Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mit präziser Beobachtungsgabe lässt der Autor mit dieser Autobiographie daran teilnehmen, wie er in der Nachkriegszeit aufwuchs und erlebte, wie sich im Wirtschaftswunderland der BRD allmählich ein neuer Zeitgeist herausbildete. Er spannt einen Bogen über die Zeit seiner Kindheit bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2011. Die Highlights des Buches sind aber ohne Zweifel die Schilderungen und Analysen seiner Auslandseinsätze. Es ist eine sehr vergnüglich zu lesende Odyssee durch die Kontinente und die Projekte der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit (IEZ). Anschaulich wird beschrieben, wie sich die IEZ in ihren Anfängen über Versuch und Irrtum, zu immer komplexer werdenden Planungs- und Evaluierungsprozessen entwickelte. Kritisch hinterfragt dabei der Autor die oft überzogenen Ansprüche, man könne der Welt durch die richtige Experten für Alles auf die Sprünge helfen. Zum Lesevergnügen wird dieser Lebensbericht besonders aber durch die Einblicke in die persönliche Entwicklung des Autors. Selbstkritisch hinterfragt er seine Rolle als vermeintlicher Sendbote des Fortschritts. Lehrreich, die Einblicke in den immer wieder in einem neuen Lande erlebten Kulturschock, der eine Anpassung an die jeweils fremden Sitten und Gebräuche erzwang. Spannend werden die Bemühungen eines totalen Eintauchens in das Fremde dargelegt, was unter anderem zu der Erkenntnis führte, den in früher Kindheit erworbenen deutschen Blick auf die Welt nicht verleugnen zu können. Eine sowohl kurzweilige als auch lehrreiche Autobiographie!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für meine Kindern Stephanie, Juliane und Daniel und für Zenaide, meine treue Weggefährtin für alle Jahreszeiten
-
1.
Algier, Algerien
1973 - 1974
2.
Lima, Perú
1974 - 1977
3.
Bonn, Deutschland
1977 - 1978
4.
Kenia
1978 - 1986
5.
Kolumbien
1986 - 1990
6.
Bonn, Deutschland
1990 - 1992
7.
Honduras
1992 - 1996
8.
Rio de Janeiro, Brasilien
1997 - 2001
9.
Santiago de Chile
2002 - 2003
10.
Angola
2004 - 2005
11.
Bolivien
2006 - 2008
12.
Lima, Perú
2009 – 2010
13.
Rio de Janeiro, Brasilienn
2011 – 2017
14.
Portugal
ab 2017
Prolog
Herkunft
Kinder- und Jugendzeit
Haupt- Neben- und Irrwege
Elternhaus
Erste Reisen ins Ausland
Start ins Leben
Perspektiven
Neue Horizonte
Algerien
Peru
Deutschland
Neue Horizonte
Kenia
Kolumbien
Bonn, FES–Zentrale
Honduras
Brasilien
Chile
Angola
Bolivien
Peru
Aber das Leben geht weiter
Epilog
Kleine Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit
Die politische Landkarte Deutschlands
Die Revolution des Militärs
.
Pueblos Jovenes – die Favelas von Lima
Die Friedrich Ebert Stiftung (FES
)
Tribalismus – Gemeinschaft versus Gesellschaft
Was hat ein Europäer in Afrika verloren?
Mittel und Wege der Projekt-Kommunikation
Die Indisch-Pakistanisch-stämmige Bevölkerung
Kreditzugang im Informellen Sektor
Realitäten und
Realismo Mágico
Die internationalen Rahmenbedingungen
Kurze Zwischenbilanz eines Lebens ohne Grenzen
Portuñol – eine Sprachverwirrung
Die Plage des Populismus
Sozialisierung der Wirtschaft
Chile – das Labor für Neoliberalismus
Die Holländische Krankheit
Das frivole Spiel mit Begriffen wie Volk und Rasse
Guter Kumpel. Kölsche Frohnatur. Harmoniesüchtig. Schlitzohr. Jovial, auch mal 5 eine gerade Zahl sein lassend was immer an Zuschreibungen herumgeistert, trifft auf mich ja doch einigermaßen zu. Jedenfalls zog es mich aus dem Mief der Adenauer Republik der 50er und 60er Jahre hinaus in die Welt, und als Weltenkind fühlte ich mich richtig getauft.
Gelernt habe ich das Ingenieurwesen, was mich jedoch nur 3 kurze Berufsjahre ausfüllte. Schon seit frühen Jugendjahren zog es mich hinaus in die Welt und so habe ich innerhalb von fast 40 Jahren in Übersee, in insgesamt neun Ländern, mein Unwesen getrieben. Dies mit dem hehren Anspruch, als Sendbote der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit (IEZ) die Welt zu verbessern. Ich begann 1972 als Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED), was mich für 1 Jahr nach Algerien und sodann für 3 ½ weitere Jahre nach Peru führte. Zurück in Deutschland, fand ich ein verändertes Land vor – es herrschte Arbeitslosigkeit. Schließlich fand ich eine Anstellung zum Bau von Industrieanlagen in Algerien und im Mittleren Osten. Nach nur einem Jahr, wurde mir das Glück hold: Ich erhielt das Angebot der Friedrich Ebert Stiftung (FES), ein Beratungsprojekt in Kenia zu leiten. Hier fand ich meine berufliche Erfüllung, verblieb für 8 Jahr in Kenia, sodann 3 in Kolumbien, es folgte eine 2-jährige Auffrischung in der Zentrale der FES in Bonn, wurde dann für 5 Jahre als Büroleiter und gesellschaftspolitischer Berater nach Honduras entsandt. Sodann ging´s für weitere 5 Jahre nach Rio de Janeiro. Das freie Leben im Ausland genießend, gelang es mir, einem erneuten Ruf in die Zentrale zu entgehen, indem ich ein Angebot der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ (jetzt GIZ) erhielt, in Chile ein Projekt zu übernehmen. Nach nur 2 Jahren fand ich aber dankbar wieder zurück in den Schoss der FES. Es folgte eine Entsendung zur Leitung des Büros in Angola, verblieb dort 2 Jahre und wurde sodann nach Bolivien versetzt. Nach 3 Jahren erfolgte schließlich ein Einsatz in Peru – es war die Endrunde, und zwar dort wo alles begann, es schloss sich ein Kreis. Es war eine lebenslange Wanderung, mit deutschem Blick, durch die Welten.
Nun im ungewohnten „Ruhestand“, glaubte ich am Fuße des Zuckerhuts in Rio, meinen Landeplatz fürs gute Leben gefunden zu haben. Aber so einfach ist der Ausstieg aus einem immer bewegten Leben nicht. So versuchte ich noch einmal so richtig durchzustarten, um als nimmermüder Weltverbesserer in Südamerika Biogasanlagen und Mini-Wasserkraftwerke zum Zwecke der alternativen und dezentralen Energieversorgung zu verbreiten und somit den Segen von elektrischer Energie in die entlegenen Siedlungen des Amazonas zu bringen. Es endete mit einem kläglichen Scheitern. Und dies war nicht alleine den schwierigen Umständen, wie widriger politischer Regulierungsbestimmungen, der allgegenwärtigen Korruption und der Bürokratie geschuldet, sondern auch den technisch noch unausgereiften Anlagen, aber auch ein wenig meinem unzureichenden unternehmerischen Beißvermögen.
Deshalb, aber auch weil Brasilien immer unwirtlicher wurde, vor allem aber auch wegen der Nähe zu den Kindern, sowie die Sehnsucht nach einem Stück Heimat in Europa, zog ich schließlich im Jahre 2017 ins ruhige und schöne Lissabon wo ich nun gedenke, meine Wanderschaft (vorerst?) zu beenden.
Eine sich über mehr als 4 Jahrzehnte erstreckende unstete Lebensparabel, in die viele Leben passen – ich möchte nichts davon missen, obwohl der Preis meiner Irrungen und Wirrungen im Leben zuweilen hoch war. Ende-gut-alles-gut? Ja! Denn … et hätt jo noch immer joot jejange….:
In der „Endrunde“ meines bewegten Lebens fand ich mein privates Glück mit Zenaide, mit der ich 2014 in Rio de Janeiro einen diesmal „ewigen Bund“ der Ehe geschlossen habe.
Das bleibende und schönste Ergebnis ist aber das Dasein von drei fabelhaft weltoffenen und polyglott aufgewachsenen Kindern, welche trotz aller Unstetigkeit sehr wohlgeraten sind und das macht mich glücklich.
Vater Heinrich Walter wurde im Jahre 1916 in Köln geboren. Meine resolute, wohl auch dominante Großmutter stammte aus dem Saarland und riss um die Jahrhundertwende mit jungen Jahren von zu Hause aus, um ihren geliebten, grundsoliden Josef - meinen Großvater - zu ehelichen, den es noch vor dem Beginn des ersten Weltkrieges als kaufmännischer Angestellte der Kabelwerke Felten & Guillaume (F&G) in die lockende Großstadt Köln verschlagen hatte. Dort erwarben sie ein Häuschen mit Garten in einer Neubausiedlung im Heimfriedweg Nr. 6, Köln
Höhenhaus und zogen, 4 Kinder groß, neben Vater Walter die Schwestern Gerta und Mathilde, sowie Willi, mein Namenspate, der aus dem Kriege nicht zurückkehrte.
Ich erinnere mich noch an den großen, hinter dem Haus gelegenen Obst- und Gemüsegarten, intensiv bewirtschaftet mit Hilfe der Gülle aus der im Hof liegenden Grube – die stinkende Jauche wurde per Schwengelpumpe über einen offenen Holzsteg zur Düngung auf die Felder geführt. Die Ernte war immer prächtig, gelegentliche Magen-Darmverstimmungen wurden hingenommen.
Mutter Ernestine Juliane (Erna), deren Geburtsname Christoffel auf französische Wurzeln hinweist, wurde im Jahre 1917 in Düsseldorf geboren. Ihre Eltern waren Weinbauern an der Mosel. Sie verkauften zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren bescheidenen Weinberg, um ihr Glück im Rheinland zu suchen und verloren in den 20er-Jahren der Hochinflation ihr gesamtes kleines Vermögen. Großvater Heinrich (Opa-Heiner ) fand sodann ein Auskommen bei der Reichsbahn als beamteter. Schrankenwärter und wurde bald an einen Bahnübergang in Köln-Höhenhaus versetzt.
Dies garantierte ein zwar nicht üppiges aber gesichertes Leben, zumal die Bahn üblicherweise auch ein nahe der Schranke gelegenes Häuschen bereitstellte – entsprechend des damaligen Standards, mit Plumpsklo auf dem Hof, des Winters den Arsch festfrierend und des Sommers von dicken Fliegen umschwärmt. Als Klopapier dienten Schnipsel von alten Zeitungen. Ein zum Haus gehörendes Stück Land erlaubte den Betrieb einer Nebenerwerbs-Landwirtschaft zur Eigenversorgung, mit prächtig gedeihendem Gemüsegarten dank Düngung durch die Jauche des Plumpsklos.
Daneben gab’s eine Hühnerschar, deren Fütterung mit dem Lockruf Pulle-Pulle-Pulle erfolgte - fortan wurde Oma Katharina (liebevoll von Heiner Katchen genannt) dann durch uns Enkelkinder als Pulle-Oma getauft. So konnten die 5 Kinder Hermine, meine Mutter Ernestine Juliane (Erna), Heinz (Heini), Karl (Kalli) und Alois großgezogen werden und man kam dank Eigenversorgung ohne groß zu darben über die Katastrophen der Hunger- und Kriegsjahre des XX. Jahrhunderts hinweg.
Aus Abrahams Wurscht-Kessel – das war die Erklärung meiner Eltern auf meine Fragen nach dem Ursprung vor der Geburt. Die Herkunft eines jeden Menschen ist bekanntlich von rein zufälligen Ereignissen geprägt. In meinem Falle verdanke ich dies allerdings dem Führer Adolf – wäre dieser Verbrecher nicht an die Macht gekommen, so hätte mein Vater Walter nicht im Jahre 1945 die Kriegerwitwe Erna heiraten können und mein Leben hätte erst gar nicht begonnen – oder ich hätte auf einem ganz anderen Teil dieser Welt, unter gänzlich anderen Lebensumständen das Licht erblickt – wenn überhaupt.
Walter hatte bereits in Jugendjahren ein Auge auf Erna geworfen, diese verliebte sich jedoch in dessen Freund und Nachbarn Josef. Sie heirateten noch vor kurz vor dem Kriege und 1941 kam Tochter Ursula zur Welt. Die Freunde zogen in den Krieg und Walter musste Josef versprechen, sich um Erna „zu kümmern“, sollte er aus diesem nicht lebend zurückkommen. Das Schicksal ereilte ihn 1941 in Russland, noch bevor er Töchterlein Ursula zu Gesicht bekam. Die Trauer war unendlich und erst nach Ende des Krieges gab Erna dem Werben Walters nach und sie heirateten – was blieb ihr auch anderes übrig als eine mit Kind gesegnete Kriegerwitwe? Liebe war es seitens Ernas jedenfalls kaum, eher ein Gebot der Zweckmäßigkeit; sie trauerte Zeit ihres Lebens um ihren geliebten Josef. Walters Liebe wurde erst nach seinem Tode erwidert. Zu Lebenszeiten nahm er´s schweigsam hin und widmete sich mit allen Kräften seiner Berufskarriere, sorgte jedoch fleißig und ohne Tadel für die Familie.
An die Wirren und Not der unmittelbaren Nachkriegsjahre habe ich keine Erinnerungen – außer einigen flüchtigen Momenten, was natürlich auch das Ergebnis nachträglicher Erzählungen sein mag.
So der im eiskalten Winter von höchster katholischer Stelle, nämlich von Kardinal Frings abgesegnete Kohlenklau, dem sogenannten Fringsen , an der Bahnstrecke der Kohlentransporte für Kriegsreparation nach Belgien und Frankreich, wo Großvater Heinrich die Schranken und Signale bediente und die Züge oftmals zum Halten kamen, sodass die Kinder auf die vollbeladenen Kohlewagons klettern konnten.
Oder die Mühen meines Vaters in der Gemüsezucht, woran er litt, da gänzlich unbegabt.
Auch an das Wunder der Währungsreform von 1948: Westdeutschland wurde ja durch die 3 Besatzungsmächte regiert: USA im Süden, Frankreich im Südwesten und England im Nordwesten, darunter auch Köln, wo allerdings auch Belgisches Militär stationiert war. Die westlichen Siegermächte beschlossen 1948 eine Währungsreform, durch welche die bis dahin gültige Reichsmark (RM) entwertet und jedem Erwachsenen ein Kopfgeld der neuen Währung in Höhe von 40,- DM gewährt wurde. Der Umtauschkurs wurde auf 1:4,2 gegenüber dem per Goldstandard garantierten US-Dollar festgelegt, was bis in die 70er-Jahre hinein gültig blieb.
Erst 1949 erfolgte die Gründung der Bundesrepublik Deutschland BRD, mit der Wahl einer legitimierten Regierung. Das Land wurde jedoch erst mit der Wiedervereinigung von 1992 vollständig souverän.
Bis dahin herrschten Not und wilde Zeiten mit Lebensmittelmarken und florierendem Schwarzmarkt. Hier gab es alles, was das Herz begehrte - wenn man nur in der Lage war, mit Zigaretten, Schokolade oder Nylonstrümpfen als Ersatzwährung zu zahlen. Die Währungsreform war die bedeutendste wirtschaftspolitische Maßnahme der Nachkriegszeit, womit sich die Lebensmittelgeschäfte von einem auf den anderen Tag mit davor nur erträumten Waren füllten. Mit einer nun stabilen Währung und mit Hilfe des von den USA aufgelegtem Marschall-Plan ging es von nun an im Lande wirtschaftlich rasant bergauf – es war die Geburtsstunde des vielbewunderten Wirtschaftswunder, das auch dazu verhalf, die Gräueltaten der Nazizeit zu verdrängen. Es ist ja bemerkenswert, dass ein überwältigender Teil der Bevölkerung in ihrer Verblendung noch bis zum bitteren Ende an einen „Endsieg “ des Führers glaubte. Ich erlebte die 50-er Jahre der „Adenauer-Republik“ jedenfalls als eine bleierne Zeit des „fröhlichen Vergessens“ einer grauenhaften Vergangenheit. Erst in den 60-er Jahren begann ein beispielhafter gesellschaftspolitischer Prozess der „Vergangenheits-bewältigung “.
Schöne Erinnerungen habe ich allerdings an unsere abenteuerlichen Spielplätze - wie herrlich waren die Trümmer der Ruinen und Bunker des Krieges! Wir fanden etliche Blindgänger von Bomben und Granaten, die uns Kinder schnell hätten ins Jenseits befördern können. Es erscheint erstaunenswert, wie unbesorgt uns unsere Eltern haben losziehen lassen, was aber dem Bilden meines Vertrauens in die Welt sicherlich förderlich war – auf gut Kölsch....ett hätt jo noch immer joot jejange . Dies wurde so denn auch zu einem Lebensmotto, das mich fürderhin durch die Unbilden des Daseins führen sollte – und in der Tat ist mir und meinen Lieben auf allen unsren nicht ungefährlichen Wegen nichts wirklich Schlimmes widerfahren.
Walter fand als gelernter und grundsolider Versicherungskaufmann bald nach dem Kriege eine Stelle eines kaufmännischen Angestellten, ebenfalls wie sein Vater Josef, bei der Kabelfabrik Felten und Guillaume - Carlswerk F&G- in Köln-Mülheim - umgangssprachlich zu Hause einfach et Jillium genannt. Er genoss, wie damals üblich, eine Lebensstellung, die ihn stetig nach oben führen sollte. So brachte er es mit Fleiß und Ausdauer bis zu einem Prokuristen – die ersehnte nächste Karrierestufe zur Ernennung eines „Direktors“ blieb ihm jedoch verwehrt. Immerhin führte das erreichte zu einigem kleinbürgerlichen Wohlstand und letztlich zu einer außergewöhnlich großzügigen, ca. 200 qm großen Dienstwohnung in der Düsseldorfer Straße Nr. 46 in Köln- Mülheim, mit der rückwärtigen Sicht auf das imposante, immer leise summende Walzwerk des Unternehmens.
F&G überlebte allerdings nicht den Wandel der Zeiten. 50 Jahre später fand ich an Stelle der einst mächtigen Fabrikhallen, einen öffentlich zugänglichen Park für Freizeit, Kultur und zur Ansiedlung von Technologie-Unternehmen. An Stelle des Walzwerks, entstand eine blühende Parkanlage.
Vaters Karriere führte zu einem beachtlichen sozialen Aufstieg aus kleinsten Verhältnissen:
1950 die 2-Zimmer-Wohnung in einer Nachkriegs-Sozialbausiedlung in der Guericke Straße Nr. 6 in Köln-Buchforst, mit viel Dreck machendem Kohleofen und Sitzbadewanne, was jedoch nach der feuchten Nachkriegs-Kellerwohnung bereits als Luxus angesehen wurde. Zum Einkaufen wurde ich mit Milchkanne zum Butter-Eier-Milch-Krämer um die Ecke geschickt, nicht ohne ermahnt zu werden, die wertvolle Milch nicht zu verschütten und auch die Rabattmarken nicht zu vergessen. Die Zeiten waren noch nicht vom Überfluss geprägt und die Erwachsenen sprachen noch vom Genuss des echten Bohnenkaffees in Gegensatz zu Muckefuck aus gerösteten Getreidekörnern. Auch die Butter war noch die Gute Butter , die in vielen Familien nur jeden zweiten Tag auf den Frühstückstisch kam – wenn überhaupt.
Dann bescherte uns der Soziale Wohnungsbau 1955 eine mit Ölöfen beheizbare 3-Zimmerwohnung - das stinkende Heizöl musste allerdings mühsam mit Blechkannen aus dem Lagerraum des Kellers geschleppt werden.
Schließlich 1960 dann die mehr als 200 qm große Dienstwohnung mit dem unerhörten Luxus eines Telefons - und zwar eines Dienstapparates als Außenstelle des Jilliums, mit der Nummer 605; das schwarze Bakelit-Gerät mit Wählscheibe hatte seinen Platz auf der Marmorplatte des Telefontischs im geräumigen Flur. Dies durfte nur zu wirklich begründbaren Zwecken genutzt werden, denn telefonieren war zu dieser Zeit, mit 18 Pfennigen pro Minute recht teuer. Im Vergleich betrug das damalige Durchschnittseinkommen ja nur etwa DM 500,- pro Monat. Ein fast märchenhafter Luxus und Mutters Stolz, stellte zudem der an das Wohnzimmer angrenzende Wintergarten dar. Diese Art von Firmen-Dienstsitz entsprach noch den Grundwerten einer Unternehmenskultur des Rheinischen Kapitalismus und war wichtiger Teil von Privilegien für Führungskräfte. Ein kurioses Merkmal einer versunkenen Epoche aus Vorkriegszeiten, war das zentrale in der Küche befindliche elektrische Rufsystem für Dienstboten, um diese per Knopfdruck in den gewünschten Raum zu beordern. Meinen statusbewussten Vater erfüllte dies alles mit Stolz und als ein Signum des wohlverdienten Aufstiegs aus Ruinen, sowie der Distinguiertheit eines Leitenden Angestellten gegenüber der Klasse des Einfachen Arbeiters – es gab noch ausgeprägte Klassenidentitäten. Vater war immer bemüht nicht aufschneiderisch zu erscheinen, ich erinnere mich aber auch an eine Episode, als er mich stolz mit einem Chauffeur in protzigem Mercedes-300-Dienstwagen vorfahrend von der Schule abholte – was mir allerdings etwas peinlich war. Dies war das zu jener Zeit größte und luxuriöseste Fahrzeug, das weltweit als Staatskarosse diente.
Es waren Jahre mit Vollbeschäftigung und Konsumfreuden. Das erste Fernsehgerät kam ins Haus und die Familie versammelte sich um die äußerst beliebten Quizsendungen der Meister Peter Frankenfeld und Hans Joachim Kuhlenkampf zu verfolgen. Wahre Straßenfeger waren dann die spannenden Kriminalserien von Edgar Wallace , Stahlnetz und Der Kommissar . Dies waren noch gesellschaftliche Ereignisse, die für allgemeinen Gesprächsstoff der Woche in Schule und am Arbeitsplatz sorgten.
Es gab nur einen einzigen öffentlichen TV-Sender, nämlich die nach dem Vorbild der BBC gegründete Allgemeine Rundfunkanstalt Deutschlands (ARD) , ab 1963 kam dann das ebenso öffentliche Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) hinzu. Die öffentlichen Sendeanstalten hatten einen gesellschafts-politischen Bildungsauftrag zu erfüllen. Privates Trash-TV lag noch in weiter Ferne und die individuelle Video-Aufzeichnung oder gar Streaming von Filmen und Programmen existierte nicht mal in den Träumen von Zukunftsforschern.
Das nächste wichtige Statussymbol war die Anschaffung des ersten Autos, zunächst 1959 ein Opel Rekord , dann ab 1961 ein luxuriöserer Peugeot 404 , eine Marke der mein frankophiler Vater sein Leben lang treu blieb. Damit konnte ein etwas verspätetes Gleichziehen im Wohlstandsvergleich innerhalb der Großfamilie erreicht werden.
Der in die Familie Haan, durch die Ehe mit Gerta eingeheiratete etwas unnahbare, dünkelhafte Onkel Gustav war als Diplomingenieur schon von Haus aus etwas Besseres. Stolz trug dieser die Narbe eines Degenschnitts auf der Backe zur Schau – es handelte sich um einen „Schmiss “, die Trophäe einer Mutprobe aus längst vergangenen Zeiten von nationalistischen „schlagenden“ Studentenbünden. Er besaß bereits ab den frühen 50ern einen prestigeträchtigen Mercedes 170-Diesel , ein Wagen, dem noch der Fahrzeugbau der 30-er Jahre als Vorbild diente. Ich erinnere mich an eine Fahrt zum Besuch der entfernten Verwandtschaft ins noch bis 1956 durch Frankreich besetzte Saarland, wobei mir schlecht wurde und ich Gustavs schönes Auto vollkotzte, was er ganz und gar nicht amüsant fand.
Karl, ein sehr sympathischer Großonkel und sehr viel jüngerer Cousin von Omi-Haan aus Saarlouis, dessen Familienname Bourgeois ebenfalls auf französische Wurzeln hinwies, betrieb eine florierende Ofenrohrfabrikation. Von Zeit zu Zeit kam dieser zu Besuch bei den Haans in Höhenhaus mit seinem prächtigen Citroen DS – la Déesse – die Göttliche – vorgefahren, eine Autosensation der 50er-Jahre mit einem einzigartig gewagten, futuristischen Haifisch -Design und mit einer Fülle technischer Innovationen, die einen traumhaften Fahrkomfort ermöglichten, was mir einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Auch der zweite, von Tante Mathilde in die Familie Haan geehelichte Onkel Erich, ein Friseur exotisch-schwäbischer Herkunft, besaß schon Mitte der 50er Jahre einen VW-Käfer , mit dem wir in die Familienferien ins Jagdhaus in der Eifel fuhren. Der Käfer bis unters Dach vollgepackt und ich zusammengekauert in der Kofferkiste hinter der Rücksitzbank.
Es waren Familien-Ferien mit Omi und Opi, Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen in dem sehr geräumigen, tief im dunklen Walde gelegenen, pittoresk-romantischen Holzhaus aus den frühen 20er-Jahren - ein ehemaliger Jagd-Sitz aus Onkel Gustavs Familienerbe.
Es sind Erinnerungen an schöne, heiße Sommerzeiten mit Federballspiel, Waldwanderungen und abendlichen Gesellschaftsspielen. Aus dieser Zeit stammt womöglich auch die Liebe meines Vaters zur rauen Eifel, die in späteren Jahren aber weder von Mutter Erna noch von uns Kindern geteilt wurde — aber dazu später mehr.
Die sehr umtriebigen Brüder des Christoffel-Clans, Onkel Heini und Onkel Kalli, machten sich bereits früh selbständig. Der eine als Malermeister und der andere als Installateur. Das nötige Startkapital stammte wahrscheinlich aus Schwarzmarktgeschäften der Zeit vor der Währungsreform – beide waren Schlitzohren, so etwas das man in Köln als Filou bezeichnet: Etwas großkotzige Kölsche Jungs, der deutschen Sprache nur in Kölnischer Mundart mächtig, mit großem Herzen, sehr sympathisch und von mir grenzenlos bewundert. Die Geschäfte liefen in den 50er und beginnenden 60er Jahren jedenfalls blendend und führten zu einer, von meinem nüchtern-korrektem Vater missbilligend betrachteten Lebensweise mit aufschneiderischer Motorisierung.
Bei Onkel Heini war es die Hingabe zu exotischen Autos der Marke Borgward – ein Produkt des noch aus den 20er-Jahren stammenden Unternehmens des genialen Ingenieurs C.F.W. Borgward, welcher in der Nachkriegszeit mit aufwändigem Design und neuen Technologien Konkurrenzmodelle für Luxusfahrzeuge von Mercedes-Benz und BMW auf den Markt brachte und damit ein distinguiertes Publikum ansprechen wollte. Mit einem Konkurs zu Beginn der 60er-Jahre wurde Borgward dann Geschichte. Ein Versuch der Wiederbelebung in Mexiko scheiterte sehr schnell.
Ebenso gab Mitte der 60er-Jahre Heini sein Maler- und Anstreicher-Geschäft auf. Er ergriff die Gelegenheit, sein Leben komplett neu zu ordnen, ließ sich von seiner zu Kriegszeiten untreuen Ehefrau scheiden und begann mit neuer Familie ein sehr erfolgreiches neues Leben in Australien und später auch Singapur – davon wird noch zu berichten sein.
Und in brüderlicher Konkurrenz hierzu, musste es bei Onkel Kalli ein dicker Mercedes 220 S – Heckflosse sein, das erste Nachkriegs-Fahrzeugmodell von Mercedes-Benz, welches ab 1959 mit neuem Design und richtungsweisenden technischen Innovationen aufwartete.
Onkel Kalli wurde unterdessen mit dem Bau von Tankstellen des belgischen Erdölkonzerns Purfina sehr erfolgreich. Er leistete sich den Bau einer Villa mit dem unerhörten Luxus eines eingebauten beheizten Hallenbades, sowie einer als original Kölschen Kneipe ausgebauten Kellerbar. Dort machte ich dann mit 15 Jahren meine erste Bekanntschaft mit einem Vollrausch – das Ergebnis war eine dauerhafte „Impfung“ gegen alle Schnäpse nach Art von Steinhäger.
In der kaufmännischen Führung der Geschäfte war Kalli aber sträflich nachlässig – so verwechselte er Umsatz mit Einnahmen und dies mit Gewinn, „vergaß“ Steuern zu zahlen und lebte das Leben großzügig und aus den Vollen. Vor dem fast unausweichlichen Absturz bewahrte ihn dann mehr als einmal mein, in diesen langweiligen Dingen wie Buchhaltung versierter und solider Vater.
Bereits im zarten Alter von 14 Jahren bot mir Onkel Kalli für einen Stundenlohn von 2,- DM bar auf die Hand einen Ferienjob an, was ich dann über die Jahre auch beibehielt. So erlernte ich sehr früh das raue Leben bei Wind und Wetter auf den Baustellen, kroch mit meiner schmächtigen Statur zur Reinigung in Kraftstofftanks voller toxischer Gase und lernte das Schweißen und Schrauben von Rohrleitungen. Vor allem aber machte ich die unschätzbare Erfahrung der Zusammenarbeit mit „einfachen“ Arbeitern, was mir Zeit meines Lebens Bodenhaftung beschied – hier wurde ich geerdet und lernte fürs Leben den Umgang mit Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten. Auch war es eine befriedigende Erfahrung, erstes eigenverdientes Geld in der Tasche zu haben, was mich allerdings keinesfalls dazu verführte, damit sparsam umzugehen – damit war ich aber in bester Gesellschaft mit meiner immer großzügigen Mutter.
Da Vater Walter als Nicht-Akademiker an die gläserne Decke eines weiteren beruflichen Aufstieg stieß, sollte es der Sohn ‚einmal besser haben“, wozu das Abitur natürlich unerlässlich erschien. Der erste Anlauf zum Gymnasium scheiterte an der Aufnahmeprüfung, wozu der Alt-Nazi Rehbein als Klassenlehrer der Volksschule den aufmunternden Beitrag leistete: …ein jeder ist seines Glückes Schmied und Du bist ein schlechter Schmied! – so was bleibt im Gedächtnis hängen.
Die Ehe meiner Eltern war bereits seit einigen Jahren erkaltet, was bei meiner Mutter ständige Gesundheitsprobleme der undefinierbaren Art zur Folge hatte. Sie begab sich in die Hände von so manchem Quacksalber, welche ihr allerlei obskure Diäten verpassten – so z.B. ein gewisser Dr. Steintel mit der schwachsinnigen Empfehlung: Eier sind Atombomben für den Körper . Niemand konnte sie jedoch von ihrer quälenden Migräne und heftigem Juckreiz heilen – es verfolgte sie ihr Leben lang. Eine psychosomatische Folge ihrer als unglücklich empfundenen Lebenssituation. Wenig hilfreich war auch ihre konfliktscheue Art, mit einem wenig ausgeprägten Selbstbewusstsein – von ihrer Sucht nach Harmonie habe ich wohl eine gute Portion geerbt. Mit einer sauberen Scheidung reinen Tisch zu machen, kam für die Generation meiner Eltern aber in die Nähe eines Skandals.
Als Folge dieser Situation wurde ich im zarten Alter von 10 Jahren ins Internat des Ordens der Salvatorianer des Klosters Steinfeld gesteckt und dort unter der Nummer 560 registriert. Das in den Höhenlagen der kalten und windigen Eifel gelegene Kloster, eine düstere Anlage aus dem 12. Jahrhundert, hinterließ einen bleibenden traumatischen Eindruck, ich fühlte mich von zu Hause abgeschoben. Man betrat das mit meterdicken Klostermauern befestigte Anwesen durch die Pforte , welche sich fortan für uns Sextaner-Frischlinge nur an Sonntagen wieder öffnete, an denen wir uns innerhalb festgesetzter Grenzen in den umliegenden Wäldern austoben konnten. Neben der mächtigen Klosteranlage bestand der Ort nur aus einigen wenigen Häusern, sowie einer Gaststätte, die wir natürlich nur in Begleitung des Besuchs der Eltern betreten durften. Bei jedweder Zuwiderhandlung wurde mit einer Ausweisung gedroht.
Der Tagesablauf war streng und geregelt. Aufstehen um 06:00 unter striktem Silentium, um 06:30 Frühmesse in der kleinen Kapelle, danach Frühstück mit dünnem Kamillentee und Marmelade, wobei es nur jeden zweiten Tag Margarine für die Scheibe Graubrot gab, ab 07:30 Schule mit altsprachlicher Ausrichtung in Latein und Altgriechisch.
Mittagessen Punkt 12:30 im großen mittelalterlichen und kalten Refektorium, mit einem vorbetenden Pater auf erhöhtem Podest, der auf die Einhaltung des Silentiums achtete – nur des Sonntags war zu den Mahlzeiten eine Unterhaltung in gedämpfter Weise erlaubt. Danach Hausaufgaben, etwa 2 Stunden Freizeit im Innenhof, auch mit Erkundigungen der mystischen Ecken des Klosters mit seinen still im Kreuzgang betenden Padres sowie des schön gelegenen Kräutergartens. Ab 21:00 dann Bettruhe im großen Schlafsaal. Jeder Jahrgang wurde von 2 Padres geführt, in meinem Fall von Pater Heribert und Pater Martin, an die ich bei aller Strenge allerdings nur gute Erinnerungen habe – an heutzutage häufig ans Licht des Tages kommende sexuelle Übergriffe des frommen Aufsichtspersonals von Internaten kann ich mich nicht entsinnen. Heimfahrten gab es nur alle 3 Monate. Per Dampflock getriebener Eisenbahn ging´s ab der Bahnstation Urft, ins herbeigesehnte Köln - wobei mich der Lockführer einmal auf seinem funkensprühenden Führerhaus mitnahm. Und dann endlich die herrlich nach Abgasen duftende Stadt und schließlich zum Verwöhnen und Sattessen nach Hause zu Muttern!
Ich wurde mit meiner noch kindlichen, glockenreinen Stimme zum Ersten Sopran im Kirchenchor des Klosters ernannt. Die Messe von Mozart in CDur in Begleitung der beeindruckenden großen Orgel brachte alle Sinne ins Schwingen und ist mir bis zum heutigen Tage präsent. Der Einfluss des klösterlichen und kirchlichen Umfeldes bewirkte den starken Wunsch nach einer priesterlichen Zukunft. Meine Rettung war jedoch das Heimweh. Meine Flucht in die innere Migration wurde von Erziehern und Eltern allerdings als simple Schüchternheit bewertet. Ich litt unermesslich unter meiner Einsamkeit und meine schulischen Leistungen wurden so schlecht, dass eine Wiederholung des Schuljahres drohte und ein Ausweg gefunden werden musste.
Da ein Sitzenbleiben für meinen gestrengen Vater inakzeptabel war, ging’s wieder zurück in die 7. Klasse der Volksschule. Da war ich dann der Außenseiter, auch weil ich die Grammatik der deutschen Sprache nur gelernt hatte auf Latein zu Deklinieren, was offenbar selbst der verhasste Lehrer Rehbein nicht verstand. Zucht und Ordnung wurde zu jener Zeit von den Lehrern noch mit dem Rohrstock auf die Fingerspitzen vermittelt. Eine sehr unerfreuliche Zeit, welche mir die Schule für den Rest des Lebens verleidet hat – hier mag auch eine Ursache meines zwiespältigen Verhältnisses zu Autoritäten liegen. Meinem Selbstbewusstsein war dies alles jedenfalls wenig förderlich, wurde jedoch immer wieder durch Mutter aufgerichtet: …Junge Du schaffst das schon – das wollen wir doch mal sehen….!
Es dämmerte mir aber bald, dass für ein weiteres Fortkommen eine schulisch-formale Weiterbildung unerlässlich ist. Aus Mangel an Orientierung machte ich nach der 8. Abschlussklasse ein damals neu eingeführtes „freiwilliges 9. Schuljahr“. Unvergesslich die Abschlussfahrt im Juli 1961 nach Berlin, nur wenige Wochen bevor die Mauer errichtet wurde. Wir marschierten noch durchs damals offene Brandenburger Tor – eine starke und bleibende Erinnerung kurz vor dem Fall des Eisernen Vorh angs, der lange Jahre die beiden damaligen Weltmächten und damit Deutschland sichtbar trennte.
Was sollte nun aus mir werden? Auch aus Gründen einer Opposition gegen meinen gestrengen Vater wollte ich keinesfalls eine kaufmännische Laufbahn einschlagen. Da ich handwerkliches Geschick zeigte, fand sich eine Gewerbeschule für Metallbearbeitung, die innerhalb von 2 Jahren zur Fachoberschulreife führte. Somit war der weitere Weg vorgezeichnet.
Mutter meinte, Handwerk hat goldenen Boden und ich begann eine Lehre als Feinmechaniker in der keinen Klitsche von Handwerksmeister Herbert Schmitz in Köln-Zollstock – einer chaotisch und unordentlich mit Maschinen und Materialien vollgestellten engen Bude. Das Geschäft wurde zeitweise einzig durch den geizigen, jedoch in seiner Kölschen Art umgänglichen Meister Schmitz und einer Handvoll Lehrlingen betrieben. Das war zeitweise hart und eintönig, da wir alle auch zu stundenlangen langweiligen Serienfertigungen an einer Drehbank stehend herangezogen wurden. Oftmals gab es aber auch lehrreiche und kreative Arbeiten an den Maschinen der Metallverarbeitung. Die Mittagspause wurde auf einem Mäuerchen vor der Klitsche verbracht, zu Essen gab´s einen durch Mutter vorbereiteten Eintopf aus dem Henkelmann . Ein Jahr der Lehre wurde mir wegen der Vorbildung durch die Gewerbeschule erlassen, sodass ich mit 20 Jahren meinen Gesellenbrief in der Hand hielt, was mich aber keineswegs dazu animierte, nun in diesem Beruf mein weiteres Glück zu suchen. Zu dieser Zeit wurden erste Türen zu einer Weiterbildung auf dem Zweiten Bildungsweg geöffnet; ich nahm die Gelegenheit wahr und absolvierte neben der Lehrzeit eine Abendschule zur Erlangung der Fachhochschulreife. Dies schuf dann die Voraussetzung des Besuchs einer Ingenieurschule (heute Fachhochschule) in Köln, die ich mit 23 Jahren als Ing. (grad) abschloss, womit meine formale Ausbildung einen Abschluss fand. Soweit zu meiner ziemlich kurvenreichen Bildungskarriere, die ich ohne glänzende Noten abschloss. Goethe wies mir fürderhin den Weg ins „richtige Leben“: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens Goldner Baum….
An das gesellige und kameradschaftliche Studentenleben habe ich ansonsten schöne Erinnerungen und pflege bis heute noch Kontakt zu einigen wenigen ehemaligen Kommilitonen, die anders als ich eine beachtliche Ingenieurs-Karriere einschlugen.
Ein großes Glück hatte ich allerdings mit meiner 5 Jahre älterer Schwester Ulla - 2017 mit 75 Jahren viel zu früh verstorben - und ihrem in sehr jungen Jahren geehelichten Gatten Frank. Ulla litt sehr darunter, dass Vater Walter sie nur als notwendiges Übel im Paket mit Erna in Kauf nehmen musste – erst in sehr viel späteren Jahren hatte er Einsicht in dieses Fehlverhalten. Diese Zurücksetzung beförderte eine Entwicklung zu einer bewundernswert starken und unabhängigen Persönlichkeit; sie war für meine Entwicklung als Heranwachsender oftmals vielleicht wichtiger, als unsere Mutter.
Sie, zusammen mit Frank waren mir, dem 5 Jahre Jüngeren, Vorbild in Existentialismus , französischer Lebensart und Paris als Ort der Sehnsucht. Ein äußerer Ausweis ihrer Haltung war das Tragen von Kleidung im Stile des Schwarzen Ernstes des Lebens, mit schwarzem Rollkragenpulli und Regenmantel aus schwarzem Öltuch. Es war die schwierige Zeit der Pubertät mit der Suche nach Identität und Verortung im Leben. Ich fand zum Glück gute Freunde. Da ist vor allem Gero zu nennen, von dem ich aufgrund seiner gymnasialen Bildung lernte, mich für Philosophie zu interessieren. Schopenhauer (hat denn das Leben überhaupt einen Sinn…? ), Kant (kategorischer Imperativ! ) und natürlich die alten Griechen - vieles jedoch eher erahnend und kaum die Hälfte verstehend; dann die Entdeckung des intimen Kölner Keller-Theaters mit den Aufführungen der griechischen Tragödien und Nachkriegsdramen von Böll bis Borchert; nicht zuletzt die erweckte Freude an der Literatur: Brecht, Emile Zola, Balzac, Maupassant, Stendhal. Es sprossen die ersten eigenen Gedanken eines politischen Bewusstseins, wozu die Lektüre der Informationen der Bundeszentrale zur Politischen Bildung maßgeblich wurde. All dies führte fast zwangsläufig zu politisch weit links angesiedelten Überzeugungen.
In etwas elitärer Attitude huldigten wir der Klassischen Musik und Französischen Chansons und wandten uns ab von den Moden des populären Geschmacks, zum Beispiel des Rock-n-Rolls. Früh sonnten wir uns in einer, auch heute noch fortbestehenden Attitüde des Antiamerikanismus – ein „Kultur-Gen“, ererbt von unseren deutsch-nationalistisch gesinnten Vorvätern, die diese Haltung hochmütig kultivierten und einen vermeintlich unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation pflegten. Von der Genration unserer Eltern missbilligt, huldigten wir auch dem amerikanischen Jazz („Negermusik “), sowie der US-Jeansmode („Nietenhose “).
Es entsprach einem gewissen „intellektualisierenden“ deutschen Nachkriegs-Zeitgeist, sich dem Existentialismus und den Philosophen Sartre und Camus zuzuwenden, ohne dies alles überhaupt richtig zu verstehen. Es blieb wohl eher eine Pose des Protestes gegen den gefühlten zeitgenössischen gesellschaftlichen Stillstand. Wir waren eine kleine verschworene Clique, zu der unter anderen auch die attraktive Anja zählte, mit der mich bis zum heutigen Tage ein enges freundschaftliches Verhältnis verbindet. Leider zerbrach sehr viel später die Freundschaft mit Gero aus eher banalen Gründen, wovon noch zu reden sein wird.
Mindestens ebenso wichtig war Freund Manni, dem ich mich bis heute in brüderlicher Freundschaft sehr verbunden fühle. Er war eher nicht der intellektuelle Sparringspartner für philosophische Diskurse, hatte jedoch als Kölsches Urgestein einen unerschöpflichen Fundus von intelligenten Alltagsweisheiten und Mutterwitz. Durch ihn, der aus einer typischen Arbeiterfamilie stammte und der ebenfalls eine Lehre als Feinmechaniker absolvierte, behielt ich meine Bodenhaftung.
Dies waren die wilden Zeiten des Protests zu Beginn der berühmten 68er-Revolution . Begeistert und auf übermütigen Krawall gebürstet, nahmen wir an den Protestmärschen zu so banalen Anlässen teil, wie gegen die Fahrpreiserhöhungen der Kölner Verkehrsbetriebe, besonders aber gegen die USA und ihren Vietnamkrieg, mit dem Schlachtruf der protestierenden Masse: Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter reiht euch ein ... Zu richtig gewalttätigen Ausschreitungen kam es dann bei der Besetzung des verhassten Springer-Verlages in Köln, um die Auslieferung der verachteten Bild-Zeitung zu verhindern, an denen ich aber nicht mehr teilnahm.
Mit Beginn der ersten SPD-geführten Regierung formulierte der Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung 1969 die Idee: Wir wollen mehr Demokratie wagen! Dies war der Beginn eines charismatischen Aufbruchs der Regierungspolitik und versöhnte uns mit der Politik, führte aber auch zu einer Spaltung der Protestbewegung. Eine kleine Gruppe radikalisierte sich und rutschte ab in den Terrorismus der Rote-Armee-Fraktion - RAF. Die überwältigende Mehrheit allerdings nahm Brandts Angebot ernst und begann den sogenannten Marsch durch die Institutionen, und prägte fortan mit ihrem gesellschaftspolitischen Diskurs den Zeitgeist der folgenden 50 Jahre.
Nicht nur in meinem Verständnis lief die Protestbewegung aus dem Ruder, denn den hochtönenden ideologiekritischen Jargon der linken Intellektuellen verstand kaum noch jemand. Wir drifteten ab, experimentierten mit Drogen, wie Haschisch, Halluzinationserzeugenden Medikamenten (Captagon, Rosimon ) und natürlich viel Kölsch-Bier. Unvergesslich die Momente des Haschisch-Genusses in öffentlichen Parks, in der Nähe von Polizisten, die den Konsum dieser Droge anscheinend noch nicht kannten und uns somit in Ruhe ließen. Wir frequentierten die einschlägige Kölner Szene von gleichgesinnten Protest-Freaks, Gammler genannt, wie Musenhof und Petrusschenke , aber ebenso die etwas distinguierteren Künstlerlokale , wie Anitas Kleine Galerie. Im Nachhinein wird mir noch bange vor der Möglichkeit eines Absturzes - das Leben verlief buchstäblich am Rande des Abgrunds.
Mit 15 begann die Mobilität in Form eines Mopeds - ein altes fast schrottreifes Gefährt der Marke Zündapp . Unerfüllter Traum blieb der Besitz einer bereits motorradähnlichen Maschine der Marke Kreidler-Florett . Technisch begabt, gab ich mich daran, das Gerät wiederherzustellen und den Motor zu frisieren. Die Motorleistung wurde erhöht und damit raste ich dann mit bis zu 80 Sachen - und natürlich ohne Sturzhelm - den kilometerlangen Bensberger-Berg hinab, bis mir die Maschine um die Ohren flog; mein guter Schutzengel bewahrte mich allerdings vor schlimmerem Unheil.
Mit 18 Jahren machte ich meinen Führerschein und zwar bei Vaters Bekannten, Hannes Röttger, den er in den 50er-Jahren als Beifahrer zu einigen, damals sehr populären Auto-Rallyes begleitete. Mein Vater führte ihm die Geschäftsbüchen und als Gegenleistung bot Röttger Fahrstunden für die gesamte Familie an – deren Ausmaß er aber zu dieser Zeit kaum ermessen konnte. Röttger war ein etwas hochstapelnder „Lebemann“, der eine ältere Gattin ehelichte, mit deren überschaubarem Vermögen er sich gerne als Bonvivant produzieren konnte und so auch exotische Sportwagen vorführte – so beeindruckte mich etwa ein elegant geschwungenes MGA-Cabrio , von dessen Besitz ich träumte und sehr viel später tatsächlich in Kenia als Schrotthaufen aufstöberte und wieder fahrtüchtig machte.
Ich absolvierte den Kurs mit nur 6 Fahrstunden und der Bewertung Röttgers, dass ich alles Zeug zu einem Formel-1-Rennfahrer habe. Mutter machte mit mir gemeinsam ihren Führerschein und bekam von Walter ein Auto geschenkt - einen Fiat 850 den sie mir aber großzügig zur Nutzung überließ. Nachdem ich dessen Motor durch zu scharfes Fahren heiß gefahren hatte, kam ein soliderer VW-Käfer ins Haus.
Das rasante Fahrvergnügen fand mit einem bösen Unfall ein jähes Ende. Auf der Heimfahrt mit Manni raste ich nach durchzechter Nacht mit Vollgas die Mülheimer Brücke hinunter, verlor in der Kurve am Wiener Platz die Kontrolle und wir überschlugen uns mehrfach, um direkt vor der Polizeiwache zum Stehen zu kommen. Wir kletterten benommen aber unverletzt aus dem Wrack und landeten direkt vor den Füßen eines Polizeibeamten, der sogleich 1,2 Promille Blutalkohol maß und umgehend meinen Führerschein kassierte, der dann für 1 Jahr erstmal weg war.
Bis auf diesen einzigen Verkehrsunfall ließen meine Fahrkünste jedoch nichts zu wünschen übrig und wurden nur noch weiter durch jahrzehntelange Fahrpraxis in den Großstädten Lateinamerikas und Afrikas verfeinert – ich fürchte mich jedoch bis auf den heutigen Tag vor den rücksichtslosen Rasern auf deutschen Autobahnen!.
Wie in den meisten Familien waren auch in unserer die Gräuel der Nazizeit kein Thema. Kein schamhaftes Schweigen über Schuld, aber noch viel weniger irgendetwas glorifizierend. Meine Eltern waren wohl auch nur Teil der großen Masse der Mitläufer, die sich den Gegebenheiten anpassten. Auch sie waren womöglich im Bann der neuen Bewegung, die gerade junge Menschen so stark anzog. Auch sie glaubten womöglich an das Gemeinschaftsideal der Nationalistisch-Sozialistischen (Nazi ) Bewegung und wurden ohne größeren Widerstand in die Massenorganisationen der Jugend, HJ und BDM integriert. Dies entsprang ja auch, in perfider Weise, aus den Idealen der früheren Wanderbewegung. Wer mag heute darüber den Stab brechen? Im Nachhinein ist es sehr einfach zu urteilen und wohlfeil anzunehmen, man hätte Widerstand geleistet.
Vom Krieg wurde wenig erzählt, dieser wurde von meinem Vater, der als kleiner Unteroffizier der Luftwaffe in der Etappe unterkam, was ihn nach Italien, Frankreich und Nordafrika verschlug, zwar einerseits als Abenteuer wahrgenommen, aber ganz offensichtlich auch als komplett unnütz vertane Zeit. Da gab es keine Heldentaten zu erzählen, aber es waren auch keine tieferen Einsichten zu vernehmen.
Mutter Erna war in den 30er Jahren Schuhverkäuferin im Geschäft eines jüdischen Inhabers. Sie erlebte das Unrecht der Enteignung durch Arisierung , aber fühlte sich als kleines Rädchen im Getriebe ohnmächtig irgendetwas dagegen unternehmen zu können.
Als Beispiel des heroischen Widerstandes wurde in der Familie gerne die Geschichte von Opi Josef Haan erzählt, der aus reinem Opportunismus Parteigenosse der NSDAP wurde. Als eines Tages ein Kassierer der Partei an die Haustüre klopfte, um den Mitgliedsbeitrag einzutreiben, schmiss die resolute Großmutter Katharina diesen hochkant aus der Wohnung, während sich Josef ängstlich verdrückte. So lustig, wie dies erzählt wurde, war das aber hoch riskant und hätte gefährlich enden können – da kannte der Führer keinen Spaß.
Bei Kriegsende waren meine Eltern 30 Jahre alt und sahen sich um ihre Jugendzeit betrogen. Noch in der Kaiserzeit geboren, erlebten sie im Laufe ihres langen Lebens extreme politische Wendungen, Hyperinflation, sowie zweimal die völlige Entwertungen des Geldes, zunächst in den 20er Jahren und dann erneut in der Nachkriegszeit. Es ist daher sehr verständlich, dass nach all diesen Katastrophen der Blick einzig nach vorne gerichtet wurde und kein Bedarf an einer Aufarbeitung der Vergangenheit bestand. Ich hatte in den 50er Jahren zwar noch keinerlei politisches Bewusstsein, spürte jedoch eine bedrückende gesellschaftliche Atmosphäre – wobei aber auch die Möglichkeit besteht, dass ich mir dies im Nachhinein so zurechtgebastelt habe. Unzweifelhaft jedoch ist mein sehr früher Drang zur Flucht in die Ferne, der auch meiner, stets etwas deprimiert wirkenden Mutter nicht fremd war. So flüchteten wir beide in das Brettspiel Weltreise , wobei ich mir die am entferntest liegenden Ziele aussuchte - bevorzugt wünschte ich mich nach Guam, ans Ende der Welt, wo ich mir das Leben leicht und mit ewiger Sonne unter Palmen vorstellte.
Vater Walter erfüllte sich erst nach seiner Pensionierung, mit 63 Jahren den Traum vom eigenen Heim. Er setzte sich gegen den Willen von Mutter Erna durch und kaufte in Reetz, dem Ort des früheren Urlaubsdomizils Jagdhaus , ein Grundstück mit unverbaubarem Fernblick auf das Eifler Mittelgebirge. Mutter, mit ihrer Sehnsucht nach dem Leben in der Großstadt Köln, wurde nie dort heimisch und noch weniger glücklich, fügte sich jedoch auch in dieses Schicksal. Erlösung fand sie später dann nur in ausgiebigen, mehrmonatigen Besuchsreisen zu ihrem Bruder Heini nach Singapur sowie zu mir nach Kenia, Kolumbien, Honduras und Rio de Janeiro. Da blühte sie nun auf.
In den Osterferien 1961 erlebte ich mit 15 Jahren meine erste Auslandsreise und damit auch die erste Erfahrung mit dem Stigma als Angehöriger einer „Nation von Verbrechern“ wahrgenommen zu werden. Die Reise führte quer durch Frankreich an die Südküste des Atlantiks, mit dem Ziel San Sebastian im spanischen Baskenland. Anlass der Reise war eine Erkundungsfahrt meines Vaters mit Onkel Kalli, wozu mein Cousin Manfred und ich mit auf die Reise geschickt wurden - sicherlich um Anwandlungen einer Lustreise zu erschweren. Es ging also los mit Kallis protzigem Mercedes zur Suche eines Sommer-Feriendomizils für die große Familie.
Autobahnen gab es zu dieser Zeit in Frankreich noch keine, die Überlandstraßen hatten meist eine mit dem Gegenverkehr zu teilende dritte Überholspur in der Mitte, was einen Adrenalinschub bei den gewagten Überholmanövern erzeugte – angesichts etlicher Schrotthaufen am Wegesrand war dies offensichtlich auch nicht ungefährlich. Der Vorteil gegenüber eher langweiligen Autobahnen lag jedoch darin, quer landein durch Städte und Dörfer zu fahren und somit einen starken Eindruck des Landes zu bekommen. Bei dieser und den vielen folgenden Frankreichreisen lernte ich somit eine Vielzahl von Ortschaften kennen, die heutzutage nur mehr auf Ausfahrtbeschilderung der Autobahnen erscheinen. In diesen grauen Vorzeiten ohne Navi war der Beifahrer als Pfadfinder durch intensives Studium der Landkarten gefordert. Fahrten ins Ausland waren noch sehr exotisch, sodass begegnende Fahrzeuge mit deutschem Kennzeichen sich immer freudig gegenseitig durch Hupen oder Lichtsignal begrüßten.
Die Einheimischen standen uns zwar nicht offen feindlich gegenüber, aber als Freunde wurden wir, die etwas abfällig genannten Boche, gewiss auch nicht begrüßt. Mein frankophiler Vater war jedoch in seinem Element und prahlte mit seiner in Kriegszeiten erlernten angeblichen Kenntnisse der französischen Sprache, Kultur und Küche. Zur Einkehr boten sich die damals noch sehr gastlichen und preiswerten Fernfahrer-Gasthäuser Le Routier an. Dies führte zur echten Herausforderung beim Lesen der Speisekarte. Kalli verließ sich vollständig auf meinen Vater, der ihm zur Bestellung von Tripes riet, ohne zu wissen, was das denn sei. Als sich dies als ein Gericht aus Pansen herausstellte, rief Kalli entsetzt aus, „esu enen Driss ess isch nitt“ (so einem Scheiß esse ich nicht). Zum Abschluss des Mahls kam dann die übliche Käseplatte, von der man sich seine ausgewählte Portion auszusuchen hatte – Kallis diesmal erfreuter Ausruf mit der entsprechenden Gestik: „....wie, Kiiess jitt et och noch ...“ (wie, Käse gibt´s auch noch)? „Dann loss ens die janze Plaat he stonn..“ (dann lass die Platte mal hier stehen) - was dann aber durch den Wirt mit einigem Befremden quittiert wurde.. Diese Episode um den Käse hinterließ in unserer Familie ein immer präsentes geflügeltes Wort.
