Verlag: Droemer eBook Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Mädchen, das Perlen lächelte E-Book

Clemantine Wamariya  

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E-Book-Beschreibung Das Mädchen, das Perlen lächelte - Clemantine Wamariya

Als Kind entkommt die Menschrechtsaktivistin Clemantine Wamariya dem Völkermord in Ruanda. Sie erhält Asyl in den USA, hält heute Vorträge und setzt sich für Benachteiligte und Aufbauhilfe in Afrika ein. Eine inspirierende Lebensgeschichte, außergewöhnlich berührend erzählt. Menschenrechtsaktivistin und Yale-Absolventin Clemantine Wamariya setzt sich weltweit für Benachteiligte ein, hält Vorträge und TEDTalks und wurde von Barack Obama ans U.S. Holocaust Memorial Museum berufen. Auf den ersten Blick ist ihr Leben eine Erfolgsgeschichte, doch in Wahrheit kämpft sie jeden Tag darum, ihre zerbrochene Welt wieder zu kitten. Als Sechsjährige musste sie an der Seite ihrer Schwester vor dem Völkermord in Ruanda fliehen. Sechs Jahre dauerte ihre Odyssee und führt sie durch insgesamt sieben afrikanische Länder. Im Flüchtlingscamp in Malawi, im Slum in Sambia, im Trubel des südafrikanischen Durbans überleben die Mädchen mit Ideenreichtum und der festen Absicht, ihr Schicksal nicht einfach hinzunehmen. Mit dreizehn erhält Clemantine die Chance auf ein zweites Leben: In den USA bietet man ihr Asyl, Schulbildung und jeglichen Überfluss der westlichen Welt. Sie nutzt diese Chance auf einen Neubeginn und beginnt, ihre Lebensgeschichte neu zu schreiben, Tag für Tag ein kleines bisschen. Mit beeindruckender sprachlicher Kraft erzählt sie, wie es ihr gelang, dem Genozid zu entkommen und sich auf ihre größte Stärke zu besinnen: die Macht ihrer Vorstellungskraft und der Geschichten, durch die sie überlebte.

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E-Book-Leseprobe Das Mädchen, das Perlen lächelte - Clemantine Wamariya

Clemantine Wamariya / mit Elizabeth Weil

Das Mädchen, das Perlen lächelte

Von der Macht der Geschichten in Zeiten des Krieges

Aus dem Amerikanischen von Dr. Ulrike Strerath-Bolz

Knaur e-books

Über dieses Buch

Menschenrechtsaktivistin Clemantine Wamariya setzt sich weltweit für Benachteiligte ein, hält Vorträge und TED Talks und wurde von Barack Obama ans U.S. Holocaust Memorial Museum berufen. Doch die erfolgreiche Yale-Absolventin blickt auf eine traumatische Kindheit zurück: Als Sechsjährige floh sie vor dem Völkermord in Ruanda und fand schließlich Asyl in den USA. Vom Elend der afrikanischen Flüchtlingscamps in den Überfluss der westlichen Welt: Mit großer sprachlicher Kraft erzählt Wamariya, wie sie alles verlor außer ihrer Vorstellungskraft und ihren Geschichten, durch die sie am Ende überlebte.

Inhaltsübersicht

WidmungMottoHinweis der AutorinnenLandkarteProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. KapitelDankvon Clemantinevon Elizabeth
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Für Claire und für Mukamana, die mich gelehrt hat, mein eigenes »umugami« zu erschaffen und darin zu leben.

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»Welche Worte hast du noch nicht? Was ist dein Bedürfnis, was musst du sagen?«

Audre Lorde: Sister Outsider

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Hinweis der Autorinnen

Dieses Buch ist ein Tatsachenbericht. Einige Menschen haben andere Namen bekommen, die meisten jedoch tragen ihre wirklichen Namen. Wir haben intensiv daran gearbeitet, präzise und gleichzeitig emotional wahrhaftig zu erzählen – beides ist für ein Buch wie dieses sehr wichtig. Aber die Erinnerung ist manchmal fehlerhaft und widersprüchlich, und viele Ereignisse, um die es in diesem Buch geht, liegen Jahrzehnte zurück und sind einem Kind widerfahren, das unter enormem Stress stand.

Jedes Menschenleben ist gleich viel wert. Die Geschichte eines jeden Menschen ist von zentraler Bedeutung. Dies hier ist nur eine von vielen.

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Prolog

Am Abend vor der Aufzeichnung der Oprah Winfrey Show, im Jahr 2006, traf ich mich mit meiner Schwester Claire in ihrer Sozialwohnung in Edgewater. Sie lebte dort mit den drei Kindern, die sie mit ihrem Ex-Mann bekommen hatte, bevor sie zweiundzwanzig war; er war Mitarbeiter einer Hilfsorganisation gewesen, die beiden hatten sich in einem Flüchtlingslager kennengelernt. Eine schwarze Limousine holte uns ab und brachte uns in die Innenstadt von Chicago, ins Omni Hotel, unweit der Arbeitsstelle meiner Schwester. Bis heute kann ich nicht an diesen Abend denken, ohne auch meine eigene Naivität im Blick zu haben, aber damals war ich einfach nur glücklich.

Ich war achtzehn Jahre alt, ging auf die New Trier High School und wohnte von Montag bis Freitag bei der Familie Thomas in Kenilworth, einem schicken Vorort von Chicago. Ich war Mitglied der Jugendgruppe in der Kirchengemeinde, ich machte Crosslauf und hatte die Fantine in der Schulaufführung von Les Misérables gespielt. Auch im richtigen Leben spielte ich jede Rolle, die man mir zudachte.

Claire hingegen war standhaft sie selbst geblieben, was sicher der schwierigere Weg war. Anders als ich, war sie kein Kind mehr gewesen, als wir in die USA übersiedelten. Niemand hatte sie zur Schule geschickt, sie bei sich aufgenommen oder ihr irgendwelche Mittel zur Verfügung gestellt. Keine Klavierstunden, keine Sprechtherapie, kein Cheerleader-Camp. Claire arbeitete und kämpfte sich durchs Leben. Eine Weile verdiente sie ihr Geld damit, Partys zu organisieren, Getränke zu verkaufen und DJs anzuheuern, die amerikanischen Hip-Hop, Papa Wemba – den Superstar aus Zaïre – und französischen Rap mixten. Dann erfuhr sie jedoch, dass es illegal war, ohne Lizenz Alkohol zu verkaufen, und arbeitete Vollzeit als Zimmermädchen in einem Hotel, wo sie zweihundert Zimmer pro Woche putzte.

Über die Show, die am nächsten Tag aufgezeichnet werden sollte, wusste ich nur, dass sie zwei Teile haben würde. Im ersten Teil ging es, ausgerechnet, um einen gemeinsamen Besuch von Oprah und Elie Wiesel in Auschwitz. Im zweiten Teil ging es dann um die fünfzig Siegerinnen und Sieger des von ihr ausgerufenen Essay-Wettbewerbs an Highschools. So wie alle anderen Sieger hatte auch ich über Elie Wiesels Buch Die Nacht geschrieben – seine beeindruckende Erzählung vom Überleben des Holocaust – und über die Relevanz des Buches für die heutige Zeit. Das Buch hatte mich umgehauen; ich fand es faszinierend und beschämend zugleich. Wiesel hatte Worte gefunden, die mir fehlten, um die Erfahrungen meiner eigenen Kindheit zu beschreiben.

Ich hatte meinen Essay Mrs. Thomas diktiert, während sie in ihrem geschmackvoll eingerichteten Mittelwesten-Haus – Mahagoniböden, schöner Rasen – an ihrem riesigen Computer saß, der den gesamten Schreibtisch einnahm. »Clemantine«, sagte sie zu mir, »du musst den Text einreichen, ich weiß einfach, dass du gewinnen wirst.« Mrs. Thomas hatte drei eigene Kinder – und mich. Ich nannte sie »meine amerikanische Mutter«, und sie nannte mich »meine afrikanische Tochter«. Jeden Tag machte sie mir ein Lunchpaket für die Schule und fuhr mich hin.

In meinem Essay hatte ich geschrieben, dass die Ruander sich vielleicht nicht gegenseitig umgebracht hätten, hätten sie Die Nacht gelesen.

 

Auf dem Weg in die Innenstadt führten Claire und ich das unvermeidliche Gespräch: Passiert das hier gerade wirklich? Das ist ja unheimlich! Mehr sprachen meine Schwester und ich nie über das, was in unserem Leben geschehen war. Wenn wir unsere Vergangenheit im Beisein der jeweils anderen überhaupt erwähnen mussten, dann sprachen wir von »dem Krieg«. Aber selbst das vermieden wir, und an diesem Tag waren wir beide so beschäftigt mit unseren Erinnerungen und dem absichtlichen Vergessen, dass wir bei der Ankunft im Hotel und der Frage des Hotelboys nach unserem Gepäck merkten, wir hatten unsere gesamten Sachen zu Hause liegen lassen.

Claire fuhr mit der U-Bahn zurück in ihre Wohnung, wo eine Freundin die Kinder beaufsichtigte – Mariette, die inzwischen fast zehn Jahre alt war, den achtjährigen Freddy und die fünfjährige Michele. Ich blieb verwirrt und allein in dem Hotelzimmer sitzen.

Harpo Studios hatte uns jeweils 150 Dollar Essensgeld gegeben. Das war mehr als der Wert von Claires monatlichen Lebensmittelmarken. Als Claire zurückkam, bestellten wir uns über den Zimmerservice unser Abendessen. Um vier Uhr morgens wachten wir auf und verbrachten Stunden damit, uns anzuziehen.

 

Am nächsten Tag wurden wir in das riesige Studio gebracht. Oprah saß auf der Bühne auf einem weißen Zweiersofa. Neben ihr saß auf einem weißen Sessel ein müder alter Mann: Elie Wiesel. Er war am Leben, alt, aber am Leben, und das bedeutete mir wirklich sehr viel. Er blickte ins Publikum, als hätte er viel zu sagen, aber nicht genug Zeit dafür.

In diesem schönen Studio vor all diesen gut angezogenen Leuten wurde das Video von Oprah und Elie Wiesel gezeigt, die Arm in Arm durch die tief verschneite Gedenkstätte in Auschwitz gingen und über den Holocaust sprachen.

Dann gab es eine Pause. Wir alle saßen schweigend da, einige entsetzt, andere weinend.

Und danach lobte Oprah ganz begeistert die Gewinner ihres Essay-Wettbewerbs. Alle Gewinner außer mir. Ich redete mir ein, das sei schon in Ordnung. Ich hatte erst so richtig angefangen, zur Schule zu gehen, als ich dreizehn war. Im Alter von sieben Jahren hatte ich Weihnachten in einem Flüchtlingslager in Burundi gefeiert – mit einem Schuhkarton voller Stifte, die ich unter unserem Zelt vergrub, damit man sie mir nicht stahl. Es war schon toll, hier im Publikum zu sitzen, oder etwa nicht? Abgesehen davon, dass ich unbedingt zu Oprah sagen wollte: Wissen Sie eigentlich, über wie viele Jahre und wie viele Meilen hinweg Claire immer wieder davon geredet hat, dass sie Sie eines Tages treffen wird?

Ja, und dann beugte sich Oprah vor und sagte: »Clemantine, hast du eigentlich, bevor du Afrika verlassen hast, deine Eltern wiedergefunden?«

Man hatte mir ein Mikrofon ans Revers meines schwarzen Blazers und einen Akkupack an den Bund meiner schwarzen Hosen gesteckt, also hätte ich wohl mit so etwas rechnen müssen. »Nein«, sagte ich. »Wir haben es über UNICEF versucht, überall, wir sind herumgelaufen und haben gesucht und gesucht und gesucht …«

»Das heißt, wann hast du sie das letzte Mal gesehen?«, fragte sie.

»Das war 1994«, antwortete ich. »Als ich noch keine Ahnung hatte, was eigentlich los war.«

»Nun, ich habe hier einen Brief von euren Eltern«, sagte Oprah, als hätten wir gerade den Hauptpreis in einer Gameshow gewonnen. »Clemantine und Claire, kommt doch bitte auf die Bühne.«

 

Claire klammerte sich an mir fest. Sie zitterte, hatte aber ihr toughstes, skeptischstes Gesicht aufgesetzt, weil sie einfach mehr von der Welt weiß als ich. Und auch, weil sie sich nach allem, was wir durchgemacht hatten, weigerte zu denken, jemand wäre besser oder wichtiger als sie. Als wir bettelarm und allein waren, hatte sie, nachdem sie bereits sechs Stunden die Wäsche von anderen Leuten mit der Hand geschrubbt hatte, auf dem Bildschirm des Fernsehers Angelina Jolie gesehen. Angelina Jolie, die da herumstolzierte und funkelte und moralische Überlegenheit ausstrahlte. Und Claire hatte nur gesagt: »Wer bist du denn? Mein Gott, du bist doch auch nur ein Mensch. Uns unterscheidet gar nichts.«

Ich bin nie so gewesen wie Claire. Ich war nie unverletzlich. Bis heute kommt mir meine Lebensgeschichte oft vor wie Stückwerk, wie Perlen, die niemand aufgefädelt hat. Jedes Mal, wenn ich meine Erinnerungen zusammensetze, sieht das Arrangement etwas anders aus. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ich mich, tief im Inneren, immer verloren fühlen könnte. Dass ich immer durcheinander sein werde. Aber an diesem Tag sprang ich lächelnd auf die Bühne. Zu erkennen, was andere von mir erwarteten, war eine der wertvollsten Fähigkeiten, die ich mir bei dem Versuch, als Flüchtling zu überleben, angeeignet hatte.

»Das hier ist von eurer Familie in Ruanda«, sagte Oprah und überreichte mir einen braunen Umschlag. Sie sah feierlich aus, überzeugt von dem, was sie vorhatte. »Von eurem Vater, eurer Mutter, euren Schwestern und eurem Bruder.«

Claire und ich wussten, dass unsere Eltern noch lebten. Wir wussten auch, dass sie alles verloren hatten, mein Vater sein Geschäft und meine Mutter ihren Garten, und dass sie jetzt in einer Hütte am Rand von Kigali wohnten. Wir hatten mit ihnen telefoniert, aber nur ein paar Mal, denn … Wo will man da anfangen?

Warum habt ihr nicht intensiver nach uns gesucht? Wie geht es euch? Mir geht es gut, vielen Dank. Ich habe bei Gap gearbeitet und ich habe festgestellt, dass mir das Lesen von englischen Texten leichter fällt, wenn ich auch Hörbücher anhöre.

Ich machte den Umschlag auf und zog ein Blatt blaues Papier heraus. Dann legte Oprah ihre Hand auf meinen Arm, damit ich den Brief nicht auseinanderfaltete. Darüber war ich sehr erleichtert. Ich wollte nicht so gern vor den Fernsehkameras zusammenbrechen.

»Du musst das jetzt nicht lesen, nicht vor all diesen Leuten«, sagte Oprah. »Du musst es nicht vor all diesen Leuten lesen, denn …« Sie hielt einen Moment inne. »Denn … denn … eure Familie … IST HIER!«

Ich ging ein paar Schritte rückwärts. Claire fiel die Kinnlade herunter wie in einer Karikatur. Dann ging eine Tür auf, die mit Bildern von Stacheldraht beklebt war – speziell für diesen Anlass, nehme ich an, um das Leben in einem Lager zu symbolisieren. Und auf die Bühne kam ein achtjähriger Junge, der offensichtlich mein Bruder war. Dann kam mein Vater im dunklen Anzug mit lachsfarbenem Hemd und Krawatte, dahinter eine funkelnagelneue fünfjährige Schwester, meine Mutter in einem langen blauen Kleid und meine Schwester Claudette, die inzwischen größer war als ich. Ich hatte sie zuletzt gesehen, als sie zwei Jahre alt war und ich noch glaubte, meine Mutter hätte sie auf dem Obstmarkt gekauft.

Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick vorgestellt! In Malawi hatte ich meinen Namen in den Staub auf den Autos geschrieben, weil ich hoffte, meine Mutter würde mein verschnörkeltes Clemantine sehen und begreifen, dass ich noch lebte. In Tansania hatte ich Murmeln für meinen großen Bruder Pudi gesammelt. Pudi war bei diesem Zusammentreffen nicht dabei. Pudi war tot.

Claire blieb für einen Moment wie erstarrt. Also rannte ich mit meinen Fernsehkleidern und meinen hochgeföhnten Haaren zu meiner von Oprah erschaffenen Familie. Ich streckte die Arme aus und umarmte meinen Bruder, meinen Vater, meine noch so kleine Schwester. Als ich meine Mutter umarmen wollte, wurden mir die Knie weich, sodass sie mich hochziehen musste. Dann umarmte ich auch sie. Und dann Claudette, meine andere kleine Schwester, die gar nicht mehr klein war. Und dann gleich noch auf der anderen Seite der Bühne Oprah und den liebenswerten runzligen Elie Wiesel.

Die Kameras waren weit weg. Ich hatte vergessen, dass ich Teil eines Spektakels für Millionen Fernsehzuschauer war, dass mein Erleben, meine Freude und mein Schmerz von Menschenmassen verschlungen wurden. Dass im Studiopublikum alle weinten, nahm ich aber sehr wohl wahr.

 

Ein paar Stunden später, die mir allerdings wie Minuten vorkamen, standen wir auf dem Gehweg vor dem Studio. Dann fuhr meine ganze Familie mit einer schwarzen Limousine Richtung Norden in die Wohnung meiner Schwester. Sie wohnte im Vordergebäude eines niedrigen Wohnblocks, gegenüber von der Hochbahn und einen Block entfernt von einem verlassenen Holzhaus mit Giebeldach. Es war ein einst fantastisches, heute vergessenes Haus, von dem ich irgendwie immer gehofft hatte, dort würden wir eines Tages wohnen. Wir alle. Wir würden wieder eine Familie sein.

Auf der Fahrt sprach niemand ein Wort. Auch als wir in Claires Wohnung angekommen waren, wusste keiner von uns, was er tun sollte. Meine Mutter in ihrem langen blauen Kleid setzte sich ständig hin und stand wieder auf. Sie berührte alles – die Wände des Wohnzimmers, die Fernbedienung des TV-Geräts. Und sie sang vor sich hin, dass Gott uns beschützt hatte und dass wir ihn nun lieben und ihm dienen mussten. Mein Vater lächelte die ganze Zeit, als würde ihn jemand fotografieren, dem er misstraute. Claire war wie unter Schock. Sie wiegte sich mit versteinertem Gesicht hin und her. Ich dachte, jetzt ist sie wirklich verrückt geworden.

Ich saß auf Claires Couch und schaute meine fremden neuen Geschwister an, die an Claires und meine Stelle getreten waren. Sie sahen so perfekt aus mit ihrer makellosen Haut, ihren strahlenden Augen – wie großartige Darsteller der Familie, die die meine hätte sein können. Aber sie kannten mich nicht, und ich kannte sie nicht, und die Kluft zwischen uns war Milliarden Meilen weit.

Irgendwann weinte ich mich in Mariettes Bett in den Schlaf. Als ich wieder aufwachte, trug ich immer noch meine Oprah-Schuhe.

 

Der nächste Tag war ein Freitag. Natürlich ging ich nicht zur Schule. Wir mussten ja die viele verlorene Zeit aufholen. Doch ich konnte meine Eltern nicht ansehen. Sie waren Gespenster.

Natürlich war ich dankbar, schließlich hatte Oprah meine Eltern zu mir zurückgebracht. Aber es war auch wie ein Tritt in den Magen, als wäre mein Leben das Experiment irgendeines perversen Psychologen: Lasst uns doch mal rausfinden, wie weit wir einen Menschen erst nach unten ziehen und dann wieder nach oben holen können. Und was dann mit diesem Menschen passiert.

Am Samstag fuhr meine Familie mit den Thomas’ am See entlang in den Botanischen Garten von Chicago, wo wir Lilien und Rosen aus Illinois anstarrten. Wir alle wünschten uns, wir könnten eine Verbindung zu den Lilien und Rosen in Kigali herstellen und so die Gegenwart und die Vergangenheit verknüpfen. Aber es war alles eher peinlich und fühlte sich an, als würden uns die Kameras immer noch verfolgen. Am Sonntag fuhren wir zum Navy Pier, einem Vergnügungspark mit Riesenrad, klebriger Zuckerwatte und lauter Touristenattraktionen.

Mein Vater hatte immer noch dieses falsche, schmerzliche Lächeln im Gesicht. Mein eigenes Gesicht sah wahrscheinlich ganz ähnlich aus: ein Lächeln, das einen Schrei verdeckt. Claire sprach kaum ein Wort. Am Montagmorgen flogen meine Eltern und meine neuen Geschwister zurück nach Ruanda. Den Flug hatten Oprahs Leute gebucht. Mrs. Thomas holte mich wie jeden Montag von Claires Wohnung ab. Ich hatte keine Ahnung, was ich von den Ereignissen der letzten Tage halten sollte. Also rannte ich einfach hinaus, auf ihren Mercedes zu, und sie setzte mich an der Schule ab.

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1

Als ich ein ganz normales Kind war, lebte ich in Kigali in Ruanda. Ich war frühreif und neugierig. Mein Spitzname lautete Cassette, weil ich alles wiederholte, was ich sah oder hörte. Außerdem petzte ich, so zum Beispiel, dass meine Schwester Claire, die neun Jahre älter war als ich, Shorts unter ihrem Rock trug und nach der Schule Fußball spielte, statt Besorgungen für die Familie zu machen.

Wenn sie Aufträge meiner Mutter zu erledigen hatte – Tomaten kaufen, sechs Flaschen Cola für Gäste holen –, gab sie nur ein Viertel des Geldes aus, das meine Mutter ihr mitgab. Claire war schon mit vierzehn Jahren sehr geschäftstüchtig. Sie wusste um den Wert von Dingen, und sie wusste auch, Vertrauen war eine Währung. Wenn sie dem Tomatenverkäufer sagte, dass sie ihm heute weniger bezahlen, dafür aber jede Woche wiederkommen und die Tomaten nur bei ihm kaufen würde, dann ließ er sich auf diesen Handel ein. Das gesparte Geld steckte sie selbst ein, und so waren beide glücklich.

Sie wusste aber auch, dass das Leben schwieriger und teurer war, wenn ich mitging. Ich redete zu viel, ich tratschte, und ich stellte zu viele Fragen. Außerdem lispelte ich und war deshalb schwer zu verstehen. Claire machte sich über mich lustig, wenn mir die Zunge im Weg war. Manchmal bat sie mich, Wörter zu wiederholen, und dann lachte sie.

In unserem Hinterhof gab es eine Freiluftküche mit einer großen Sandkiste, in der meine Mutter Möhren und Süßkartoffeln vergrub, um sie vor der Hitze zu schützen und damit sie noch süßer wurden. Im Vorgarten stand ein Mangobaum, alt und feucht und mit ledrigen Blättern. Wenn man in seinen Ästen saß, umarmte er einen. Jeden Tag, wenn wir von der Schule kamen, kletterten Pudi und ich auf den Baum und standen auf seinen Ästen. Er war eine ganze Welt für sich. Wir schüttelten seine Blätter und spielten, der Baum wäre ein Bus, der uns nach Butare brachte, wo unsere Großmutter lebte, ungefähr drei Stunden entfernt. Oder sogar bis nach Kanada.

Meine Mutter war klein und rundlich, mit königlicher, gerader Haltung, hohen Wangenknochen wie meine Großeltern und strahlend weißen Zähnen mit kleinen Zwischenräumen. In Ruanda ist das ein Schönheitsmerkmal, es gibt in unserer Sprache Kinyarwanda sogar ein Wort dafür: inyinya. Als sie sich in meinen Vater verliebte, beschlossen die beiden zu heiraten, obwohl seine Familie dagegen war.

Meine Mutter ging morgens immer in die Kirche, die nur ein Stück den Hügel hinauf lag. Ihre Nachmittage verbrachte sie im Garten, ihrem Paradies. Dort lehrte sie mich die Namen der Pflanzen – Blumenkohl, Strelitzie –, und wie man sie pflegte. Welche in den kühlen Boden unter dem Mangobaum gepflanzt werden mussten und welche in der vollen Sonne stehen konnten. Sie baute Orangen, Zitronen, Guaven und Papaya an, Hibiskus, Plumeria, Sanchezia, Anthurien, Geranien und Päonien. Manchmal zupfte ich die Staubgefäße aus den Tigerlilien und hielt sie mir an die Lippen, sodass ich einen leuchtenden Schnurrbart aus orangefarbenen Pollen bekam.

Samstags schleppte meine Mutter mich, Pudi und Claire mit zum Putzen bei alten Leuten. Die Leute waren sehr launisch, manchmal schimpften sie mit uns, wenn wir die Früchte aßen, die von ihren Mangobäumen gefallen waren. Meine Mutter kümmerte sich nicht darum, wenn sie garstig waren.

Sie nahm auch Mädchen vom Land auf, junge Frauen, die, bevor sie heirateten, ein oder zwei Jahre in einer großen Stadt mit Einkaufszentren, Bürogebäuden, Kirchen und asphaltierten Straßen verbringen wollten, um ein bisschen Geld zu verdienen und etwas von der Welt zu sehen. Diese Frauen arbeiteten als Kindermädchen oder halfen in der Küche oder beim Wäschewaschen. Meine Mutter bestand darauf, dass Claire und ich all diese Arbeiten auch lernten. Wir sollten nicht meinen, wir wären etwas Besseres. Mir machte es nichts aus, zu arbeiten. Ich wollte, dass es in meiner Welt geordnet zuging. Schon mit vier Jahren war ich geradezu zwanghaft ordentlich, stellte meine Schuhe stets genau nebeneinander an der Tür ab und fegte immer wieder den gepflasterten Hof.

Claire dagegen hasste Hausarbeit. Für sie war das Zeitverschwendung. Sie hatte große Pläne und konnte es kaum erwarten, endlich frei zu sein und auf ein College in Kanada zu gehen. Von Kanada träumten viele in Ruanda, weil es so ähnlich war wie Amerika, nur dass man dort französisch sprach. Französisch war die zweite Sprache, die wir in der Schule lernten, weil Ruanda früher mal eine belgische Kolonie war. Wenn sie nicht nach Kanada gehen konnte, wollte Claire durch Europa reisen, egal wohin, Hauptsache iburayi – »im Ausland« oder einfach »weit weg« leben, wie man bei uns sagte. Claires Patentante lebte in Montreal und schickte ihr immer tolle Geschenke: eine Uhr mit silbernem Armband, ein grünes Regenset mit Jacke, Schirm und Gummistiefeln und so weiter.

Meine Träume im Alter von vier Jahren waren weit weniger abenteuerlustig. Ich wünschte mir Eiscreme und Ananaskuchen, eine petrolblaue Schuluniform – und dass ich in Claires Sachen hineinwuchs.

 

Meine Mutter kleidete sich sehr ordentlich und bescheiden, als wollte sie sagen: Ich bin da und doch nicht da, schaut mich gar nicht an. Bei der Gartenarbeit trug sie ein T-Shirt und einen leuchtend bunten Kitenge-Rock, zur Kirche einen langen schwarzen Faltenrock, eine hochgeschlossene Bluse und brave, flache schwarze Schuhe. Ihre Absätze klackerten nie, sie trug auch nie Make-up, höchstens einen Tupfer Vaseline, damit ihre Lippen etwas mehr strahlten. Sie ging ganz in dem allmächtigen katholisch-ruandisch-postkolonialen Ethos auf: Mach dich so unsichtbar wie möglich. Zieh keine Blicke auf dich. So wurde auch ich erzogen: Sauber und ruhig sollte ich sein. Was mich nicht besonders begeisterte.

Viele unserer Nachbarsfamilien waren lebendiger und ganz anders als wir. Sie waren Muslime und keine Katholiken, sie waren Zairer und keine Ruander. Ich wollte gern probieren, wie sie ihre Bohnengerichte zubereiteten, wollte schauen, was sie sonst noch auf ihren Tellern hatten, wollte den Ramadan und den indischen Feiertag Diwali mitfeiern. Manchmal, wenn ich bei Nachbarn zu Besuch war, warf ich einen Blick in ihre Schlaf- und Badezimmer, sah mir ihre Haarbürsten und Zahnbürsten, ihre Medikamente und Seifen an. Ich wollte ihre Geheimnisse ergründen – nicht die tiefen, düsteren, sondern die kleinen, allzu menschlichen. Ich wollte ihre Körper kennenlernen.

Meine Mutter versuchte, mir die Neugierde abzugewöhnen. Sie tadelte mich mit den Worten ushira isoni – du bist nicht scheu genug. Ruander, vor allem die Mädchen, sollten zurückhaltend und kaum sichtbar sein. Doch wenn ich mit meiner Mutter in die Stadt ging, zeigte ich auf jedes einzelne Haus und fragte sie: »Wer wohnt da? Wie viele Kinder haben sie? Ist jemand krank?« Ich passte einfach nicht in ihr Weltbild.

Eines Tages, als sie in ihrem bunten Rock im Garten war, hörte sie im Radio, dass eine Freundin gestorben war – kwitaba imana hieß das bei uns, sie hatte auf den Ruf Gottes gehört. Da weinte meine Mutter, aber das war auch das erste und einzige Mal, dass ich sie weinen sah. Erwachsene in Ruanda weinen nicht. Kinder dürfen weinen, bis sie sprechen lernen, dann sollen auch sie damit aufhören. Wenn man später einmal unbedingt weinen muss, dann soll es klingen wie ein Singen, wie der Gesang eines schwermütigen Vogels.

Ich flehte meine Mutter an, mich zu der Beerdigung mitzunehmen. Ich wollte so gern wissen, was bei einer Beerdigung passierte. Mein Kindermädchen Mukamana, das ich liebte und verehrte, bügelte mein bestes Baumwollkleid und zog es mir an, und dann ging ich an der Hand meiner Mutter die Schotterstraße hinunter und über die Brücke in die Stadt.

Ruanda ist ein bergiges Land. Mukamana sagte, der Schöpfer, Imana, habe nicht gewollt, dass unser Land flach ist, er habe Ruanda zu etwas Besonderem machen wollen. Bei der Kirche schlossen wir uns den etwa fünfzig Leuten an, die auf langen Bänken in einem Rechteck unter einem Baum saßen. Alle schwiegen oder flüsterten höchstens. Meine Mutter benahm sich wie die übrigen Erwachsenen und war ruhig und gefasst. Ich saß da und starrte ganz verwirrt die Erwachsenen an.

Ich hörte Gott nicht reden, zu niemandem. Ich hörte nur, wie der Priester ein paar tröstende Worte sprach, und dann wurden Kirchenlieder gesungen. Nach dem Gottesdienst fragte ich ein paar Freunde meiner Mutter, ob sie Gott gehört oder gesehen hätten. Sie nahmen meine Hände in ihre und tätschelten sie, als wollten sie sagen: Das verstehst du irgendwann.

Aber »irgendwann« konnte weit weg sein. Ich wollte es jetzt sofort verstehen. In meinem Kinderleben war der Tod bisher nur eine schwache Drohung gewesen, ein Scherz unter Geschwistern, wenn Pudi oder Claire sagte, unsere Mutter würde mich umbringen, wenn ich zu viele Rosen abpflückte. Meine Mutter tat ihr Bestes, um mir die Sache zu erklären. Sie sagte, der Tod sei ein Zuhause, in dem wir willkommen seien. Aber ich war sauer und fast beleidigt, weil sie es mir so offensichtlich einfach erklären wollte. Mit der ganzen Selbstüberschätzung meiner vier Jahre dachte ich, ich könnte die Wahrheit vertragen. Ich dachte, ich hätte ein Recht darauf, es zu wissen. Und das forderte ich auch ein.

Nach der Beerdigung verbrachte ich so viel Zeit wie möglich bei alten, kranken Leuten. Ich begleitete meine Mutter, wenn sie sie besuchte, um ihnen aus der Bibel vorzulesen. Ich wollte hören, was Gott zu ihnen sagte, wenn er sie »heimrief«. Musste man auf diesen Ruf hören? Oder konnte man sich weigern, wenn man gern noch leben wollte? Vielleicht war es ja nur eine freundliche Einladung von Gott, die man auch dankend ablehnen konnte. Nein, vielen Dank, ich bleibe noch ein bisschen, wo ich bin.

 

Meine Tage waren angefüllt mit Widerwillen dagegen, jung und verwöhnt zu sein. Ich hasste die Lotion, mit der mich meine Nanny nach dem Baden eincremte. Ich hasste meinen Bademantel. Ich wollte einen Bademantel mit Knöpfen, wie Claire ihn hatte, und wenn ich den schon nicht kriegen konnte, dann wollte ich mich wenigstens so anziehen wie Pudi. Pudi hieß eigentlich Claude, sein Spitzname kam von seiner Vorliebe für Puma und Adidas. Meine Mutter verwöhnte ihn, indem sie zuließ, dass er sein leuchtend rotes Adidas-Fußballtrikot unter der Schuluniform trug, obwohl das Trikot nach Schweiß roch.

Jeden Tag, manchmal jede Stunde, bat ich Mukamana, mir Geschichten zu erzählen, damit ich die Welt verstand. Zum Beispiel die Geschichte, wie die Götter den Ozean schüttelten wie einen Teppich, damit Wellen entstanden. Meine Lieblingsgeschichte war aber die von dem schönen, zauberischen Mädchen, das auf der Erde umherging und Perlen lächelte. Wenn Mukamana mir diese Geschichte erzählte, fragte sie immer: »Und was meinst du, was dann passierte?« Und was auch immer ich sagte, welche Zukunft ich mir auch ausmalte, Mukamana ließ sie wahr werden. Sie hatte ihre langen, lockigen Haare in ein wunderbares Tuch geschlungen und schlief bei mir im Zimmer. Wir hatten beide ein eigenes Bett. Sie brachte mir Lieder bei, die mein Morgenritual beschleunigten: aufstehen, beten, Bett machen, Zähne putzen, Gesicht waschen, Haare kämmen, anziehen und allen einen guten Morgen wünschen.

Ich weigerte mich, irgendetwas zu tun, wenn sie mir keine Geschichte erzählte, und sie nutzte meine Lust auf Geschichten, um mit mir zu handeln. »Also, wenn du jetzt deinen Mittagsschlaf machst, erzähle ich dir eine Geschichte. Wenn nicht, gibt es keine Geschichte.«

Als ich größer wurde, wollte ich sein wie sie. Ich wollte Geschichten erzählen und tanzen, wie sie es für mich tat. Mukamanas Geschichten hatten immer etwas mit Singen und Tanzen zu tun. Sie klopfte den Rhythmus mit ihren Füßen. Die Handlung ihrer Geschichten war nicht festgelegt, sie fragte mich immer: »Und dann, was meinst du, was dann passierte? Kannst du erraten, wie es weiterging?« Sie war die Einzige, die mir bereitwillig half zu verstehen, warum der Himmel so hoch war oder woher das Wasser kam.

 

Mein Vater hatte ein Busunternehmen. Er hatte es allmählich aufgebaut, wie man es macht, wenn man ein guter Unternehmer ist. Ein Auto, dann zwei, irgendwann eine kleine Flotte von Minibussen. Als ich geboren wurde, besaß er schon eine große Garage an einer viel befahrenen Straße. Darin roch es nach Motoröl und Staub.

Er war kräftig gebaut mit starker Brust und breiten Schultern, breiter Stirn und breitem Lächeln. Seine Ohren standen ein wenig ab, sodass er nicht ganz so einschüchternd aussah. Er arbeitete immer sehr lange, und so sah ich ihn nicht oft. Wenn er abends zu Hause war, stritt ich mit Claire, wer von uns ihm seine ledernen Hausschuhe bringen durfte. Claire wusste, dass dies eine gute Gelegenheit war, um ihn um ein bisschen Geld oder neue Nikes zu bitten. Und ich wollte gern einen Schluck von seinem Bier.

Mein Vater hatte hart gearbeitet, um unser Mittelschicht-Zuhause aufzubauen. Als meine Eltern geheiratet hatten, war nicht mal genug Geld für eine Hochzeitsfeier da gewesen. Jetzt kam mein Vater manchmal nachmittags nach Hause, wenn es sehr heiß war oder wenn wenig zu tun war. Dann hielt er einen Mittagsschlaf. Ich wusste, dass ich dann still sein musste und nicht im Garten spielen oder herumschreien durfte, vor allem in der Nähe seines geöffneten Fensters.

Aber eines Nachmittags spielte ich mit Pudi im Mangobaum, und da vergaß ich dieses Verbot.

Normalerweise war Disziplin die Domäne meiner Mutter. Sie war streng und ruhig; wenn wir uns schlecht benahmen, ließ sie uns in einer Ecke knien, das Gesicht zur Wand. Manchmal mussten wir dabei Steine über unseren Köpfen in die Höhe halten. Das war schlimm. Wenn jemand log – meistens ich –, kochte meine Mutter Wasser auf und ließ uns alle um den Topf herumsitzen. »Wenn man nicht ehrlich gewesen ist und seine Hand in den Topf steckt, wird sie verbrühen«, sagte sie. »Wenn man ehrlich gewesen ist, passiert nichts.« Das brachte den Schuldigen immer dazu, zu gestehen.

Claire hasste die Strafen meiner Mutter noch mehr als wir anderen. Sie erfüllten sie mit Wut und Scham. »Warum schlägst du uns nicht einfach, wie alle anderen es machen?«, fragte sie meine Mutter.

Aber an diesem Nachmittag, als mein Vater zu Hause war und schlief und ich vergaß, still zu sein, kam die Strafe nicht von meiner Mutter, sondern von meinem Vater. Er öffnete sein Fenster weit, rief mich in sein Zimmer und gab mir eine Ohrfeige. Das brennende Gefühl spüre ich heute noch. Vor Schreck pinkelte ich in die Hose.

Größere Grausamkeit hatte ich bis dahin nicht erlebt.

 

Als ich fünf Jahre alt war, kam ich in den Kindergarten. Inzwischen hatte ich eine kleine Schwester. Ich war eifersüchtig wie fast alle älteren Geschwister und bat meine Mutter jeden Tag wieder, sie zurückzubringen. Ich überlegte sogar, wegzulaufen.

Der Kindergarten war ein Privileg. Weder Claire noch Pudi hatten ihn besucht, weil meine Eltern damals nicht so viel Geld gehabt hatten. Es war schön dort, das Gebäude lag am Hang, und wir hatten eine wirklich glamouröse Erzieherin, deren Absätze über den Flur klackerten. Es roch nach Wachsmalstiften, wir sangen, modellierten Schalen und Becher aus Ton und nahmen im Schatten unser Mittagessen ein.

Jeden Tag brachte ich zu meinem Essen eine grüne Thermoskanne mit, in der Tee mit Milch war. Ich hielt mich für etwas ganz Besonderes, vielleicht für das »besonderste« Kind in ganz Ruanda, weil mich Mukamana eines Tages mit dem grünen Regenschirm, der Jacke und den Gummistiefeln abholte, die Claire gehört hatten. Es war zur Monsunzeit, warm und regnerisch. Ich zog Claires grüne Gummistiefel an und bat Mukamana, den längeren Weg nach Hause zu nehmen, um den nächsten Hügel herum und durch die Stadt, nicht den direkten Weg über die Brücke. Ich wollte doch so gern allen meine schicken Regensachen vorführen!

Aber Mukamana sagte mir, wir könnten den längeren Weg nicht nehmen, weil er überschwemmt war. Ich war sehr wütend und verzieh ihr erst, als ich Pudi fand, der mit mir spielte. Das Regenwasser rauschte von unserem roten Dach auf den Hof. Er hatte Seife aus der Küche geklaut und das Pflaster im Hof rutschig gemacht. Wir rannten und schlitterten, bis meine Mutter genug hatte und uns hereinholte.

Kurz danach verschwand Mukamana. Ich fragte meine Mutter, warum sie weg war, und sie sagte, es läge an intambara – dem Konflikt. Das Wort kannte ich nicht, es gab keine Geschichte dazu.

 

Dann kam eine neue Nanny. Sie hieß Pascazia, und ich hasste sie, weil sie nicht Mukamana war. Sie erzählte mir keine Geschichten, so wie Mukamana es getan hatte. Sie trug die Haare nicht in ein elegantes Tuch geschlungen. Eines Tages kam sie mich bei Regenwetter vom Kindergarten abholen, und sie hatte die grünen Gummistiefel und die Regenjacke nicht dabei.

Auf dem Weg nach Hause kamen wir an einer Gruppe von Männern vorbei, die auf der Straße sangen und tanzten. Sie waren verschwitzt und hatten grüne, goldene und rote Flaggen bei sich. Es sah sehr festlich aus, fast wie im Karneval. Besonders begeistert war ich von der großen Trommel. Ein Dutzend Lastwagen stand am Straßenrand, und dahinter hatte sich eine Menschenmenge versammelt, um zuzusehen. Ich wollte dableiben und mit den Männern singen und tanzen, und normalerweise trödelte Pascazia auch gern mit mir. Sie kaufte mir dann mandazi, eine Art Beignets, damit ich geduldig wartete, während sie mit ihren Freundinnen plauderte. Also bettelte ich jetzt auch um ein mandazi, damit ich noch ein bisschen zuschauen konnte.

Aber sie weigerte sich.

Eine Woche später, kurz vor der Brücke und bevor wir den Hügel hinauf zu unserem Haus gingen, stand eine Menschenmenge im Kreis um irgendetwas herum. Die Leute sagten, da würde jemand gesteinigt, weil er etwas gestohlen hatte. Ich verstand das alles nicht. Ich sah wieder ganz viele Flaggen, rote, schwarze, gelbe und grüne, und wieder wurde gesungen und marschiert. Ich schaute wie gebannt zu. Mukamana hatte mir einmal eine alte Geschichte erzählt, in der Männer mit Speeren gegeneinander kämpften, oben in den Bergen. Diese Speere, so sagte sie, hatten viele kaputte Körper und gebrochene Herzen hinterlassen. Und die zerbrochenen Männer, so sagte sie, lebten immer noch irgendwo im Versteck. Waren das diese Männer?, fragte ich mich. Als ich Pascazia darauf ansprach, zog sie mich am Arm weg, sodass ich hinter ihr herlaufen musste.

Zu Hause berichtete ich meiner Mutter davon. Ich wusste nicht, was ich da gesehen hatte, aber mir war klar, dass es ebenso faszinierend wie falsch war.

»Wo seid ihr gewesen? Warum seid ihr dort entlanggegangen?«, fragte meine Mutter Pascazia mit einem scharfen Tadel in der Stimme. Ihre Lippen waren nur noch ein schmaler Strich. Sie erhob fast nie ihre Stimme. »Ihr sollt doch dort nicht entlanggehen!«

Ein paar Tage später verschwand Pascazia. Und ich ging nie wieder in den Kindergarten.

 

Kennen Sie diese kleinen zusammengepressten Stückchen, die sich zu großen Schwämmen ausdehnen, wenn man sie in Wasser legt? Mit meinem Leben ging es genau umgekehrt. Es schrumpfte ein.

Erst durfte ich nicht mehr im Mangobaum spielen. Pudi versuchte, mir im Haus einen Ausgleich zu schaffen, zum Beispiel, indem er mir in falschem Französisch etwas vorlas. Er sollte eigentlich in der Schule Französisch lernen, aber er war faul. Also schauten wir uns in den Büchern nur die Bilder von Tim und Struppi an, und Pudi dachte sich Geschichten dazu aus. Gemeinsam reisten wir mit den beiden in den Dschungel, ein Löwe erschien, und wir flüchteten in die Höhlen.

Dann durfte ich nicht mehr mit meiner Freundin Neglita spielen. Sie war meine älteste Freundin, eine der wenigen in meinem Alter, und ich fand sie wunderbar. Wir dachten uns Feenwelten aus, und ich durfte immer bestimmen, was wir spielten. Wir sammelten Blütenblätter und Moos, und die Feen trugen Kleider aus diesen Blütenblättern und lebten in Häusern aus Moos.

Kurz vor der Sache mit der Steinigung hatte meine Mutter mich zu Neglita nach Hause gebracht, damit wir spielen konnten. Auf dem Weg sammelten wir Samenkapseln, und bei Neglita im Hof legten wir die Samenkapseln auf heiße Steine und warteten, dass sie aufsprangen. Ich übernachtete sogar bei Neglita, und als meine Mutter mich am Morgen abholte, wollte ich nicht weg. Damit ich mich doch darauf einließ, schlug sie mir vor, ich sollte einen Pullover bei Neglita lassen und dafür einen von meiner Freundin mit nach Hause nehmen. Dann hätten wir einen Grund, uns bald wiederzusehen und die Pullover wieder auszutauschen. Neglitas Pullover war blau und roch nach Eukalyptus. Ich wollte meinen Pullover gern wiederhaben, aber ich habe Neglita nie mehr gesehen.

Inzwischen lief bei uns ständig das Radio mit seinem scheußlichen Rauschen. Pudi nahm mich mit zu einer Filmvorführung von Rambo auf einem Bettlaken im Hof eines Nachbarn. Ich hatte noch nie gesehen, wie eine Schusswaffe abgefeuert wurde, von echten Kämpfen ganz zu schweigen. Danach waren alle Kinder in der Nachbarschaft eine Weile wie besessen von Rambo. Sie schnitten die Ärmel von ihren T-Shirts ab und trugen Stirnbänder. Die Jungen suchten sich Stöcke und versteckten sich hinter Bäumen, von wo aus sie so taten, als würden sie schießen.

Häuser wurden ausgeraubt, nur um zu zeigen, dass das möglich war. Die Einbrecher hinterließen Zettel, auf denen sie Öl, Zucker oder einen Fernseher verlangten. Ich bat die Erwachsenen, mir das zu erklären, aber ihre Gesichter waren wie versteinert, und sie versuchten, meine Gedanken wieder auf Kinderthemen zu lenken. Manchmal hinterließen die Einbrecher Granaten – das hörte ich jedenfalls von anderen, ich hatte ja keine Ahnung, was Granaten sind. Ich wusste nur, sie konnten einen Menschen in tausend Fetzen zerreißen, und ich stellte mir vor, darin müssten Hunderte kleine Feuer brennen. Wie sollte man sonst einen ganzen Menschenkörper zerreißen? Wie konnte ein so kleines Ding so viel Kraft haben?

 

An manchen Tagen fühlte sich die Welt grün an, an anderen gelb. Aber es war nie ein glückliches Gelb.

Die Mädchen, die bei uns lebten, kehrten zu ihren Familien und in ihre Heimatorte zurück. Der einzige Angestellte, den wir noch im Haus hatten, war ein Wächter, der abends im Vorgarten stand und Zigaretten rauchte, wenn mein Vater arbeitete. Wenn mein Vater heimkam, brachte ich ihm immer noch seine Hausschuhe, und er gab mir einen kleinen Schluck Bier. Aber er hörte dabei Radio, und er lächelte nicht mehr. Er sagte höchstens, hier hast du einen Schluck, aber sei still.

Unsere Vorhänge, die meine Mutter früher immer um fünf Uhr morgens aufgezogen hatte, blieben jetzt geschlossen. Das Trommeln fing wieder an, laut und weit entfernt. Dann hörte man Autos hupen. Mein Vater arbeitete nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit. Meine Mutter sah Männer, keine Jungen, die Stiefel wie Rambo trugen und in der Nähe der Kirche vorbeimarschierten. Daraufhin ging sie nicht mehr zur Kirche, sondern betete in meinem Zimmer, wo auch meine Geschwister jetzt manchmal schliefen, weil es das kleinste Fenster hatte.

Es kamen keine Gäste mehr zum Abendessen. Meine Mutter kochte ständig Möhren und Linsen, immer nur Möhren und Linsen. Die Kartoffeln, die sie früher in den Eintopf geschnitten hatte, kamen vom Markt, und niemand aus meiner Familie ging mehr zum Markt.

Der Strom kam und ging, Wasser gab es keines mehr. Und andauernd hieß es, seid still, psst. Der Druck war enorm. Checkeka – psst, sei still –, hundertmal am Tag bekam ich das von meinen Eltern zu hören.

Es war, als gäbe es mehr Nächte als Tage. Wenn die Sonne unterging, weinte ich. Jemand warf eine Handgranate auf das Haus eines Nachbarn. Mittlerweile war ich sechs Jahre alt.

Kurz danach starb mein Onkel. Meine Mutter sagte tatsächlich, er sei gestorben. Als ich sie fragte, ob er von Gott heimgerufen worden sei, verneinte sie. Ich hörte Gespräche, die ich nicht verstand und in denen es hieß, sie kommen. Sie, immer wieder dieses eine Wort, mit einem Klang wie ein Zischen. Bei uns waren Gäste immer willkommen gewesen. Gäste waren wichtig, etwas Besonderes. Wenn Gäste kamen, stellte meine Mutter geröstete Nüsse und Cola auf den Tisch. Aber sie waren keine Gäste.

Wir saßen im Haus, im Dunkeln, ohne Licht. Alle beteten leise, niemand sprach sonst ein Wort. Claire und Pudi ärgerten mich nicht mehr, indem sie sagten, ich sei ja nur adoptiert, oder, wenn mir die Zähne ausfielen, würden keine neuen nachwachsen. Für das, was uns passierte, gab es keine Geschichte. Die Welt wurde immer kleiner, aber es war nicht wie in der Geschichte vom Himmel, der die Erde küsst, um den Morgentau hervorzubringen.

Niemand versuchte noch irgendetwas zu erklären, niemand außer Pudi, der gelegentlich aus seinen Rambo-Fantasien aufwachte und sich alberne Geschichten ausdachte: Da draußen läuft ein Vogel herum, der Hühner und Babys und kleine Kinder frisst. Deshalb kannst du am Tag nicht nach draußen. Und wenn es donnert, darfst du nichts Rotes tragen, weil dich sonst der Donner findet und mitnimmt.

Zu dieser Zeit donnerte es oft. Jedes Mal, wenn wir eine Explosion hörten, sagte Pudi: »Das ist Donner.« Und wenn ich ihn verwirrt ansah, erklärte er mir: »Es gibt auch Donner ohne Regen, wusstest du das nicht?« Er sagte zu mir, wenn etwas Schlimmeres passierte als Donner, dann sollte ich in den Hohlraum zwischen Zimmerdecke und Dach klettern. Dort würde mich erst mal niemand finden.

Die Gesichter meiner Eltern veränderten sich und wurden ganz fremd. Ich hörte Geräusche, die ich nicht verstand – kein Schreien, sondern viel Schlimmeres. Meine Mutter weinte wieder. Meine Eltern flüsterten miteinander, aber ich lauschte trotzdem. Sie sagten, Einbrecher hätten wieder das Haus eines Nachbarn geplündert. Sie hatten das Geld gestohlen, die Bilder von den Wänden gerissen, die Möbel zerschlagen und alles angezündet. Dann hatten sie einen Zettel an die Tür genagelt, auf dem es hieß, sie würden wiederkommen und die Töchter mitnehmen.

 

Wenig später befahl meine Mutter mir und Claire, ein paar Sachen zusammenzupacken und auf die Farm meiner Großmutter in Butare zu fahren. Das lag ein paar Stunden südlich von uns an der Grenze zu Burundi. Claire war gern dort, und ich auch, wir liebten und verehrten unsere Großmutter. Sie wohnte in einem Ziegelhaus mit kleinen Fenstern, einem Strohdach und Unmengen von Sonnenblumen dahinter. Es war ein Haus wie aus dem Märchen. Dort fühlte ich mich frei, und ich musste nie Schuhe tragen. Nach dem letzten Krieg war meine Großmutter mit ihren fünf Kindern dorthin zurückgekehrt, darunter auch meine Mutter, ihre zweitälteste Tochter. Mein Großvater war in Uganda geblieben.

Ein Freund meines Vaters kam früh am nächsten Morgen mit seinem Lieferwagen. Draußen war es noch dunkel. Ich wollte meiner Großmutter einen Tonbecher zeigen, den ich im Kindergarten getöpfert hatte, und bat meine Mutter, ihn mir von dem Regal zu holen, wo sie unsere Kunstwerke aufbewahrte. Aber sie bestand darauf, ich müsse ihn dalassen. Ich war sehr wütend, aber das kümmerte meine Mutter nicht. Sie drückte mir eine Tasche mit Kleidern in die Hand, setzte mich zu Claire in den Lieferwagen und nahm mir das Versprechen ab, mich gut zu benehmen. Als wir losfuhren, sagte sie noch: »Bitte redet nicht.«

Auf dem Weg aus Kigali hinaus hielten wir noch an, um zwei Cousinen abzuholen, beide in Claires Alter. Ihr Vater, also mein Onkel, war derjenige, der gestorben, aber nicht zu Gott heimgerufen worden war. Der Fahrer klopfte an die Tür, aber es kam niemand aus dem Haus. Wir fuhren noch zu ein paar anderen Häusern, und ein paar weitere Mädchen stiegen ein.

Wir quetschten uns alle in die Mitte, möglichst weit weg von den Autofenstern. Manchmal kauerten wir auch auf dem Boden. Wir fuhren in die Berge, die Hänge waren sanft gewellt, wie ein menschlicher Körper, an Bäumen, Reisfeldern und Hibiskusblüten vorbei. An Häusern mit roten Dächern und Häusern mit Blechdächern, an der Universität.

Die Fahrt dauerte ewig. Jedes Mal, wenn ich eine Frage stellte, bestand Claire darauf, dass wir das Schweigespiel spielten. Wir aßen keine Kabobs und kauften auch nicht die Seife, die wir unserer Großmutter sonst immer als Geschenk mitbrachten. Wir hielten nicht mal an, um auf die Toilette zu gehen.

Als wir in Butare ankamen, waren einige Cousinen schon dort. Sie saßen in der Küche meiner Großmutter, die älteren Mädchen schälten Kartoffeln, wie man es in der Stadt macht – also nicht besonders sorgfältig. Ich fand diese Cousinen toll mit ihren schwarzen Sommersprossen und den schicken Kleidern. Meine Großmutter umkreiste die Mädchen wie eine Löwin, entschlossen, sie alle zusammenzuhalten und zu beschützen. Früher an diesem Tag hatten sie sich aus dem Haus geschlichen und waren die rote Schotterstraße hinuntergegangen, um von einer Nachbarin eine Lotion gegen trockene Haut auszuleihen.

Mindestens einmal pro Stunde wollte ich wissen, wann meine Eltern kommen würden. Oder wenigstens mein Bruder Pudi. Ich vermisste ihn. Meine Großmutter, meine Cousinen und meine Schwester sagten immer nur: »Bald.« Niemand wollte mit mir spielen. Ich war empört, dass ich so schlecht behandelt wurde, und verweigerte das Essen und Baden. Niemand durfte mehr meine Haare anfassen. Nach ein paar Nächten brachte meine Großmutter mich, Claire und meine Cousinen in ein anderes Haus, wo wir schlafen sollten.

Am nächsten Abend nahm sie uns mit nach draußen und befahl uns, in eine tiefe Grube zu klettern, in der sie sonst das Holzfass mit ihrem Bananenwein aufbewahrte. Farben und Geräusche erblühten um mich herum und explodierten. Ich schlief keine Sekunde in dieser Nacht.

 

Als es passierte, hörten wir ein Klopfen an der Tür. Meine Großmutter befahl uns mit einer Handbewegung, still zu sein – checkeka, checkeka, checkeka. Dann bedeutete sie uns, wegzulaufen oder besser gesagt, auf dem Bauch loszukriechen. An den blühenden Sonnenblumen vorbei und durch das Süßkartoffelfeld.

Ich hatte eine bunte Decke dabei, eigentlich ein Handtuch. Claire zog mich am Arm mit sich. Die Erde fühlte sich weich und bröckelig an, wie ein Topf mit zerbrochener Kreide. Als wir die hohen Bäume erreicht hatten, rannten wir wirklich los, weg von der Farm, auseinander, tief in das Bananendickicht, wo wir auch noch andere Leute sahen, die meisten jung, einige mit blutenden Wunden.

Mir lagen so viele Fragen auf der Zunge. Die Schnittwunden sahen viel zu groß und schwer aus, als dass sie einfach so wieder zuheilen konnten. Wie klaffende Münder auf mitternachtsschwarzer Haut. Claire verschloss sich vollkommen und sagte nichts mehr. Es können Sekunden gewesen sein oder eine Ewigkeit.

Wir liefen stundenlang, bis mir alles wehtat, ohne Ziel, nur einfach weg. Wir rieben uns mit rotbrauner Erde und Eukalyptusblättern ein, um uns unsichtbar zu machen. Insekten stachen mich in die Knöchel. Wir gingen weiter, hinauf und hinunter, über Berge, um Berge herum, so viele Berge. Wir hörten Lachen und Schreie und Flehen und Weinen und dann wieder grausames Lachen.

Ich hatte keine Namen für all diese Geräusche. Sie waren menschlich und unmenschlich zugleich. Ich habe nie die passenden Worte in Kinyarwanda gelernt, vielleicht gibt es gar keine. Ich hoffe, dass es keine gibt. Aber ohne Worte konnte ich nicht umschreiben oder verstehen, was ich erlebte. All die schrecklichen Geräusche, die keinen Platz in meinem Gehirn fanden. Es war kalt und grün und nass, so viele Büsche, und meine Beine zitterten. Und Augen. So viele Augen.

Meine Gedanken und Sinne verwirrten sich. Die Zeit fühlte sich heiß an, das Schweigen machte mich schwindelig. Meine Angst war leuchtend blau.