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Constantin Wurzbach Ritter von Tannenberg, (* 11. April 1818 in Laibach; 17. August 1893 in Berchtesgaden) war ein österreichischer Bibliograph, Lexikograf und Schriftsteller. Die Mozart-Biografie beinhaltet alles Wissenswerte über das Leben und Schaffen des großen Komponisten. Inhalt: Vorwort. Wolfgang Amadeus Mozart, I. Uebersicht der sämmtlichen bisher im Drucke erschienenen Compositionen Mozart's. II. Quellen zur Biographie W.A. Mozart's. III. Mozart'sche Gedenktage. IV. Mozart's Wohnungen in Salzburg, Wien und anderen Städten. V. Mozart's Sterben, Tod und Grab. VI. Zur Geschichte und Kritik von Mozart's grösseren Tonwerken. VII. Mozart's Briefe. VIII. Reliquien. IX. Mozart's Bildnisse X. Statuetten, Büsten, Medaillons in Gyps und Wachs, Medaillen und Denkmünzen. XI. Denkmäler und Erinnerungszeichen, Mozart zu Ehren errichtet. XII. Mozart in der Dichtung, im Drama, Roman, in der Novelle und Erzählung. XIII. Gedichte an Mozart XIV. Urtheile über Mozart. Charakteristik seiner Werke. Parallelen zwischen ihm und Anderen. XV. Stiftungen zu Ehren Mozart's. XVI. Mozart's Verwandtschaft und Verschwägerung. XVII. Die Besitzer der Mozart'schen Autographe. XVIII. Mozart's Secularfeier und andere Mozartfeste. XIX. Populär gewordene Bezeichnungen Mozart'scher Compositionen. XX. Einzelheiten. XXI. Quellen XXII. Lebensskizzen von Mozart's Vater, Söhnen, Frau und Schwester.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Das Mozart-Buch
Constantin von Wurzbach
Inhalt:
Vorwort.
Wolfgang Amadeus Mozart,
I. Uebersicht der sämmtlichen bisher im Drucke erschienenen Compositionen Mozart's.
II. Quellen zur Biographie W.A. Mozart's.
III. Mozart'sche Gedenktage.
IV. Mozart's Wohnungen in Salzburg, Wien und anderen Städten.
V. Mozart's Sterben, Tod und Grab.
VI. Zur Geschichte und Kritik von Mozart's grösseren Tonwerken.
VII. Mozart's Briefe.
VIII. Reliquien.
IX. Mozart's Bildnisse
X. Statuetten, Büsten, Medaillons in Gyps und Wachs, Medaillen und Denkmünzen.
XI. Denkmäler und Erinnerungszeichen, Mozart zu Ehren errichtet.
XII. Mozart in der Dichtung, im Drama, Roman, in der Novelle und Erzählung.
XIII. Gedichte an Mozart
XIV. Urtheile über Mozart. Charakteristik seiner Werke. Parallelen zwischen ihm und Anderen.
XV. Stiftungen zu Ehren Mozart's.
XVI. Mozart's Verwandtschaft und Verschwägerung.
XVII. Die Besitzer der Mozart'schen Autographe.
XVIII. Mozart's Secularfeier und andere Mozartfeste.
XIX. Populär gewordene Bezeichnungen Mozart'scher Compositionen.
XX. Einzelheiten.
XXI. Quellen
XXII. Lebensskizzen von Mozart's Vater, Söhnen, Frau und Schwester.
Das Mozartbuch, K. von Wurzbach
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
www.jazzybee-verlag.de
Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com
Ritter von Wurzbach, Edler von Tannenberg, österreich. Dichter und Schriftsteller, geb. 11. April 1818 in Laibach, gest. 19. Aug. 1893 in Berchtesgaden. Studierte in Graz die Rechte, trat dann in ein Infanterieregiment in Krakau, schied aber, nachdem er 1843 die philosophische Doktorwürde erworben, 1844 wieder aus dem Offizierstand, ward Skriptor bei der Lemberger Universitätsbibliothek, 1849 Bibliothekar im k. k. Ministerium des Innern, dann Ministerialsekretär im Staatsministerium und 1874 unter Erhebung in den österreichischen Ritterstand pensioniert. W. lebte seitdem in Berchtesgaden. Unter dem Pseudonym W. Constant hat er mehrere Bände Dichtungen (namentlich epische) veröffentlicht, darunter: »Mosaik« (Krak. 1841); »Parallelen« (2. Aufl., Leipz. 1852); »Gemmen« (Hamb. 1855); »Kameen« (Düsseld. 1856); »Zyklamen« (Wien 1873) und »Aus dem Psalter eines Poeten« (Darmst. 1874). Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten sind anzuführen: »Die Sprichwörter der Polen« (2. Ausg., Wien 1852); »Die Volkslieder der Polen und Ruthenen« (2. Aufl., das. 1852); »Historische Wörter, Sprichwörter und Redensarten« (2. Aufl., Hamb. 1866); »Glimpf und Schimpf in Spruch und Wort« (Wien 1864); »Die Kirchen der Stadt Krakau« (das. 1853); »Bibliographisch-statistische Übersicht der Literatur des österreichischen Kaiserstaats« (2. Aufl., das. 1856); »Das Schillerbuch« (das. 1859); »Joseph Haydn und sein Bruder Michael« (das. 1862); »Mozartbuch« (das. 1868); »Franz Grillparzer« (das. 1871); »Ein Madonnenmaler unsrer Zeit: E. Steinle« (das. 1879) etc. Sein Hauptwerk, dem er seine letzten Jahre völlig widmete, ist das »Biographische Lexikon des Kaisertums Österreich« in 60 Bänden (Wien 1855–91).
"Jung groß, spät erkannt, nie erreicht"
L.L. Excellenzen der hochwohlgebornen Frau Olga Freiin von Korff, und Herrn Modest Freiherrn von Korff,
kais. rass. wirkl. geheimen Rath, Senator und Präsident des Reichsjustiz-Collegiums u.s.w. u.s.w. als geringes Zeichen tiefster Hochachtung und Verehrung.
Fast mag es gewagt erscheinen, nach Arbeiten, wie solche über Mozart bereits in Druck erschienen sind – ich meine vor Allem, Otto Jahn's Biographie Mozart's und Ritter v. Köchel's thematisches Verzeichniß der Compositionen Mozart's – mit einem neuen Werke über diesen Tonheros aufzutreten. Ich würde mich aber auch schwerlich einer solchen Aufgabe unterzogen haben, wenn ich nicht für mein biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich den Artikel Mozart hätte bearbeiten müssen. Zudem hatte der Separatabdruck des Artikels über Haydn von vielen Seiten eine so freundliche Aufnahme gefunden, daß ich es immerhin wagen mochte, meine mit aller Pietät ja mit wahrer Begeisterung für den unsterblichen Tonheros ausgeführte Mozartstudie in einem Sonderabdruck dem großen Publikum vorzulegen. Wer einen unbefangenen Blick in meine Arbeit thut, wird ihr vielleicht die Berechtigung ihres Erscheinens, ungeachtet der zwei obenerwähnten klassischen Werke, nicht bestreiten. Ich habe den ganzen höchst interessanten Gegenstand sorgfältig durchgearbeitet in jener Weise zusammengestellt, die ich in freilich ungleich ausgedehnterem Maßstabe bei meinem "Schillerbuch" angewendet habe. Ich habe nicht einen besonderen Theil von Lesern, oder etwa gar nur den ausübenden Musikus oder Musikfreund, sondern vielmehr das ganze große Publikum im Sinne gehabt, als ich an die Ausführung des Mozart-Buches ging. Es wird jeder – der Bio- und Bibliograph, der Sammler, sei es von Bildnissen, oder Münzen und Medaillen, der Künstler und der Geschäftsmann, ja selbst Jemand, der in der Lectüre nur Unterhaltung sucht, es wird Jeder seinen Antheil darin finden; derjenige aber, der dem Ganzen seine ungetheilte Aufmerksamkeit widmet, es kaum unbefriedigt aus der Hand legen. Mit dem Bewußtsein, eine selbstständige Arbeit darzubringen, für die ich jedoch den ganzen vorhandenen reichen und mannigfaltigen Quellen-Apparat sorgfältig studirt habe, übergebe ich das Mozart-Buch den Lesern mit der Bitte, ihm jene Nachsicht angedeihen zu fassen, welche die vorhandenen Gebrechen über dem Guten, das es enthält, vergißt oder doch milder beurtheilt. Zum Schluße sei noch bemerkt, daß, wo im Buche Weisungen auf Otto Jahn's Mozart vorkommen, dieselben sich auf die erste Auflage dieses classischen Werkes beziehen, da zu jener Zeit, als ich meine Arbeit über Mozart begann, (1867) die zweite Auflage wohl als bald erscheinend angekündigt, aber noch nicht erschienen war.
Wien, im October 1868.
Der Verfasser.
geb. zu Salzburg am 27. Jänner 1756,
gest. zu Wien am 5. Dezember 1791.
Ist schon das einfachste, schlichteste Menschenleben als Verwirklichung einer Gottidee für jeden denkenden Leser ein Gegenstand anregender Beobachtung, ja stiller Bewunderung der Harmonie, in welche sich die vielen nach allen Seiten verzweigten Fäden endlich zu einem schönen, gegliederten, einheitlichen Ganzen verweben; um wie viel mehr muß es das Leben eines Menschen sein, der alle anderen, die vor ihm, mit ihm und nach ihm gelebt, weit überragt, der, so überreich mit den herrlichsten geistigen Gaben ausgestattet, um so mehr Mühe und Sorge hatte, diese Gottesgaben zur verdienten Geltung zu bringen, und der endlich eben im Kampfe mit einer Zeit, welcher er in seinem Gebiete weit voraus geeilt war, mit Verhältnissen, welche ihm das Ersteigen der hohen Stufe, auf die ihn nach seinem Tode die Menschheit gestellt, nicht erleichterten, wohl aber hundertfach erschwerten, als Sieger aus demselben hervorgegangen und nun dasteht und immer dastehen wird: Herrlich, einzig und bisher unerreicht. Es sind freilich keine großen, weltgeschichtlichen Kämpfe, die dieses seltene Menschenleben durchzumachen hatte, auch sind es keine erschütternden Ereignisse, welche unsere Nerven packen und unsere Neugier auf die Folter spannen; nichts von alledem, und wahrhaftig, wir wünschten diesem Titanen der Kunst, daß, wenn er schon leiden mußte, weil er auch Mensch war, sein Leiden ein seiner geistigen Größe entsprechenderes gewesen wäre. Nicht unter den erbärmlichen Nadelstichen eines kleinlichen Allerweltschicksals, nicht unter armseligen Nergeleien einer verkommenen aristokratisch-pfäffischen Menschenseele, nicht im Jammer und in den Sorgen einer unzulänglichen häuslichen Wirthschaft, mit dem Gefolge niederdrückenden Geldmangels, gellenden Kindergeschreies, von Krankheit und Bedrängniß aller Art, nicht unter den Spinnenbissen der traurigsten Alltäglichkeit hatte er in der Vollkraft eines Menschenlebens, im Zenith seines unerreichten Schaffens kläglich verbluten dürfen.
Meine gütigen Leser, denen die Geschichte der Coryphäen der Menschheit und namentlich jener Meister der Töne, die überall heimisch sind, wo es Herzen gibt, die geliebt und gelitten, nicht fremd ist, werden schon errathen haben, wer hier gemeint ist; es kann ja nur Einer sein, und dieser Eine heißt Mozart. Wolfgang Amadeus Mozart. Eine solche Lebensgeschichte voll der kleinen Leiden eines irdischen Daseins, die uns nicht erdrücken, aber abmartern, nicht vernichten, aber erschöpfen, ist jene Mozart's, und ich will sie im Folgenden erzählen, auf Grundlage festgestellter Daten, ohne Schmuck und oratorisches Beiwerk, einfach, vollständig und vollkommen wahr. Der Lebensgeschichte und dem Verzeichnisse der Werke des großen Meisters lasse ich dann eine Reihe von Thatsachen und Einzelheiten folgen, die als Verklärung dieses Menschendaseins gelten sollen, und wohl den zahllosen Verehrern seines unsterblichen Genius nicht unwillkommen sein werden.
Wolfgang Amadeus Mozart ist zu Salzburg geboren; sein Vater Leopold, über dessen Leben später eine gedrängte Skizze folgt, war Vice-Capellmeister an der fürstlichen Capelle zu Salzburg, die Mutter, Anna Maria, eine geborne Pertl. Beide Eltern galten ihrer äußeren Erscheinung nach für das schönste Ehepaar in Salzburg. Von sieben Kindern dieser Ehe waren nur zwei am Leben geblieben, eine Tochter Maria Anna, nachmalige Baronin Berchtold, und Wolfgang Amadeus, oder wie die Reihe seiner Taufnamen vollständig lautet: Johann Chrysostomus Wolfgang Gottlieb, von denen ihm die beiden letzteren, und der letzte zu Amadeus latinisirt, für gewöhnlich gegeben werden. Der Vater beschäftigte sich in den Stunden, welche sein Capellmeisterberuf ihm übrig ließ, mit Unterrichtertheilen im Violinspiele; als er aber die entschiedenen und ungewöhnlichen musikalischen Anlagen seiner Kinder, vornehmlich seines Sohnes Wolfgang Amadeus inne wurde, gab er die Unterrichtsstunden, ja selbst das Componiren, das er nicht ohne Geschick betrieben hatte, ganz auf, um seine dienstfreie Zeit ausschließlich der musikalischen Erziehung und Ausbildung seiner Kinder zu widmen. Als theoretisch und practisch tüchtig geschulter Musiker war er wohl ganz der Mann, auf die frühe und überraschende Entwicklung seines Sohnes den entschiedensten und glücklichsten Einfluß zu üben. Die Tochter Maria Anna, oder wie sie später gewöhnlich genannt wurde. Nanette, war sieben Jahre alt, als der dreijährige Wolfgang, welcher Name der Kürze halber im Verlaufe dieser Skizze beibehalten wird, schon die merkwürdigsten Spuren seines ganz besonderen Talentes zeigte. Bei den Musikstunden, welche der Vater dem gleichfalls talentbegabten Töchterlein ertheilte, horchte der Knabe mit der größten Aufmerksamkeit zu; wenn er allein war, unterhielt er sich oft lange Zeit mit Zusammensuchen der Terzen, die er dann, erfreut, diese Harmonie aufgefunden zu haben, wiederholt anstimmte. Kaum vier Jahre alt, hatte er in einer halben Stunde einen Menuett und dann andere kleine Tonstücke erlernt, die er mit aller Nettigkeit und genau im Tacte vortrug. Kurze Zeit darauf übte er größere Stücke ein, zu deren Erlernung er nicht lange brauchte, und die er immer in einer Weise spielte, welche von dem bei Kindern üblichen Vortrage eingelernter Stücke ganz und gar abwich. So ging es ohne Zwang, ohne jenes beständige Erinnern, sich zu üben, was die sicherste Bürgschaft für mangelndes Talent ist, ohne Anstrengung, im stetigen Fortschritt weiter, und im fünften Jahre sprengte das Knäblein die Fesseln der Nachahmung, und begann kleine Stücke am Clavier zu erfinden. Ein solches im Jahre 1761 von Wolfgang componirtes Menuett sammt Trio wird im Autograph im Museum Carolino-Augusteum zu Salzburg noch aufbewahrt. Dieser entschiedene Musiksinn gab sich von nun an auch in anderer Weise kund. So fand der kleine Wolfgang – abweichend von anderen Kindern seines Alters – kein Gefallen an den gewöhnlichen Kinderspielen, und betheiligte sich nur dann an denselben, wenn sie auf die eine oder andere Weise mit Musik in Verbindung gebracht wurden. So z.B. wenn er mit einem Hausfreunde – es war der Trompeter Schachtner, dem man über Mozart's Kindheitsgeschichte die interessantesten Aufschlüsse verdankt – sich unterhielt und er aus einem Nebenzimmer Spielzeug oder etwas Anderes holen sollte, so geschah das immer in Begleitung von Musik, unter Ausspielung eines Marsches, der dann entweder einfach gesungen oder aber auf der Geige gespielt wurde. Aber auch außerdem zeigte Mozart große Gelehrigkeit und erfaßte Alles sofort mit solchem Eifer, daß dadurch selbst die Musik – jedoch nur für einige Zeit – in den Hintergrund gedrängt wurde. Besonders trat sein Zahlensinn recht mächtig hervor, dessen Zusammenhang mit der Musik, dieser Verbindung von Rhythmus und Harmonie, nicht erst erwiesen zu werden braucht.
Wenn sich der kleine Wolfgang mit seinen Rechnungsaufgaben beschäftigte, so zeigte sich an ihm, wie an jungen Malertalenten, die alle Wände und Thüren und Unterrichtshefte mit ihren Zeichnungen tapeziren, die analoge Erscheinung: Tische, Sessel, Wände, ja der Fußboden selbst waren über und über mit Kreide voll Zahlen beschrieben, und Wolfgang lag darüber, an seinen Rechnungsexempeln arbeitend. Es war eine Lebhaftigkeit ohne Gleichen, die in Wolfgang steckte, und gewiß wirkte die treffliche, leider etwas einseitige Erziehung seines Vaters, wie überhaupt das schöne Beispiel eines im innersten Marke gesunden Familienlebens mächtig genug auf das feurige Temperament des Jünglings, um ihn von jenen Irrwegen fern zu halten, auf welchen unter den versengenden Flammen eines ungezügelten Temperamentes so viele große Geister der Zukunft, die ihnen so herrlich winkt, für immer verloren gehen. So machte Wolfgang unter der weisen Anleitung seines Vaters in Allem die entsprechenden Fortschritte; jedoch die Musik blieb immer obenan und mit derselben gleichen Schritt hielt die Entwicklung einer Gefühlsinnigkeit, die einen Grundzug seines Lebens, seiner unsterblichen Werke und die Hauptursache jenes irdischen Leids bildet, dem er so früh zum Opfer gefallen war. Diese Gefühlsinnigkeit sprach sich in dem Knaben schon in aller Weise, besonders in der zärtlichsten Liebe zu seinen Eltern aus; von den Personen, die ihn umgaben, wollte er nur geliebt sein, und seine Sorge um ihre Liebe war so groß, daß er als Kind des Tages an die zehn- und auch mehrmal fragte, ob sie ihn lieb hätten, und eine im Scherz ausgesprochene Verneinung ihm die hellen Thränen ins Auge trieb. Der Vater galt ihm über Alles, nur Eins stand höher als der Vater: Gott. "Nach Gott kommt gleich der Papa"; war sein stehendes Wort; und wenn Papa alt werden sollte, wolle er ihn unter einen Glassturz stellen, um ihn vor Luft zu bewahren, bei sich und in Ehren halten. Zum Gebet brauchte er nie gemahnt zu werden. Aus einer selbsterfundenen Melodie hatte er sich seinen Abendsegen gemacht und legte sich erst dann zu Bette, nachdem er dieses musikalische Nachtgebet abgesungen hatte, wobei jedoch sein Vater mitsingen mußte.
So ging es bis zum zehnten Jahre, in welcher Zeit aber sein musikalischer Genius immer mächtiger die Schwingen regte. Von kleinen Compositionen, wie Menuette, Allegro's, Sonaten, machte er sich allmählig an Symphonien, Concerte und Kirchenstücke, welche, wenngleich den vollen Stempel der Kindlichkeit doch auch jenen musikalischer Vollendung an sich trugen, und nie des Characters ermangelten, der ihnen kunstgemäß eigen sein mußte. Es kann hier nicht der zahllosen interessanten Züge dieses herrlichen Kinderlebens gedacht werden, denen man in den vielen Biographien Mozart's in den verschiedensten Varianten begegnet; es muß die Andeutung genügen, daß Alles, was sich im Kinde kundgab, auf eine große Zukunft, wenn auch nicht auf ein so rasches und schmerzliches Ende hindeutete. Aber das ist eben das Kainszeichen des irdischen Genius, daß seines Bleibens nur kurz und sein Erdenwallen ein leidvolles sein müsse.
Zu Anbeginn des Jahres 1762 begab sich Vater Mozart mit seiner ganzen Familie nach München, um seine beiden kleinen Virtuosen vor dem Churfürsten spielen zu lassen. Im Herbste d.J. gingen alle nach Wien; dort fanden sie bei Hofe eine freundliche Aufnahme. Die Kaiserin Maria Theresia und ihr Gemal Franz Stephan fesselten Alles durch ihre gewinnende Huld, durch ihre liebevolle Herablassung. Kaiser Franz Stephan bemerkte einst im Scherze zu dem kleinen Wolfgang, daß es keine große Kunst sei, mit allen Fingern zu spielen, aber nur mit Einem Finger und auf einer verdeckten Claviatur etwas vorzutragen, das erst würde Bewunderung verdienen; der kleine Wolfgang ließ sich dadurch nicht irre machen, versuchte es erst mit einem Finger und nachdem der Versuch ganz gut gelungen, ließ er die Claviatur verhüllen und nun spielte er mit einer solchen Fertigkeit und ohne zu fehlen, als wenn er diese Kunst längst eingeübt hätte. Aber das Künstlerbewußtsein, jenes erhebende, ganz unrichtig öfter als unverschämter Künstlerstolz bezeichnete Gefühl, zeigte sich schon im Knaben in seiner unentweihten Form. Das Lob der Großen der Erde, wenn sie nichts von der Sache verstanden, ließ ihn gleichgiltig, und für solche Personen, vor denen er sich, aus Rücksicht hören lassen mußte, hatte er einige musikalische Tändeleien in Bereitschaft, mit denen er diese müssige Pflicht des Sichproducirens pflichtschuldigst abthat. Aber vor Kennern da war Mozart ganz in seinem Elemente. Da ging seine Seele ganz auf, es war dann, als wenn der Knabe ein ganz anderer geworden wäre. In diesem Puncte ging die Naivetät des kleinen Wolfgang so weit, daß er, wenn er bei Hofe sich zum Clavier setzte, an den Kaiser die Frage stellte: "Ist Herr Wagenseil nicht hier? der soll herkommen, der versteht es," und wenn dann auf Befehl des Kaisers Wagenseil erschien, rief der kleine Mozart: "Ich spiele ein Concert von Ihnen, Sie müssen mir umwenden."
Bis dahin hatte Wolfgang bloß Clavier gespielt und die außerordentliche Fertigkeit, mit welcher er das Instrument behandelte, mochte wohl Ursache gewesen sein, daß vor der Hand der Vater, um nicht des Knaben Fleiß und Studium unnöthigerweise zu theilen, vom Unterrichte im Violinspiele, für den es noch immer Zeit war, ganz absah. Da sollte es sich aber zeigen, wie mächtig der Geist der Kunst in dieser Kinderseele lebte. Während seines Aufenthaltes in Wien war Mozart mit einer Geige beschenkt worden. Als später die Familie nach Salzburg zurückgekehrt war, kam eines Tages der Violinspieler Wenzel, der eben mit Compositionsstudien sich beschäftigte, zu Mozart's Vater, mit der Bitte, ihm über einige von ihm componirte Trio's sein Urtheil zu sagen. Da auch Schachtner, dem die Aufzeichnung dieser Episode aus Mozart's Knabenzeit zu verdanken, zugegen war, so wollte der Vater Mozart diese Trio's sofort probiren und übernahm mit der Viola den Baß, während Wenzel selbst die erste und Schachtner die zweite Violine spielen sollte. Da bat der kleine Mozart, ihn die zweite Violine spielen zu lassen. Der Vater lehnte dieses Begehren mit der Bemerkung ab, daß er ja noch keine Anweisung in Behandlung dieses Instrumentes erhalten habe und also nichts Ordentliches zu Stande bringen könne. Der Kleine ließ aber nicht ab zu bitten und meinte, um die zweite Violine zu spielen, müsse man dies nicht erst lernen. Als der Vater endlich über dieses hartnäckige Verlangen unwillig ward und ihm befahl, sich zu entfernen und keine weitere Störung zu veranlassen, begann Wolfgang bitterlich zu weinen und ging mit seiner Violine aus dem Zimmer. Da legte sich Schachtner ins Mittel und meinte, der Vater möchte ihn als Vierten immerhin mitthun lassen. Endlich gab der Vater seine Zustimmung, rief Wolfgang zurück und sagte zu ihm: "Nun so geige denn mit Herrn Schachtner, aber so stille, daß man dich nicht hört, sonst mußt du gleich fort." Hier folgt nun Schachtner's wörtlicher Bericht über diesen Vorgang. "Wir spielten," schreibt Schachtner, "und der kleine Mozart geigte mit mir. Aber bald bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich da ganz übrig sei. Ich legte still meine Geige weg und sah den Vater dann an, dem bei dieser Scene Thränen der gerührten und bewundernden Zärtlichkeit aus dem väterlichen Auge über die Wangen rollten. Wolfgang spielte alle sechs Trio's durch. Nach Endigung derselben wurde er durch unseren Beifall so kühn, daß er behauptete, auch die erste Violine spielen zu können. Wir machten zum Scherz einen Versuch und mußten herzlich lachen, als er auch diese, wiewohl mit lauter unrechten und unregelmäßigen Applicaturen, spielte, doch aber wenigstens so, daß er nie ganz stecken blieb." Es ist dies gewiß ein Fall, einzig in seiner Art und zeigt nicht nur, wie fein Mozart's Ohr für Musik organisirt war, sondern wie er den ganzen Körper seiner musikalischen Wunderkraft unterordnete, da er ohne vorherigen Unterricht das sprödeste Instrument, das schon technischer Seits, um ihm nur einen leidlichen Ton zu entlocken, tüchtiger Uebung bedarf, in entsprechender, wenigstens nicht störender Weise zu behandeln verstand. Der Organismus seines Ohres, wovon Nissen's Biographie Mozart's im Anhange eine Abbildung bringt, muß wohl höchst interessant und des Studiums eines Physiologen werth gewesen sein. Die erwähnte Zeichnung mag immerhin als Curiosum gelten, practischen Werth, der höchstens aus einer photographischen Aufnahme dieses Organs, wenn eine solche schon damals möglich gewesen wäre, zu erzielen war, besitzt sie nicht. Von der Feinheit dieses Organs geben ja die herrlichen Werke dieses Tonheros Beweis genug; aber nicht etwa bloß die großartigen Compositionen, sondern gleich gut, ja noch schlagender seine Impromptu's, hingeworfen in wenigen Augenblicken, oft in den kurzen Pausen vor einem Abschied, oder wenn die Heiterkeit im Freundeskreise ihren Gipfelpunkt erreicht, oder wenn sonst seine übersprudelnde Laune von Außen einen Anstoß erhielt! Eines der merkwürdigsten derselben bleibt der berühmte Canon, den er schrieb, als er in Leipzig von dem Ehepaar Doles Abschied nahm, der mit seinem Doppeltext eine komische Wirkung ohne Gleichen erzielt. Mit dieser Feinfühligkeit seines Ohres war aber auch der Abscheu gegen jeden Mißton, ja auch gegen rauhe, durch Zusammenklang nicht gemilderte Töne innigst verbunden, und dies ging so weit, daß er förmlich litt, wenn er dergleichen zu hören gezwungen ward. Aus der Zeit seiner Kindheit ist in dieser Hinsicht ein Vorfall besonders bemerkenswerth. Bis in sein zehntes Jahr hatte er einen unbezwinglichen Widerwillen gegen die Trompete, wenn sie allein geblasen wurde. Der Vater, der ihn von dieser Idiosynkrasie heilen wollte, ließ einmal ohne auf des Sohnes flehentliche Gegenbitte zu achten, vor ihm die Trompete blasen. Das Experiment nahm einen unerquicklichen Ausgang. Mozart erblaßte, stürzte wie ohnmächtig zu Boden, und es läßt sich nicht sagen, welche weiteren Folgen daraus entstanden wären, hätte der Vater die Fortsetzung dieses Experiments nicht augenblicklich unterbrechen lassen. Hingegen wie groß seine Unterscheidungsgabe war für die feinsten Nuancen des Tones, die dem musikalisch tüchtig Geschulten, selbst wenn er darauf Acht hatte, entgingen, dafür legt ein anderer nicht minder beglaubigter Umstand Zeugniß ab. Wolfgang spielte einmal auf der Schachtner'schen Geige, die er ihres sanften Tones wegen die "Buttergeige" zu nennen pflegte. Als einige Tage darnach Schachtner bei Mozart eben eintrat, da dieser auf seiner kleinen, von Wien mitgebrachten Geige sich unterhielt, fragte Mozart Schachtner'n: "Was macht Ihre Buttergeige?" und in einer Weile, nachdem er die Uebung auf seinem Instrumente noch fortgesetzt, sagte er zu Schachtner: "Wenn Sie Ihre Geige doch so gestimmt ließen, wie sie war, als ich das letzte Mal sie spielte, sie ist um einen halben Viertelton tiefer, als meine da." Man lachte über diese, so genaue Angabe; der Vater aber von dem Musikgedächtnisse und feinem Tongefühle seines Sohnes bereits durch mehrere Beweise überzeugt, ließ die Geige holen, und zur Ueberraschung Aller zeigte es sich, daß Mozart's Angabe genau war.
Während sich das wunderbare Talent des Knaben immer mehr und mehr entfaltete, und eine liebenswürdige Kindlichkeit und Folgsamkeit die Aufgabe des Vaters, diesen Kunstsinn sorgfältig auszubilden, wesentlich erleichterte, kam die Zeit heran, in welcher ein von dem Vater längst gefaßter und wohl überlegter Entschluß zur Ausführung kommen sollte. Der Vater hatte um sich dem Erziehungswerke seiner Kinder ungetheilt zu widmen, das einträglichere Lectionengeben eingestellt; als er das herrliche Talent der beiden Kinder, namentlich Wolfgang's, inne wurde, erwachte in ihm der Wunsch, durch Concertreisen den Ruf der Kinder frühzeitig zu begründen und dadurch der Familie für die Zukunft materielle Vortheile zuzuwenden. So wurde denn im Sommer 1763 die erste eigentliche Kunstreise unternommen. Diese ging zunächst über München, wo die Kinder wieder vor dem Churfürsten sich hören ließen, dann nach Augsburgs Mannheim, Mainz, Frankfurt a.M., wo die naive Concertankündigung des Vaters erst nach vielen Jahren von einer Frankfurterin, bei ihren antiquarischen Forschungen in den alten Intelligenzblättern dieser ehemaligen freien Reichsstadt aufgefunden wurde, dann nach Coblenz, Cöln, Aachen und Brüssel, wo sie theils in öffentlichen Concerten sich hören ließen, oder aber an den fürstlichen Höfen und in den Cirkeln des hohen Adels spielten und überall großen Beifall und so weit leidliche Einnahmen ernteten, daß die große Reise und Verköstigungsauslagen der ganzen Familie vollständig gedeckt waren. Im November kamen sie in Paris an, wo ihnen die bisherigen Erfolge das Auftreten vor der königlichen Familie ermöglichten. Der Aufenthalt in Paris währte nahezu fünf volle Monate. Wolfgang ließ sich in Versailles vor dem königlichen Hofe hören und spielte vor demselben in der dortigen Capelle die Orgel; für das Publikum gab der Vater zwei große Akademien. Die Aufnahme in Paris war eine enthusiastische; dort entstand das berühmte Bildniß Carmontelle's, wohl das erste, das von Mozart bekannt ist, und dort erschienen bei Madame Vendôme seine ersten Werke im Stiche, die der Prinzessin Victoria, zweiten Tochter des Königs, gewidmete Sonate Op. 1 und die Sonate Op. 2, welche er der Ehrendame der Dauphine, der Gräfin de Tessé, zueignete. Am 10. April 1764 verließ der Vater mit Frau und Kindern Paris und schiffte von Calais, wo Alle zum ersten Mal den Anblick des unendlichen Meeres genossen und sie von dem Procureur des Königs zu Tische geladen worden, nach mehrtägigem Aufenthalte in der Hafenstadt nach England hinüber, wo sie am 23. April in London eingetroffen sein mögen. Die Empfehlungsbriefe, welche Vater Leopold mitgenommen, thaten ihre Schuldigkeit; schon am 27. April ward den Kindern die Auszeichnung, vor König und Königin in Buckingham-House zu spielen. König Georg III., damals 27 Jahre alt, und Königin Charlotte Sophie, eine Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, liebten und pflegten beide die Musik und gewährten der Künstlerfamilie eine huldvolle Aufnahme. Das öffentliche Auftreten Wolfgang's verspätete sich aber; zuerst für den 9. Mai in einem Concerte, das der Violoncellist Graziani gab, festgesetzt, wurde es durch den gewöhnlichen Umstand, daß die im Concerte Mitwirkenden anderswo beschäftigt waren, auf den 22. Mai verschoben, fand aber auch an diesem Tage nicht Statt, da inzwischen der Vater krank geworden, und wurde erst am 5. Juni gegeben. Der Erfolg war ein überaus glänzender, die Einnahme eine bedeutende, überhaupt war die erste Zeit des Londoner Aufenthaltes materiellerseits für die Familie die blühendste. Mozart spielte mit seiner Schwester noch einmal bei Hofe, dann in einem Wohlthätigkeitsconcerte, und nun begab sich die Familie gegen Ende Juni nach Tunbridge-Wells, einem von dem englischen Adel viel besuchten Badeorte, und von dort nach Chelsea, wo sie sich mehrere Wochen aufhielten, weil des Vaters Gesundheit ländlichen Aufenthalt erforderte. Dann kehrte die Familie nach London zurück, wo sich der Aufenthalt bis Ende Juli 1765 verlängerte, aber auch in dem steten Wechsel des dortigen großartigen Lebens allmälig die Theilnahme für den kleinen Mozart und sein herrliches Spiel versiegte, die Einnahmen kleiner, die Ausgaben größer und die Stimmung des Vaters, der gemeint, daß der Sonnenschein des Glückes länger vorhalten würde, düsterer wurde. In London erschienen die als Oeuvre 3 bekannten, der Königin Charlotte gewidmeten sechs Sonaten im Selbstverlage, mit dem originellen, wohl von Vater Leopold verfaßten Widmungsschreiben, das im prophetischen Geiste die Worte enthält: "avec ton (de la Reine) secours j'egalérai la gloire de tous les grands hommes de ma patrie, et je deviendrai immortel comme Händel et Hasse et mon nom sera aussi célèbre que celui de Bach". Sonst schrieb Mozart dort noch einige, aber bisher ungedruckte Symphonien und das vierstimmige Madrigal: "God is our refuge", die einzige auf englischen Text verfaßte Composition Mozart's, deren erst in neuerer Zeit von Pohl veröffentlichter Autograph noch jetzt zu den Cimelien des British-Museums gehört. Am 24. Juli 1765 verließ Mozart mit seiner Familie London, verweilte noch einige Tage auf dem bei Canterbury gelegenen Landgute eines reichen Engländers, Herrn Manat, und verließ am 1. August die englische Küste, um sich auf Einladung des holländischen Gesandten nach dem Haag zu begeben, wo die Prinzessin von Weilburg, Schwester des Prinzen von Oranien, die Wunderkinder kennen zu lernen wünschte. Die Reise ging durch Flandern, wo Wolfgang in den zahlreichen Kathedralen und Klosterkirchen oft die Orgel spielte, bis sie im Haag ankamen, wo Wolfgang und seine Schwester auf den Tod an einem hitzigen Fieber erkrankten. Vier Monate waren die Kinder krank gewesen, und die erste Arbeit des genesenen Wolfgang waren die 6 der Prinzessin Karoline von Nassau-Weilburg gewidmeten Sonaten, die als Op. 4 (à la Haye, Hummel) gedruckt erschienen sind. Von dem Haag begaben sich alle nach Amsterdam, reisten aber schon nach vierwöchentlichem Aufenthalte nach dem Haag zurück, wo das zu der Installationsfeier des Prinzen Wilhelm V. von Oranien als Erbstatthalters componirte erste größere, jedoch unbedeutende Werk Mozart's: "Gallimathias musicum" aufgeführt wurde. Es ist dieß ein Quodlibet aus 13 sehr kurzen, meist zweitheiligen Sätzen für verschiedene Instrumente, welches mit einem langen fugirten Satze über das berühmte Volkslied: "Willem van Nassau" schließt. Nachdem nun die Kinder noch einige Male vor dem Erbstatthalter gespielt hatten, reiste der Vater mit ihnen nach Paris zurück. Dort ließen sie sich während eines zweimonatlichen Aufenthaltes zu wiederholten Malen vor dem königlichen Hofe zu Versailles hören; dann ging die Reise über Lyon durch die Schweiz nach Donaueschingen, wo sie bei dem musikliebenden Fürsten von Fürstenberg gastliche Aufnahme fanden. Von da begaben sie sich nach München, wo der Churfürst mit dem kleinen Wolfgang eine ganz besondere Probe vornahm. Der Churfürst sang Wolfgang ein Thema vor, das dieser sofort ausführen und niederschreiben sollte. Wolfgang vollendete seine Aufgabe, ohne Clavier oder Geige zu benützen, in Gegenwart des Churfürsten in kürzester Zeit; nachdem er das ihm vorgesungene Thema niedergeschrieben, trug er es auf dem Clavier vor, und Bewunderung und Erstaunen des Churfürsten und anwesenden Hofes nahmen kein Ende.
Ueber drei Jahre, seit Juni 1763 bis Ende November 1766, war die Mozart'sche Familie in der Fremde gewesen; nun kehrte sie in die Heimat zurück und begrüßte die alte Bischofstadt, um daselbst für längere Zeit von dem Reisemühsal auszuruhen und die mannigfaltigen Eindrücke eines wechselvollen Wanderlebens geistig neu durchzuleben. In Salzburg setzte der nun zehnjährige Wolfgang seine musikalischen Studien, die durch die lange Reise, wenn nicht ganz unterbrochen, so doch vielfach gestört wurden, so daß an eine zu Studien erforderliche Sammlung des jugendlichen Geistes kaum zu denken war, in der alten Weise fleißig fort und vervollkommnete sein göttliches Talent. Zwei Jahre blieb nun die Familie in Salzburg und Mozart's Productivität nahm in merklicher Weise zu. Gleich nach seiner Rückkehr in die Heimat schrieb er den ersten Theil des geistlichen Singspiels: "Die Schuldigkeit des ersten Gebotes", über welches jedoch bezüglich der Compositionszeit die Ansichten getheilt sind; im Jahre 1767 acht Compositionen, darunter neben mehreren Clavier-Concerten, einer Symphonie und einer Passions-Cantate die lateinische Komödie: "Apollo und Hyacinthus", die er für die Universität Salzburg componirte und die daselbst um die Mitte Mai 1767 aufgeführt wurde. Das Jahr 1768 steigt aber bereits zu 20 Compositionen, darunter mehrere Kirchenstücke, Sonaten, zwei größere Cassationen und zwei Operetten, beide geschrieben, um sie in Wien zur Aufführung zu bringen, denn dahin hatte sich Vater Mozart im Herbste 1768 mit seinen Kindern begeben. Eine dieser Opern, die deutsche "Bastien und Bastienne", wurde bei der Familie Meßmer in dem derselben gehörigen Landhause auf der Landstraße gegeben, und die italienische "La finta semplice", mit 26 Nummern, über Anregung des Kaisers Franz Stephan geschrieben, wurde, da die Hofintriguen und Schranzencabalen den Sieg über den Willen des Kaisers davon trugen, aller Bemühungen des Vaters Mozart ungeachtet, nicht aufgeführt. Gücklicher war Mozart in Wien mit zwei kirchlichen Compositionen, einer Messe und einem Veni Sancte Spiritus, deren Aufführung unter des 13jährigen Mozart persönlicher Leitung zur Einweihung der Waisenhauskirche in Gegenwart des kais. Hofes am 7. December 1768 stattfand. Ein Trompeten-Concert aus diesem Jahre, dessen der Schlichtegroll'sche Nekrolog gedenkt, das aber in Köchel's "Thematischer Katalog" nicht vorkommt und also verloren gegangen zu sein scheint, kam auch zur Aufführung. Der Aufenthalt in Wien erstreckte sich bis zu Anbeginn des Jahres 1769, worauf die Rückkehr nach Salzburg erfolgte; denn eine von Mozart componirte Missa brevis (v. Köchel, Nr. 65) trägt bereits das Datum vom 14. Jänner zu Salzburg. Das. Jahr ging unter ernsten Musikstudien dahin und Wolfgang wurde zum Concertmeister, ohne Gehalt, am Salzburgischen Hoforchester ernannt. Er componirte einige Messen und Symphonien, und dann das liebliche "Johannes-Offertorium" für den Benedictiner-Pater Johannes des Klosters Seeon, in welches einige melodiösen Tacte, die Mozart zu singen pflegte, wenn er als Knabe in das Kloster kam und den Pater, den er besonders liebte, an ihm emporkletternd, liebkoste und umarmte, in neckischer Weise eingeflochten waren.
Zu Ende des Jahres, Anfangs December, traten der Vater und Sohn wieder eine Kunstreise, die erste nach Italien, an, wo sie vierzehn Monate verweilten. Die Reise ging über Innsbruck, wo sie bei dem Grafen Künigl eine Academie gaben, in welcher Mozart ein Concert prima vista spielte; in den ersten Tagen des Jänner 1770 waren sie in Verona und kamen über Mantua, Cremona in den letzten Tagen des Jänner in Mailand an, wo sie mehrere Wochen verweilten. In Mailand wurden sie im Hause des Statthalters, des geistvollen und kunstsinnigen Grafen Firmian, auf das Liebevollste aufgenommen und erhielt Wolfgang den Auftrag, für die Carnevalstagione des folgenden Jahres eine Oper zu schreiben. Im März verließen sie Mailand, gingen über Lodi, wo Mozart sein erstes Quartett componirte, Bologna und Parma nach Rom, wo sie in der Charwoche (im April) eintrafen. Auf dem Wege nach Rom in Bologna verweilend, fand Mozart dort an dem berühmten italienischen Contrapunctisten Maestro Martini einen enthusiastischen Bewunderer, insbesondere, nachdem der junge Mozart über jedes Fugenthema, das Martini ihm hinschrieb, die dazu gehörige Risposta streng nach den Regeln der Tonkunst angab und die Fuge augenblicklich auf dem Clavier ausführte. Ein Gleiches war in Florenz der Fall, wo der dortige Musikdirector Marchese Ligniville seine Bewunderung über den 15jährigen Mozart unverholen aussprach. In Florenz lernte Wolfgang auch einen jungen Engländer, Namens Thomas Linley, einen Knaben von 14 Jahren, also fast in demselben Alter wie Wolfgang, kennen. Linley war ein Schüler des berühmten Violinvirtuosen Nardini und spielte selbst die Violine mit bezaubernder Fertigkeit und Lieblichkeit. Die beiden Jünglinge befreundeten sich bald auf das Innigste, und Linley brachte noch am Tage der Abreise Mozart's ein Gedicht auf ihn, das von einer Italienerin verfaßt war, und gab ihm, als er abreiste, im Wagen das Geleite bis an das Stadtthor.
In der Charwoche 1770 kamen Vater und Sohn in der ewigen Stadt an. Es ist ein bezeichnender Zug im Leben Mozart's, daß ihn in Rom, wo das Auge so sehr durch die Kunstwerke aller Zeiten gefesselt wird, die Werke der Kunst eben nicht viel kümmern und wieder nur die Musik der Mittelpunkt seines Denkens, Fühlens und Handels ist. Mozart war von allem Anbeginn bis an seinen letzten Athemzug durch und durch Musik und nur Musik. Einer der ersten Besuche in Rom galt der Sixtinischen Capelle, wo gerade die Vorbereitungen zu den musikalischen Kirchenfesten der Charwoche stattfanden und Mozart zum ersten Male das berühmte Miserere von Allegri hörte, das, um den Hörern den Genuß unverstümmelter Harmonie zu bereiten, – o Ironie der Kunst – von verstümmelten Menschen gesungen wird. Allegri's Tonstück wurde bis dahin gegen jede Abschrift auf das Sorgfältigste gehütet, man erzählt sich, daß auf diesen Frevel (?) Kirchenstrafen, ja nicht geringeres als Excommunication, gesetzt war. Mozart hörte die erste Probe und prägte das Werk so gut seinem Gedächtnisse ein, daß er es, als er nach Hause kam, aus dem Gedächtnisse niederschrieb. Als am Charfreitag das Miserere wieder aufgeführt wurde, ging Mozart nochmals in die Kirche und corrigirte unter dem Hute, in dem das Manuscript lag, jene Stellen, die er beim ersten Niederschreiben nicht ganz richtig wiedergegeben hatte. Dieser Vorgang wurde in Rom bald bekannt und erregte nicht geringes Aussehen, wobei man, da man die Genialität des Knaben bewunderte, über den damit in Verbindung stehenden Frevel ganz hinwegging. Ja Mozart mußte dieses Tonstück, dessen Vortrag, außer in der Charwoche von den Castraten der Sixtinischen Capelle, auf das strengste verpönt war, sogar in einer Academie singen, und da in derselben der Castrat Christofori, der es in der Capelle gesungen hatte, anwesend war, so feierte Mozart, da Christofori selbst über Mozart voll Bewunderung war, einen vollständigen Triumph. Wie sehr übrigens Mozart's Talent in Rom auch sonst Würdigung fand, erhellt aus seinem in italienischer Sprache geschriebenen Brief, ddo. Rom. 25. April 1770, in welchem er bemerkt, daß eine von ihm componirte Arie und Symphonie von seinem eigenen Vater copirt werde, weil sie ihnen sonst gestohlen werden könnten: "per non la vogliamo dar via per copiarla, altrimente ella sarebbe rubata." Von Rom machten Vater und Sohn in den ersten Tagen des Mai einen Ausflug nach Neapel, wo sie am königlichen Hofe die freundlichste Aufnahme fanden und wo Wolfgang's Frohsinn in bemerkbarer Zunahme begriffen ist, denn der eine Brief vom 19. Mai 1770, mit der muthwilligen Anwendung des Zeitwortes thun, und der zweite vom 5. Juni, mit den ergötzlichen Stellen des Salzburger Dialektes, sprechen für ein geistiges und körperliches Behagen, das sich gern in solchen Allotriis Luft macht. In Neapel spielte Mozart auch im Conservatorio alla pietà, und da meinten einige seiner Zuhörer, der Zauber seines Spieles steckte in dem Ringe, den er trage, worauf Wolfgang, um sie zu überzeugen, daß aller Zauber nur in seinem Gehirn stecke, den Ring vom Finger zog und nunmehr mit seiner unberingten Hand auf der Claviatur dieselben Wunder wirkte, wie vordem, als er noch den Ring daran trug. Auch gab er in Neapel eine große Academie bei dem kaiserlichen Gesandten, dem Grafen Kaunitz. Der Aufenthalt in Neapel erstreckte sich über Mitte Juni, worauf sie nach Rom zurückkehrten, wo der geniale Entwender des Allegri'schen Miserere von dem Papste selbst mit Kreuz und Breve eines Ritters des Ordens vom goldenen Sporn ausgezeichnet wurde. Um die Mitte Juli verließen die beiden Mozart Rom und kehrten wieder über Bologna, wo sich ihr Aufenthalt über dritthalb Monate verlängerte, nach Mailand zurück. Dieser verhältnißmäßig lange Aufenthalt in Bologna wurde offenbar zur Vollendung des "Mithridates," der in Mailand zur Aufführung kommen sollte, benützt. In Bologna erhielt Wolfgang, nachdem er eine ihm gestellte musikalische Aufgabe nach den Regeln der Kunst vollkommen gelöst, das Diplom eines Mitgliedes der Academia filarmonica. Längere Zeit verweilten Vater und Sohn auch auf dem nahe bei Bologna gelegenen Landgute der Gräfin Pallavicini, die eine große Musikfreundin war und wo durch Mozart's Spiel die Haydn'schen Menuetten zu verdienten Ehren kamen. Im Uebrigen schrieb Mozart während dieser italienischen Reise wenig; nur einige kleinere Stücke sind bekannt geworden, Mehreres scheint verloren zu sein und sonst ist nur noch ein wahrscheinlich in Bologna, noch ganz unter dem Eindrucke des Allegri'schen Meisterwerkes empfangenes und ausgeführtes "Miserere" bemerkenswerth. Mitte October 1770 befanden sich Vater und Sohn wieder in Mailand, und die Arbeiten zur Oper "Mithridates" nahmen letzteren so sehr in Anspruch, daß ihm von dem "vielen Recitativschreiben die Finger wehe thaten". Die fertige Oper des 15jährigen Mozart kam am 26. December 1770 zur Aufführung, Mozart dirigirte die ersten drei Aufführungen persönlich am Clavier. Der Erfolg war ein vollständiger, 20 Wiederholungen fanden statt. Nun ging die Reise über Venedig, wo sie den größeren Theil des Monats Februar 1771 verlebten, nach der Heimat, in welcher sie Ende März 1771 eintrafen.
Doch nicht lange war es ihnen gegönnt, am heimatlichen Herde von den Mühen der italienischen Triumphreise auszuruhen. Auf den October 1771 war die Vermälung des Erzherzogs Ferdinand mit der Prinzessin von Modena, Beatrix von Este, festgesetzt, und für die großen Festlichkeiten, welche aus diesem Anlasse stattfanden, hatte Wolfgang von Kaiserin Maria Theresia den Auftrag erhalten, eine Serenade zu componiren. Den Brief des Grafen Firmian mit diesem ehrenvollen Auftrage hatte er bei seiner Ankunft in Salzburg bereits vorgefunden. Also schon im August traten Vater und Sohn wieder die Reise nach Italien an. Im October wurde die dramatische Serenade: "Ascanio in Alba" aufgeführt, fand großen Beifall und wurde oft wiederholt. Hasse that, als er der Aufführung beiwohnte, den Ausspruch: "dieser Knabe wird uns alle vergessen machen (questo ragazzo ci fara dimenticare tutti)," und in der That wurde auch Hasse's für diese Festlichkeit componirte Oper von Mozart's Ascanio in den Schatten gestellt. Mozart erhielt für dieses Werk unter Anderem von der Kaiserin eine kostbare Uhr, die noch jetzt als Reliquie von Hand zu Hand geht und sich gegenwärtig im Besitze eines Kunsthändlers in Pest befindet [siehe weiter unten in der Abtheilung: VIII. b) Reliquien].
Im December waren Vater und Sohn schon wieder in Salzburg, wo nach dem bald darauf erfolgten Tode des Erzbischofes Sigismund (eines Grafen Schrattenbach) nicht unwesentliche Veränderungen eintraten. Eine neue Wahl fand statt und ein Hieronymus Graf Colloredo ging am 14. März 1772 aus derselben hervor; es ist derselbe Hieronymus, an dessen Namen sich im Hinblick auf unseren Mozart die traurigsten Erinnerungen knüpfen, der durch seine Rohheit und Gemeinheit so vieles Leid in dieses sonst so schöne Familienleben brachte. Zu den Festlichkeiten, welche anläßlich des Einzuges und der Huldigung des neuen Erzbischofes stattfanden, schrieb Mozart wieder eine dramatische Serenade: "Il sogno di Scipione", nach einem Textbuche Metastasio's, das von diesem schon im Jahre 1735 zu ganz anderem Zwecke gedichtet worden war. Auch entstanden in diesem Jahre noch mehrere Kirchenstücke und gleichsam als ernste Kunststudien in der Harmonie eine ganze Folge von Symphonien (deren 7), die sonderbarer Weise bisher sämmtlich ungedruckt sind.
Da Mozart auch während seines zweiten Aufenthaltes in Italien in Mailand den Auftrag erhalten hatte, für die Stagione 1772/73 eine neue Oper zu schreiben, so begab er sich im Spätherbste 1772 neuerdings nach Mailand, um daselbst die Vorbereitungen für sein Dramma per Musica Lucio Silla zu treffen, das in den letzten Tagen des December in Scene ging und denselben siegreichen Erfolg hatte, wie die früheren Arbeiten Mozart's. Lucio Silla, der über zwanzig Wiederholungen erlebte, war übrigens das letzte Werk, das Mozart für Italien schrieb. Dieser Aufenthalt Mozart's und seines Vaters in Mailand, in welchem Mozart's Gemüthsstimmung, nach den vorhandenen Briefen zu urtheilen, durch eine heitere Stimmung, ja durch einen fast an Muthwillen grenzenden Frohsinn charakterisirt ist, dehnte sich bis in den Carneval 1773 aus, dessen Freuden sie zum Theile noch mitmachten, worauf sie wieder nach Salzburg zurückkehrten, wo aber das Walten des neuen Herrn einem von seinem Künstlerbewußtsein gehobenen Charakter, wie es jener Mozart's und auch der seines Vaters war, wenig zusagte. Unter mancherlei Bemühungen um eine neue Stelle an einem anderen Orte und unter künstlerischem Schaffen, – meistens Quartette, Symphonien und Verwandtes, – gingen einige Monate dahin; ein im Sommer 1773 ausgeführter Ausflug nach Wien, wahrscheinlich unternommen, um vielleicht eine passendere Stellung zu erlangen, brachte einigen Wechsel in das Einerlei des Salzburger Lebens. Ende September kehrten nun Vater und Sohn in ihre unerquickliche Stellung nach Salzburg zurück. Daselbst blieben sie die übrige Zeit des Jahres und das ganze Jahr 1774, in welchem Mozart sich fleißig mit Componiren und besonders mit der Oper "La finta giardiniera" beschäftigte, welche er im Auftrage des Churfürsten Maximilian III. für München schrieb. Mit dem vollendeten Werke begab er sich noch im December 1774 nach München, leitete die Proben und die am 13. Jänner 1775 stattgehabte erste Aufführung. Der Erfolg war ein über alle Maßen glänzender. Mozart, der in diesem Werke sich von den Oberflächlichkeiten, die bei einer Opera buffa bisher gang und gebe waren, fern gehalten und überhaupt die ganze Ausführung ernst genommen hatte, wurde von Hof und Publikum mit Ehrenbezeugungen überschüttet. Man wollte noch nie eine schönere Oper gehört haben. Nachdem die Oper noch oft wiederholt wurde, kehrten Vater und Sohn in der Charwoche 1775 nach Salzburg zurück und blieben nun daselbst ununterbrochen, bis die rohe Behandlung des Kirchenfürsten ein längeres Verbleiben des letzteren unmöglich machte. Die Einförmigkeit des Salzburger Sclavendienstes, denn zu einem solchen gestaltete sich das Dienen unter einem Manne, wie Erzbischof Hieronymus, wurde nur durch das Schaffen, Einstudiren und Ausführen einiger größerer Kirchenstücke und der dramatischen Cantate: "Il rè pastore" unterbrochen. Diese letztere wurde zu den Hoffesten gegeben, welche anläßlich der Anwesenheit des Erzherzoges Maximilian, jüngsten Sohnes der Kaiserin Maria Theresia, nachmaligen Erzbischofes von Cöln, stattfanden. Die Aufführung war am 23. April 1775 erfolgt. Wie schwer das, ebenso des Sprößlings einer berühmten Adelsfamilie, wie des regierenden geistlichen Fürsten unwürdige Benehmen des Erzbischofes auf der Familie Mozart lastete, darüber gibt das Schreiben des Vaters Mozart Aufschluß, welches er an den Pater Martini im December 1777 richtete, nachdem er seinem Sohne bereits gestattet hatte, die Dienste des Erzbischofes zu verlassen. "Es sind bereits fünf Jahre", schreibt Leopold Mozart, "daß mein Sohn unserem Fürsten für ein Spottgeld in der Hoffnung dient, daß nach und nach seine Bemühungen und wenige Geschicklichkeit, vereint mit dem größten Fleiße und ununterbrochenen Studien, würden beherzigt werden; allein wir fanden uns betrogen. Ich unterlasse, eine Beschreibung der Denk- und Handlungsweise unseres Fürsten zu machen ..." u.s.w. Wie muß es, fragt man sich hier, mit diesem Dienste traurig bestellt gewesen sein, wenn ein so bedächtiger, ernster, im Uebrigen höfischer und an Unterwürfigkeit ohnehin gewohnter Mann, wie es Mozart's Vater war, zu dergleichen brieflichen Klagen die Zuflucht nimmt. Drastischer conterfeit Mozart in seinem ersten Briefe, nachdem er den Dienst verlassen (Wasserburg, 23. September 1777), seinen verhaßten Peiniger, indem eine Stelle lautet: "... Papa möge brav lachen und lustig sein, wie wir gedenken, daß der Mufti H.C. (Hieronymus Colloredo) ein Ochs, Gott aber mitleidig, barmherzig und liebreich sei".
Der Vater hatte es nicht gewagt, seinen damals 21jährigen Sohn allein in die Welt ziehen zu lassen und ihm, da er seine Stellung am erzbischöflichen Hofe als vermögensloser Mann aufzugeben nicht im Stande war, die Mutter auf die Reise mitgegeben, auf welcher sich Wolfgang einen würdigeren Posten suchen sollte. Bayern war es zunächst, wohin sich Mutter und Sohn wandten. Sie gingen über München, wo sie wenige Wochen verweilten, über Augsburg, wo sie eine Base besuchten, den Clavierbauer Stein, dessen Tochter Nannette (nachmalige Streicher) kennen lernten, und Mozart mit seinem Spiele bei den Patriziern der Stadt großen Beifall erntete, nach Mannheim, wo sie in den letzten Tagen des Octobers 1777 ankamen. Des Churfürsten Carl Theodor Bestrebungen für die Kunst erweckten anfänglich Hoffnungen auf einen entsprechenden Posten. Der Aufenthalt in Mannheim dehnte sich über vier Monate hinaus. Der Empfang bei dem Churfürsten und überhaupt die Aufnahme bei Hofe ließen nichts zu wünschen übrig, aber dieß war auch Alles. An eine Anstellung Wolfgang's war nicht zu denken. Man interessirte sich lebhaft für ihn, fand sein Spiel unvergleichlich, aber weder eine Stelle im Orchester, wie Mozart sie wünschte, noch den Unterricht der natürlichen Kinder des Churfürsten oder den Auftrag, eine Oper zu schreiben, erhielt er.
Aus der Zeit dieses Mannheimer Aufenthaltes liegt eine stattliche Reihe von Briefen Wolfgang's vor – es sind deren nicht weniger als dreißig – und nicht kurze Billete, sondern ausführliche Schreiben, die sich über Menschen, die dortigen Verhältnisse, Kunstzustände ganz aussprechen. Aus diesen Briefen erhellet auch, wie er in Mannheim nichts fand, was er brauchte, wohl aber Etwas, was ihm bei seinem nächsten Zwecke, eine feste Stellung zu erlangen, völlig überflüssig war – nämlich Liebe. Die Briefe hatten auch den Vater immer bedenklicher und ernster gestimmt. Die materiellen Verhältnisse, die sich durch die vielen Kunstreisen sehr verschlechtert hatten, sollten, so hoffte der Vater, durch den Sohn verbessert werden; von ihm erwartete er, daß er ein praktischer Mann werden, sich eine feste einträgliche Lebensstellung begründen und so den Eltern zurückerstatten werde, was diese für ihn und seine kostspielige Erziehung verausgabt. Alle Hoffnungen des Vaters, die er mit seinem Sohne trug, sollten sich aber mit einem Mal in einem Plane auflösen, der nichts weniger als praktisch aussah und zu dessen Ausführung Wolfgang die Mitwirkung seines Vaters sich erbat. Außer dem Verkehre im Hause des Musikdirectors Cannabich, dessen dreijährige Tochter Rosa Mozart mit vielem Eifer unterrichtete, war er auch ein oft und gerngesehener Gast in der Familie Weber, wo sich unter mehreren schönen und musikliebenden Töchtern auch eine Namens Aloisia befand. Zwei Briefe aus Mannheim, jene vom 2. und 7. Februar 1778, enthüllen uns den Plan, mit dem sich Mozart trug und den schon seine mit ihm in Mannheim sich befindende Mutter nichts weniger als billigte, wie uns darüber die Nachschrift derselben zum ersten Briefe belehrt. Wolfgang's Plan aber war, mit der Weber'schen Familie zusammen zu reisen; er und Weber wollten Concerte geben und die Tochter Aloisia, die übrigens ungewöhnliche musikalische Begabung befaß, sollte sich als Sängerin hören lassen. Mozart's Vater, ein scharfblickender Mann, hatte aus diesem Vorschlage, wie aus den Briefen zwischen den Zeilen bald das Eigentliche herausgelesen, und war über diese Idee seines Sohnes nichts weniger als erbaut. Und in dem Antwortschreiben in welchem der Vater von den berechtigten Hoffnungen spricht, die er auf seinen Sohn gesetzt, stellt er ihm vor, "ob er von einem Weibsbild etwa eingeschläfert, mit einer Stube voll nothleidender Kinder auf einem Strohsacke – oder nach einem christlich hingebrachten Leben mit Vergnügen, Ehre und Reichthum, mit Allem für seine Familie wohl versehen, bei aller Welt in Ansehen sterben wolle?" Welche Wirkung dieser Brief des Vaters auf den Sohn gemacht, dieß ergibt sich aus dem weiteren Verlaufe von Mozart's Leben. Gewiß ist es, daß in Mannheim im Hause des Souffleurs Weber mit der Erweckung des Herzens auch jener herrliche Schatz sich zu erschließen beginnt, den die Nachwelt in seinen unsterblichen Tonwerken bewundert. Gewiß aber ist es auch, daß in Mannheim sein Fuß zuerst in die Hütte der Armuth trat, deren centnerschwerer Staub wahrend seines 25jährigen Ringens mit der Nothdurft des täglichen Erwerbes sich nicht mehr von seinen Sohlen lösen wollte. Die Sopran-Arie mit Recitativ: "Alcandro lo confesso", mit dem Datum 24. Februar 1778, für Aloisia Weber geschrieben, ist das in Töne gesetzte Liebesgeständniß Mozart's und ihm so heilig, daß er den Vater bittet, "er möge diese Arie, die er ihm geschickt, Niemanden zu singen geben, denn sie sei ganz für die Weber geschrieben und passe ihr wie ein Kleid auf den Leib".
Am 13. März 1778 verließen Mutter und Sohn Mannheim, wo sie feit dem 28. October 1777 sich aufgehalten hatten, und reisten nach Paris, das sie nach zehnthalbtägiger Reise am 23. März 1778 erreichten. Die Trennung von Aloisia war Mozart schwer und nur durch das Gelöbniß, treu aneinander zu halten, einigermaßen erleichtert worden. Aloisia, damals 15 Jahre alt, hatte es mit diesem Gelöbnisse nicht lehr genau genommen, der ferne Wolfgang war bald vergessen und ein muthiger Schauspieler an seine Stelle getreten, der sie dann geheirathet und zur Madame Lange, während sie selbst sich zu einer gefeierten Sängerin gemacht. Die Romantik hat diese erste Liebe Mozart's in ihrer Weise ausgebeutet, und dieselbe wie die Nadeln eines Dornenstrauches durch die verschiedenen Phasen seines Lebens geschlungen, aber die blutenden Wunden fanden Balsam, den eine befreundete Hand daraufgoß, es war Aloisia's Schwester, Constanze, die später, wie weiter unten folgt, in die innigsten Beziehungen zu Mozart treten sollte.
Der Pariser Aufenthalt war ganz darnach angethan, das liebekranke Herz bald ruhiger schlagen zu machen. Die Kunst trat wieder in den Vordergrund, die Compositionen für das Concert spirituel,
