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Das Buch - Die Zeit der Knetmaschine - über mein Leben und die Erfahrungen in und mit der DDR habe ich 2022 geschrieben. 2023 dann ein weiteres Exemplar mit vielen Geschichten, die das Leben so schreibt. Der Titel: Die Sache mit dem Stuhlgang Über die NVA, die ehemalige Armee der DDR wird vieles berichtet. Manches deckt sich nicht mit den eigenen Erfahrungen. Ich habe jene Zeit in dieser Volksarmee noch einmal zum Leben erweckt. Dabei oft gefühlt, als wäre alles noch einmal losgegangen. Eine Frage treibt mich auch heute um! Warum geht es nicht ohne Bewaffnung? Warum wird immer wieder über Wehrplicht gesprochen? Warum ist der Tisch, um Frieden zu schaffen, so klein geworden oder ganz abgeschafft? Ronald Keller
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Einstieg
Prolog
1. Einladung
2. Stammlokal nach Arbeitsschluss
3. Da kommt es geflattert
4. Eine bessere Wohnung
5. Der Tag ist da
6. Es geht los
7. Springerdasein
8. Wochenende
9. Grundausbildung
10. Weihnachten1977
11. Übungsplatz Forstberg
12. Zwei Tage Sonderurlaub
13. Und wieder nach Weberstedt
14. Die Neuen sind da
15. Saufen bis kein Arzt kommt
16. Frühsport
17. So ein Arsch
18. Duschen
19. Politunterricht
20. Paradeeinheit
21. Unterwasserfahrt und die Russen
22. Großmanöver im Osten der Republik
23. Beim Bäcker
24. Schuss aus dem Nichts
25. Panzer im Schlamm
26. Achtundvierzig Stunden Wachdienst
27. Plötzlich EK
28. Weihnachten1978 und eine Veranstaltung
29. Jahreswechsel
30. Das Land retten
31. Klubhaus Welzow Süd und rollende Woche
32. Siebanlage Sabrodt bei Spremberg
33. Kokswerk
34. Auf dem Kohlebunker
35. Ein Orden
36. Alles hinter mir lassen
37. Löffelabgabe
38. Mobilmachung
Nachsätze
Oft wurde gesagt, dass es nach dem unseligen Zweiten Weltkrieg keine Aufrüstung und keine neue oder weitere deutsche Armee mehr geben soll.
Aber schnell ist das Vorhaben über den Haufen geworfen.
Ost und West stehen sich ein paar Jahre nach Kriegsende unversöhnlich gegenüber.
Kalter Krieg nennt man das.
Und die Waffenschmieden sind nicht abgeneigt, ihre Produktionen wieder hochzufahren. Oder haben sie etwa nie aufgehört?
Aufrüstung im großen Stil, auch in der gerade gegründeten DDR.
Man will die Finger nicht davonlassen!
Da gibt es vormilitärische Ausbildungen.
Jeder kann und soll bereits als Jugendlicher bei der GST scharf schießen.
GST heißt: Gesellschaft für Sport und Technik!
Aber der Name trügt!
Kinder rennen wieder mit Kriegsspielzeug durch die Gegend, schreien, ballern und fallen tot um.
Und dann kommt folgerichtig die Nationale Volksarmee und die allgemeine Wehrpflicht.
Es wird eine für das kleine Land unglaublich große
Armee aufgebaut.
Schutz vor dem Feind.
Ob man sich das leisten kann, ist Nebensache.
Es muss sein! So nimmt alles seinen Lauf und auch ich werde Soldat der Nationalen Volksarmee!
Es fällt mir auch fünfundvierzig Jahre später nicht leicht, mich noch einmal mit dieser Zeit bei der NVA auseinanderzusetzen und dem Thema zu stellen.
Aber ich habe mich entschieden, meine über fünfhundert Diensttage in Mühlhausen noch einmal zum Leben zu erwecken.
Im Fernsehen der 2020er Jahre wurden ein paar Filme über die NVA und deren Umgang mit den Soldaten und untereinander gezeigt.
Das hat sich mit meinen persönlichen Erfahrungen nicht unbedingt gedeckt.
Deshalb erlaube ich mir einzutauchen und meine Erfahrungen aufzuschreiben.
Ich möchte außerdem damit dem Vergessen etwas entgegensetzen.
Vergessen wird immer viel zu schnell!
Wir können uns unseren Geburtstermin und -ort nicht aussuchen.
So wie es kommt, muss es gelebt werden.
Das Beste daraus machen!
Wunschkonzerte hat es zu keiner Zeit gegeben.
In der DDR haben die Oberen geglaubt, mehr als sicher im Sattel
der Zeit zu sitzen.
Wie schnell sind dann alle vom Pferd gefallen und spurlos verschwunden.
Mein Großvater wurde 1866 geboren.
Er hatte damals bei einigen Kampfeinsätzen in irgendwelchen Konflikten seiner Zeit teilgenommen.
Wo?
Keiner kann das mehr genau sagen.
Ich habe noch ein Foto, wo Opa Paul in Uniform abgelichtet wurde.
Im Ersten Weltkrieg war er zum Kämpfen bereits zu alt.
Vater Horst wurde mit siebzehn Jahren in den Zweiten Weltkrieg einberufen.
Jahrgang 1927!
Er kam aus einer Arbeiterfamilie. Sozialdemokraten!
Man hat ihn einem Sonderkommando zugeteilt und gekennzeichnet.
Etwas dagegen unternehmen konnte er nicht.
Die Gefangenschaft nach Kriegsende im US-Lager Bad Kreuznach
unter freiem Himmel hat er gerade so überlebt. Ich, Jahrgang 1955, bin im anschließenden Sozialismus groß geworden und der Umgang mit Waffen wurde mir schon in frühester Jugend beigebracht.
Drill!
Gehorsam und Unterordnung!
Vom Pionier bis zum Soldat!
Kriegsspiele, als gäbe es nichts Sinnvolleres auf dieser
Welt zu tun!
Jedes Ding hat seine Zeit...
Nichts hält bis in Ewigkeit!
Nichts!
Das ist nicht immer bewusst und wird oft ungern gehört.
Ein paarmal werden wir im Laufe des Politunterrichtes zur Seite genommen,
um uns nach unseren Zukunftsvorstellungen zu befragen.
Wer sich für drei Jahre Dienst an der Waffe begeistern oder überreden lassen kann, der soll die Zuneigung des Vaterlandes erleben.
In meiner Ausbildungsklasse gibt es einen, der das vorab unterschrieben hat.
Die ganze Art der vormilitärischen Erziehung geht den meisten jungen Leuten aber mächtig auf den Sack.
So kann keine Begeisterung entfacht werden.
Wir versuchen immer, um den heißen Brei herum zu reden.
Lieber Jein sagen und so tun, als wäre man einzufangen.
Aber innerlich bleibt Ablehnung.
Die Einladung kam gestern, ein paar Tage vor Beendigung meiner Berufsausbildung.
Musterungsbrief!
In Karl-Marx-Stadt, Annaberger Straße, haben sie sich einzufinden.
Befehl!
Also mache ich mich zum angegebenen Termin auf den Weg.
Rolf hat mir erzählt, dass er einmal nicht erscheinen konnte wegen Grippe und Fieber.
Krankgeschrieben!
Er sagte: „Man hat mich geholt und zugeführt!“
Treppen hat das Gebäude nicht. Ein Flachbau aus Sperrholzplatten.
Es stinkt nach Zigaretten und Schweiß.
Schätzungsweise fünfzig Männer meines Alters stehen auf dem Gang.
Ich bleibe nahe der Eingangstür stehen.
Bald kommen ein paar Armeeleute und versuchen uns irgendwie aufzustellen.
Was die für einen Ton draufhaben!
Wegen mir können sie herumschreien.
Ich werde aus dieser Bretterbude bald wieder verschwunden sein.
Die Untersuchung dauert nicht lange.
Im Sprechzimmer liegen meine ganzen persönlichen Befunde und Arztunterlagen auf dem Tisch.
Ich bin überrascht!
„Sind sie gesund oder gibt es etwas, was wir noch wissen sollten?“
Der Mann im weißen Kittel sieht mich dabei genervt an.
„Das werden Sie doch sicher gleich feststellen“, wage ich zu bemerken.
Er hebt seinen Kopf und sieht mich an.
„Groß sind sie nicht gerade!“
Noch ein Blick in Mund und Ohren.
Da ich mich bis auf die Slips ausziehen musste, schaut er auch noch die Gerätschaften in der Hose an.
„Tauglich!
Panzer!“
Das war´s erstmal für heute!
Meine Klassenkameraden mussten diese Woche ebenso zur Musterung antreten.
Vergessen wurde keiner.
Mulli ist bei der Untersuchung umgefallen und wurde zurückgestellt.
Sonst sind alle tauglich!
Im Betrieb ertönt eine Art Sirene, wenn die Arbeitszeit endet.
Dann dauert es nur noch wenige Minuten und die gesamte Belegschaft drängt ins Freie.
Manchmal geht es nicht gleich nach Hause.
Mit Mecki und Gunter bin ich in der Eckkneipe gegenüber verabredet.
Es ist eine Fischgaststätte.
Aber man darf auch nur ein Bierchen bestellen.
Mecki erzählt von seinem kleinen Unfall an der Drahtrichtmaschine.
Gerade noch kurz vor dem Ziehen des Steckers ist es passiert.
Sein kleiner Finger ist umwickelt.
Er wird zum Doktor gehen und sich einen Schein abholen.
Dabei setzt er das Bierglas an, nimmt einen Schluck und lacht.
Mecki fragt: „Kennst du den schon?“
Wir sagen erst mal nein!
Das reicht, damit er mit dem Witz startet!
Ein junger Mann ist gelernter Schlosser und verdient nicht viel.
Seine Frau will, dass Lolli sich was Besseres sucht.
Schnell wird er fündig.
Schon sitzt Lolli wieder zu Hause und berichtet voller Begeisterung.
„Werbezirkus Mando!
Es wird der Direktor oder sowas gewesen sein, der mich hereingerufen hat.
Netter Typ.
Tolle Uniform mit vielen bunten Schilderchen auf der Brust.“
Gunter und ich sagen nichts.
Das Ding kennen wir!
Alt!
Ein Scheiß!
„Er hat mir ein unglaublich gutes Gehaltsangebot gemacht.
Und Du wirst es nicht glauben!
Sie wollen mich gleich für zehn Jahre behalten.“
Marion fragt: „Du hast doch dort nicht etwa zugesagt?“
„Also unterschreiben sollte ich schon“, sagt Lolli.
„Und es war schon immer mein Traum, irgendwann im Zirkus anfangen zu können.
Zunächst nur als Bodenpersonal!
Dann aber mit Aufstiegsmöglichkeiten bis ganz nach oben, versprach der Chef.
Und ich bekomme so eine wunderschöne Jacke wie der Direktor.“
„Nun komm endlich zum Finale“, sage ich.
Na, ja!
Lolli ist wohl noch mal hin und hat gefragt, wo das Zirkuszelt steht.
Und ob er sich erklären kann, warum seine Frau völlig ausgerastet ist?
Der Direktor ist plötzlich nicht mehr so nett.
„Zirkuszelt?
Was für ein Zirkuszelt?“
„Das vom Werbezirkus Mando!
Hier steht es doch!“
„Quatsch!
Werbezirkus Mando!
WEHRBEZIRKSKOMMANDO!
Sie haben gerade einen Zehnjahresvertrag bei der NVA unterschrieben“,
sagt der Mann mit den vielen bunten Schilderchen auf der Brust.
Ich kann darüber überhaupt nicht lachen.
So ein Mist!
Mecki ist sauer.
Nur das Bier noch austrinken, schnell bezahlen und raus.
In meinem Kopf wirbelt es auf dem Heimweg herum.
Sie holen Jeden!
Sie vergessen Keinen!
Sie werden auch meinen Namen in den Akten stecken haben und irgendwann die Karte ziehen.
Ich bin gerade zwanzig Jahre alt geworden.
Ein paar meiner Freunde sind schon irgendwo im Land und haben den Armeedienst angetreten.
Oft sehr weit weg von zu Hause!
Backo ist seit einem halben Jahr an der Ostseeküste.
Er war seitdem noch nicht wieder zu Hause auf Heimaturlaub.
Wir wohnen in ein paar kleinen Kammern unter dem
Dach eines dreigeschossigen Altbauhauses.
So gut es uns möglich war, bauten wir diese zu unserer Wohnung aus.
