Das Liebesleben Napoleons I. - Joseph Turquan - E-Book

Das Liebesleben Napoleons I. E-Book

Joseph Turquan

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Joseph Turquans biographische Studienwerke über General Napoleon Bonaparte und die weiblichen Mitglieder seiner Familie sind auch bei uns seit vielen Jahren bekannt und beliebt und haben durch dieses Buch, das der Autor unter dem Titel "Das Liebesleben Napoleons" veröffentlichte, eine wertvolle Bereicherung erfahren. Wie auch in seinen früheren Büchern benützt Turquan auch hier in erster Linie die Urteile und Berichte der Zeitgenossen, aufgrund deren er uns eine authentische Schilderung der verschiedenen Liebesepisoden präsentiert, die im Leben des großen Korsen eine mehr oder weniger bedeutende Rolle spielten .

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

Das Liebesleben Napoleons I.

 

JOSEPH TURQUAN

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Liebesleben Napoleons I., Joseph Turquan

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783849680082

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

 

INHALT:

I. Kapitel1

II. Kapitel.17

III. Kapitel.35

IV. Kapitel.49

V. Kapitel.67

VI. Kapitel.85

VII. Kapitel.101

VIII. Kapitel.121

IX. Kapitel.138

X. Kapitel.155

I. Kapitel

Der junge Napoleon de Bonaparte, "königlicherZögling", hatte soeben die Militärschule absolviert, hatte sein sechzehntes Jahr überschritten, ein Offizierspatent in der Tasche, manchen Wunsch im Herzen, manche trügerische Idee im Kopfe und ging in Erwartung seiner Einstellung als Unterleutnant in das Artillerie-Regiment La Fère, welches in Valence garnisonierte, in Paris spazieren!

Paris war damals noch nicht wie heute eine Prachtstadt; es gab dort mehr Schmutz als Luxus, allein es war bereits hochberühmt und galt für die Metropole der Welt. Der junge Napoleon hatte Paris bis dahin nur flüchtig kennen gelernt, jetzt aber Muße, es ganz zu genießen.

Man versetze sich in sein Lebensalter und in das selige Gefühl, zum ersten Mal die Offiziersepaulette auf der Schulter zu haben! Noch ein Kind in seinen Vorstellungen, war er doch in seinen ehrgeizigen Grübeleien bereits zum Manne gereift: weit offen sah er die Welt vor sich liegen. Man vergegenwärtige sich die knappen pekuniären Verhältnisse, in denen er seine Kindheit verlebt hatte, auch die Lage seiner Familie, die seit dem Tode des Vaters nichts weniger als gesichert war –– ach diese Lage war es, die dem jungen Weltlehrling einige Befürchtungen aufdrängte und sein Glück störte. Man tue zu alledem die Phantasie, die Herzensglut des korsischen Naturells, und man wird sich ungefähr einen Begriff davon machen können, mit welchen Empfindungen der Sohn Carlo de Bonapartes seine goldenen Epauletten spazierenführte. Zu der Genugtuung, dieselben seiner eigenen Arbeit zu verdanken, gesellte sich das Bewusstsein, nunmehr wenigstens die eigene Zukunft gesichert zu sehen.

Gab es keinen Krieg, der ihn im Avancement gefördert, oder ihm ein schnelles Ende bereitet hätte, so wäre er schlimmsten Falles als Kapitän, geschmückt mit dem Orden des heiligen Ludwig, pensioniert worden. Dabei war ja allerdings von Überfluss keine Rede, aber in Korsika konnte man immerhin mit Wenigem anständig leben –– vielleicht in Ajaccio einigen Einfluss gewinnen und –– wer weiß! War sein Vater nicht Adelsabgeordneter der Insel gewesen?

Solche Betrachtungen und Gedanken wogten wie ein bewegtes Meer in dem Gehirn des jungen Offiziers; auch dachte er daran, dass er fortan der Mutter nicht mehr zur Last fiele –– der armen Frau, die viel Mühe hatte, mit ihren dürftigen Einkünften die zahlreiche Familie zu erhalten. Konnte er sie nicht sogar nunmehr mit seinen Mitteln unterstützen? Das Gehalt eines Unterleutnants war allerdings nur knapp: einundsiebzig Livres und fünf Sous monatlich! Allein, da der junge Mann bisher gar nichts gehabt hatte, so erschien ihm diese Summe nach allen Richtungen hin ausreichend.

Im Banne so angenehmer Täuschungen durchstreifte er hin und her Paris, tauschte Blicke mit den frivolen Damen im Palais Royal, welche ihr Lächeln und ihre Liebe –– lauter vergriffene und abgenutzte Artikel — mit gutem Profit feilboten; er gefiel sich zwar darin, zu tun, als ob er über gewisse Dinge erhaben wäre, als ob ein runder Arm, eine volle Schulter, ein entblößter Busen keinen Eindruck auf ihn machten, er fühlte aber doch den Wurm im Herzen, und die Zeit wird kommen, da er der Versuchung als Mann begegnet.

Er fühlte sehr wohl, was bei untergeordneten Wesen, bei den kalten Naturen des Nordens, wegfällt, den Pulsschlag seines warmen Blutes, seiner sechszehn Jahre und die Unterhaltungen, die er mit den Kameraden pflog, waren als Beruhigungsmittel gerade nicht zu verwenden. Unter diesen jungen Leuten pflegt ja einer auf den Andern einzureden, Einer den Andern zu spornen und in Tollheiten zu überbieten: die Uniform ist ja bekanntlich keine Zwangsjacke für lockere Gelüste!

Die Jugend hat nun einmal das unwiderstehliche Verlangen nach Erweiterung einengender Schranken; sie ist voll Hingebung, Opfermut, Tatendrang, das sind die süßen Qualen junger Menschenherzen! Das Bild, welches die Jugend sich vom Leben macht, ist von Hunderten bunter Lichter beschienen. Dabei haben junge Leute oft die seltsame Marotte: hinter einer Art von sinnlichem Zynismus das zu verstecken, was ihnen in der Seele glüht: so kommt Irrlicht zu Irrlicht!

Napoleon verließ Paris Anfangs Oktober 1785. Mit ihm ging einer seiner Kameraden von der Pariser Schule, der junge Alexander de Macis, welcher ebenfalls dem Regiment La Fère zugeteilt war.

Ein Reisegefährte in jenen Tagen, in welchen die Fortbewegung auf der Landstraße nur langsam vor sich ging, war sehr willkommen; auch war Bonaparte damals noch nicht so schweigsam, wie in späteren Jahren und ließ während der Reise seinem munteren Temperament ungehindert die Zügel schießen: er stellte die seltsamsten Ideen auf, brachte Systeme zur Geltung, von denen das eine immer wunderlicher war, als das andere. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um die Liebe –– so machen es ja auch ältere Herren, wenn sie über Politik, Religion oder Geschäfte Nichts mehr zu sagen haben.

Bei der Ankunft in Lyon trennte sich Bonaparte von Macis, um einen Freund der Familie aufzusuchen; dies war Herr Barlet, der dem jungen Leutnant einen Empfehlungsbrief nach Valence an den Abbé de Tardivon mitgab.

Herr de Tardivon gehörte zu den großen Herren der Provinz, er war ein literarisch gebildeter, feinsinniger Mann, der den Umgang mit Damen besonders liebte. Er nahm den ihm Empfohlenen mit großer Freundlichkeit auf und stellte ihn in mehreren Familien von Valence vor, zu nennen ist vor allem Frau Gregorius de Colombier.

Diese Dame, die bereits über die Fünfziger hinaus war, hatte, wie dies bei Damen ihrer Altersstufe nicht selten ist, eine gewisse Vorliebe für ganz junge Männer es schien, als fühle sie den Beruf in sich, ihnen als Führerin bei den ersten Schritten auf der nicht selten gefährlich glatten Lebensbahn zu dienen. Es dauerte auch nicht lange, und der junge Artillerie-Leutnant war ihr erklärter Liebling. Sein Geschwätz gefiel ihr, ja sie ermunterte ihn und gab sich Mühe, ihm die Unhaltbarkeit seiner meisten Anschauungen klarzumachen; sie legte eine geradezu mütterliche Sorgfalt in ihren Ratschlägen an den Tag.

Sobald die Jahreszeit schön zu werden begann, erging die Einladung an ihn, sie auf ihrem Landsitz, welcher etwa zwei Meilen von Valence entfernt lag, zu besuchen. Vielleicht hatte Frau du Colombier, neben dem Vergnügen, welches ihr die mit stürmischer Lebhaftigkeit vorgetragenen Thesen des jungen Kriegers machten, noch einen geheimen Wunsch, welcher die Einladung veranlasst hatte; sie hatte nämlich ein Töchterchen, Caroline mit Namen, und hätte es –– wer weiß –– vielleicht gern gesehen, wenn Bonaparte dasselbe zur Frau begehrt hätte.

"Man konnte Caroline," so hören wir von einer mit ihr bekannten Dame, "nicht gerade hübsch nennen; allein sie war sehr liebenswürdig und hatte in ihrem Auftreten viel Grazie."

Diese Dame, es ist die Herzogin von Abrantes, berichtet ferner, dass Napoleon selbst zuweilen erzählt habe, es sei damals von einer Heirat zwischen Caroline und ihm die Rede gewesen. Das "Mémorial de St. Hélène" widerspricht jedoch der gern und leichthin plaudernden Herzogin und sagt:

"Es ist unrichtig, was man sich erzählt hat, dass die Mutter die Heirat gewünscht, der Vater sich aber derselben widersetzt hätte."

Es erscheint wahrscheinlich, dass Frau du Colombier die Heirat gern gesehen hätte, und wahrscheinlich, dass Napoleon, wäre er längere Zeit in Valence geblieben, den entscheidenden Schritt auch getan hätte, denn die junge Dame war ihm sehr sympathisch, finden wir doch im "Mémorial" auch folgende Stelle:

"Napoleon fand Gefallen an Fräulein du Colombier, welche ihm ihrerseits zugetan war. Es war bei Beiden die erste Liebe."

"Wir waren beide," so heißt es an anderer Stelle, "die Unschuld selber; wir gewährten uns gegenseitig dann und wann ein Stelldichein; an ein solches erinnere ich mich noch heute, es fand im Hochsommer bei Tagesanbruch statt –– es ist kaum glaublich, aber wahr: unser ganzes Glück bestand darin, dass wir gemeinschaftlich Kirschen verzehrten."

Wem fiele dabei nicht die Zusammenkunft Rousseaus mit Fräulein Gattry ein? Es ist doch merkwürdig, dass in dem Liebesleben dieser beiden großen Männer der Genuss von ein paar Kirschen, ein platonischer Genuss möchte man sagen, eine solche Rolle spielt –– merkwürdig auch, dass der eine etwas ahnte von der Größe des anderen, sagt doch Rousseau in seinem "Contrat Sozial":

"Ich habe etwas wie ein Vorgefühl, dass diese kleine Insel (Korsika) Europa einst in Erstaunen sehen wird."

Es handelt sich bei Napoleon um reine, keusche idyllische Erinnerungen, die nicht erblassen sollten vor viel gewaltigeren, aber weniger ätherischen seiner späteren Jahre. Ob Fräulein du Colombier auch mit Herrn de Bressieur im Morgenlicht eines schönen Julitages Kirschen aß, ist nicht zu ermitteln, feststeht nur, dass sie später diesen Herrn, der Kapitän im Regiment Lothringen und Ritter des Ludwigordens war, geheiratet hat, Bressieur war natürlich nicht mehr jung und schüchtern, wie Bonaparte; dieser aber vergaß Frau de Bressieur ebenso wenig, wie die Kirschen des Fräuleins du Colombier. Als er auf der Rückkehr aus Ägypten nach Paris unterwegs war, wollte er den Damen du Colombier, welche er in Basseaux vermutete, seine ehrerbietigen Empfehlungen zugehen lassen, erfuhr aber, dass dieselben in Bressieux, einem kleinen Ort im Departement der Isère waren, woselbst Caroline, die seit dem März 1792 Frau de Bressieux war, Aufenthalt hatte.

Ebenso wenig vergaß Napoleon, als er Kaiser geworden war, die Freundin seiner Jugend, die übrigens pfiffig genug war, sich seiner Erinnerung noch besonders aufzudrängen. Es existiert ein Brief Napoleons aus dem Lager zu Boulogne, welcher hierhergehört und folgendermaßen lautet:

An Madame Caroline Bressieux.

Pont-de-Briques, 2 Fructidor des Jahres XII. Madame, Ihr Brief hat mir viel Freude gemacht. Die Erinnerung an Ihre Frau Mutter und Sie ist mir stets lebendig geblieben. Ich werde die erste Gelegenheit ergreifen, um Ihrem Bruder nützlich zu sein. Ich ersehe aus Ihrem Briefe, dass Sie in der Nähe von Lyon wohnen, ich muss Ihnen daher Vorwürfe machen, dass Sie sich während meines dortigen Aufenthaltes nicht eingestellt haben, denn ich werde mich stets sehr freuen, Sie wieder. zusehen. Seien Sie überzeugt von meinem Wunsche, mich Ihnen angenehm zu machen.

Napoleon.

Bald darauf wurde Frau de Bressieur Ehrendame im Hofhalt von Madame Mère.

"Sie war," sagt die Abrantes, geistreich, sanftmütig, von sehr angenehmen Umgangsformen. Ich begreife sehr wohl, dass der Kaiser morgens 6 Uhr Kirschen mit ihr pflückte, ohne an etwas Schlechtes zu denken. Das erste Mal, als ich ihr begegnete, überraschte mich das lebhafte Interesse, welches sie an den geringfügigsten Handlungen des Kaisers nahm. Sie schien ihn mit den Blicken einer ihrer Seele entsteigenden Teilnahme zu verfolgen."

Nach dem ersten kurzen Aufenthalt in Valence, während welchem seine Vorliebe für die gute Gesellschaft ihn vor jenen Abenteuern bewahrt hat, welche nur zu häufig verderblich für die Laufbahn junger Männer seines Standes werden, kam Napoleon nach Lyon, wohin sein Regiment zur Unterdrückung von Tumulten Marschordre erhalten hatte. Auf Lyon folgte Douai, von wo er für einige Zeit nach Ajaccio auf Urlaub ging.

Im Monat Februar 1787 kam er durch Marseille, wo er die Bekanntschaft der Frau Saint-Huberti, einer damals berühmten Sängerin, machte. Die Saint-Huberti, welche einige Zeit später den bekannten Agenten der Bourbonen, den Grafen d'Antraigues heiratete und 1812 mit ihrem Gemahl von einem italienischen Diener in London ermordet werden sollte, sang damals mit großem Erfolg die "Dido" in der gleichnamigen Oper. Der junge Leutnant soll durch die herrliche Stimme der Sängerin so bewältigt worden sein, dass er seiner Begeisterung in Versen an sie Luft machte.

In seinem Buch "La Saint-Huberti" sagt de Goncourt:

"Der Zauber, welchen die Saint-Huberti auf das Publikum ausübte, hatte nicht nur den Vorzug, die ersten heilig reinen Vorstellungen der Liebe in dem großen Dichter des neunzehnten Jahrhunderts[1] neu zu beleben, die Sängerin hatte auch das Glück, bei einer Aufführung der "Dido" einen jungen Leutnant, der später Napoleon I. werden sollte, zu seinen ersten –– vielleicht zugleich einzigen –– Versen zu begeistern."

Die etwas ungeschickten Verse hat de Goncourt in den hinterlassenen Schriften der Abrantes aufgefunden; sie lauten etwa also:

Römer, die Ihr stolz auf Euren Ursprung seid,

Denkt daran, wie Euer Reich entstanden.

Wenig Beifall Didos Reize fanden,

Denn es floh der Held, den sie wohl gern gefreit.

Hätte unsre Dido, die hier herrschend weilt,

Damals auf Carthagos Thron gesessen,

Jener wäre fliehend nimmermehr enteilt.

Eine Wildnis Euer Land geblieben.

Die Herzogin von Abrantes sagt, es wären die Verse ihr vom Herzog von Ragusa (Maret) mitgeteilt worden. Soll man ihr glauben? Es ist ja bekanntlich einer der redete und Einer, der hört; man kann sich hier der Bemerkung nicht erwehren, dass, so poetisch Napoleon auch damals gestimmt sein mochte, er doch von den Regeln der französischen Verskunst nur sehr wenig verstand. Man weiß, dass er in litteris überhaupt nicht sonderlich bewandert war, dass er z. B. statt "Session" stets "section", statt "Amnestie""armistice" (Waffenstillstand) &c. sagte.

In den 'Memoiren Lucians' ist allerdings auch die Rede davon, dass Napoleon in seiner Jugend gedichtet habe. Wir lesen da folgendes Gespräch:

Lucian: Hättest Du, Bürger Konsul, Dich mit der Poesie beschäftigt, so hättest Du auch darin, wie in allen anderen Fächern, Glänzendes geleistet."

Napoleon: Wohl möglich! Aber woher die Zeit nehmen . . die Zeit, mein lieber Lucian! Erinnerst Du Dich wirklich noch meiner ersten Versuche?"

Lucian: Natürlich. Dein launiger Bericht über den Pfarrer von Gualdo hat die ganze Familie entzückt, ebenso die Schöngeister unserer Heimat, wie Pozzo di Borgo, die Barberi und andere. Wie oft habe ich selber ihnen voll Freude und Stolz deinen "Pfarrer von Gualdo" vorgelesen!"

Napoleon: "Ja, ich muss zugeben, das Gedicht war so übel nicht, allein es war doch mehr vom Patriotismus, als von der Poesie eingegeben."

Napoleon hat also wirklich Verse gemacht! Man darf nur nicht glauben, dass es französische Verse waren. Es waren korsische, wie sie noch heute dort unter Natursängern vorkommen. Der Titel des angeführten Gedichtes "Der Pfarrer von Gualdo", lässt auf ein korsisches Kauderwelsch schließen, wie man es etwa in der "Colomba" von Prosper Mérimée findet. Außerdem ist es auf Korsika Sitte, dass besonders bei Familienfesten Reimereien zum Besten gegeben werden, welche, wenn es sich um glückliche Ereignisse, "Sonnetti", wenn es sich um unglückliche Ereignisse, Todesfälle &c. handelt "Lamenti" heißen; sie sind ganz eigenartig, von blumenreicher Sprache und werden, auf bunte, seidene Tüchelchen gedruckt, verteilt.

Dass Napoleon einige Augenblicke, vielleicht sogar einige Tage in die Saint-Huberti verliebt war, ist leicht möglich: in seinem Alter ist man gewöhnlich in jedes weibliche Wesen verliebt. Wenig Vertrauen erwecken die, wenn auch recht holprigen Verse insofern, als es sich um Napoleon als deren Autor handelt. Die Episode hat für sein späteres Leben auch nicht die geringste Spur hinterlassen, ebenso wenig wie bei der gefeierten Diva. Nachgewiesen ist jedoch, dass die spätere Feindin Bonapartes und Freundin Josephines 1796 in Italien sich über die Verliebtheit des damaligen Leutnants ausgelassen hat.

Im Monat März 1787 traf Napoleon in Ajaccio ein; der Urlaub wurde ihm verlängert und erst im Januar 1788 verließ er die Heimat wieder, um sich bei seinem Regiment, das damals in Auxonne lag, einzufinden.

Ob ihn in dieser Zeit irgendein zartes Verhältnis in Anspruch genommen hat, weiß man nicht. In Auxonne fand er keinen Abbé de Tardivon, um ihn in die Salons der guten Gesellschaft einzuführen; auch war er nicht mehr so lebenslustig, wie in Valence: er studierte und arbeitete viel, ja zu viel, denn seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig.

Zerstreuungen gibt es ja nur wenige in solchen Provinzialstädten. In Auxonne veranstalteten die Offiziere von Zeit zu Zeit unter sich Feste; der junge Bonaparte, der sehr gern tanzte, machte es den Kameraden nach und gab kleine Grisettenbälle, wie de Coston in seinem Buch "Premières années de Napoléon" berichtet. Diese Bälle führten natürlicherweise zu allerhand Abenteuern; mag man mit zwanzig Jahren den Tanz noch so sehr lieben, die Tänzerinnen liebt man doch noch mehr; es scheint jedoch in Bezug auf Bonaparte zu keinem Roman gekommen zu sein. In späteren Jahren traten einige Frauen auf, welche behaupten wollten, damals in zärtlichen Beziehungen zu ihm gestanden zu haben; ihre Behauptungen waren aber wohl gegenstandlos. Alles, was man weiß, beschränkt sich darauf, dass der junge Offizier eine gewisse Neigung, vielleicht war es mehr wohlwollende Teilnahme als Liebe, für ein junges, der Beschreibung nach recht hübsches Mädchen, die auch sonst noch Anbeter hatte, an den Tag legte. Es war Manesca Pillet, die Stieftochter eines gewissen Chabert, den Bonaparte zuweilen besuchte –– nicht oft genug in den Augen der lieblichen Manesca.

In diese Zeit aber fällt ein störendes Ereignis.

"In den letzten Tagen des Monats März 1789", so erzählt General Thiard, "kam es gelegentlich der Befrachtung eines Getreideschiffes in Seurre auf Rechnung eines Verduner Kaufhauses zu Tumulten, weil man dort eine Hungersnot befürchtete und das Getreide nicht fortlassen wollte; es wurde eine Abteilung vom Regiment La Fère von Auxonne nach Seurre geschickt; unter den zu derselben kommandierten Offizieren befand sich auch ein junger Leutnant, von etwas kränklichem Äußeren, welcher seine dienstfreien Stunden dazu benußte, Ausflüge in die Nachbarschaft, namentlich nach Navilly zu machen, wo der Bau der schönen Doubs-Brücke ihn interessierte, oder wo er einem jungen Mädchen die Kur zu machen beflissen war. Der junge Mann wurde bald darauf nach einem anderen Ort versetzt, das Mädchen heiratete, –– aber die Sache war damit nicht zu Ende. An der Spitze der Liste, welche die Namen derjenigen Bewohner von Chalon enthielt, welche dem Kaiser gewordenen Leutnant bei seinem dortigen Aufenthalt vorgestellt zu sein wünschten, hatte Herr von Thiard[2] den unbekannten Namen einer Dame gesetzt. Als die Blicke des siegreichen Cäsar auf diesen Namen fielen, umspielte ein flüchtiges Lächeln seinen Mund und er wandte sich an seinen Kammerherrn mit den Worten:

"Wie mir scheint, sind Sie mit meinen früheren Garnisonabenteuern bekannt. Lassen Sie eintreten, aber sagen Sie Niemandem Etwas."

Die schöne Unbekannte, in Begleitung eines etwa zwölfjährigen Knaben, trat ein und war von ihrer Audienz sehr zufriedengestellt; sie erhielt u. a. eine Freistelle für den Knaben an einer Regierungsschule.

Infolge seiner erschütterten Gesundheit bekam der junge Bonaparte abermals Urlaub, den er teils auf Korsika, teils in den Bädern von Orezza verbrachte. Als er wieder in Auxonne eintraf, kam sein Bruder Louis, der damals etwa dreizehn Jahre alt war, mit ihm. Die Brüder bezogen eine kleine bescheidene Wohnung von zwei Zimmern und bereiteten sich selbst ihre Mahlzeiten. Das dürftige Leutnantsgehalt musste für Beider Bedürfnisse aufkommen.

Unter diesen beschränkten finanziellen Verhältnissen war natürlich von Liebe wenig die Rede: das Geld ist ja der nervus rerum; eine Poesie bei leeren Taschen gibt es nicht. Die Redensart von der Hütte und den Herzen ist eine sehr gewagte, denn die Liebe, die nichts wie eine Hütte zu ihrem Schutz hat, fliegt gewiss bald davon. Bonaparte, der sich mit dem Fuchs tröstete und behaupten wollte, die Trauben wären sauer, war damals sehr niedergeschlagen, wovon ein von ihm verfasstes Zwiegespräch Zeugnis gibt, welches, wenn man bedenkt, dass der Verfasser damals 22 Jahr alt war, einen gar sonderbaren Eindruck macht:

"De Mazis: Was ist Liebe, Monsieur? Sagen Sie es doch. Sie sind ja ebenso organisiert wie die anderen. . . Bonaparte: Wozu nach einer Definition der Liebe fragen? Ach! Auch ich liebte einst, und habe von jener Zeit genug in der Erinnerung, um auf eine metaphysische Definition, die doch nur Das zu verdunkeln pflegt, was sie erklären soll, verzichten zu können. Ich verleugne sie, ja ich gehe noch darüber heraus, ich behaupte, dass sie der Gesellschaft, wie dem individuellen Glück des Einzelnen verderblich ist. Mit einem Wort: ich glaube, dass die Liebe mehr Unheil anstiftet als sie Gutes wirkt, und dass es eine Wohltat der uns schützenden Gottheit wäre, die Menschheit davor zu wahren und davon zu befreien."

Armer junger Mann! Er war nicht reich genug, Liebe zu kaufen, deshalb leugnet er ihr Vorhandensein. Ist es nicht das beste Mittel, sich darüber hinwegzusetzen? Im Jahre 1795, als ihm das Geld zu einem Paar Handschuhen fehlte, sagte er, seinem System treu, dass er keine Handschuhe trüge, weil es eine unnütze Ausgabe wäre.

Während er jene verbitterten Bemerkungen niederschrieb, besuchte er die wenigen ihm zugänglichen Gesellschaften. Er verkehrte im Hause des Herrn Naudin, eines Kriegskommissars, dessen Frau ihn gern sah, verkehrte auch bei Herrn Chabert: wohl weniger, um dort seine seltsamen Theorien zu vertreten, als um mit der Tochter zu kosen, die ihn, wie man sagt, hat heiraten wollen.

De Coston meint, es befänden sich vielleicht noch im Chabertschen Haus jene Spielmarken von Elfenbein, auf welche der künftige Bezwinger Europas den Taufnamen seiner Zukünftigen und den seinigen gekritzelt hätte.

Die Versetzung Bonapartes bei seiner Beförderung zum Oberleutnant nach Valence machte alledem ein Ende. In Valence beschäftigte er sich viel mit seinem Bruder, dem er Unterricht erteilte, und ging wenig aus; da kam die Revolution; die Auswanderung des Adels begann und ein Salon nach dem andern ging ein. Bonaparte war Feuer und Flamme, mächtig bewegte die Zeit seine Gedanken. "Das südländische Blut", so schreibt er an Naudin, "rauscht jetzt durch meine Adern wie die Wellen der Rhone."

Für die Liebe ging diese Flut allem Anscheine nach verloren, denn man hört in dieser Beziehung Nichts; übrigens war sein Aufenthalt in Valence von nur kurzer Dauer. Er erhielt abermals Urlaub in die Heimat; er nahm den Bruder mit und blieb wieder längere Zeit auf Korsika: im Oktober 1791 war er eingetroffen und blieb bis zum Mai 1792.

Während dieser Zeit, die ihm auch das Kapitänspatent brachte, bewarb er sich um die Stelle eines Oberstleutnants in der korsischen Nationalgarde; er hatte dazu mancherlei Veranlassung: in erster Reihe stand der pekuniäre Vorteil, er hatte stets die bedrängte Lage seiner Familie im Auge und kargte nicht mit Unterstützungen.

Die Einkünfte des Grundbesitzes blieben damals aus und für Signora Letizia gab es viel Sorgen. Eine andere Veranlassung, dass Bonaparte sich um den Posten bewarb, war die, dass er eine Liebschaft hatte: Liebschaften aber sind, selbst in Ajaccio, mit Geldausgaben verknüpft. Da er weder seine Familie noch seine Geliebte im Stich lassen wollte, so zog er es vor, statt eines Artilleriekapitäns im Heere, ein besser besoldeter Oberstleutnant in der Nationalgarde zu sein –– die Liebe bei jungen, mittellosen Leuten ist stets engverbunden mit der Geldfrage. Die Armut aber, wenn sie ein Hindernis darstellt für die Befriedigung der natürlichen Triebe junger Männer, schützt zugleich vor Lastern, welche eine Folge der wiederholten und verlängerten Befriedigung derselben sind. Diese Armut hat auch, wenigstens bei seelenstarken Menschen, den Vorteil, dass sie dieselben abhärtet; was bei denen, welche keine Behinderung finden, wegfällt.

Napoleon konnte in Ajaccio unmöglich im Hause seiner Mutter die Geliebte empfangen; er musste dieselbe irgendwo einmieten. Die Wohnung, welche er für sie fand, war in einem Haus, welches gleich beim sogenannten See-Tor lag und Eigentum einer alten Dame, der Gräfin Rossi, war. Die Herzogin von Abrantes erklärt, es wäre ihr unbekannt, weshalb zu damaliger Zeit Napoleon nicht bei der Mutter gewohnt hätte und der Baron Hippolyt Larrey in seiner naiven, blinden Verehrung für alle Glieder der Familie Bonaparte versichert, Napoleon habe deshalb nicht bei der Mutter gewohnt, weil er möglichst ungehindert mit seinen Parteigenossen habe verkehren wollen.

"Cherchez la femme", dieser alte Grundsatz bei gerichtlichen Ermittlungen, kann auch fruchtbringend bei der historischen Forschung Verwendung finden. Eben dieser Baron Larrey gibt, ohne es gewahr zu werden, übrigens den Grund an, weshalb Napoleon nicht bei der Signora Letizia wohnte, indem er sagt:

"Die Signora war beunruhigt durch ein Liebesverhältnis, welches eine junge, mit echt korsischer Eifersucht behaftete Frau mit dem Sohne eingegangen war. Auch war diese Frau, nachdem sie die Gewissheit von der Untreue des Geliebten erlangt hatte, entschlossen, Rache zu nehmen. Sie lud den Treulosen zu Tisch ein und mischte das ihm gereichte Getränk mit Gift.

Die Folgen zeigten sich auch sogleich und zwar in so bedenklicher Weise, dass das Leben des jungen Kapitäns bedroht schien. Die Mutter, welche rechtzeitig benachrichtigt worden war, eilte sogleich zu dem Erkrankten und sorgte für das prompte Einschreiten eines Arztes."

Dadurch kam Napoleon mit dem Leben davon. Es wird gewiss nicht an Leuten fehlen, welche der Giftmischerin mildernde Umstände zuerkennen, ihre Liebe, werden sie sagen, war eine so starke!

Kaum wieder hergestellt, traf die Order für die Rückkehr Bonapartes ein und zwar hatte er sich in Paris im Kriegsministerium zu melden, um über den Nachurlaub Auskunft zu geben, welchen er sich diesmal selbst bewilligt hatte; es gelang ihm, sich herauszureden, ja man erteilte ihm sogar die Erlaubnis zur Rückkehr nach Korsika, um das Commando über die dortigen Nationalgarden zu übernehmen.

So traf er denn im September wieder in Ajaccio ein; er brachte seine Schwester Marianne mit sich, welche er aus der Anstalt von Saint Cyr abgeholt hatte, nachdem die Schließung derselben von der Regierung verfügt war. Es scheint, als habe seine letzte Erfahrung seinen Eifer in galanten Angelegenheiten einigermaßen gedämpft, dazu kam auch, dass die Zeiten immer ernster wurden. Auf Korsika brach der Bürgerkrieg aus; die Familie Bonaparte war Verfolgungen aller Art seitens der Paolisten (Anhänger Paolis) ausgesetzt und nur unter Gefahren aller Art gelang die Flucht aus dem kleinen Hafen von Calvi. Im Juni 1793 landete Napoleon mit der gesamten Familie in Marseille.

Die Not, in der man sich befand, war unbeschreiblich. Die acht Kinder der Frau Letizia, welche später allesamt, mit Ausnahme Lucians, auf Thronen sitzen sollten, hatten damals weiter Nichts als das, was sie auf dem Leibe trugen; sie lebten von den Brodrationen, welche das Unterstützungskomitee in Marseille ihnen gewährte.

Napoleon meldete sich nun wieder bei seinem Regiment und fuhr fort, als treuer Sohn und Bruder, sein Kapitänsgehalt mit der Familie zu teilen; wiederum war es die Not, welche die Bewegungen der Liebe behinderte und auch in dieser Zeitepoche ist von Minnespielen keine Rede.

Nach der Belagerung von Toulon kehrte Bonaparte, und zwar als Brigade-General, nach Marseille zurück: das waren jetzt andere Zeiten, die Liebe trat in ihre Rechte, die Tochter eines Marseiller Seifenfabrikanten war die Auserkorene.

Zuvor muss erwähnt werden, dass sein Bruder Joseph, der soeben zum Kriegskommissar ernannt war, eine ältere Tochter dieses Herrn, dessen Name Clary war, geheiratet hatte. Bei der Heirat hatte wohl die Mitgift der Demoiselle Julie eine Rolle gespielt, denn die junge Dame war nichts weniger als hübsch.

Barras schildert sie als klein, mit einem kupferfarbenen Gesicht, "durchaus garstig und abschreckend".

Frau Joseph Bonapartes Schwester, Désirée mit Namen, war es, in die der junge General sich verliebt hatte, obwohl er noch vor kurzer Zeit von der Liebe als etwas dem Menschen Schädliches gesprochen und geschrieben hatte. Seine Liebe glich dem Efeu, der sich um den ersten Baumstamm schlingt, der ihm begegnet, und so ist sie geblieben, solang er lebte. Er verliebte sich bis über die Ohren in diese kleine Clary, ebenso wie bald darauf in die ihm zufällig über den Weg laufende Witwe Beauharnais. Übrigens war Désirée, wie wir vom General Ricard hören, "recht hübsch, sehr kokett und leichtfertig". Für diese Art von Frauen hatte Bonaparte stets eine besondere Schwäche, um nicht zu sagen Vorliebe. Er nahm die Gefallsucht bei Frauen gern für Intelligenz hin, natürlich, wie wir in Parenthese hinzufügen wollen, nur dann, wenn die Koketterie ihm galt. Hören wir auch, was die Abrantes sagt: "Désirée ist ein gutes Wesen, ich halte sie für ganz harmlos, sie ist sehr unbedeutend, ihr Charakter völlig farblos, in ihrem Herzen scheint Nichts, woran man allenfalls appellieren könnte, es ist wie tot."

Das Herz Désirées, Frau Herzogin, war doch nicht so tot, wie Sie behaupten. Bonaparte brauchte nicht zum zweiten Mal an dasselbe zu appellieren, denn er hatte schon beim ersten Mal Erfolg. Ja, dieses Herz war in solcher Tätigkeit, dass, nachdem es seinen Roman mit dem kleinen korsischen General gehabt hatte, es sich an den General Duphot hing. Zwischen diesem und Désirée kam es sogar zur Verlobung. Die arme Braut hatte den herben Schmerz, den Bräutigam vor den eigenen Augen in Rom erdolcht zu sehen. Dann kam die Liebe zu Bernadotte, und diese hatte einen hohen Wärmegrad. Ja, sie war in ihrer dritten Auflage so stark, dass sie "dem armen Bearner", wie wir hören, zu einer förmlichen Geißel wurde.""

Da Désirée während der Restauration auch noch für den Herzog von Richelieu in Liebe erglühte und diesen Herrn über ganz Europa mit ihren Wünschen verfolgte, so kann doch füglich von einem "toten Herzen" keine Rede sein.

Auch wird vielfach behauptet, Désirée sei ihren Erinnerungen an Bonaparte treu geblieben und die glimmenden Reste des nie ganz erstickten Feuers wären Veranlassung gewesen, dass sie sich später so hartnäckig weigerte, Frankreich zu verlassen.

Es steht fest, dass vor dem 13. Vendémiaire Bonaparte sich mit der Absicht trug, Fräulein Clary zu heiraten. "Er beneidete," so erzählt Bourienne, "Joseph um sein häusliches Glück. "Was dieser Schwerenöter, dieser Joseph, doch glücklich ist", pflegte er zu sagen."

Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass die noch junge, "kokette und leichtfertige" Désirée eine sehr lebhafte Neigung für den General hatte. Dieser schrieb in jedem Brief an Joseph, er solle ja nicht vergessen, Désirée zu grüßen und ihr in seinem Namen alle Artigkeiten zu erweisen.

So heißt es auch in einem Brief vom 22. Mai 1792: "Bringe mich Deiner Frau und Désirée in Erinnerung", und in einem andern vom 25. Juni: "Désirée wünscht mein Porträt, ich werde es machen lassen und Du wirst es ihr überreichen, wenn sie es dann noch verlangt, andernfalls kannst Du es behalten."

Viel Vertrauen scheint er allerdings nicht in die Geliebte gesetzt zu haben.

Désirée geht dann mit ihrer Schwester und ihrem Schwager nach Genua; die Anstrengungen der Reise, die Entfernung, vielleicht auch etwas Faulheit, verhinderten sie am Schreiben und Napoleon glaubt, sie habe ihn vergessen.

"Überschreitet man denn," so schreibt er dem Bruder, "auf der Reise von Marseille nach Genua den Lethe –– Désirée lässt ja gar nichts mehr von sich hören."

Es ist eine alte Sache, dass das Schweigen geliebter Frauen die Männer in unglaubliche Aufregung versetzt. Unter dem 19. Juli schreibt Napoleon wieder, er habe noch immer keinen Brief von Désirée, und unter dem 25. desselben Monats:

"Ich glaube, Du hast irgendeine Absicht dabei, dass Du mir gar nicht von Désirée sprichst: ich weiß ja kaum, ob sie noch am Leben ist."

Damals war die Rede davon, dass Napoleon nach Nizza geschickt werden sollte. Hoch erfreut darüber — denn Nizza liegt ja nicht weit von Genua –– schreibt er in frohester Hoffnung auf ein Wiedersehen, und in einem gleich darauf folgenden Brief: "Du sagst ja gar nichts in Bezug auf Fräulein Eugenie Désirée." Er ist böse auf den Bruder, böse auf die Freundin; das zeigt sich auchdarin, dass er die Letztere, anstatt Désirée wie sonst, als Eugenie Désirée oder gar "Fräulein Eugenie" bezeichnet.

Endlich trifft ein Brief von ihr ein; Bonaparte ist außer sich vor Freude, kann es sich aber nicht versagen, den Bruder auszuschelten, denn er schreibt:

"Ich bin in Besitz eines Briefes von Désirée; derselbe scheint mir schon alt zu sein, Du hast mir aber nie davon gesprochen. Was soll ich mir dabei denken u. s. w."

Aus diesem Brief wurde ihm jedoch klar, dass die junge Freundin seine Empfindungen teilte, und von da an trug er sich unzweifelhaft mit dem Gedanken, sie zu heiraten. Joseph, der Diplomat in der Familie Bonaparte, musste die Angelegenheit in Gang bringen. Am 5. September schreibt ihm Napoleon:

"Für den Fall, dass ich hierbleibe, wäre es nicht unmöglich, dass ich auf den tollen Einfall käme, mich zu verheiraten; ich möchte darüber Deine Ansichten hören; es wäre vielleicht gut, zunächst mit dem Bruder Eugenies zu reden. Unterrichte mich von dem Ergebnis, damit wir ins Reine kommen."

Am Tag darauf folgt schon wieder ein Brief an Joseph, in welchem es heißt:

"Fahre fort, mir pünktlich Nachricht zu geben; sprich mir von dem, was Du zu tun vorhast, sieh zu, dass Du meine Angelegenheiten in Ordnung bringst, und meine Abwesenheit kein Hindernis für die Erfüllung meiner Wünsche wird. In Bezug auf Eugenie heißt es jetzt: Biegen oder Brechen. Mit Ungeduld sehe ich Deiner Antwort entgegen."

Die Zeit vergeht indes, ohne dass es zu irgend einer Entscheidung kommt: der Grund liegt darin, dass Bonapartes Heiratsideen durch das Leben in Paris einigermaßen gestört sind; es kommt ihm mit einem Mal so vor, als würde seine Marseiller Freundin sich inmitten der eleganten Pariser Gesellschaft, in der er jetzt verkehrt, doch sehr "provinzlich" und linkisch ausnehmen; zu Junot, seinem Adjutanten, der ihn um die Hand seiner Schwester Pauline bittet, sagt er: er könne sich nicht entschließen, dieselbe einem Offizier ohne Vermögen zuzusagen –– Bonapartes Horizont fing, wie man sieht, an, sich zu erweitern!

Er verkehrte jetzt im Luxembourg, in der bunten Gesellschaft, die sich dort um Barras versammelte, er hatte auch Zutritt im Hause der schönen "Citoyenne" Tallien, auch bei den Damen Mailly de Châteaurenault, de Navailles &c. Ehrgeiz hatte sich seiner bemächtigt, die Beziehungen, welche er sich eröffnet hatte, konnten ihm zur Erlangung einer hohen militärischen Stellung verhelfen –– nein, die kleine Clary wäre inmitten dieser eleganten Frauen sehr wenig am Platz, die Heirat mit ihr von gar keinem Vorteil für ihn gewesen. In seiner Lage müsste er darauf achten, emporzukommen: musste sich stets in den Vordergrund stellen: eine Vernunftheirat war die einzig passende für ihn. Schrieb er nicht damals an den Onkel Fesch:

"Schicke mir einhundert Taler, dass ich nach Paris gehen kann, nur dort kann man es zu Etwas bringen . . .

Dort allein unter allen Orten des Erdkreises", fährt er fort, verdienen die Frauen das Steuer zu führen. . . Eine Frau muss ein halbes Jahr in Paris zubringen, um zu erkennen, was ihr zusteht. . . Die Pariser Frauen, die schönsten der Welt, spielen eine wichtige Rolle und sind von der allerhöchsten Bedeutung. . ."

Er ist also vollständig berauscht von Paris. Arm und bedürftig, augenblicklich ohne alles Gehalt, sucht er sich mit der Gegenwart einzurichten, indem er für die Zukunft arbeitet. Er weiß jetzt, dass man durch die Frauen Alles erreichen kann, wenn man sie zu behandeln versteht. Frau Tallien bittet er um Fürsprache, dass man ihm für eine neue Uniform Tuch aus den Staatsmagazinen bewillige. Der Gedanke an eine vorteilhafte Heirat nimmt ihn ganz in Anspruch. Und da in diesem Augenblicke Désirée Clary ihrerseits zu keiner Entscheidung drängt, so fängt die Sache an, allmählich im Sand zu verlaufen. Er vergisst Désirée jedoch nicht; kaum hat er den royalistischen Aufstand in Paris niederkartätscht, als er freudig bewegt an Joseph schreibt:

"Mir lächelte das Glück. Meine Empfehlungen an Eugenie und Julie."

Und gleich darauf:

"Umarme Deine Frau und Désirée in meinem Namen."

Das Andenken an seine Beziehungen zu Désirée hat ihn auch nie verlassen. Als Konsul, als Kaiser hat er ihr zahlreiche Beweise seiner Anhänglichkeit gegeben.

Aus Kairo, als er erfuhr, dass sie sich mit Bernadotte verlobt habe, schrieb er an Joseph:

"Ich wünsche Désirée alles Glück zu ihrer Heirat mit Bernadotte, sie verdient es."

Dann, auf der Höhe seines Ruhmes, folgen reiche Geschenke: nur dem Einfluss dieser unerloschenen Erinnerungen ist es zuzuschreiben, dass der Frondeur Bernadotte nicht erschossen wurde, als er bei Rennes, Auerstädt und Wagram dumme Streiche gemacht hatte.

Es ist oft behauptet worden, dass Herr Clary Napoleon die Hand Désirées ausgeschlagen hätte mit den Worten: "Ich habe an einem Bonaparte in meiner Familie genug."

Julie hatte ja in der Tat keinerlei Veranlassung, sich in der Ehe mit Joseph, der sich als ein sehr unzuverlässiger Gatte erwies, glücklich zu fühlen. Wenn Joseph jene Worte seines Schwiegerpapas in Abrede stellt, weil "Herr Clari (sic) schon lange vor seiner Verheiratung mit Julie gestorben wäre", so darf man doch annehmen, dass sie gefallen sind und zwar aus dem Munde der Frau Clary, der Mutter, stammen: man findet sie ja in allen Memoiren der damaligen Zeit verzeichnet.

Im Jahre 1794, in welchem die Heirat Josephs stattfand, war Napoleon zur "Alpenarmee" kommandiert. Bei derselben waren zwei sogenannte Volksvertreter; der eine, Turreau, ein ziemlich unbedeutendes Individuum, hatte sich eben in zweiter Ehe mit der Tochter eines in Versaill lebenden Chirurgen verheiratet und diese mit sich genommen auf seinem Besuch bei der Armee. Allerdings eine große Torheit, wenn man bedenkt, wie locker die gesellschaftlichen Zustände damals waren und dass von Grundsäßen der Moralität keine Rede war –– eine große Torheit, zumal da die Bürgerin Turreau recht hübsch und sehr gefallsüchtig war. Napoleon war, wie die übrigen Generäle, vielfach zu Tisch bei Herrn Turreau, und es war besonders der "Korse mit dem struppigen Haar", wie ihn die schöne Bürgerin nannte, der als Gast gern gesehen war. Ein Volksvertreter bei der Armee war eine sehr einflussreiche Persönlichkeit, seine Fürsprache konnte von großem Nutzen sein, und Bonaparte nahm bereitwillig die ihm erwiesenen Aufmerksamkeiten an und wurde nicht müde, der Frau zu huldigen. Eines Tages machte er ihr das Anerbieten, als Zuschauerin einem Vorpostengefecht beizuwohnen. Er selbst erzählte später zuweilen von diesem Vorfall:

"Als ich eines Tages Frau Turreau innerhalb unserer Vorposten am Col di Tenda herumführte, kam ich auf den Einfall, ihr das Schauspiel eines kriegerischen Zusammenstoßes mit dem Feinde zu verschaffen und gab den Befehl zum Angriff. Wir waren zwar die Sieger, allein von einem Erfolg konnte weiter feine Rede sein, war der Angriff doch nur eine Phantasie gewesen; allerdings fielen derselben einige Menschenleben zum Opfer, worüber ich mir später, so oft ich daran dachte, Vorwürfe machte."

Dieses reuige Bekenntnis ist allerdings sehr am Platze; zu streng sollte man aber auch nicht, in Anbetracht der damaligen Sitten, mit dem jungen General zu Gerichte gehen. Schon vor der Revolution hatten sich ähnliche Dinge zugetragen: ein Prinz Karl von Nassau -Siegen z. B. hat befreundeten Damen das Schauspiel eines Bombardements vorführen wollen und drei große Türme seines Stammschlosses mit Kanonenkugeln zusammenschießen lassen –– dabei kam ja freilich niemand um und die Türme waren sein unbestrittenes Eigentum. Man erinnere sich auch der Unterhaltung, welche Potemkin eines Tages bei der Belagerung von Oczakoff seinen Nichten bereitete. Er versuchte ein türkisches Fahrzeug entern zu lassen, damit die jungen Damen eine Vorstellung von einer Seeschlacht bekämen. Bei der nämlichen Belagerung gab er, noch ehe Bresche gelegt war, den Befehl zum Sturm, diesmal zur Unterhaltung seiner Mätresse, der Dame Dolgoruci. Russland büßte dabei 8-10000 Mann ein: die Dame hatte sich als Zuschauerin vortrefflich unterhalten, und das war ja die Hauptsache.

Für einen republikanischen General waren allerdings derartige Galanterien nicht am Platze.

Hinzuzufügen wäre noch, dass der General, als er längst Kaiser war, eines Tages die einst so hübsche Frau Turreau wiedersah; sie hatte sich sehr zu ihrem Nachteil verändert, ja sie war kaum wiederzuerkennen und lebte in drückenden Verhältnissen. Der Kaiser gewährte ihr Alles, was sie wünschte. Jeden ihrer Träume machte er" –– es sind seine eigenen Worte, wie sie im "Mémorial de Sainte Hélène" stehen –– "zur Wirklichkeit."

Selten findet schon hienieden die Tugend ihren Lohn!

 

 

II. Kapitel.

 

Das Expeditionskorps, welches einen Handstreich gegen Civitavecchia hatte ausführen sollen, war wieder aufgelöst und Bonaparte, der in demselben die Artillerie kommandierte, hatte Befehl erhalten, sich bei der Armee des Westens zu melden. Er war damit so wenig einverstanden, dass er nach Paris eilte, um den Versuch zu machen, bei einer anderen Armee Verwendung zu finden.

Am 2. Mai 1792 reiste er von Marseille ab, mit ihm waren Junot, Marmont und Louis. In Chatillon machte man einige Tage Rast auf der Besitzung von Marmonts Vater.

Wir wollen hier eine Beschreibung von der äußeren Erscheinung Bonapartes hersetzen, welche aus dieser Zeit und von einer Dame stammt; hier ist sie:

"Das dürrste und seltsamste menschliche Wesen, welches ich je gesehen habe, stand vor mir. Der Mode der Zeit entsprechend, trug der Offizier sein Haar in sogenannten "Hundeohren", das heißt in Haarbüscheln, die an der Schläfe über die Ohren herab bis auf die Schultern hingen. Der italienisch finstere Blick passte seltsam zu dieser Haartracht. Den Eindruck eines Mannes von Geist machte er nicht, wohl aber den eines Individuums, welchem man nicht gern abends im Walde begegnen möchte. Der Anzug war auch nicht dazu angetan, Einen zu beruhigen. Der Überrock, den er trug, war der Art abgetragen, und sah so schäbig aus, dass ich mich gar nicht entschließen konnte zu glauben, ich hätte einen General vor mir, aber Das merkte ich sogleich, dass ich mit einem ungewöhnlichen Menschen zu tun hatte. Sein Blick erinnerte an den Rousseaus, dessen von Latour gemaltes Porträt ich kannte. Als ich den General ein drittes Mal sah, verzieh ich ihm bereits die Hundeohren"; ich dachte an einen Provinzler, der die Moden übertrumpft, der aber trotz dieser Lächerlichkeit etwas bedeuten mochte; ich fand seinen Blick, der sich in der Unterhaltung belebte, jetzt sogar schön.

Wäre er nicht so überaus hager gewesen, so dass er wirklich kränklich aussah und Mitleid einflößte, man hätte vielleicht manchen feinen Zug an ihm entdeckt. Sein Mund zum Beispiel war von sehr gefälligem Schnitt. Ein Maler, Schüler Davids, welcher bei Frau N., in deren Hause ich den General kennen lernte, verkehrte, meinte die Gesichtszüge hätten den griechischen Schnitt, was mir sehr imponierte." Dasselbe Bildnis, beinah Zug für Zug, ist von einer anderen Dame, welche damals den General häufig sah, entworfen. Aus einem Fenster ihres Hauses am Quai d'Orsay beobachtete dieselbe ihn häufig, wie er linkischen, unsicheren Schrittes daherkam, mit einem schlechten, in die Augen gedrückten Hute, unter welchem die fürchterlichen "Hundeohren", schlecht gekämmt und schlecht gepudert, auf den Kragen des stahlgrauen, später so berühmt gewordenen Überrockes herabhingen. "Dazu die langen, dürren, schwärzlichen Hände ohne Handschuh, ungeschickt sitzende, schlecht geputzte Stiefel. Aber –– stets war in seinem freundlichen Blick ein freundliches Lächeln . . . vielleicht nur erzwungen! Ein solches Äußeres konnte unmöglich bei den Frauen Gefallen finden und es wird nur wenige unter ihnen gegeben haben, die, wie die Abrantes, von dem "schönen Blick" im Auge zu reden wussten. Dieses Äußere deutete es nicht auf einen unruhig bewegten Geist, zeigte es nicht Ehrgeiz an, ließ es nicht einen starken Eigenwillen vermuten?"

Will man einen Mann schildern, wie er sich als Liebhaber ausnimmt, so muss man sich notwendigerweise mit dem Urteil vertraut machen, welches zeitgenössische Frauen über ihn fällten. Eine unter ihnen, die ihn geliebt hat und dabei der Inbegriff aller Höflichkeit war, die ihn förmlich mit lächerlichen Artigkeiten verfolgte und glaubte sein Herz dadurch gewinnen zu können, dass sie ihm feine Diners gab, nämlich Frau de Bourrienne, schreibt:

"Am Tage nach unserer zweiten Rückkehr aus Deutschland, es war 1795, trafen wir Bonaparte im Palais Royal vor einer Wirtschaft, welche ein gewisser Girardin innehatte; er begrüßte Bourrienne wie einen Kameraden, dem man gut ist und den man sich freut wieder zu sehen. Wir besuchten das Theater Français, es wurde ein Trauerspiel, betitelt "Der Taube oder das volle Wirtshaus", gegeben. Das Publikum kam aus dem Lachen nicht heraus, nur Bonaparte, und das fiel mir sehr auf, beobachtete eine eisige Ruhe. Ein anderes Mal verschwand er plötzlich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, von unserer Seite, wir vermuteten ihn irgendwo anders, nur nicht im Theater, als wir seiner plötzlich in einer Loge des zweiten oder dritten Ranges ansichtig wurden; er schien zu schmollen."