“, führt der Schulleiter aus. „Und diese Stelle möchten wir Ihnen gern anbieten.“

„Das ist erstmal sehr nett. Ich danke Ihnen für das Angebot, über das ich gerne bis morgen nachdenken würde, wenn ich darf. Ich kann Ihnen sagen, dass ich dazu tendiere, es anzunehmen. Aber ich würde das trotzdem lieber einmal überschlafen.“ Der Noch-Referendar gibt sich vorsichtig.

„Ist in Ordnung, Herr Willems. Kein Problem. Ich halte die Unterlagen diese Woche noch für Sie fest. Aber darf ich mal ganz direkt fragen, woran es hängt? Haben Sie ein anderes Angebot?“ Herr Gellert ist hellhörig geworden.

„Ich möchte in keinster Weise undankbar erscheinen, Herr Gellert. Ich habe auch noch keine anderen Angebote. Aber das hier ist schon zu überdenken, schließlich ist es nur eine verkürzte Stelle und damit auch etwas weniger Geld. Zudem ist eine Anstellung keine Verbeamtung. Ich weiß auch noch nicht, wie sich das auf das Bewerbungsverfahren für die Neueinstellung als Beamter im Sommer auswirkt. Ich stünde dann ja hier noch unter Vertrag und wer weiß, wo es mich dann hin verschlägt. Gibt das in dem Fall keine Probleme aufgrund der zeitlichen Überschneidung mit diesem Vertrag über Geld statt Stellen?“

„Okay, finanziell betrachtet muss ich Ihnen Recht geben. Aber der Tarif ist immer noch deutlich besser als Ihre momentane Vergütung als Referendar. Es ist ja nicht für immer. Aber vertragstechnisch existiert da kein Problem. Wenn Sie zum Sommer irgendwo anders eine Stelle als beamteter Lehrer bekommen, ist unser Vertrag hier jederzeit kündbar. Und wenn Sie als Beamter an unserer Schule neu anfangen können, sowieso. Ich dachte, Sie wollten gern bei uns bleiben?“ Jetzt ist es am Schulleiter, irritiert zu sein.

„Das auf alle Fälle. Ich fühle mich an dieser Schule und mit dem Kollegium sehr wohl. Ich bin auch dankbar für das bisher mir entgegengebrachte Vertrauen und dieses Angebot. Ich wusste halt nur nicht, wie das mit der Kündigung aussieht. Und wie die Kinderlandverschickung über das zentrale Bewerbungsverfahren des Landes entscheidet, ich meine, wo die mich hinschicken, weiß ich ja auch nicht. Es könnte mich genauso gut nach Paderborn verschlagen!“ Thorben ist ob des komplizierten und undurchsichtigen Verfahrens geringfügig frustriert.

„Nun wollen wir mal nicht grad das Schlimmste annehmen!“ Der Direktor ist da wesentlich gelassener. „In Paderborn möchte ich noch nicht einmal tot überm Zaun hängen!“

„Sehe ich ähnlich, Herr Gellert. Besten Dank. Nebenbei: Haben Sie noch einmal über meinen Vorschlag einer schulscharfen Stellenausschreibung nachgedacht? Ich meine, ich möchte gern hierbleiben. Sie bieten mir die Vertretung an. Wir sind uns doch im Grunde einig. Da könnten Sie doch das Anforderungsprofil in der schulscharfen Stellenausschreibung so präzise formulieren, dass es passt.“

Der Referendar kann nicht anders. Er muss es einfach noch einmal mit dem Plan versuchen, den er schon vor einiger Zeit ausgebrütet und hierorts angesprochen hat.

„Sehen Sie, Herr Willems. Das schulscharfe Verfahren ist ein elender Aufwand. Für mich und für Sie. Ich muss das Anforderungsprofil wasserdicht formulieren, präzise ja. Aber nicht so präzise, dass nachher jemand Klage erheben kann, weil wir hier gekungelt haben. Sie müssen durch ein Bewerbungsverfahren, mit Unterrichtsbesuchen, Kolloquien und all dem Gedöns. Hatten Sie davon nicht schon genug im Examen? Derweil muss ich dann auch noch andere Bewerber durchschleusen, die ich alle nicht will. Weil einstellen, will ich ja Sie. Ganz nebenbei: Ich bin langsam zu alt für den Scheiß, würde Bruce Willis sagen!“

Der Schulleiter ist nicht so begeistert. Thorben dagegen ist ein wenig frustriert. Das schulscharfe Verfahren war seine stille Hoffnung, sein Schicksal selbst bestimmen zu können. Der Direktor verfolgt einen anderen Plan.

„Ich sag Ihnen jetzt mal was ganz im Vertrauen. Das bleibt aber unter uns. Es wird eine Regionalkonferenz geben. Da werden alle Schuldezernenten des Landes zusammenkommen und darüber verhandeln, welcher Junglehrer an welche Schule geschickt wird. Teilweise geht´s da zu wie auf dem Bazar oder dem Pferdemarkt, wie Sie wollen.“

„Im Krieg nannte man sowas Kinderlandverschickung, sag ich ja. Es ist ein Glücksspiel!“ Der Frustrationslevel des Kandidaten steigt dramatisch.

„Ein Glücksspiel ist es nur, solange man die Würfel nicht selbst zinkt. Sehen Sie, ich kenne unseren Dezernenten nun schon so viele Jahre persönlich. Wir verkehren auch privat miteinander. Ich sollte Ihnen das eigentlich nicht sagen, aber wenn ich den Herbert ganz lieb bitte, dann wird ein gewisser Herr Junglehrer einer ganz gewissen Schule zugeteilt werden. Darauf haben Sie mein inoffizielles Wort unter uns Männern. Und wir zwei beiden ersparen uns auf diese elegante Weise diesen ganzen elenden Sumsbums mit der schulscharfen Ausschreibung!“ Herr Gellert gibt sich ebenso verschwörerisch wie zuversichtlich.

„Ihr Wort in Gottes – oder besser des Dezernenten – Gehörgang. Ich würde mich sehr freuen, wenn das alles so klappt!“ Viel anderes als Vertrauen und das Prinzip Hoffnung bleibt dem Referendar nicht mehr.

„Das klappt schon, keine Sorge. Geben Sie mir bitte in den nächsten Tagen Bescheid wegen der Geld-statt-Stellen-Geschichte. Ich lasse dann alles Weitere über das Büro veranlassen“, beendet der Schulleiter das Gespräch.

Thorben verlässt das Büro seines Direktors eher mäßig beruhigt. Er nimmt das Angebot der befristeten Vertretungsstelle natürlich dankbar an. Er wird nicht reich, aber er bleibt im Job, kann weitere Unterrichtserfahrung sammeln und hat den Fuß in der Tür seiner Ausbildungsschule. Schade nur, dass er sich eben diesen, seinen Fuß, bildhaft gesprochen, schließlich böse in besagter Tür klemmt. Die Zuversicht und die Verschwörungstheorie des Schulleiters, der ein halbes Jahr vor der eigenen Pensionierung den zugegebenermaßen tatsächlich recht hohen bürokratischen Aufwand einer schulscharfen Ausschreibung scheut, rächen sich am Ende.

Sie scheitern an einer Sommergrippe, an einer bakteriellen Erkrankung des bewussten Dezernenten, der just am Tage des Termins der Regionalkonferenz schwer erkrankt und mit Fieber geschlagen das Bett hüten muss. Und wie das mit Verschwörungen so ist, der Kreis derer, die in das Komplott eingeweiht sind, ist übersichtlich klein. Der Vertreter jenes Dezernenten gehört leider nicht dazu. Und so muss Thorben am Ende doch mit der Kinderlandverschickung auf Reisen gehen und an einer Schule im Rheinland (gottlob nicht in Paderborn!) seine Karriere als verbeamteter Lehrer fortsetzen, weil ein allzu erfahrener Schulleiter, ein durchaus alter Hase, ein ausgewiesener Stratege in seinem Job – kurz: ein Homo sapiens pädagogis directoris ante pensionem – den bürokratischen Aufwand eines typisch deutschen Verwaltungsaktes scheut.

Die Vermutung liegt nahe, dass dieses Problem im südlicheren Europa möglicherweise erst gar nicht aufgetreten wäre, was bestimmt nur an der besseren Luft und dem milderen Klima in diesen Gefilden liegt. Dezernenten werden dort vermutlich nicht krank.

Der cholerische Schulleiter

[lat.:Homo sapiens pädagogis directoris cholericus]

„Ob und gegebenenfalls wann Sie an dieser Schule überhaupt irgendeine Stelle antreten, werden wir freilich noch sehen!“ Der kleine, etwas untersetzte Mann macht einen geringfügig garstigen Eindruck. Der Ausbruch setzt sich fort: „Wer, wann und als was hier an meiner Schule anfängt, bestimme ich immer noch selbst!“

Holla, denkt Thorben Willems, meine Begrüßung hatte ich mir auch irgendwie freundlicher vorgestellt. Eigentlich wollte ich mich doch bloß mal hier vorstellen und mir eventuell ein bisschen die Schule anschauen.

Es ist die letzte Woche vor den Sommerferien, und der verhältnismäßig junge Berufsanfänger ist in bester Absicht hier vorstellig geworden. Freundlich hatte er vor ein paar Tagen telefonisch im Schulbüro nach einem Termin angefragt. Es kommt einfach nicht so gut, am ersten Tag nach den Sommerferien als neuer Lehrer hier aufzuschlagen und dann nicht einmal zu wissen, wer die Kollegen sind und wo das Lehrerzimmer ist. Wo der Kopierer steht, an wen man sich wegen was im Schulbüro zu halten hat und vielleicht, nicht ganz unerheblich, in welchen Klassen man was unterrichten soll.

Und jetzt treffe ich hier auf diesen grummeligen Giftzwerg, diesen selbstherrlichen L´etat c´est moi-Typen. Das kann ja heiter werden, denkt Thorben. Mit dem muss ich ab August zusammenarbeiten? Jetzt bloß den Ball flach halten und selbst freundlich bleiben. Von dem ersten Eindruck und der Bewältigung dieser Situation hängt mein ganzer Berufseinstieg hier ab.

Diplomatisches Vorgehen ist an dieser Stelle mithin unerlässlich. Taktisch kluge, verständige, auf den Gegenüber und seine Befindlichkeiten (so abstrus sie auch sein mögen!) eingehende, einfühlsame Gesprächsführung ist jetzt gefragt: „Ähm, Herr Grollmann, es tut mir ja wahnsinnig leid, wenn Sie das möglicherweise anders sehen, aber ich muss Ihnen da vehement widersprechen!“

Okay, Diplomatie liegt nicht in meiner Familie, denkt er. So viel zum verständigen, einfühlsamen Gesprächsansatz. Dann können wir auch gleich damit weiter machen und die Fronten klären. Versuchen wir es aber zuvor noch ein letztes Mal mit einem Sachargument. An seinen künftigen Schulleiter gewandt, fährt er fort:

„Die zentrale Vergabestelle des Landes Nordrhein-Westfalen hat mich über das landesweite Bewerberverfahren dieser, Ihrer Schule zugeteilt. Die Stellenzusage des Landes ist verbindlich. Und sie ist direkt mit dem Hinweis verbunden, dass ich, wenn ich dieses Angebot ablehnen sollte, für zwei Jahre vom Bewerbungsverfahren ausgeschlossen werde. Das kann und will ich mir nicht leisten, Herr Grollmann.“

„Selbst auf die Gefahr hin, dass Ihr neuer Schulleiter dem entgegensteht?“ Der Direktor sperrt sich weiter.

„Wissen Sie was, Sie kennen mich doch gar nicht. Deshalb sollte ich vielleicht mal darauf hinweisen, dass ich mich in meinem bisherigen Leben niemals vor irgendwelchen beruflichen Herausforderungen gedrückt habe!“ So langsam erreicht nun auch der Geduldsfaden des Kandidaten die Belastungsgrenze.

„Das können Sie ja dann gleich mal unter Beweis stellen“, erwidert der Schulleiter etwas geheimnisvoll, erklärt aber weiter:

„Mein Kollege, Herr Printen, wird Sie jetzt ganz kurz durch das Gebäude führen und anschließend treffen wir uns hier in meinem Büro wieder. Dann stelle ich Ihnen ein paar Ihrer potenziellen neuen Kollegen vom Schulbereich Metall vor.“ „Das wäre schön. Sehr gerne.“

Kurz keimt Hoffnung in Thorben auf. Vielleicht war der holprige Start dieses Gesprächs doch eher ein großes Missverständnis. Das hört sich doch schon gleich viel besser an.

„Wie schön das für Sie wird, wird sich zeigen. Die Metaller werden interessiert sein, wer da eventuell in ihrem Schulbereich anfängt. Ich bin sicher, dass sich schnell herausstellen wird, welches Potenzial Sie wirklich haben, diese berufliche Herausforderung zu meistern!“ Der Tonfall des Direktors ist schneidend.

Zu früh gefreut! Der Schulleiter hat den Konfrontationskurs offenbar noch keineswegs aufgegeben.

Während dieser sich über die Sprechanlage beugt und das Sekretariat in ähnlich freundlicher Tonlage bittet, den Kollegen gefälligst schleunigst herbeizuschaffen, der ihn herumführen soll, wendet er sich noch einmal an den zukünftigen Mitarbeiter:

„Sie haben doch bestimmt keine Einwände gegen ein kurzes Kolloquium zur Klärung Ihrer fachlichen Qualitäten. Nennen wir es einfach ein kleines Fachgespräch unter potenziellen Kollegen, wenn Sie so wollen.“

Sag mal, Napoleon, geht´s noch? Denkt Thorben. Die Stellenzusage des Ministeriums ist eindeutig und an keinerlei weitere Prüfungen und schon gar nicht an die Zustimmung der betreffenden Schulleitung gebunden. Ich kann diesen Posten genau so wenig ablehnen, wie die Schule mich. Was also soll dann dieser Zirkus, worauf will der Schulleiter bloß hinaus? Vermutlich soll ich das Handtuch werfen, nur warum? Egal, so nicht. Nicht mit mir. Daher kommt folgerichtig und mit mehr zur Schau gestelltem, als ehrlich empfundenen Schneid seine prompte Antwort.

„Prima! Ich freue mich auf die neuen Kollegen und einen fachlichen Austausch.“

Der Rundgang mit Herrn Printen verläuft dann schon wesentlich entspannter. Der Kollege mittleren Alters ist der Schulbereichsleiter der Abteilung Jugendliche ohne Ausbildungsverhältnis.

„Na, hat er Sie ein bisschen hart rangenommen, unser lieber Schulleiter?“ Dem erfahrenen Pädagogen ist offenbar nicht entgangen, dass sein künftiger Kollege etwas nachdenklich und still durch die Gänge schreitet.

„Naja, irgendwie hatte ich mir meinen Empfang etwas entspannter vorgestellt“, gibt Thorben vorsichtig zu. „Ich hatte es für eine gute Idee gehalten, mich vorab vorzustellen und mit der Schule vertraut zu machen. Leider scheine ich dem Schulleiter nicht willkommen zu sein.“

„Oh, das dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Dahinter stecken vermutlich nur ein paar andere personelle Planungen des Chefs, die sich aber mittlerweile zerschlagen haben. Sie werden über die Zeit schon noch dahinterkommen“, deutet der Schulbereichsleiter etwas geheimniskrämerisch an. Wie sich erst viel später zeigen wird, ist der Kollege, der auch Vertreter des örtlichen Personalrates ist und in dieser Eigenschaft die Interessen des Kollegiums vertritt, immer bestens informiert. Einstweilen belässt er es bei der vagen Andeutung und lenkt das Gespräch in eine andere Richtung.

„Intern ist längst geplant, wie Sie eingesetzt werden sollen. Ihre Fächerkombination mit Metalltechnik und Deutsch ist uns nämlich sehr willkommen. Ich denke, da könnte man dem allgemeinbildenden Unterricht etwas mehr Praxisbezug verleihen, also berufliche Inhalte in Deutsch einfließen lassen. Wir sollten uns darüber zu Beginn des Schuljahres in einer ruhigeren Minute mal kurzschließen.“

„Wenn ich denn überhaupt hier anfangen darf – oder möchte – gern, Herr Printen. Das herzhafte Willkommen des Herrn Grollmann muss ich erstmal verdauen.“

„Unser Herr Grollmann ist im Umgang manchmal etwas, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftig. Aber das hat selten einen aktuellen, persönlichen Bezug zu seinem Gegenüber. Erfahrene Kollegen in diesem Hause gehen zuerst im Schulbüro vorbei und tauschen sich kurz mit unserer dienstältesten Sekretärin, Frau Schmidthäuser, aus, in welcher Verfassung der Chef ist, bevor sie sich mit ihrem Anliegen an ihn wenden oder es gegebenenfalls ein, zwei Tage verschieben. Der Alte hat halt so seine Stimmungsschwankungen.“ Herr Printen plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen. „Aber wenn er Sie erstmal ein bisschen näher kennt, wird er Sie schon zu schätzen wissen. Und Sie ihn. Er kann nämlich auch anders. Und er steht in der Regel zu seinem Kollegium und zu seinem Wort.“

„Und die Metallkollegen? Sollen die mich testen? Der Gedanke an ein Kolloquium erscheint mir gelinde gesagt etwas abwegig. Das ist doch in dem ganzen Einstellungsverfahren überhaupt nicht vorgesehen.“ Thorben kommt sich ein bisschen vorgeführt vor. „Obwohl ich natürlich kein Problem damit habe, mich fachlichen Fragen zu stellen.“

„Ich denke, der Schulleiter instrumentalisiert die Kollegen da etwas. Gehen Sie bitte nicht davon aus, dass die Metaller Ihnen ablehnend gegenüberstehen. Betrachten Sie es einfach als einen Austausch auf Augenhöhe. Zudem ist zu klären, wo genau Sie eingesetzt werden sollen und wo Sie selbst Ihren Schwerpunkt sehen.“ Herr Printen ist bereits im Begriff, sich zu verabschieden. „Ich werde nicht dabei sein, wir sehen uns dann spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres wieder. Bis dahin, schöne Ferien!“

Das anschließende Kolloquium gerät denn auch eher zu einem freundschaftlichen Kennenlernen. Dabei zeigen sich die Kollegen aus dem Schulbereich Metall sehr interessiert an seinem bisherigen beruflichen Werdegang, ohne den Hauch einer Prüfungsatmosphäre aufkommen zu lassen. Sehr zum Ärger des Schulleiters, der im Verlauf des Gespräches immer zurückhaltender wird.

Schnell kristallisiert sich heraus, dass Thorben aufgrund seiner beruflichen Erfahrung im Stahl- und Hallenbau gut in den Handwerksklassen einzusetzen ist. Im Umkreis finden sich einige Betriebe, die Metallbauer ausbilden. Darunter viele Schmiede, die ein schon fast ausgestorbenes Handwerk neu und kreativ beleben. Einige Kunstschmieden haben sich ein lukratives Geschäft erschlossen, das sogar kunstvolle Zäune und Geländer einschließt.

Auszubildende aus diesem Bereich gelten mit ihrer etwas rustikalen Art nicht immer als pflegeleicht, sind aber stets geradeheraus und grundehrlich. Für einen Schmied ist ein Millimeter kein Maß und ein 5-Kilo-Hammer ein filigranes Präzisionswerkzeug. Ähnliches gilt oftmals für ihre Umgangsformen und ihre Gesprächsführung, was aber den Vorteil hat, dass man zumindest immer genau weiß, woran man mit ihnen ist. Gern wird Thorben den Unterricht in diesen Klassen übernehmen.

Der Schulleiter hingegen ist mit dem Verlauf dieses Dienstgespräches nur mäßig bis gar nicht zufrieden. Seinem sauertöpfischen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hat er auch zum Ende des Gespräches noch immer die Absicht, das Engagement dieses neuen Lehrers an seiner Schule noch einmal ins Reich der Phantasie zu verdammen und ihn wenigstens noch ein bisschen zappeln lassen. Ihm weiszumachen, dass seine Zukunft an dieser Schule ungewiss sei. Es ist der Mimik des Homo sapiens pädagogis directoris cholericus deutlich anzusehen, dass er mit sich hadert. Herr Grollmann hat offenbar eine Kröte schlucken müssen, und das soll der Neue auch spüren.

„Also gut, Herr Willems. Wir verschieben Ihre mögliche Vereidigung für den Schuldienst als Beamter an dieser Schule dann am besten auf den Schuljahresbeginn. Es kann ja sein, dass Sie es sich noch einmal anders überlegen. Warten wir das mal ab. Melden Sie sich bitte umgehend, wenn Sie zu dem Entschluss gelangt sind, diese Stelle hier nicht antreten zu wollen!“

Der Direktor kann es nicht lassen, denkt Thorben. Kurz lässt er den frühen Nachmittag vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Was habe ich dem Schulleiter bloß getan? Es ist ein Rätsel.

Den zukünftigen Kollegen offenbar auch. Er blickt in einige verwunderte Gesichter. Nicht zum ersten Mal reizt ihn diese offen zur Schau getragene Provokation seitens des Direktors. Nichts geht über eine ehrliche, möglichst aber natürlich sachliche Konfrontation. Bloß keinen Streit vermeiden! In die betretene Stille hinein und auch an seine künftigen Kollegen gewandt, kommt Thorbens Antwort:

„Herr Grollmann, seien Sie versichert: Wie ich Ihnen vorhin schon sagte, habe ich noch nie eine berufliche Herausforderung gescheut. Sie können mit mir rechnen. Auf Wiedersehen!“

Seine Zweifel hebt er sich für die Heimfahrt ins Ruhrgebiet auf. Soll er wirklich an einer Schule anfangen, an der ihm die offene Ablehnung des Schulleiters derart demonstrativ ins Gesicht schlägt? Wäre es nicht besser, weiter an seiner Ausbildungsschule als Lehrer in Anstellung zu unterrichten und zu hoffen, dass die befristete Vertretungsstelle verlängert wird? Und wenn nicht? Er kann es sich nicht leisten, eine zweijährige Sperre für das Bewerbungsverfahren des Landes zu riskieren, wenn er die Anstellung als Beamter hier im Rheinland ausschlägt.

Und dass nur, weil ein cholerischer, selbsternannter Gottkönig aus einem unerfindlichen Grunde in seinem weisen Ratschluss beschlossen hat, ihn abzulehnen. Nein, nicht mit mir, du Kampfgnom, lautet Thorbens Fazit. Er muss den Direktor schließlich nicht heiraten, er muss nur mit ihm arbeiten. Und mal ehrlich, wie schlimm kann das sein? Im täglichen Berufsleben als Lehrer sieht man den Schulleiter nicht so oft. Der Unterricht ist das Kerngeschäft. Und hier kann er in seinem originären Metier innerhalb der Metalltechnik arbeiten. Klassentür zu und fertig. Wichtiger sind letztlich die Schüler und die direkten Kollegen.

So kommt es, dass Thorben nach den Sommerferien den geforderten Diensteid auf die Landesverfassung leistet und seinen Dienst in der neuen Schule antritt.

Der (relativ) junge Mann und die russische Pädagogik

So, das war's. Der erste Schultag in der neuen Schule ist geschafft. Entgegen aller Zweifel, die das denkwürdige erste Aufeinandertreffen mit seinem neuen Schulleiter bei ihm hervorrief, hat Thorben seine Stelle als verbeamteter Lehrer an der Berufsschule im Rheinland angetreten. Er ist angekommen.

Es war ein langer Weg, von dem er selbst lange Zeit gar nicht wusste, wann er wirklich begonnen hatte. Bis seine Mutter vor einigen Monaten zufällig seine alte, inzwischen längst pensionierte Grundschullehrerin traf. Frau Rosenbaum war eine Institution, eine Lehrerin mit Kultcharakter im westfälischen Unna-Königsborn. Alle waren sie bei ihr durch die Schulbank gegangen, vom Müllwagenfahrer bis zum Sparkassen-Filialleiter. Und sie kannte sie alle – oder wenigstens die meisten – noch nach teilweise mehr als zwanzig oder dreißig Jahren.

„Hallo, Frau Willems. Was machen die Kinder (die lieben Kleinen waren zu diesem Zeitpunkt ja erst 26 und 32 Jahre alt)? Ist der kleine Thorben denn inzwischen Lehrer geworden, wie er spätestens seit der dritten Klasse immer angekündigt hat?“

Voller Stolz hatte seine Mutter der Lehrerin von einst berichtet, dass der kleine Thorben inzwischen sein Examen bestanden hatte.

Seltsam, wie sich kindliche Berufswünsche entwickeln, wenn sie einmal die Phasen Feuerwehrmann und Lastwagenfahrer hinter sich gelassen haben. Jedenfalls war der pädagogische Ansatz bis zu seiner eigenen Berufsausbildung völlig in Vergessenheit geraten. Bis sein Klassenlehrer in der Berufsschule ihn wieder auf die Schiene setzte und ihn für das Lehramtsstudium geradezu anwarb.

Und jetzt ist er also ein Studienrat zur Anstellung an einer Berufsschule im Rheinland. Ganz in der Tradition der Kinderlandverschickung hat ihn das Ministerium für Schule und Weiterbildung in seiner schier unendlichen Weisheit – nur Gottes Wege sind noch unergründlicher – von seiner Ausbildungsschule in Dortmund hierher versetzt. Aus dem Pütt – oder Kohlenpott – direkt ins Rheinland, keine 30 Kilometer von Köln entfernt. Kulturschock inklusive. Nicht nur sprachlich, sondern auch von der Mentalität her liegen Welten dazwischen. Konrad Beikircher nannte den Westfalen nicht umsonst einmal den natürlichen Feind des Rheinländers. Aber da muss er jetzt durch.

Nun liegt also der erste richtige Schultag hinter ihm. Acht Unterrichtsstunden in drei verschiedenen Jahrgängen der Industriemechaniker. So weit, so gut. Sicher kein pädagogischer Meilenstein, aber ganz ordentlicher, grundsolider Unterricht. Mit den Schülern ist es auch weitestgehend gut gelaufen. Thorben hat einen Draht zu ihnen gefunden, es ist auch nicht nur bierernste technische Theorie gewesen. Zu seinem Stil gehört eine gewisse Lockerheit. Seine Klassen sind auch nie die ruhigsten und diszipliniertesten. Es ist lebhaft gewesen in seinem heutigen Unterricht. Aber solange das Ergebnis stimmt und am Ende ein Lernerfolg feststellbar ist, ist alles gut.

War es auch. Weitestgehend. Einen Spezialisten gibt es immer, in jeder Klasse. Einen, der immer was zu sagen hat, ob es zum Thema passt oder nicht. Einen, der den Klassen-Clown gibt. Nicht mal bösartig, oft sogar lustig, bisweilen auch albern, aber immer ablenkend. Manchmal kommt er als Lehrer gut mit solchen Typen zurecht, kontert schlagfertig und spielt sie verbal aus. Manchmal erwischen sie ihn auch auf dem falschen Fuß, lenken den Unterricht vom Thema ab, irritieren.

Heute war da so ein Typ dabei. Alexander. In Deutschland geboren, als Kind von Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion. Ein wirklich cleveres Kerlchen, das seine Energie nur leider nicht in seine Berufsausbildung, sondern in eine Comedy-Karriere zu investieren entschlossen zu sein scheint. Typischer Drei-minus-Kandidat mit beträchtlichem Potenzial an Ärger für Thorben.

Dieser mag es nämlich gar nicht, wenn jemand sein fachliches Potential nicht so richtig ausschöpft. Ein Vierer-Kandidat, der sich nach alter Väter Sitte reinhängt, der büffelt und sich Mühe gibt, am Ende auch komplexere Zusammenhänge versteht und mit einer guten Drei oder besser abschließt, ist ihm allemal lieber als ein Zweier-Kandidat, der das gleiche Ergebnis erzielt, dabei aber seine gute Chance auf eine Eins leichtfertig liegen lässt.

Er selbst war kein besonders guter Schüler, musste sich alles durch Fleiß hart erarbeiten und weiß, was es bedeutet, wenn man manches zunächst eben nicht versteht und erst mühsam aus dem tiefen Tal der Ahnungslosen emporkrabbeln muss. Seinen Job als Lehrer versteht er heute folgerichtig auch wie den eines Bergführers, der mit seinen Schäfchen eine Seilschaft bildet und ihnen im besten Fall beim Aufstieg ein bisschen helfen kann. Aber klettern müssen sie schon selbst. Und genau daran hängt es. In jeder Seilschaft, respektive Lerngruppe, gibt es einige, die mit ein wenig mehr eigenem Einsatz wesentlich weiter hoch klettern könnten. Reine Motivationsfrage.

Alexander ist so einer, der mehr könnte, wenn er nur wollte. Er will aber nicht. Es macht mehr Spaß, den Klassen-Clown zu geben und ein bisschen Unruhe zu verbreiten.

Egal, das bekommen wir auch noch hin mit dem Alexander. Also erstmal heim, Füße hoch, ausspannen. Unterricht hat er im Vorhinein auf Tage hinaus vorbereitet, wollte auf alles gefasst sein und jederzeit Stoff nachliefern können.

Wenige Minuten später betritt er das Mehrfamilienhaus in direkter Nähe zur Schule, wo er sich erstmal eingemietet hat. Jetzt noch die Treppe rauf bis ins Dachgeschoss. Da wird er abrupt im Treppenhaus von einem anderen Mieter gestellt. Der Typ ist gut 1,80 Meter hoch und in etwa genauso breit. Weil Sommer ist, trägt er natürlich ein Muscleshirt. Offenbar Bodybuilder oder Kraftsportler. Muskeln soweit das Auge reicht. Oberarme, die bei anderen Menschen getrost als Oberschenkel durchgehen würden. Und Tattoos. Unbekannte Symbole und Wörter einer fremden Sprache. Vermutlich kyrillische Buchstaben. Alter undefinierbar, aber bestimmt nicht mehr jung. War die oberflächliche optische Analyse bis dato irgendwo zwischen fremdartig und potenziell bedrohlich, so ist jede Aggression im Ansatz wie weggeblasen, als der Ältere ein freundliches Gesicht aufsetzt und sichtlich froh gelaunt sagt:

„Gutten Tach. Binn ich der Viktor.“

Tatsächlich wechselt dabei aber seine Stimmlage gegen Satzende in höhere Töne. Der Germanist nennt das eine steigende Kadenz. Was dazu führt, dass diese Begrüßung eher wie eine Frage klingt:

„Bin ich der Viktor?“

Thorben ist tatsächlich einen Moment lang versucht, angesichts der freundlich komischen Atmosphäre die Frage ernst zu nehmen und in bestem Ruhrpott-Slang leicht sarkastischironisch zu antworten:

„Hömma, Freund und Kupferstecher. Wennste nichma´ mehr weiß, ob du jetz´ der Viktor bis´ oder nich´, dann sollste ma´ besser den Vodka außem Kopp lassen und inne Spiegel gucken. Oder inne Ausweis. Notfalls fragste die Mutti.“

Einzig die kraftstrotzende Erscheinung des Gegenübers lässt den relativ jungen Neu-Rheinländer von dieser vorlauten Antwort Abstand nehmen.

In den folgenden Wochen entwickelt sich aus dieser freundlichen ersten Begegnung eine tolle Nachbarschaft. Viktor ist eine Seele von Mensch, packt bei den letzten Umzugskartons, die noch im Keller lagern, mit an und ist ein netter Gesprächspartner.

Er ist Spätaussiedler, war unter anderem bei der russischen Armee, aber da spricht er nicht viel von. Das erklärt aber die Muskeln und einen Teil der Tattoos. Dafür redet er gern und mit Stolz über seinen Enkel Alexander, der eine Berufsausbildung zum Industriemechaniker macht.

Ach, guck an, denkt Thorben, die Welt ist ein verdammtes Dorf.

Einige Wochen später hat der Einstiegspädagoge einen wahrhaft gebrauchten Tag. Probleme mit dem Kopierer, mit dem Overheadprojektor und – naja, mit dem Unterricht. Er ist vielleicht doch nicht ganz so perfekt vorbereitet. Und das Schlimmste: Schüler wittern so etwas. Ähnlich ergeht es sonst nur einem Dompteur, der im Zirkuskäfig mit Raubkatzen arbeitet. So in der Art.

Genau das Richtige für Alexander. Dankbar nimmt er die Steilvorlage auf und tut sein Bestes, um den aufstrebenden Pädagogen aus dem Konzept zu bringen, vom Thema abzulenken, Unruhe zu verbreiten. Kurz: Er nervt. Aber alles hat bekanntlich ein Ende, auch ein Unterrichtstag. Geschafft, gleichermaßen im körperlichen wie im mentalen Sinne, kommt der Studienrat z.A. schließlich nach Hause.

Im Treppenhaus begegnet er Viktor, der sofort erkennt, dass der Jüngere keinen guten Tag hatte. Da er inzwischen ja weiß, dass sein Alexander in der Klasse seines Nachbarn sitzt, und er seinen Enkel wohl ein bisschen kennt, zählt er eins und eins zusammen.

„Thorben, was ist loss? Ärger in der Schule? Moment, hat Alexander ...?“

„Nein, alles gut, Viktor. Es war etwas unruhig und anstrengend laut in der Klasse. Aber sie waren alle ein bisschen durch den Wind. Dein lieber Alexander gibt halt gern mal den Clown. Aber das ist schon okay“, erwidert der Jungpädagoge.

„Ach so. Ich versteh´ schonn Thorben“, sagt Viktor. Nicht mehr. Ein kurzes Schweigen tritt ein, begleitet von einem wissenden Nicken. Er fügt hinzu: „Ich muss dann mal loss, ist noch was zu erledigen.“

Ein merkwürdiger Zug liegt in seinem Gesicht. Vielleicht der Anflug eines Lächelns, das allerdings nicht zu seinem merkwürdig entschlossenen Blick passen will.

Thorben seinerseits ist allerdings viel zu geschafft, um sich ausführlicheren Gedanken über die eigenartige Reaktion seines Nachbarn zu widmen. Nebenbei weiß auch der gute Alexander bis zu diesem Tag nichts von der Verbindung seines Opas Viktor zu seinem neuen Lehrer.

Die nächste Woche, die gleiche Klasse. Jetzt ist der Lehrer wieder optimal vorbereitet, das wird ihm nicht noch einmal passieren. Der Kopierer läuft, der Overheadprojektor ist gecheckt. Alles läuft wie am Schnürchen. Sogar Alexander hält Ruh. Tatsächlich beteiligt er sich sogar rege und produktiv am Unterrichtsgeschehen.

Welch unerklärliche Wendung, denkt Thorben. Bis dahin. Die Erklärung folgt am Stundenende. Da steht ein überraschend kleinlauter Alexander mit einem Mal vor dem Lehrertisch.

„Darf ich Sie mal etwas fragen, Herr Willems? Kennen Sie eigentlich meinen Opa Viktor?“

Es gelingt Thorben, seine Überraschung halbwegs elegant zu überspielen, als er antwortet:

„Ach ja, wo du es sagst. Viktor wohnt im gleichen Haus wie ich, ist das ein Zufall. Da haben wir neulich mal festgestellt, dass du sein Enkel bist. Witzig, was? Die Welt ist klein.“

„Ja stimmt, echt witzig“, bringt Alexander etwas kurz angebunden noch heraus.

Dann verabschiedet er sich in die Pause. Seine Körpersprache indessen deutet an, wie witzig er diesen Zufall tatsächlich findet.

Anmerkung:

Es ist nie geklärt worden, was zwischen Opa und Enkel beziehungsweise zwischen den beiden letzten hier geschilderten Dialogen vorgefallen ist. Weder Alexander noch Viktor haben sich jemals dazu eingelassen, und der Nachwuchspädagoge hat auch nicht weiter nachgefragt.

Fakt ist, dass Alexander nie wieder den Klassen-Clown gegeben hat und dass trotzdem seine positive, fröhliche Grundstimmung bald zurückkehrte. Ganz nebenbei besserten sich seine schulischen Leistungen enorm.

Zwei Jahre später schloss er seine Berufsausbildung vorzeitig mit der Gesamtnote Zwei ab und setzte danach noch eine erfolgreiche Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker obendrauf. Übrigens an der gleichen Schule mit den gleichen Lehrern.

Der deutschen und ebenso der russischen Pädagogik sei Dank.

Des Rätsels Lösung

So gut es für Thorben Willems an der neuen Schule auch läuft, sein Verhältnis zum neuen Schulleiter bleibt für Monate angespannt. Auch die Hintergründe der merkwürdigen Szene anlässlich seiner Vorstellung an dieser Schule klären sich erst, als das Lehrerkollegium des Schulbereichs Metall geschlossen ein verlängertes Wochenende Anfang Oktober zu einem gemeinsamen Segeltörn auf dem Ijsselmeer in den nahen Niederlanden nutzt.

Dort sind ehemalige Frachtschiffe, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch regelmäßig als Lastensegler das Ijsselmeer überquerten, inzwischen zu Touristenattraktionen umgebaut worden. Erlebnissegeln für Landratten. Bis zu dreißig Personen finden auf den Seglern Platz, die wegen der geringen Wassertiefe des Binnenmeeres keinen Kiel besitzen und deshalb auch gerne als Plattbodenschiffe bezeichnet werden. Mit ihnen segeln in der Regel ein Kapitän und ein Maat mit ihren Gästen kreuz und quer über das Ijsselmeer und machen jeden Abend in einem neuen Hafen eines der vielen malerischen holländischen Städtchen fest, gesellige Landgänge inklusive. Letztere beinhalten dann eine ausgiebige Tour durch die mal mehr, mal etwas weniger schmucken Hafenkneipen.

Für Thorben bietet die gemeinsame Tour mit seinen neuen Kollegen die perfekte Gelegenheit, letztere abseits des schulischen Alltages besser kennenzulernen und sich in das neue Kollegium zu integrieren. Schleichend wird die Kneippkur von Abend zu Abend immer etwas länger und intensiver. Als gebürtiger Westfale ist er zwar so einiges gewohnt und in seiner Heimat nahe Europas Bierstadt Nummer Eins quasi mit dem Mutterbier großgezogen worden, aber hier ist Einsatz gefordert. Speziell zwei Kollegen, mit denen er in den Klassen des Metallbauhandwerks viel zu tun hat, sind allabendlich ganz weit vorn.

Martin stammt ebenfalls aus dem Ruhrgebiet, aus Wanne-Eickel. Als ehemaligem Ordner auf Schalke und königsblau bis in die Knochen ist dem annähernd zwei Meter großen Baum-von-einem-Kerl-Typen zwar zunächst mal alles, was aus dem Dortmunder Raum – korrekter: aus Lüdenscheid-Nord – kommt, von Herzen suspekt. Als Thorben aber glaubhaft versichert, es nicht mit den Schwarz-Gelben, sondern vielmehr mit der einzig wahren Borussia vom Niederrhein zu halten, ist er halbwegs versöhnt. Martin hat wie viele Kollegen an Berufsschulen vor seinem Lehrerdasein mal einen richtigen Beruf in der Metallindustrie gelernt, damals, als Industriemechaniker der Fachrichtung Betriebstechnik noch ehrlicherweise Maschinenbau-Schlosser