Das Manifest des Unglücks - Yannick Liebe - E-Book

Das Manifest des Unglücks E-Book

Yannick Liebe

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Beschreibung

Die Psychologiestudentin Tanja wird durch den Schlaganfall ihres Vaters und die dadurch bedingte Depression ihrer Mutter schlagartig aus ihrem Alltag gerissen. Behütet und weitestgehend sorglos aufgewachsen, trägt sie plötzlich die Verantwortung für ihre Familie - und das kurz vor ihrer Abschlussprüfung. Nach und nach verändert sich Tanjas gesamtes Leben, Ablenkung findet kaum noch statt. Ihr Leben scheint von Trauer und der Auseinandersetzung mit Leid und Tod bestimmt. Schließlich kommt ihr die Idee, über ihr persönliches Schicksal zu schreiben. Sie entwirft "Das Manifest des Unglücks".

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für alle Trauernden

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Epilog

PROLOG

ES ist ein sonniger Sonntagmorgen und keine schlechten Gedanken liegen in der Luft, nur ein sanftes Lüftchen weht bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein. Man könnte fast von einem Idyll sprechen, wollte man ins Poetische abgleiten. Tanjas einzige Sorge dieser Tage im Frühjahr ist es, das passende Thema für die Thesis, die Bachelorarbeit ihres Studienfaches zu finden. Und gerade im Fachbereich Psychologie ist diese Frage nicht eben einfach. Welches Thema liegt denn bloß auf der Hand, welches nicht schon des Öfteren für wissenschaftliche Arbeiten misshandelt wurde? Welches ist ein spannendes und zugleich greifbares Thema, zu dem es Material, Texte, Literatur gibt? Psychologie ist ein unglaublich weites Feld, in dem man sich nicht auf Anhieb zurechtfindet. Unterstützung für Studenten, die sich in einer solchen Zwickmühle befinden, kann man von keiner offiziellen Stelle erwarten. Im Studium lernt man nicht nur den Stoff, man lernt selbstständig zu sein, sich um seine Probleme selbst zu kümmern. Nicht schlecht, aber vielleicht doch etwas zu spät, nachdem man in der Schule jahrelang damit durchgekommen ist, einfache Tafelbilder und Stichpunkte auswendig zu lernen, mit ein bisschen Geschick und Menschenkenntnis irgendwann zu kapieren, was die Lehrerinnen und Lehrer der Schule am liebsten hören wollen und dies dann, in einer halbwegs leserlichen Handschrift, zu Papier zu bringen…

Es ist ein wichtiger Schritt im Leben einer Studentin, zumal diese Thesis nicht der krönende Abschluss des Studiums sein kann. Psychologie besitzt die unangenehme Eigenschaft, dass man im Grunde nur mit einem Master überhaupt etwas anfangen kann. Ansonsten darf man noch nicht einmal Taxi fahren, selbst dazu braucht man ja schließlich eine Lizenz. Es ist paradox: Man arbeitet in der Schule nach dem oben beschriebenen Muster einige Jahre lang vor sich hin, um dann eine bestimmte Note auf einem Blatt Papier zu bekommen, mit dem einen dann der Ernst des Lebens erwartet. Und wenn diese Note nicht gut genug ist, dann kann man sich seinen Traum, ungeachtet der Qualifikation nicht erfüllen, es sei denn man verabschiedet sich nach Österreich oder wartet jahrelang, bis sich der Kultusausschuss seiner Person erbarmt. Diese Abiturnote ist nicht mal der Schlüssel, mit dem man das Tor zur Welt aufschließen kann, es ist lediglich die Anleitung dazu, wie man so einen Schlüssel fertigt. Hat man eine schlechte Note, kriegt man eine dürftige Anleitung, hat man eine gute Note, erhält man eine exaktere. Und dann kommt das Studium, in dem man sich plötzlich selbst durchschlagen muss. In dem man sich dann diesen Schlüsseln zu den schweren Toren der großen weiten Welt anfertigt. Hat man einen Bachelor hat man einen winzigen Schlüssel, der nur in das Türschloss passt, wenn alle günstigen Zufälle zusammenfallen. Mit einem Master hat man dann einen größeren Schlüssel. Je nachdem mit welcher Note man abschließt, umso besser lässt sich der Schlüssel im Schloss drehen. Dies ist das gegenwärtige System der frisch reformierten Bologna-Universität. Und dann? Was erwartet einen hinter dieser Tür? Wer weiß das schon…

Natürlich ist dieser gedanklich doch recht umständliche Weg nur damit zu erklären, dass Tanja nichts einfallen will, worüber sie ihre Thesis schreiben könnte. Ein Blick aus dem Fenster hilft da, ungeachtet der relativen Schönheit, die dieser Blick ihr bietet, nicht wesentlich weiter bei der Entscheidungsfindung. Etwas ablenken, ein paar Meter gehen auf und ab im Zimmer, dann etwas dehnen und zur Ablenkung zwischendurch mal auf das Handy schauen. Das ist seit geraumer Zeit auf stumm geschaltet, um nicht von ständigen Pieptönen vom Ernst des Lebens abgelenkt zu werden. Ein Blick auf das Handydisplay mit einem kleinen Sprung in der rechten oberen Ecke (von einem eher ungeschickten Sturz in nicht ganz nüchternem Zustand herrührend) zeigt direkt an: Mama hat ganze acht Mal versucht anzurufen. Warum ruft sie nicht auf dem Festnetz an? Ach ja richtig, weil das Telefon noch nicht installiert ist in der neuen Wohnung. Wäre ja auch zu schön, wenn das einmal auf Anhieb klappen würde. Aber diesbezüglich hatte schon Vorwarnung von Freundinnen und Bekannten bestanden. Acht Anrufe jedoch lassen nicht gerade auf das Beste hoffen…

Tanja beschließt also, schnell zurückzurufen. Sofort beim ersten Klingeln meldet sich die Mutter am Telefon und noch ohne Begrüßung beginnt sie zu reden. Und so erfährt Tanja sofort, warum die Mutter so dringend versucht hatte, sie zu erreichen. Tanjas Vater habe soeben einen Schlaganfall erlitten heißt es da, er sei im Krankenhaus, der Notarzt sei schnell da gewesen, jedoch sei er noch nicht außer Lebensgefahr. Im ersten Moment bricht eine kleine Welt zusammen, als Tanja diese Nachricht hört. Die Informationen, die Gedanken, die äußeren Einflüsse fliegen wie im Zeitraffer an ihr vorbei. Ist das wirklich möglich? Warum? Wieso? Wie? Fragen, die man sich selbst stellt und die sich nicht beantworten lassen. Das Zeitgefühl verschwindet in solchen Situationen, genauso wie das Gespür für sich selbst. Man lässt los, versucht nicht an sich zu halten, sondern lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Trauer, Wut, Unverständnis, Ratlosigkeit…

Man sucht nach rationalen Gründen. Der Mensch sucht immer nach rationalen Gründen, nach Erklärungen, Zusammenhängen. Alles muss eine erklärbare Ursache haben, ansonsten ergibt es keinen Sinn und man kann es nicht logisch in unserer nach Logik lechzenden Denkweise kategorisieren. Und so kommt es, dass man versucht, rationale Zusammenhänge ins Spiel zu bringen. „Mein Vater hat nie geraucht, er hat nicht übermäßig viel getrunken, er hatte vielleicht drei, vier Kilo zu viel auf den Rippen, aber er hat auch Sport getrieben und sich einigermaßen fit gehalten“ denkt Tanja und begeht dabei, trotz des Wissens um die menschliche Psyche, denselben naiven Fehler wie die meisten von uns. Was an dieser Stelle nicht heißen soll, dass die Gedankengänge völlig falsch sind. In der Tat hat Tanjas Vater keinen sonderlich ungesunden Lebensstil praktiziert, der einen Schlaganfall hätte begünstigen können, doch ist das eben nicht immer automatisch in Verbindung zu bringen. So wie jemand, der nie geraucht hat, trotzdem an Lungenkrebs erkranken kann. Tanja ist noch nicht aus ihrem Tunnel entkommen, sie ist noch völlig fassungslos, obwohl noch keine Nachricht gekommen ist, dass ihr Vater gestorben sei, fühlt es sich im Moment doch so an, als sei er schon von ihr gegangen, als werde sie ihn nie wieder sehen…

Es gibt keine Formel, wie sich Menschen nach so einer Nachricht verhalten, kein Rezept und erst recht kein richtig oder falsch. Man erwartet von Menschen in dieser Situation eine bestimmte Reaktion, man erwartet, dass sie sich so verhalten, wie es die Normen und Werte einer Gesellschaft von einem verlangen. Doch ist das nicht wieder ein Denkfehler im System des Menschen? Man würde mit Sicherheit mit einem schiefen Blick auf jemanden schauen, der am Grab seines Vaters lächelt, man würde sich fragen: „Trauert diese Person denn nicht?“; doch kann es nicht einfach nur sein, dass diese Person gerade einen wunderschönen Moment durchlebt, den sie mit ihrem Vater hatte? Einen Urlaub, einen Ausflug, vielleicht einfach nur ein simples: „Ich liebe dich?“ Und kann man es jemandem vorwerfen, wenn man diesen Augenblick in genau dieser Situation nochmal durchlebt, um mit ihr umgehen zu können? ...

Tanja jedenfalls beginnt erst einmal zu weinen, eine normale Reaktion, erwartbar, gesellschaftlich akzeptiert. Sie muss sich auf das Bett setzen, das in der Mitte der Einzimmerwohnung steht. Nach einigen vergossenen Tränen beginnt sie sich zu sammeln, sich selbst gut zuzureden und immer wieder zu sagen: es sei noch nichts passiert, viele Menschen überlebten so einen Schlaganfall, warte ab und bleib erst einmal ruhig. Mit diesem Selbstbetrug gelingt es ihr zumindest, den Tränenfluss zu stoppen, dreimal tief durchzuatmen und wieder in einer halbwegs klaren Gedankenwelt anzukommen. Es folgt ein Gedankengang bei ihr, der zwar ebenfalls psychologisch verständlich ist, aber eigentlich nicht zu einer Lösung der Situation beitragen kann. Sie müsse ja ein wenig Stärke zeigen, um nicht bei ihrer Mutter noch mehr Trauer auszulösen, sie müsse jetzt die Starke von den beiden sein, wohlwissend, dass ihre Mutter Susanne nicht die mental Stärkste ist und dass sie dieser Vorfall aus der Bahn werfen könnte, sollte er gravierende Folgen nach sich ziehen. Somit vermischt sich das Gefühl von Trauer mit dem Gefühl, Verantwortung tragen zu müssen. Es ist kein schönes Gefühl…

Tanja beschließt nach einer Weile, dass sie in der Lage ist, Auto zu fahren und somit erst zu ihrer Mutter und dann ins Krankenaus. Noch sei ein Besuch ohnehin nicht möglich, solange Vater Wolfgang sich noch in Lebensgefahr befindet. Man werde alles versuchen, um ihn zu retten, gute Ärzte werden mit guter Ausrüstung ihre ganze Expertise nutzen, um den Vater vor dem Schlimmsten zu bewahren, so der Versuch sich ein wenig zu beruhigen. Doch Emotionen lassen die Ratio verblassen, wenn sie so drückend und so schwerwiegend sind, wie die Emotionen, die in Tanja durch diese Nachricht aufgekommen sind. Wie soll man sich denn trösten, wie sollen einen diese Gedanken ernsthaft beruhigen, wenn man nichts weiß um den Zustand ihres Vaters, wenn man durch die starke emotionale Bindung an ihn nur einen Ausgang als günstig erachtet, nämlich den, dass er ohne größere Schäden überlebt und irgendwann völlig gesund und „ganz der Alte“ wieder da ist, wo er vor diesem schrecklichen Zwischenfall gewesen ist? Doch Tanja reißt sich, nach diesen Gedanken wieder am Riemen und beschließt abermals stark und gefasst aufzutreten, wenn die Mutter dabei ist. Mit zittrigen Händen kramt sie ihren Autoschlüssel aus der Schublade des Sideboards. Im Grunde passt es ihr ganz und gar nicht, in dieser Lage noch stark sein zu müssen, noch imaginäre Zügel in der Hand zu halten, die eine gewisse Souveränität garantieren sollen, die letztlich aber doch nichts als Illusionen sind, erdacht, um sich selbst zu betrügen; was jedoch nötig scheint, um den Schein nach außen hin zu wahren…

Tanja fährt los und holt zunächst ihre Mutter Susanne ab. Es ist eine merkwürdige Mischung aus verschiedenen Emotionen, die sich über den beiden entlädt, als sie sich in die Arme fallen. Es ist beinahe surreal und doch gibt eine Umarmung in dieser Situation Kraft, auch wenn beide Frauen im Grunde gleich hilflos sind und wissen, der anderen nicht viel vorspielen zu können. Wenn man aus emotionaler Sicht auf solch einen kleinen Anker angewiesen ist, ist es egal wie schlecht das Gegenüber schauspielern kann, man nimmt diesen Anker dankend an. Ein Anker in einem Meer der Tränen, dessen Boden aus unbestimmtem, wachsweichem Material zu bestehen scheint. Tanja gibt sich mehr Mühe mit ihrem Bühnenstück als Susanne es tut. Wahrscheinlich, weil sie eine glaubwürdigere Schauspielerin in der Rolle der starken Frau ist, als es ihre Mutter wäre. Es ist eine Doppelrolle, die sie spielt – zwischen der völlig aufgelösten und trauernden Tochter, die sie ist und die von ihr von außen erwartet werden wird und der starken Tochter, die sich schützend vor die Mutter stellt und daher nicht in ihrer Traurigkeit versinken darf. Dementsprechend wenig decken sich ihre Körpersprache und ihre Worte, die sie – mehr im Affekt als klar denkend – im Auto ausspricht. In der Psychologie nennt man so eine fehlende Kongruenz zwischen Gemeintem und Gesagtem, zwischen Ausstrahlung und Aussprache Double-Bind…

Im Krankenhaus angekommen beginnt die nächste Folter für das zu Lumpen zerfetzte Nervenkostüm. Man muss warten, man wartet in einem spärlich eingerichteten Warteraum, ohne zu wissen, wie genau der Stand der Dinge ist. Das Zeitgefühl ist noch immer nicht ganz geradegerückt und so kommt einem jede Minute Wartezeit im Ungewissen vor wie eine Stunde, vielleicht auch zwei oder drei, vielleicht auch eine komplette Ewigkeit. Wenn man jemals wissen wollte, wie sich eine Ewigkeit anfühlt, wenn man in einem solchen Warteraum in einem Krankenhaus sitzt und sich der eigene Vater in einer derartigen Lage befindet, dann wird man den Begriff der Ewigkeit am eigenen Leibe spüren. Zwischendurch die verzweifelten Gespräche mit Susanne, die halb zur eigenen Beruhigung, halb zu ihrer Beruhigung gedacht sind. Am liebsten wäre es Tanja, wenn sie einfach schweigen könnte und ihre Gedanken ordnen könnte, doch das ist im Moment nicht möglich. Eine undankbare Rolle, die sie da übernommen hat…

Wolfgang ist Zeit seines bisherigen Lebens ein aktiver Mann gewesen, einer der den Sport, insbesondere den Fußball geliebt hat. Tanja erinnert sich daran, wie gerne sie ihn des Öfteren bei sich gehabt hätte, wenn sie abends nach Hause gekommen ist, erst Schule, dann raus mit den Freundinnen und Freunden, den lieben langen Tag, meist bis die Sonne untergegangen war und man nach Hause musste, um nicht einen Predigt von den besorgten Eltern gehalten zu bekommen. Oder eben der besorgten Mutter, denn Tanjas Vater ist selten da gewesen. Zu Beginn ihrer Kindheitserinnerungen ist Wolfgang selbst noch aktiver Spieler gewesen und nach dem Training wurde in der Regel noch etwas im Vereinsheim getrunken. Auf alle Fälle ist er meist spät nach Hause gekommen, der Vater, den Susanne immer mit „Wolfi“ angeredet hatte, wenn sie ihn ärgern wollte. Diesen Spitznamen hatte er wahrlich gehasst, auch wenn er ihn immer mit einem Augenzwinkern ertragen hat. Dann lieber Wolle wie von den Sportsfreunden. Doch die Erinnerungen, die bei Tanja präsent sind, sind schöne Erinnerungen. Wolfgang ist nie ein Choleriker, ein Trinker oder schlechter Ehemann und Vater gewesen. Die gemeinsamen Urlaube in Spanien, Italien oder mit dem VW-Bus in Skandinavien sind allesamt positive Erinnerungen. Es hatte Spaß gemacht, ausnahmsweise etwas Zeit mit der gesamten Familie zu verbringen. Manchmal waren Freunde dabei oder die Nachbarn mit Kindern im selben Alter. Tanja denkt bei sich, vielleicht habe auch sie es damals verpasst, diese Zeit mit ihrem Vater etwas intensiver zu nutzen, anstatt mit den Nachbarskindern und den Kindern der Freunde zu spielen, die man auch im Alltag oft gesehen hat und mit denen man immer etwas anstellen konnte. Doch auch wenn es absurd scheint, sich tatsächlich Vorwürfe zu machen, man habe einen Fehler gemacht und dann versucht sich etwas einzureden, in diesem Moment ist es nun einmal so…

Wolfgang ist bei seinen Kollegen – sowohl denen auf dem Sportplatz, als auch auf der Arbeit oder bei der Partei, der alten Tante SPD – ein hoch angesehener Mann. Er ist ein lustiger Zeitgenosse mit einem guten Gespür für Humor und nimmt sich selbst nie zu ernst. Es ist für Tanja unbegreiflich, wie es ausgerechnet ihren Vater treffen kann. Gibt es nicht so viele schlechte Menschen auf der Welt, die es mehr verdient hätten, in eine solche Situation zu kommen? Es ist eine Party gewesen, eine große Party, nachdem Tanja das Abitur bestanden hatte. Sie ist mit ihren Mädels losgezogen und hat getanzt, geraucht und getrunken. Irgendwann ist es spät geworden, zu spät, als dass man mit öffentlichen Verkehrsmitteln irgendetwas hätte erreichen können. Und das Geld für ein Taxi hätten sie alle nicht mehr zusammenbekommen. In diesem Zustand zu Hause anzurufen wäre wohl eine schlechte Idee gewesen, aber auf Papas Handy, das war wohl in Ordnung. Tatsächlich hatte er sich ins Auto gesetzt und hatte alle vier Freundinnen abgeholt. Tanja weiß von dem Abend nicht mehr viel, aber ihr Vater hat nie darüber geredet, etwas gefordert. Genauso wie er in der Schule nie Leistung gefordert hat oder auf die Einhaltung sinnloser Regeln bestanden hat. Er ist vielleicht nicht immer da gewesen, aber er ist zur Stelle gewesen, wenn man ihn gebraucht hat.

Sicherlich erliegt Tanja der menschlichen Reaktion, nun ein etwas übertrieben positives Bild von Wolfgang zu zeichnen, doch wer will es ihr verübeln? Zur ganzen Wahrheit gehört sicherlich auch, dass er ein sehr ungeduldiger Mensch ist, dass er zu schnell Auto fährt, manchmal auch ohne sich anzuschnallen und dass er nicht verlieren kann, nicht auf dem Fußballfeld, nicht bei der Arbeit, wenn es um Projektplanungen geht und nicht bei einer Wahl mit seiner geliebten SPD. Aber wie verschwindend klein und unbedeutend sind diese menschlichen Marotten, diese kleinen Unausgefeiltheiten, die nun einmal jeder Mensch mit sich herumträgt in diesem Augenblick. Er ist zweifelsohne ein guter Mensch, einer ohne großes Laster, einer mit einer sympathischen, einnehmenden Ausstrahlung, mit Verstand und Humor. Einer, der es nicht verdient hat, einen solchen Schicksalsschlag zu erleiden. Tanja versucht diese vielen Gedanken zu ordnen und beginnt sich krakelige Notizen auf einen kleinen Block zu machen, der in ihrer Tasche steckt. Vielleicht kann man sich so ja ein wenig sortieren…

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