Das Procane-Projekt - Ross Thomas - E-Book
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Das Procane-Projekt E-Book

Ross Thomas

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Beschreibung

Abner Procane, der beste Dieb der Welt, stellt fest, dass die minutiös genauen Aufzeichnungen aller Diebstähle, die er in 25 Jahren begangen hat, gestohlen worden sind. Einzig Philip St. Ives, professioneller Vermittler und Überbringer von Lösegeldern mit ausgezeichneten Kontakten zur Unterwelt, könnte sie ihm wiederbeschaffen. Dafür ist Procane bereit, hunderttausend Dollar lockerzumachen. Doch spätestens, als die Übergabe scheitert und St. Ives statt der Papiere einen Toten findet, weiß der Meisterdieb, dass der Erfolg seines letzten, millionenschweren Coups ernsthaft auf dem Spiel steht …

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Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, verarbeitete seine vielfältigen beruflichen Erfahrungen in seinen Politthrillern, in denen er vor allem die Hintergründe des (amerikanischen) Politikbetriebs entlarvt und bloßstellt. Ihm wurde zweimal der Edgar Allan Poe Award und mehrmals der Deutsche Krimipreis verliehen. Bis zu seinem Tod 1995 entstanden 25 Romane.

Ross Thomas

Das Procane-Projekt

Ein Philip-St. Ives-Fall

Aus dem amerikanischen Englisch von Katja Karau und Gisbert Haefs

Die Ross-Thomas-Edition im Alexander Verlag Berlin

Herausgegeben von Alexander Wewerka

Der Messingdeal. Ein Philip-St. Ives-Fall

Protokoll für eine Entführung. Ein Philip-St. Ives-Fall

Keine weiteren Fragen. Ein Philip-St. Ives-Fall

Umweg zur Hölle. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall

Am Rand der Welt. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall

Voodoo, Ltd. Ein Artie-Wu-und-Quincy-Durant-Fall

Kälter als der Kalte Krieg. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Gelbe Schatten. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Die Backup-Männer. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Dämmerung in Mac’s Place. Ein McCorkle-und-Padillo-Fall

Gottes vergessene Stadt · Teufels Küche · Die im Dunkeln · Fette Ernte · Der Yellow-Dog-Kontrakt · Der achte Zwerg · Dornbusch · Porkchoppers · Der Mordida-Mann · Der Fall in Singapur · Dann sei wenigstens vorsichtig. Alle auch als eBook!

Erste vollständige deutsche Ausgabe in neuer Übersetzung.

Redaktion: Marilena Savino

Die gekürzte deutsche Erstausgabe erschien 1972 unter dem Titel Das Mordpatent Procane im Ullstein Verlag, Frankfurt a. M./Berlin.

Die amerikanische Originalausgabe The Procane Chronicle erschien 1971 unter Ross Thomas’ Pseudonym Oliver Bleeck.

© 1971 by Ross Thomas

Licensed with Ross E. Thomas, Inc.

© für diese Ausgabe by Alexander Verlag Berlin 2022

Alexander Wewerka, Fredericiastr. 8, D-14050 Berlin

[email protected] · www.alexander-verlag.com

Umschlaggestaltung: Antje Wewerka

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-89581-595-9 (eBook)

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 1

Es war in der Nähe der 21st Street, drüben in der Ninth Avenue, einem jener verfallenen Chelsea-Straßenblocks, die aussehen, als wären sie in feuchten Ruß getaucht worden, und abgesehen von ein paar trostlosen Bars mit eigensinnigen Schließzeiten war der Waschsalon der einzige Ort, der geöffnet hatte.

Vor ein paar Jahren, als der Salon noch eine Tierhandlung gewesen war, hatte sein verschmiertes Schaufenster vielleicht noch einen Zweck gehabt – zum Beispiel, den Welpen den Blick auf die Straße zu ermöglichen. Jetzt schwappte sein schmutzig gelbes Licht nur noch auf den Müll und den Dreck, die sich im Lauf der Woche auf dem Gehweg angesammelt hatten.

Um fünf Minuten vor drei kam ich in dem grauen Ford Galaxie, den ich bei Avis gemietet hatte, an dem Waschsalon vorbei. Ich fuhr etwa zehn Kilometer pro Stunde und somit langsam genug, um zwölf Waschmaschinen, sechs große Trockner, und keine Kunden zu zählen.

Obwohl es kalt und fast drei Uhr an einem Sonntagmorgen war, schien das kleine blaue Neonschild im Fenster des Waschsalons sich nicht in dem Versuch entmutigen zu lassen, durch das beständige Aufblinken seiner knappen Botschaft potenzielle Kunden anzulocken: »Neverclose«.

Ich fuhr um den Block und parkte in zweiter Reihe vor dem Geschäft. Über einen Strafzettel machte ich mir keine Gedanken. Zu dieser Stunde und in dieser Gegend hätte ich mich sogar darüber gefreut, vor allem über den Polizisten, der ihn ausgestellt hätte.

Ich stieg aus, blickte mich um und versuchte, einen strategisch günstigen Punkt auszumachen, von dem aus der Dieb mich beobachten konnte. Es gab keinen. Er hätte überall sein können. Eine schäbige Wohnung im ersten Stock auf der gegenüberliegenden Straßenseite wäre gut dafür gewesen. Oder ein geparktes Auto. Mit einem Fernglas hätte er auch ein Stück weiter die Straße runter auf einem Hausdach sein können.

Ich vergewisserte mich, dass ich ein Zehncentstück für einen Trockner hatte, ging zum Kofferraum, öffnete ihn, nahm die blaue Pan-Am-Umhängetasche heraus, warf sie mir über die linke Schulter und schlug die Kofferraumklappe zu. Dann schaute ich mich noch einmal vorsichtig um, in aller Ruhe, aber es war immer noch niemand zu sehen. Ich hielt mein linkes Handgelenk hoch und sah demonstrativ auf die Uhr. Es war genau drei. Niemand konnte behaupten, dass ich unpünktlich war.

Ich ging zu dem Schaufenster hinüber und blickte in den Waschsalon. Die Trockner standen links, die Waschmaschinen rechts. In der Nähe des Fensters gab es zwei Holzbänke ohne Lehnen für die Kunden, die warten wollten; jetzt aber waren sie leer, wenn man von einem weggeworfenen Waschmittelkarton, einer leeren Lysol-Packung und einer gestopften grauen Socke absah.

Als ich die Glastür aufstieß, läutete eine Ladenglocke, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der Zeit der Tierhandlung, als der Besitzer noch vor Ort war. Jetzt kündigte sie mich niemandem an. Als die Glocke verstummte, hörte man nur noch das leise Summen der drei Neonröhren.

Es hätte noch ein anderes Geräusch geben müssen und es hätte von einem der Trockner kommen sollen, in dem etwas herumgeschleudert worden wäre, das der Dieb in eine Decke zu wickeln versprochen hatte. Ich spähte durch die runde Glastür des ersten Trockners, aber die graue, perforierte Trommel war leer und reglos. Dasselbe galt für die Trommel des zweiten Trockners ebenso wie für alle übrigen.

Die Reihe der sechs Trockner ragte knapp einen Meter in den Raum und endete etwa einen halben Meter vor der Rückwand, so dass eine geschützte Stelle entstand, ungefähr halb so groß wie ein Flurschrank. Viel Platz war es nicht, aber genug, um dort etwas zu verstecken, insbesondere, wenn es kompakt zusammengelegt war, und genau das hatte jemand mit großer Mühe getan.

Seine Beine waren zusammengefaltet und gefesselt worden, so dass sein Kinn auf den Knien ruhte. Gewöhnliches braunes Isolierkabel, wie man es verwendet, um einen Toaster anzuschließen, war fest um seinen dünnen Hals gewickelt. Das Kabel war unter seinen knochigen Knien hindurchgeführt worden, so dass sie an seine Brust gepresst werden konnten und eine Ablage für das Kinn boten. Das andere Ende des braunen Kabels war ebenfalls um seinen Hals geknotet. Die Hände befanden sich auf dem Rücken, weshalb ich annahm, dass auch sie gefesselt waren.

Um ihn besser betrachten zu können, ließ ich mich auf ein Knie nieder. Jemand hatte ihm hart zugesetzt, und er war übel zugerichtet. Dunkelblaue Flecken bedeckten Stirn und Wangen. Die Nase war an mindestens einer Stelle gebrochen. Die Lippen waren aufgeplatzt und geschwollen. Er hatte den Mund weit offen und die oberen Zähne fehlten, obwohl das auch das Werk eines Zahnarztes hätte sein können. Seine Augen waren ebenfalls geöffnet, doch ihnen hatte man nichts angetan. Sie schienen immer noch vor Tränen zu glänzen und waren immer noch so unschuldig und blau wie die eines zehn Tage alten Katzenbabys.

Als sie noch lebten, waren es die blauen Augen von Bright Bobby Boykins gewesen, einem adretten kleinen Herrn in den Sechzigern, der ihre tränenreiche Unschuld mehr als dreißig Jahre lang benutzt hatte, um die unerschöpfliche Menge leichtgläubiger, aber habgieriger New-York-Touristen mittels variantenreicher betrügerischer Tricks auszunehmen.

Ich versuchte, mich an Bobby Boykins’ Stimme zu erinnern, und fragte mich, ob es die mechanisch verzerrte gewesen sein konnte, die mir tags zuvor um elf Uhr morgens die Anweisungen telefonisch übermittelt hatte. Wenn man der Logik folgte, hätte diese verzerrte Stimme einem Dieb, einem erfahrenen Safe-Knacker gehören müssen. Und logischerweise wäre damit Bobby Boykins ausgeschieden, weil der nicht wusste, wie man einen Safe knackte. Außerdem war er zu ängstlich, um es zu versuchen, und zu alt, um es noch lernen zu können.

Ich hatte mich schon halb aus meiner knienden Position erhoben und grübelte noch immer über die Logik des Ganzen nach, als die Ladenglocke ertönte. Ich wollte mich umdrehen, hielt aber inne, als eine Stimme rief: »Polizei! Keine Bewegung!«

Ich rührte mich nicht, schaute weder nach links noch nach rechts, hielt still, versuchte sogar, nicht einmal zu atmen. Die Stimme klang jung, und wenn sie jung war, dann war der Sprecher vielleicht unerfahren, und mit einem jungen, unerfahrenen Polizisten wollte ich mich nicht anlegen.

Seine Schuhe quietschten ein wenig, als er auf mich zukam. »Okay«, sagte er, »umdrehen, Hände an die Wand und Beine auseinander.«

Ich drehte mich langsam zur Wand um und tat, wie mir geheißen. Er kam noch immer auf mich zu, als er sagte: »Gehört der graue Ford da draußen –« Er brachte die Frage nicht zu Ende. Ich dachte, ich hätte ihn einmal schlucken hören, bevor er flüsterte: »Ach, du lieber Gott!«, was wohl auf die Wirkung von Bright Bobby Boykins’ Leiche zurückzuführen war. Oder vielleicht sagte er das über alle Leichen.

Einen Augenblick später fragte die junge Stimme: »Ist er tot?«

»Er ist tot.«

»Haben Sie ihn getötet?«

»Nein.«

»Okay, halten Sie jetzt einfach still.« Schnell tastete er mich ab, ließ dabei allerdings mein Kreuz und die Innenseite meiner Knöchel aus. Hier wie dort hätte ich eine kleine Pistole oder ein großes Messer versteckt haben können, aber ich dachte, ich sollte es nicht erwähnen. Er würde es noch lernen.

»Jetzt aufrichten und Hände auf den Rücken«, sagte die junge Stimme. Ich legte die Hände auf den Rücken, und er ließ die Handschellen zuschnappen. Es war das allererste Mal, dass ich Handschellen trug, zumindest echte, und das Gefühl gefiel mir gar nicht. Sie taten nicht weh, aber die Demütigung des Ganzen schon.

»Umdrehen«, sagte die Stimme; also drehte ich mich um und sah mich einem wohl neunzig Kilo schweren, kräftigen jungen Iren gegenüber, der den weißen Sturzhelm und die schwarzen Lederstiefel der New Yorker Motorradpolizei trug.

»Wie heißen Sie?«, fragte der junge Cop und zog Notizbuch und Bleistift heraus. Ich nannte ihm meinen Namen, und er schrieb ihn auf, nachdem er mich gefragt hatte, wie man ihn buchstabierte.

»Wo wohnen Sie?«

»Im Adelphi in der East 46th.«

»Was machen Sie dann hier?«

»Ich suche etwas.«

»In einem Waschsalon? Um drei Uhr morgens?« Die Skepsis in seiner Stimme passte sehr gut zu seinem ungläubigen Gesichtsausdruck.

»Genau.«

»Was machen Sie? Ich meine, womit verdienen Sie Ihr Geld?«

Darüber musste ich nachdenken. »Ich bin in der Vermittlerbranche.« Er hatte ein wenig Mühe, »Vermittler« richtig zu schreiben.

»Was vermitteln Sie?«

»Bei Streitigkeiten.«

»Wie? Arbeitsstreitigkeiten?«

»Nein, meistens sind es private.«

Er hatte dunkelbraune Augen, die argwöhnisch aufleuchteten, als sie die Pan-Am-Tasche erblickten. »Was haben Sie da in der Tasche? Wäsche?«

Ich seufzte. »Nein.«

»Lassen Sie mich mal hineinsehen.«

Die Tasche hing noch mit dem Gurt über meiner linken Schulter, aber so, wie er mir die Handschellen angelegt hatte, konnte er sie mir nicht abnehmen. Er fummelte einen Moment daran herum und sagte dann, ich solle mich umdrehen. Er öffnete die linke Handschelle, nahm mir die Tasche ab und ließ die Handschelle wieder zuschnappen. Ich drehte mich um und sah, wie er die Tasche zu einer der Waschmaschinen hinübertrug. Er zog den Reißverschluss auf und blickte hinein. Sein Gesicht verriet mir, dass er noch nie zuvor neunzigtausend Dollar gesehen hatte. Jedenfalls nicht in bar. Nur wenige Leute haben das.

Erst wurde er rot, und dann sagte er: »Verdammt.« Aber er sagte es voller Ehrfurcht. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber die Ladenklingel schepperte, als die Tür aufgerissen wurde und zwei Männer hereinstürmten, in leicht geduckter Haltung, die Mäntel offen und flatternd und ihre kurzläufigen Revolver direkt auf mich gerichtet.

Der eine von ihnen war blond und der andere glatzköpfig, und beide waren nicht viel älter als dreißig. Der Blonde sagte: »Was ist hier los?« Er blickte mich an, sprach aber mit dem jungen uniformierten Polizisten, der sich beim Geräusch der Klingel umgedreht und seine noch im Halfter steckende Waffe umklammert hatte. Als er die beiden Männer sah, lockerte er den Griff.

»Ich wollte das gerade beschlagnahmen«, sagte der junge Polizist, der die beiden Männer offenbar erkannte.

»Sie wollten was beschlagnahmen?«, sagte der Blonde, seine Waffe immer noch auf mich gerichtet.

Der junge Beamte deutete in meine Richtung. »Dieser Typ da hat sich hier herumgetrieben, als ich vorbeikam, darum hab ich angehalten, bin reingegangen und hab ihn dabei erwischt, wie er sich über einen Toten beugte, und dann hab ich in seine Tasche hier reingeguckt, und da ist ein Haufen Geld drin.«

Der Blonde hielt seinen Mantel auf und steckte den Revolver zurück in das Halfter, das er an der linken Seite seines Gürtels trug. Der Glatzköpfige steckte seinen ebenfalls weg.

»Sie sagen, hier gibt es einen Toten?«, sagte der Blonde.

»Ja, Sir.«

»Sie wissen, was Sie mit einem Toten machen müssen?«

»Ja, Sir.«

»Dann tun Sie’s.«

Der junge Polizist nickte und eilte zur Tür. Der Blonde wartete, bis das Scheppern der Ladenglocke verstummt war, dann sagte er zu mir: »Zu Ihnen kommen wir gleich. Mein Name ist Deal, Detective Deal. Das ist Detective Oller. Wir sind von der Mordkommission Süd. Sagt Ihnen das was?«

Ich nickte. »Das sagt mir was.«

»Wirf mal einen Blick in die Tasche, Ollie«, sagte Deal und ging dann an mir vorüber zu der Ecke, in der Bobby Boykins’ Leiche versteckt war. Ich wich zurück und beobachtete, wie er die Leiche mehrere Sekunden lang anstarrte. Er hockte sich hin, um sie besser sehen zu können, und berührte dann mit der rechten Hand Boykins’ Stirn, als wolle er feststellen, ob der Tote Fieber hatte. Immer noch auf die Leiche starrend, rief Deal: »Was ist in der Tasche, Ollie?«

»Genau das, was der Junge gesagt hat. Geld. Jede Menge Geld.«

Deal stand auf und drehte sich um. »Wie viel?«

»Ich hab’s nicht gezählt, aber es dürften mehr als fünfzigtausend sein«, sagte Oller. »Viel mehr.«

»Zähl’s«, sagte Deal und richtete seinen Blick wieder auf mich.

»Es sind neunzigtausend in der Tasche«, sagte ich.

Deals Blick kam aus einem Paar grauer Augen, die die Farbe und Wärme von altem Schneematsch hatten. Er war etwas größer als ich, knapp eins fünfundachtzig, schlank und eitel genug, um seinen strohfarbenen Haarschopf mit einem speziellen Mittel in Form zu bringen. Wahrscheinlich Haarspray. In seinem Gesicht begannen sich erste Falten abzuzeichnen, und keine davon wies nach oben. Sichtbare Narben hatte er nicht, aber mit diesem Schlitz von einem Mund würde er auch keine brauchen.

Er starrte mich weiter an, bis Oller mit dem Zählen fertig war und verkündete: »Wie er gesagt hat: neunzigtausend.«

»Schau mal in die Ecke da, ob du den kennst«, sagte Deal.

Oller ließ die Umhängetasche auf der Waschmaschine liegen, ging hinter mir vorbei und sagte: »Sie haben ihn gut verschnürt, nicht wahr? Wie eine Weihnachtsgans.«

»Kennst du ihn?«, sagte Deal.

»Noch nie gesehen«, sagte Oller und kam herüber, um mich ebenfalls zu mustern. Oller war ungefähr zehn Kilogramm schwerer als Deal, und ein Großteil davon war Fett. Das Fett passte irgendwie zu seiner Glatze. Außerdem hatte er den hübschen Ansatz eines Doppelkinns, und das Wenige, was ihm noch an Haaren geblieben war, war grau meliert. Seine leuchtenden schwarzen Augen unter den dicken Brauen waren die ganze Zeit in Bewegung. Seine Nase wies nach oben, aber die Winkel seines breiten, feuchten Mundes hingen nach unten. Es war ein noch junges Gesicht, aber eins von der Art, das innerhalb einer Woche alt werden kann.

»Wer ist das?«, sagte Oller und nickte in meine Richtung.

»Weiß ich nicht«, sagte Deal. »Vielleicht nur so ’n Typ, den es irgendwie anmacht, morgens um drei in Waschsalons mit Leichen abzuhängen. Vielleicht helfen da die neunzigtausend Dollar.«

»Okay, Mister«, sagte Oller, »wie heißen Sie?«

»Philip St. Ives.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Adelphi in der East 46th Street.«

»Kennen Sie den Toten?«

»Ich habe ihn gekannt, aber nicht gut.«

»Wie heißt er?«

»Bobby Boykins.«

»Was hat er gemacht?«

»Ich glaube, er war im Ruhestand.«

»Was hat er gemacht, bevor er im Ruhestand war?«

»Ich glaube, er war ein Hochstapler.«

»Und was machen Sie?«

»Ich bin gewissermaßen auch im Ruhestand.«

»Sie meinen, Sie hatten gewissermaßen vor, sich mit den neunzigtausend Dollar zur Ruhe zu setzen?«, sagte Deal.

»Nein.«

»Gehören sie Ihnen?«

»Nein.«

»Wem gehören sie dann?«

»Einem Freund.«

»Wie heißt dieser Freund?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich denke, ich sollte nichts mehr sagen, bevor ich nicht mit einem Anwalt gesprochen habe.«

Deal nickte, beinah gleichgültig, fand ich. »Klär ihn über seine Rechte auf, Ollie.« Oller holte eine kleine Karte heraus und las gelangweilt vor, was sie mir aufgrund einer Verordnung des Obersten Gerichtshofs vorlesen mussten. Es klang irgendwie tröstlich.

»Sie sind festgenommen, Mr. St. Ives«, sagte Deal.

»Weswegen?«

»Verdacht auf Mord und schweren Diebstahl.«

»Okay.«

»Das scheint Sie nicht sonderlich zu beunruhigen«, sagte Oller.

»Es beunruhigt mich.«

»Mich würde das zu Tode beunruhigen«, sagte Oller.

»Ist es das erste Mal, dass man Sie verhaftet?«, sagte Deal.

»Ja.«

»Ich glaube nicht, dass es Ihnen gefallen wird.«

»Das glaube ich auch nicht«, sagte ich.

Kapitel 2

Die drei nahmen mich schließlich fest: Deal, Oller und der junge Polizist, der, wie sich herausstellte, Francis X. Frann hieß. Sie überließen ihm die Festnahme, vielleicht, weil sich ein Mordfall gut in seiner Akte machen würde.

Wir brauchten nicht weit zu fahren, nur zum zehnten Revier in der West 20th Street. Wir gingen an dem diensthabenden Beamten vorbei, einem Sergeant mittleren Alters, der mich ohne jede Neugier musterte, und dann führten mich Deal und Oller eine Treppe hinauf zur Kriminalpolizei, wo jemand anderes mir die Fingerabdrücke abnahm.

»Sie dürfen drei Telefongespräche führen«, sagte Deal und reichte mir ein Gefäß mit einem gelartigen Reinigungsmittel sowie ein paar Papierhandtücher, damit ich mir die Tinte von den Fingern abwischen konnte.

»Ich dachte, nur eins«, sagte ich.

»Drei«, sagte er, »sofern es Ortsgespräche sind.«

»Ich möchte in Connecticut anrufen«, sagte ich. »In Darien.«

»Das ist ein Ferngespräch«, sagte Deal.

»Ich bezahle es.«

»Wen möchten Sie anrufen?«, sagte Deal.

»Myron Greene. Mit einem e am Ende von Greene.«

Deal fragte mich nach der Nummer, schrieb sie auf, als ich sie ihm mitteilte, und sagte dann: »Wer ist dieser Greene? Ihr Anwalt?«

»Etwas mehr als das«, sagte ich.

»Was?«

»Er ist der Mann, dem ich diesen Schlamassel zu verdanken habe.«

Es hatte am späten Freitagvormittag begonnen, als der Kürbis eine Viertelstunde vor Myron Greene eingetroffen war. Ich hatte ihn oben bereits aufgeschnitten und war dabei, die Kerne und Fasern in den Zerkleinerer zu geben, als ich sein Klopfen hörte. Ich stellte den Zerkleinerer ab und trug den Kürbis zu dem sechseckigen Pokertisch hinüber, den ich mit der Times vom 29. Oktober abgedeckt hatte. Nachdem ich Myron Greene hereingelassen hatte, fragte ich ihn: »Was wissen Sie über Kürbislaternen?«

»Alles«, sagte er und ging zum Pokertisch hinüber, um den Kürbis einer fachmännischen Begutachtung zu unterziehen.

»Nun?«, sagte ich.

»Weiß Gott, der ist groß genug.«

»Der Portier hat ihn mir besorgt.«

»Eddie?«

»Ja, Eddie.«

Myron Greene benutzte den Stiel, um den Kürbisdeckel hochzuheben, und spähte hinein. »Sie haben ihn gut ausgeputzt. Wie viel hat er gekostet?«

»Zehn Dollar.«

Er schüttelte ein wenig traurig den Kopf, so, wie er es auch getan hätte, wenn ich ihm mitgeteilt hätte, dass ich künftig auf das Geschäft mit Schweinebäuchen setzen wollte. »Wann haben Sie das letzte Mal einen Kürbis gekauft?«

»Ist schon eine Weile her«, sagte ich.

»Der hier ist drei Dollar wert. Vielleicht drei fünfzig. In Darien hätte ich Ihnen auch einen für zwei besorgen können.«

»Einen so großen?«

»Fast so groß.«

»Na ja, Eddie musste ein Taxi nehmen.«

»Zur Kürbisfarm?«

»Hab ich nicht gefragt.«

Myron Greene schüttelte erneut den Kopf, während er seinen Mantel abstreifte, dessen braun-beiges Karomuster dem Gebiss eines Hundes nachempfunden war, wahrscheinlich dem des Hundes von Baskerville. Er blickte sich um, als ob er einen Platz suchte, wo er den Mantel aufhängen konnte, oder als ob er mich an meine Manieren erinnern wollte. Ich griff nach dem Mantel und sah, dass man ihn auch als Cape tragen konnte. Ich hatte Myron Greene immer für einen jener Menschen gehalten, denen es gelingt, der neuesten Mode stets hinterherzuhinken, und dieser Mantel, der braune Zweireiher und seine breite altgoldfarbene Krawatte änderten nichts an meiner Meinung.

Er zog einen Stuhl vom Tisch, vergewisserte sich, dass die Sitzfläche sauber war, und ließ sich mit dem Ausdruck eines Mannes darauf nieder, der über etwas reden will, das einige Zeit in Anspruch nehmen könnte. »Zeichnen Sie’s zuerst auf«, sagte er.

»Das Gesicht?«

»Am besten mit einem weichen Bleistift.«

Ich fand einen Edo King 503, den letzten von unzähligen Bleistiften, die ich einzeln oder paarweise von einer inzwischen längst untergegangenen, kaum betrauerten Zeitung, für die ich einst gearbeitet hatte, mit nach Hause genommen hatte, und begann, eine Fratze auf die feuerfarbene Schale des Kürbisses zu zeichnen.

»Er muss Schlitzaugen haben«, sagte Greene. »Sie wollen doch kein glückliches Kürbisgesicht.«

Ich zeichnete Schlitzaugen und drehte dann den Kürbis ganz herum, damit er ihn ausführlich betrachten konnte. Er nickte. »Unheimlich«, sagte er. »Sie mögen es, wenn sie so aussehen. Unheimlich.«

»Er ist erst sechs.«

»Mit sechs mögen sie sie erst recht unheimlich. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen? Samstag?«

Ich nickte. »Dies wird seine erste Kürbislaterne.«

»Wie gefällt ihm sein neuer Stiefvater?«

»Gut«, sagte ich. »Wenn er älter wird und begreift, wie reich sein Stiefvater ist, wird er ihm sogar noch besser gefallen.« Ich stand auf, ging zur Pullman-Küche hinüber, holte das Schälmesser und kam zurück an den Tisch. Das Messer drang mühelos in den Kürbis ein. Ich schnitt ein Dreieck für die Nase heraus und drehte den Kürbis erneut herum, damit Myron Greene ihn begutachten konnte. Er nickte, und ich drehte ihn wieder zu mir und begann, an den Augen zu arbeiten. Die waren schwieriger zu machen als die Nase.

»Wer ist das, über den Sie mit mir sprechen wollen, es aber am Telefon nicht konnten?«, sagte ich.

»Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht konnte; ich habe gesagt, dass ich nicht wollte.«

»Wie reich ist er?«

»Wie kommen Sie darauf, dass er reich ist?«

»Weil Sie gesagt haben, er sei ein Mandant von Ihnen, und Sie haben nur reiche Mandanten. Außer mir.«

»Sie sind nicht gerade am Verhungern, jetzt, wo sie wieder verheiratet ist und Sie keinen Unterhalt mehr zahlen müssen.«

»Ich arbeite seit einer ganzen Weile nicht mehr.«

»Seit neun Monaten«, sagte Myron Greene. »Sie haben seit neun Monaten nicht mehr gearbeitet.«

»Das ist eine ganze Weile.«

»Sie hatten einige Gelegenheiten«, sagte er.

»So würde ich das nicht bezeichnen.«

»Diese Erdölgesellschaft war ein äußerst angesehenes Unternehmen«, sagte Myron Greene, während er aufstand und um den Tisch herumging, um zu sehen, wie ich mit den Zähnen zurechtkam. Die waren noch schwieriger hinzubekommen als die Augen.

»Ich kenne nicht viele angesehene Erdölfirmen, die entführte südamerikanische Generäle freikaufen«, sagte ich.

Greene ging zu seinem Platz auf der anderen Seite des Tisches zurück. »Ich bin nach wie vor überzeugt, die Entführer hätten den General freigelassen, wenn man sie dafür bezahlt hätte.«

Ich sah zu ihm hoch und schüttelte den Kopf. »Und ich bin überzeugt, dass es von dem Mittelsmann, den die Ölgesellschaft letztlich engagiert hat, sehr schlau war, sich mit dem Geld aus dem Staub zu machen. Sonst hätten die Kidnapper ihn umgebracht, genauso wie den General.«

»Wie auch immer, dies hier ist etwas vollkommen anderes.«

»Hoffentlich.«

»Eine ganz einfache Transaktion.«

»Solange es nur nichts mit Diplomaten zu tun hat«, sagte ich. »Ich weiß nicht, warum, Myron, aber ein Anruf aus dem Außenministerium kann einen irgendwie davon überzeugen, dass die Republik untergehen wird, wenn man nicht den nächsten Flug nach Belgrad nimmt. Ich habe das ja einmal probiert, und Sie wissen, was passiert ist.«

Myron Greene rümpfte die Nase, als ob er sich an etwas erinnerte, das schlecht roch. »Es war eher bei Sarajevo«, sagte er, »und der ganze Plan taugte überhaupt nichts – worauf ich den Minister in meinem Brief auch hingewiesen habe, wenn Sie sich erinnern.«

»Ich erinnere mich besser an seine Antwort«, sagte ich. »Er hat geschrieben, er hätte noch nie von mir gehört.«

Inzwischen war ich seit fast sechs Jahren Myron Greenes Klient. Davor hatte ich eine Zeitungskolumne geschrieben, die sich vorwiegend mit dem Lebenswandel jener New Yorker befasste, die ihr Auskommen damit verdienten, dass sie das eine oder andere taten, was sie laut Gesetz nicht tun sollten. Der Großteil der Leute, über die ich geschrieben hatte, waren kleine Gauner, Hochstapler, Schwindler, Diebe verschiedenster Couleur sowie erfolglose Glücksritter.

Einer meiner regelmäßigen Leser war ein Gelegenheitsdieb, der einem von Myron Greenes Mandanten einmal Schmuck gestohlen und dann angeboten hatte, ihm alles zurückzuverkaufen, wenn ich als Mittelsmann fungieren würde. Greene hatte sich an mich gewandt, und ich hatte zugestimmt. Kurz nachdem ich den Schmuck zurückgekauft hatte, war die Zeitung pleite und ich fand mich unter den Arbeitslosen wieder, bis Greene erneut an mich herantrat, dieses Mal, um bei einer Entführung als Mittelsmann tätig zu werden.

Da es mehr als wahrscheinlich war, dass ich dabei erschossen oder im East River landen würde, wurden mir für meine Bemühungen zehntausend Dollar bezahlt, was zehn Prozent des Lösegelds entsprach und ein bisschen mehr war als das, was mein Leben nach Überzeugung aller tatsächlich wert war.

Danach wurde ich Myron Greenes Klient – oder besser gesagt, er nahm sich meiner an. Er bezahlte meine Rechnungen, kümmerte sich um meine Einkommensteuer, eskortierte mich widerwillig durch meine Scheidung und kassierte zehn Prozent von allem, was ich mit einem Beruf verdiente, der nicht furchtbar überlaufen war und eine Dienstleistung anbot, die versprach, solange gefragt zu sein, wie Diebe den Leuten Dinge oder – in manchen Fällen – auch Menschen stahlen.

Ich glaube, Myron Greene behielt mich als Klienten, nicht, weil er das Geld brauchte, sondern weil er der Meinung war, dass jeder, der sich mit Dieben abgab, weit jenseits des Anstands leben musste, in einem Land, das von großartigen freien Seelen bevölkert war, die ein aufregendes Leben führten, nie alt wurden und morgens spät aufstanden. Er schien das alles ziemlich verwegen zu finden, und da ich meine eigenen Illusionen hegte, sah ich keinen Grund, seine zu zerstören.

Durch Myron Greene bekam ich zwei-, drei- oder sogar viermal im Jahr einen Vermittlerauftrag. Damit konnte ich mir die Miete für meine »Luxus«-Einzimmerwohnung im achten Stock des Adelphi in der East 46th Street leisten, außerdem erlaubte es mir, wenn auch nicht häufig, einige der besseren Restaurants aufzusuchen, zu reisen, wann immer mir danach war, was immer seltener vorkam, und die Stellenanzeigen zu ignorieren, abgesehen von dem einen oder anderen flüchtigen Blick am Sonntag.

Jetzt also bot sich mir die Möglichkeit eines weiteren Auftrags, und nachdem ich mit dem Mund der Kürbislaterne fertig war, drehte ich sie herum, damit Greene sie begutachten konnte. »Erzählen Sie mir von Ihrem Mandanten«, sagte ich.

Greene neigte den Kopf zur Seite, als wolle er entscheiden, ob die Kürbislaterne ein Beispiel echter Volkskunst sei. »Er ist ein Mann von bescheidenen Mitteln und –«

»Was heißt bescheiden?«

Er blickte zur Decke und strich sich nachdenklich über seinen Zwölfeinhalb-Dollar-Haarschnitt. »Er hat einige ganz nette Beteiligungen, aber nichts Spektakuläres. Er besitzt ungefähr zwei Millionen, würde ich sagen, vielleicht auch drei.«

»Kommt also gerade so über die Runden.«

»Okay, verdammt, er ist nicht arm. Wenn es die Reichen nicht gäbe, müssten Sie sich einen anderen Job suchen.«

»Da irren Sie sich, Myron. Ich müsste mir was anderes suchen, wenn es keine Diebe gäbe.«

Myron Greene griff nach dem Schälmesser, zog den Kürbis zu sich heran und begann, am Mund herumzuschneiden. »Sagen wir, mein Mandant verfügt über halbwegs beträchtliche Mittel. Genügt Ihnen das?«

»Vollkommen.«

Er drehte den Kürbis um. Ich weiß nicht, was er mit dem Mund angestellt hatte, aber er wirkte jetzt viel unheimlicher.

»Wie gefällt Ihnen das?«, sagte er.

»Viel besser.«

Greene lehnte sich zurück, um sein Werk zu bewundern. »Mein neuer Mandant ist mir von seinem Makler empfohlen worden, einem alten Freund von mir, der mich gebeten hat, ihn anzunehmen – als persönlichen Gefallen. Das war vor etwas mehr als drei Wochen, und ich habe eigentlich nicht viel für den Mandanten getan – nur Routinearbeit. Gestern hat er mich am späten Abend angerufen und wollte wissen, ob Sie verfügbar wären. Ich habe ihm gesagt, ich würde es in Erfahrung bringen.«

»Möchten Sie einen Drink?«, sagte ich.

Myron Greene sah auf die Uhr. »Noch ein bisschen früh dafür, oder?«

»Wahrscheinlich.«

»Also …«

»Ich mache Ihnen einen schwachen.« Ich ging zur Spüle rüber und mixte den Drink für Greene und einen für mich, damit er nicht das Gefühl hatte, allein zu sündigen. »Was will er?«, sagte ich.

»Dazu komme ich gleich.«

»Bitte sehr«, sagte ich und reichte ihm seinen Drink.

Er kostete ihn argwöhnisch. »Also, während mein Mandant übers Wochenende verreist war, ist jemand in sein Haus eingebrochen und hat gewisse persönliche Dokumente gestohlen. Vor zwei Tagen hat ihn derjenige, der die Dokumente gestohlen hat, angerufen und angeboten, sie ihm für eine beträchtliche Summe zurückzuverkaufen.«

»Für wie viel?«

»Hunderttausend.«

»Welche Art von persönlichen Dokumenten?«

»Das möchte mein Mandant lieber für sich behalten.«

»Hören Sie mal, Myron, ich kann nichts machen, wenn ich nicht weiß, was ich kaufe.«

»Also, ich kann sagen, dass die Dokumente die Form eines Tagebuchs haben, das fünfundzwanzig Jahre zurückreicht.«

»Niemand führt so lange Tagebuch, es sei denn, er ist nie erwachsen geworden.«

Myron verzog das Gesicht. »Mein Mandant ist knapp über fünfzig.«

Ich beschloss, mir eine Zigarette anzuzünden, meine erste seit über einer Stunde. Indem ich einige bis dahin ungeahnte Reserven an Selbstdisziplin anzapfte, hatte ich es geschafft, mit anderthalb Schachteln pro Tag auszukommen. Ich redete mir ein, dass ich bis Weihnachten ganz aufhören würde. Oder vielleicht bis Neujahr.

»Die Dokumente müssen belastend sein«, sagte ich, »sonst würde sie niemand stehlen. Und er würde niemals so viel Geld ausgeben, nur um nachzuschlagen, ob er im Winter fünfzig oder einundfünfzig den Tarpun vor den Bermudas gefangen hat.«

Myron Greene runzelte die Stirn, und die sich daraus ergebenden Falten wirkten nachdenklich und rechtschaffen und ließen ihn weiser und ernster aussehen, als man es bei seinen sechsunddreißig Jahren erwarten konnte. Es war ein Blick, der bei einer Gruppe von Geschworenen gut angekommen wäre, aber Myron Greene war ein viel zu guter Anwalt, um jemals einen seiner Fälle von zwölf Fremden entscheiden zu lassen. Als er sprach, war sein Ton genauso ernst wie sein Blick.

»Ein Mensch«, sagte er, »kann für die Geheimhaltung seiner Vergangenheit eine hohe Prämie zahlen, ohne dass seine Vergangenheit notwendigerweise etwas Belastendes beinhalten muss.« Er hielt inne, um die Stirn noch etwas mehr zu runzeln. »Privatsphäre hat ihren Preis, erst recht bei einem vermögenden Menschen.«

Ich fand, darüber ließe sich diskutieren, aber ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Also gut, wer hat mich vorgeschlagen?«

»Der Dieb. Oder die Diebe.«

»Und Ihr Mandant ist damit einverstanden?«

»Darum hat er mich angerufen.«

»Was halten Sie davon?«

Myron Greene beschloss, die Decke von Neuem zu mustern. »Es scheint ziemlich unkompliziert zu sein«, sagte er. »Und Sie können die Zehntausend sicherlich gebrauchen. Übrigens gehen die von den Hunderttausend ab. Der Dieb hat das zur Bedingung gemacht, als er nach Ihnen gefragt hat.«

»Das ist ungewöhnlich«, sagte ich.

»Ja. Dachte ich auch.«

»In Ordnung«, sagte ich einen Augenblick später. »Ich werde den Auftrag annehmen. Wie heißt Ihr Mandant?«

»Abner Procane.«

Ich trank gerade einen Schluck, als Myron Greene den Namen nannte, und da blieb mir der Drink auf halber Strecke in der Kehle stecken und machte kehrt, um mir dann größtenteils aus der Nase zu spritzen. Nachdem ich mit dem Husten und Schnauben fertig war, sagte Myron Greene: »Was soll das alles bedeuten?«

»Es bedeutet«, sagte ich, »dass Ihr neuer Mandant der wahrscheinlich beste Dieb der Stadt ist.«

Kapitel 3

Detektiv Deal hatte die Ortsvorwahl gewählt, um die Nummer in Darien direkt zu erreichen, und das Telefon läutete neunmal, ehe sich Myron Greenes verschlafene und belegte Stimme mit einem brummigen »Hallo« meldete.

»Hier ist St. Ives«, sagte ich. »Ich bin im Gefängnis.«

»Du lieber Gott! Es ist fast vier.«

»Wenn Sie nicht aufwachen, sitze ich auch um fünf noch im Gefängnis.«

Nach einer Pause sagte Greene: »Also gut, ich bin wach«, und seine Stimme klang frisch und munter. Vielleicht hatte seine Frau ihm einen kalten Lappen gebracht. »Wo sind Sie?«

»Im zehnten Revier in der West 20th.«

»Was wirft man Ihnen vor?«

»Mord und schweren Diebstahl.«

»Du lieber Gott«, sagte Myron Greene noch einmal und fragte dann: »Was ist passiert?« Ich berichtete ihm, was ich konnte, und fasste mich so kurz wie möglich. Es folgte ein kurzes Schweigen, währenddessen er vermutlich in seiner juristischen Trickkiste kramte. »Was haben Sie denen gesagt?«, fragte er schließlich.

»Meinen Namen und meine Adresse.«

»In Ordnung«, sagte er. »Ich werde ein paar Leute anrufen müssen, und das wird eine Weile dauern. Ich werde versuchen, den Namen unseres Mandanten aus der Sache rauszuhalten, und das kann schwierig und zeitaufwendig sein. Darum bereiten Sie sich lieber darauf vor, noch etwas länger dort zu bleiben, wo Sie sind. Aber ich werde versuchen, Sie herauszuholen, bevor man Ihnen vormittags den Wagen vorbeischickt, um Sie wegzubringen.«

»Mir gefällt’s hier gar nicht«, sagte ich, »aber im Knast würde es mir noch weniger gefallen.«

»Ich melde mich wieder.«

»Tun Sie das«, sagte ich und legte auf.

»Möchten Sie noch jemanden anrufen?«, sagte Deal.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«