Das Leiden einer Mutter - Martha Adler - E-Book

Das Leiden einer Mutter E-Book

Martha Adler

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Beschreibung

Martha Adler war eine ganz normale Frau und Mutter, geboren am 11.5.1890. Ihr einziger Sohn Helmut, geboren am 13.3.1926, also recht spät. Die gemeinsam verbrachten Jahre waren glücklich. Am 7.6.1943: Helmut hatte am Vormittag Musterung in Oelsnitz i.V. Seit 14 Tagen war es regnerisch. An diesem Tag wollten die Engländer auf Lampedusa landen. Am 26.4.1944 vor Mitternacht fuhren Helmut und seine Kameraden nach Polen, nachdem Martha und ihr Sohn sich auf der Laderampe in Zwickau - weit draußen - nochmals sehen und verabschieden konnten. Dies war der letzte persönliche Kontakt. Die Mutter schrieb viele Briefe, auch noch viele Monate und Jahre, nachdem der Sohn vermisst war. Die Hoffnung entschwindet leise. Diese Briefe in Tagebuchform haben wir im Nachlass gefunden. Martha starb am 11.6.1983 in Erlbach (Vogtland). Die Briefe zeigen die Gefühle einer Mutter. Das Leben am Kriegende und danach wird spürbar. Und dies ganz nah und persönlich. Nicht das Globale, sondern das tägliche, persönliche Überleben wird in Detail beschrieben.

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Martha Adler

Das Leiden einer Mutter

Vermisst im 2. Weltkrieg - mit 18 Jahren in den Krieg

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Jahr 1944

Das Jahr 1945

Fliegeralarme ab 31. März 1944

Zweites Heft. Vom 18. Oktober 1945 - Neujahrstag 1949

Dezember 1945 Erster Jahrestag der Vermissten-Mitteilung

Das Jahr 1947

Das Jahr 1948

Das Jahr 1949

Staatliche Information vom 30.5.2012

Impressum neobooks

Das Jahr 1944

November 1944

Erlbach, den 14. November 1944

Mein lieber Helmut! Heute kam Post von Werner Tröger (Neffe von Martha). Er ist gefangen in Rimini Italien und befindet sich zur Zeit in Algier. Er ist an der linken Schulter und am Unterschenkel verwundet, aber er lebt. Gott sei dank, so sind auch diese Wochen des Bangens vorüber. Vielleicht kommt von Günter (Matthes) auch bald Nachricht.

14. November 1944

Mein lieber Helmut! Heute hat Vater einen Brief von dir zurückerhalten. Neue Anschrift abwarten steht darauf. Was hat das zu bedeuten? Gestern erhielten wir deinen Kartenbrief vom 9. Oktober 1944 wo du schreibst, dass du deine Feuertaufe erhalten hast. In diesen schweren Oktober - Tagen war unser ganzes Denken bei dir. - Gestern, Sonntag den 12., November 1944, war der Volkssturm auf dem Marktplatz angetreten. Nun ist Vater auch Sonntags - Soldat. Ziegner, Harald und Wunzam, Hans haben am 12. November aus englischer Gefangenschaft geschrieben. Das war eine kurze Ausbildungszeit, denn sie wurden schon am 8. August geschnappt. Nennt man das nun Pech oder Glück? Rolf, Tauscher - Günter, Stöhr, Klaus sind da und warten auf ihre Einberufung. Tauscher, Ede und dein Gopplasgrüner Klavierkamerad Übel hatten Musterung. Diese kleinen Kerle haben eine Hörnermusik zum Stein erweichen gemacht. Bleibe gesund und sei herzlich gegrüßt von deinen Eltern.

Erlbach, den 22. November 1944

Mein lieber Helmut! Acht Tage sind wieder vergangen seit ich dir die letzte Post sandte. Es war am 15. November 1944. Ich schreibe dir heute trotzdem wieder, weil in der Zwischenzeit weder etwas zurück noch Post von dir kam. Was wird los sein. Frau Süßmann hat auch keine Post wie sie uns gestern schrieb. Ihre letzte war vom 18. Oktober, wie auch deine letzte. Nun sollst du aber nicht auch so lange auf Post warten, deshalb sende ich dir diese Zeilen. Wir wünschen und hoffen, dass du alles Schwere gut überstehst und doch noch einmal gesund zu den Deinen heimkommst. Herzliche Grüße deine Eltern. Solltest du öfter keine Zeit zum Schreiben haben, so genügt schon ein leeres Couvert, dann wissen wir wenigstens du lebst. Deine Mutter.

Erlbach, den 28. November 1944

Mein lieber Helmut! Schon wieder sind 6 Tage vergangen ohne dass Post von dir kommt. Dass Ihr im Rückzug seid, ist uns ja bekannt. Vergebens warten wir auf die grünen Marken für Weihnachtpäckchen. Gerne würden wir darauf verzichten wenn Ihr wieder glücklich im Land wäret und zu einem kurzen Urlaub daheim. Ich habe das schon so kommen sehen als ich die Lametta und Lichter sandte. Hast du die Lichter, Armmuffchen und Schal erhalten? Gebrauchen könntest du die Sachen sicher gut. Aber, aber! Gestern waren wir zur Silberhochzeit bei Matthes. Anwesend waren Friebels, einschließlich Dieter, Gertrud, Paula, Christine mit Renate. Von Günther ist noch keine Nachricht da. Seine letzte Unterkunft war Jaffy. Dann kam der Treuebruch der Rumänen und seit dieser Zeit fehlt von Günther jede Nachricht. (Günter Matthes war der Neffe von Martha Adler und Sohn des Lehrers Erich Matthes und Elsa geb. Adler aus Landwüst. Günter Matthes blieb vermisst.) Christine fuhr mit Tochter um 5 Uhr wieder weg. Die Zwickauer ½ 7 Uhr. Dieter kommt heute wieder an die Front. Wir waren abends noch bis 11 Uhr drüben. Da haben wir norwegische Bilder angesehen die Graubner Alfons heimgeschickt hat. Es war eine ruhige Feier, so ganz im Ernst dieses furchtbaren Krieges mit seinen schrecklichen Begleiterscheinungen. Und nun wünschen wir dir alles Gute vor allem komme gesund durch all das Furchtbare und sei herzlich gegrüßt von deinen Eltern.

Dezember 1944

Erlbach, den 3. Dezember 1944

Vater geht ½ 9 Uhr zum Volkssturm nach dem Turnplatz. Unterwegs wird Vater von Todts Fritz (Ortsgruppenleiter der NSDAP) und Hilde rein gerufen. Fritz, der wieder sein altes Amt ausübt, überreicht Vater einen Brief von der Feldposteinheit 00620 mit dem Vater heimkommt. Nun lieber Helmut lüftet sich das Geheimnis deines Schweigens. Dieser Brief bringt uns die bitter schwere Nachricht, dass du lieber Helmut, vermisst bist. Dein Schwadronführer schreibt uns folgendes:

Im Felde, den 10. November 1944

Sehr geehrter Herr Adler! Als Schwadronführer fällt mir die schwere Pflicht zu, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Sohn mit dem 23. Oktober 1944 vermisst wird. Bei den schweren Kämpfen während der Absatzbewegungen in Nordfinnland im Raum von Kirkenes bekam die Schwadron den Auftrag, eine Höhe im Gegenangriff zu nehmen. Ihr Sohn hat diesen Angriff in vorderster Linie mitgemacht und ist seitdem vermisst. Von einigen Kameraden wurde er am 23. Oktober 1944 um 15.00 Uhr zuletzt gesehen. Ihr Sohn war einer meiner besten Soldaten, der stets in treuester Pflichterfüllung die ihm gestellten Aufgaben und gegebenen Befehle ausführte. Sein frischer Schneid, sein Draufgängertum und seine männliche Sicherheit erwarben ihm schnell das Vertrauen seiner Kameraden und Vorgesetzten. Die quälende Ungewissheit, die ich Ihnen auferlegen muss, macht mir das Herz schwer. Gott allein weiß den Weg Ihres Jungen. Er möge Ihnen die Kraft geben, Ihren Weg so zu gehen, wie ihn Ihr Sohn unter uns ging. Alle Opfer aber, die Opfer der Soldaten und das Leid der Heimat wolle Gott dazu segnen, dass der Opferweg unseres Volkes zur Freiheit führt, zu dem Weg, für den unsere Besten ihr Leben einsetzten. In aufrichtigem Mitgefühl grüßt Sie Ihr Ihnen sehr ergebener gez.) Beckers Lt. u. Schwadronführer.

Ja, mein lieber Helmut, das war der erste Adventsgruß 1944. Und noch dazu Tante Elsas Geburtstag. Dass irgend etwas mit dir nicht in Ordnung war, das habe ich gefühlt. Ich habe auch Ende Oktober bei Todts gesagt, dass Ihr hier oben in einer Mausefalle sitzt und nicht wieder herauskommt. Dass sich deine Soldatenlaufbahn so bald und so schlimm beendet, hätten wir nicht gedacht. Es wäre alles nicht so furchtbar, wenn wenigstens jährlich ein oder zweimal ein schriftlicher Austausch stattfinden könnte. Aber leider, leider. Dass du lieber Helmut noch am Leben bist, steht für mich felsenfest. Ich glaube an eine Gedankenübertragung, denn in den Wochen vor Ende Oktober bis Mitte November war mir das Leben so schwer und ich glaube bestimmt, dass du dir da so viele schwere Stunden gemacht hast, weil du nun nicht mehr heim schreiben kannst, und was noch schlimmer ist, du bekommst ja auch keine Post mehr von all deinen Lieben. Es ist schwer, bitter schwer, aber es ist noch nicht das Schwerste. Denke an deinen Kameraden Hans Süßmann. Frau Süßmann bekam am 5. Dezember 1944 die Nachricht, dass ihr Sohn Hans am 21. Oktober 1944 gefallen ist. Kopfschuss. Er war sofort tot, und wurde von seinen Kameraden beerdigt. Lieber Helmut musstest du diese schwere Pflicht mit erfüllen? Was wirst du in den Tagen vom 7. Oktober bis 23. Oktober alles Schweres erlebt haben. Vielleicht ist der Weg in die Gefangenschaft noch nicht einmal der schlechteste. Wollen wir Gott bitten, dass wir gesund bleiben, dass er uns stark macht alles zu ertragen, damit wir doch noch einmal uns alle wiederfinden. Mein lieber Helmut, bleibe gesund und stark und Gott sei mit Dir. Du gingst in Gottes Namen aus Deiner Eltern Haus so wird er dich auch weiterhin behüten und auch gesund durch alles Leid wieder heim führen. Dies ist unser aller Wunsch und vor allem der deiner Eltern.

Erlbach, den 8. Dezember 1944

Heute kamen 14 Feldpost - Briefe zurück. Wir können dir also nicht mehr schreiben. Nicht einmal ein bar armselige Zeilen können wir dir übermitteln. Als du daheim fortgingst, habe ich zu dir gesagt, jeden Donnerstag sollst du dein Päckchen haben, damit du Sonntags etwas von daheim hast. Und was konnten wir dir senden, nicht einen einzigen Kuchen, außer den, den wir mit nach Zwickau genommen haben. Hätten wir nicht die Gastfreundschaft von Matthes gehabt, so hätten wir dich überhaupt nicht als Soldat zu sehen bekommen. Froh bin ich auch, dass ich noch einmal dort war bei Eurem Abgang nach Polen. Ich sehe Euch heute noch vorbei marschieren, hinein in den sinkenden Abend, bis Euch die zunehmende Dunkelheit ganz verschluckt hatte. Und doch haben wir uns an diesem Abend noch einmal gesehen. Gertrud und ich wir standen an den Bahnschranken, um noch einmal etwas von Euch zu sehen. Da ließ uns der Schrankenwärter durch und wir konnten der langen Kolonne nachgehen. Und so haben wir noch einmal uns sehen können. Wer hätte gedacht, dass du dann soweit fort kommst. Mir sagte ein Feldwebel an diesem Abend, als ich nach dir fragte, na in 16 Wochen haben Sie ihren Jungen daheim auf Urlaub. Ja in 16 Wochen warst du lieber Helmut in Nordnorwegen an Diphtherie erkrankt im Lazarett. Und dazu kam es auch nur weil du schon von Zwickau aus fort bist mit eitrigen Mandelentzündung und auch in Polen dieselbe nicht ausgeheilt wurde. Ich möchte nicht wissen, wie schwer dir oft der Dienst gefallen ist wenn du immer mit Fieber geplagt warst. Kaum warst du raus aus dem Lazarett, da ging es wieder 700 km weiter hinein in die Mausefalle. Recht kurz war dann dein Aufenthalt in dem schönen Unterkunftsort südwestlich Petsamo. Wahrscheinlich vom 18. Dezember bis zum 7. Oktober, dann meldet der Wehrmachtsbericht von den Kämpfen bei Petsamo. Am 8. und in der Nacht zum 9. Oktober hast du dann deine Feuertaufe bekommen. Ein Reichenbacher Kamerad von dir schrieb am 18. Oktober, dass er in 10 Tagen nur 4 - 5 Stunden geschlafen habe. An Helga hast du geschrieben, dass der Iwan an einem Tage 50 - 60 mal im Tiefangriff kommt, um dann nachts von vorn und das Partisanengesindel von hinten anzugreifen. Und das bei Schnee und Kälte an der Eismeerfront. Was du dann noch bis zum 23. Oktober erlebt hast und was dann weiter aus dir wurde, werden wir erst erfahren, wenn du wieder gesund zu uns heimkommst. Bis dahin wünschen wir dir ein halbwegs erträgliches Los. Möge es das Schicksal gut mit dir meinen. Dies ist unser tägliches Gebet. Deine Eltern.

Erlbach, den 24. Dezember 1944

Mein lieber Helmut! Heiliger Abend 1944. Vor einem Jahr haben wir bewusst ein schönes Weihnachtsfest gefeiert. Es war uns allen sicher, dass es das letzte schöne Weihnachtsfest zu dreien war. Dass wir aber dieses Weihnachten so traurig begehen müssen, hätten wir doch nicht gedacht. Wo wirst du lieber Junge sein? Wirst du ein Dach über dem Kopf haben? Wirst du gesund sein? Wie werden deine Gedanken daheim sein. Vergangene Nacht träumte mir, du hättest Rolf das Leben gerettet. Rolf (Sohn von Werner Pschera, lebt in Schweden) war ins Wasser gefallen und du hast ihn wieder herausgeholt. Überhaupt sehe ich dich oft im Träume als kleinen Jungen. Ich deute es als ein gutes Zeichen und glaube, dass auch du viel und oft an daheim denkst. Heute ist der erste heilige Abend, wo der Laden geschlossen ist. Erstens weil Sonntag ist und die Leute schon zeitig ihre Geschenke gekauft haben. Arbeit gibt es trotz alledem. Auch für unsere kleine Gisela müssen wir doch einen Weihnachtstisch aufbauen. Die Familie unserer kleinen Hausgenossin, die seit dem 10. Oktober 1944 bei uns ist, wurde am 4. Dezember 1944 ausgebombt. Im März 1944 ist die 32jährige Mutter an Rauchvergiftung gestorben. Seit dieser Zeit werden die drei Kinder bei fremden Leuten herum geschoben. Wir haben nun unsere Elfriede wieder hervorgesucht, haben aus ihr ein Wickelkind gebaut und dazu von Tröger, Ruth ein Himmelbett bekommen. Ferner habe ich einen Rock und einen Mantel angefertigt. Gegen Abend 5 Uhr ging Gisela in die Kirche. Wir brachten es doch nicht fertig, nach der Kirche zu bescheren. Nachdem Gisela im Bett war, sie schläft in der großen Stube, haben wir es sogar fertig gebracht, einen kleinen Baum zu putzen. Dann haben wir dir lieber Helmut, beschert. Vater hat 10 schöne Bücher vom sächsischen Heimatschutz gekauft und dazu haben wir dir noch 500, - RM in dein Sparkassenbuch eingezahlt. Hoffentlich hast auch du den heiligen Abend gesund verlebt und warst uns im Gedanken verbunden. Dies wünschen von ganzen Herzen Deine Eltern.

Erlbach, den 25. Dezember 1944

Weihnachten 1944 früh ½ 8 Uhr haben wir die Lichter am Baum angebrannt, aber in der Stube regte sich nichts, trotzdem der Weihnachtsbaumständer seine Weihnachtslieder spielte. ich haben dann die Tür soweit aufgemacht und Vater sagte: "na, was ist den da los, da muss doch der Weihnachtsmann gewesen sein", erst da ist unser kleines Fräulein unter der Zudecke hervor gekrochen und hat sprachlos dies Wunder von einem singenden und drehenden Weihnachtsbaum angestaunt. Es hat wie lange gedauert, ehe sie herein in die kleine Stube ging. Der Baum stand auf der Maschine und daneben auf den kleinen Stuhl stand das Bett mit Elfriede unter dem Baum lagen 1 Paar Handschuhe, 2 Haarschleifen und ein Weihnachtsteller. Am Schrank hing Rock und Mantel. Lieber Helmut, wir dachten, wir tun dir unrecht wenn wir einen Weihnachtsbaum putzen und du vielleicht unter den schlimmsten Verhältnissen das Fest verbringen musst. Aber die Freude der Kleinen, die uns doch so ganz fremd ist, und der es genau so geht wie dir, sie ist doch auch nur der Gnade oder Ungnade fremder Menschen ausgesetzt, hat uns gezeigt, dass wir doch recht getan haben. Vielleicht begegnest auch du Menschen, die dir mal etwas Gutes erweisen. Es sind doch nicht alle Menschen so hart und so schlecht wie es so oft geschildert wird. Man müsste jetzt verzweifeln, wenn alles wahr wäre, was vom Iwan gesagt wurde. Wir wünschen und hoffen von ganzem Herzen, dass dein Los erträglich ist und dass der Krieg recht bald ein gutes Ende nimmt, damit du lieber Helmut, wieder heim in deine geliebte Heimat kommst. Deine Eltern.

Erlbach, den 30. Dezember 1944

Heute Mittag ist Rolf (Sieber) zum Militär nach Oschatz. Er hatte schon einmal Ordre nach Danzig. Weil aber Bärbel Scharlach hatte und Rolf nach dem Arbeitsdienst daheim war, so hatte er das Glück, noch einige Wochen daheim bleiben zu können. Aber alles vergeht. Weihnachten hat Rolf doch noch daheim verlebt. Auch Herr Sieber war mit dem Rad von Schneeberg auf einen Sprung daheim. Es war vielleicht auch das letzte Weihnachten der ganzen Familie. Jetzt werden ja sogar die Mädchen vorläufig von 18 - 21 Jahren zum Militärdienst geholt. Da kann es Helga auch noch erwischen, wenn nicht bald Schluss wird. Im Gedanken Deine Mutter.

Erlbach, den 31. Dezember 1944

Heute, Sonntag, der letzte Tag des Jahres. Matthes sind nach Zwickau. Wir sitzen alleine daheim und denken an unseren Jungen. Wo wird er sein? Was wird er machen? Ist er gesund? Und auf alles gibt es keine Antwort. Auch von Günter und von Horst und Walter ist bis heute keine Nachricht gekommen. Jenny ihr Mann hat bis jetzt zwei Funksprüche über das Marineministerium durchgegeben, dass er lebt und gesund ist. Er ist in La Rochelle eingeschlossen. Hertas Schwiegervater lässt nichts hören, er war in Brest wie auch Hertas Schwiegervater. Pschera, Ernst ist in Ungarn, Rudi und Werner Pschera sind im Lazarett. Hertas (Voigt - Ofensetzerfrau in Markneukirchen?) Mann ebenfalls, er ist zum zweiten mal am Bein verwundet. Tröger Werner lässt auch nichts von sich hören, nachdem er am 14. Oktober aus Algier geschrieben hatte. So ist fast in jeder Familie Leid und dieses tragen wir mit in das neue Jahr. Es besteht keine Hoffnung, dass es besser wird, im Gegenteil, wir werden 1945 viel Schweres zu ertragen haben.

Das Jahr 1945

Januar 1945

Erlbach, den 1. Januar 1945

Mein lieber Helmut, wir wünschen dir im Neuen Jahr vor allem Gesundheit. Möge dein Los erträglich sein. Gott behüte und beschütze dich in allen Lebenslagen und führe dich glücklich wieder in dein Elternhaus zurück. Dies ist unser innigster Wunsch. Deine Eltern.

Erlbach, den 2. Januar 1945

Lieber Helmut. Heute kam durch die Post 81.09 RM. Auf der Karte steht: Nachlass. Nur dies eine Wort, und damit sollen wir uns abfinden. Mich berührt dies Wort nicht, denn ich fühle ganz bestimmt das du lebst. Hoffentlich bleibst du gesund und wir stark, damit wir uns doch noch wiedersehen. Es grüßen dich in weiter Ferne deine Eltern.

Erlbach, den 8. Januar 1945

Heute kam ein Brief vom 3. Oktober (1945) zurück. Nun ist alles zurück außer den Päckchen die du nicht bestätigt hast.

Erlbach, den 9. Januar 1945

Mein lieber Helmut! Heute brachte uns die Post deine Eigentumssachen zurück. Es sind die von uns an dich gesandten Briefe von September und einer vom August. Dein Schuhputz Beutel, ein Wäschebeutel mit den weißen Mausostrümpfen, 9 Taschentüchern und ein Seiftuch. Die Ledertasche ohne Rasierzeug, mit drei Stück Kernseife, 2 Stück Tonseife, 2 Kämme und ein Hindenburg Licht. Ein Notizbuch mit Adressen, ein Taschenatlas von Norwegen, ein Notizbuch mit Witze von Skjold und Kvesmanns (?). Ferner eine Anzahl leere Couverts und 11 Couverts mit Briefen von Bekannten. Es fehlen deine Pantoffel, das Nähzeug und die Sachen bei dir, gebrauchen könntest du sie bestimmt. Noch besser wäre es, wenn du genügend warme Sachen bei dir hättest. Wir können dir nun nicht mehr helfen und sind und waren auch in letzter Zeit die Hände gebunden. obwohl dich die Feldpost noch erreichte, konnten wir dir ja auch nichts senden, weil ja nicht einmal 100 Gramm Päckchen nach Finnland gingen. Es ist und bleibt eine traurige Tatsache. Wir können nur wünschen und hoffen, dass es dir trotz alledem noch erträglich geht, vor allem, dass du gesund bleibst. In diesem Sinne sind unsere Gedanken immer bei dir und wir grüßen dich in weiter Ferne. Deine Eltern.

Erlbach, den 14. Januar 1945

Heute ist Sonntag. Da sind die Sonntags - Soldaten wieder unterwegs (Volkssturmübung). Dienstanfang ist 8 Uhr. Alle Männlein von 16 bis 60 Jahren sind auf dem Robert-Braun-Platz versammelt. ½ 9 Uhr wird die Höhe nach Schlosspenzel durchgekämmt, dort ist nämlich der Feind. Vergangenen Sonntag war sogar Militär aus Plauen da zum Ausbilden. Da war für manche vor- und nachmittags Dienst. Was das bedeutet, wenn schon in der Woche jeden Tag 11 Stunden gearbeitet wird, kannst du dir denken. Na, solange der Dienst in der Heimat ist, wird es aus, aber, aber, ich glaube, dass auch diese älteren Herren noch mit Frontdienst tun müssen. Solange noch gesunde Menschen da sind, hört ja dieser verfluchte Krieg nicht auf. Es hat alles ein Ende, aber diesmal geht es bis zur völligen Vernichtung. Es fragt sich nur, wer der Vernichtete sein wird, der Feind oder wir. Dass auch die Gegenseite alles daran setzt, sieht man ja auch wieder bei dem letzten Terrorangriff auf Nürnberg am 2. Januar 1945. Da soll es 22 000 Tote gegeben und noch eine 0 mehr Obdachlose, und das in einer Zeit von 30-40 Minuten. Wir haben ja das Geblitze und Krachen gehört und gesehen. Dass es furchtbar war, haben wir uns denken können. Wie lange das noch so fort geht? Wie lange werden die Menschen das viele Leid noch ertragen? Tröger, Ruth kann sich bis Ende Januar auch bereit- halten für die Wehrmacht (Flack). Desgleichen Renz, Friedhilde und Penzel, Günther seine Schwerster. Die ersten vom Dorf, Penzel Günter ist auf Urlaub da, er kommt vom Osten nach dem Westen. Der kleine Meinel Ecke Schulstr. (Heischkel) ist gestern fort zum Arbeitsdienst. 16 - jährig. Hackl - Heinz sein Vater, Schöne - Hugo und Erlbeck - Paul sind Donnerstag, den 11. Januar 1945 zum Schippen auf ¼ Jahr nach Schlesien, dorthin, wo Onkel Albert war. Rudi Pschera ist am 2. oder 3. Januar wieder fort. Geschrieben hat er aus Westpreußen. In Ostpreußen sowie an der ganzen Ostfront sind nun schwere Kämpfe entbrannt. Heute waren von Mittag an bis nachts 1 Uhr Flieger im Land. Abends und in der Nacht sind Verbände über Plauen geflogen und auch bei uns hörte man das Brummen.

Erlbach, den 15. Januar 1945

Wie man heute hört, sollen die Flieger gestern Abend in Gera gewesen sein. In Plauen wurde starkes Bombenwerfen gehört. Auch bei uns wurde rotes und grünes Licht nach west - östlicher Richtung beobachtet.

Erlbach, den 16. Januar 1945

Mein lieber Helmut! Soeben brachte die Post ein Päckchen zurück. Am 20. September 1944 habe ich dir ein Päckchen mit einem Schal Nr. 11 und eins mit Armmuffchen, 2 Lichter Nr. 10, u. Vitamin geschickt. Lichter u. Vitamin fehlen. Schal und Armmuffchen in ein Päckchen verpackt zurückgekommen. Ich hätte doch gedacht, dass diese Sachen noch in deine Hände gelangt sind. Aber leider, leider. So kommt jede Woche ein Gruß von dir, aber leider immer einer über den man sich nicht freuen kann. Die Briefpost hattest du bis 2. Oktober bestätigt, also gingen diese 100 Gramm - Päckchen doch länger. Es ist nun nicht zu ändern. Du musst sehen wie du über die kalte Jahreszeit hinweg kommst und wir müssen uns damit abfinden, dass wir unseren Jungen im Hohen Norden bei Kälte, Schnee und Finsternis nicht einen kleinen Funken Freude, Licht oder Wärme bringen können. Wir haben ein fremdes Kind im hause, dem wir alles bieten und unser Junge ist wo? Es geht ihm wie? Überall nur ein ? Und das danken wir den Kriegsverbrechern, die diesen furchtbaren Krieg in die Welt gesetzt haben und der von Tag zu Tag furchtbarer wird. Na, alles hat ein Ende, und so wollen wir auch jetzt noch hoffen, dass doch eines Tages die Sonne für die geplagte Menschheit scheint. Unsere Gedanken sind immer bei dir und wir wünschen dir vor allem Gesundheit, dann wird alles andere auch werden. Soeben ertönt wieder Alarm. Die Luftmörder beginnen wieder ihre Arbeit. Arme, geplagte Menschheit. Der Alarm, der von 11.40 Uhr bis 14 Uhr dauerte, brachte für Plauen wieder Bombenabwürfe. Die feindlichen Flieger haben auch Erlbach und Umgebung überflogen. Es waren große Verbände. 16. Januar 1945 abends von ½ 10 - 12 erneuter starker Alarm. Soviel feindliche Flieger sind vielleicht noch nie über uns weg. Das Aufblitzen ist in Richtung Plauen - Zwickau, auch im Sudetengau und Thüringen. Lieber Helmut, auch unser Gretchen ist nicht mehr. Sie ist mittags ½ 12 Uhr aus dem Kasten unter dem Ofen raus und legte sich davor auf die Decke. ich dachte, es wird ihr zu warm gewesen sein. Als sie aufstand, konnte sie das hintere rechte Bein nicht mehr gebrauchen, es war gelähmt. Abends auch noch das linke, und nach dem Alarm ½ 2 Uhr ist sie dann gestorben. Wohl dem, der nichts mehr von dieser furchtbaren Welt sieht. Die Natur wäre so schön. Am Sonntag war ein herrliches Wetter. Der Schnee ist schön fest, dazu schien die Sonne, es war wie Ostern, wie Auferstehung. Die folgenden Tage brachten uns aber die Gewissheit, dass wir in der Zeit der Vernichtung und des Niedergans leben. Wann wird das Ende kommen und damit ein Aufschwung zum Guten? Heute ist der dritte Tag, wo wir kein Gas haben und dies auf weiteres. Auch das elektrische Licht fehlt heute.

Erlbach, den 17. Januar 1945

Mein lieber Helmut! Der Angriff auf Plauen am 16. Januar 1945 mittags scheint schlimmer zu sein, als erst angenommen wurde. Der Obere Bahnhof hat etwas abbekommen. Das Gebäude von Gebrüder Übel, wenn man von der Bahn kommt links, ist verschwunden. Gottheil, dies alte berühmte Geschäft. Barthols Elternhaus, ein Lazarett in der Mutschmannschule und vieles andere. Auf dem Bahnhof wurden zwei Züge vernichtet. In einem saß wohl auch Herr Forkel, der heim fahren wollte, von ihm fehlt jede Spur, ebenso von einem Kollegen von ihm. Heischkel Waldas Mutter war in der Bahnunterführung und wurde verletzt am Arm, die Kleider gerissen, Hut und Handtasche fehlen ganz. An dieser Stelle soll es die meisten Toten gegeben haben. 500 ? Zu gleicher Zeit sollen diese Bomber auch den Dresdener Hauptbahnhof getroffen haben. Wie schon gesagt, waren große Verbände da und abends noch größere, denn es war ein furchtbares Gebrumme und Geblitze. In treuen Gedenken Deine Eltern.

Erlbach, den 18. Januar 1945

Mein lieber Helmut! Heute meldet das OKW (Oberkommando der Wehrmacht) die Besetzung von Tschenstochau durch die Russen. Bei Kinlev (?) schwere Kämpfe. Warschau wurde aufgegeben. Da sind sicher noch viele Zwickauer Kameraden von dir dabei. Auch Preuße Siegfried ist mit dort, der schon einmal leicht verwundet war. Rudi Pschera kommt nun vielleicht auch wieder ins schönste Elend, denn er schrieb aus Westpreußen. Obwohl er wieder KV (kriegsverwendungsfähig) ist, kann er noch nicht mit marschieren, denn der Fuß ist nicht mehr ganz in Ordnung. Aber wer fragt danach? Und jeder Mann wird gebraucht, wenn wir nicht untergehen sollen. Lieber Helmut, was wirst du oft denken, wenn Ihr schon erfahrt, was jetzt los ist. Und ich glaube bestimmt, dass Euch die Russen ihre Erfolge nicht verheimlichen, dondern eher noch vergrößern, damit Euer Los noch schwerer zu ertragen ist. Wenn uns nur der liebe Gott die Kraft gibt, das wir dies alles ertragen können, denn einmal geht auch der furchtbare Krieg zu Ende und dann wollen wir uns gesund wiedersehen. Dies hoffen und wünschen Vater und Mutter.

Erlbach, den 19. Januar 1945

Mein lieber Helmut! Heute erhalten wir wieder einen Brief von deiner Dienststelle 00620: O.A. den 8. Januar 1945. Eine Benachrichtigung über Ihren am 23. Oktober 1944 in Nordnorwegen vermissten Sohn Rkr. Helmut Adler, ist bereits Anfang November über Ihren Ortsgruppenleiter an Sie ergangen. Nähere Angaben über den Verbleib Ihres Sohnes können auch seine Kameraden nicht machen. Sollten jedoch noch irgendwelche Unklarheiten bestehen, so ist die Einheit gerne bereit, sie soweit als möglich zu beantworten. H.G. Seig. Ich möchte nur wissen, an welch einer entlegenen oder einsamen stelle dich der Iwan geschnappt hat. Wir müssen uns eben gedulden, bis du zu uns heim kommst und selber berichten kannst von der schwersten zeit deines Lebens. Bis dahin wollen wir gesund und stark bleiben, damit uns dieser unselige Krieg nicht zerbricht, und wir einer glücklicheren Zukunft entgegen gehen können. Alles Gute für dich, lieber Helmut, deine Eltern.

Erlbach, am 26. Januar 1945

Mein lieber Helmut! Was soll ich dir zuerst berichten? Es ist so vieles in dieser schweren Zeit. Die Sammlung zum Volksopfer (Spinnstoffe) ist ganz groß. Es wird aber auch viel gebraucht, denn die Flüchtlinge nehmen im erschreckenden Massen zu. Erlbach erwartet wieder welche, ob Schlesier oder Ostpreußen ist noch nicht bestimmt. Die Ungarn und Kroaten sind in der Weihnachtswoche wieder fort. Wie gesagt, wieder in die Gegend von Linz. Diese Woche waren Onkel und Tante Matthes in Landwüst, da wurde erzählt, dass auf der Straße Raun - Brambach ein Treck Ungarn von 700 Gespannen sich bewegt. Bei dieser Kälte und dem Schnee ist dies sicherlich kein Vergnügen. Hackl (Heinz) sein Vater kamen gestern früh mit seinen Kameraden Schöne und Erlbeck wieder hier an. Sie sind an der schlesischen Grenze schippen gewesen bei Glogau wo Onkel Albert auch war und mussten ausreisen weil der Iwan kam. Es müssen an der Strecke Glogau - Breslau - Dresden furchtbare Zustände herrschen. Alles will flüchten. Der Wehrmachtsbericht meldet gestern, am 25. Januar 1945, dass 30 sowjetische Panzer die Oder bei Steinau überschritten haben. Diese Gegend ist dir ja auch bekannt. Die Stadt Breslau wurde gestern als Festung erklärt! Auf den Bahnhöfen spielen sich unbeschreibliche Tragödien ab. Mütter verlieren ihre Kinder. Die wenigen Habseligkeiten, die Leute in der Eile mit fort bringen, wurden wieder auf den Bahnsteig geschmissen, um den flüchtenden Menschen Platz zu machen. In den Wagen sind zum Teil keine Fenster. Kleine Kinder sterben unterwegs durch die Kälte. Tote Kinder liegen auf der Straße, um die sich niemand kümmert. Jeder denkt nur an Flucht. Die ganzen Schulen bei uns sind geschlossen und werden als Massenquartiere hergerichtet. Zu aller Not wird auch hier das Brennmaterial knapp. Was wird aus der Ernährung noch werden? Die Leute flüchten aber die Vorräte bleiben zurück und das wird sich noch sehr bemerkbar machen. Arme geplagte Menschheit! Hier bei uns ist ja sowieso schon internationaler Betrieb. Zu den Hamburger und Leipziger Evakuierten kamen Bremer Jugend, dann am 10. Oktober 365 Ostpreußen, dann 380 Ungarn und Kroaten, die inzwischen weitergeleitet wurden und jetzt wird jeder verfügbarer Raum noch belegt werden. Vor der nahen Zukunft möchte einem Angst und Bange sein, aber damit ist uns auch nicht geholfen, wir müssen und wollen durch und wenn es noch so schwer ist, denn einmal wird auch für uns die Sonne wieder scheinen. Lieber Helmut, gestern hat mir geträumt, Günther (Matthes) war auf Urlaub da, er ging mit seinem Vater durch den Schulhof und wie ich mich umdrehe und zum Vater sagen will, dass Günther drüben im Hof ist, stehst du auch in der Küche als ein großer breiter, junger Mann und ich sagte zu dir, na wo kommst denn du her? So weit wenn es wäre, dass ihr beide wieder daheim wäret, aber bis dahin werden wir noch vieles erleben. Hoffen wir, dass es Euch gesundheitlich gut geht und das eure Lage erträglich ist. Dies wünschen Eure Eltern.

Erlbach, den 28. Januar 1945

Lieber Helmut! Gestern, Sonnabend, kam ein Sonderzug mit westpreußischen Flüchtlingen. Acht Tage waren diese unterwegs, manche ohne Essen. Dazu die Kälte. Viele haben nur was sie auf dem Leibe tragen. Durch Kälte und Hunger sind Ausfälle zu beklagen. Alle Schulen, Gasthäuser sind belegt. Vergangene Nacht hat bei Barthols eine Frau entbunden. (im Gastzimmer auf Stroh, wie vor 1945 Jahren zu Bethlehem) und ich dachte wir leben im Fortschritt und sind ein hochkultiviertes Volk. Die Not und das Elend, das wir jetzt sehen spricht anders. Noch schlimmer ist es, wenn man es selbst erlebt. Wird uns das Schicksal davor bewahren? Vater war heute im Kino und zwar der ganze Volkssturm. Es wurde hauptsächlich Tarnen vorgeführt. Dann waren heute von unsere Gisela die Großeltern da, sie wollten ihre Enkelkinder mal besuchen und sehen, wo und wie sie untergebracht sind. Die Herrschaften leben schön unbeschwert und ungebunden und wir können uns mit anderer Leuten Kinder herumschlagen. Es gibt aber auch noch erfreuliche Sachen. Pschera, Werner kam nämlich gestern Abend, am 27. Januar 1945, auf Urlaub. Er sagte, er hat sich tatsächlich gefreut, als er hörte, dass du nachdem hohen Norden gekommen warst und das Schicksal hatte es doch anders für dich bestimmt. Werner fährt weiter nach Berlin, um seinen Entlassungsschein entgegen zu nehmen und damit die Genehmigung, wieder nach Dänemark gehen zu können. Der Winter ist dieses Jahr herrlich. Bis jetzt ist immer fest und jetzt schneit es wieder. Die Kälte langt zu, ist aber erträglich. 10 - 13 Grad. Hoffentlich ist es in Eurem O.R. (Operationsraum) auch auszuhalten. Dies wünschen deine Eltern.

29. Januar 1945

Heute feiern Herolds (Nachbar und Lehrer Rudolf Herold wohnte in der Schule) Silberhochzeit. Es wird eine sehr ruhige Feier sein. Wir waren abends von 9 ¼ - ¾ 12 Uhr drüben gratulieren.

31. Januar 1945