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Eine geborgene Kindheit in Brandenburg a.d. Havel. Mit ihrer Mutter und Großmutter und die Freundschaft mit den Diederichs wird hier die Zeit des Größerwerdens biografisch erzählt. Die Flucht vor den russischen Soldaten vor Kriegsende, bis zum Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953. Dieser Tag war ausschlaggebend für die Flucht in die Bundesrepublik.
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Seitenzahl: 51
Veröffentlichungsjahr: 2022
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für Martina und Iris
Ankunft in Brandenburg
Familie Krautwurm
Silvester bei Diederichs
Krieg
Der Görden
Einschulung
Unterbewustsein
Berlin
Fernmeldeamt
17ter Juni 1953
Konfirmation
Kanuklub
Letztes Schuljahr
Die Flucht
An einem Samstag stieg ich in den Zug, der mich von Hamburg nach Berlin und weiter in meine Heimatstadt Brandenburg an der Havel bringen sollte. Hinter meinem Platz hatte ein echtes Berliner Ehepaar Platz genommen. Heimatliche Gesprächsfetzen, die ich hörte, sagten mir, du sitzt im richtigen Zug.
Die Fahrt ging über Lüneburg, Salzwedel, Stendal und als ich von meinem Buch aufschaute, waren wir schon im neuen Berliner Hauptbahnhof im Untergeschoss angekommen.
Mit Rolltreppen kam ich an meinen Bahnsteig 14 wieder ans Tageslicht. Es waren viele Reisende unterwegs, die in Richtung Magdeburg fahren wollten. Der Regionalzug fuhr durch die Randgebiete Berlins an dicht der Bahnlinie sich hinziehenden Wochenendgrundstücken vorbei. In Potsdam stiegen drei Krankenschwestern ein und die eine sagte: »Kiek mal, da haben sie für uns eine Bank freigehalten.« Ich dachte mir, die Drei kommen aus der Charité. Ein Kribbeln und eine Vorfreude stieg in mir hoch, als die märkische Landschaft mit ihren Wiesen, Pappeln und einfachen Bauerngehöften am Fenster entlang der Strecke sichtbar wurde.
Auf dem Brandenburger Hauptbahnhof angekommen, nahm ich die Straßenbahn, um zu meiner Pension zu kommen. An der Jahrtausendbrücke stieg ich aus, um in der Werft, die früher Wiemann Werft hieß, ein Mittagessen einzunehmen. Der Wind blies von der Havel her um die Terrassen und ich setzte mich nach drinnen, nicht ohne mir vorher die Hände zu desinfizieren, denn wir hatten noch mit der Corona Epidemie zu kämpfen. Das Essen war ausgezeichnet und der Weißwein gab mir ein Lebensgefühl wieder in der Heimat zu sein.
Über schmale kleingepflasterte Gehwege, die ich schon als Kind gegangen war, kam ich in der Mühlentorstraße in meiner Pension an. Von hier ist es nicht weit zu Fuß über den Grillendamm zum Dom St. Peter und Paul.
Die Burganlage, durch Sümpfe und Flußarme geschützt, bildete schon zur Zeit der Slawen ein wichtiges religiöses Zentrum der ansässigen Heveller.
Im Jahre 928 eroberte Kaiser Heinrich I. das slawische ›Brenabor‹ und 20 Jahre später gründete Kaiser Otto I. das Bistum. Nach dem Tod des christlich Bekehrten Hevellerfürsten Pribislaw-Heinrich, gelang es Albrecht dem Bären nach langen Erbstreitigkeiten 1157 die brandenburgische Burganlage endlich zu erobern. Die Grundsteinlegung für den neuen Dom St. Peter und Paul erfolgte 8 Jahre später.
Die Dominsel war unser Ziel, wenn meine Mutter und ich ihre Freundin und Familie besuchen wollten. Sie waren Nachbarn, als wir auf dem Görden im Musikerviertel wohnten.
Als das zweite Kind der Diederichs kam, wurde die Wohnung zu klein und sie zogen in das alte Haus Domlinden, Ecke Hevellerstraße. Auf dieser geschichtsträchtigen Stätte hatten unsere Freunde ein neues zu Hause gefunden.
Die Diederichs und meine Mutter besuchten sich gegenseitig und waren Freunde, so wie wir Kinder auch. Besuche wurden meist nicht angekündigt, da man noch kein Telefon oder Automobil besaß. Seit viel ich denken kann, machte es mir viel Freude Tante Trudchen und Uschi und Gisela zu besuchen. Aber die Heimkehr wurde zur Tortur.
Es wurde schon dunkel und ich müde. Zum Dom gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel und so mussten wir zu Fuß über den Grillendamm, an den uralten Sumpfzypressen vorbei, über die Altstadt zum Nicolaiplatz, weiter mit der Straßenbahn über den Silokanal zum Görden. Nun noch ein kurzer Weg bis in unsere Wohnung. Die Füße waren eingeschlafen und kalt im Winter und Mutti musste mich ein Stück tragen. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern.
Mein Vater ist im Mai 1942 in Finnland gefallen. Ich war gerade erst zwei Jahre alt. Ich kenne ihn nur von den Fotos und Erzählungen meiner Mutter und Großmutter. Zur Taufe hielt er mich noch im Arm. Ab dem 3. Lebensjahr schlief ich im Ehebett. Lisbeth, meine Mutter hatte eine frauliche Figur und ich bin gern zu ihr ins Bett gekrabbelt. Spät abends strickte sie in Heimarbeit Pullover, Mützen und Schals für Kunden. Als ich größer wurde, half ich ihr die Wolle beim aufwickeln der Lagen zu Knäulen zu wickeln. Der Kindergarten war ein rotes Tuch für mich. Sie gab nach einigen Malen den Versuch auf.
Einen Tag vor dem Heiligen Abend 1943 machten sich die neuen Nachbarn fein und wollten zu Verwandten aufs Land fahren. Ich besuchte gern den kleinen Wilfried. Überall im Wohnzimmer lagen Kleidungsstücke und Geschenkpakete herum. Wilfried, der Junge der Krautwurms ging zu seinem Vater ins Bad und sah ihm bei der Nassrasur zu. Ich saß auf dem Sofa und hörte im Radio einer Märchenerzählung zu. Meine Mutter war mit Vorbereitungen und Feuer machen beschäftigt. Frau Krautwurm rief aus dem Schlafzimmer: »Otto komm doch mal und mach mir den Reißverschluss zu.« Herr Krautwurm legte das Rasiermesser auf den Waschtisch und Knille, so nannten wir ihn, kam zu mir und ehe ich den Schnitt bemerkte, lief das Blut auch schon auf den Fußboden. Er wollte mich rasieren und ich hatte über dem linken Handrücken einen langen Schnitt. Wir beide fingen beim Anblick des Blutes zu schreien an. Frau Krautwurm viel fast in Ohnmacht und schnappte mich und brachte mich über den Flur zu meiner Mutter. Zum Glück hatte sie Verbandszeug zur Hand:
»Na Ulla, das gibt eine schöne Narbe«, sagte sie.
Es war das zweite Weihnachtsfest ohne meinen Vater. Mutti war noch am Stricken und Fäden verstopfen. Es sollten 2 hübsche Kinderpullover für ihre Freundin fertig werden. Der Weihnachtsbaum war geschmückt und verströmte einen herrlichen Duft. Der Kachelofen bullerte und sie brachte noch die Asche nach draußen, die der Wind ihr aus dem Kasten über die Jacke blies. Krautwurms kamen die Treppe herunter: »Wir bringen ihnen aus Golzow etwas mit, es tut uns so leid, was Knille angerichtet hat.« Dann machten sie sich bei Schneetreiben zu Fuß zum Bahnhof Görden auf.
