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Elfrida Müller, 1926 in Tempelburg (Pommern) geboren, erzählt ihr Leben von der ersten Erinnerung an, macht ein Bild der Veränderungen im Laufe eines ganzen Jahrhunderts sichtbar. Glück und Unglück, Kampf und Sieg, Verzweiflung und Trost ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Mädchens aus Hinterpommern. Mehrere Male flüchtet sie, getrieben von den Ereignissen im Zweiten Weltkrieg und der darauffolgenden Zeit in der DDR immer weiter, bis sie mithilfe der Schönheit der Natur, der Musik, der Malerei und der Literatur eine innere Ruhe und Zufriedenheit findet, die sie alles Geschehene ertragen und glücklich sein lässt.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2022
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MIT SAUERSTOFF UND SONNENKRAFT BIN ICH FAST 100 JAHRE
– OFT AUF HOLPRIGEN STRASSEN –
DURCHS LEBEN GEGANGEN, GELAUFEN, GEDÜST, GEHUMPELT UND GETANZT
Elfrida Müller
KINDHEIT IN POMMERN
STROH ZU GOLD
DER KRIEG
ENDE DER SCHULZEIT
DIE BOMBENNACHT VON STETTIN
DIE FLUCHT
BEIM DEUTSCHEN ROTEN KREUZ
LEHRERIN IN LEIPZIG
HOFFNUNG IN MÜNCHEN
FLUCHT NACH WESTEN
ALLES AUF ANFANG
DIE FRAU AUS HINTERPOMMERN
NANCY, DIE INDIANERIN
EINMAL NORDKAP UND ZURÜCK
NEUE BESCHÄFTIGUNGEN
VERÄNDERUNGEN
Mein Vater und ich fuhren auf der Chaussee über Draheim nach Klaushagen zu den Ländereien meiner Großmutter. Das war an einem Sonntagvormittag, an einem schönen Sommertag. Vater hatte für mich aus Weiden einen Korb geflochten, ein Gestell, das er vorne am Rad befestigt hatte. Ich war 3 Jahre alt. Das Land war buckelig, es ging rechts rauf und links runter, über Wiesen und Weiden, dann ein Waldstreifen und dahinter der blanke Dratzigsee, groß, so weit das Auge sah. Plötzlich beugte ich mich über den Korbrand und rief: „Papa, die Kuh winkt uns“. Er schaute und sah die Kuh, die tatsächlich zu uns herüberschaute und mit dem Ohr Fliegen vertrieb. Ich winkte, Papa lachte. Das ist das Erste in meinem Leben, an das ich mich erinnere.
Meine Eltern bekamen ihre neun Kinder in zwei Zügen. Die ersten sechs, drei Mädchen und drei Buben, von 1909 bis 1919. Dann kamen wir drei, ich 1926, Trudken 1928, Illigen 1930. Dann war „Gott sei Dank“ Schluss. Aber so war das damals.
Mein Vater war Bauer, wir wohnten in der Stadt, ca. 6500 Einwohner, Bauern in Ortschaften nannte man Ackerbürger oder Landwirte. Man erkannte die Gehöfte an den großen Toren am Hausende. Dahinter verborg sich der Vierkanthof. An der einen Seite waren die Stallungen und Schuppen, darüber Heu und Strohlager. Unten quer die große Scheune, an der anderen Seite die Wagenremise für die Kutsche und den Schlitten, Ackergeräte, Sattelzeug, etc., aufgesetzte Holzstöße zum Trocknen, der Hühner- und Gänsestall im Gärtchen, in der Mitte der große Misthaufen. Hinter der Scheune der Garten, in der Mitte eine Laube und der Steg zum Fließ. Das war der Verbindungsbach vom Zeppelinsee zum Mühlenwehr und dann zum Dratzigsee. Alles einfach und übersichtlich, so wie alles damals.
Alle neun Kinder kamen beim Rauschen des Wassers am Mühlenwehr zur Welt. Der Klang gehörte zu unserem Leben, wie Sonne, Mond und Sterne. Unser Name war Müller, wir wohnten drei Häuser von der Mühle entfernt, in der Mühlenstraße, Hausnummer 364. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, geschah etwas Merkwürdiges: Niemand wusste was, alle wussten dass! Eine Unruhe, etwas Unheimliches musste geschehen sein. Auch das Vieh rasselte mit den Ketten. Hektor, der Hund, jaulte leise und verkroch sich in seiner Hütte. Es war ein ruhiger sonniger Tag. Kein Unheil in Sicht. Die Erklärung kam mit Theo: Sie haben die Mühle auf Elektrisch umgestellt! Wir waren alle ganz still.
Die Mühlenstraße lief sacht fallend bis hinunter zum See. Die parallele Sonnenstraße lag etwas höher, beide Straßen trafen sich pfeilartig am kleinen Berg, bei der Pumpe. Dort war unser Treff und Spielplatz. Wir waren acht Kinder, vier bis acht Jahre alt. Zwei von der Sonnenstraße, sechs von der Mühlenstraße. Ich war die Älteste, alle Eltern erwarteten von mir, dass ich auf alle aufpasse, dass nichts passierte. Sommers waren wir fast immer unten am und im See. Die Promenade lief direkt am Ufer lang, umsäumt von alten hohen Bäumen und Gebüsch, ab und zu eine Bank. Dahinter Sand und Kieselsteine. Der See war am Ufer flach und voller rundgeschliffener Steine. Nach ca. zehn Metern ging uns das Wasser bis zum Hals. Sommers hatten wir alle nur Höschen an. Es ging rein und raus in den See, wir hatten keine Handtücher dabei und die Höschen waren immer tropfnass oder feucht. Sonne und Wind trockneten uns. Oben am Hang standen Häuser, deren Gärten ziemlich steil, fast bis zur Promenade abfielen. Dort wohnte Irene Abraham. Sie war bei mir in der Klasse.
Sie war das einzige Mädchen, das eine Brille trug. Damals sah man kaum jemand mit Brille. Irene kam immer runter an „unseren Strand“ und spielte mit. Es war so um 1934/35, da brachte sie zwei „Besucher“ mit, ein größeres Mädchen, ca. 12 Jahre und ein kleineres ca. 7 Jahre. Wir spielten wie immer, aber mich interessierte eben ein bisschen mehr als andere. Ich fragte, woher sie kämen, wo sie zuhause wären. Stockend kam: „In Ostpreußen“. Oh, davon hatte ich schon gehört. Wollte wissen, wie es dort wäre und so weiter, und so weiter. Sie kamen nie wieder, Irene auch nicht.
Tempelburg, in seiner schüchternen Schönheit, war ein Ferienort für Kenner aus Stettin und Berlin. Die Seen, die Wälder und Felder, die Lärchen, die Nachtigallen, die Weiden voller Kühe, die Stille, die Sonne, brütende oder gackernde Hühner. Es war, als wäre dieses Land aus der Zeit gefallen, es lebte einfach nur. Kaum jemand hatte eine Zeitung, noch weniger ein stotterndes Radio. „Die Welt war weit weg!“ Aber die Feriengäste, die kamen, kamen immer wieder.
In dem Sommer, als ich zehn Jahre alt war, brachte ich mir das Schwimmen bei. Ich kroch unter den Umkleidekabinen der Damenbadeanstalt durch - nach 18 Uhr, wenn schon geschlossen war - und hatte dann die ganze Anlage für mich. Ich hangelte mich mit einer Hand an Balken und Stangen entlang, mit den Beinen und der anderen Hand ahmte ich die Bewegungen nach, die ich bei Schwimmern gesehen hatte. Irgendwann ließ ich auch den anderen Arm kurz los, es ging, aber die Angst war groß. Schließlich fanden viele oder mehrere in jedem Jahr den Tod im See. Man tuschelte, weil sie sonst ein Kind von ihrem Hausherrn, bei dem sie in Stellung waren, gekriegt hätten. Dann konnte ich leidlich schwimmen. Ein Ehepaar, das jedes Jahr aus Berlin kam, kannte mich und meine Horde schon. Sie standen auf einem Steg und schauten bedeppert in das Wasser nach unten. Sie riefen: „Friedchen, komm mal“. Ob ich tauchen könnte. „Nee“. „Guck mal, siehst du das Messerchen da unten mit der Perlmuttschale? Willst Du es mal versuchen zu holen? Wir passen auf, Dir passiert nichts“. Der See war so klar und sauber, man sah jedes Steinchen. Aber ich machte die Augen nicht auf unter Wasser. Immer wieder kam ich hoch und: nichts. Aber dann kam „Reinholds Tochter“ zum Vorschein: Ich stellte mich mit einem Fuß auf das Messerchen und tauchte, zog es unter dem Fuß raus und hatte es! Wir lachten und tanzten auf dem Steg herum, ein Wunder, dass niemand ins Wasser fiel „Behalt es als Andenken an uns“, sagten sie. Es war immer bei mir und hat oft geholfen. Ich habe es heute noch das Messerchen.
Die Sommer waren heiß in Hinterpommern, die Winter kalt Wir ernteten das Korn, Roggen, Weizen, Hafer - bei 35 Grad. Alle, auch wir Kinder waren auf den Feldern und mussten helfen. Bei der Getreide- und Kartoffelernte hatten wir Helfer aus Polen. Sie kamen mit Kind und Kegel, oft war auch die Oma dabei. Das Korn wurde mit der Sense gemäht. Drei Männer mit Abstand hintereinander, schwatt auf schwatt, die Frauen banden die Halme zu Garben zusammen, die Kinder reichten Strohbänder zum Binden und trugen die Garben zusammen, die zu „Häuschen“ aufgesetzt worden. Die Sonne knallte herab, allen lief der Schweiß vom Kopf bis zu den Füßen. Mutter kam mit einem Wagen, vor das nur ein Pferd gespannt war und brachte das Mittagessen. Große Töpfe, die sonst nur beim Schlachten gebraucht wurden, voller Milchreis, Wassereimer voller Pflaumenkompott, Milchkannen voller Tee und Trinkwasser, Teller und Löffel.
Unsere Felder lagen verstreut in allen Himmelsrichtungen, aber immer an einem See. Nur die Torfmösse war im Moor und das Pachtland von der Kirche das „Schlangenfell“ lag auch in einem Moorgebiet, das von den Jungen vom Reichsarbeitsdienst „trockengelegt“ wurde. Von der Chaussee bis zum Nüdlingsee runter war es ca. ein Kilometer. In der Mitte endete ein Feldweg, dort hatte Vater eine Hütte gebaut, als Unterkunft für Mensch und Tier bei Unwetter, großer Hitze, zum Essen und zum Ausruhen. Hinter der Hütte stand ein Quitzelbaum (Eberesche), dort herum war ein Steinhaufen. Wir Kinder mussten manchmal Steine sammeln. Dort sonnten sich oft die Eidechsen. Wir spielten gerne dort. Von dort ging es eine Senke runter, dann wieder bergauf und dann nach unten zum See.
Als ich ca. zehn Jahre alt war, sagte Vater: „Führe den Fuchs zur Tränke“, das hieß, ich sollte mit dem Pferd zur Tränke am See reiten. Er wusste es ganz genau, dass ich Angst vor Pferden hatte. Aber Reinholds Kinder hatten keine Angst zu haben! Nicht vor Tod und Teufel! Er faltete die Hände und hob mich auf das große Tier. Kein Sattel, kein Halfter, kein Zügel - nichts! „Halt Dich an der Mähne fest!“ Er gab dem Fuchs einen Klaps und der ging in leichtem Trab los. Naja, das war eigentlich ganz schön, irgendwie frei! So frei! Das war ein ganz neues Gefühl, ein starkes Gefühl! Mir schwellte richtig die Brust, ich hätte singen mögen!
Unten am See trabte der Fuchs gleich bis ins Wasser, senkte den Kopf zum Trinken und ich rutschte den Hals runter ins Wasser! So. Das Pferd guckte mich an, als wollte es sagen: „Ist schön im Wasser, nicht!“ Mein Gedanke war, der Fuchs würde zurücklaufen und ich hinterher. Toll! Reinhold würde grinsen über die „nasse Katze“! Aber nein: Dort am Ufer standen hier und da große Steine, kleine Felsbrocken. Der Fuchs stellte sich neben so einen Stein und stand ganz still; da begriff ich, ich sollte dort draufklettern und dann auf seinen Rücken. Kluges Tier! Seitdem habe ich großen Respekt vor Tieren.
In der Stadt war ein großes Getuschel. Niemand sagte was. Alle hörten es. Dies und das Wort kriegte ich mit und dann konnte ich es mir so langsam zusammenreimen: Es gab ein großes Kleidungs- und Stoffgeschäft, ein Eckhaus, der Mann hieß Ecklewin, aber ich glaube, er hieß nur Lewin. Naja, er war vor einiger Zeit gestorben, ziemlich jung noch. Und jetzt sollten die Jungs von Reichsarbeitsdienst das Grab öffnen. Du lieber Gott! - In dem Sarg lag ein Ziegenbock!
Es schäumte in Tempelburg! Die Frau und Tochter wurden abgeführt und nie mehr gesehen und Ecklewin war längst über alle Berge! Armer reicher Mann. Lieber Gott, sei allen gnädig, die damals und dann im Krieg so viel Unrecht erdulden mussten. Arme Menschheit, von Zeit zu Zeit immer viel Elend, mal hier, mal dort. Das wird sich nie ändern.
Wir Kinder vom Sonnenberg waren nun alle in der Schule, aber wir trafen uns täglich. Sommers waren wir viel im See, konnten nun alle schwimmen. Dass uns keine Schwimmhäute gewachsen sind, ist ein Wunder. Unser Turnen war heftiger, riskanter geworden, wir machten Wettkämpfe und Tapferkeitsübungen, kletterten auf Bäume und wie runter? Wir halfen aneinander, es ist nie etwas Schlimmes passiert. Kleine Wunden deckten wir mit dem dünnen Häutchen, das immer an der Eierschale ist, ab, größere Sachen wurden mit Wasser und Kernseife gesäubert und dann mit einem sauberen Taschentuch verbunden. Ich war immer noch die „Lehrerin“ und das Verarzten hatte ich Reinhold abgeguckt. Bei uns war nur einmal ein Arzt wegen Mutter im Hause.
Auf die Schule hatte ich mich riesig gefreut, ich war ganz hibbelig! Und dann fiel meine Vorstellungwelt zusammen wie eine Seifenblase! Ich wollte es nicht glauben! Nichts als Trallala und Häschen-in-der-Grube und Wir-fahren-mit-der-Eisenbahn, das war der reinste Kindergarten! Ich dachte, in der Schule würde man was lernen! - Zuhause habe ich mir bald die Augen ausgeheult! Nichts, niemand konnte mich trösten, selbst die besten Bonbons (die es selten gab) schob ich weg. Mein Bruder Ernst hatte mir schon alles beigebracht. Ich brauchte die Schule nicht. Dann sollte ich Klassen überspringen. Mutter war dafür, Vater dagegen: „Sie macht ihren Schulweg, wie die anderen (die Großen) auch!“ - und Punkt! Und was hat Fräulein Gust, meine Lehrerin gemacht? Sie hat mich immer zu denen gesetzt, die einfach nichts begriffen und konnten, die musste ich auf „Vordermann“ bringen. Das konnte ich, aber das wollte ich nicht! Ich fing an Bücher zu lesen, alles was ich in die Finger kriegte und ich lernte Gedichte auswendig (hätte ich mir damals nur den Atlas vorgenommen, da haperte es später!).
Mit zehn Jahren kriegte ich einen Freiplatz an der Lehrerinnenbildungsanstalt in Schneidemühl an der polnischen Grenze. Mutter wollte es, Vater nicht. „Anna“, sagte er: „die Schule ist frei, aber dann braucht sie andere Kleidung als hier, Bücher, Hefte, die Ferienfahrten hin und her. Nee Anna, sie bleibt hier.“
Damals musste man für höhere Schulen, Universitäten und andere Bildungsstätten noch teuer bezahlen! Aber so langsam war ich alt genug für andere Beschäftigungen in der Schule (das hat mir im Leben sehr geholfen!). Winters musste ich das „Winterhilfsgeld“ von allen einsammeln, zehn Pfennig pro Kind, dann zählen, zu Rollen für die Sparkasse drehen, den Einzahlungsbeleg ausfüllen und mit allem zur Sparkasse gehen. Dort war ich dann bald gut bekannt. Oder die Schulbücher ordnen, ausgeben, zurücknehmen, alles schriftlich festhalten. Ab und zu - bei Krankheiten von Lehrern - in den unteren Klassen Schule halten. Es war immer was los! Als 1937/38 die jungen Lehrer zur Wehrmacht eingezogen wurden, unterrichtete ich eine ganze Weile eine dritte und vierte Klasse stundenweise (ich selbst hatte später keine Ahnung von anderen Ländern bspw. - das habe ich alles verpasst - ist mir ganz schön aufgestoßen!).
Wie der Alltag verlief, bestimmten die Tiere. An jedem Tag von morgens bis abends dasselbe. Jeder hatte ganz bestimmte Arbeiten zu verrichten, man verließ sich darauf, darüber fiel kein Wort. Abwechslung war, wenn Waschtag war: die Bettlaken, Handtücher und Tischwäsche hatte Mutter selber gewebt: der Flachs wurde geerntet und zu Fäden gesponnen und dann zu Tüchern gewebt. Bei Großmutter war eine Extrastube, in der ein großer Webstuhl stand. Dort haben die Mädchen, Anna, Ida und Agnes, ihre Aussteuer selbst hergestellt. Ich mochte das eintönige Geklapper nicht und war dort selten. Aber es kann sich ja niemand vorstellen, wie schwer die Stücke waren, wenn sie nass waren! Da musste ich dann schon mit anpacken. Nach Tagen ging es dann mit einem Waschkorb zur Mangel. Das war ein riesiges Gestell, das mit einem Rad gedreht wurde. In Holzrollen waren Steine, die Rollen wurden über die Wäsche hin und her gerollt, bis die Wäsche glatt war. Bügeleisen gab es auch. Mir ist es heute noch ein Rätsel, dass Tempelburg nicht vollständig abgebrannt ist! In die Eisenbügeleisen kam glühende, oft noch lodernde Holzkohle! Nichts passierte. Zum Abschluss so einer Aktion backte Mutter Streuselkuchen. Einmalig gut!
Im Herbst, wenn das Schmuddelwetter einsetzte, musste gedroschen werden. Wir hatten ein „Rosswerk“. Vater und sein Freund Martin, der Schmied, hatten es sich selber ausgedacht und es funktionierte! Wie, weiß ich nicht genau, jedenfalls war vor der Scheune im Hof eine große Scheibe auf einem Eisenrohr, dann ein Rohr zur Scheune hin, dort war der „Dreschkasten“, der so angetrieben wurde. Man ließ immer eine Handvoll Getreidegarbe in den Kasten und dann kamen die Körner gleich in die Säcke, das Stroh fiel runter und wurde zu Garben gebündelt. Draußen wurde einem Pferd die Augen zugebunden und es musste an einer Stange immer rund um die Scheibe gehen, so wurde die Stange zur Scheune angetrieben, die eigentliche Maschine. Es staubte gewaltig, uns kam noch drei Tage schwarzer Rotz aus den Nasen. Wie mag es in den Lungen ausgesehen haben? - Wir sind alle alt geworden!
Winters war der Sonnenberg unser Rodelberg bis runter zum Fließ. Wir waren Künstler im Schlittenfahren! Wir standen auf den Kufen, lenkten mit dem Körper und dem Seil. Illigen ist einmal auf die dünne Eisdecke vom Fließ geschossen und brach ein, wir haben sie rausgeholt und nach Hause geschmuggelt. Mutter hat nichts gemerkt! Danach war sie furchtbar erkältet, aber das war Mamas Sache. Ganz anders war es beim Ernst, der beim Schlittschuhlaufen im See einbrach! Dort war schon tiefes Wasser. Er hielt den Kopf über Wasser, hielt sich an der Eiskante fest - die immer wieder abbröckelte - ich als „die Älteste“ musste voran, auf dem Bauch hangelte ich dem Loch zu, hinter mir waren die anderen, jeder hielt jeden am Fußgelenk fest. Das Eis knackte, kriegte Risse, mir rollten Wassertropfen über die Backen, glaube, es waren Tränen. Irgendwie haben wir ihn rausgekriegt. Er wollte nicht nach Hause! Also brachten wir ihn zu der alten Frau Zwirbel, ein paar Häuser weiter, „Ach Gottchen, ach Gottchen, Ernst! Was hast Du gemacht?“ Und sie riss ihm die nassen Sachen vom Leib (das war das einzige Mal, dass ich meinen Bruder nackt sah!). Sie schlug die dicke Daunendecke zurück und bugsierte Ernst ins Bett. Er bibberte am ganzen Leib. Wir standen noch alle an der Küchentür, hinter der Küche war die Hinterstube, wo das Bett stand. Wir waren auch alle nass und bibberten. Mutter Zwirbel setzte Wasser für eine Wärmflasche auf: Da wurde die Küchentür aufgerissen, Mutter stürmte rein: „Wo ist Ernst?“ Sie sah, dass sich die Bettdecke bewegte, hastete zum Bett, schlug die Decke zurück und „Klatsch-Klatsch“ versohlte Mama Ernst den blanken Hintern! Er war so 15 Jahre alt. Dann sagte sie unter Tränen: „Ernst, was hast Du bloß gemacht! Kinder sind gekommen und haben es mir gesagt, wir gehen jetzt nach Hause, ich mache heiße Milch mit Honig, das wird schon wieder!“ „Und was ist mit meinem Tee“, zeterte Frau Zwirbel, aber wir rannten mit Mutter die paar Häuser weiter nach Hause.
